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Über socratesmagazin

Socrates, das denkende Sportmagazin, erschien erstmals im Oktober 2016 und ist monatlich in Deutschland sowie in weiteren acht europäischen Ländern erhältlich. Hier schreibt die Socrates-Redaktion.

Einträge von socratesmagazin

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Rudi Gutendorf: Im Auftrag des Sauhunds

Rudi Gutendorf hat auf sechs Kontinenten, in 38 Ländern und an 56 Orten als Fußballtrainer gearbeitet. Er wurde umschmeichelt, gefeiert, verflucht, vergiftet – und einmal fast verrückt vor lauter Freude. Rudi Gutendorf ist 91 und hat noch einen Traum. Socrates besucht ihn.

Der Artikel erschien in der 21. Ausgabe

Der Artikel erschien in der 21. Ausgabe

HEIMAT

O, du schöner Westerwaldüber deine Höhen pfeift der Wind so kalt

Die ehemalige Telegrafenstation blickt von einem Hügel über den umliegenden Wald, dessen Bäume ihr Herbstlaub schon beinahe abgeschüttelt haben. Von der nur wenige hundert Meter entfernten Autobahn ist nichts mehr zu hören. Schwere Teppiche auf den Fliesen, Pantoffeln, um auch die Füße der Gäste vor der winterlichen Kälte zu schützen, vor den Fenstern die Rotbuchen des Westerwaldes. Dieser Ort fühlt sich beinahe beängstigend deutsch an, grün, gemütlich, bodenständig, bieder. Dann jedoch öffnet sich hinter einer Tür im ersten Stock die Welt.

Pelé lächelt ebenso von der Wand wie die Nationalmannschaft Malawis, auch Helmut Kohl ist gut gelaunt. Kevin Keegan und KlausKinski lauschen konzentriert, eine japanische Mannschaft stemmt die Meisterschale in den Himmel, der König von Tonga trägt Uniform und Sonnenbrille. Plakate kündigen Spiele von Cosmos New York, China oder den amtierenden Europameistern aus der Tschechoslowakei an. Es ist ein kleines Museum, bis zur Decke gefüllt mit Erinnerungen an eine Trainerlaufbahn, die dem Hausherrn einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde einbrachte. Erinnerungen an 56 Stationen in 38 Ländern auf 6 Kontinenten.

„Ich bin jetzt 91“, sagt Rudi Gutendorf: „Das ist natürlich viel Holz. Glauben Sie nicht, dass ich noch genau weiß, wo das alles war.“ Der Blick schweift über die Wände, die vor ihm ausgebreiteten Bilder, und bleibt an einer afrikanischen Abwehrreihe hängen: „Die drei sehen aus, als könnten sie um die Weltmeisterschaft boxen.“

Rudi Gutendorf ist Westerwälder und Weltbürger. In welcher Reihenfolge ist schwer zu sagen. Vor allem ist er jedoch eines: fußballverrückt. Mit 91 Jahren keinen Deut weniger als mit 19. „Der Ball fasziniert mich einfach. Er lässt sich nicht betrügen. Manchmal ist er launisch, ein richtiger Sauhund. Aber mit ihm ist mir nie langweilig geworden, nie hatte ich die Schnauze voll vom Fußball.“

AUFBRUCH

Heute wollen wir marschier’n einen neuen Marsch probier’n

Die rund sechzigjährige Trainerlaufbahn von „Rudi Rastlos“, wie der Boulevard Gutendorf einst taufte, ist ein Kuriositätenkabinett, ein Füllhorn absurder Anekdoten und Begegnungen. Mit Helmut Rahn versöhnte er sich nach einem Streit im Training auf einer gemeinsamen Kneipentour durch das Ruhrgebiet, auf Schalke verbrannte er vor versammelter Mannschaft die Trikots, in denen sie zuvor eine Niederlagenserie hingelegt hatte.

In Tansania musste der Nationaltrainer die Aufstellung mit Medizinmännern abstimmen, in Chile entging er bei einem Wochenendausflug nur knapp einem Anschlag auf sein Auto. In Peru endete ein Mannschaftsessen für Gutendorf im Krankenhaus – mutmaßlich der Versuch eines aussortierten Spielers, den verhassten Trainer zu vergiften. Und der Traum einer WM Teilnahme 1982 scheiterte an einem tansanischen Postbeamten, der Gutendorfs Zusage an Kameruns Verband verschwinden ließ, um die 84 US-Dollar Gebühr für das Telegramm in die eigene Tasche zu stecken.

Auf seiner endlosen Expedition im Auftrag des ledernen Sauhunds war Gutendorf stets getrieben von Abenteuerlust, Neugier und dem Streben nach Anerkennung. „Wenn ich zwischendurch mal ein paar Wochen zuhause war, ist mir furchtbar langweilig geworden. Ich war erfolgssüchtig, wollte sofort wieder arbeiten.“ Besonders nach Misserfolgen habe er sich nach der nächsten Gelegenheit gesehnt, sich zu beweisen. „Mir selbst und der Welt zu zeigen, dass ich es besser kann, das war ein ständiger Kampf.“

Den Startschuss für das Leben als Weltreisender gab 1961 Gutendorfs Lehrmeister Sepp Herberger. Durch eine Empfehlung des Weltmeistertrainers von 1954 wurde das Auswärtige Amt auf den jungen Koblenzer aufmerksam. Inmitten des Kalten Krieges suchte die Bundesregierung eine Möglichkeit, Tunesiens Staatspräsidenten Habib Bourguiba einen Gefallen zu tun, ohne in dessen schwelendem Konflikt mit der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich Position ergreifen zu müssen.

Bourguiba suchte einen internationalen Trainer für die Nationalmannschaft und seinen aufstrebenden Lieblingsklub US Monastir und Konrad Adenauer wollte der DDR bei der Erfüllung dieses Wunsches zuvorkommen. „Machen Se et jut, Herr Jutendorf“, soll der Bundeskanzler dem gerade einmal 35-Jährigen zum Abschied gesagt haben, „sonst nehmen die einen von der Sowjetzone.“

„Ich habe mich aus der Politik rausgehalten“

So war bereits das erste Engagement im Ausland von großer politischer Brisanz. Dabei wollte Gutendorf sich eigentlich stets auf den Sport konzentrieren, ganz gleich ob als Nationaltrainer im Dienste autokratischer Regierungen, Hoffnungsträger zerrütteter Gesellschaften oder Aufbauhelfer für Fußballzwerge. „Ich hab mich aus der Politik grundsätzlich rausgehalten“, betont er. „Das war mir zu heikel, da wollte ich auch in Interviews nie Stellung beziehen. Damit hätte ich mir als Trainer sowieso nur Feinde gemacht.“

Dennoch sorgte die Bedeutung des Fußballs unvermeidlich für Begegnungen mit Machthabern, Parteifunktionären und Staatschefs. Immer wieder habe er mit Politikern zu tun gehabt, „die den großen Johnny spielen wollten. Die sich nur für Fußball interessierten, um populär zu werden.“ Im Iran wurde er kurz vor der Asienmeisterschaft entlassen, weil die politische Führung nicht mit einem Ungläubigen auf der Bank in das Turnier gehen wollte. Und das Engagement in Chile endete mit dem Militärputsch 1973 – als Freund des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende, mit dem Gutendorf oft bei einem Glas Whiskey über Gott, die Welt und den Fußball sinnierte, geriet er ins Visier der neuen Machthaber und wurde gemeinsam mit dem deutschen Botschafter ausgeflogen.


Der Artikel erschien in der 26. Ausgabe
Vamos Rafa! Die 26. Ausgabe ist im Handel

RIEGEL

Und dem Bursch, den das nicht freut
sagt man nach, er hat kein’ Schneid

Deutlich leichter fiel es dem weltreisenden Trainer, seinen taktischen Prinzipien treu zu bleiben, in Hamburg und Gelsenkirchen genauso wie in Tonga oder Nepal, Fidschi oder Simbabwe. Bis heute ist Gutendorf überzeugt von seiner deutschen Version des Catenaccio, die ihm seinen zweiten Spitznamen einbrachte: „Riegel-Rudi“. Nahezu zeitgleich mit Inter Mailands Trainerlegende Helenio Herrera führte er das Defensivsystem Anfang der 1960er Jahre auch in der gerade ins Leben gerufenen Bundesliga ein.

Eine kompakte Abwehrformation, die sich bei gegnerischem Ballbesitz mit allen Mann in zwei Ketten hinter den Ball zurückzog, sollte den eigenen Strafraum abriegeln und nach Balleroberungen überfallartig nach vorne ausschwärmen, um den weit aufgerückten Gegner zu überrumpeln. Mit dieser simplen, aber revolutionären Idee überraschte Gutendorf die Liga und führte den kleinen Meidericher SV aus Duisburg sensationell zur Vizemeisterschaft 1963/64.

Trotz des Erfolges musste sich der Trainer ebenso wie sein Mailänder Konterpart Herrera des Vorwurfs erwehren, mit dieser defensiven Ausrichtung lediglich zerstören zu wollen. Meiderichs alternder Stürmerstar Helmut Rahn war jedoch zufrieden mit dem Riegel: „Dat Dinge is good“, zitiert Gutendorf den Helden von Bern in seiner Autobiographie: „Da hab ich Platz, um nach vorne zu marschiere.“ Nur mit dem harten Training, dass dieses laufintensive Spiel erst möglich machen sollte, war Rahn nicht immer einverstanden – und damit bei weitem nicht allein unter Gutendorfs Spielern.

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WILDNIS

Ist das Tanzen dann vorbei
gibt es meistens Keilerei

„Ich wollte nicht als vollgefressener Besserwisser am Rand stehen und Befehle erteilen, ich wollte immer mitmachen“, sagt er heute. Aber er sei ein harter Trainer gewesen, habe seine Spieler immer bis zum Letzten gefordert. Rund um die Welt setzte der Koblenzer auf Fitness und Disziplin, auf Bleiwesten und Kopfballpendel, ließ seine Spieler bei Wald-, Wiesen- oder Wüstenläufen einen deutschen Marsch singen: O, du schöner Westerwald…In Peru rebellierten nicht nur die Spieler des Hauptstadtklubs Sporting Cristal gegen diese Methoden. Die Spielerfrauen warfen Gutendorf vor, sein Training mache ihre Männer impotent.

