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Über socratesmagazin

Socrates, das denkende Sportmagazin, erschien erstmals im Oktober 2016 und ist monatlich in Deutschland sowie in weiteren acht europäischen Ländern erhältlich. Hier schreibt die Socrates-Redaktion.

Einträge von socratesmagazin

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Lewis Hamilton: „Ich bin eine Marke“

Er ist der besten Sportler der Welt und wieder auf Erfolgsspur. Doch das reicht Lewis Hamilton nicht. Im Cover-Interview mit SOCRATES erzählt der Engländer, warum er sich als Weltmarke sieht. Die 24. Ausgabe ist ab sofort im Handel.

 

Lewis Hamilton: Der Star der anderen Welt

Lewis Hamilton ist auf dem besten Wege Weltmeister in der Formel 1 zu werden. Der Vorsprung auf Sebastian Vettel beträgt bei verbleibenden sechs Rennen 40 Punkte. Doch der Brite sieht sich mehr als „nur“ ein Rennfahrer. Er sieht sich als Weltmarke. Darüber spricht er im Interview mit SOCRATES.

Außerdem schreibt F1-Expertin und Hamilton-Kennerin Karin Sturm, wie der Formel-1-Star in einer Welt, zu der er eigentlich nicht gehört, Anerkennung fand. Ein Leben im fortwährenden Kampf.

Was gibt es noch in der Ausgabe #24?

  • Die NBA startet: Die Invasion der Einhörner steht bevor
  • Lucien Favre: Wie der Schweizer den BVB zu einer besseren Zukunft führen will
  • Vllle Koistinen: Der DEL-Star über kuriose Tore und eine Liebeserklärung
  • Dies und vieles mehr in der neuen Ausgabe von Socrates

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Jason Kidd und Steve Nash: Gegen den Strom

Als Jason Kidd und Steve Nash in die NBA kamen, waren sie Sonderlinge, die teilweise sogar belächelt wurden. Zwei Jahrzehnte später gelten sie als Visionäre und werden völlig verdient in die Hall of Fame aufgenommen.

Text: Ben Golliver

Als Jason Kidd und Steve Nash zum ersten Mal die Bühne der NBA betraten, es war Mitte der 90er Jahre, ähnelten sie dem besten Basketballer aller Zeiten in keiner Weise. Der „nächste Michael Jordan“ zu werden, war eine Bürde, mit der sich ein gewisser Kobe Bryant plagen durfte. Kidd und Nash waren Point Guards, gesegnet mit Brillanz und darauf gepolt, ihre Mitspieler mit dem richtigen Spielzug zu finden. Ihre persönlichen Stärken standen in krassem Gegensatz zu Jordans gnadenloser Mentalität und ihre Schwächen machten den Graben nur noch tiefer. Kein Gegner wagte es jemals, Jordan einen Wurf zu überlassen oder es mit ihm in der Defensive aufzunehmen. Kidd hingegen wurde spöttisch „Ason“ genannt, da er in seinen ersten Jahren keinen Jumper besaß, während Nashs schmächtige Erscheinung ihn zur Sollbruchstelle in der Verteidigung machte.

Abseits des Prismas Jordan überkamen Kidd und Nash die für ihre Position klassischen Wesenszüge. Kidd war groß, kräftig und in der Lage, kleinere Gegenspieler physisch zu dominieren. Er verteidigte über seine Karriere hinweg auf All-Defense-Team-Niveau und startete Fast Breaks gewöhnlich selbst, dank seiner überragenden Reboundarbeit. Seine Vielseitigkeit erinnerte viele an Magic Johnson, doch fehlte es Kidd an Charisma und Körpergröße. Nash erinnerte an John Stockton: klein, unermüdlich und unendlich selbstlos. Nash spielte seine Pässe mit einer einzigartigen Intuition, und einer Spontaneität, die an einen Spielmacher im Fußball erinnerte, und ihn klar von Stocktons roboterhaftem Stil abgrenzte.

Kidd und Nash schwammen zu Beginn ihrer Karriere gegen den Strom in einer Liga, die von Big Men wie Shaquille O’Neal und Tim Duncan beherrscht wurde. Kidd brachte die New Jersey Nets in den Jahren 2002 und 2003 im Alleingang in die Finals, nur um dort von den Lakers und Spurs, angeführt von Shaq und Duncan, besiegt zu werden. Drüben im Westen kam Nash nie ins Finale. Immer wieder blieb er mit Dallas und später mit Phoenix an Los Angeles oder San Antonio hängen.

Selbst von ihren eigenen Teams wurden die beiden Aufbauspieler bisweilen missverstanden und nicht ausreichend wertgeschätzt. Im Alter von 30 Jahren hatte Kidd Wechsel von den Mavericks zu den Suns und den Nets erlebt, während Nash von Phoenix nach Dallas und wieder zurück transferiert worden war. Kidd wurde insgesamt drei Mal in seiner Karriere abgegeben, stets für weniger talentierte Spieler wie Sam Cassell und Stephon Marbury. Nash hingegen wurde erst im dritten Jahr zu einem Starter. In der Hochzeit seiner Karriere beging Dallas einen fatalen Fehler, ließ den Kanadier in der Free Agency ziehen und zerstörte so die einzigartige Partnerschaft zwischen Nash und Dirk Nowitzki.

Diese häufigen Wechsel wären heute undenkbar, sind Franchise-Point-Guards in der NBA doch mittlerweile ein Luxusgut geworden. Wären beide zehn Jahre später in die Liga gekommen, sie wären behutsam aufgebaut, ausreichend entlohnt und von ihren Teams augapfelgleich beschützt worden. Wie Russell Westbrook, Stephen Curry und Damian Lillard. Stattdessen sammelten Kidd und Nash Siege und Assist-Kronen (beide je fünf), während sie darauf warteten, dass die NBA-Intelligentsia entdecken würde, wie sie am besten einzusetzen seien.

Nash fand sein Glück Mitte der 2000er mit zwei MVP-Titeln, als er die „Seven Seconds or Less“-Suns bis tief in die Postseason führte. Headcoach Mike D’Antoni erkannte, dass es schlauer sei, ein System um Nash herum zu bauen – schnell zu spielen, seine magischen Qualitäten als Spielmacher zu fördern und Schützen um den Point Guard herum zu positionieren. Nash mit Konventionen zu behaften, war erfolglos. Und während die Phoenix Suns ihre Gegner überrannten, wuchs Nash zu einem bedeutenden Gegenpol zu den Jordans, Bryants und Allen Iversons der Welt heran. Die Message: Team-Basketball, der alle Beteiligten einbezog, konnte genauso produktiv sein wie die besten Isolation-Scorer der Liga und dabei sogar effizienter. Das Gesicht dieser Philosophie war Nash, der mit einem der makellosesten Sprungwürfe der NBA-Geschichte regelmäßig 50/40/90-Saisons auflegte und trotzdem stets den Pass zum freien Mitspieler bevorzugte.

Über Jahre hinweg schien es so, als würde Jason Kidds Karriere daran scheitern, dass er allein gelassen wurde. Er schaffte es in All-NBA-Teams und genoss individuellen Erfolg, fand jedoch nie einen kongenialen Partner, wie ihn Magic in Kareem Abdul-Jabbar hatte und Stockton in Karl Malone. Mit Mitte 30 kehrte Kidd zurück nach Dallas. Er war ein anderer Spieler, langsamer und besser aufgehoben, aus der zweiten Reihe zu dirigieren. Allerdings war sein Jumper mittlerweile zuverlässig und er selbst mit mehr Wissen gesegnet. In dieser Zeit fand Kidd, wonach Nash bis an sein Karriereende suchte – eine Meisterschaft. Mit 38 Jahren hatte Kidd erhebliche Spielanteile bei den Mavericks, fütterte Nowitzki, versenkte offene Dreier und trickste LeBron James in den Schlüsselsituationen der Finals 2011 aus.

