Über socratesmagazin

Socrates, das denkende Sportmagazin, erschien erstmals im Oktober 2016 und ist monatlich in Deutschland sowie in weiteren acht europäischen Ländern erhältlich. Hier schreibt die Socrates-Redaktion.

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Novak Djokovic: Eindringling wider Willen

Tennis-Ass Novak Djokovic hat eine erstaunliche Entwicklung hinter sich. Der Wandel eines unkonventionellen Underdogs zum Weltstar...

Autor: Jörg Allmeroth

In der Welt des Tennis-Wanderzirkus war er schon alles. Er war der ewig Verletzte, das Weichei, der Spaßvogel, der Klassenclown, der scheinbar Unvollendete. Und dann auch der grandiose Djoker, der Meister der Konstanz, der einsamste Nummer-1-Spieler aller Zeiten, der Seriensieger, der Triumphator, der alle vier Grand-Slam-Titel gleichzeitig in seinem Besitz hielt. Und ganz zuletzt, da war er auf einmal in der letzten seiner vielen Verwandlungen wieder der rätselhaft Schwächelnde, eine sportliche Sphinx, der Strauchelnde und Stolpernde aus höchsten Höhen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #6

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #6

Nein, langweilig ist es einem wirklich nicht geworden mit diesem Novak Djokovic, mit einem Spieler, den einst seine Entdeckerin Jelena Genčić als „goldenes Kind“ bezeichnete. Mit einem, der den Wirren des Balkankrieges entfloh und später auszog, die Tenniswelt für sich zu erobern. Und der, als Eroberer der Macht von Roger Federer und Rafael Nadal, auch automatisch eine polarisierende Figur wurde. Wer das Wort Hassliebe im Zusammenhang mit dem Höchstbegabten aus Belgrad verwendet, meint wohl, dass es zwei schroff gegeneinander stehende Fraktionen gibt. Die eisernen Anhänger des Maestro Federer und des Matadors Nadal, die Djokovic immer als eine Art Eindringling in die duale Machtstruktur betrachteten. Und jene, die den aufstrebenden Djokovic als willkommene Bereicherung in der Führungsspitze sahen, als einen, der mit einer gewissen Langeweile dort droben auf dem Gipfel aufräumte.

Das Kuriose dabei ist: Djokovic möchte am liebsten genau so sein wie Federer und Nadal, wie diese beiden Übefiguren der Branche und herausragenden Botschafter ihres Sports. Vieles, sehr vieles, was Djokovic in den letzten Jahren tat und ließ, war einem übergeordneten Ziel geschuldet – ähnliche Liebe und Zuneigung des Publikums zu gewinnen wie die beiden alten Helden. Größer, bedeutender zu werden als das Tennis selbst. Ein sinn- und zweckloses Unterfangen? Djokovic lässt sich so gut wie nie auf dieses Thema ein, er lobt Federer und Nadal stets nur in höchsten Tönen und fordert auf, „dass nur andere über mich und meinen Status urteilen sollen“: „Ich bin nicht der Richter über Novak Djokovic“, sagt Djokovic.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #6

Djokovic war nicht überzeugt von sich selbst

Vielleicht wird erst die Geschichte zeigen, wie Djokovic zu beurteilen ist. Seine persönliche Geschichte ist ja noch nicht auserzählt, er hat potenziell noch ein paar gute, möglicher Weise sogar beeindruckende Jahre vor sich. Was er bisher geschafft hat, ist imponierend genug – trotz aller Stör- und Nebengeräusche, die ihn immer wieder umgaben. Trotz mancher Anfeindungen in der Frühzeit seiner Laufbahn, in jener Epoche, in der er sich als Faxenmacher verdingte und an den Autoritäten kratzte, auch ohne die in Tenniskreisen gewohnte Etikette. Ein aufrührerisches Bürschchen war er schon damals, der junge Djokovic. Gerade mal 20, 21 Jahre alt, aber sich nicht zu schade, um schon auf den Centre Courts der Welt Leute wie Nadal, Roddick, Federer oder Frau Scharapowa zu verulken. Man kann die Mitschnitte dieser Djokovic-Auftritte heute noch bei YouTube bestaunen, etwa bei den New Yorker US Open, aber man staunt eben auch, wie sehr sie aus der Zeit gefallen sind – wie sehr Djokovic sich plötzlich auf allen Ebenen zu einem grundseriösen Professional verwandelte. Wie sehr er sich selbst Jux und Tollerei austrieb. „Irgendwann war das Ganze nur noch zwanghaft. Ich reiste zu einem Turnier, und früher oder später kam irgendein Moderator oder Platzansager und sagte: Mach doch mal den Nadal, mach doch mal die Scharapowa. Da dachte ich mir: Zeit, damit aufzuhören.“

Djokovic hatte mit manchen Sticheleien und Provokationen durchaus für Unruhe im Esta- blishment gesorgt, bei den hohen Herren aus der Schweiz und Spanien. Doch so sehr diese Nadelstich-Politik auch Erfolg hatte, ihm selbst, dem Emporkömmling, fehlte noch der letzte Glaube an eine Machtübernahme. Überzeugt war er nicht von sich selbst, nicht jedenfalls in den paar Matches, die über den Gehalt eines ganzen Jahres entscheiden – bei den Grand Slams im Halbfinale oder Endspiel: „Wenn ich auf den Platz ging gegen Roger und Rafa, dann war diese hundertprozentige, diese allerletzte Überzeugung nicht da. Ich hatte schlicht zu viel Respekt“, sagt Djokovic, „irgendwann erkannte ich, dass es tatsächlich nur an mir selbst liegt. Ich musste, das war die Notwendigkeit, mein ganzes Leben im Tennis auf den Kopf stellen.“

Das Beste sollte noch kommen

Djokovic veränderte sich so radikal wie kein zweiter Spieler in der modernen Tennis-Historie. Zwar auch neben dem Platz, da wurde er zum geschliffen parlierenden Diplomaten, der sich in mehreren Sprachen druckreif über Gott, die Welt und das Tennis ausließ. Aber vor allem auf dem Platz. Er, der zuvor pausenlos Lahme  und Lamentierer, der Spaßvogel ohne letzte sportliche Bedeutung, wurde zum verblüffenden Iron Man? Wenn man ihn in der Blüte seiner Berufszeit sah, mit den flinksten Beinen aller Spieler im Wanderzirkus, mit einer Ausdauer- und Willenskraft, die sogar Spieler wie Nadal übertraf, dann dachte man oft, es könne sich nicht um ein und denselben Spieler handeln. „In dieser Umbruchphase habe ich eigentlich alles verändert in meinem Leben, nur meine Frau, die ist zum Glück geblieben“, sagt Djokovic, „meine Schläge, meine Strategie auf dem Platz, meine Ernährung, mein Fitnesstraining – alles wurde neu. Und besser.“

Mit dem anderen Körpergefühl baute sich bei Djokovic auch langsam, aber unaufhaltsam, jenes Selbstbewusstsein auf, das nötig war, um zwei der Allzeitbesten seines Sports, Federer und Nadal, aus ihrer Wohlfühlzone zu stoßen – und sie schlussendlich auch von ihren angestammten Positionen 1 und 2 zu verdrängen. Der Djokovic des ersten Prunkjahres 2011 etwa war plötzlich nicht mehr nur auf Augenhöhe mit dem eleganten, selbstgewissen Maestro aus der Schweiz und mit dem kraftstrotzenden Muskelprotz aus Mallorca, sondern ein gutes Stück voraus. „Er hat das Spiel damals bereits auf einen unglaublichen Level gehoben“, sagt der australische Coach und Analytiker Darren Cahill, „das war ein Tennis, wie man es vorher noch nicht gesehen hatte.“ 

Freilich sollte das Beste noch kommen, später in seiner ungewöhnlichen Karriere. In der gemeinsamen Zeit mit dem Cheftrainer Boris Becker, in der Ära „Beckovic“, in drei Jahren der beispiellosen Siegesserien. „Er ist der absolute Souverän im Circuit gewesen“, sagt der Amerikaner John McEnroe, selbst einst die Führungs gur der Szene, „und er hat auch die Anerkennung bekommen, die er verdiente. Die, die ihn früher auspfiffen, bewunderten ihn plötzlich.“ Zwar war Djokovic nicht der bedingungslos Geliebte, auf einer Stufe mit Eurer sentimentalen Majestät Federer, aber doch eine Respektsperson – einer, der neben sportlicher Grandezza auch mit den richtigen Fairnessgesten und den passenden Worten überzeugte. Als Nummer 1 des Sports machte er eine gute, über die Jahre immer bessere Figur.