Auch der fußballbegeisterte Filmemacher Werner Herzog, den Gutendorf auf einem Empfang in Lima kennengelernt hatte, erfuhr die Strapazen einer Übungseinheit am eigenen Leib. Als Gast durfte sich der 29-jährige Herzog bei einem Trainingsspiel im direkten Duell mit Cristal-Star Alberto Gallardo messen. „Nach zehn Minuten wusste ich nicht mehr, in welche Richtung wir spielen“, erzählte er später in einem Dokumentarfilm. „Ich wusste auch nicht mehr, welches Trikot wir tragen.“ Auf allen Vieren und von Krämpfen geplagt sei er schließlich vom Platz gekrochen, um sich in die Oleanderbüsche am Spielfeldrand zu übergeben.

Das Derby zwischen Cristal und dem Lokalrivalen Alianza verfolgte Herzog dann von der Tribüne aus. Während die Spieler in den Katakomben noch vor einem kleinen Altar knieten und beteten oder in einem mysteriösen Ritual an die Kabinenwand pinkelten, bis sie „knöchelhoch“ im eigenen Urin standen, bereiteten sich auch die Fans auf den Rängen auf das Duell vor. „Die Alianza-Fans“, beschreibt Gutendorf das Spektakel, „haben in Plastik Beuteln und Präservativen ihren Urin seit Tagen gespart und als Bomben aus ihrer steilen Kurve in die Cristal-Anhänger abgefeuert.“

Auf die Drahtkäfige neben dem Rasen, in die je zwei Soldaten die Trainer der beiden Mannschaften vor Anpfiff geleiteten, flogen neben solchen Geschossen auch ein paar Messer und brennende Sitzkissen. Gutendorf nutzte den Käfig aber auch für seinen ganz eigenen Auftritt. Zur Motivation seiner Spieler tobte und wütete er hinter dem schützenden Gitter so sehr, dass Herzog sich wohl an seinen manischen Hauptdarsteller Klaus Kinski erinnert fühlen musste. Für einen Derbysieg reichte es dennoch nicht, ein 0:2 gegen den Erzrivalen leitet das frühe Ende von Gutendorfs Engagement in Lima ein.

VERSÖHNUNG

O, du schöner Westerwald
über deine Höhen pfeift der Wind so kalt
jedoch der kleinste Sonnenschein
dringt tief ins Herz hinein

Trotz der zahllosen Enttäuschungen, Entlassungen, Pleiten und Konflikte, die das Trainerleben im Laufe von sechs Jahrzehnten unweigerlich mit sich brachte, glaubt Gutendorf bis heute vor allem an eines: die „versöhnende Kraft“ des Fußballs, die er rund um den Globus beobachten konnte. Sein „größter Triumph“ sei dabei ein Unentschieden gewesen. Nur wenige Jahre nach dem Völkermord in Ruanda, der 1994 fast eine Million Menschen das Leben gekostet hatte, sollte er eine gemeinsame Nationalelf aus Hutu und Tutsi formen. „Der Genozid klang in den Köpfen immer noch nach“, erinnert sich Gutendorf an das Misstrauen, das innerhalb der Mannschaft herrschte.

Um Spieler aus den beiden ethnischen Gruppen, die sich fünf Jahre zuvor noch „buchstäblich mit Macheten die Hälse abgeschnitten“ hatten, zusammenzubringen, setzte der Trainer auf gemeinsame – und vor allem kostenlose – Mahlzeiten am Lagerfeuer und die verbindende Kraft des Sports: „Wenn man gewinnt, vergisst man als Spieler den Hass, die Wut und das eigene Elend.“ Als seine Schützlinge einige Monate später der großen Elfenbeinküste ein 2:2 abringen, erlebt der damals 73-Jährige den „schönsten Moment meiner Karriere“. Es sei „wie ein Rausch“ gewesen. Als Hutu und Tutsi sich auf dem Rasen und den Rängen in den Armen gelegen hätten, sei er vor Freude fast verrückt geworden.

Der große Traum

Solche Erfahrungen motivieren Gutendorf auch bei seiner 56. und vielleicht letzten Station – als „Ehrentrainer“ betreut er die TuS International, eine Flüchtlingsmannschaft seines Koblenzer Heimatvereins. „Die Stimmung in der Mannschaft ist toll, die Jungs sind glücklich“, strahlt er. „Das sind auch durchweg anständige und zuvorkommende junge Leute. Es ist unerträglich, dass Flüchtlingen heute vorgeworfen wird, sie würden unsere Gastfreundschaft ausnutzen. Ich bin überall auf der Welt mit offenen Armen empfangen und gut behandelt worden. Und genauso erwarte ich, dass man auch Menschen, die in der Not zu uns kommen, anständig behandelt.“

Mit 91 Jahren gibt es wohl nur noch einen großen Traum, für den Gutendorf sofort in ein Flugzeug steigen und dem Westerwald noch einmal den Rücken kehren würde: ein Spiel im Gazastreifen mit einer Mannschaft aus Israelis und Palästinensern. Vor Jahren hatte er mit Friedensnobelpreisträger und Palästinenserpräsident Jassir Arafat sogar schon erste Pläne diskutiert, die nach Arafats Tod jedoch nicht weiterverfolgt wurden. „Leider herrscht bis heute Kriegsstimmung“, sagt Gutendorf enttäuscht. Vermutlich werde dieser Traum letztlich am Starrsinn der Politik scheitern.

Ganz aufgeben will er ihn allerdings noch nicht. „Sobald die ersten Zeichen von Frieden dort bemerkbar sind, werde ich zum Hörer greifen.“

Simon Haux

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Peter Schmeichel: „Pep, Mou, Klopp? Bedauernswert!“

Peter Schmeichel freut sich über die Entwicklung seines Sohnes Kasper. Er hat aber ein Problem mit der Entwicklung der Premier League und hat auch schon Schuldige ausgemacht. Das Socrates-Interview aus der 26. Ausgabe for free.

Der Artikel erschien in der 26. Ausgabe

Der Artikel erschien in der 26. Ausgabe

Peter Schmeichel, sind Sie nervös, wenn Sie Ihrem Sohn Kasper bei einem Spiel zusehen?

Ich liebe es, ihm zuzusehen. Es ist immer eine wahre Freude. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich war schon nervös bei der Weltmeisterschaft in Russland, was aber mehr daran lag, dass Dänemark gegen Peru große Schwierigkeiten hatte, als an Kasper.

Sind Sie besonders kritisch?

Ich versuche immer, die Emotionen nicht so nahe an mich heranzulassen und objektiv zu bleiben. Eigentlich beobachte ich Kasper so, wie ich die anderen Spieler beobachte. Da mache ich keinen Unterschied. Wenn ich mir ein Spiel der dänischen Nationalmannschaft anschaue, bin ich ein großer Fan und blicke nicht mit anderen Augen auf meinen Sohn. Solange er eine gute Leistung bringt, bin ich auch nicht besonders nervös.

Und wenn er patzt?

Dann leide ich wie ein Tier. Es ist schwer, damit umzugehen. Als er sein Debüt in der Premier League bei West Ham United gab, war ich gerade in Moskau bei einem Dreh. Er rief mich an und sagte: „Es ist so weit: Ich spiele.“ Glauben Sie mir, der Adrenalinkick war so heftig wie selten zuvor. Ich geriet ein paar Minuten in Panik, weil ich ja unbedingt vor Ort sein wollte, aber ich war ganz weit weg. Als Vater will man bei einem der wichtigsten Tage in der Karriere des Sohnes anwesend sein.


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Wie haben Sie das Spiel dann erlebt?

Ich saß vor dem Fernseher und habe ihn genau unter die Lupe genommen: Es gab einige tolle Paraden, in der Luft war er einwandfrei und nach zehn Spielminuten war ich beruhigt. Spätestens zu diesem Augenblick wusste ich, dass er über großes Potenzial verfügt und die Anforderungen und Erwartungen auf höchstem Niveau erfüllen kann. Dann konnte ich den Rest der Partie genießen. An diesem Tag habe ich gelernt, den nötigen Abstand zu wahren.

Wie ähnlich oder unterschiedlich sind Sie beide.

Zunächst sollte man niemals vergessen, dass wir in zwei komplett anderen Epochen gespielt haben. Das Spiel des Torwarts ist heutzutage ein ganz anderes als zu meiner Zeit. Ich hätte damals nie gewagt, einen Ball zwischen unseren Innenverteidigern hindurch auf einen Mittelfeldspieler zu schlagen. Ich gehe mit Vergleichen immer sehr vorsichtig um. Viele Beobachter haben noch nicht verstanden, dass er seine eigene Geschichte schreibt, dass er seine eigenen Stärken hat.

Sobald er eine tolle Leistung liefert, wird er mit Ihnen verglichen.

Das kommt sehr häufig vor. Wenn über Kasper geschrieben wird, sollte mein Name eigentlich gar nicht mehr auftauchen. Als ich Profi war, hatte ich absolut niemanden, mit dem ich jederzeit reden konnte, der mir immer wieder wertvolle Tipps mit auf den Weg gab, der für mich da war. Ich habe mich zu einem Trainingstier entwickelt, war detailbesessen und hatte nur einen Gedanken im Kopf: Bloß keinen Treffer kassieren! Vielleicht habe ich ihn in gewisser Weise geprägt, das will ich gar nicht leugnen. Vielleicht hat er auch dieselbe Einstellung zur Arbeit, die gleiche Mentalität wie ich. Mit dem Umstand, dass er mein Sohn ist, ist er richtig gut umgegangen. Das hätte nicht jeder geschafft.

Peter Schmeichel über Kasper: „Seit er vier Jahre alt ist, kickt er“

Wie beurteilen Sie seine Entwicklung in den vergangenen Jahren?

Meine Philosophie lautet: Jeder Spieler sollte jeden Morgen zum Training erscheinen mit der Idee, etwas Neues zu lernen. Mit dem Alter verändert sich die Spielweise. Das ist bei einem Stürmer nicht anders als bei einem Verteidiger oder einem Torwart. Vielleicht verliert man auf der einen Seite an Explosivität, aber man kompensiert das mit mehr Erfahrung und einer besseren Antizipationsfähigkeit. Unser Hirn speichert so viele Daten, dass man in der Lage ist, viele verschiedene Situationen im Voraus zu erkennen und dann die zwei, drei Schritte mehr macht, um noch besser bei einer Flanke oder einem Schuss postiert zu sein. Das ist bei Kasper genauso. Mit der Erfahrung ist er zweifelsohne noch besser und gefestigter geworden.