Obwohl Steve Nash und Mike D’Antoni nie den Titel gewannen, um ihre Revolution zu vollenden, war die Niederlage der Suns gegen die Spurs in den Playoffs 2007 ein markanter Wendepunkt in der Geschichte der Liga. San Antonio malträtierte Nash. Im ersten Spiel der Serie verpassten ihm die Spurs eine blutige Nase, in Spiel 4 kam es zu Robert Horrys berüchtigtem Check mit der Hüfte. San Antonio überstand die Serie und gewann anschließend ohne weitere Niederlage die Meisterschaft. Doch der Suns-Stil, geprägt von Spielwitz, Ballbewegung, Small Ball und vielen Dreiern begann sich in der Liga zu manifestieren und schlussendlich durchzusetzen.

San Antonio gewann 2007 den Kampf, Jahre später ergaben sie sich im Krieg der Philosophien. Als die Spurs 2013 erneut in den Finals standen, spielten sie wunderschönen Team-Basketball und keinen „Bully-Ball“ mehr. Der folgende Aufstieg der Golden State Warriors, die Pace-and-Space zelebrieren, hat das Erbe von Steve Nash manifestiert.

Gemessen an den Normen Mitte der 1990er wirkten Kidd und Nash wie Sonderlinge, als sie in die Liga kamen. 20 Jahre später gingen sie als Vorreiter und Visionäre. Kidd verabschiedete sich 2013 in den Ruhestand, jeweils als Zweitplatzierter in der Ewigen Rangliste für Assists (hinter Stockton) und Triple-Doubles (hinter Magic). Nash verabschiedete sich ein Jahr später als drittbester Vorlagengeber der NBA-Geschichte und dem unglaublichen Verdienst, neun Jahre in Folge der Dirigent einer revolutionären Offensive gewesen zu sein.

All diese Rekorde sind nur teilweise dafür verantwortlich, dass Kidd und Nash in diesem Sommer in die Hall of Fame aufgenommen werden. Mit seinen herausragenden Fähigkeiten in allen Bereichen des Spiels wurde Kidd zur Blaupause für Russell Westbrook und all die anderen Allrounder wie Giannis Antetokounmpo und Ben Simmons. Nash revolutionierte das Tempo, das Layout und die Strategie der modernen NBA-Offensive und bereitete damit die Bühne für Stephen Curry und James Harden, zwei herausragende Talente, die D’Antonis Philosophie mit ihren eigenen Stilmitteln erweiterten.

Gemeinsam haben Jason Kidd und Steve Nash für eine Neuorientierung des Spiels gesorgt. In ihre Fußstapfen tritt eine ganze Generation von unangepassten Spielmachern, die Normen auseinanderbrechen und die NBA in eine fruchtbare Zukunft tragen.

Bundesliga 2018/2019: Die Bosse der Liga

Socrates präsentiert das etwas andere Bundesliga-Sonderheft zur Saison 2018/19. Im Fokus stehen die 18 Entscheider der Ligaklubs. Was ist ihre Strategie? Für was stehen sie? Sie sprachen mit Socrates, oder Socrates sprach über sie. Die Sonderausgabe zur Bundesliga ist ab sofort im Handel.

Sie haben nicht alle den gleichen Jobtitel, doch gemeinsam haben sie einiges. Hasan Salihamidzic, Michael Reschke, Jonas Boldt, Fredi Bobic und Co. sind die sportlichen Entscheider ihrer Klubs. Ihre Strategie hat großen Einfluss über Erfolg und Misserfolg. Socrates hat sich zum Start der Bundesliga-Saison auf die 18 Klub-Entscheider konzentriert, hat mit ihnen gesprochen oder über sie gesprochen.

Der Inhalt der 22. Ausgabe

Budesliga-Sonderheft

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Corentin Tolisso: „Ich hatte sofort Tränen in den Augen“

Bayern Münchens Mittelfeldspieler Corentin Tolisso steht mit Frankreich im Finale der WM 2018. Er ist gierig auf den Titel und gibt ein Versprechen.

Interview: Alexis Menuge

Monsieur Tolisso, was bedeutet für Sie die Équipe de France?

Es ist einfach ein Traum. Es ist mein Land, meine Heimat, die wir als Spieler repräsentieren. Wer träumt als Franzose nicht davon, für Les Bleusaufzulaufen und das renommierte blaue Trikot zu tragen? Es gibt kaum etwas Schöneres. Ich bin sehr glücklich, dass ich mich Nationalspieler nennen darf.

Wie war es, als Sie im März 2017 das erste Mal von Nationaltrainer Didier Deschamps in den Kader berufen wurden?

Das war ein magischer Moment. Ich hatte sofort Tränen in den Augen, weil es ja mein größter Kindheitstraum war. Als kleiner Junge habe ich oft davon geträumt und plötzlich ging er in Erfüllung. Das werde ich nie vergessen.

Worauf waren Sie dabei am meisten stolz?

Dass ich mein erstes Länderspiel vor den Augen meines Vaters, der immer für mich da war, und vor den Augen meiner Freunde gespielt habe. Das war großartig und sehr emotional. Außerdem fand das Testspiel gegen Spanien zu Hause im Pariser Stade de France statt.

Welchen Status haben Sie mittlerweile in der französischen Nationalmannschaft?

Die Konkurrenz dort ist sehr groß, vor allem auf meiner Position. Von daher kann ich nie sicher sein, dass ich gesetzt bin. Es gibt keine Garantie, berufen zu werden, auch wenn man gut gespielt hat, wie ich zum Beispiel in den beiden wichtigen WM-Qualifikationsspielen Anfang Oktober in Bulgarien und gegen Weißrussland. Mir ist bewusst, dass ich mich nie ausruhen darf. Das Ticket nach Russland muss man sich erst mal verdienen, und das geht nur, indem man bescheiden bleibt und sich immer wieder pusht. Ich versuche einfach, sowohl im Training als auch in den Spielen mein Bestes zu geben. Ich will mir nichts vorwerfen lassen.

Rud Völler

Es gibt nur einen...

Er ist eine der größten Figuren des deutschen Fußballs, doch Rudi Völler sieht sich nicht als Legende. Das Interview mit ihm, der Gastbeitrag von Waldemar Hartmann, Interviews mit Horst Hrubesch, Moritz Fürste und Co. sowie die 10 größten Sportlegenden der Geschichte in der 21. Ausgabe von SOCRATES. Gleich hier klicken und die Ausgabe bestellen.

Worauf kam es für Frankreich bei der WM am meisten an?

Wir müssen eine Einheit bilden. Das ist bei einem solchen Turnier, bei dem man fünf bis sechs Wochen ständig zusammen lebt, das A und O. Wenn der Zusammenhalt nicht stimmt, dann hat man keine Chance. Dementsprechend glaube ich an uns, weil die Stimmung in unserer Kabine hervorragend ist. Das könnte sogar das entscheidende Element sein. Außerdem…

Ja?

Die Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern stimmt. Diese Mischung sorgt dafür, dass wir uns bestens verstehen und dass wir alle am gleichen Strang ziehen… Außerdem sind alle Spieler bescheiden und hungrig. Wir alle wollen etwas Großartiges erreichen. Die Gier ist groß. 

Wer ist der Top-Star dieser Mannschaft?

Wenn ich ehrlich bin, gibt es keinen Spieler, der besonders heraussticht. In meinen Augen ist der Star einfach die Mannschaft.

Das erinnert an den FC Bayern, oder?

Ja, das stimmt. Wie heißt es so schön: Allein ist man schneller, aber zusammen kommt man weiter. Die Solidarität ist sowohl beim FC Bayern als auch in der französischen Nationalmannschaft der große Trumpf. Wie in München müssen wir wie in einer Familie miteinander umgehen. Dazu gehört auch, dass wir uns manchmal ganz klar die Meinung sagen, aber ehrlich und fair miteinander umgehen.

Sie haben Erfahrungen gesammelt. Wofür steht für Sie der deutsche Fußball?

