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Über socratesmagazin

Socrates, das denkende Sportmagazin, erschien erstmals im Oktober 2016 und ist monatlich in Deutschland sowie in weiteren acht europäischen Ländern erhältlich. Hier schreibt die Socrates-Redaktion.

Einträge von socratesmagazin

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Kingsley Coman exklusiv: Vom Außenseiter zum König

Lindsay Vonn, Boris Becker und Kingsley Coman zieren das Cover der 30. Ausgabe von SOCRATES. Bayern Münchens Offensivspieler hatte es nicht immer leicht, aber in dieser Saison hat sich der Franzose durchgesetzt. Auch dank Uli Hoeneß, wie er im Exklusiv-Interview verrät.

Kingsley Coman: Der Durchstarter

Der Tegernsee – unweit von München – ist ein wunderbarer Urlaubsort – un das zu allen Jahreszeiten. Ein bisschen Abschalten, das tolle Wetter und die Aussicht genießen. Oder bei Uli Hoeneß vorbeischauen und leckere Kekse essen. Der Präsident des FC Bayern München lud neulich Kingsley Coman ein, um das klubeigene Juwel kennenzulernen. „Nach diesem Gespräch habe ich noch besser verstanden, warum viele Leute sagen, dass der FC Bayern eine Familie sei“, sagt Kingsley Coman im Exklusiv-Interview bei SOCRATES.

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München hat den 22 Jahre jungen Franzosen verändert – zum Positiven. In den vier Jahren beim FC Bayern hat sich Coman sportlich und persönlich entwickelt und freut sich, dass er noch lange beim FC Bayern bleiben darf. Im Interview erzählt Coman auch, warum er nun mehr Fußball guckt als früher – und wie die Freundschaft zu Joshua Kimmich entstanden ist.

Was gibt es sonst in Ausgabe #30?

Lindsay Vonn und Boris Becker

Nach fast zwei Jahrzehnten im Ski-Zirkus hat Lindsey Vonn ihre einzigartige Karriere beendet. Bevor sich die bekennende Chaos-Liebhaberin kopfüber in den Unruhestand stürzt, fand sie Zeit für ein bemerkenswert offenes Gespräch. Und: Wenn man die Gelegenheit hat, mit Boris Becker zu sprechen, muss man sie nutzen und viele, viele Fragen stellen, denn der inzwischen 51 Jährige scheut keine klaren Worte. Ein Gespräch über alte und neue Zeiten, große Helden und die Krux mit den Millennials.

Außerdem in dieser Ausgabe

  • Exklusiv-Interview mit Juventus-Star Emre Can
  • Exklusiv-Interview mit Bayerns Nachwuchschef Jochen Sauer
  • Exklusiv: Die Kolumne von Javi Martinez
  • Exklusiv-Interview: Amelie Mauresmo
  • Exklusiv-Interview: Yannic Seidenberg
  • Das Special zum Formel-1-Start
  • u.v.m.

Für nur 10 Euro: Das Socrates-Testabo

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Zum Karriereende von Felix Neureuther: „Keine Zeit für Fußball“

Rosi Mittermaier und Christian Neureuther wollten nie eine Inspiration für ihren Sohn sein. Stolz sind sie trotzdem. Ein Elterngespräch über die Liebe zum Schnee und über einen weinenden und schreienden Felix Neureuther.

Was finden Sie faszinierend am heutigen Ski-Sport?

Christian Neureuther: Die Solidarität und der Zusammenhalt bei den Herren. Zum Beispiel, wenn ich die tiefe Freundschaft zwischen unserem Sohn Felix und dem Franzosen Julien Lizeroux sehe. Beide telefonieren fast täglich. Den Julien lieben wir einfach. Und der Zusammenhalt unter Spitzen-Sportlern ist in meinen Augen etwas Elementares im gesamten Welt-Sport. Bei einem Slalom-Rennen gibt jeder sein Bestes und jeder fährt mit dem Messer zwischen den Zähnen, aber gleich nach dem Rennen werden sie wieder zu Freunden, egal, wie das Rennen für alle Beteiligten ausgegangen ist.

Rosi Mittermaier: Als sich Julien vor ein paar Jahren schwer verletzt hatte, hat Felix ihn stets unterstützt und aufgemuntert. Er hat ihm geraten, zu einem kompetenten Arzt zu gehen, den er länger kannte. Beide sehen sich regelmäßig. Sie sind unzertrennlich.

CN: Und eine Sache würde ich gern noch hinzufügen: Ich habe in meinem gesamten Leben eine solche tiefe Freundschaft wie die zwischen Felix und Julien noch nie erlebt.

Gab es zu Ihrer Zeit also keine solchen Freundschaften unter Skifahrern?

RM: Es gab schon eine Art Zusammenhalt, das kann man schon sagen. Kurz vor dem Ende meiner Laufbahn habe ich mich um junge Fahrerinnen gekümmert. Als eine Art Sprecherin habe ich immer wieder dafür gesorgt, dass man gemeinsame Aktivitäten unternimmt. Zum Beispiel, dass wir den Geburtstag von jeder einzelnen feiern. Wir waren auch manchmal in der Oper. Es waren tolle Erlebnisse, die zu einem starken Zusammenhalt geführt haben.

CN: Alles, was mit Neid oder Eifersucht zu tun hat, ist im Ski-Leben völlig fremd, und zwar bei den Herren. Bei den Frauen ist es ein bisschen anders geworden. Früher zogen alle an einem Strang, aber heute ist definitiv mehr Eifersucht unter den Fahrerinnen zu spüren. Die Herren treten gegeneinander an, alle wollen gewinnen und geben dafür alles. Aber nach dem Rennen sind sie eine internationale Gemeinschaft, in der einer dem anderen hilft und sich auch für den anderen freut. Sicher spielt dabei auch das Umfeld mit all den Gefahren und Tücken des alpinen Rennsports eine Rolle. Das war im Bergsport schon immer so, da musst du zusammenhalten, um zu überleben.


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Ihr Sohn Felix sagt, zu jedem Ski-Ausflug gehört auch ein gewisser Kick. Gilt das auch für Sie?

CN: Nicht mehr in dem Ausmaß wie bei Felix, aber ich habe schon auch gerne ein gewisses Abenteuer dabei. Zu steil gibt es eigentlich nicht.

RM: Den Kick brauche ich nicht. Ich fahre schon überall hinunter, und freue mich überjeden Tiefschneehang. Aber ob der jetzt besonders steil ist oder nicht, spielt für mich keine Rolle.

Hat es zu Ihrer Zeit mehr Spaß gemacht, Rennläufer zu sein als heute?

RM: Es ist heute, wie wir es mit Felix erleben, genauso, wie es früher war. Das ist unser Gefühl. Da geht einem das Herz auf. Der Felix ist zum Beispiel beim Training am Matterhorn und ruft an und sagt: „Wir sind in der Früh als Erste oben, es geht die Sonne auf, und wir fahren in den Hang rein.“ Das ist Skisport, das ist atemberaubend. Auch die gegenseitigen Freundschaften sind gleichgeblieben und auch die Wettkämpfe. Diese Spannung, die ein Skirennen bringt, ist unglaublich, die geht dir, wenn du aufhörst, ab. Da fragst du dich: Was mache ich eigentlich jetzt in meinem Leben, damit ich wieder Spannung reinbringe?

An dem Punkt ist jetzt Ihr Sohn.  Welche Erinnerungen bleiben von Felix’ ersten Schritten auf den Skiern?

RM: Als er zweieinhalb Jahre alt war, hat er zu Weihnachten ein paar Ski geschenkt bekommen. Am nächsten Tag habe ich ihn auf eine Piste für Kinder in Garmisch begleitet. Ich habe ihm seine Ski vorbereitet. Er war wie im siebten Himmel. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Sofort ist er zum Lift gefahren. Ich sagte ihm, dass er unmöglich fahren könne, weil ich meine Ski zu Hause gelassen hatte. Er hat aber den Lift nicht mehr losgelassen und wollte unbedingt fahren. Er machte auf stur. Ich habe ihn dazu gezwungen, sofort den Lift zu verlassen. Dann hat er minutenlang geschrien und geweint. Anschließend habe ich ihn ins Auto zurückgebracht. Eine Dame hat uns dabei beobachtet und sie hat dann laut erzählt: „Frau Neureuther zwingt ihren Sohn, Ski zu fahren.“ Es war aber genau das Gegenteil. Ein paar Tage später sind wir erneut nach Garmisch gefahren und als wir oben auf der Piste waren, wollte der Felix unbedingt runterfahren. Dabei musste ich ihn fangen. Er hat mich dazu gezwungen, den Lift zu nehmen und an der Spitze der Piste zu warten. Ich hatte keine Wahl.

Hat ihn der Schnee fasziniert?

RM: Das kann man so sagen. Er war immer draußen und er hat sich mit dem Schnee ständig amüsiert.

CN: Damals verbrachte er auch viel Zeit mit Bastian Schweinsteiger, der auch ein sehr talentierter Skifahrer war. Basti hat sogar an vielen Ski-Rennen teilgenommen. Eine Zeit lang hat er überlegt, ob er sich für Fußball oder Ski entscheiden soll. Mit dreizehn hat er sich doch noch für den Fußball entschieden. Er hat oft bei uns übernachtet.

Gab es für Felix nur Ski als Sportart?

RM: Nein, er liebte auch Fußball. Er hat sogar beim FC Garmisch gespielt. Eines Tages hat ihn sogar ein Scout gefragt, ob er später Fußball-Profi werden möchte. Felix antwortete: „Ich habe keine Zeit, weil ich Ski fahren will.“

CN: Der Umstand, dass er in dieser Region geboren und aufgewachsen ist, hat dafür gesorgt, dass für ihn kein Weg an den Ski vorbeigehen konnte. Mit uns als Eltern war er irgendwie vorprogrammiert, eine solche Karriere hinzulegen. Von Kind auf hatte er exzellente Ergebnisse. Das hat ihm viel Schub für die Jahre danach gegeben.

Was für eine Art von Eltern waren Sie: eher streng oder cool?