Wohin führt Djokovics Weg?

Auf den Centre Courts war sowieso nicht an ihm herumzudeuteln. Und zwar vor allem, weil er seine Brillanz nicht nur in blitzlichtartigen Momenten aufschimmern ließ, sondern in einer atemraubenden Konstanz über Wochen und Monate. „Du siehst seine Bilanz und denkst: Ist der Kerl verrückt? Ist das wahr?“, sagt Boris Becker, der sich schon vor seinem Amtsantritt gewundert hatte, „was aus dem mageren Bürschchen geworden ist, das dauernd verletzt war“. Nichts weniger als ein Mann, der seine Gegner mit einer uner- schütterlichen Zuversicht und Hartnäckigkeit aus dem Weg stieß, einer, der absolut keine Zweifel mehr kannte nach seiner rasend xen Transformation zum eisernen Fighter, zum nahezu Unantastbaren. 2015, im größten Traumjahr seiner Karriere, ließ sich die komplette Saison eigentlich auf zwei Worte verdichten: Novak Djokovic. „Es ist eigentlich unnormal, was ich da spiele“, sagte Djokovic damals, „aber es ist wunderschön.“

Die letzte Volte in seinem Berufsleben kam – ausgerechnet oder doch nicht ganz überraschend – in einem Moment der Vollendung. Viele Jahre war Djokovic vergeblich dem Titel im Stadion Roland Garros zu Paris nachgelaufen, im roten Sand platzten wiederholt seine Träume, den letzten noch fehlenden Major-Pokal zu gewinnen. Das selbstbewusste, eigensinnige Publikum pfiff lange auf ihn, feierte jene, die ihn aus allen Hoffnungen stürzten. Doch seine Siegeskampagne 2016 war von Sympathie begleitet - Djokovic hatte nach dem Eindruck der Fans genug und ausreichend hart gelitten, um sich nun den Beifall verdient zu haben. Schließlich, er war gerade Champion geworden, malte der Djoker ein großes Herz in die „terre battue“. Und wusste noch nicht, dass in diesem Triumph schon ein Stück der kommenden Mühsal angelegt war, eines doch heftigen Absturzes.

Der Mann, der eben noch alles im festen Griff gehabt hatte, der im ersten Halbjahr 2016 so gut wie kein wichtiges Spiel verlor, dieser Mann war jäh nur noch ein mattes Abbild seiner selbst. „Er wirkte auf einmal ausgelaugt, ohne klare Ziele. Er stellte sich die Frage: Wo soll es von hier aus für mich hingehen. Es war eine Sinnkrise, eine Motivationskrise“, sagt Beobachter Mats Wilander. Jedenfalls verlor Djokovic danach nicht nur wichtige Titel, sondern auch Platz 1 in der Welt. Der Außergewöhnliche wurde, vorübergehend allemal, wieder zum gewöhnlichen Pro – eingefangen von irdischer Schwerkraft. „Er hat auch nicht mehr so trainiert wie vorher. Da hat er einige Schwächen offenbart, war nicht mehr so mit dem Herzen bei der Sache“, sagt Becker, der das Team Djokovic zum Ende der vorigen Saison verließ. Dem deutschen Chefcoach hatte vor allem missfallen, dass sich Djokovic eher esoterischen Ideen und einer Figur wie dem Spanier Pepe Imaz zuwandte, einem früheren Spieler, der in Tenniskreisen auch der Kuschelguru genannt wurde.

Kuschelig war es zuletzt allerdings nicht mehr so sehr für Djokovic, wenn er auf einen der großen Tennisplätze marschierte. Zu besichtigen war da einer, dessen Spiel keine innere Harmonie mehr ausstrahlte, auch keine unverbrüchliche Zuversicht. Die Frage, wohin sein Weg führt, der Weg des wieder rätselhaften Djokers, ist eine der großen Fragen für dieses Jahr. Und für die Tennis-Zukunft überhaupt.

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Christian Prokop: Der klare Weg

Christian Prokop musste eine schwierige Entscheidung treffen: Für die Erfüllung des eigenen Traums. Heute ist er Deutschlands Handballhoffnung. Socrates traf ihn.

Autor: Fabian Held

An einem herbstlich grauen Tag schlendert Christian Prokop zu einem Café am Leipziger Marktplatz. Im hektischen Treiben zwischen Gemüse-Ständen und dem Außensitz des Cafés wird die Anwesenheit des Handball-Bundestrainers nicht besonders gewürdigt. Heute habe er noch keine Autogramme schreiben müssen, erzählt der 38-Jährige lachend.

In Leipzig ist die Familie Prokop heimisch geworden. Vielleicht auch, weil das Familienoberhaupt entspannt durch die Stadt laufen kann, ohne überall aufzufallen. RB Leipzig spielt in diesen Tagen das erste Mal in der Champions League. Deren Trainer Ralph Hasenhüttl zieht sich die Schirmmütze tief ins Gesicht, wenn er mit dem Fahrrad vom Trainingsgelände nach Hause fährt, um nicht alle paar Meter ein Autogramm geben zu müssen.

So unterschiedlich ist die Wahrnehmung. Alle Augen auf den Fußball, der Handball fällt da manchmal hinten runter. Dabei ist die Leistung von Prokop als Trainer nicht gering zu schätzen. Es gibt gute Gründe, warum er nun Deutschlands sportlicher Vordenker im Handball ist. Trotz seines Alters und obwohl er bislang noch nicht auf dem allerhöchsten Level gecoached hat.

Leidenschaftlich spricht Prokop über den Sport, den er liebt, nach dem er auch ein bisschen verrückt ist, wie er selbst eingesteht. „Aktives Verteidigen“, „attraktiver Handball“, „Begeisterung“, „Emotionalität“, sind Schlagworte, die immer wieder fallen. Prokop hat einen klaren Plan, einen klaren Weg, den er beschreitet. Davon lässt er sich nicht so leicht abbringen. Das mag stur, vielleicht auch etwas eigenbrötlerisch wirken, doch der Erfolg gab ihm bislang Recht. Jetzt holt er aus, für den ganz großen Wurf.

Die entscheidende Wendung passierte 2013

Um die Beziehung zwischen Prokop und dem Handball zu verstehen, eignet sich eine Anekdote. Im Frühjahr 1999 ist der linke Rückraumspieler Christian Prokop ein aufstrebendes Talent in der zweiten Liga. Bei einem Länderspiel der B-Nationalmannschaft verletzt er sich schwer am linken Knie. Die Ärzte sind der Ansicht, dass dies das Ende für Prokop im Profisport bedeutet. Doch der will weiter Handballspielen. Also schult er sich selbst um. Statt mit seiner stärkeren rechten Hand, wirft er fortan mit der schwächeren linken, um so das lädierte Knie zu entlasten. Er kämpft sich noch mal heran, doch muss sich eingestehen, dass es für die ganz große Karriere nicht reichen wird.