Wenn ich an den deutschen Fußball denke, habe ich sofort das Endspiel der WM 2002 vor Augen: Deutschland unterlag damals Brasilien. Dann gab es die WM 2006 im eigenen Land mit einer unglaublichen Partie im Halbfinale, als die Italiener das letzte Wort in der Verlängerung hatten. Bei den Spielern hat mir Philipp Lahm durch seine großartige Konstanz auf höchstem Niveau immer imponiert. Ich erinnere mich noch an sein tolles Tor beim Eröffnungsspiel gegen Costa Rica in München. Auch Bastian Schweinsteiger hatte eine tolle Ausstrahlung auf dem Platz, er ackerte ohne Ende. Lukas Podolski hat mich mit seinem Torriecher und seinem unglaublichen linken Fuß ebenso begeistert. Alles Spieler, die mal beim FC Bayern gespielt haben…

Im Mittelfeld der französischen Nationalmannschaft gibt es einige hochkarätige Spieler. Ist die Konkurrenz sogar größer als beim FC Bayern?

Wenn ich ehrlich bin, ist es schwer, beide Teams zu vergleichen. Aber ich stimme auf jeden Fall zu, dass in beiden Fällen die Konkurrenz unglaublich groß ist. In der Nationalmannschaft gibt es Spieler wie Paul Pogba, Blaise Matuidi, N’Golo Kanté oder Adrien Rabiot. Das sind alles Weltklasse-Spieler, und ich könnte noch mehr Namen nennen. In München sind es dann Spieler wie Thiago, Arturo Vidal, Sebastian Rudy, James Rodríguez oder Javi Martínez, auch alles ausschließlich gestandene Nationalspieler. Die meisten haben bereits Halbfinals und Finals in der Champions League bestritten. Meine Konkurrenten in der französischen Nationalmannschaft haben teilweise weniger Konkurrenz in ihren jeweiligen Klubs als ich in München. Hier ist mir immer bewusst, dass ich stets bei 100 Prozent sein und bei jeder Trainingseinheit überzeugen muss. Ansonsten spiele ich nicht. Und wenn ich bei der Nationalmannschaft ankomme, habe ich dieselbe Mentalität, die ich immer in mir gehabt habe. Ich wollte immer schon beweisen, dass ich besser als die anderen bin. Das ist meine Einstellung zu diesem Beruf.

Beschreiben Sie, worauf es in Ihrem Spiel am meisten ankommt?

Ich muss in beiden Strafräumen effektiv sein. Auf der einen Seite, um Tore zu erzielen und den entscheidenden Pass zu spielen, was in meinen Augen den modernen Mittelfeldspieler ausmacht. Auf der anderen Seite, im Spiel gegen den Ball, muss ich weiterhin hart an mir arbeiten. Ich muss in der Balleroberung noch aggressiver werden, um so Freiräume für meine Mitspieler zu schaffen.

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In welchen Bereichen haben Sie die meisten Fortschritte in Ihrem Spiel gemacht, seit Sie im vergangenen Sommer nach München kamen?

Ich bin vielfältiger geworden, ich kann das Spiel besser lesen, schneller antizipieren und Konter des Gegners abfangen. Mit 23 Jahren weiß ich auch, dass ich mich noch entwickeln kann. In München muss ich mich zwischen dem Sechser und Zehner positionieren. Vergangene Saison bei Olympique Lyon habe ich mehrfach als Spielmacher agiert. Von dieser Erfahrung profitiere ich noch heute, weil ich zielstrebiger in die Spitze gehe. Das Wichtigste dabei: Man muss wissen, wo man steht, einfach spielen, um Selbstvertrauen zu tanken und dann die Initiative ergreifen.

In der Offensive fühlen Sie sich am wohlsten, stimmt’s?

Ja, vor allem weil ich ja als Kind im Sturm gespielt habe. Ich liebte es, Tore zu erzielen. Schritt für Schritt ging ich dann nach hinten, bis ich dann Rechtsverteidiger war. Aber diese Position lag mir nicht wirklich, also ging es wieder nach vorne.

Wenn Les BleusWeltmeister werden sollten, dann …

… werde ich mir den WM-Pokal auf den Rücken tätowieren lassen.

 

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Bernard Hinault: „Ich werde mit Amstrong nie ein Bier trinken“

Bernard Hinault ist eines der größten Sportidole Frankreichs und auch mit 63 Jahren geradlinig und angriffslustig wie eh und je. Ein Gespräch über alte Krieger, faule Talente und Doping.

Interview: Alexis Menuge

Monsieur Hinault, Sie haben fünfmal die Tour de France gewonnen. Der letzte Sieg liegt inzwischen über 30 Jahre zurück. Verzeihen Sie uns die plumpe Frage, aber tun Ihnen nicht die Knochen weh, wenn Sie morgens aufstehen?

Ich weiß nicht, was Schmerzen sind und hatte noch nie Probleme mit meinem Körper. Alles gut. (klopft mit den Fingerknöcheln auf den Tisch)

Als Aktiver waren Sie bekannt und auch gefürchtet für Ihre Geradlinigkeit und Ehrlichkeit. Sind Sie sanfter geworden?

Wenn ich etwas zu sagen habe, dann bin ich knallhart. Ich habe keine Angst davor, die Wahrheit auszusprechen. Was das betrifft, bin ich immer noch der Gleiche, nur ein bisschen älter. (schmunzelt)

Vor 40 Jahren nahmen Sie erstmals an der Tour teil – und feierten gleich den Gesamtsieg.

Einige Wochen zuvor hatte ich die Spanien-Rundfahrt gewonnen. Auch bei der ersten Teilnahme. Die Tour de France damals war so etwas wie ein Selbstversuch für mich. Dass es hart werden würde, wusste ich und auch, dass ich es schaffen kann. Zumindest in der Theorie hatten wir es so geplant. An die Tour muss man sich Schritt für Schritt herantasten, erst andere Rennen gewinnen, Geduld haben.

Sieben Jahre später, 1985, gewannen Sie die Tour zum fünften und letzten Mal. Allerdings hatten Sie ein Handicap…

Ich hatte mir die Nase gebrochen, allerdings sehr weit oben, sodass meine Atmung nicht beeinträchtigt war. Es war kein großes Problem, aber eben auch nicht immer einfach. Am höchsten Berg habe ich gelitten wie ein Tier. Aber dann sagte ich mir: „Jetzt zeige ich euch, wer hier der Patron ist.“

Rud Völler

Es gibt nur einen...

Er ist eine der größten Figuren des deutschen Fußballs, doch Rudi Völler sieht sich nicht als Legende. Das Interview mit ihm, der Gastbeitrag von Waldemar Hartmann, Interviews mit Horst Hrubesch, Moritz Fürste und Co. sowie die 10 größten Sportlegenden der Geschichte in der 21. Ausgabe von SOCRATES. Gleich hier klicken und die Ausgabe bestellen.

Ein Jahr später beendeten Sie Ihre Karriere, mit erst 32 Jahren. Warum sind Sie nicht weitergefahren und haben versucht, die Tour ein sechstes Mal zu gewinnen und damit alleiniger Rekordsieger zu werden?

Ich hatte mir die Entscheidung reiflich überlegt und bereitete mich schon eine gewisse Zeit auf das Danach vor. Schon einen Tag nach meinem Karriereende wusste ich genau, was ich zu tun hatte. Es gab da keine Leere, nicht einen einzigen Tag.Es fiel mir nicht schwer loszulassen. Dementsprechend konnte ich das letzte Jahre als Profi in den vollen Zügen genießen, auch wenn ich die Tour nicht mehr gewann.

Was haben Sie seit dem Karriereende konkret gemacht?

Bis 2006 habe ich auf meinem Bauernhof gearbeitet. Glauben Sie mir, auch da musste ich jeden Tag darum kämpfen, die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Und dann engagiere ich mich immer noch bei der Tour de France, helfe in der Organisation mit. Das ist zwar ungeheuer anstrengend, bereitet mir aber immer noch Freude.

Warum sind Sie nicht Trainer geworden?