CN: Irgendwo dazwischen. Die Mischung macht’s. Als Vater oder Mutter will man dafür sorgen, dass sein Sohn unter besten Bedingungen aufwächst, um so hoch wie möglich zu kommen. Das Wichtigste war, dass er gar keinen Druck spürt, vor allem mit diesem Namen. Das war die größte Hürde. Dieser Name durfte ihn keineswegs stören. Wir haben ihm eine gute Technik beigebracht, sowie die Einstellung, die man auf dem höchsten Niveau haben soll. Aber es war genauso wichtig, ihm gewisse Freiheiten zu lassen, dafür zu sorgen, dass er selbstständig wird. Zum Beispiel haben wir ihn bei den Rennen nicht begleitet. Aber unser Auge als Ex-Profi war schon präsent und ich habe meine Meinung gesagt, sobald ich es für nötig gehalten habe. Manchmal bin ich gegenüber den Verbandstrainern laut geworden. Für die Ski-Rennfahrer ist es schwer, ohne die Eltern Karriere zu machen. Fragen Sie mal bei Marcel Hischer, Alberto Tomba oder Ingemar Stenmark nach.

Wann war für Sie klar, dass Felix sehr weit kommen würde?

CN: Sehr früh haben wir sein Talent erkannt. In der Jugend war er immer der Schnellste. Obwohl er jedes Rennen für sich entscheiden konnte, ist er immer bescheiden geblieben. Er ist nie abgehoben. Er war so stark, dass er sich mit älteren Rennfahrern messen sollte, damit er sich noch schneller entwickelt. Doch bevor er sein Potenzial voll ausschöpfen konnte, musste er einige Niederlagen verkraften, wie bei den Olympischen Spielen von Turin (2004, Anm. d. Red.). Ich habe viele Diskussionen mit ihm geführt, um ihm zu verstehen zu geben, dass er einige Sachen an seiner Einstellung ändern müsse, wenn er seine Ziele erreichen will.

Inwieweit hat er von Ihrer langjährigen Erfahrung profitiert?

RM: Von meiner eigenen Erfahrung hat er eigentlich überhaupt nicht profitiert, weil er lange gar nicht wusste, dass ich früher auf höchstem Niveau Ski gefahren war. Zu Hause wurde darüber kaum gesprochen. Eines Tages hat mich Felix in einem Buch gesehen mit einer Medaille um den Hals auf einem Podium. Er war zehn Jahre alt. Ab diesem Zeitpunkt hat er angefangen zu realisieren, was seine Mutter für eine Laufbahn hatte.

CN: Wir tauschten uns aus über das Material, das er benutzt. Wenn ein Kind noch relativ klein ist, braucht es ein paar Tipps, bevor es immer selbstständiger wird. Nun tauscht er sich vor allem mit seinen Trainern aus. Es wäre allerdings nicht normal, wenn ich ihm heute noch assistieren würde. Mit mir hat er übrigens den Vorteil, dass er keinen Manager braucht. Ich kümmere mich sowohl um seine Finanzen als auch um sein Image. Somit kann er sich voll auf seine Rennen fokussieren.

Sind für ihn seine Eltern eine Art Inspiration gewesen?

RM: Wir? Bloß nicht! Vor ein paar Monaten sind wir alle zusammen Ski gefahren, was nicht oft vorkommt, und dabei hat mir Felix geraten, breiter zu machen. Aber es ist ja mein Stil, relativ eng zu fahren. Ich habe trotzdem seinen Rat angenommen und sofort hat er zurückgerudert: „Fahr doch lieber, wie du es meinst.“

CN: Sein einziges Idol war Alberto Tomba. Bei einem Rennen in Garmisch habe ich Tomba zum Flughafen gefahren und Felix saß hinten. Damals war er sieben oder acht Jahre alt. Alberto hat sofort dafür gesorgt, dass sich Felix wohl fühlt.

RM: Alberto hatte ihm einen Kaugummi angeboten, den Felix in der Nacht danach an sein Bett geklebt hat. Als eine Art Glücksbringer. Er war von der Persönlichkeit Tombas schlichtweg begeistert. Bei jedem Rennen nahm er den Kaugummi mit.

Interessiert sich Felix auch für andere Sportarten?

CN: Ja, er verbringt Zeit mit Golfen, Radfahren und Fußball. Es sind wichtige Sportarten für seinen Ausgleich. Er könnte theoretisch auch andere Aktivitäten betreiben, aber das will er nicht. Ich hätte mir gewünscht, dass er ein Fernstudium absolviert, aber er wollte sich lieber aufs Skifahren fokussieren.

Wie verfolgen Sie seine Rennen?

RM: Selten vor Ort. Wenn, dann im Publikum mit einer Kanne Tee und einem Rucksack. Ansonsten zu Hause vor dem Fernseher. Aber sobald ein Fahrer stürzt, mache ich den Fernseher aus oder ich verschwinde, weil dann die Bilder mehrfach gezeigt werden und das kann ich mir nicht antun.

CN: Ein Rennen vom Felix zu verfolgen, ist grausam. Vor dem TV fühlt man sich eher machtlos, man kann ja nichts beeinflussen. Für die Nerven ist es die Hölle.

RM: Ich schaue lieber die Rennen vor dem Fernseher an. Bei jedem Rennen notiere ich in einem Heft die Abfahrtszeiten aller Teilnehmer. Viele machen sich über mich lustig, weil es ja eine alte Methode ist und weil man ja sofort alles mit dem Handy aufrufen kann, aber in diesem Heft findet man einfach alles. Es ist mir von Bedeutung. Auf bestimmten Seiten habe ich in großen Buchstaben die Siege vom Felix geschrieben. Ich schreibe ebenfalls die Fehler der anderen Fahrer auf. Dieses Heft ist dazu da, mich zu beruhigen, weil ich schnell alles nachschauen und überprüfen kann.

Sind Sie stolz, dass Felix dermaßen beliebt ist?

RM: Am stolzesten bin ich auf seine persönliche Entwicklung. Um ihn braucht man sich nie Sorgen machen, weil er stets bescheiden und bodenständig ist. Ihn kann nichts erschüttern. Das Geld interessiert ihn nicht. Das Einzige, was er will, ist ein kleines Haus, wo es nicht zu viel Arbeit geben würde. Ihm ist bewusst, dass seine Karriere nicht ewig dauern wird. Er genießt jeden Augenblick.

Interview: Alexis Menuge

Stolz auf ihren Sohn: Rosi Mittermaier und Christian Neureuther

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Gucken Sie Liebesfilme, Hans-Joachim Watzke?

Hans-Joachim Watzke ist seit fast 15 Jahren Geschäftsführer bei Borussia Dortmund und lebt den Spagat zwischen emotionaler Hingabe und totaler Rationalität. Im großen Interview mit SOCRATES spricht der BVB-Boss über Liebe und Geld, Gesellschaft und Moral, Klopp, Favre und noch viel mehr. Dies und mehr in der neuen Ausgabe.

Hans-Joachim Watzke: Echte Liebe

Hans-Joachim Watzke ist kein Träumer. Dafür hat der 59 Jahre alte Geschäftsführer von Borussia Dortmund einfach schon zu viel erlebt. Aber emotional wird der BVB-Boss schon, vor allem, wenn es um seinen Klub geht. SOCRATES traf Watzke zum Interview, um über diese Liebe zu sprechen. Erlaubt der Job Emotionen? Wie echt ist noch die Liebe im Fußball? Wie groß ist sie noch zu Jürgen Klopp? Und guckt Watzke eigentlich Liebesfilme? Alle Antworten gibt er in der aktuellen Ausgabe von SOCRATES.

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Doch Watzke macht sich nicht nur um den BVB Gedanken? Der BVB-Geschäftsführer sorgt sich um die Gesellschaft in Deutschland, sieht eine Zerreißprobe auf das Land kommen. Watzke sieht einen Sittenverfall, den es aufzuhalten gibt. Watzke sagt: „Die Tendenz ist da! Früher war das deutlich anders, die Menschen haben vielleicht einfach spießiger gelebt. Ein ganz banales Beispiel: Früher hast du gemerkt, dass Sonntag war, weil alle ordentlich angezogen waren. Heute siehst du das nicht mehr.“ Einen Lösungsansatz verrät Watzke auch.

Was gibt es sonst in Ausgabe #29?

Javi Martinez: Die erste Kolumne

Gerade eben hat erst Javi Martinez eine grandiose Leistung im Trikot des FC Bayern wieder hingelegt. Beim 0:0 in Liverpool war Martinez der beste Mann auf dem Platz. Medien, Fans, Mitspieler, Trainer – alle attestierten ihm eine überragende Leistung. Doch Javi Martinez ist ein vielseitiger Typ – nicht nur auf dem Platz. In der aktuellen Ausgabe gibt es die erste Kolumne, die der Bayern-Profi exklusiv in SOCRATES schreibt. Wie er das Glück auf dem Fahrrad fand und was der beste Weg zum Profi ist, verrät er in seiner ersten Kolumne.

Außerdem in dieser Ausgabe

  • Uli Hoeneß: Papa auf Abruf beim FC Bayern?
  • Exklusiv-Interview: Stefan Edberg
  • Exklusiv-Interview: Marc Marquez
  • Exklusiv: Luka Doncic
  • Exklusiv-Interview: Robin Sönderling
  • u.v.m.

Für nur 10 Euro: Das Socrates-Testabo

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Nachruf auf Matti Nykänen: Held oder Antiheld?

Matti Nykänen war das Aushängeschild eines ganzen Landes. Doch der Absturz kam genauso schnell wie der Aufstieg. Aus einem Helden wurde ein Stripper, der aus Not seine Medaillen verkaufen musste. Im Alter von 55 Jahren starb nun Nykänen. Ein Nachruf seines Biografen Egon Theiner.

Es war ein launiger Sommerabend vor über zehn Jahren in Kotka, einem finnischen Küstenstädtchen zwischen Helsinki und der finnisch-russischen Grenze. In einer Entzugsanstalt inmitten von Wäldern war Matti Nykänen der jüngste, sportlichste und selbstverständlich prominenteste Patient. Und er war ein außerordentlich freundlicher und höficher Mann.