Wollte Kasper immer schon Torhüter werden?

Ehrlich gesagt, weiß ich es gar nicht. Ich nahm ihn damals immer zu den Trainingseinheiten von Manchester United mit und er saß jedes Mal hinter meinem Kasten und schaute interessiert zu. In Manchester hieß mein Nachbar Steve Bruce, der auch einen Sohn hatte, der zwei Jahre älter als Kasper war. Auch er ist Profi geworden. Kaum waren sie von der Schule zurück, gingen sie sofort auf die Straße, um stundenlang zu kicken. Seit er vier Jahre alt ist, liebt es Kasper, gegen den Ball zu treten.

Hatte er also nur Fußball im Kopf?

Nein, um Gottes willen. (lacht) Es gab auch andere Aktivitäten, die dafür gesorgt haben, dass er heute ausgeglichen ist. Es gab auch viel Musik im Hause Schmeichel.

War Fußball im Hause Schmeichel ein Tabu-Thema? 

Ganz und gar nicht, aber Fußball war nie das Top-Thema. Dadurch dass er immer beim Training dabei war, bekam er ein Gefühl dafür, was man leisten muss, wie diszipliniert man jeden Tag sein muss, wenn man seinen Traum verwirklichen will. Er hat Spieler wie David Beckham, Paul Scholes, Ryan Giggs oder Éric Cantona erlebt, wie sie Extra-Schichten eingelegt und mit aller Macht an ihren Stärken und Schwächen gearbeitet haben. Er hat aber auch festgestellt, wie hart das Urteil der Leute sein kann. Er musste immer wieder böse Kommentare über sich ergehen lassen, insbesondere von den Eltern der Gegner.

Zum Beispiel?

„Du wirst im Leben nie so gut wie dein Vater werden.“ Solche Sprüche. Ich habe dann die Konsequenzen gezogen und die Spiele seiner Jugendmannschaft nicht mehr angeschaut, weil es einfach unerträglich wurde. Sobald ich anwesend war, wurde der Druck auf seinen Schultern noch größer und das konnte ich ihm nicht länger antun.

Gehört er für Sie zur Weltklasse wie ein Manuel Neuer, Thibaut Courtois, David de Gea oder Jan Oblak?

Ich glaube, dass er noch ein bisschen braucht, weil all diese Keeper seit Jahren konstant auf Top-Niveau spielen und kaum Fehler machen. Sie spielen Jahr für Jahr alle drei Tage und sie kennen auch die Champions League in- und auswendig. Ich wäre noch stolzer, wenn Kasper regelmäßig in der Königsklasse dabei wäre.

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Dafür müsste er Leicester City wohl verlassen und zu einem richtig Großen wechseln. Was halten Sie davon, wenn ein Torhüter für 80 Millionen Euro transferiert wird wie Kepa Arrizabalaga von Bilbao zu Chelsea in diesem Sommer?

Was seit geraumer Zeit auf dem Transfermarkt abgeht, ist total verrückt geworden. Ich finde, dass sich die FIFA und die UEFA an einen Tisch setzen sollten, um diesem Wahnsinn ein Ende zu setzen. Konkret könnte man über neue Regeln nachdenken, damit der Fußball wieder authentischer wird.

Es geht in die falsche Richtung?

Ich stehe der Entwicklung in jedem Fall kritisch gegenüber. Nur ein exklusiver Kreis von Vereinen kann sich die besten Spieler leisten. Aber beim Fußball sollte das Entscheidende doch nach wie vor auf dem Rasen passieren und nicht auf dem Transfermarkt. Ich halte es für positiv, dass so viel Geld im Fußball vorhanden ist, doch muss man höllisch aufpassen, dass die Grenzen nicht überschritten werden und diese unglaublich tolle Spielart irgendwie kaputt geht. Allein wenn ich sehe, was die Berater bei manchen Transfers einkassieren, wird mir schwindlig. Diese Leute haben zu viel Einfluss im Fußball. So viel Geld könnte man doch besser in den Nachwuchs investieren.

Sie haben 2003 aufgehört, verfolgen aber weiterhin die Premier League. Inwieweit hat sich die englische Liga verändert?

Es ist vieles anders. Der größte Unterschied liegt bei den Trainern. Die meisten Teams, insbesondere die Topmannschaften, haben einen ausländischen Coach. Mit der Zeit hat sich die Spielweise geändert. Es wird mit weniger Robustheit gespielt, die Zweikämpfe sind nicht mehr so leidenschaftlich wie vielleicht noch vor zehn oder 20 Jahren. Ich bin ein großer Fan von Kampf und Leidenschaft und will nicht nur Taktik und Ballbesitz-Fußball ohne Ende. Egal,  ob Pep Guardiola bei Manchester City, José Mourinho bei Manchester United oder Jürgen Klopp bei Liverpool, sie sind nicht von der lokalen Fußball-Kultur inspiriert und das finde ich ehrlich gesagt bedauernswert.

Wie sehr leiden Sie mit Manchester United, Ihrem Ex-Verein?

Seit Sir Alex Ferguson sein Amt 2013 niedergelegt hat, ist United im Titelrennen leer ausgegangen und das ist wohl kein Zufall. Der Klub hat auf dem Transfermarkt in den letzten Jahren kein glückliches Händchen bewiesen. Wenn man ein Team nicht in jeder Transferperiode verstärkt, fällt man zurück. Aber unter Mourinho ist man endlich wieder soweit, dass die Gegner mit einer gewissen Ehrfurcht ins Old Trafford kommen, wie zu meiner Zeit, als dort eigentlich nichts zu holen war.

Interview: Alexis Menuge

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Galatasaray – Fenerbahce: Ich hasse und ich liebe

Galatasaray und Fenerbahce haben keine Klassen-Unterschiede. Auch Religion oder Politik trennt sie nicht. Doch warum sind beide Lager verfeindet? Autor Bülent Timurlenk geht für Socrates der Sache auf der Grund.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe #6

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe #6

Am liebsten würde ich eine ganz einfache Erklärung abliefern, doch im Gegensatz zu vielen anderen Derbys irgendwo auf der Welt lässt sich im Fall von Fenerbahçe und Galatasaray leider nicht so problemlos dingfest machen, woher all die Rivalität, der Hass und die Leidenschaft eigentlich rühren. Wo sich bei Boca Juniors und River Plate ein Gegensatz zwischen reich und arm definieren lässt, bei Real und Atlético zwischen Monarchisten und Republikanern, bei Celtic und Rangers zwischen Katholiken und Protestanten, bei Torino und Juventus zwischen Städtern und Zugewanderten, bei Panathinaikos und Olympiakos zwischen alteingesessenen Familien und Hafenbewohnern, fehlt es bei Fenerbahçe und Galatasaray an einem historischen oder soziologischen Faktor, aus dem heraus sich der scharfe Schnitt erläutern ließe, der gleichsam einen Laib Brot in zwei Hälften teilt.

Der manchmal herangezogene Erklärungsversuch, Galatasaray sei eher der aristokratische Verein und Fenerbahçe der bürgerliche, fällt alleine deswegen schon flach, weil es in der Türkei kaum eine Bevölkerungsgruppe gibt, die sich als aristokratisch bezeichnen ließe. Ist mit Aristokratie lediglich gemeint, dass die Schüler des Galatasaray-Gymnasiums um Ali Sami Yen, die den Verein 1905 gründeten, nicht aus der anatolischen Provinz stammten, sondern aus Istanbul beziehungsweise dem Balkan, so mag Galatasaray meinetwegen aristokratisch sein, wenn auch fünf Meter im Abseits. Die Mitglieder von Galatasaray wurden wegen der Unterrichtssprache ihres Gymnasiums stets als „Franzosen“ verhöhnt, doch als man auf der anderen Seite des Bosporus als Konkurrenzverein Fenerbahçe gründete, ging die Initiative dazu wiederum von Schülern eines französischen Gymnasiums aus, nämlich Saint Joseph.

Mit nur zwei Jahren Abstand erfolgte die Gründung der beiden Vereine zu einer Zeit, als das Osmanische Reich allmählich zerfiel und in den Balkankriegen unter die Räder geriet. Als nach dem Ersten Weltkrieg Istanbul von den Alliierten besetzt war und Spieler von Galatasaray und Fenerbahçe gegen englische Mannschaften antraten, waren sie natürlich „Brüder“. Das Osmanische Reich musste ja nicht nur den Fußball erst entdecken, sondern überhaupt den Sport, und Fußballplätze wurden noch nicht Stadion genannt, sondern „Wiese“, wie etwa der Platz, an dem später das Fenerbahçe-Stadion entstehen sollte und zu dieser Zeit „Wiese des Pastors“ hieß.

Zu Galatasaray und Fenerbahçe gesellte sich später noch ein dritter großer Istanbuler Verein, nämlich Beşiktaş, und die Urbanisierung, die im Gefolge der von Atatürk gegründeten modernen türkischen Republik einsetzte, bescherte dem Istanbuler Trio zunächst Hunderttausende und später dann, als die Bevölkerung allmählich an die 80 Millionen heranreichte, gar Millionen von Fans. Vom Zweiten Weltkrieg bis Ende der Sechziger Jahre hatte dabei Fenerbahçe stets mehr Anhänger als Galatasaray.

Warum aber laufen die Türken heute vor allem diesen drei Großen hinterher und leben ihre Fußballleidenschaft nicht lieber dort aus, wo sie geboren oder zugezogen sind? Angeblich gibt es heute 25 Millionen Anhänger von Fenerbahçe, 25 Millionen von Galatasaray und 20 Millionen von Beşiktaş. Wer bleibt da noch für die Hunderte von anderen Vereinen übrig? Oder ist man auch oft für mehr als einen Verein? Eine der Antworten darauf ist in der türkischen Familienstruktur zu finden. Vereinsanhängerschaft gilt dort (wie vieles andere) als eine Art Erbe, das – auch wenn es mal zu Abweichungen kommt – von Generation zu Generation weitergegeben wird. Ein türkisches Kind wird sich für den Verein entscheiden, dem sein Vater anhängt. Eine Frau kann, wenn es denn sein muss, dem Mann zuliebe, den sie heiratet, die Mannschaft wechseln, doch an allem Anfang steht zumeist ein Vater, der mit dem Kind an der Hand ins Stadion geht oder sich im Vereinstrikot mit ihm vor das Radio oder den Fernseher setzt, es in die Vereinshistorie einführt und ihm die ersten Schlachtrufe beibringt.