Kurz spielt er noch für seinen Heimatverein, die HG 85 Köthen, in seinem Geburtsort in Sachsen-Anhalt. Er erwirbt die A-Trainer-Lizenz und studiert Realschullehramt mit den Fächern Sport und Wirtschaft. Nebenher trainiert er Mannschaften in den unteren Ligen, tastet sich Stück für Stück nach oben. Von der dritten in die zweite, in die erste Spielklasse.

Die vielleicht entscheidende Wendung in der Karriere passiert 2013, als Prokop von TUSEM Essen zum SC DHfK nach Leipzig wechselte. In Leipzig und Umgebung gab es zwar eine gewisse Handballhistorie, doch wie in vielen anderen Sportarten auch, ging nach der Wende viel kaputt.

Karsten Günther machte sich als Geschäftsführer nun auf den Weg, das zu ändern. Und holte mit Prokop den richtigen Trainer. Prokop durfte nach seinen Wünschen ein junges Team formen. Der Aufsichtsrat um Handball-Legende Stefan Kretzschmar und Günther ließen ihn machen. Prokop schaffte den Aufstieg in die Bundesliga, den Klassenerhalt, den Einzug ins Final Four des DHB-Pokals, etablierte Leipzig als Handballstandort auf der Bundesligalandkarte.

Er musste viele Strukturen erst schaffen

„Es war vom ersten Gespräch an eine große Vertrauensbasis beider Seiten da“, beschreibt es Prokop, „alle waren geerdet und realistisch. Ich konnte in Ruhe eine Mannschaft aufbauen, die taktisch intelligent spielt und auf fast jede Situation vorbereitet war.“ Durch die erfolgreiche Zusammenarbeit wuchs auch das Vertrauen der Spieler in ihren Chef. „Ich habe immer gedacht, dass ich mal ein halber Drittligaspieler werde und jetzt stehe ich im Final Four“, sagte zum Beispiel Leipzigs Kapitän Lukas Binder nach der Qualifikation zur Endrunde des DHB-Pokals.

Als Vereinstrainer hat sich Prokop beweisen können. Platz elf und acht in der Bundesliga sind für die Leipziger ein großer Erfolg. Dabei musste er viele Strukturen erst schaffen. Krafträume, Trainingshallen, Übernachtungen in Hotels – das alles fehlte. Günther ist dabei das perfekte Gegenstück zu Prokop. Rührselig schüttelte er im VIP-Bereich so lange Hände, bis das nötige Geld da war. Entsprechend war es für den Geschäftsführer ein großer Schock, als der Deutsche Handballbund (DHB) auf den Plan trat und Prokop als Nachfolger von Dagur Sigurðsson abwerben wollte. Der Isländer hatten den deutschen Handball aus dem Tal der Tränen gehievt, entsprechend groß sind seine Fußstapfen.

Die Verhandlungen zogen sich. Auch weil Prokop selbst zögerte. „Wenn man die Chance bekommt, als Nationaltrainer zu arbeiten, werden das nur wenige ablehnen, weil es mit viel Identifikation und viel Nationalstolz verbunden ist“, sagt er. Auf der anderen Seite fühlt er sich sehr wohl beim SC DHfK.

Christian Prokop will erfolgreich sein

Als die Verhandlungen öffentlich werden, versuchen die Fans, Prokop umzustimmen. Bei einem Heimspiel halten sie Schilder mit den Initialen „CP“ hoch. Der Trainer ist der Star der Mannschaft, wird gefeiert. „Dass es zwischenzeitlich gehakt hatte, lag an einer menschlichen Reaktion. Ich konnte das Kapitel Leipzig nicht einfach so beenden. Ich habe zwischenzeitlich mit mir zu kämpfen gehabt“, gesteht der 38-Jährige.

 Dieser Artikel erschien in Ausgabe #13

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Am Ende geht er doch. 500.000 Euro soll der DHB gezahlt haben. Auch wenn die Zahl nie bestätigt wurde, hat man sie ebenso wenig dementiert. Für Handballverhältnisse ist das eine Rekordsumme. An Prokop ist ein klarer Auftrag formuliert: Gold bei der WM 2019 und den Olympischen Spielen 2020 soll es bitte werden.

Die Frage nach dem Druck lächelt Prokop weg. Entspannt lässt er sich in den Stuhl fallen, die wachen Augen funkeln freundlich. „Aktuell empfinde ich noch keinen Druck“, sagt er. Die EM ist noch einige Monate entfernt. Dabei ist er jetzt nicht mehr nur für sich und seine Mannschaft verantwortlich, sondern für den Handball in Deutschland insgesamt. Denn wenn die Nationalmannschaft erfolgreich ist, steigt das Medieninteresse. Spielt die DHB-Auswahl schlecht, erlischt das Interesse der Deutschen am Treiben auf der Platte.

Doch Prokop will erfolgreich sein, möglichst attraktiven Handball spielen, wie er äußerst lebhaft erzählt. Im Zentrum seiner Handballphilosophie steht die Abwehr. Laufintensiv, individuell eingestellt auf jeden Gegner und möglichst variantenreich. Dabei soll die Abwehr nie nach Schema F agieren und so schwer durchschaubar bleiben. Das alles erfordert viel Kommunikation. „Ich will, dass die gesamte Mannschaft miteinander spricht“, betont Prokop. Steht die Abwehrreihe zu nahe am Sechs- Meter-Kreis, haben die Rückraumspieler des Gegners zu viel Platz zum Werfen. Attackiert die Abwehr zu früh, bekommt der gegnerische Kreisläufer zu viel Platz.

Voller Fokus auf den Handball

Diese Feinheiten sind es, auf die sich Prokop stürzen kann. In Videos analysiert er das eigene Abwehrverhalten, zeigt Lösungen und Fehler. Gleichzeitig seziert er in Videoschulungen auch den Gegner. Bei allen taktischen Finessen legt Prokop aber auch Wert auf Emotionen und Mentalität. „Wir wollen die Zuschauer begeistern“, sagt der Nationaltrainer.

Prokop ist ein junger, moderner und taktisch versierter Trainer. Das, plus der Hintergrund mit der früh beendeten Spielerlaufbahn, hat dem 38-Jährigen den Titel „Julian Nagelsmann des Handballs“ eingebracht. Prokop selbst kann mit derlei Vergleichen allerdings nicht viel anfangen. „Ich kann von der Arbeit vom Typ her gar keinen Vergleich zu Julian Nagelsmann wagen. Ich sehe, abgesehen vom Alter, wenige Parallelen“, sagt der Handball-Nationalcoach.

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Überhaupt ist Prokop niemand, der „zu weit über den Tellerrand hinaus blickt“. Voller Fokus auf den Handball, die Trainingsmethoden anderer Sportarten interessieren ihn nicht so sehr.

Doch laute Beschwerden über die Rahmenbedingungen sind von Prokop nicht zu hören. Er ist Pragmatiker genug, um zu erkennen, in welchen Konflikten er sich nur unnötig aufreiben kann. Dass die Belastung für die Spieler zu hoch ist, die quasi immer im Drei-Tages-Rhythmus spielen, dazu jedes Jahr ein großes Länderturnier haben, will er gar nicht groß kommentieren. Eine einfache Lösung gibt es nicht, dafür ist die Gemengelage zu komplex. Eine populistische Forderung zu stellen, hilft auch nicht. „Ich möchte über das Thema nicht so viel sprechen. Es dient sonst nur häufiger als Alibi“, findet Prokop.