Ich war sogar als Trainer beim französischen Verband, aber nur ganz kurz. Ein junger Fahrer meinte mal zu mir: „Hätte ich gewusst, dass ich nur Ersatz bin, wäre ich gar nicht gekommen.“ Daraufhin habe ich ihn gefragt, ob er das ernst meine. Und das tat er wirklich. Da dachte ich mir, dass es doch viel sinnvoller wäre, Zeit mit meiner Frau zu verbringen als mit solchen Leuten. Und wäre ich wirklich Trainer geworden, glaube ich nicht, dass es die jungen Radfahrer lange mit mir ausgehalten hätten.(lacht)

Kommt heute manchmal ein junger Fahrer auf Sie zu und bittet um Rat?

Das kann passieren, aber es ist nicht oft der Fall. Mittlerweile haben sie alle ihre eigenen Manager, die sich um alles kümmern. Es ist auch nicht meine Aufgabe, auf junge Talente zuzugehen, aber wenn sie was von mir wissen wollen, stehe ich selbstverständlich jederzeit zur Verfügung. Ein Austausch bringt einen immer weiter.

Ein Themenwechsel, Monsieur Hinault: Wie stehen Sie zu Lance Armstrong?

Er hat dem Radsport zweifelsohne einen immensen Schaden zugefügt. Er hat nicht nur gedopt, er hat auch jahrelang gelogen.Mit ihm werde ich nie ein Bier trinken gehen, auch weil er sich nie für seine gravierenden Fehler entschuldigt hat.

Armstrong hat immer gesagt, es sei schlichtweg unmöglich, die Tour ohne Doping zu gewinnen.

Das stimmt überhaupt nicht. Er hat nur nicht verstanden, dass es auch ohne geht. Er hat alle angeklagt, aber das war ja peinlich.

Würden Sie ihm noch eine Chance geben?

Auf keinen Fall. Er hat unseren Sport verschmutzt. Man muss ihm alle Siege aberkennen.

Ist der Radsport heute wieder sauberer?

Es gibt unheimlich viele Kontrollen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Radsport eine der saubersten Sportarten überhaupt ist. Das Gegenteil zu behaupten, ist Unfug. Schauen Sie sich bloß an, was vor ein paar Monaten bei der Fifa passiert ist, nur um ein Beispiel zu nennen – und es gibt viele andere.

Sie sind während Ihrer Laufbahn mit Doping konfrontiert worden.

Mein erster Konkurrent auf der Tour, Michel Pollentier, hatte falschen Urin unter seinem Arm versteckt. Andere verbargen ihn unter dem Oberschenkel. Aber warum hätte ich dopen sollen? Was hätte es mir gebracht? Ich persönlich war von A bis Z sauber.

Sie wurden in der Szene „Dachs“ genannt. Warum?

Der Spitzname kam von einem französischen Journalisten und danach haben die Rennfahrer das untereinander weitergeben. Der Name blieb hängen. Bis heute werde ich in meiner Heimat so genannt. Der Dachs gilt als angriffslustig, das passt doch perfekt zu mir. (lacht)

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Haben Sie während Ihrer Laufbahn alles dem Radsport untergeordnet?

Soweit ich konnte. Mit meinem damaligen Trainer, Cyrille Guimard, hatte ich immer wieder Meinungsverschiedenheiten, weil er mir Sachen verboten hat. Ich durfte zum Beispiel keinen Rotwein trinken oder ein schönes Stück Fleisch essen, dabei war das für mich ein Hochgenuss. Ich habe mich aber mit meinem Temperament durchgesetzt. Wenn man eine schöne Mahlzeit genießt, kann man anschließend das Rennen noch mehr genießen und ein besseres Ergebnis erzielen.

Wer war damals Ihr ärgster Konkurrent?

Der Konstanteste war der Niederländer Joop Zoetemelk. Er war ein Krieger. Er war körperlich zwar nicht ganz auf meiner Höhe, hat aber nie aufgegeben.Wir haben uns immer harte Zweikämpfe geliefert, was unheimlich viel Spaß gemacht hat.

Seit Ihrem letzten Sieg hat kein Franzose mehr die Tour gewonnen. Noch zwei Jahre länger liegt der Erfolg von Yannick Noah bei den French Open der Tennisprofis zurück. Was ist los mit den französischen Einzelsportlern?

Ich finde es wirklich bedauerlich, dass das schon so lange her ist. Offenbar fehlen uns diese Ausnahmesportler. Für meinen Geschmackist diese gewisse Mentalität, über sich hinauswachsen zu wollen, nur selten vorhanden. Und es mangelt am Temperament.Das kann und muss anders werden, sonst können wir noch lange warten. Unsere heutigen Profi-Sportler sind irgendwie blockiert.

Stimmt die Geschichte, dass Sie als Schüler täglich 20 Kilometer Rad gefahren sind?

Absolut. Zehn Kilometer hin und zehn Kilometer zurück. Manchmal war ich so motiviert, dass ich mit den Lastwagen um die Wette gefahren bin. Das spornte mich mächtig an und ich war immer mindestens so schnell wie die LKW. Das war eine Art von Training, das mir sehr viel gebracht hat.

Woher kam Ihr großer Ehrgeiz, Ihre Gewinnermentalität?

Ich bin mit dieser Gabe auf die Welt gekommen. Als Erster ins Ziel zu kommen, bereitet solche Glücksgefühle! Ich habe hart gearbeitet und wurde dafür belohnt.

Hatten Sie als Kind den Traum, Radprofi zu werden?

Nicht unbedingt, aber mir erschien es besser, als Radprofi Karriere zu machen, als jeden Tag am Fließband zu stehen. Das ist nicht das gleiche Leben.

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Was ist wichtiger: Beine oder Kopf?

Ohne den Kopf kann man nichts erreichen. Im Wettkampf zählt erst der Kopf und dann kommt der körperliche Aspekt dazu.

Wie hat sich der Sport und wie hat sich die Tour seit Ihrer Zeit verändert?

Mittlerweile gibt es bei der Tour de France nur noch eine Sache, die wichtig ist: Es wird nur noch auf den letzten Metern alles gegeben, um eine Etappe für sich zu entscheiden.Früher hat man 80 Kilometer vor dem Ziel richtig attackiert. Das gibt es heute nicht mehr. Das bedauere ich.

Was ist rückblickend für Sie das Schönste an Ihrer Karriere?

Dass ich einfach zwölf Jahre lang auf dem höchsten Niveau Radrennfahrer sein durfte. Es war eine herrliche Zeit, die mich entscheidend geprägt hat. Ein besonderes Rennen zu nennen, würde bedeuten, dass mir andere weniger bedeutet oder gelangweilt hätten, was überhaupt nicht der Fall war. Egal ob bei der Tour de France oder beim kleinsten Rennen – ich hatte immer den gleichen Ehrgeiz und die gleiche Motivation zu gewinnen.

Herr Hinault, wer gewinnt die Tour 2018?

Es sind einige Fahrer, die den Gesamtsieg anvisieren können: Vincenzo Nibalikann eine zweite Tour holen, Nairo Quintanawird sicherlich bis zum Schluss im Rennen sein, sowie auch der Australier Richie Porte, der bei der Tour 2017 durch einen brutalen Sturz das Rennen aufgeben musste. Aus französischer Sicht wird Romain Bardetversuchen, die Farben der Grande Nation würdig zu vertreten. Ich bin gespannt.

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Eine Tüte Deutschland bitte

Wie patriotisch darf man bei einer WM als Deutscher sein? Wie groß darf das Schlaaaand-Gefühl sein? Schriftsteller Moritz Rinke geht der Sache nach. Und küsst Uschi Glas.

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Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ich war einmal Poolwächter der deutschen Nationalmannschaft. 2006 bei der WM in Deutschland. Eine Freundin von mir leitet mit ihrem Mann die größte Berliner Gebäudereinigungsfirma, welche den Auftrag vom Schlosshotel Grunewald bekam, zusätzlich zum Hotelpersonal Serviceleistungen durchzuführen, die durch zehn externe Reiniger eine größtmögliche Sauberkeit gewährleisten sollten. Ich fragte meine Freundin, ob es nicht elf sein könnten, die Verhandlungen zogen sich Wochen hin, dann war es so weit, ich sollte nicht reinigen, sondern den deutschen Pool bewachen.