Was für ein Wandel. Noch 20 Jahre zuvor, in den 1980ern, war der Finne die Diva der Skisprung-Szene. Er sprach nur mit einigen wenigen Konkurrenten, ignorierte die meisten und ließ sein Material – Sprunganzug und Ski – schon mal an der Schanze zurück in der arroganten Annahme, einer der Betreuer oder Teamkameraden würde sich schon darum kümmern.

Nykänen war ein unruhiges Kind

Der Junge aus Jyväskylä, der am 17. Juli 1963 geboren worden war, genoss als Skispringer, sagen wir: Narrenfreiheit. Der nationale Skiverband war an den Siegen und Medaillen seines Vorzeigesportlers interessiert, disziplinarische Vorfälle wurden nur höchst selten ausgesprochen. Schlägereien mit Mannschaftskameraden, Saufgelage und Partys vor wichtigen Sprüngen schafften es kaum in die Zeitungen. Auf den Bildern zu sehen war ein grinsender Sportler, schüchtern, eigen, selbstbewusst.

Wüchse Nykänen heute auf, würden einige behaupten, er leide unter der Aufmerksamkeitsdefzit und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). In den 1960ern wusste die Medizin nicht allzu viel darüber. Nykänen war ein unruhiges Kind, schlecht in der Schule und fand im Skispringen seine Erfüllung: In einem Sport, der ruckzuck vonstattenging, unterstützt von einem Trainer, Matti Pulli, der mit innovativen Übungsmethoden die Stärken seines Schützlings förderte. Und der Matti Nykänen zu einem Helden machte.

Pullis böse Vorahnung

Kein anderer Springer hat bei allen Wettbewerben, die es gibt, in Einzel-Konkurrenzen gewonnen: Olympische Spiele 1984 und 1988, Weltmeisterschaft 1982, Skisprug-WM 1985, Vierschanzentournee 1982/83 und 1987/88, Gesamtweltcup 1983, 1985, 1986, 1988. Ins- gesamt feierte der Finne 46 Siege bei Weltcup-Springen. (Der „Rekord für die Ewigkeit“ wurde erst 2013 vom Österreicher Gregor Schlierenzauer gebrochen, anm. d. red.)

1991, bei der WM in Val di Fiemme, verwüstete Nykänen sein Hotelzimmer, wurde Letzter auf der Großschanze und auf dem kleinen Bakken gar nicht mehr aufgeboten. Nun wurden die Worte wahr, die Matti Pulli einmal über ihn gesagt hatte: „Ich mache mir um ihn Sorgen, wenn er einmal nicht mehr springen wird.“

Matti Nykänen wurde vom Helden zum Antihelden

Der Glanz des großen Namens, die Achtung, die ihm entgegengebracht wurde, duellierte sich mit der uneingeschränkten Liebe zum Alkohol, mit falschen Freunden, mit der Unfähigkeit, zu Vereinbarungen zu stehen und mit Frauen, die es gut und weniger gut mit ihm meinten.

Der große Name wurde von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat kleiner. Nach jeder seiner Taten, die die Finnen schmunzeln oder staunen ließen. Nykänen versuchte sich als Sänger. Der Song „elämä on laif i“ (Das Leben ist live) schaffte es hoch hinauf in die Charts. Aber er war kein Sänger. Fiel das Playback aus, war ein grölender alternder Mann zu hören.

Verkaufte Medaillen

Nykänen verkaufte aus finanzieller Not all seine Medaillen, kellnerte und strippte (auch wenn er es immer wieder abstritt, doch Poster und Bilder zeigen die Wahrheit), ging erfolglos in die Politik, heiratete drei Mal und ließ sich ebenso oft scheiden. Bei der Polizei war er wohlbekannt, weil diese wiederholt wegen häuslicher Gewalt zu Hilfe gerufen wurde. Schließlich landete er nach einer Messerattacke gegen einen guten Bekannten im Gefängnis.

Matti Nykänen wurde vom Helden zum Antihelden, in Finnland ist sein Name ein Inbegriff für misslungene Taten.

„Die Spur in meinem Leben war manchmal schnell und manchmal langsam“, sagte Nykänen einst selbst. Bleibt er als herausragender Skispringer, als Held oder als begnadeter Trinker und Halunke in Erinnerung? Um es mit einem bekannten, wenn auch inhaltlich misslungenen Zitat Nykänens zu sagen: „Die Chancen dafür stehen fifty-sixty.“

Autor: Egon Theiner

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Wade Phillips: Der Defense-Flüsterer

Die Los Angeles Rams gehören spielen beim Super Bowl um den Titel in der NFL  – auch dank Wade Phillips. Mit mittlerweile 71 Jahren ist der „Son of Bum“ das Gegenstück zum jungen Head Coach Sean McVay. Zum alten Eisen aber gehört er noch lange nicht.

Der Artikel ist in der Ausgabe #23 erschienen

Der Artikel ist in der Ausgabe #23 erschienen

Ein neuer Anfang muss her… Als die Los Angeles Rams am 12. Dezember 2016 Head Coach Jeff Fisher feuern, neigt sich eine miserable Premierensaison dem Ende zu. Der Hype um die Rückkehr von St. Louis in die Stadt der Engel ist abgeklungen, wenn es ihn überhaupt gegeben hat – mit den Playoffs hat man nichts zu tun. Um auf dem proppenvollen Markt der Möglichkeiten in L.A. zu bestehen, braucht es schnellen sportlichen Erfolg.

Dafür ist man im Front Office bereit, neue Wege zu gehen: Genau einen Monat nach Fishers Entlassung geben die Rams die Verpflichtung von Sean McVay bekannt. Der 30-Jährige, bis dahin aufstrebender Offensive Coordinator der Washington Redskins, ist der jüngste Head Coach der NFL-Geschichte.

McVays Job war nur eine Frage der Zeit

Wobei das keine allzu große Überraschung ist: McVay gilt als Football-Wunderkind. Der Jungspund hat in der Hauptstadt mit Kirk Cousins für Aufsehen gesorgt und soll nun das eigene QB-Talent Jared Goff in die Spur bringen. McVays erste Stelle als Head Coach, sie war eigentlich nur eine Frage der Zeit. Überraschender ist da schon, wen McVay nur Stunden später als seine neue rechte Hand präsentiert. Sein Wunschkandidat ist nämlich so ziemlich das genaue Gegenteil von ihm selbst, kein Hotshot mit neuen Ideen und frischem Blut für den Coaching Tree der NFL.

Stattdessen vertraut er seine Defense einem echten NFL-Urgestein an: Wade Phillips. Wenn sich Gegensätze wirklich anziehen, dann passt Phillips zu McVay wie die Faust aufs Auge. Der jüngste Coach der Liga holt sich eine 69-Jährigen ins Haus, mit 39 Spielzeiten Erfahrung auf dem Konto.


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Phillips ist kein Auslaufmodell

Unterschiedlicher können sie eigentlich nicht sein: Auf der einen Seite wirkt McVay wie einer Hollywood-Produktion entsprungen, durchtrainiert, mit Reibeisenstimme, Model-Freundin im Arm und im schwarzen BMW unterwegs. Auf der anderen Seite steht ein gemütlicher, beleibter Texaner, schlohweißes Haar, im Gepäck ein ganzes Arsenal an „Dad Jokes“.

Doch McVay weiß, was er tut. Er hat sich kein Auslaufmodell ins Team geholt, auch wenn Phillips’ Vertrag nach zwei Jahren bei den Denver Broncos ausgelaufen war und nicht verlängert wurde. In seiner ersten Station als Head Coach will er einen alten Hasen an seiner Seite. Phillips hat, zählt man seine Stationen als Interimscoach dazu, bereits sechsmal als Head Coach fungiert.

„Wade hat alles gesehen“

Bekannter ist der Altmeister freilich für seine Rolle als Defensivspezialist. 1981 tritt Phillips

seine erste Station als Defensive Coordinator bei den New Orleans Saints an – eine Position, die er in Los Angeles schon zum neunten Mal betreut. Um es mit McVay selbst zu sagen: „Wade hat in unserer Liga schon alles gesehen.“

Zuletzt mit den Broncos, die dank ihrer überragenden Defense Super Bowl 50 gewinnen, obwohl Quarterback Peyton Manning in seiner letzten Saison kaum noch brillante Momente beisteuern kann. McVay kümmert sich als Head Coach selbst um das Playcalling der Offense. Warum will er in der Defense keinen ähnlich jungen, innovativen Coach an seiner Seite?

Offense ist Trumpf

Schließlich könnte er auch ohne Phillips’ leitende Hand in seine Position hineinwachsen. Weshalb ist in einer Liga, in der – sieht man mal von einer Handvoll Quarterbacks ab – alles jünger, dynamischer, moderner wird, für ihn plötzlich „Old School“ angesagt?

Das liegt auch daran, dass der 32-Jährige weiß, wie die NFL funktioniert. Seit 2008 arbeitet er in der Liga, immer auf der offensiven Seite des Balles, von den Wide Receivern über die Tight Ends bis hin zur gesamten Abteilung Attacke. Er hat die Entwicklung miterlebt, die der Sport genommen hat. Offense ist Trumpf.

Die Erfahrung hilft

Von Commissioner Roger Goodell bis hin zum gemeinen Fan am Sonntagnachmittag in einer Bar in Wisconsin, Pennsylvania oder Arizona: Sie alle wollen mehr Scoring, mehr Big Plays, mehr Touchdowns. Es geht auch um Sicherheit, ein bisschen um Fantasy Football, aber vor allem um Unterhaltung. Deshalb neigt sich das Regelwerk von Jahr zu Jahr mehr in Richtung Quarterback, während es für dessen Gegner immer schwerer wird. Dazu kommt die Analytics-Welle, die althergebrachte Weisheiten hinwegspült.

Auch sie betrifft vor allem die Offense: Two-Point-Conversion statt Extrapunkt, ein vierter ausgespielter Versuch statt Punt oder Field Goal. Den Ball behalten. Druck ausüben. All das hat McVay geprägt. Die Offense agiert, während die Defense Jahr für Jahr weiter zurückgedrängt wird. Sie muss reagieren, auf neue Regeln und neue Strategien. Der einzige Trumpf, der ihr und ihren Protagonisten noch bleibt, ist die Erfahrung.