Wie wohlhabend oder gebildet man ist, in welchem Viertel man wohnt oder die Weltanschauung, spielt bei der Entscheidung für Galatasaray oder Fenerbahçe keine Rolle. Aber wie es halt im Leben ist, führen oft auch Umwege ans Ziel. Kinder aus einer Fenerbahçe-Familie werden durch einen fußballbegeisterten Onkel ins Lager von Galatasaray entführt. Zwillingsmädchen aus einer Beşiktaş-Familie finden nur deshalb, weil sie neben den Trainingsanlagen von Galatasaray wohnen, an deren Gelb und Rot auf einmal mehr Gefallen als am klassischen Schwarz-Weiß. Und während Rahmi Koç, der Gründer des größten türkischen Industriekonzerns, Fan von Beşiktaş war, ist sein Sohn Ali Koç Präsident von Fenerbahçe. Dessen Liebe zu Fener begann, als er als Kind von einem Chauffeur seines Vaters zur Schule gebracht wurde, der leidenschaftlicher Fenerbahçe-Anhänger war…

Fenerbahce-Präsident Ali Koc
Fenerbahce-Präsident Ali Koç

Was ist nun eigentlich das Besondere am Derby zwischen Galatasaray und Fenerbahçe, das gewiss zu den zehn heißesten Derbys weltweit zählt, aber nicht wie die berühmten europäischen Derbys in zig Ländern übertragen wird und es auch nie zu einem eigenständigen Namen gebracht hat, weil alle dahingehenden Versuche (Bosporus-Derby, Interkontinental-Derby, DerbIstanbul) an der Sache abgeglitten sind wie an einer Teflonpfanne?

Die Antwort ist ganz einfach. Da wäre einmal Leidenschaft, dann Liebe, und schließlich Hass. So wie man sich von anderen Menschen nur dadurch unterscheidet, dass man eben nicht die gleiche Sprache spricht, nicht im Körper des anderen steckt, in einer anderen Zeitzone oder nach einem anderen Kalender lebt, so ist man eben für Fenerbahçe oder für Galatasaray. Und so wie bei allen Derbys auf der Welt am Derby-Morgen die Menschen beim Aufwachen schon eine Anspannung spüren, eine Aufregung, einen Adrenalinstoß, so ist es eben auch in Istanbul.


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Während man im Leben sein Herz oft mehr als einmal verschenkt, kann man wenigstens in der Liebe zu Galatasaray oder Fenerbahçe so etwas Heiliges wie ewige Treue ausleben. Woanders mögen Namen und Gesichter wechseln und nur die Formel „Ich liebe dich“ stets die Gleiche bleiben, doch zu Galatasaray oder Fenerbahçe lässt sich aus tiefstem Herzen sagen: „Ich habe nie jemanden anderen geliebt als dich.“ Und wenn einem auch im Grund die Farbkombination des Vereins nicht wirklich steht, füllt man dennoch den Kleiderschrank mit T-Shirts, Trikots und Jacken in Gelb-Rot oder eben Gelb-Blau. Das Derby lässt sich auch damit vergleichen, dass man als Jugendlicher für ein Musikidol schwärmt und sein Zimmer mit Postern von Madonna oder Pink Floyd zupflastert und als Erwachsener dann einen anderen Musikgeschmack entwickelt, sich an jene Poster von damals aber noch immer gern zurückerinnert.

Wer beim Derby den heutigen Spielern zujubelt, hat auch immer noch die alten Legenden der beiden Klubs in Erinnerung, Spieler wie Metin Oktay, Lefter Kü.ükandonyadis, Rıdvan Dilmen, Tanju Çolak, Aykut Kocaman oder Bülent Korkmaz, von denen es damals zahllose Poster gab. Das allererste Derby fand am 17.Januar 1909 statt, und zwar auf dem Platz des Union Club. Mit dem damaligen 2:0-Sieg Galatasarays wurde eine Tradition begründet, die den Zusammenbruch eines Reiches überlebte, der Gründung einer Republik beiwohnte, und die fortgeführt wurde, ob nun politisch gerade die Rechten oder die Linken am Ruder waren, ob es regnete oder schneite, ob es mit der Literatur gerade abwärts oder aufwärts ging, und im Gegensatz zu jeglicher Mode veränderte diese Tradition sich nie. Und einmal selbst aus der Mode kommen wird sie nie.

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Ein Spruch, den Eduardo Galeano wohl in erster Linie über die Menschen seines Heimatkontinents Südamerika getan hat, passt auch recht gut zum Derby Fenerbahçe Galatasaray: „Ein Mann kann sich eine neue Frau suchen, eine neue Religion oder eine neue Partei, aber niemals einen neuen Lieblingsverein.“ Ein Tor, das man beim Derby hinnehmen muss, ist wie eine geliebte Frau, die einen verlässt… Ein verlorenes Derby dagegen ist absolute Verlassenheit. Steht man in der Tabelle hinter dem ewigen Rivalen, fühlt man sich betrogen. Denn dieses Derby zieht sich ja durchs ganze Leben. Der Nachbar ist für Fenerbahçe, der Kollege für Galatasaray, der Friseur für Fenerbahçe, der alte Schulfreund für Galatasaray, der Direktor für Fenerbahçe, und da wird eben andauernd gestichelt und gespöttelt und gewitzelt und verhöhnt.

So braucht man eben, um dieses Derby zu erklären, keine Begriffe wie katholisch/protestantisch, arm/reich oder städtisch/provinziell zu bemühen, denn so etwas braucht der Mensch nicht, um zu lieben und zu hassen. Wie heißt es doch schon beim römischen Dichter Catull: „Odi et amo“ (Ich liebe und ich hasse). In einer Welt, in der die Menschen noch immer nicht begreifen, wie sie jemanden, den sie einst geliebt haben,

nun derart hassen können, blickt das Derby Fenerbahçe-Galatasaray auf 108 Jahre Liebe und Hass zurück, die man überall zugleich spüren kann: zu Hause, auf der Straße, in der Schule, im Büro, im Stadion… Um das zu erfassen, braucht man kein Türkisch zu können, es genügt, so ein Derby einmal in Istanbul anzusehen. Dann werden Sie „Odi et amo“ erleben, zur Genüge.

Bülent Timurlenk

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Lewis Hamilton: „Ich bin eine Marke“

Er ist der besten Sportler der Welt und wieder auf Erfolgsspur. Doch das reicht Lewis Hamilton nicht. Im Cover-Interview mit SOCRATES erzählt der Engländer, warum er sich als Weltmarke sieht. Die 24. Ausgabe ist ab sofort im Handel.

 

Lewis Hamilton: Der Star der anderen Welt

Lewis Hamilton ist auf dem besten Wege Weltmeister in der Formel 1 zu werden. Der Vorsprung auf Sebastian Vettel beträgt bei verbleibenden sechs Rennen 40 Punkte. Doch der Brite sieht sich mehr als „nur“ ein Rennfahrer. Er sieht sich als Weltmarke. Darüber spricht er im Interview mit SOCRATES.

Außerdem schreibt F1-Expertin und Hamilton-Kennerin Karin Sturm, wie der Formel-1-Star in einer Welt, zu der er eigentlich nicht gehört, Anerkennung fand. Ein Leben im fortwährenden Kampf.

Was gibt es noch in der Ausgabe #24?

  • Die NBA startet: Die Invasion der Einhörner steht bevor
  • Lucien Favre: Wie der Schweizer den BVB zu einer besseren Zukunft führen will
  • Vllle Koistinen: Der DEL-Star über kuriose Tore und eine Liebeserklärung
  • Dies und vieles mehr in der neuen Ausgabe von Socrates

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Jason Kidd und Steve Nash: Gegen den Strom

Als Jason Kidd und Steve Nash in die NBA kamen, waren sie Sonderlinge, die teilweise sogar belächelt wurden. Zwei Jahrzehnte später gelten sie als Visionäre und werden völlig verdient in die Hall of Fame aufgenommen.

Text: Ben Golliver

Als Jason Kidd und Steve Nash zum ersten Mal die Bühne der NBA betraten, es war Mitte der 90er Jahre, ähnelten sie dem besten Basketballer aller Zeiten in keiner Weise. Der „nächste Michael Jordan“ zu werden, war eine Bürde, mit der sich ein gewisser Kobe Bryant plagen durfte. Kidd und Nash waren Point Guards, gesegnet mit Brillanz und darauf gepolt, ihre Mitspieler mit dem richtigen Spielzug zu finden. Ihre persönlichen Stärken standen in krassem Gegensatz zu Jordans gnadenloser Mentalität und ihre Schwächen machten den Graben nur noch tiefer. Kein Gegner wagte es jemals, Jordan einen Wurf zu überlassen oder es mit ihm in der Defensive aufzunehmen. Kidd hingegen wurde spöttisch „Ason“ genannt, da er in seinen ersten Jahren keinen Jumper besaß, während Nashs schmächtige Erscheinung ihn zur Sollbruchstelle in der Verteidigung machte.

Abseits des Prismas Jordan überkamen Kidd und Nash die für ihre Position klassischen Wesenszüge. Kidd war groß, kräftig und in der Lage, kleinere Gegenspieler physisch zu dominieren. Er verteidigte über seine Karriere hinweg auf All-Defense-Team-Niveau und startete Fast Breaks gewöhnlich selbst, dank seiner überragenden Reboundarbeit. Seine Vielseitigkeit erinnerte viele an Magic Johnson, doch fehlte es Kidd an Charisma und Körpergröße. Nash erinnerte an John Stockton: klein, unermüdlich und unendlich selbstlos. Nash spielte seine Pässe mit einer einzigartigen Intuition, und einer Spontaneität, die an einen Spielmacher im Fußball erinnerte, und ihn klar von Stocktons roboterhaftem Stil abgrenzte.

Kidd und Nash schwammen zu Beginn ihrer Karriere gegen den Strom in einer Liga, die von Big Men wie Shaquille O’Neal und Tim Duncan beherrscht wurde. Kidd brachte die New Jersey Nets in den Jahren 2002 und 2003 im Alleingang in die Finals, nur um dort von den Lakers und Spurs, angeführt von Shaq und Duncan, besiegt zu werden. Drüben im Westen kam Nash nie ins Finale. Immer wieder blieb er mit Dallas und später mit Phoenix an Los Angeles oder San Antonio hängen.