Meine Aufgabe war es, Blätter und Insekten, die in den deutschen Pool hineinwehten, mit einem Käscher herauszufischen, Handtücher auszuwechseln und die Liegen nach Benutzung wieder liegefertig zu machen. Es gab noch die Anweisung, weder Autogrammwünsche auszusprechen noch die Gäste in ein Gespräch zu verwickeln, sondern nur den deutschen Pool zu bewachen von einem erhöhten Stuhl aus, ähnlich wie die Schiedsrichter beim Tennis oder die Küstenwache an der Nordsee.

Mein erster Gast am Pool war damals Oliver Kahn, mit Schlosshotel-Grunewald-Badeschuhen und Bademantel. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Kahn nickte auch, dann sprang er mit Kopfsprung in den deutschen Pool. Kahn kraulte vier Bahnen, stieg über den Beckenrand raus, nahm den Bademantel und für das Gesicht nur ein Handtuch, das er auf die Liege warf, und ging.

Rud Völler

Es gibt nur einen...

Er ist eine der größten Figuren des deutschen Fußballs, doch Rudi Völler sieht sich nicht als Legende. Das Interview mit ihm, der Gastbeitrag von Waldemar Hartmann, Interviews mit Horst Hrubesch, Moritz Fürste und Co. sowie die 10 größten Sportlegenden der Geschichte in der 21. Ausgabe von SOCRATES. Gleich hier klicken und die Ausgabe bestellen.

Zwei Tage später hatte die deutsche Mannschaft ihr Eröffnungsspiel gegen Costa Rica in München und gewann mit 4:2, das erste Tor schoss Philipp Lahm mit einem gebrochenen Arm, deshalb kam er während der WM auch nie an meinen Pool – mit gebrochenem Arm kann ein Philipp Lahm zwar WM-Tore schießen, aber nicht schwimmen.

Zur Begrüßung der siegreichen Mannschaft hatte ich mir etwas überlegt. Ein türkischer Gemüsehändler hatte mir eine Deutschlandfahne angeboten, erst winkte ich ab, dann fragte er, warum ich denn von einem Türken keine deutsche Fahne nehme? Na gut, unter diesen Bedingungen konnte ich vielleicht meine erste Deutschlandfahne kaufen. Ich schaute noch schnell absichernd nach rechts und links, ob mich auch niemand sieht und verlangte nach einer Tüte.

„Warum Tüte?“, sagte der Türke, „Fahne musst du gleich hochhalten gegen Polen!“

„Nein, Tüte bitte!“

„Er kauft Fahne mit Tüte“, sagte der Gemüsehändler verwundert zu seinem Partner.

So in der Öffentlichkeit konnte ich damals noch nicht, das heißt, einfach so für alle sichtbar, für Deutschland jubeln, das kam noch nicht in Frage. Ich freute mich zwar, wenn die Deutschen ein gutes Spiel machten, aber Patriotismus mit mehreren zusammen, das konnte ich nicht, mit einer deutschen Fahne deutsche Siege feiern, das galt irgendwie immer noch als nationalistisch.

„Nein, es ist Patriotismus, der gesunde, neue Patriotismus“, sagte mir meine damalige Freundin, ausgerechnet eine Ungarin. „Du musst zwischen Nationalismus und Patriotismus unterscheiden. Nationalismus ist härter, Patriotismus weicher, nun freu dich doch mal!“

„Ich freue mich auch!“, sagte ich, theoretisch fände ich den weichen Patriotismus sogar schön, aber in der Praxis, mit den Deutschen zusammen, da sei ich eben gehemmt, weil ich mir die Deutschen natürlich in dem Moment, in dem ich versuche, gemeinsam Patriot zu sein, sehr genau ansehe. Das sei ja dann so eine Art Verschmelzung, man müsse ja dann mit den Deutschen verschmelzen und da gucke man sich dann halt vorher noch mal alles genau an – wie im Bordell, gute Schriftsteller sollen ja auch das Leben im Bordell studieren.

 

„Du arbeitest als Schriftsteller im Bordell?!“, fragte sie: „Nein, nein“, sagte ich, „ich versuche dir mein Unbehagen am praktischen Patriotismus zu schildern. Da sitzt man dann fünf Minuten auf der Bettkante, guckt sich alles an und dann kommt der Moment, nee, ich will doch eher eigentlich lieber nicht, so ein komischer aufgeblasener Busen und alles so hau ruck und eben nicht weich, na ja, und so ähnlich geht mir das auch mit dem praktischen Patriotismus in Deutschland.“

Am nächsten Tag hing die Fahne direkt an meinem Schwimmmeisterstuhl und offen gestanden hätte ich das nicht von außen sehen wollen, wie ich auf diesem Stuhl saß, links die Fahne und dann dieser Typ, der die ganze Zeit auf den deutschen Pool starrte, ob da vielleicht irgendwo was herumschwamm, was nicht zur deutschen Mannschaft gehörte.

Plötzlich kam Gerald Asamoah an den Pool, ausgerechnet Asamoah aus Ghana sah mich hier als erster mit meiner Fahne. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Asamoah nickte auch, dann sprang er in den Pool und schwamm. Er sang dabei – und ich fiel fast vom Stuhl – die Melodie „Du gehörst zu mir, wie mein Name an der Tür“ von Marianne Rosenberg.

Macht der das extra, fragte ich mich? Ob er mich blöd fand mit meiner deutschen Fahne? Man singt doch nicht einfach diesen Rosenberg-Song, darin lag doch ein versteckter Patriotismus-Vorwurf? Ich meinte von Seiten Asamoahs, einen ironisierenden Unterton herauszuhören und nahm mir vor, am nächsten Tag eine Fahne von Ghana an meinem Poolwächter-Stuhl zu befestigen. Andererseits, er spielte ja für Deutschland, warum sollte er mich blöd finden und mir Vorwürfe machen?

Dies war der Beginn meiner allmählichen Verwandlung in einen weichen Fußballpatrioten, denn gerade bei dieser WM in Deutschland machte ich große Fortschritte. Beim legendären Elfmeterschießen gegen Argentinien, Viertelfinale, war ich im Berliner Olympiastadion. Dieses irre Elfmeterschießen! Lehmann hatte einen Spickzettel von Andy Köpke bekommen und hielt den entscheidenden Elfmeter, Deutschland war im Halbfinale, Jubel, Jubel! Ich saß neben Uschi Glas, der deutschen Schauspielerin, die mir eine Deutschlandfahne auf die Wange malte. Über mir in der Ehrenloge küsste Angela Merkel Franz Beckenbauer, damals wusste noch niemand, wie das Sommermärchen zustande kam. Ich selbst küsste Uschi Glas nach Lehmanns Parade, einfach so, das war gewissermaßen mein Durchbruch als Patriot. Mein ganzes Leben hatte ich in diesem Nörgelland gelebt, freuen konnte man sich als Kind von 68er-Eltern über deutsche Fußballsiege ja sowieso nicht, das steckte ganz tief als Verbot im Unterbewusstsein, und plötzlich riss ich beim verschossenen Elfmeter der Gauchos die Arme hoch und küsste Uschi Glas.

Wie kann man das nun erklären, sich einfach so von Uschi Glas schwarzrotgold bemalen zu lassen und dann dieser Kuss? Vielleicht war es ein Gefühl, das eben nicht auf ein Statement, einen Kommentar, eine Abgrenzung, eine politisch zementierte und harte Botschaft gemünzt war, sondern es geschah aus einem freien, weichen Gefühl heraus, es war ein freier, liebender Patriotismus, so wie ihn die ungarische Freundin beschrieben hatte, einen Patriotismus, der nicht so sehr auf Kompensation, auf Ersatz für irgendwas beruhte.