Der „Son of Bum“

Und davon hat kaum jemand so viel angehäuft wie Wade Phillips. Schließlich entstammt er einer waschechten Football-Familie: Sein Vater ist der legendäre Bum Phillips, dessen Karriere als Coach an High Schools, Colleges und in der NFL fast vier Jahrzehnte umfasst. Eine beeindruckende Persönlichkeit, an der Seitenlinie stets mit imposantem Stetson auf dem Kopf unterwegs. Texas eben.

1967, ein halbes Jahr nach Super Bowl I, übernimmt Bum Phillips seinen ersten NFL-Job als Defensive Coordinator der San Diego Chargers. Über ihn wächst Sohn Wade in den Sport hinein, unter ihm coacht er zuerst an der Oklahoma State, später als sein Assistant bei den Houston Oilers und den New Orleans Saints. Vater und Sohn sind unzertrennlich, bis heute trägt Wade voller Stolz den Spitznamen „Son of Bum“.

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„Es gibt zwei Sorten von Coaches…“

„Er hat mir alles über das Coaching beigebracht. Er hat mich gelehrt, richtig und falsch zu unterschieden. Und er hat mich gelehrt, das Leben zu genießen“, sagt Phillips über seinen Vater. Sein Spitzname wird gleichzeitig der Titel eines Buches, dass er im Mai 2017 veröffentlicht: Son of Bum – Weisheiten, die mich mein Vater über Football und das Leben gelehrt hat.

Weisheiten, die er bis heute in sich trägt, die ihm zu seiner unerschütterlichen Art verholfen haben. Wie etwa folgender Satz seines Vaters: „Es gibt nur zwei Sorten Coaches: die, die schon gefeuert wurden und die, die noch gefeuert werden.“ Für zehn Franchises hat Wade Phillips mittlerweile gearbeitet, fast ebenso häufig wurde er entlassen. Dennoch ruht er in sich. „Es hat mich nicht angestachelt“, schreibt er etwa über die Tatsache, dass er 2015 eigentlich nur zweite Wahl bei den Broncos ist. „Wenn man nicht ohnehin schon sein Bestes gibt, sollte man es gleich sein lassen.“

Der Mann mit den Simpons-GIFs

Es ist diese Mischung aus Erfahrung, gelebten Beziehungen im Locker Room und einer unaufgeregten Persönlichkeit, die Wade Phillips so populär macht. Kaum jemand im Haifischbecken NFL präsentiert sich so locker und unprätentiös wie er, und trotz seines hohen Alters macht er Twitter seit Jahren mit schlechten Witzen, Simpsons-GIFs und einer Menge Selbstironie unsicher: „Danke für die Glückwünsche“, schreibt er im Juni anlässlich seines 71. Geburtstags. „Die Feuerwehr war alarmiert, als wir die Kerzen anzündeten. Allen geht es gut.“

Phillips setzt in seiner 3-4-Defense auf flexible Personnel Packages, im Training legt er vor allem Wert auf gute Grundlagen. Über allem steht sein Motto: „Die Spieler arbeiten nicht für mich, wir arbeiten zusammen.“ Im Spiel vertraut er seinen Playmakern – und lässt sie von der Leine. „Er sagt: ‚Spielt schnell – die Fehler gehen auf mich‘“, verrät Broncos-Linebacker Brandon Marshall. Das kommt gut an.

Wade wird’s schon richten

So hat sich Phillips mittlerweile den Ruf eines Defensiv-Flüsterers erworben, der auch mit schwierigen Charakteren in der Umkleide umzugehen weiß. Auch hier gilt schließlich: Er hat alles gesehen. Bereits auf seiner ersten NFL-Station als Defensive-Line-Coach der Oilers in den Siebzigern arbeitete er mit zukünftigen Hall of Famern zusammen.

Seitdem hat wohl kein anderer Coach so viele Hochkaräter geformt und gefördert, von Reggie White über J.J. Watt und Von Miller bis hin zu Aaron Donald bei den Rams. Er weiß sie zu packen. Auch deshalb zögerten die Rams nicht, als sich im März die Chance bot, mit Cornerback Aqib Talib und Defensive Tackle Ndamukong Suh zwei hochveranlagte, aber nicht gerade pflegeleichte Stars zu verpflichten – der „Son of Bum“ wird es schon richten.

Eine Art Pep Guardiola

„Er ist ein Guru darin, das Maximum aus dir herauszuholen“, erklärt Talib, der unter Phillips bei den Broncos glänzte. „Ich habe mich nie wohler gefühlt als unter Wade Phillips.“ Auf den Coach kommt nun eine etwas andere Rolle zu als noch im Vorjahr: 2017 war Phillips als Turnaround-Spezialist gefragt – mit Erfolg.

Zum achten Mal in Folge erreichte er im ersten Jahr mit einem neuen Team die Postseason. 2018 spielen die Rams, mit spektakulären Neuzugängen im Gepäck, um den Titel. Phillips ist dabei eine Art Pep Guardiola: Wie der Trainer von Manchester City ist er immer dann am stärksten, wenn er aus einer Menge Talent das Optimum herauskitzeln darf. Der jetzige Kader erinnert dabei in Ansätzen an die Broncos vor einigen Jahren, mit starken Pass Rushern und risikofreudigen Cornerbacks – perfekt für aggressive Blitzes und erzwungene Turnover.

Keine Finger krumm – ab mittags

In der Offense steht McVay mit Goff, Running Back Todd Gurley und Receiver-Neuzugang Brandin Cooks ebenfalls Big-Play-Material zur Verfügung.  Würde Phillips im Falle eines Erfolgs und eines zweiten Super-Bowl-Rings seine Coaching-Schuhe an den Nagel hängen? Noch macht ihm der Job eine Menge Spaß, sein Vertrag läuft bis Ende 2019. Der Umgang mit den Spielern, das Kräftemessen mit McVay im Training, die spontanen Tanzeinlagen im Locker Room, die Witze auf Twitter.

Noch will er das nicht missen. „Ich mache mir nicht viele Gedanken über das Alter, sonst würde ich nicht mehr coachen“, sagt er. Andererseits bliebe mehr Zeit für seine Frau Laurie, mit der er mittlerweile über 49 Jahre verheiratet ist, und die beiden Kinder. Und er könnte es einmal mehr Vater Bum gleichtun.

Der zog sich im Alter auf eine Ranch in Texas zurück und garnierte das mit folgendem Bonmot: „Ich mache keinen Finger krumm – und damit fange ich frühestens mittags an.“

Autor: Stefan Petri

Socrates für Deutschen Sportjournalistenpreis 2019 nominiert

Große Ehre für das Socrates Magazin: Das Magazin steht in der Kategorie „Beste Sportfachzeitschrift“ für den Deutschen Sportjournalistenpreis 2019 zur Wahl.

Der 2005 von Sören Bauer ins Leben gerufene Preis wird alle zwei Jahre verliehen. Erstmalig gibt es ein Gremium, bestehend aus Dr. Michael Ilgner (Vorstandsvorsitzender Stiftung Deutsche Sporthilfe), Erich Laaser (Vorsitzender VDS), Alfred Draxler (Sportjournalist), Anna Schaffelhuber (Monoski-Weltmeisterin), Andreas Brehme und Pierre Littbarski (Fußballweltmeister 1990) sowie Badmintonspieler Marc Zwiebler, die vorab Sportjournalisten/-innen und Sportmedien zur Wahl nominiert haben.

Die Jury nominierte nun auch das Socrates Magazin für die Kategorie „Beste Sportfachzeitschrift“. Deutschlands Spitzensportler/-innen sind nun dazu aufgefordert, ihre Stimme unter sportjournalistenpreis.de abzugeben. Der Deutsche Sportjournalistenpreis wird am 25. März 2019 in Hamburg verliehen. 

Can Öz, Verleger und Geschäftsführer des Democracia Verlags: „Die Nominierung ist eine große Ehre für unser Magazin und ein Ansporn, tolle Geschichten aus der Welt des Sports zu erzählen.“

Fatih Demireli, Herausgeber und Chefredakteur des Socrates Magazins: „Das ist eine Anerkennung für die tolle Entwicklung, die SOCRATES seit der Gründung genommen hat. Unser Magazin ist ein Zuhause für Sportler und Sportbegeisterte geworden. Es freut mich, dass die Arbeit unseres Teams Anklang gefunden hat.“

Das Socrates Magazin erschien erstmals im Oktober 2016 auf dem Markt und wird neben Deutschland u.a. auch in Österreich und in der Schweiz vertrieben. Namensgeber ist der ehemalige brasilianische Fußballer Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira, der sich in seiner Heimat für basisdemokratische Strukturen einsetzte.

Das aktuelle Socrates-Cover

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Bayern-Profi Javi Martinez schreibt für Socrates

Neuzugang für das Socrates Magazin: Javi Martinez, Profi des FC Bayern München, wird neuer Kolumnist. Der 30 Jahre alte Spanier schreibt jeden Monat über seine Sicht der Dinge. Im Exklusiv-Interview erklärt Martinez, warum er diesen Schritt gegangen ist.

Javi Martinez: „Einblicke ermöglichen“

Der Begriff Erfolgsgarant wird ja inzwischen sehr inflationär verwendet. Bei Javi Martinez trifft es sogar zu. Beim Gastspiel des FC Bayern München bei 1899 Hoffenheim feierte der Spanier seinen 100. Bundesliga-Sieg – im 120. Spiel. So schnell kam in der Bundesliga noch nie zu den 100 Siegen. Und Martinez hatte wieder einmal gehörigen Anteil am wichtigen Sieg in Sinsheim. Auf der Sechs präsentierte sich der Mittelfeldspieler in überragender Form.

Diese möchte Martinez künftig auch als Kolumnist des Socrates Magazins unter Beweis stellen. Der 30 Jahre alte Profi des FC Bayern schreibt jeden Monat seine Gedanken auf. Dies verkündete Martinez in der neuen Ausgabe des Socrates Magazins, das am Donnerstag im Handel erschienen ist.