Selbst von ihren eigenen Teams wurden die beiden Aufbauspieler bisweilen missverstanden und nicht ausreichend wertgeschätzt. Im Alter von 30 Jahren hatte Kidd Wechsel von den Mavericks zu den Suns und den Nets erlebt, während Nash von Phoenix nach Dallas und wieder zurück transferiert worden war. Kidd wurde insgesamt drei Mal in seiner Karriere abgegeben, stets für weniger talentierte Spieler wie Sam Cassell und Stephon Marbury. Nash hingegen wurde erst im dritten Jahr zu einem Starter. In der Hochzeit seiner Karriere beging Dallas einen fatalen Fehler, ließ den Kanadier in der Free Agency ziehen und zerstörte so die einzigartige Partnerschaft zwischen Nash und Dirk Nowitzki.

Diese häufigen Wechsel wären heute undenkbar, sind Franchise-Point-Guards in der NBA doch mittlerweile ein Luxusgut geworden. Wären beide zehn Jahre später in die Liga gekommen, sie wären behutsam aufgebaut, ausreichend entlohnt und von ihren Teams augapfelgleich beschützt worden. Wie Russell Westbrook, Stephen Curry und Damian Lillard. Stattdessen sammelten Kidd und Nash Siege und Assist-Kronen (beide je fünf), während sie darauf warteten, dass die NBA-Intelligentsia entdecken würde, wie sie am besten einzusetzen seien.

Nash fand sein Glück Mitte der 2000er mit zwei MVP-Titeln, als er die „Seven Seconds or Less“-Suns bis tief in die Postseason führte. Headcoach Mike D’Antoni erkannte, dass es schlauer sei, ein System um Nash herum zu bauen – schnell zu spielen, seine magischen Qualitäten als Spielmacher zu fördern und Schützen um den Point Guard herum zu positionieren. Nash mit Konventionen zu behaften, war erfolglos. Und während die Phoenix Suns ihre Gegner überrannten, wuchs Nash zu einem bedeutenden Gegenpol zu den Jordans, Bryants und Allen Iversons der Welt heran. Die Message: Team-Basketball, der alle Beteiligten einbezog, konnte genauso produktiv sein wie die besten Isolation-Scorer der Liga und dabei sogar effizienter. Das Gesicht dieser Philosophie war Nash, der mit einem der makellosesten Sprungwürfe der NBA-Geschichte regelmäßig 50/40/90-Saisons auflegte und trotzdem stets den Pass zum freien Mitspieler bevorzugte.

Über Jahre hinweg schien es so, als würde Jason Kidds Karriere daran scheitern, dass er allein gelassen wurde. Er schaffte es in All-NBA-Teams und genoss individuellen Erfolg, fand jedoch nie einen kongenialen Partner, wie ihn Magic in Kareem Abdul-Jabbar hatte und Stockton in Karl Malone. Mit Mitte 30 kehrte Kidd zurück nach Dallas. Er war ein anderer Spieler, langsamer und besser aufgehoben, aus der zweiten Reihe zu dirigieren. Allerdings war sein Jumper mittlerweile zuverlässig und er selbst mit mehr Wissen gesegnet. In dieser Zeit fand Kidd, wonach Nash bis an sein Karriereende suchte – eine Meisterschaft. Mit 38 Jahren hatte Kidd erhebliche Spielanteile bei den Mavericks, fütterte Nowitzki, versenkte offene Dreier und trickste LeBron James in den Schlüsselsituationen der Finals 2011 aus.

Obwohl Steve Nash und Mike D’Antoni nie den Titel gewannen, um ihre Revolution zu vollenden, war die Niederlage der Suns gegen die Spurs in den Playoffs 2007 ein markanter Wendepunkt in der Geschichte der Liga. San Antonio malträtierte Nash. Im ersten Spiel der Serie verpassten ihm die Spurs eine blutige Nase, in Spiel 4 kam es zu Robert Horrys berüchtigtem Check mit der Hüfte. San Antonio überstand die Serie und gewann anschließend ohne weitere Niederlage die Meisterschaft. Doch der Suns-Stil, geprägt von Spielwitz, Ballbewegung, Small Ball und vielen Dreiern begann sich in der Liga zu manifestieren und schlussendlich durchzusetzen.

San Antonio gewann 2007 den Kampf, Jahre später ergaben sie sich im Krieg der Philosophien. Als die Spurs 2013 erneut in den Finals standen, spielten sie wunderschönen Team-Basketball und keinen „Bully-Ball“ mehr. Der folgende Aufstieg der Golden State Warriors, die Pace-and-Space zelebrieren, hat das Erbe von Steve Nash manifestiert.

Gemessen an den Normen Mitte der 1990er wirkten Kidd und Nash wie Sonderlinge, als sie in die Liga kamen. 20 Jahre später gingen sie als Vorreiter und Visionäre. Kidd verabschiedete sich 2013 in den Ruhestand, jeweils als Zweitplatzierter in der Ewigen Rangliste für Assists (hinter Stockton) und Triple-Doubles (hinter Magic). Nash verabschiedete sich ein Jahr später als drittbester Vorlagengeber der NBA-Geschichte und dem unglaublichen Verdienst, neun Jahre in Folge der Dirigent einer revolutionären Offensive gewesen zu sein.

All diese Rekorde sind nur teilweise dafür verantwortlich, dass Kidd und Nash in diesem Sommer in die Hall of Fame aufgenommen werden. Mit seinen herausragenden Fähigkeiten in allen Bereichen des Spiels wurde Kidd zur Blaupause für Russell Westbrook und all die anderen Allrounder wie Giannis Antetokounmpo und Ben Simmons. Nash revolutionierte das Tempo, das Layout und die Strategie der modernen NBA-Offensive und bereitete damit die Bühne für Stephen Curry und James Harden, zwei herausragende Talente, die D’Antonis Philosophie mit ihren eigenen Stilmitteln erweiterten.

Gemeinsam haben Jason Kidd und Steve Nash für eine Neuorientierung des Spiels gesorgt. In ihre Fußstapfen tritt eine ganze Generation von unangepassten Spielmachern, die Normen auseinanderbrechen und die NBA in eine fruchtbare Zukunft tragen.

Bundesliga 2018/2019: Die Bosse der Liga

Socrates präsentiert das etwas andere Bundesliga-Sonderheft zur Saison 2018/19. Im Fokus stehen die 18 Entscheider der Ligaklubs. Was ist ihre Strategie? Für was stehen sie? Sie sprachen mit Socrates, oder Socrates sprach über sie. Die Sonderausgabe zur Bundesliga ist ab sofort im Handel.

Sie haben nicht alle den gleichen Jobtitel, doch gemeinsam haben sie einiges. Hasan Salihamidzic, Michael Reschke, Jonas Boldt, Fredi Bobic und Co. sind die sportlichen Entscheider ihrer Klubs. Ihre Strategie hat großen Einfluss über Erfolg und Misserfolg. Socrates hat sich zum Start der Bundesliga-Saison auf die 18 Klub-Entscheider konzentriert, hat mit ihnen gesprochen oder über sie gesprochen.

Der Inhalt der 22. Ausgabe

Budesliga-Sonderheft

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Corentin Tolisso: „Ich hatte sofort Tränen in den Augen“

Bayern Münchens Mittelfeldspieler Corentin Tolisso steht mit Frankreich im Finale der WM 2018. Er ist gierig auf den Titel und gibt ein Versprechen.

Interview: Alexis Menuge

Monsieur Tolisso, was bedeutet für Sie die Équipe de France?

Es ist einfach ein Traum. Es ist mein Land, meine Heimat, die wir als Spieler repräsentieren. Wer träumt als Franzose nicht davon, für Les Bleusaufzulaufen und das renommierte blaue Trikot zu tragen? Es gibt kaum etwas Schöneres. Ich bin sehr glücklich, dass ich mich Nationalspieler nennen darf.

Wie war es, als Sie im März 2017 das erste Mal von Nationaltrainer Didier Deschamps in den Kader berufen wurden?

Das war ein magischer Moment. Ich hatte sofort Tränen in den Augen, weil es ja mein größter Kindheitstraum war. Als kleiner Junge habe ich oft davon geträumt und plötzlich ging er in Erfüllung. Das werde ich nie vergessen.

Worauf waren Sie dabei am meisten stolz?

Dass ich mein erstes Länderspiel vor den Augen meines Vaters, der immer für mich da war, und vor den Augen meiner Freunde gespielt habe. Das war großartig und sehr emotional. Außerdem fand das Testspiel gegen Spanien zu Hause im Pariser Stade de France statt.

Welchen Status haben Sie mittlerweile in der französischen Nationalmannschaft?

Die Konkurrenz dort ist sehr groß, vor allem auf meiner Position. Von daher kann ich nie sicher sein, dass ich gesetzt bin. Es gibt keine Garantie, berufen zu werden, auch wenn man gut gespielt hat, wie ich zum Beispiel in den beiden wichtigen WM-Qualifikationsspielen Anfang Oktober in Bulgarien und gegen Weißrussland. Mir ist bewusst, dass ich mich nie ausruhen darf. Das Ticket nach Russland muss man sich erst mal verdienen, und das geht nur, indem man bescheiden bleibt und sich immer wieder pusht. Ich versuche einfach, sowohl im Training als auch in den Spielen mein Bestes zu geben. Ich will mir nichts vorwerfen lassen.

Rud Völler

Es gibt nur einen...

Er ist eine der größten Figuren des deutschen Fußballs, doch Rudi Völler sieht sich nicht als Legende. Das Interview mit ihm, der Gastbeitrag von Waldemar Hartmann, Interviews mit Horst Hrubesch, Moritz Fürste und Co. sowie die 10 größten Sportlegenden der Geschichte in der 21. Ausgabe von SOCRATES. Gleich hier klicken und die Ausgabe bestellen.

Worauf kam es für Frankreich bei der WM am meisten an?

Wir müssen eine Einheit bilden. Das ist bei einem solchen Turnier, bei dem man fünf bis sechs Wochen ständig zusammen lebt, das A und O. Wenn der Zusammenhalt nicht stimmt, dann hat man keine Chance. Dementsprechend glaube ich an uns, weil die Stimmung in unserer Kabine hervorragend ist. Das könnte sogar das entscheidende Element sein. Außerdem…

Ja?