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─── II ───

Es folgten weitere Turniere. 2008 die EM in Österreich und der Schweiz; 2010 die WM in Südafrika; 2012 die EM in Polen und der Ukraine. Das waren alles schöne Turniere, mit deutschen Teams, mit denen man sich in seiner angelernten Patriotismus-Laufbahn identifizieren konnte: Odonkor, Kurányi oder Aogo, Boateng, Özil, Khedira, Podolski, Gündoğan oder Mustafi, sie alle spielten in der deutschen Nationalmannschaft. Ich erinnere mich noch an das berühmte erste Migrationsfoto der Kanzlerin während der Qualifikationsphase für die WM in Südafrika. Die Kanzlerin stürmte ohne Anmeldung in die Umkleidekabine der deutschen Mannschaft und ließ sich mit dem halbnackten und erstaunten Özil fotografieren. Das war der Beginn des offiziellen deutschen Diversityfußballs – nur leider betraf diese Diversity nicht immer die deutschen Fans.

Bei der EM 2016 in Frankreich, wir waren ja mittlerweile Weltmeister in Brasilien geworden, hatte ich das erste Mal wieder einen Rückfall in alte Ängste aus der Zeit vor meinem Kauf der deutschen Fahne vom Türken. Ganz einfach: Es wurde mir zu viel…

Ein Deutschland-Spiel sah ich zum Beispiel zusammen mit 2000 Menschen am Postbahnhof im Quartier des 11Freunde-Magazins. Nach dem Spiel warf mir ein 11Freunde-Gast einen China-Böller vor die Füße, danach gab es einen widerlichen Knall.

„Warum machst du das?“, fragte ich.

„Schland!!“, schrie er mich an.

„Ach so“, antwortete ich. (Unfassbar, so ein Superböller explodiert mit einer Lautstärke von 120 Dezibel, ein deutsches Kaninchen fällt dabei tot um!)

Am Abend sah ich dann in der ARD „Waldis EM-Club“ aus einem Studio mit 2000 Leuten, die genauso aussahen wie die Menschen bei 11Freunde. Sie grölten ständig dazwischen, so dass auch die Studiogäste in ihren Aussagen immer lauter, böllernder und schlandmäßiger wurden, damit sie von den Schlandmenschen nicht ausgepfiffen wurden.

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Am nächsten Tag beobachtete ich vom Balkon aus, wie ein Mann an seinem Auto arbeitete. Er hatte schon zwei Fahnen hinten, aber jetzt kniete er vor seinem Automobil und hielt eine Deutschlandfolie anpassend vor seinen Tankdeckel. Dann klebte er akribisch die Folie auf den Deckel, wobei er ein kleines Stück seiner gepressten Zunge seitlich herausstreckte, so wie man es manchmal bei Menschen beobachtet, die ein Höchstmaß an Konzentration mit einer Form von herausgepresster Lust verbinden. Die Tatsache, dass die Folie offenbar genau auf den Tankdeckel passte, schien den Mann zu ergötzen.

Diese gepresste Freude mit der wurstartigen Zunge und der Deutschlandtankdeckelfolie war plötzlich für mich zum Symbol dieser Schlandwochen geworden, die man als fußballliebender Purist vermutlich in Zukunft weit weit weg verbringen müsste.

Gepresste Freude, so eine gepresste, angestrengte Schland-Freude oder Schland-Sitte, das war es, was sich mehr und mehr ausbreitete. Die zu entdeckende Freude an einer neuen deutschen Spielkultur unter Jürgen Klinsmann und Jogi Löw von 2006 mit einem völlig anders aussehenden Team, diese Freude hatte sich mit den Jahren in ein irgendwie mechanisch wirkendes Schlandtum verzerrt, das mich eben an die Zeiten unter Berti Vogts oder Rüdi Völler erinnerte, in denen die Spieler Kohler, Schneider, Bierhoff, Ballack, Babbel, Böhme, Hamann oder Ziege hießen und man immer noch von deutschen Tugenden sprach, die die Deutschen 2002 ins Finale von Yokohama gegen Brasilien brachten, wo dann ausgerechnet Kahn, der Titan, mein erster Gast am Pool, versagte, nachdem er sonst alles gehalten hatte.

Ich weiß noch, dass ich während der EM 2016 in Frankreich die Termine meiner Frau in der Ausländerbehörde immer auf Tage der Schlandspiele legte.

In Haus C, Abteilung Z7, im Warteraum C64 mit festgeschraubten Eisenstühlen starrten Afrikaner, Asiaten, Amerikaner und weitere Menschen aus Ozeanien auf eine Anzeigetafel neben dem Nummernautomaten, und ich war mir immer sicher, dass die Ausländerbehörde der einzige Ort in Berlin war, an dem man keine Schlandfahnen sah, keine Schlandtrikots und keine Schlandbacken. Garantiert hatte hier auch keiner Schlandböller dabei oder einen Schlandautospiegel.

─── III ───

Und wo werde ich nun die WM 2018 verbringen an jenen Tagen, an denen Deutschland spielt? 2006 saß kein einziger der AfD im Bundestag, es gab die Partei gar nicht, aber heute ist sie die stärkste Oppositionspartei mit 92 Sitzen und die Form und Inhalte ihrer Reden und oft ruppigen Einwürfe erinnern mich jetzt immer mehr an diesen Schland-Böller vor meinen Füßen im Quartier der 11Freunde. Und nun finden wir also die Böller, Brüller und die deutschen Parolen nicht nur auf den Marktplätzen, sondern auch im Bundestag. Natürlich, das sind keine Naziparolen, und nicht jeder, der AfD wählt, ist automatisch ein Rechtsradikaler – und ich finde sogar, dass man die Ängste dieser AfD-Wähler sehr ernst nehmen sollte – aber was bedeutet diese Spaltung der Gesellschaft für meine alte patriotische Identifikation mit Fußballdeutschland? Wie unterscheide ich meine Identifikation der Lust und der Freude am deutschen Spiel von jener der Deutschland schreienden Identifikation aus dem Gefühl, überfremdet, benachteiligt, weggeschoben, nicht beachtet und ausgegrenzt zu sein? Springe ich bei deutschen Toren auf und jubele und erkläre danach, dass ich das nicht politisch meine? Absurd, ja, aber darüber beginnt man ja schon nachzudenken, so sehr setzt einem schon dieses nationale Gerede zu. Und wie verhalte ich mich, wenn die, die jetzt deutsche Traumpässe bejubeln, eigentlich damit meinen, dass Deutschland den Deutschen gehöre und nicht mal registrieren, dass der Traumpass von Özil kam? Kurz: Was passiert nun mit meiner schönen, weichen Chiffre, Uschi Glas schwarzrotgoldene Wange zu küssen?

Von Moritz Rinke

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Es gibt nur einen… Rudi Völler!

Rudi Völler ist Weltmeister, Champions-League-Sieger und Fußballidol. Aber auch Liebhaber des Souls, Verehrer von Ali und Freund des persönlichen Gesprächs. Zudem Familienvater, den die Liebe seiner Tochter auf die Probe stellt. In der 21. Ausgabe von SOCRATES spricht Völler über ein Leben als Legende. Zudem wählte die SOCRATES-Jury die 10 größten Sportlegenden der Geschichte.

Fußball-Weltmeisterschaft? Rudi Völler hat das alles schon erlebt. Drei Mal als Spieler, ein Mal als Trainer. Doch er gewann auch die Champions League und wurde zu einer deutschen Fußballlegende. Doch die Rolle nimmt Völler nicht an. Bei SOCRATES spricht der 58 Jahre alte Sportvorstand von Bayer Leverkusen, warum ihn Lieder über ihn selbst nerven und welche Musik in seinem Auto gehört wird. In einem Gastbeitrag schreibt TV-Legende Waldemar Hartmann, warum Rudi Völler eine Legende ist. Und dass der damalige Disput längst Geschichte ist.

Was gibt’s in der neuen Ausgabe?

Rud Völler

Wer sind die größten Legenden des Sports?

Wer ist der größte Sportler der Geschichte? Gibt es eine klare Nummer 1? Zählt nur der pure Erfolg, um nicht nur der Beste zu sein, sondern auch der Größte? Die SOCRATES-Jury, bestehend aus Redakteuren, Experten und Sportlern, hat die zehn größten Sportlegenden der Geschichte gewählt.