Prokop möchte Titel sammeln

Schon jetzt bereitet sich Prokop auf die möglichen Gegner bei der EM im Januar in Kroatien vor. Europaweit analysiert er Ligaspiele, um Trends und Taktiken auszumachen. Die Erwartungen an die deutsche Mannschaft sind hoch, die DHB-Auswahl ist Titelverteidiger und somit Mitfavorit. Prokop ist ein akribischer Arbeiter. Mindestens. Manche würden es auch versessen nennen. Der Übergang ist sicher fließend. Dabei wird die Vorbereitung künftig eine andere sein. In Leipzig konnte Prokop einzelne Spieler über einen langen Zeitraum individuell besser machen. Bei den anstehenden Turnieren hat Prokop nun nur wenige Tage Zeit, um die ganze Mannschaft vorzubereiten. Dabei stehen mehr gruppentaktische Themen im Vordergrund.

Für Prokop ist die EM das erste große Turnier, das erste Mal im internationalen Rampenlicht. Als Trainer hat der 38-Jährige dabei eine recht komfortable Position, denn ihm stehen eine ganze Reihe junger, hungriger Talente zur Verfügung. Das Gerüst der Mannschaft um Rückraumspieler Paul Drux und Torwart Andreas Wolff kann noch viele Jahre auf höchstem Niveau Handball spielen. Dazu kommen altgediente Stammkräfte wie Uwe Gensheimer. Die „Bad Boys“, wie sie sich selbst nennen, haben das Potenzial, eine Generation zu prägen, wie es Henning Fritz, Markus Bauer, Pascal Hens und Co. getan haben, die 2007 im eigenen Land Weltmeister wurden. Das Einzige, was den Deutschen fehlt, ist ein Rückraumwerfer von Weltformat, wie etwa ein Mikkel Hansen aus Dänemark.

„Dieser Beruf fühlt sich gut an. Ich übe ihn mit viel Freude und Identifikation aus“, betont Prokop. Schritt für Schritt hat er die Karriereleiter erklommen, ist als junger Trainer auf dem höchsten deutschen Trainerposten angekommen. Seinen Weg hat er konsequent verfolgt. Der Vertrag beim DHB läuft bis 2022. Bis dahin möchte Prokop Titel sammeln, möglichst eine Ära prägen. Die Voraussetzungen sind alle da. Daran wird er sich messen lassen müssen. Jetzt liegt der Ball bei Prokop.

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Max Ebert: Ehrlich, nachhaltig, Max

Eigentlich war er schon weg, doch dann schrieb Max Eberl bei Borussia Mönchengladbach sein eigenes Märchen. Den Heldenstatus lehnt er ab, einen Fanclub hat er trotzdem. Bei SOCRATES spricht der 43-Jährige über den Gladbacher weg.

Autor: Stefan Rommel

Herr Eberl, gibt es eigentlich den „Max Eberl Fan-Club“ noch?

Die Fahne hängt noch bei jedem Heimspiel.

Der Fanklub stammt aus Ihrer Zeit als aktiver Spieler und hatte genau zwei Mitglieder. Mittlerweile sind Sie aber längst zum Gesicht von Borussia Mön- chengladbach geworden. Wie fühlt sich das an?

Es ist ein schönes Gefühl, bedeutet aber auch verdammt viel Verantwortung. Die Wahrnehmung meiner Person hat sich sehr verändert. Früher konnte ich als Jugendkoordinator Spiele scouten und kein Mensch hat mich erkannt. Wenn ich heute bei einem Spiel war, steht am nächsten Tag die Frage im Raum, welchen Spieler Eberl denn nun gescoutet hat. Dabei ist es einfach Teil meines Jobs, Spiele zu sehen.

Sie sind seit acht Jahren als Sportdirektor für die Borussia tätig. Welche Überschrift würden Sie dieser Zeit verpassen?

„Die märchenhafte Geschichte“. Einige Dinge der letzten Jahre fühlten sich – wie im Märchen – nicht besonders real an. Wir hatten 2008 einen „normalen“ Start, konnten die Mannschaft nach dem Aufstieg in der Liga halten, danach im Mit- telfeld platzieren. Dann kam die Saison 2010/11, die sportlich in die völlig falsche Richtung gegangen ist. Wir wurden angefeindet, mussten uns erklären und ich habe mir am Ende die Frage gestellt: „Gehe ich in diesen Kampf, den ich nicht gewinnen kann? Oder kümmere ich mich lieber um die Mannschaft, weil sie das Elementare ist?”. Ich habe die Dinge dann links und rechts liegen gelassen, sie haben mich nicht mehr interessiert. Auch heute übrigens nicht: Social Media, Twitter, Facebook – alles irrelevant. Mich interessiert die Mannschaft, was läuft gut und was weniger gut, wo können wir uns verbessern? Wir waren damals gerade dabei eine neue Mannschaft aufzubauen mit Spielern aus der eigenen Jugend, mit Herrmann, Korb, ter Stegen, Younes. Dazu Talente wie Reus, Neustädter, Nordtveit und ein paar Erfahrene, wie zum Beispiel Dante, Arango, Stranzl oder Brouwers.

Und im Hintergrund wurde Politik betrieben.

Auf einmal spielten Emotionen und Traditionen eine Rolle. Man ist aber nicht irgendwelchen Lemmingen hinterhergelaufen, sondern hat sich auf die Inhalte und Programme konzentriert. Der Verein hat die Probleme dann in einer unglaublich seriösen Art und Weise gelöst, sowohl sportlich als auch strukturell. Was danach kam, ist ein reines Märchen. Der Klub war 15 Jahre quasi in der Versenkung verschwunden, war eine Fahrstuhlmannschaft und spielte dann in fünf Jahren vier Mal international, darunter zwei Mal in der Champions League.

Gab es diesen einen Wendepunkt in dieser langen Zeit?

Es gibt viele wichtige Entscheidungen. Aber die Mitgliederversammlung nach der überstandenen Relegation 2011 war wohl einer der prägendsten Momente. Da hat der Klub den Leuten mitgeteilt, was möglich ist – und was eben nicht. Wir hatten Tradition und ein neues Stadion. Und trotzdem gab es den Abstieg 2007. Es gehört also ein bisschen mehr dazu, man benötigt Strukturen und einen Plan. Die Rettung war gleich mehrfach wichtig: Wir konnten in der Bundesliga bleiben, wir mussten keine Spieler verkaufen. Wir konnten den Mitgliedern erklären, was wir vorhaben und was mit unserem Budget möglich ist. Wir waren nanziell gesund, aber nicht reich. Die Leute konnten damit nichts anfangen, also haben wir es Ihnen erklärt: Unser Budget damals bedeutete, dass man um die Plätze 14, 15 oder 16 spielt. Wir waren, was wir konnten. Das haben wir den Leuten mit Nachdruck gesagt und die meisten haben verstanden: Die Tradition, die goldenen 70er – das war einmal. Jetzt müssen wir neu anpacken. Die Kraft dieser Mitgliederversammlung, das Bewusstsein, gemeinsam etwas schaffen zu können und zu wissen, was man kann, war für mich rückblickend der wichtigste Moment.

Warum sträuben Sie sich davor, den VfL als Ausbildungsklub zu bezeichnen?

Weil das hieße: Unsere Grundidee ist, für andere auszubilden. Unsere Grundidee aber lautet: Wir möchten erfolgreich sein mit diesem Klub. Den Weg dorthin beschreiten wir mit jungen, hungrigen Spielern. Auch mit der Perspektive, diese Spieler irgendwann verkaufen zu müssen. Aber nicht zur direkten Konkurrenz auf Augenhöhe. Sondern zu Arsenal, zu den Bayern oder Barcelona. Deswegen wehre ich mich, diesen Begriff offensiv zu benutzen. Die Idee ist, mit jungen Spielern zu arbeiten. Das Ziel ist, mit diesem Klub neue, erfolgreiche Kapitel zu schreiben.

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Borussia Dortmund: Die Wette auf den Tod

Der Anschlag auf das Team von Borussia Dortmund im April hat den deutschen Fußball verändert. Die Tat hinterlässt verunsicherte Stars und Klubs, deren Markenkern auf dem Spiel steht. Die Liga steckt im Dilemma zwischen Abschottung und Fannähe.