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„Ich freue mich sehr. Ich liebe es zu schreiben. Die Idee, den Lesern das Leben eines Fußballers aus einer sehr persönlichen Perspektive näher zu bringen, fasziniert mich. Es gibt viele Dinge, die Außenstehende nicht nachvollziehen oder wissen können. Ich möchte ihnen Einblicke ermöglichen, die ihnen ansonsten vorenthalten bleiben würden“, so Martinez im Exklusiv-Interview.

Auch bei Socrates ist Freude über den Neuzugang groß: „Javi Martinez ist ein Profi, aber vor allem ein Mensch, der über den Tellerrand hinausblicken kann – und will. Wir freuen uns, dass wir mit Javi Martinez eine Bundesliga-Größe für unser Magazin begeistern konnten, die hervorragend zu unserem Motto Die besten Storys schreibt der Sport passt“, sagt Socrates-Herausgeber Fatih Demireli.

Bereits im exklusiven Interview, das den Startschuss für die Zusammenarbeit zwischen Martinez und Socrates gibt, gewährt der Bayern-Star tiefe Einblicke in sein Innenleben, verrät aber auch, dass er sich einen Wechsel zu einem anderen Klub in dieser Größenordnung nicht mehr vorstellen kann.

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Bekir Refet: Der erste „Bomber“ Deutschlands

Bekir Refet war der erste türkische Fußballer in Deutschland. Doch seine Wahlheimat bescherte ihm mehr Schicksalsschläge als ein paar Tore. Er starb sogar zwei Mal. Ein Porträt.

Der Artikel erschien in Ausgabe #7

Der Artikel erschien in Ausgabe #7

Es waren die letzten Augusttage. Istanbul hatte die drückend heißen Temperaturen hinter sich gelassen und war so windig und kühl wie in einem gewöhnlichen Herbsttag. Die Zugzeit der Störche war längst gekommen. Eine Gruppe junger Männer hatte sich am Hauptbahnhof in Sirkeci getroffen und wartete auf ihren Zug. Das Leben in Anatolien war damals, um das Jahr 1920, durch den schmerzhaften Befreiungskrieg geprägt. Diese jungen Männer aus Istanbul sollten sich aber vom Krieg noch mehr entfernen und in anderen Ländern einen weiteren Kampf führen. Vor der Reise herrschte gute Stimmung. Die letzten Fotos, die letzten Gelächter…

Einer von ihnen schob seinen Holzkoffer mit seinem Fuß in die Nähe des Zuges. Er stellte sich darauf und schrieb mit der Kreide, die er aus seiner Tasche hervorholte, an das Äußere eines der Waggons auf Französisch: „Footballistes de Galatasaray“. Ein anderer füllte das strohgelbe Telegrammformular aus, das er am Rücken eines Freundes fixiert hielt: „Wir machen uns auf den Weg nach Lausanne. Hochachtungsvoll, Bekir.“

Bekir Refet: Wie wurde er zum Star?

Bekir spielte nicht bei Galatasaray. Damals war er im Kader von İttihatspor, dem Nachfolger von Altınordu, der als der Verein des Komitees für Einheit und Fortschritt, der mächtigsten Partei der Jungtürken, bekannt war. Im Istanbul der Besatzungsjahre gewann Altınordu alle Meistertitel. Diesen Erfolg verdankte der Verein den Stars, die mit verschiedensten Versprechungen von Galatasaray, Fenerbahçe und Beşiktaş geholt wurden. Auch Bekir war einer dieser Spieler. Er war bereits mit 13 Jahren, als er noch zur Numune Mittelschule in Kadıköy ging, entdeckt worden, und hatte drei Jahre in der Jugend von Fenerbahçe gespielt, bevor er im Kader der ersten Mannschaft spielen durfte.

Nachdem er es dort schnell zu Ruhm gebracht hatte, wechselte Bekir ein Jahr später zu Altınordu. Und nun wurde er auf Bitten der Verantwortlichen für die Spiele in Europa in den Kader von Galatasaray aufgenommen. Was machte ihn im jungen Alter zu einem Star? Der kleinwüchsige, untersetzte, dunkelhäutige Junge hatte das Fußballspielen in Kadıköy, wo er geboren und aufgewachsen war, von Engländern gelernt. Aus späteren Interviews mit ihm geht hervor, dass er sich glücklich schätzte, weil er das Spiel von „Erfindern des Fußballs“ lernen konnte.


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Bekir bezauberte die Zuschauer vor allem mit seinem Talent. Er war so ein flinker Fußballer, dass er sogar sich selbst umspielen könnte. Seine Ballbeherrschung war beispiellos. Seine scharfen Augen schenkten seinen Schüssen Treffsicherheit und seine breiten, muskulösen Beine eine hohe Geschwindigkeit.

Als Fenerbahçe gegen die Besatzung des in Istanbul geankerten berühmten Schlachtkreuzers Goeben spielte, wurde er von den deutschen Matrosen „roter Teufel“ genannt. Und es wird erzählt, dass er in einem Spiel gegen die Mannschaft der französischen Besatzungsmacht einen alten Schuhputzer mit einem Schuss ins Krankenhaus beförderte. Er war eine Fußballlegende, die mit ihren Schüssen einen Büffel umlegen, den Holzzaun neben dem Spielfeld demolieren, die Torpfosten ins Netz jagen konnte. Er könnte als Urgroßvater Gerd Müllers gelten, denn er war der erste Träger des Spitznamens „Bomber“.

Der Besuch von Emil Oberle

Die Europatour im Jahre 1921 war ein Wendepunkt in Bekirs Leben. Nach den Spielen in der Schweiz kam die Mannschaft nach Deutschland. Ihre erste Station war Karlsruhe. Dort brillierte Bekir im Spiel gegen den FC Phönix. Danach waren Frankfurt, Ludwigshafen und Köln an der Reihe. Die Mannschaft kehrte nach einer ermüdenden Tour, bei der sie in 45 Tagen 17 Städte besucht hatte, schließlich in die Heimat zurück. Aber in dem Zug, der nach Sirkeci fuhr, war der von Altınordu ausgeliehene Bekir nicht dabei. Er hatte sich bei einem Spiel in Hamburg verletzt und war für die medizinische Behandlung in Deutschland geblieben.

Im Krankenhaus besuchte ihn Emil Oberle, ein Spieler des FC Phönix, der in der Vergangenheit auch bei Galatasaray gespielt hatte. Der FC Phönix wollte Bekir verpflichten. Emil sagte zu ihm: „Beiß zwei Jahre lang die Zähne zusammen, danach kannst du nach Istanbul zurückkehren und dort mit dem Geld dein eigenes Geschäft eröffnen.“ Als Bekir Refet im Oktober 1921 den Vertrag unterschrieb, ging er nicht nur als der erste türkische Fußballspieler in Deutschland, sondern ebenfalls als der erste türkische Fußballprofi überhaupt in die Geschichte ein.

Bekir war vielleicht der erste der türkischen „Gastarbeiter“, die sich später mit einem unaufhörlichen Traum von der Heimkehr an ihrem Leben in Deutschland festhielten und dieses im Schatten des Traums in Deutschland fristeten. Zunächst heiratete er und bekam ein Kind. Seinem Sohn gab er den Namen seines Vaters sowie seines besten Freundes, mit dem er Jahre lang bei Fenerbahçe und Altınordu zusammengespielt hatte: Nuri. Später ließ sich Bekir von seiner Frau scheiden; Nuri blieb bei seiner Mutter. Bekirs Heimweh vermengte sich mit der Sehnsucht nach seinem Sohn, die letztendlich überwog. So blieb Bekir in Deutschland, während sein Sohn aufwuchs, um ihn wenigstens ein Mal die Woche sehen zu können, und seine Heimkehr musste für einige Zeit aufgeschoben werden.

Bekir besuchte 1924 und 1927 auf Einladung seines ehemaligen Vereins Fenerbahçe hin Istanbul, um gegen Slavia Prag zu spielen. Als er am 3. Juni 1927 seinen Fuß auf den Boden des Hauptbahnhofs in Sirkeci setzte, wurde er von seinen Freunden empfangen und direkt zum Taksim-Stadion gebracht. Als er auf der Ehrentribüne gesichtet wurde, brach in der Menge, die dem Spiel zwischen Galatasaray und Slavia beiwohnte – fast 5000 Zuschauer –, für die Fußballlegende ein stürmischer Beifall los. Bekir war nicht vergessen.

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Die Gelb-Blauen gewannen gegen Slavia Prag, die damals unbesiegbare Mannschaft Europas, mit einem Kopfballtor Bekirs. Ein Sieg, der damals als eines der größten Ereignisse im türkischen Fußball angesehen wurde. Bei seinem vorerst letzten Besuch blieb Bekir fünf Monate in Istanbul und spielte in weiteren Freundschaftsspielen für Fenerbahçe. Bekir hatte Istanbul vermisst und wollte bleiben. Aber: In der Türkei war professioneller Fußball verboten. Als ihm die Erlaubnis, in seiner Heimat zu spielen, verweigert wurde, kehrte Bekir verbittert nach Deutschland zurück. Er war sauer auf die verantwortlichen des türkischen Fußballbunds. Fast 25 Jahre kehrte er nicht in sein Heimatland zurück.

Allerdings widerstand er aber auch den beharrlichen Bitten, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Er lebte weiter als ein einsamer Türke in Karlsruhe. Vielleicht entschied er sich auch deswegen für den Nachnamen Teker (Anm. d. Red. Einsamer Soldat auf Türkisch). Als er 1951 als Ehrengast des Türkischen Fußballbunds in sein Land kam, um dem Länderspiel zwischen der Türkei und Deutschland beizuwohnen, sprach er mit einem gebrochenen Türkisch zu den Zeitungen und erklärte sich mit dem Interesse der Jugendlichen zufrieden, die ihn zum ersten Mal gesehen hatten.