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Oliver Kahn: Weiter. Immer noch weiter.

Oliver Kahn hat in seinem Leben fast nur gewonnen. Und dennoch prägte eine Niederlage das Leben des einstigen Welttorhüters. Wie der „Titan“ mit Rückschlägen umgeht und warum Siege nicht über Glück und Unglück entscheiden, erzählt er im Interview mit Socrates.

Oliver Kahn, kennen Sie einen Sportler, der noch nie verloren hat?

So ein Sportler ist mir absolut unbekannt. Ich fasse es noch weiter: Ein Mensch, der immer nur gewinnt – den gibt es nicht. Und im Hochleistungssport schon gar nicht, weil dort die Leistungsdichte viel zu groß ist.

Das Interview erschien in der 5. Ausgabe

Das Interview erschien in der 5. Ausgabe

Warum beschäftigen sich Sportler so ungern mit Niederlagen, wenn diese so alltäglich sind?

Niederlagen wirken zunächst stark negativ auf das eigene Selbstvertrauen. Wenn ich beispielsweise an die Niederlage 1999 denke, als wir mit Bayern gegen Manchester United das Champions-League-Finale in zwei von drei Minuten Nachspielzeit verloren haben, war das zunächst ein absolut niederschmetterndes Ereignis. Es hat eine Zeit gedauert, bis ich mich davon vollständig erholt hatte. Ich musste erst einmal mit vielen negativen Gefühlen umgehen, die da auf mich einstürzten. Nach so einem Erlebnis war ich nicht fähig, sofort einen Strich drunter zu machen und zu sagen: „Okay, haken wir ab, weiter geht’s.“ Da kommen auch Gefühle wie Zorn und Unsicherheit auf. Es schwirren Fragen im Kopf herum: Was habe ich zu der Niederlage beigetragen, was hätte ich besser machen können? Das musste ich alles verarbeiten – und es dann im besten Fall irgendwann in Energie verwandeln. Aber das braucht Zeit. Das sind sehr schmerzhafte und teilweise auch langwierige Prozesse. Und deshalb kann ich mir sehr gut vorstellen, dass die meisten Sportler sich ungern mit Niederlagen beschäftigen, weil sie genau wissen, wie zerstörerisch diese wirken können.

Niederlagen sind also keinesfalls förderlich?

Der Glaube, dass wir aus Niederlagen ganz besonders viel lernen, ist ein Irrtum. Es ist mittlerweile bekannt, dass wir ganz besonders aus unseren Erfolgen lernen und nicht aus unseren Rückschlägen. Erfolg nährt nun mal den Erfolg. Sinnvoll ist es auch, sich an den Erfolgen Anderer zu orientieren und daraus für sich die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ich habe das in meiner Jugendzeit öfter gemacht.

Wer diente Ihnen zur Orientierung?

Als ich noch in den Jugendmannschaften des Karlsruher SC gespielt habe, war der damalige Nationaltorwart Toni Schumacher ein sportliches Vorbild für mich. Aber auch Boris Becker und Steffi Graf. Sie haben die Mentalität verkörpert, mit ihrem Talent und ihrer Willenskraft schier Unmögliches möglich zu machen. Sie haben Matches gedreht, womit kein Mensch mehr gerechnet hatte. Aber sie haben auch Niederlagen erlitten, die schmerzlich waren – auch für einen als Zuschauer. Aber sie haben weitergemacht und hatten dann schon Wochen oder Monate später wieder die Möglichkeit, große Finals zu gewinnen. Das hat mich geprägt. Idealerweise sucht man sich solche Erfolgsbeispiele und versucht aus diesen zu lernen.

Der Lerneffekt aus Niederlagen bleibt aus?

Überspitzt formuliert lerne ich aus Fehlern höchstens, wie ich etwas nicht machen soll. Ich kenne keine fundierten Fakten, die eindeutig belegen, dass es Teams gelungen ist, aus ihren Rückschlägen so viel abzuleiten, dass sie hinterher erfolgreicher waren als vorher. Was hätte ich für mich persönlich aus der Niederlage beim WM Finale 2002 lernen sollen? Dass ich beim nächsten Mal den Ball von Rivaldo festhalte? Das ist ja eine bahnbrechende Erkenntnis. Ich will damit sagen, dass erfolgreiche Teams oder Menschen sich nur bis zu einem gewissen Maß mit dem Negativen auseinandersetzen. Aber dann geht es darum, schnellstmöglich zu versuchen, diesen Fehler, das Scheitern oder die Niederlage zu korrigieren. Hemingway hat es in seinem Heldenepos „Der alte Mann und das Meer“ sehr archaisch ausgedrückt: „Der Mensch kann zerstört werden, aber er darf nicht aufgeben“.

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Schlagen wir nochmal das Kapitel WM-Finale 2002 auf. Wie haben Sie Ihren Fehler verarbeitet?

Die Torwartposition ist gerade dazu prädestiniert, dass Fehler passieren. Dennoch: Als Fußballer bin ich Mannschaftssportler und stehe nicht alleine auf dem Platz. Natürlich war das eine unglückliche Situation. Natürlich hat diese dazu geführt, dass wir 0:1 in Rückstand geraten sind. Genauso hätten wir aber danach noch drei Tore schießen können. Niemand muss die Schuld für einen Fehler auf sich nehmen. Es reicht, die Verantwortung für ein Missgeschick zu übernehmen. Heute spielt dieses Finale in meinem Leben kaum noch eine Rolle.

Wie meinen Sie das?

Klar, wäre ich gerne auch noch Weltmeister geworden. Die Zeit war wunderbar mit vielen Emotionen. Der Fußball war aber lediglich ein Zeitabschnitt. Diese Zeit ist schon lange vorbei und es geht weiter. Bei meinen heutigen unternehmerischen Aktivitäten stehe ich vor ganz anderen Herausforderungen. Hier helfen mir sportliche Erfolge aus der Vergangenheit nur bedingt. Aber so eine Erkenntnis muss reifen.

Das kann auch sehr lange dauern.

Peter Schmeichel und ich haben uns darüber mal unterhalten. Er hat ja eine ähnliche Karriere wie ich gemacht. Er hat gesagt, bei ihm habe die Verarbeitung seiner Karriere fast zehn Jahre gedauert. Was mich betrifft, würde ich dem nicht ganz zustimmen. Das kann auch schneller gehen. Aber es dauert, sich nach zwanzig Jahren als Profi emotional vom Fußball zu lösen und neue Herausforderungen anzunehmen.

Können junge Talente überhaupt von Ihrer großen Erfahrung lernen? Oder müssen sie diese Erfahrungen selbst machen?

Grundsätzlich sollten wir jeden seine Erfahrungen selber machen lassen. Ich spüre bei unserer Stiftungsarbeit oder bei Goalplay, dass bei jungen Menschen ein großes Interesse an dem Thema Erfolg besteht. Es gibt ja durchaus unterschiedliche Auffassungen, was Erfolg überhaupt ist.

Wie haben Sie Erfolg wahrgenommen?

Ich durfte mit vielen großen Spielern viele Titel gewinnen. Champions-League-Sieger, Deutscher Meister, Pokalsieger und Welttorhüter. Das waren alles große Ziele von mir, für deren Erreichen ich zu allem bereit war. Aber als ich das jeweilige Ziel erreicht hatte, spürte ich häufig auch ein Gefühl von Ernüchterung in mir: So auf die Art: Und was kommt jetzt? Diese Hatz von Ziel zu Ziel, um möglichst viele Titel auf der Autogrammkarte zu haben, ist letztendlich nicht alles. Leider bemerken wir meistens erst hinterher, dass es vor allem die vielen Erlebnisse, also der Weg zum Erfolg ist, der am spannendsten ist. Wenn ich heute an die Zeit zwischen 1999, verlorenes Champions-League-Finale, und 2001, gewonnenes Champions-League-Finale, denke, muss ich sagen: Ich erinnere mich weniger an die Pokalübergabe. Aber ich erinnere mich an diesen langen Weg zum Triumph in vielen Details. Erfolg, der nur auf Zielerreichung basiert, wird schnell schal.