Autor: Ibrahim Naber

Der Tag, an dem Nuri Şahin überlebte, begann mit einem Ritual. Stunden vor dem Viertelfinale gegen die AS Monaco am 11. April 2017 legte sich der Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund auf sein Hotelbett. Er schaltete Musik ein, schloss die Augen und ließ seinen Atem gehen. Wie vor jeder großen Partie in der Champions League stellte er sich in Bildern vor, wie das Spiel für ihn laufen könnte. Danach rief Şahin zu Hause an, Frau und Kinder waren wohlauf. Also schaltete der damals 28-Jährige sein Handy aus und verließ das Zimmer in Richtung Teambus. Weder Şahin noch sonst ein BVB-Akteur ahnte an jenem Aprilabend, dass in Zimmer 402 des Teamhotels ein Mann wohnte, der offensichtlich eine Wette auf ihren Tod platziert hatte.

Sergej W., ein 28 Jahre alter Elektroniker aus dem Schwarzwald, soll laut Anklage versucht haben, aus Habgier 28 Menschen zu töten. Konkret soll der mutmaßliche Attentäter geplant haben, den Aktienkurs des BVB mit einem Angriff auf den Mannschaftsbus abstürzen zu lassen. Laut Ermittlern hatte Sergej W. für seine perfide Wette sogenannte Put-Optionsscheine gekauft, die im Falle eines Kursabsturzes der BVB-Aktie Profit versprachen. Kalkül: je verheerender das Attentat, desto stärker der Kursabfall. Je steiler der Kursabsturz, desto höher der Gewinn. 

Um 19.15 Uhr rollte der Teambus des BVB am Anschlagsabend vom Hotelgelände. Kurz nach der Ausfahrt zündete Sergej W. laut Anklage aus seinem Hotelzimmer per Fernbedienung drei Sprengsätze, die in einer Hecke am Straßenrand platziert worden waren. Die Detonation war so gewaltig, dass sie die Scheiben des BVB-Busses zum Zerbersten brachte. Socrates-Kolumnist Şahin erinnert sich an den Moment: „Innerhalb von Sekunden dachte ich an mein gesamtes Leben. Ich dachte ans Sterben, und ich dachte ans Leben.“

In der Bundesliga ist Sicherheit ein heikles Thema

Monate sind seit dem ersten Anschlag auf eine deutsche Profimannschaft vergangen. Die äußeren Wunden sind verheilt, auch Marc Bartra, dem sich bei der Explosion Metallsplitter in den Arm gebohrt hatten, spielt wieder Fußball. Was das Attentat auf den BVB wirklich hinterlassen hat, offenbart sich erst hinter der Fassade. Es geht um Profis, die von den Bildern des Anschlags bis heute im Alltag eingeholt werden. Und es geht um Klubs, die ihre Stars mittlerweile stärker schützen müssen, aber die Nähe zu den Fans nicht aufgeben wollen. Ein Spagat, der den Markenkern von Vereinen wie Borussia Dortmund gefährdet.

Dieser Artikel erscheint in der aktuellen Ausgabe #15

Dieser Artikel erscheint in der aktuellen Ausgabe #15

„Echte Liebe“ propagiert der BVB weltweit. Der Slogan bedeute bedingungslose Liebe, erklärte Şahin nach dem Anschlag im April, das sei der Borussia-Spirit, das sei ihre Stärke. Man kann das romantisch oder kitschig nden, ganz egal, doch Dortmunds Motto beschwört den Bund zwischen Klub und Fans. Liebe meint hier auch Nähe, Fußballpro s sind in Deutschland Stars zum Anfassen. Nur: Bis zu welchem Punkt können Vereine das heute noch verantworten?

In der Bundesliga ist Sicherheit ein heikles Thema. Wenige wollen sich dazu äußern, auch weil es um viel Geld geht. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) beteuert zwar, Stadien seien die wahrscheinlich sichersten Plätze in Deutschland. Doch Experten sprechen weiterhin von Sicherheitslücken. Und der Anschlag auf den BVB hat gezeigt, dass es um viel mehr geht: um Anfahrtswege, Teambusse, Mannschaftshotels und Trainingsplätze. Fußballfans fürchten eine Entwicklung wie bei anderen europäischen Spitzenklubs: keine öffentlichen Trainings, strikte Abschottung der Stars durch Personenschützer.

Wer sich etwa aufmacht, um das Trainingsgelände von Manchester United zu besuchen, trifft auf kilometerlange Stacheldrahtzäune inmitten von endlosen Maisfeldern. 3,60 Meter hoch steht das Metall in der Luft, Überwachungskameras sind daran montiert. 24 Stunden am Tag patrouillieren Wachmänner, um das gigantische Areal vor Unbefugten ab- zuschotten. Der Trainingskomplex des größten Fußballklubs der Welt ist ein Hochsicher- heitstrakt im Nirgendwo. „Fortress Carrington“ nennen sie das Gelände in Manchester spöttisch – „Festung Carrington“. Auch auf Übungsplätzen anderer Premier-League-Verei- ne sind Fans unerwünscht.

"Wir benötigen höhere Standards: eine bessere Ausbildung, keine Dumpinglöhne mehr. Es gibt zu viele Sicherheitsdienste, die Amateure anheuern."
Björn Bergmann
Sicherheitsbeauftragter Schalke 04

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Im Vergleich dazu zeigen sich deutsche Klubs volksnah: Das Trainingsareal von Schalke 04 am Berger Feld ist frei zugänglich. Wer will, kann dort ein Bier trinken und den Pro s beim Schwitzen zuschauen. „Wir sind ein offener Verein“, sagt Clemens Tönnies, Schalkes Aufsichtsratschef, stets. Und sein Wort hat Gewicht. Königsblau hält an den öffentlichen Trainingseinheiten auch nach dem Anschlag auf Erzrivale Dortmund fest: „Wir wollen uns nicht abschotten. Das sollen andere Vereine machen. Hier wird es vor einem Spiel maxi- mal eine Trainingseinheit unter Ausschluss der Öffentlichkeit geben“, versprach Trainer Domenico Tedesco im Juni. Auch der BVB bietet seinen Fans weiterhin die Möglichkeit, beim Training der Profis vorbeizuschauen; seltener jedoch als der Konkurrent aus Gelsenkirchen. Im Oktober und November setzte der Klub insgesamt drei öffentliche Trainingseinheiten an.

DORTMUND, GERMANY - APRIL 11: Borussia Dortmund CEO Hans-Joachim Watzke speaks to the media as the match is postponed prior to the UEFA Champions League Quarter Final first leg match between Borussia Dortmund and AS Monaco at Signal Iduna Park on April 11, 2017 in Dortmund, Germany. The match was cancelled after an explosion near the Borussia Dortmund team coach en route to the stadium.

Hinter den Kulissen haben die Klubs ihre Sicherheitskonzepte deutlich ausgewei-tet. Als Reaktion auf den Anschlag kündigte BVB-Klubboss Hans-Joachim Watzke den Aufbau einer eigenen Abteilung Sicherheit an. Erste Vorstellungsgespräche mit ehemaligen GSG-9- und BKA-Leuten führten die Verantwortlichen der Borussia bereits Ende April.

Ins Dortmunder Anforderungsprofil hätte Björn Borgmann gepasst, der sich um die Sicherheit bei Schalke 04 kümmert. Der 44-Jährige ist einer der bekanntesten Personenschützer der Liga. Mit seiner Firma Shield Security sorgt er auch für die Sicherheit der Nationalmannschaft. „Wir benötigen höhere Standards: eine bessere Ausbildung, keine Dumpinglöhne mehr. Es gibt zu viele Sicherheitsdienste, die Amateure anheuern“, erklärte er der Welt am Sonntag. Borgmanns Truppe macht vor Spieltagen eine Gefahrenanalyse, observiert das Hotel und überprüft Zufahrtswege von Teambussen.