Der Fußballmigrant, der seine Karriere nach dem FC Phönix beim Karlsruher FV und dem FC Pforzheim fortsetzte, schaffte es, überall Publikumsliebling zu werden. Die Presse sprach davon, dass ein Türke in Deutschland Geschichte schrieb. Der Kicker machte den „Bomber“ sogar zur Titelstory. Er besaß alle Eigenschaften, die ein guter Fußballspieler brauchte. Wenn er den Ball am Fuß hatte, dribbelte er großer Geschwindigkeit, brachte die gegnerische Abwehr durcheinander, raubte mit seinen Toren den Zuschauern den Atem.

Bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris schoss er im Spiel gegen die Tschechoslowakei als Kapitän die beiden Tore der türkischen Nationalmannschaft. Bei Olympia 1928 in Amsterdam, als die Türkei gegen Ägypten sieben Tore kassierte, kam der Ehrentreffer ebenfalls von Bekir. Nach seinem letzten Auftritt im Taksim-Stadion hatte Bekir in Karlsruhe ein Zeitungs- und Tabakgeschäft eröffnet, das seinen Namen trug.

Nachdem er mit dem Ende seiner Fußballkarriere im Alter von 38 Jahren als Einzelhändler ins Zeitungsgeschäft eingestiegen war, wurde er zum Zeitungsgroßhändler. Seine Geschäfte liefen bis zum Kriegsausbruch gut. Aber die Bombardierung Karlsruhes brachte sein Leben wieder durcheinander. Sein Kiosk war niedergebrannt und geplündert, die Kommunikation mit seiner Heimat völlig zusammengebrochen.

Zu dem Zeitpunkt berichteten türkische Medien sogar über Bekirs Tod. Der berühmte Sportmoderator Sait Çelebi brach sogar in Tränen aus, als er von Bekir erzählte, und es wurde berichtet, dass der damalige Außenminister, Şükrü Saraçoğlu, sich mit Deutschland in Verbindung setzte, um den Leichnam des legendären Fußballers abholen zu lassen. Nach der einwöchigen Trauer in der Sportwelt kam jedoch heraus, dass es sich um einen anderen Türken namens Bekir handelte, der in Deutschland gestorben war.

Der falsche Tod

Der „Bomber“ hatte Glück, er lebte. Aber unter den Verwundeten waren Freunde von ihm. Als er sie im Krankenhaus besuchte, konfrontierte das Leben ihn mit einer neuen Überraschung. Oberschwester Else und Bekir verliebten sich. Nach zwei Jahren Partnerschaft heirateten sie 1945. Else an seiner Seite zu haben, half Bekir dabei, über seine Einsamkeit hinwegzukommen.

Bekir, der finanziell schwer angeschlagen war, klammerte sich durch materielle sowie moralische Unterstützung seiner deutschen Frau wieder am Leben fest. Nach dem Kriegsende konnte er nach intensiven bürokratischen Auseinandersetzungen zusammen mit seiner Frau seinen Laden wieder eröffnen. Obwohl er sich danach sehnte, konnte er nach 1951 die Türkei nie wieder sehen.

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1959 beendete er seine Karriere als Inhaber eines Ladens, in dem neben Tabak und Zeitungen auch Magazine, Bücher und Sportartikel verkauft wurden, und ging in Rente. Danach führte er zusammen mit seiner Frau ein asketisches Leben in einer Wohnung in Ettlingen, nahm aber regelmäßig türkische Migranten auf, die allmählich nach Deutschland kamen.

Als er 1977 in einem Krankenhauszimmer seine letzte Reise antrat, stand die Frau an seinem Bett, mit der er die letzten 32 Jahre seines Lebens geteilt hatte. Sein Tod, diesmal handelte es sich um den „richtigen“ Bekir, löste in der Türkei wieder große Trauer aus. Selbst Jahre nach seiner Karriere noch wurde in türkischen Medien an Bekir Refet erinnert wie an einen Märchenhelden: „Wer war nun dieser Bekir? Hatte er wirklich gelebt? Ist es wahr, dass man sein linkes Bein festkettete, damit er die Torhüter nicht mit seinen erbarmungslosen Schüssen verletzte? Sind die Gerüchte, dass einer seiner Schüsse die Rippen eines Ochsen, ein anderer den Torpfosten brach, nur Märchen gewesen? (…) Für diejenigen, die jene Tage miterlebten, war Bekir ein legendärer Mann, der aus einer mythologischen Welt gekommen war.“

Bekir Refet war ein Held, um den zwei Mal getrauert wurde…

Sevecen Tunç

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Serge Gnabry: „Offen für Vieles“

Nationalspieler Serge Gnabry profitiert fußballerisch und familiär von vielen Einflüssen. Ein klarer Plan brachte ihn von London über Bremen und Hoffenheim zum FC Bayern. Dort ist der 23-Jährige nun der Mann für alle Schnauzer. Bei Socrates spricht er aber nicht nur darüber.

Der Artikel erschien in Ausgabe #26

Serge Gnabry, googlen Sie Ihren Namen?

Klar, das habe ich zu Beginn meiner Karriere schon gemacht. Da wollte ich wissen, was im Internet über mich geschrieben steht. Aber ich bin jetzt nicht so ein Computerfreak, dass ich wüsste, wie viele Treffer es zu meinem Namen gibt.

Es sind über 1,2 Millionen.

Das ist viel.

In der Tat. Wie wichtig ist Ihnen Popularität?

Im Fußballbusiness stehst du in der Öffentlichkeit, ob du willst oder nicht. Das akzeptiere ich und begreife es als Teil meines Jobs. Privat versuche ich, alles etwas ruhiger zu gestalten. Das tut mir persönlich gut. Ich sitze nicht daheim und denke darüber nach, wie populär ich möglicherweise bin.

Denken Sie daheim über Frisuren nach? In der Bildersuche tauchen Sie mit auffällig vielen Looks auf.

Es gefällt mir auf jeden Fall, immer mal wieder etwas zu verändern. Ich bin bei meiner Optik gerne kreativ und offen für vieles. Bei mir wachsen die Haare relativ schnell nach, weswegen ich bei dem Thema auch sehr entspannt bin. Bevor ich zu diesem Interview gekommen bin, habe ich meinen Bart verändert, jetzt trage ich Schnauzer. Daran ist Joshua Kimmich übrigens nicht ganz unschuldig.

Erzählen Sie.

Sagen wir es mal so: Ich hatte Joshua stark bearbeitet, dass er sich einen Schnauzer schneidet. Dann klopfte es irgendwann im Mannschaftshotel an meiner Zimmertür. Joshua stand mit unschlüssigem Gesicht und einem Schnauzer vor mir. Ich musste lachen und sagte spontan: „Wenn du ihn stehen lässt, bin ich der nächste, der einen Schnauzer hat.“ Ich hoffe, dass noch einige von den anderen Jungs uns barttechnisch folgen werden. Sandro Wagner habe ich den Schnauzer bereits wärmstens empfohlen. Der braucht allerdings noch Bedenkzeit.


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Zurück zu Ihren Haaren. Stehen Frisuren bei Ihnen für Lebensabschnitte?

Ich hatte wirklich schon viele. Mal die Haare hoch, dann ganz kurz wie jetzt. Einmal hatte ich auch einen blonden Streifen. Aber damals war ich 17 – also why not? Meistens kommen die Anstöße für Frisuren von Freunden. Ich ziehe es dann durch. Sie stehen eher für eine Laune als für Lebensabschnitte.

Inwiefern haben sich nicht nur Optik, sondern auch Träume verändert?

Ich trage tatsächlich immer noch die gleichen Träume in mir wie damals mit 16, als ich zum FC Arsenal ging. Das war sicherlich ein sehr gewagter Schritt zu dem Zeitpunkt. Aber schon damals wollte ich auf dem höchsten Level Fußball spielen und Titel gewinnen. Und das will ich noch immer.

In London arbeiteten Sie unter Arsène Wenger. Was von ihm ist Ihnen besonders im Kopf geblieben?

Arsène Wenger ist ein sehr beobachtender Typ. Ich fand sehr bemerkenswert, dass er jedem Spieler viel Freiheit gegeben hat. Und dass er den Spielern auch viel Verantwortung übertragen hat. Dadurch ergab sich für jeden die Möglichkeit, auch als Person zu wachsen. Das hat meine Entwicklung ganz sicher positiv beeinflusst.

Insgesamt verbrachten Sie vier Jahre in England. Inwiefern hat Sie die Zeit im Ausland verändert?

Allein der Schritt ins Ausland war damals ein Riesending. Man lässt Familie und Freunde zu Hause, kommt in ein neues Land, trifft auf eine neue Kultur. Man lernt, sich zu adaptieren, mit einer anfangs ungewohnten Situation zurechtzukommen. Es war sicher nicht immer easy. Gerade die Zeit von 16 bis 20 oder 21 ist vielleicht die Zeit, in der du als heranwachsender Mann alles erleben willst. Dass ich das in London erleben durfte, hat mir auf viele Dinge einen anderen Blickwinkel gegeben.

Auch familiär profitieren Sie von unterschiedlichen Perspektiven. Ihr Vater stammt aus der Elfenbeinküste, Ihre Mutter aus Schwaben. Sind Sie froh, nicht eindimensional aufgewachsen zu sein, sondern Vielfalt zu verkörpern?

Ich sehe in dieser Vielfalt tatsächlich nur Vorteile. Je mehr du von der Welt mitbekommst, je mehr Erfahrungen du machst, desto mehr hast du die Möglichkeiten zu vergleichen, Dinge anders einzuordnen.

Sind Sie mehr Ivorer oder mehr Schwabe?

Der Schwabe spart.

Trifft das auf Ihre Mutter zu?

Ja. Das kriegst du aus ihr nicht raus.

Und, haben Sie die Sparsamkeit von ihr übernommen?

Teils, teils. Ich habe zum Glück von beiden Seiten etwas mitbekommen. Die Sparsamkeit und die typisch deutschen Tugenden von meiner Mutter. Und von meinem Vater das Lebhafte, den Spaß, den Genuss und die Freude an afrikanischer Musik. Ich weiß gar nicht, wie die beiden sich gefunden haben. (lacht)

Zeichnet Sie diese bunte Mischung auch als Fußballer aus?