Wie treten Sie als Führungspersönlichkeit jungen Talenten heute gegenüber – als harter Hund oder bester Freund?

Weder noch. In der Oliver Kahn Stiftung ist es unser Ziel, jungen Menschen Perspektiven zu schaffen. Das bedeutet, dass wir sie stark machen, ihre Potentiale erkennen und diese dann individuell entwickeln. Das kann ich nur, wenn ich mich mit den Stärken und Schwächen der Menschen beschäftige und auseinandersetze. „Stark machen“, das ist nicht nur meine Vorstellung vom Umgang mit jungen Menschen, sondern auch meine Vorstellung von Führung. Ein Beispiel.

Bitte.

Ich höre oft: In einer Mannschaft sollten alle gleichbehandelt werden. Ein Team besteht aber aus Individualisten, die ihre Freiräume brauchen. Es besteht aus Teamplayern, die oft unauffällig agieren, aber enorm wichtige Dienste für eine Mannschaft leisten. Und es gibt Führungsspieler, die Spaß daran haben, die Verantwortung zu bekommen und zu übernehmen. Die Qualität des Zusammenspiels eines Teams ergibt sich vor allem aus der Unterschiedlichkeit ihrer Charaktere. Deshalb macht es auch Sinn, diese Spielertypen unterschiedlich zu behandeln, um sie wirklich weiterzubringen und stärker zu machen.

Beim Stichwort „stark machen“ denkt man an strategische Arbeit und Ausrichtung. Wie reizvoll ist der Sportvorstands-Posten beim FC Bayern oder einem anderen Verein für Sie?

Natürlich lockt dieses Geschäft immer mal wieder. Aber ich verspüre große Lust, meine eigenen unternehmerischen Aktivitäten weiterzuentwickeln. Zudem habe ich meinen ZDF Vertrag bis zur Weltmeisterschaft 2018 als Experte verlängert. Deshalb denke ich im Moment nicht darüber nach, wieder in das Fußballgeschäft einzusteigen.

Bayern-Fans dürfen sich auch keine Hoffnung auf Oliver Kahn in einer repräsentativen Funktion machen?

Durch eine Funktion beim FC Bayern, wie sie ja jetzt Giovane Elber, Mark van Bommel und Hasan Salihamidžić übernommen haben, wäre meine Rolle als ZDF-Experte nicht mehr glaubwürdig. Die Spiele des FC Bayern kritisch zu begleiten und gleichzeitig beim FC Bayern einer Tätigkeit nachzugehen, ist nicht miteinander vereinbar. Mehmet Scholl hat die Problematik als Bayern-Amateurtrainer und TV-Experte erlebt. Unter dem Strich ist das eine Frage der Glaubwürdigkeit. Deshalb musste Mehmet irgendwann eine Entscheidung treffen.

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Gilt Ihr „weiter, immer weiter“ für Sie persönlich weiterhin?

„Weiter, immer weiter“ – natürlich gilt das noch. Aber als Spieler hatte diese Aussage eine andere Bedeutung als heute. Da wurde ich konfrontiert mit sportlichen Niederlagen, mit Momenten, in denen es nicht läuft. Da hatte das „weiter, immer weiter“ einen kämpferischen Charakter. Aber ich lebe mein Leben heute nicht mehr mit den alten Mantras, die zu meiner aktiven Fußballzeit ihre Gültigkeit hatten. Mittlerweile begreife ich „weiter, immer weiter“ als Motto für Weiterentwicklung. Für mich formuliert es eine Bereitschaft, die eigenen Komfortzonen immer mal wieder zu verlassen, um die eigenen Grenzen zu überwinden.

Muss der FC Bayern in Zukunft möglicherweise auch mal die eigene Komfortzone verlassen, um weiterhin die Liga zu dominieren?

Der FC Bayern ist seinen Stakeholdern und seinen Anhängern zum ständigen Erfolg verpflichtet. Die handelnden Personen können sich daher ohnehin nie auf dem Erreichten auszuruhen. Die Dominanz, die sich dieser Verein erarbeitet hat, ist eine Folge exzellenter Arbeit in allen Bereichen. Ein Ende der nationalen Dominanz kann ich nicht erkennen. Da müssten schon fatale Fehler gemacht werden.

Trotzdem muss nach und nach ein Umbruch in der Kaderstruktur gelingen. Geht das mit dieser immensen Erwartungshaltung problemlos?

Selbst bei größeren Veränderungen in der Kaderstruktur und einer etwas schwächeren Übergangsphase ist die Qualität der Spieler immer noch hoch genug, um national um Platz eins mitzuspielen. Wenn der Klub einmal Zweiter oder Dritter in der Bundesliga werden sollte, wäre das kein Problem, da die Einnahmen aus der Champions League – und um diese geht es letztendlich – weiterhin fließen würden. Ich sehe ein Problem eher woanders.

Wo?

Es wird auch für Bayern München eine große Herausforderung, den Robben oder den Ribéry der Zukunft zu bekommen. Wenn die Engländer oder Spanier ihre Schatullen in den kommenden Jahren richtig aufmachen, wird die spannende Frage sein: Wie weit ist der FC Bayern bereit, da mitzugehen? Im Krieg um die besten Spieler werden enorme Summen aufgewendet werden müssen. Die Marke von 150 Millionen Euro für einen Spieler wird bald fallen.

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Kann man ansonsten auch als Fernsehexperte ein Spiel verlieren?

Nach dem Halbfinal-Aus bei der EM 2012 gegen Italien verlor die deutsche Nationalmannschaft auch ihr erstes Freundschaftsspiel im August gegen Argentinien mit 3:1. Damals hatte mir nicht gefallen, wie die Mannschaft auf diese Niederlage gegen Argentinien reagierte. Es schien den Spielern egal zu sein. Ich hätte mir mehr Unzufriedenheit bei den Spielern in den anschließenden Interviews gewünscht. Daraus wurde dann eine dieser unsäglichen „Typen-Diskussionen“ gemacht.

Da werden Sie doch immer als positives Beispiel genannt.

Es gibt heute genauso viele interessante Typen, wie sie es zu meiner Zeit gegeben hat. Wer als ehemaliger Spieler mehr Typen fordert, was auch immer damit eigentlich gemeint sein soll, setzt sich immer dem Verdacht aus, mit einem Finger auf sich selbst zu zeigen. Nach dem Motto: Wir brauchen mehr Typen, so wie ich einer war. Mein erster Trainer, Winnie Schäfer, hat von mir verlangt, frech, präsent, lautstark und positiv aggressiv zu sein. Er sagte immer: „Die Spieler müssen wissen, dass du da bist.“ Die heutige Generation von Fußballern hat in den Jugendleistungszentren eine ganz andere Erziehung genossen. Deshalb sind Vergleiche zwischen unterschiedlichen Generationen selten zielführend.

Interview: Felix Seidel

(Das Interview erschien in der 5. Ausgabe von Socrates im März 2017)

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Die WM-Helden der Nationalspieler

Es ist der Traum vieler Menschen: Fußballprofi werden. Schafft man es dann noch zu einer Weltmeisterschaft, ist das Maximum eigentlich schon erreicht. Deutschlands Nationalspieler verwirklichten diesen Traum, sie sind ganz oben angelangt. Wen sie als Jugendliche bei Weltmeisterschaften besonders als Idole sahen, bevor sie selbst zu Stars wurden, verraten Mesut Özil, Mats Hummels und Co. bei SOCRATES.

Nicht alle haben es zur WM geschafft, doch Nationalspieler sind die zehn Spieler, die SOCRATES vor der WM befragt, alle geworden. Thomas Müller und Co. waren einst selbst Fans – und das auch von ihren Idolen. Wer diese waren, erfährt ihr hier…

Klicken Sie auf die Galerie und lesen Sie, wer die WM-Helden der Nationalspieler sind.

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