Die Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern stimmt. Diese Mischung sorgt dafür, dass wir uns bestens verstehen und dass wir alle am gleichen Strang ziehen… Außerdem sind alle Spieler bescheiden und hungrig. Wir alle wollen etwas Großartiges erreichen. Die Gier ist groß. 

Wer ist der Top-Star dieser Mannschaft?

Wenn ich ehrlich bin, gibt es keinen Spieler, der besonders heraussticht. In meinen Augen ist der Star einfach die Mannschaft.

Das erinnert an den FC Bayern, oder?

Ja, das stimmt. Wie heißt es so schön: Allein ist man schneller, aber zusammen kommt man weiter. Die Solidarität ist sowohl beim FC Bayern als auch in der französischen Nationalmannschaft der große Trumpf. Wie in München müssen wir wie in einer Familie miteinander umgehen. Dazu gehört auch, dass wir uns manchmal ganz klar die Meinung sagen, aber ehrlich und fair miteinander umgehen.

Sie haben Erfahrungen gesammelt. Wofür steht für Sie der deutsche Fußball?

Wenn ich an den deutschen Fußball denke, habe ich sofort das Endspiel der WM 2002 vor Augen: Deutschland unterlag damals Brasilien. Dann gab es die WM 2006 im eigenen Land mit einer unglaublichen Partie im Halbfinale, als die Italiener das letzte Wort in der Verlängerung hatten. Bei den Spielern hat mir Philipp Lahm durch seine großartige Konstanz auf höchstem Niveau immer imponiert. Ich erinnere mich noch an sein tolles Tor beim Eröffnungsspiel gegen Costa Rica in München. Auch Bastian Schweinsteiger hatte eine tolle Ausstrahlung auf dem Platz, er ackerte ohne Ende. Lukas Podolski hat mich mit seinem Torriecher und seinem unglaublichen linken Fuß ebenso begeistert. Alles Spieler, die mal beim FC Bayern gespielt haben…

Im Mittelfeld der französischen Nationalmannschaft gibt es einige hochkarätige Spieler. Ist die Konkurrenz sogar größer als beim FC Bayern?

Wenn ich ehrlich bin, ist es schwer, beide Teams zu vergleichen. Aber ich stimme auf jeden Fall zu, dass in beiden Fällen die Konkurrenz unglaublich groß ist. In der Nationalmannschaft gibt es Spieler wie Paul Pogba, Blaise Matuidi, N’Golo Kanté oder Adrien Rabiot. Das sind alles Weltklasse-Spieler, und ich könnte noch mehr Namen nennen. In München sind es dann Spieler wie Thiago, Arturo Vidal, Sebastian Rudy, James Rodríguez oder Javi Martínez, auch alles ausschließlich gestandene Nationalspieler. Die meisten haben bereits Halbfinals und Finals in der Champions League bestritten. Meine Konkurrenten in der französischen Nationalmannschaft haben teilweise weniger Konkurrenz in ihren jeweiligen Klubs als ich in München. Hier ist mir immer bewusst, dass ich stets bei 100 Prozent sein und bei jeder Trainingseinheit überzeugen muss. Ansonsten spiele ich nicht. Und wenn ich bei der Nationalmannschaft ankomme, habe ich dieselbe Mentalität, die ich immer in mir gehabt habe. Ich wollte immer schon beweisen, dass ich besser als die anderen bin. Das ist meine Einstellung zu diesem Beruf.

Beschreiben Sie, worauf es in Ihrem Spiel am meisten ankommt?

Ich muss in beiden Strafräumen effektiv sein. Auf der einen Seite, um Tore zu erzielen und den entscheidenden Pass zu spielen, was in meinen Augen den modernen Mittelfeldspieler ausmacht. Auf der anderen Seite, im Spiel gegen den Ball, muss ich weiterhin hart an mir arbeiten. Ich muss in der Balleroberung noch aggressiver werden, um so Freiräume für meine Mitspieler zu schaffen.

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In welchen Bereichen haben Sie die meisten Fortschritte in Ihrem Spiel gemacht, seit Sie im vergangenen Sommer nach München kamen?

Ich bin vielfältiger geworden, ich kann das Spiel besser lesen, schneller antizipieren und Konter des Gegners abfangen. Mit 23 Jahren weiß ich auch, dass ich mich noch entwickeln kann. In München muss ich mich zwischen dem Sechser und Zehner positionieren. Vergangene Saison bei Olympique Lyon habe ich mehrfach als Spielmacher agiert. Von dieser Erfahrung profitiere ich noch heute, weil ich zielstrebiger in die Spitze gehe. Das Wichtigste dabei: Man muss wissen, wo man steht, einfach spielen, um Selbstvertrauen zu tanken und dann die Initiative ergreifen.

In der Offensive fühlen Sie sich am wohlsten, stimmt’s?

Ja, vor allem weil ich ja als Kind im Sturm gespielt habe. Ich liebte es, Tore zu erzielen. Schritt für Schritt ging ich dann nach hinten, bis ich dann Rechtsverteidiger war. Aber diese Position lag mir nicht wirklich, also ging es wieder nach vorne.

Wenn Les BleusWeltmeister werden sollten, dann …

… werde ich mir den WM-Pokal auf den Rücken tätowieren lassen.

 

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Bernard Hinault: „Ich werde mit Amstrong nie ein Bier trinken“

Bernard Hinault ist eines der größten Sportidole Frankreichs und auch mit 63 Jahren geradlinig und angriffslustig wie eh und je. Ein Gespräch über alte Krieger, faule Talente und Doping.

Interview: Alexis Menuge

Monsieur Hinault, Sie haben fünfmal die Tour de France gewonnen. Der letzte Sieg liegt inzwischen über 30 Jahre zurück. Verzeihen Sie uns die plumpe Frage, aber tun Ihnen nicht die Knochen weh, wenn Sie morgens aufstehen?

Ich weiß nicht, was Schmerzen sind und hatte noch nie Probleme mit meinem Körper. Alles gut. (klopft mit den Fingerknöcheln auf den Tisch)

Als Aktiver waren Sie bekannt und auch gefürchtet für Ihre Geradlinigkeit und Ehrlichkeit. Sind Sie sanfter geworden?

Wenn ich etwas zu sagen habe, dann bin ich knallhart. Ich habe keine Angst davor, die Wahrheit auszusprechen. Was das betrifft, bin ich immer noch der Gleiche, nur ein bisschen älter. (schmunzelt)

Vor 40 Jahren nahmen Sie erstmals an der Tour teil – und feierten gleich den Gesamtsieg.

Einige Wochen zuvor hatte ich die Spanien-Rundfahrt gewonnen. Auch bei der ersten Teilnahme. Die Tour de France damals war so etwas wie ein Selbstversuch für mich. Dass es hart werden würde, wusste ich und auch, dass ich es schaffen kann. Zumindest in der Theorie hatten wir es so geplant. An die Tour muss man sich Schritt für Schritt herantasten, erst andere Rennen gewinnen, Geduld haben.

Sieben Jahre später, 1985, gewannen Sie die Tour zum fünften und letzten Mal. Allerdings hatten Sie ein Handicap…

Ich hatte mir die Nase gebrochen, allerdings sehr weit oben, sodass meine Atmung nicht beeinträchtigt war. Es war kein großes Problem, aber eben auch nicht immer einfach. Am höchsten Berg habe ich gelitten wie ein Tier. Aber dann sagte ich mir: „Jetzt zeige ich euch, wer hier der Patron ist.“

Rud Völler

Es gibt nur einen...

Er ist eine der größten Figuren des deutschen Fußballs, doch Rudi Völler sieht sich nicht als Legende. Das Interview mit ihm, der Gastbeitrag von Waldemar Hartmann, Interviews mit Horst Hrubesch, Moritz Fürste und Co. sowie die 10 größten Sportlegenden der Geschichte in der 21. Ausgabe von SOCRATES. Gleich hier klicken und die Ausgabe bestellen.

Ein Jahr später beendeten Sie Ihre Karriere, mit erst 32 Jahren. Warum sind Sie nicht weitergefahren und haben versucht, die Tour ein sechstes Mal zu gewinnen und damit alleiniger Rekordsieger zu werden?

Ich hatte mir die Entscheidung reiflich überlegt und bereitete mich schon eine gewisse Zeit auf das Danach vor. Schon einen Tag nach meinem Karriereende wusste ich genau, was ich zu tun hatte. Es gab da keine Leere, nicht einen einzigen Tag.Es fiel mir nicht schwer loszulassen. Dementsprechend konnte ich das letzte Jahre als Profi in den vollen Zügen genießen, auch wenn ich die Tour nicht mehr gewann.

Was haben Sie seit dem Karriereende konkret gemacht?

Bis 2006 habe ich auf meinem Bauernhof gearbeitet. Glauben Sie mir, auch da musste ich jeden Tag darum kämpfen, die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Und dann engagiere ich mich immer noch bei der Tour de France, helfe in der Organisation mit. Das ist zwar ungeheuer anstrengend, bereitet mir aber immer noch Freude.

Warum sind Sie nicht Trainer geworden?

Ich war sogar als Trainer beim französischen Verband, aber nur ganz kurz. Ein junger Fahrer meinte mal zu mir: „Hätte ich gewusst, dass ich nur Ersatz bin, wäre ich gar nicht gekommen.“ Daraufhin habe ich ihn gefragt, ob er das ernst meine. Und das tat er wirklich. Da dachte ich mir, dass es doch viel sinnvoller wäre, Zeit mit meiner Frau zu verbringen als mit solchen Leuten. Und wäre ich wirklich Trainer geworden, glaube ich nicht, dass es die jungen Radfahrer lange mit mir ausgehalten hätten.(lacht)

Kommt heute manchmal ein junger Fahrer auf Sie zu und bittet um Rat?

Das kann passieren, aber es ist nicht oft der Fall. Mittlerweile haben sie alle ihre eigenen Manager, die sich um alles kümmern. Es ist auch nicht meine Aufgabe, auf junge Talente zuzugehen, aber wenn sie was von mir wissen wollen, stehe ich selbstverständlich jederzeit zur Verfügung. Ein Austausch bringt einen immer weiter.

Ein Themenwechsel, Monsieur Hinault: Wie stehen Sie zu Lance Armstrong?

Er hat dem Radsport zweifelsohne einen immensen Schaden zugefügt. Er hat nicht nur gedopt, er hat auch jahrelang gelogen.Mit ihm werde ich nie ein Bier trinken gehen, auch weil er sich nie für seine gravierenden Fehler entschuldigt hat.