Ligaklubs wie Hamburg oder Leipzig engagierten schon vor dem BVB-Anschlag Sicherheitsdienste, die das Team bei Reisen begleiten. Vereine der französischen Ligue 1 gehen bereits einen Schritt weiter. Paris Saint-Germain soll unter anderem Motor- radfahrer engagieren, die den Profus bei Stadtfahrten Begleitschutz bieten. Auch die Sicherheitsanlagen rund um die Anwesen der PSG-Stars sind ausgebaut worden. Über eine Millionen Euro soll der Klub für die Maßnahmen in sieben Monaten gezahlt haben.

Die Sicherheitskonzepte der Klubs sind geheim

Sorgen macht den Klubs die Sicherheitslage schon länger. Die schrecklichen Bilder von 2015 rund um das Pariser Stade de France sind vielen Fans in Erinnerung geblieben. Bei den Anschlägen auf Frankreichs Hauptstadt wollten die Attentäter Bomben im Stadion zünden. Dies wurde jedoch von Sicherheitskräften vereitelt. Die Attentäter sprengten sich vor der Arena in die Luft. Spätestens seitdem versuchen sich Vereine mit Anti-Terror-Konzepten gegen solche Angriffe zu wappnen.

Auch der BVB hat ein Anti-Terror-Konzept, das beim Anschlag im April zum Einsatz kam. Norbert Dickel, Stadionsprecher des BVB, hatte einen Text parat, der für die Gefahrenlage eines Terrorangriffs verfasst wurde. „Wenn so etwas passiert, ist es sehr wichtig, dass die 80.000 Menschen im Stadion die vertraute Stimme ihres Stadionsprechers hören und nicht eine Durchsage der Polizei“, sagt Dickel. Dabei ginge es vor allem darum, den Ausbruch von Panik zu vermeiden, erklärt der 56-Jährige und fügt hinzu, dass man sich im Stadion und im Verein sehr genau auf solche Bedrohungslagen vorbereite.

Die konkreten Sicherheitskonzepte der Klubs sind natürlich geheim und eng mit der Polizei abgestimmt. Joachim E. Thomas, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung deutscher Stadi- onbetreiber, hält weitere Schutzmaßnahmen in Fußballarenen für überfällig: „Ich persönlich glaube, dass wir in Zukunft an den Eingängen deutscher Stadien Ganzkörperscanner haben werden“, sagt er.

Tatsächlich könnten die Geräte dabei helfen, eine Sicherheitslücke zu schließen: das Hin- einschmuggeln von Gegenständen. „Die Vereine müssen sich fragen, wie schwer es aktuell ist, Sprengstoff in ein Stadion zu bringen“, erläutert ein Personenschützer, der anonym bleiben will. Bei einem Ligaspiel des BVB strömen rund 80.000 Menschen innerhalb von 60 Minuten ins Stadion. Experten sind sich uneinig, ob sich dies mit Körperscannern bewältigen ließe. Der Zugewinn an Sicherheit könnte dazu führen, dass Fans wesentlich früher anreisen, länger warten – oder ganz wegbleiben. Konsens besteht darin, dass die bisherigen Einlasskontrollen eklatante Schwächen haben. Immer wieder gelangen verbotene Pyrotechnik und Wurfgeschosse in Stadien. Im Terrorfall könnten ganz andere Dinge reingeschmuggelt werden.

Beruhigend, dass der Attentäter ein Einzeltäter sei

Nur wenige Fußballer haben bislang die Situation eines Anschlags erlebt. Matthias Ginter war gleich zweimal das Ziel eines Attentäters: als Nationalspieler beim Länderspiel in Paris 2015 und als Pro von Borussia Dortmund im April 2017. Im SZ-Magazin hat der 23-Jährige zuletzt in einem bemerkenswerten Interview über die Momente des Schreckens und die Folgen gesprochen: „Unmittelbar nach einem Anschlag muss man funktionieren. Man hat gar nicht die Zeit, das Erlebte zu verarbeiten“, sagte Ginter, der derzeit für Borussia Mönchengladbach spielt. Das Viertelfinale des BVB gegen Monaco sei nur um einen Tag verschoben worden, danach musste er schon wieder im Drei-Tage-Rhythmus auflaufen. „Ich glaube, an Ostern hatten wir dann mal ein, zwei Tage frei. Zeit, um nachzudenken. Da wurde mir erst bewusst, wie sehr ich noch unter Schock stand. Ich saß daheim und dachte: Ich höre mit dem Fußballspielen auf“, erklärte der Weltmeister von 2014.

Der Gedanke an einen Rücktritt war für den Verteidiger nicht die einzige Folge. Präzise beschreibt Ginter im Interview Situationen aus dem Alltag, in denen ihn die Erinnerungen an die Attentate einholten. Die erste Szene spielte sich beim Confederations Cup 2017 in Russland ab. „Der Teambus ist über etwas drübergefahren, es hat etwas heftiger geruckelt, und ich habe sofort aus dem Fenster gesehen. Da meinte mein Mitspieler Lars Stindl zu mir: ‚Ich glaube, ich weiß, was du jetzt denkst. Keine Angst, da war nichts.‘“ Die zweite Situation, an die er sich erinnert, erlebte er im Stadionin Leverkusen: „So um die 80. Minute herum nahm ein Mann Platz, der da vorher nicht saß, er hatte einen Rucksack dabei. Wir haben uns angesehen, und meine Freundin meinte: ‚Lass uns lieber reingehen.‘“ Tatsächlich hätten sie daraufhin ihre Plätze verlassen, erzählt Ginter.

Für den Fußballprofi sei es im Rückblick beruhigend, dass der BVB-Attentäter wohl ein Einzeltäter sei und keine organisierte Gruppe, für die er weiterhin eine Zielscheibe darstellen könnte. „Es hat mir bei der Verarbeitung geholfen. Auch dass Sergej W. gefasst wurde und er kein Pro war – mehr als die Hälfte der Sprengladung verfehlte den Bus, sonst säße ich vielleicht nicht hier“, sagt Ginter.

Der Prozess gegen Sergej W., den mutmaßlichen Attentäter, beginnt am 21. Dezember vor dem Landgericht Dortmund. Bislang soll der Tatverdächtige jede Schuld von sich weisen: In dem Hotel, vor dem er laut Anklage die Bomben zündete, habe er nur Urlaub gemacht.

Ginter sagt, dass er den Prozess verfolgen werde. Für sich selbst habe er einen Entschluss gefasst: „Ich habe beschlossen, dass ich mir nicht nehmen lasse, was ich mit am meisten liebe“, erklärt er. Und das sei eben das Fußballspielen.

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Harun Farocki: Der Filmemacher als Linksverteidiger

Als der Videokünstler Harun Farocki noch eher unbekannt war, spielte er als vermeintlicher Promi-Fußballer im alten Berlin. Seine Kameraden von "Tasmania Bühne und Sport" haben etwas zu erzählen.

 

von Stefan Pethke

Harun war Linksverteidiger bei TAS Bühne & Sport, passend zu seiner Weltanschauung. Aber er spielte altmodisch und hielt seine Position auch dann, wenn sich das Geschehen in der gegnerischen Hälfte abspielte. Ich habe Harun nie jenseits der Mittellinie erlebt. Unser Angriffsspiel wollte er wohl nicht stören. Der Dokumentarfilmer entschied sich auch auf dem Fußballfeld für eine Beobachter-Position.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #11

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #11

Ich glaube, für Harun war Fußball ein Weg, mit der ganzen Gesellschaft in Berührung zu kommen. Ein „Reality Check“. Er wollte mit unterschiedlichen Menschen zu tun haben, nicht nur mit Leuten aus der eigenen sozialen Blase. Ich weiß nicht, wieviel Einfluss er auf die Zusammenstellung der Mannschaft zwischen Ende der sechziger und Ende der achtziger Jahre genommen hat, aber in seinen Erzählungen tauchten immer wieder Namen von Mitgliedern der Westberliner Subkultur auf, die eigentlich nur er selbst zu TAS gebracht haben kann.