Es fällt mir in der der Tat schwer, mich als Fußballer klar einem bestimmten Spielstil zuzuordnen. Nur Fußball zu arbeiten, das trifft auf mich nicht zu. Ich muss ihn auch leben können.

Welcher Gedanke treibt Sie konkret an?

Am wichtigsten ist mir, Freude an dem zu haben, was ich tue. Und die Zeit zu genießen, so lange ich gesund bin. Ich habe das Glück, dass der Fußball dafür sehr gute Rahmenbedingungen bietet, um viel Freude an seinem Beruf zu entwickeln.

Geht das im harten Fußballgeschäft überhaupt: immer Spaß zu haben?

Das geht schon. Klar, du musst mit Dingen wie Ergebnisdruck und Medienpräsenz zurechtkommen. Aber wenn du dir vor Augen führst, was dir da ermöglicht wird, musst du doch gute Laune haben: einfach Fußball spielen zu dürfen. Das war früher mein Hobby, meine Leidenschaft. Jetzt ist genau das mein Beruf. Dann muss das doch Spaß machen.

Bis Sie nach Ihren ersten beiden A-Länderspielen 2016 wieder von Jogi Löw für die Nationalmannschaft berufen worden sind, verging viel Zeit. Schoss Ihnen da im Vorfeld der WM mal die Frage durch den Kopf: Warum nominiert Jogi Löw mich nicht, der braucht mich doch?

Deutschland hat genug gute Spieler. Ich denke, ich habe auch vergangene Saison gute Leistungen gezeigt, war in einer guten Verfassung. Leider wurde ich dann durch die Verletzung gestoppt. Jetzt bin ich froh, wieder fit zu sein und auch für die Nationalmannschaft spielen zu dürfen.

Hat Deutschland seit dem Gruppenaus bei der WM seinen Top-Team-Status verloren?

Das sehe ich nicht so. Es gab auch andere Weltmeister, die ebenfalls früh beim nächsten Turnier die Heimreise antreten mussten. Und trotz der sicherlich nicht perfekten Ergebnisse in der Nations League kann ich nicht erkennen, dass die Nationalmannschaft an sportlicher Wertigkeit verloren hat. Ich denke, andere Nationen haben nach wie vor großen Respekt vor uns, weil jeder weiß, wie gefährlich Deutschland ist. Und das werden in Zukunft ganz sicher auch die Ergebnisse wieder belegen.

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Bis Sie beim FC Bayern durchstarten konnten, dauerte es aufgrund Ihrer im Sommer noch nicht vollständig auskurierten Verletzung ebenfalls. Ist Geduld eine Stärke oder Schwäche von Ihnen?

Eine Schwäche. Als Fußballer willst du spielen. Das kann jeder der Jungs unterschreiben. Da Geduld aufzubringen, ist innerlich am schwersten. Äußerlich geht das. Man ringt in so einer Phase mit sich selbst: Man weiß zwar, dass es nicht geht, jedes Spiel zu machen und sein Ego über das Team zu stellen. Aber man will trotzdem auf den Platz. Du versuchst dann einfach, jedes Training Gas zu geben. Es bringt ja nichts, eine beleidigte Miene zu schieben. Aber ganz ehrlich: Nicht zu spielen, das ist mit das Schlimmste für einen Fußballer.

Gab es im Zuge Ihres Bayern-Wechsels Zweifel, ob Sie eine echte Chance haben, solange Arjen Robben und Franck Ribéry noch spielen?

Ich war relativ jung, als Franck bereits bei Bayern wirbelte. Da saß ich teilweise vor dem Fernseher und staunte. Mir war jedoch immer klar, dass eine Mannschaft, die in drei Wettbewerben vertreten ist, mehr als nur zwei Außenspieler benötigt. Und jeder von uns Flügelspielern geht mit dem gleichen Ehrgeiz an die Sache ran und will spielen. Im sportlichen Sinne ist es meine Konkurrenz. Aber ich bin auch ihre. Da spielt Alter keine Rolle.

Arjen Robben lobt Sie als „Freund im Fitnessraum“.

Das ist ein schönes Kompliment. Aber Arjen verbringt dort immer noch etwas mehr Zeit als ich. Er hat ein sehr straffes Programm. Ich habe mein eigenes. Aber es gibt auch viele andere Jungs, die im Kraftraum gut dabei sind.

Welche?

Meine beiden Schnauzer- Freunde zum Beispiel: Joshua und Sandro. Gerade von Sandro haben einige Menschen möglicherweise ein falsches Bild. Er ist einer der ehrgeizigsten Spieler, die ich kenne. Einer, der auch im Gym immer alles gibt.

Kommt da bei Ihnen im Fitnessraum wieder die Mutter durch – auch außerhalb des Rasens sehr hart für den Erfolg arbeiten zu müssen?

Das ist sehr gut formuliert. In der Frage steckt viel Wahrheit drin. Ich möchte damit nicht sagen, dass mein Vater nicht auch hart arbeitet. Aber als kreativer Offensivspieler bist du von der Körpersprache zumeist ein bisschen lockerer als ein Verteidiger oder ein Defensiver wie Joshua. Diese Lockerheit empfinde ich im Spiel, da bin ich etwas mehr mein Vater. Im harten Trainingsalltag profitiere ich von den Eigenschaften meiner Mutter.

Sie haben vor geraumer Zeit James Harden von den Houston Rockets imitiert, indem Sie nach geschossenen Toren einen Koch mimten. Nach dem Motto: „Wer viele Punkte macht, ist der Chefkoch.“ Wo ist gerade Ihr Platz in der Bayern-Küche?

Regelmäßig auf dem Platz, hoffe ich.

Kochen Sie zu Hause?

Ich bin kein wirklich guter Koch. Ab und zu probiere ich mich an einem Gericht. Aber das ist ein Platz, an dem ich mich eher zurückhalte.

Der Schwabe geht essen?

Durchaus gerne. Aber wenn ich das zu oft mache, beschwert sich meine Mutter. Sie mahnt mich dann an, doch auch mal die Reste daheim zu essen.

Zurück zur Bundesliga-Küche: Wird die Meisterschaft in Ihrer ersten Bayern-Saison schwerer als erwartet?

Ein seriöses Urteil kann man da nicht fällen. Aber die Überzeugung, dass wir auch in dieser Saison Meister werden, ist zu 100 Prozent da. Die trage ich in mir. Und der Wille, ganz oben zu stehen, ist bei jedem einzelnen von uns jeden Tag spürbar. Der FC Bayern hat nach wie vor die Chance, Meister zu werden.

Sie haben bereits unter vielen großen Trainern gearbeitet: Wenger, Nagelsmann, Löw, jetzt Kovač. Müssen Fußballer heute vielfältig sein, um zu „überleben“?

Ich kann es nur für mich beurteilen: Die vielfältige Ausbildung hat mich auf jeden Fall weitergebracht. Die vielen Trainer haben einen ähnlichen Einfluss wie die vielen Stationen: Wenn du vieles erlebst, bist du für vieles offen. Du lernst, zu adaptieren. Jeder Trainer hat seine Philosophie, seine persönliche Art. Beispielsweise ist die Schule Nagelsmann sehr technisch, bei Arsenal war sehr viel auf Ballbesitz ausgerichtet, sehr viel auf One-Touch.

Inwiefern war der Weg von London über Bremen und Hoffenheim nach München eigentlich geplant?

Ich hatte bei meinem Weg zum Glück wirklich genug Möglichkeiten, die eine Entscheidung notwendig machten. Am Ende waren die genannten Vereine genau die Klubs, zu denen ich zum jeweiligen Zeitpunkt wollte. Anfangs war für mich wichtig, viel Spielzeit in der Bundesliga zu erhalten, mich in einem ruhigen Umfeld unaufgeregt weiterentwickeln zu können. Dafür war Bremen eine perfekte Station. In Hoffenheim ging es dann viel um das Fußballerische, um das Lernen. Es war eine Art Vorbereitung auf den größtmöglichen Schritt in Deutschland, dem Schritt zum FC Bayern. Und hier spiele ich nun auf internationalem Top-Niveau, auf dem ich mich jeden Tag beweisen muss.

Ihr Weg zum FC Bayern war also kein Zufall.

Das war der Plan. Und ich denke, mein Plan ist bis jetzt aufgegangen.

Bei Ihrer Vorstellung in München wurde zunächst allerdings mehr über Ihr rot-weiß gestreiftes Oberteil statt über Ihr Fußballkönnen diskutiert. Sind wir Deutschen manchmal zu eindimensional?

Den einen interessiert es, den anderen nicht. Dass das zu einem Thema in der Öffentlichkeit wurde, war meines Erachtens etwas übertrieben. Geärgert habe ich mich darüber aber nicht. Ich bin immer noch überzeugt von dem Polo. Ich finde, es sieht klasse aus.

Ist es Ihnen wichtig, was die Menschen über Sie denken?

Du willst als Mensch nie schlecht dastehen. Ich auch nicht. Abgesehen davon ist mir bewusst, dass Menschen verschiedene Meinungen zu Personen haben, die in der Öffentlichkeit stehen. Wenn ich mir über jede einzelne Meinung Gedanken mache, kann das schnell schiefgehen. Generell bin ich aber jemand, der an Menschen sehr interessiert ist.

Das belegt Ihr Engagement für die Initiative „Common Goal“. Sie gehören zu den Sportlern, die ein Prozent Ihres Gehaltes für soziale Zwecke spenden. Warum?

Erstens: Ich bin so erzogen worden, dass man teilt. Zweitens: Der Fußball ermöglicht dir, viele Länder zu bereisen. Und wenn du auf diesen Reisen mal nach rechts und links blickst, wird dir bewusst, dass es anderen Menschen wesentlich schlechter geht. Und drittens: Durch die Herkunft meines Vaters habe ich natürlich einen engen Bezug zu Afrika. Dort zu sein, öffnet mir jedes Mal nicht nur die Augen, sondern macht mich auch betroffen. Weil ein Teil meiner Familie dort eben unter völlig anderen Bedingungen lebt. Und obwohl sie wenig haben, versprühen trotzdem alle gute Laune, sind extrem hilfsbereit. Da schaust du dich um und denkst: ‚Wow!‘

Wie oft bekommen Sie ein persönliches „Wow“ von Ihrem Freund Per Mertesacker zu hören?