Armstrong hat immer gesagt, es sei schlichtweg unmöglich, die Tour ohne Doping zu gewinnen.

Das stimmt überhaupt nicht. Er hat nur nicht verstanden, dass es auch ohne geht. Er hat alle angeklagt, aber das war ja peinlich.

Würden Sie ihm noch eine Chance geben?

Auf keinen Fall. Er hat unseren Sport verschmutzt. Man muss ihm alle Siege aberkennen.

Ist der Radsport heute wieder sauberer?

Es gibt unheimlich viele Kontrollen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Radsport eine der saubersten Sportarten überhaupt ist. Das Gegenteil zu behaupten, ist Unfug. Schauen Sie sich bloß an, was vor ein paar Monaten bei der Fifa passiert ist, nur um ein Beispiel zu nennen – und es gibt viele andere.

Sie sind während Ihrer Laufbahn mit Doping konfrontiert worden.

Mein erster Konkurrent auf der Tour, Michel Pollentier, hatte falschen Urin unter seinem Arm versteckt. Andere verbargen ihn unter dem Oberschenkel. Aber warum hätte ich dopen sollen? Was hätte es mir gebracht? Ich persönlich war von A bis Z sauber.

Sie wurden in der Szene „Dachs“ genannt. Warum?

Der Spitzname kam von einem französischen Journalisten und danach haben die Rennfahrer das untereinander weitergeben. Der Name blieb hängen. Bis heute werde ich in meiner Heimat so genannt. Der Dachs gilt als angriffslustig, das passt doch perfekt zu mir. (lacht)

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Haben Sie während Ihrer Laufbahn alles dem Radsport untergeordnet?

Soweit ich konnte. Mit meinem damaligen Trainer, Cyrille Guimard, hatte ich immer wieder Meinungsverschiedenheiten, weil er mir Sachen verboten hat. Ich durfte zum Beispiel keinen Rotwein trinken oder ein schönes Stück Fleisch essen, dabei war das für mich ein Hochgenuss. Ich habe mich aber mit meinem Temperament durchgesetzt. Wenn man eine schöne Mahlzeit genießt, kann man anschließend das Rennen noch mehr genießen und ein besseres Ergebnis erzielen.

Wer war damals Ihr ärgster Konkurrent?

Der Konstanteste war der Niederländer Joop Zoetemelk. Er war ein Krieger. Er war körperlich zwar nicht ganz auf meiner Höhe, hat aber nie aufgegeben.Wir haben uns immer harte Zweikämpfe geliefert, was unheimlich viel Spaß gemacht hat.

Seit Ihrem letzten Sieg hat kein Franzose mehr die Tour gewonnen. Noch zwei Jahre länger liegt der Erfolg von Yannick Noah bei den French Open der Tennisprofis zurück. Was ist los mit den französischen Einzelsportlern?

Ich finde es wirklich bedauerlich, dass das schon so lange her ist. Offenbar fehlen uns diese Ausnahmesportler. Für meinen Geschmackist diese gewisse Mentalität, über sich hinauswachsen zu wollen, nur selten vorhanden. Und es mangelt am Temperament.Das kann und muss anders werden, sonst können wir noch lange warten. Unsere heutigen Profi-Sportler sind irgendwie blockiert.

Stimmt die Geschichte, dass Sie als Schüler täglich 20 Kilometer Rad gefahren sind?

Absolut. Zehn Kilometer hin und zehn Kilometer zurück. Manchmal war ich so motiviert, dass ich mit den Lastwagen um die Wette gefahren bin. Das spornte mich mächtig an und ich war immer mindestens so schnell wie die LKW. Das war eine Art von Training, das mir sehr viel gebracht hat.

Woher kam Ihr großer Ehrgeiz, Ihre Gewinnermentalität?

Ich bin mit dieser Gabe auf die Welt gekommen. Als Erster ins Ziel zu kommen, bereitet solche Glücksgefühle! Ich habe hart gearbeitet und wurde dafür belohnt.

Hatten Sie als Kind den Traum, Radprofi zu werden?

Nicht unbedingt, aber mir erschien es besser, als Radprofi Karriere zu machen, als jeden Tag am Fließband zu stehen. Das ist nicht das gleiche Leben.

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Was ist wichtiger: Beine oder Kopf?

Ohne den Kopf kann man nichts erreichen. Im Wettkampf zählt erst der Kopf und dann kommt der körperliche Aspekt dazu.

Wie hat sich der Sport und wie hat sich die Tour seit Ihrer Zeit verändert?

Mittlerweile gibt es bei der Tour de France nur noch eine Sache, die wichtig ist: Es wird nur noch auf den letzten Metern alles gegeben, um eine Etappe für sich zu entscheiden.Früher hat man 80 Kilometer vor dem Ziel richtig attackiert. Das gibt es heute nicht mehr. Das bedauere ich.

Was ist rückblickend für Sie das Schönste an Ihrer Karriere?

Dass ich einfach zwölf Jahre lang auf dem höchsten Niveau Radrennfahrer sein durfte. Es war eine herrliche Zeit, die mich entscheidend geprägt hat. Ein besonderes Rennen zu nennen, würde bedeuten, dass mir andere weniger bedeutet oder gelangweilt hätten, was überhaupt nicht der Fall war. Egal ob bei der Tour de France oder beim kleinsten Rennen – ich hatte immer den gleichen Ehrgeiz und die gleiche Motivation zu gewinnen.

Herr Hinault, wer gewinnt die Tour 2018?

Es sind einige Fahrer, die den Gesamtsieg anvisieren können: Vincenzo Nibalikann eine zweite Tour holen, Nairo Quintanawird sicherlich bis zum Schluss im Rennen sein, sowie auch der Australier Richie Porte, der bei der Tour 2017 durch einen brutalen Sturz das Rennen aufgeben musste. Aus französischer Sicht wird Romain Bardetversuchen, die Farben der Grande Nation würdig zu vertreten. Ich bin gespannt.

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Eine Tüte Deutschland bitte

Wie patriotisch darf man als Deutscher sein? Wie groß darf das Schlaaaand-Gefühl sein? Schriftsteller Moritz Rinke geht für Socrates der Sache nach. Und küsst Uschi Glas.

─── I ───

Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ich war einmal Poolwächter der deutschen Nationalmannschaft. 2006 bei der WM in Deutschland. Eine Freundin von mir leitet mit ihrem Mann die größte Berliner Gebäudereinigungsfirma, welche den Auftrag vom Schlosshotel Grunewald bekam, zusätzlich zum Hotelpersonal Serviceleistungen durchzuführen, die durch zehn externe Reiniger eine größtmögliche Sauberkeit gewährleisten sollten. Ich fragte meine Freundin, ob es nicht elf sein könnten, die Verhandlungen zogen sich Wochen hin, dann war es so weit, ich sollte nicht reinigen, sondern den deutschen Pool bewachen.

Meine Aufgabe war es, Blätter und Insekten, die in den deutschen Pool hineinwehten, mit einem Käscher herauszufischen, Handtücher auszuwechseln und die Liegen nach Benutzung wieder liegefertig zu machen. Es gab noch die Anweisung, weder Autogrammwünsche auszusprechen noch die Gäste in ein Gespräch zu verwickeln, sondern nur den deutschen Pool zu bewachen von einem erhöhten Stuhl aus, ähnlich wie die Schiedsrichter beim Tennis oder die Küstenwache an der Nordsee.

Mein erster Gast am Pool war damals Oliver Kahn, mit Schlosshotel-Grunewald-Badeschuhen und Bademantel. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Kahn nickte auch, dann sprang er mit Kopfsprung in den deutschen Pool. Kahn kraulte vier Bahnen, stieg über den Beckenrand raus, nahm den Bademantel und für das Gesicht nur ein Handtuch, das er auf die Liege warf, und ging.

Zwei Tage später hatte die deutsche Mannschaft ihr Eröffnungsspiel gegen Costa Rica in München und gewann mit 4:2, das erste Tor schoss Philipp Lahm mit einem gebrochenen Arm, deshalb kam er während der WM auch nie an meinen Pool – mit gebrochenem Arm kann ein Philipp Lahm zwar WM-Tore schießen, aber nicht schwimmen.

Zur Begrüßung der siegreichen Mannschaft hatte ich mir etwas überlegt. Ein türkischer Gemüsehändler hatte mir eine Deutschlandfahne angeboten, erst winkte ich ab, dann fragte er, warum ich denn von einem Türken keine deutsche Fahne nehme? Na gut, unter diesen Bedingungen konnte ich vielleicht meine erste Deutschlandfahne kaufen. Ich schaute noch schnell absichernd nach rechts und links, ob mich auch niemand sieht und verlangte nach einer Tüte.

„Warum Tüte?“, sagte der Türke, „Fahne musst du gleich hochhalten gegen Polen!“

„Nein, Tüte bitte!“

„Er kauft Fahne mit Tüte“, sagte der Gemüsehändler verwundert zu seinem Partner.

So in der Öffentlichkeit konnte ich damals noch nicht, das heißt, einfach so für alle sichtbar, für Deutschland jubeln, das kam noch nicht in Frage. Ich freute mich zwar, wenn die Deutschen ein gutes Spiel machten, aber Patriotismus mit mehreren zusammen, das konnte ich nicht, mit einer deutschen Fahne deutsche Siege feiern, das galt irgendwie immer noch als nationalistisch.

„Nein, es ist Patriotismus, der gesunde, neue Patriotismus“, sagte mir meine damalige Freundin, ausgerechnet eine Ungarin. „Du musst zwischen Nationalismus und Patriotismus unterscheiden. Nationalismus ist härter, Patriotismus weicher, nun freu dich doch mal!“

„Ich freue mich auch!“, sagte ich, theoretisch fände ich den weichen Patriotismus sogar schön, aber in der Praxis, mit den Deutschen zusammen, da sei ich eben gehemmt, weil ich mir die Deutschen natürlich in dem Moment, in dem ich versuche, gemeinsam Patriot zu sein, sehr genau ansehe. Das sei ja dann so eine Art Verschmelzung, man müsse ja dann mit den Deutschen verschmelzen und da gucke man sich dann halt vorher noch mal alles genau an – wie im Bordell, gute Schriftsteller sollen ja auch das Leben im Bordell studieren.