Ich stieß dann Ende der achtziger Jahre dazu, als einer von Haruns fußballaffinen Schülern. Harun gehörte zum ersten Studienjahrgang der 1966 gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). 25 Jahre später gab er dort selbst Seminare. Doch obwohl TAS damals dringend frisches Blut brauchte, zögerte er lange, weitere Filmfreunde einzuladen. Auch von seinen bürgerlich gewordenen Alt-Linken-Freunden, mit denen er noch im ruhigen Wilmersdorf kickte – darunter sehr gute Fußballer – holte er keinen zu TAS. Offensichtlich suchte Harun bei TAS eine Abgrenzung zu seinem Milieu.

Aus dem Filmern wurde eine Künstler-Mannschaft

Ab Mitte der Neunziger mutierte TAS trotzdem zu einer Mannschaft aus Jungfilmern und artverwandter Bohème. Das veränderte natürlich ihren Charakter. Die Neuköllner Prominenten-Elf erlebte den Rückzug des klassischen Proletariats, ein Umbruch nicht nur im Fußball, sondern in der gesamten Gesellschaft. Die Geschichte des Muttervereins ist eine Westberlin-Story. Das kleine Tasmania Neukölln spielte Mitte der sechziger Jahre sogar eine Saison in der großen Bundesliga. Ausschließlich aus politischen Gründen: Westberlin sollte auch im Fußball als Teil des kapitalistischen Westdeutschlands sichtbar bleiben. Was folgte, war ein sportlich-finanzielles Fiasko. Noch heute kennen alle Fußballfans in Deutschland den Namen dieses Vereins, denn sämtliche relevanten Statistiken belegen: Tasmania war der schlechteste Klub der über 60-jährigen Bundesliga-Geschichte.

Nach Mauerfall und Wiedervereinigung war es nicht nur mit der DDR vorbei, sondern auch mit Westberlin. Man organisierte viele Matches zwischen TAS Bühne & Sport und Mannschaften aus dem Berliner Umland. Wir fuhren dann in den ehemals real existierenden Sozialismus – Reisen auf einen anderen Planeten: Die bizarre Westberliner Melange aus subventionierter Arbeiterschaft, Halbwelt und linken Schöngeistern traf auf eine mindestens ebenso undurchsichtige Mischung Befreiter und Enttäuschter vom Dorf. Für Harun mag da noch einmal zusammengekommen sein, woran ihm so viel lag: eine konkrete Erfahrung von Gesellschaft im besonderen Kontext Fußball, ein authentisches Abbild von entfremdeten Verhältnissen.

Später spiegelte die Mannschaft wider, was immer deutlicher nicht nur das Leben in der neuen alten Hauptstadt ausmachte, sondern auch Haruns eigene Produktionsrealität: Berlin zog ehrgeizige Persönlichkeiten aus der Zeitgenössischen Kunst an, ein Betrieb, über den Harun immer stärker seine Filmprojekte (teil-)finanzierte. Mitte der 2000er Jahre hatten Haruns soziale Kontakte TAS Bühne & Sport zum letzten Mal ein neues Gesicht verliehen: Aus der Filmer- wurde eine Künstler-Mannschaft.

DER MIKROKOSMOS: Ein Kurzgespräch zwischen zwei TAS-Freunden

Vincenzo Lenz: Ende der Sechziger fing Harun bei TAS an und spielte dort fast vierzig Jahre lang. Die Mannschaft war eine Abspaltung der Prominenten-Elf von Tennis Borussia aus Charlottenburg, gegründet vom TV-Showmaster Hänschen Rosenthal. Die Bezeichnung „Prominenten-Elf“ hatte oft eine komische Wirkung. Anfang der Neunziger gab es in der Mannschaft niemanden, der bekannt war. Selbst Harun war etwas für absolute Spezialisten. Trotzdem kam es vor, dass ein paar von uns bei Auswärtsspielen um Autogramme gebeten wurden. Auf Fahrten nach Westdeutschland wurden unsere Namen mit erfundenen Biografien über Lautsprecher bekanntgegeben.

Holger Wilke: Aber es gab immer mal wieder bekannte Leute, von Anfang an: Boxer, Trabrennfahrer, Kabarettisten, auch frühere Fußball-Profis. Später wurden ja auch einige Filmer ein bisschen berühmt, zum Beispiel Christian Petzold oder Thomas Arslan. Der türkische Regisseur Züli Aladağ kickte ein paar Mal mit, Schauspieler wie Sebastian Koch, Wanja Mues oder James-Bond-Bösewicht Anatole Taubman. Trotzdem fühlte sich keiner als Prominenz. „Prominenten-Elf“, das war wie ein Witz. Wir sagten immer: Wir sind höchstens eine „1/4-Prominenten-Elf“.

Vincenzo Lenz: Fahrten nach Westdeutschland gab es bis Ende der Achtziger. Vielleicht ein, zwei Mal im Jahr – und Harun war immer dabei. Wir lachten uns alle tot, wenn Willi Domack, ein Stalingrad-Veteran und Gründer von TAS Bühne & Sport, am Abend vor dem Spiel um 23 Uhr an jede Tür klopfte, um die Leute ins Bett zu schicken. Wir waren ja eine Freizeitmannschaft, wir haben nie um Punkte gespielt. Von den paar Reisen abgesehen, hatten wir nur Heimspiele, immer abwechselnd eine Woche auf Rasenplatz, die nächste Woche auf Schotter. Und nach jedem Spiel ging’s ins Vereinsheim. Unfassbar, was es da für Abende gab!

Die Bezeichnung „Prominenten-Elf“ hatte oft eine komische Wirkung. Anfang der Neunziger gab es in der Mannschaft niemanden, der bekannt war.
Vincenzo Lenz

Holger Wilke: Als ich in den Neunzigern zu TAS kam und Harun das erste Mal auf dem Feld gesehen habe, da merkte ich gleich: Man musste gewisse kulturelle Standards mitbringen, um in die Mannschaft zu passen. Es ging nicht um die Erfüllung eines bestimmten Charakters, sondern um eine Vielfalt, die dadurch entstand, dass jeder Mensch in dieser Gruppe etwas repräsentierte. Das unterschied sich vom proletarischen Aspekt, wo eher die Leistung auf dem Platz zählte.

Vincenzo Lenz: Harun war bewusst, dass er in einer qualitativ hochwertigen Mannschaft sehr gut integriert war, obwohl sein eigenes Spiel nicht die Qualität hatte, wie er sie sich vielleicht gewünscht hätte. Wir haben uns immer amüsiert, wenn er Pässe aus kürzester Distanz nicht an den Mann brachte. Dann entschuldigte er sich jedes Mal.

Holger Wilke: Später hat er auch organisatorisch leitende Aufgaben übernommen, als Kassenwart. Es hat ihn genervt, wenn Leute ihre Mitgliedsbeiträge nicht zahlten. Dann liefen Schulden beim Mutterverein auf. Wir mussten einmal fast ein ganzes Jahr kalt duschen. Wahrscheinlich gab es da einen Zusammenhang...

Total bei der Sache

von Haim Peretz

Harun und ich haben nicht so lang zusammen gespielt. Er ist der Vater meiner Frau Anna, über sie bin ich zu Harun und TAS gekommen. Er fragte mich einmal, ob ich mitspielen wollte. Die Antwort war klar. Ich wurde schnell ein Mitspieler bei TAS, ohne den kleinen Test von Harun bestehen zu müssen: das Vorspielen im Volkspark Hasenheide.