Ein „Wow“ von Per? Von ihm gibt es immer nur Feuer, immer Kritik. Er möchte, dass ich das Bestmögliche aus mir heraushole. Er steht für mich exemplarisch für die deutschen Tugenden: Immer arbeiten, immer versuchen, alles zu geben. Zu sehen, wie er arbeitet und den Fußball lebt, hat mich ebenfalls ein Stück geprägt.

Per wäre also eine gute Mutter.

Ich würde eher sagen, ein anstrengender Vater.

Interview: Felix Seidel & Fatih Demireli

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Milos Raonic: „Ich dachte ans Aufhören“

Milos Raonic hat vielfältige Interessen: Reisen, Lesen, Kunst. Tennis würde er gerne mehr spielen, doch sein Körper zwingt ihn immer wieder zu Pausen. Wie er mit Rückschlägen, Langeweile und der Erinnerung ans Wimbledon-Finale 2016 umgeht, hat er Socrates erzählt.

Der Artikel erschien in Ausgabe #26

Milos Raonic, alle schimpfen immer über den übervollen Tourkalender, deshalb eine wichtige Frage: Wie schalten Sie ab von dem ganzen Rummel?

Meine große Leidenschaft ist das Reisen. Als Tennisprofi habe ich die fantastische Gelegenheit, die schönsten Städte der Welt zu sehen. Wissen Sie, was dabei aber stört?

Was?

Wir kommen jedes Jahr zur selben Jahreszeit in die immer gleichen Städte. Damit es mir nicht zu langweilig wird, stelle ich mir jedes Mal ein kulturelles Programm zusammen. Das ist stimulierend für den Kopf, ich bleibe mental frisch und verliere nicht viel Energie dabei. Wenn ich zu einem Turnier reise, freue ich mich also nicht nur auf die Spiele, sondern auch auf meinen Trip.

Spielen Sie doch den Reiseführer: Welche Museen können Sie besonders empfehlen?

Das Musée d’Orsay in Paris ist mein Lieblingsmuseum. Es ist faszinierend. Auch das Picasso-Museum in Barcelona gefällt mir richtig gut. Das Nationalmuseum Königin Sofía in Madrid ist ebenfalls interessant. Vor den Gemälden bleibe ich manchmal 20, 30 Minuten stehen und genieße einfach den Anblick.

Was machen Sie sonst noch in Ihrer Freizeit?

Ich lese unheimlich viele Bücher, im Schnitt zwischen 30 und 40 pro Jahr. Gleichzeitig versuche ich, nicht zu viel Zeit mit Fernsehen oder dem Handy zu verbringen. Die Spieler aus meiner Generation sind ziemlich süchtig nach ihren Smartphones. Zuletzt habe ich ein Buch über Buddhismus gelesen. Das entspannt wahnsinnig gut.


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Sie scheinen mit Ihrem Leben sehr zufrieden zu sein.

Extrem zufrieden. Ich bin Tennisprofi, aber eben nicht nur. Wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich nach meiner aktiven Laufbahn in der Branche bleiben würde, sage ich: Wahrscheinlich mache ich was ganz anderes. Ich würde noch einmal studieren und Ziele verfolgen, die ich wegen meiner Profi-Karriere zur Seite geschoben habe. Vor fünf Jahren war Kunst für mich ein Fremdwort, ich hatte auch jahrelang kein Buch gelesen. Was das betrifft, bin ich mit der Entwicklung meiner Persönlichkeit sehr zufrieden. Ich habe mich mehr geöffnet.

2016 standen Sie im Wimbledon-Finale gegen Andy Murray. Woran denken Sie?

An dieses unfassbar geile Gefühl. Wimbledon ist kein Turnier wie jedes andere. Die größte Gefahr lauert im Kopf, dass man sich zu viele Gedanken darüber macht, wo man sich eigentlich befindet und wie außergewöhnlich der Moment ist. Dadurch kann es leicht zu einer Art Lähmung kommen. Als wir den Rasen betraten, hatte ich meine Emotionen aber ganz gut im Griff, was sicher auch daran lag, dass ich ein sehr starkes Turnier auf diesem Court und dieser Anlage spielte. Ich war total fokussiert und voller Selbstvertrauen, um dieses Endspiel für mich zu entscheiden. Mir war es gut gelungen, die Begleitumstände in den Griff zu bekommen und mich allein auf das Spiel zu konzentrieren. Es war aber leider nicht genug, um Andy zu bezwingen.

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2016 hieß Ihr Trainer John McEnroe. Wie groß war sein Anteil an Ihrem Erfolg?

McEnroe half mir, als die Rasen-Saison stattfand. Vom Wimbledon-Finale bleibt ein kleiner fader Beigeschmack hängen, weil ich mit Sicherheit mit gewissen Situationen hätte besser umgehen sollen. Zwei Tage zuvor gewann ich dieses unglaubliche Halbfinale nach einem Fünf-Satz-Krimi gegen Roger Federer. Es war eine Energie-Leistung, die mich also unheimlich viel Kraft gekostet hatte. Das war mein allererstes Grand-Slam-Endspiel, dementsprechend war ich leicht nervös und angespannt. Außerdem spielte Andy ein Weltklasse-Tennis. Aber ich bin eher der Typ, der noch mehr die negativen Momente im Kopf behält als die Positiven.

Seit diesem Finale in Wimbledon läuft es für Sie weniger rund. Was sind die Gründe?

Ich hatte viel Verletzungspech, eine Operation am Handgelenk, eine Sprunggelenksverletzung und mehrere muskuläre Probleme. Es kommt selten vor, dass ich mal mehrere Wochen am Stück schmerzfrei spielen kann. Das ist extrem frustrierend. Ich hatte 2018 mit Knie-Problemen zu kämpfen, die dazu geführt haben, dass ich für die French Open absagen musste.

Wie kommen Sie damit klar?

Es ist tatsächlich schwer, mit Verletzungen umzugehen. Es ist wohl das Schwerste überhaupt für einen Athleten. Wenn man sich zum ersten Mal verletzt, denkt man: Alles halb so wild, das war eh das letzte Mal. Aber wenn es immer häufiger der Fall wird, kommen die Zweifel. Psychisch kann das zur Hölle werden. Jedes Comeback wird von dem Gedanken begleitet: Wann wird es mich wieder erwischen? Worauf muss ich besonders achten, um die nächste Verletzung zu vermeiden? Sehr lange habe ich mich mit solchen Sachen auf dem Court beschäftigt. Das war Gift für mein Hirn. Das hatte ich mir als Kind anders vorgestellt. Ich dachte, man geht auf den Platz und spielt.

Haben Sie mal ans Aufhören gedacht?

Der Gedanke geisterte schon mal durch den Kopf. Sobald ich aber wieder fit war, war das kein Thema mehr. Es ist immer ein harter Schlag, wenn mir die Ärzte mitteilen, dass ich zehn Tage pausieren muss, weil mir nach drei schon langweilig wird. Am Tennis mag ich vor allem die Bewegung und die Herausforderungen, denen ich mich stellen muss. Sobald man in seinem Lauf plötzlich gestoppt wird, ist es mental ermüdend.

Womit richten Sie sich auf?

Man braucht sicherlich einen gefestigten Charakter, um sich immer wieder aufzurappeln. Mein Glück ist zudem mein Aufschlag: Auf ihn kann ich mich immer verlassen. Selbst wenn ich nach einer Verletzung noch nicht wieder ganz bei hundert Prozent bin, hilft er mir, andere Defizite zu kompensieren. Und es gibt auch bei all diesen Rückschlägen einen positiven Aspekt: Man schätzt es mehr, wenn man wieder spielt und genießt intensiver.

Sie arbeiten mit sehr namhaften Trainern zusammen. Nach John McEnroe, Carlos Moyá und Richard Krajicek ist jetzt Goran Ivanišević Ihr Coach. Wie läuft’s?

Bei uns passt die Kommunikation. Das ist für mich die Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Als er mein Trainer wurde, hatte ich gerade eine achtmonatige Krise hinter mir. Ich bin froh, dass er für mich da ist.

Sie haben im eigenen Land inzwischen große Konkurrenz. Was sagen Sie zu den Shooting-Stars Denis Shapovalov und Félix Auger-Aliassime?

Das ist extrem spannend für Kanada. Seit eineinhalb Jahren entwickelt sich Shapovalov prächtig. Er hat diese Gabe, sehr schnell zu lernen. Ich hätte gedacht, dass er auf Sand nicht konkurrenzfähig wäre, doch genau das Gegenteil ist eingetreten, wie er etwa mit einem Halbfinale in Madrid bewiesen hat. Felix ist zwar noch relativ unbekannt, aber er hat großes Potenzial und ist für einen 18-Jährigen körperlich sehr weit. Und toll ist das natürlich auch für unser Davis-Cup-Team.

Davis Cup ist ein gutes Stichwort. Wie gefällt Ihnen die Reform?

Der Davis Cup hat eine Geschichte und ein Prestige, das seinesgleichen sucht. Der neue Modus wird wohl dafür sorgen, dass alle Topspieler daran teilnehmen und dann wird der neue Wettbewerb schnell Fuß fassen. Auf der anderen Seite gehen natürlich viel Charme und der typische Charakter verloren, den der Modus mit Heim- und Auswärtsspielen mitgebracht hat. Eine gesunde Mischung aus alt und neu wäre sicherlich optimal.

Sie werden Ende des Jahres 28. Wie fällt Ihre Karriere-Zwischenbilanz aus?

Sollte ich morgen den Schläger an den Nagel hängen, würde eine leichte Enttäuschung zurückbleiben. Gott sei Dank habe ich noch ein paar Jahre vor mir. Als ich 18 war, wollte ich in die Top 50 kommen. Aber es ist das alte Lied: Je erfolgreicher man wird, desto größer wird der Appetit auf mehr. Ich habe mir noch große Ziele gesteckt.

Interview: Alexis Menuge