 

„Du arbeitest als Schriftsteller im Bordell?!“, fragte sie: „Nein, nein“, sagte ich, „ich versuche dir mein Unbehagen am praktischen Patriotismus zu schildern. Da sitzt man dann fünf Minuten auf der Bettkante, guckt sich alles an und dann kommt der Moment, nee, ich will doch eher eigentlich lieber nicht, so ein komischer aufgeblasener Busen und alles so hau ruck und eben nicht weich, na ja, und so ähnlich geht mir das auch mit dem praktischen Patriotismus in Deutschland.“

Am nächsten Tag hing die Fahne direkt an meinem Schwimmmeisterstuhl und offen gestanden hätte ich das nicht von außen sehen wollen, wie ich auf diesem Stuhl saß, links die Fahne und dann dieser Typ, der die ganze Zeit auf den deutschen Pool starrte, ob da vielleicht irgendwo was herumschwamm, was nicht zur deutschen Mannschaft gehörte.

Plötzlich kam Gerald Asamoah an den Pool, ausgerechnet Asamoah aus Ghana sah mich hier als erster mit meiner Fahne. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Asamoah nickte auch, dann sprang er in den Pool und schwamm. Er sang dabei – und ich fiel fast vom Stuhl – die Melodie „Du gehörst zu mir, wie mein Name an der Tür“ von Marianne Rosenberg.

Macht der das extra, fragte ich mich? Ob er mich blöd fand mit meiner deutschen Fahne? Man singt doch nicht einfach diesen Rosenberg-Song, darin lag doch ein versteckter Patriotismus-Vorwurf? Ich meinte von Seiten Asamoahs, einen ironisierenden Unterton herauszuhören und nahm mir vor, am nächsten Tag eine Fahne von Ghana an meinem Poolwächter-Stuhl zu befestigen. Andererseits, er spielte ja für Deutschland, warum sollte er mich blöd finden und mir Vorwürfe machen?

Dies war der Beginn meiner allmählichen Verwandlung in einen weichen Fußballpatrioten, denn gerade bei dieser WM in Deutschland machte ich große Fortschritte. Beim legendären Elfmeterschießen gegen Argentinien, Viertelfinale, war ich im Berliner Olympiastadion. Dieses irre Elfmeterschießen! Lehmann hatte einen Spickzettel von Andy Köpke bekommen und hielt den entscheidenden Elfmeter, Deutschland war im Halbfinale, Jubel, Jubel! Ich saß neben Uschi Glas, der deutschen Schauspielerin, die mir eine Deutschlandfahne auf die Wange malte. Über mir in der Ehrenloge küsste Angela Merkel Franz Beckenbauer, damals wusste noch niemand, wie das Sommermärchen zustande kam. Ich selbst küsste Uschi Glas nach Lehmanns Parade, einfach so, das war gewissermaßen mein Durchbruch als Patriot. Mein ganzes Leben hatte ich in diesem Nörgelland gelebt, freuen konnte man sich als Kind von 68er-Eltern über deutsche Fußballsiege ja sowieso nicht, das steckte ganz tief als Verbot im Unterbewusstsein, und plötzlich riss ich beim verschossenen Elfmeter der Gauchos die Arme hoch und küsste Uschi Glas.

Wie kann man das nun erklären, sich einfach so von Uschi Glas schwarzrotgold bemalen zu lassen und dann dieser Kuss? Vielleicht war es ein Gefühl, das eben nicht auf ein Statement, einen Kommentar, eine Abgrenzung, eine politisch zementierte und harte Botschaft gemünzt war, sondern es geschah aus einem freien, weichen Gefühl heraus, es war ein freier, liebender Patriotismus, so wie ihn die ungarische Freundin beschrieben hatte, einen Patriotismus, der nicht so sehr auf Kompensation, auf Ersatz für irgendwas beruhte.

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─── II ───

Es folgten weitere Turniere. 2008 die EM in Österreich und der Schweiz; 2010 die WM in Südafrika; 2012 die EM in Polen und der Ukraine. Das waren alles schöne Turniere, mit deutschen Teams, mit denen man sich in seiner angelernten Patriotismus-Laufbahn identifizieren konnte: Odonkor, Kurányi oder Aogo, Boateng, Özil, Khedira, Podolski, Gündoğan oder Mustafi, sie alle spielten in der deutschen Nationalmannschaft. Ich erinnere mich noch an das berühmte erste Migrationsfoto der Kanzlerin während der Qualifikationsphase für die WM in Südafrika. Die Kanzlerin stürmte ohne Anmeldung in die Umkleidekabine der deutschen Mannschaft und ließ sich mit dem halbnackten und erstaunten Özil fotografieren. Das war der Beginn des offiziellen deutschen Diversityfußballs – nur leider betraf diese Diversity nicht immer die deutschen Fans.

Bei der EM 2016 in Frankreich, wir waren ja mittlerweile Weltmeister in Brasilien geworden, hatte ich das erste Mal wieder einen Rückfall in alte Ängste aus der Zeit vor meinem Kauf der deutschen Fahne vom Türken. Ganz einfach: Es wurde mir zu viel…

Ein Deutschland-Spiel sah ich zum Beispiel zusammen mit 2000 Menschen am Postbahnhof im Quartier des 11Freunde-Magazins. Nach dem Spiel warf mir ein 11Freunde-Gast einen China-Böller vor die Füße, danach gab es einen widerlichen Knall.

„Warum machst du das?“, fragte ich.

„Schland!!“, schrie er mich an.

„Ach so“, antwortete ich. (Unfassbar, so ein Superböller explodiert mit einer Lautstärke von 120 Dezibel, ein deutsches Kaninchen fällt dabei tot um!)

Am Abend sah ich dann in der ARD „Waldis EM-Club“ aus einem Studio mit 2000 Leuten, die genauso aussahen wie die Menschen bei 11Freunde. Sie grölten ständig dazwischen, so dass auch die Studiogäste in ihren Aussagen immer lauter, böllernder und schlandmäßiger wurden, damit sie von den Schlandmenschen nicht ausgepfiffen wurden.

Am nächsten Tag beobachtete ich vom Balkon aus, wie ein Mann an seinem Auto arbeitete. Er hatte schon zwei Fahnen hinten, aber jetzt kniete er vor seinem Automobil und hielt eine Deutschlandfolie anpassend vor seinen Tankdeckel. Dann klebte er akribisch die Folie auf den Deckel, wobei er ein kleines Stück seiner gepressten Zunge seitlich herausstreckte, so wie man es manchmal bei Menschen beobachtet, die ein Höchstmaß an Konzentration mit einer Form von herausgepresster Lust verbinden. Die Tatsache, dass die Folie offenbar genau auf den Tankdeckel passte, schien den Mann zu ergötzen.

Diese gepresste Freude mit der wurstartigen Zunge und der Deutschlandtankdeckelfolie war plötzlich für mich zum Symbol dieser Schlandwochen geworden, die man als fußballliebender Purist vermutlich in Zukunft weit weit weg verbringen müsste.

Gepresste Freude, so eine gepresste, angestrengte Schland-Freude oder Schland-Sitte, das war es, was sich mehr und mehr ausbreitete. Die zu entdeckende Freude an einer neuen deutschen Spielkultur unter Jürgen Klinsmann und Jogi Löw von 2006 mit einem völlig anders aussehenden Team, diese Freude hatte sich mit den Jahren in ein irgendwie mechanisch wirkendes Schlandtum verzerrt, das mich eben an die Zeiten unter Berti Vogts oder Rüdi Völler erinnerte, in denen die Spieler Kohler, Schneider, Bierhoff, Ballack, Babbel, Böhme, Hamann oder Ziege hießen und man immer noch von deutschen Tugenden sprach, die die Deutschen 2002 ins Finale von Yokohama gegen Brasilien brachten, wo dann ausgerechnet Kahn, der Titan, mein erster Gast am Pool, versagte, nachdem er sonst alles gehalten hatte.

Ich weiß noch, dass ich während der EM 2016 in Frankreich die Termine meiner Frau in der Ausländerbehörde immer auf Tage der Schlandspiele legte.

In Haus C, Abteilung Z7, im Warteraum C64 mit festgeschraubten Eisenstühlen starrten Afrikaner, Asiaten, Amerikaner und weitere Menschen aus Ozeanien auf eine Anzeigetafel neben dem Nummernautomaten, und ich war mir immer sicher, dass die Ausländerbehörde der einzige Ort in Berlin war, an dem man keine Schlandfahnen sah, keine Schlandtrikots und keine Schlandbacken. Garantiert hatte hier auch keiner Schlandböller dabei oder einen Schlandautospiegel.

─── III ───

Und wo werde ich nun die WM 2018 verbringen an jenen Tagen, an denen Deutschland spielt? 2006 saß kein einziger der AfD im Bundestag, es gab die Partei gar nicht, aber heute ist sie die stärkste Oppositionspartei mit 92 Sitzen und die Form und Inhalte ihrer Reden und oft ruppigen Einwürfe erinnern mich jetzt immer mehr an diesen Schland-Böller vor meinen Füßen im Quartier der 11Freunde. Und nun finden wir also die Böller, Brüller und die deutschen Parolen nicht nur auf den Marktplätzen, sondern auch im Bundestag. Natürlich, das sind keine Naziparolen, und nicht jeder, der AfD wählt, ist automatisch ein Rechtsradikaler – und ich finde sogar, dass man die Ängste dieser AfD-Wähler sehr ernst nehmen sollte – aber was bedeutet diese Spaltung der Gesellschaft für meine alte patriotische Identifikation mit Fußballdeutschland? Wie unterscheide ich meine Identifikation der Lust und der Freude am deutschen Spiel von jener der Deutschland schreienden Identifikation aus dem Gefühl, überfremdet, benachteiligt, weggeschoben, nicht beachtet und ausgegrenzt zu sein? Springe ich bei deutschen Toren auf und jubele und erkläre danach, dass ich das nicht politisch meine? Absurd, ja, aber darüber beginnt man ja schon nachzudenken, so sehr setzt einem schon dieses nationale Gerede zu. Und wie verhalte ich mich, wenn die, die jetzt deutsche Traumpässe bejubeln, eigentlich damit meinen, dass Deutschland den Deutschen gehöre und nicht mal registrieren, dass der Traumpass von Özil kam? Kurz: Was passiert nun mit meiner schönen, weichen Chiffre, Uschi Glas schwarzrotgoldene Wange zu küssen?

Von Moritz Rinke

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