Er war ein väterlich beschützender Mann. Für TAS hat er auch lange die schmutzigen Trikots nach Hause genommen und am nächsten Spieltag sauber zurückgebracht. Darüber gibt es auch eine lustige Geschichte. Der Jens, ein jüngerer Mitspieler bei TAS, fragte einmal, ob die Flecken in einem Trikot, das oft gewaschen wurde, ohne dass es richtig sauber wurde, Blutflecken von Harun sein könnten. Die, die Harun noch hatten spielen sehen, mussten lachen, weil das Bild „aggressiver Fußballer“ überhaupt nicht zu Haruns Spielweise passte. Und schon gar nicht zu seinem Charakter. Er war ein sehr ruhiger, beobachtender Spieler. Und Mensch.

Fußballerisch war Harun der Schlechteste, aber auch der Ruhigste. Fast jedes Spiel wurde er ausgewechselt. Aber das war kein Problem für ihn. Er hat mit sechzig aufgehört, obwohl er noch sehr fit war – er hat sogar jedes Jahr das deutsche Sportabzeichen gemacht. Er war immer noch total bei der Sache, aber er fand, dass er die Mannschaft schwächer machte. Und das enttäuschte ihn.

Seine Fußballbegeisterung konnte man leicht merken, wenn man mit ihm Fußball guckte. Er war ein sehr guter Fußball-Analytiker, der ein Spiel wie einen Film schaute, ganz konzentriert, und erst danach kommentierte. Ich habe die Szene genau im Kopf, als ich einmal mit meinem Sohn bei Harun Fußball gucken wollte. Es war das Halbfinale der WM 2006, Deutschland gegen Italien. Mein Sohn war damals noch jung und schrie die ganze Zeit. Nach zehn Minuten sagte Harun: „Wenn du deinen Mund nicht hältst, schmeiße ich dich raus! Wir wollen Fußball gucken.“

Redaktion: Cem Pekdoğru & Göksu Bulut

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Peter Prevc: So jung. So gut.

Peter Prevc ist erst 25 Jahre alt und hat doch schon fast alles gewonnen, was man im Skispringen gewinnen kann. Die Geschichte eines Mannes, der seinen Kontrahenten im Kopf eine Skilänge voraus ist.

In der Welt des Skispringens war Slowenien nie eine große Nummer. Die Slowenen hatten ordentliche Mannschaften, ausgebildet nach den Skiflugtraditionen geformt in den riesigen Bergen Planicas.

Ziemlich begabte Sportler waren das, aber kaum einer gut genug für die Weltspitze. Primož Peterka war die einzige Ausnahme. Er schaffte es immerhin zwei Jahre seiner langen Karriere ganz nach oben, siegte im Weltcup und bei der Vierschanzentournee.

Dann verschwand er plötzlich, ging früh in Ruhestand und trat schließlich 2012 als Trainer
der slowenischen Frauenmannschaft bei einem U-23-Weltcup aus dem Nichts wieder in Erscheinung. Und als er plötzlich wieder da war, orakelte er in Interviews gerne vor sich hin: „Wir sind gerade dabei, einen sehr großen Springer hervorzubringen...“

Die Geschichte von Peter Prevc beginnt wie die vieler anderer Skispringer. Er wurde in Kranj  geboren, einem Ort, der wie viele slowenische Kleinstädte eine Sprungschanze sein Eigen nennt. Mit neun Jahren begann er gemeinsam mit seinen fünf Geschwistern - unter ihnen die zwei jüngeren Brüder Domen und Cene, mit denen er drei viertel der slowenischen Nationalmannschaft bildet - mit dem Skispringen.

Sein unglaubliches Potenzial schimmerte immer wieder durch, dennoch reichte es nie auf das Weltcup-Podium. Nicht wenige sahen in ihm den neuen Gregor Schlierenzauer. Das Talent, die Technik, die körperlichen Fähigkeiten. Aber Prevc konnte nicht gewinnen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #03

Bis Goran Janus 2011 die Führung der slowenischen Nationalmannschaft übernahm. Da explodierten Prevc’ Leistungen förmlich. Mittlerweile schreibt er längst an seiner eigenen Legende. Er ist Weltcup-Sieger im Skispringen und Skifliegen, hat die Vierschanzentournee und die Weltmeisterschaft im Skifliegen gewonnen.

Keiner hat je mehr Einzelkämpfe innerhalb einer Saison gewonnen. Er war der erste Mensch, der 250 Meter weit fliegen konnte. Er ist ein Unternehmer, er hat sein eigenes Label gegründet und wurde vier Mal in Folge zum Sportler des Jahres in Slowenien gewählt. Und er ist erst 25 Jahre alt.

Das Jahr 2011 stand für den Wendepunkt in seiner Karriere. Der erfahrene Matjaž Zupan musste gehen, das Greenhorn Goran Janus wurde zum Cheftrainer. Der Verband hatte mit großen finanziellen Problemen zu kämpfen.

Also mussten sie alle bei Null anfangen. Die ersten sieben Medaillen waren keine goldenen, er wurde Zweiter oder Dritter. Was wie ein Makel aussah, entpuppte sich im Nachhinein als Segen: Prevc lehrten die vielen verpassten Chancen eine gewisse Demut. Und sie lehrten ihn, wie man verliert.

Skispringen ist ein seltsamer Sport

"Eigentlich hatten wir nicht zu wenig Geld, aber es wurde nicht richtig verwaltet. Vieles war falsch. Mit Goran Janus veränderte sich vieles. Ich habe ihm viel zu verdanken. Durch ihn und mein zunehmendes Alter entwickelte ich mich weiter. Meiner Meinung nach haben wir eine unglaubliche Sache geschafft. Nicht nur ich, meine ganze Generation ist sehr talentiert. Wenn ich auf die letzten fünf Jahre zurückblicke, so denke ich, dass wir weit gekommen sind.“

Skispringen ist ein seltsamer Sport. Frauen und Männer fliegen 250 Meter durch die Luft, aber es gibt keinen Fallschirm. Sie fahren mit einer Geschwindigkeit von über 100 Stundenkilometern an und landen auf ein paar Zentimeter breiten Skiern, als wäre es das Normalste der Welt.

Der Weltcup, die Weltmeisterschaften, Olympische Spiele. Alles ist wichtig. Aber nichts ist so heilig wie die Vierschanzentournee. Ein Relikt aus einer anderen Zeit und doch das Nonplusultra in diesem Sport.

„Soweit ich weiß, gibt es nirgendwo auf der Welt eine andere Sportveranstaltung, die am 1. Januar so viele Menschen zusammenbringen kann“, sagt Prevc. „Die Atmosphäre ist absolut einzigartig. Als Kind konnte ich als Zuschauer noch nicht begreifen, was für ein Wettkampf das war. Jetzt bin ich ein Teil davon, bin Sieger dieses Turniers. Die Fans, die Tradition. Es ist unbeschreiblich.“

Gegen die Natur können wir manchmal nicht ankommen

Sie sind wohl derjenige, dem man die Frage „Vierschanzentournee oder olympisches Gold?“ nicht stellen muss?

„Für mich ist es sehr schwer, Olympia und die Vierschanzentournee miteinander zu verglei- chen. Die Vierschanzentournee findet jedes Jahr statt und dauert zehn Tage. In diesen zehn Tagen darf man sich mit nichts Anderem beschäftigen, sich auf nichts Anderes konzentrieren. Aber seien Sie sich sicher, dass es da sehr vieles um Sie herum gibt - die Silvesterfeiern inbegriffen. Was Olympia betrifft, so wartet man vier Jahre, wenn man die Spiele einmal verpasst hat. Das ist ein großer Gegensatz. Als Kind habe ich deshalb Olympia als das wichtigere Ereignis betrachtet. Für mich ist es jetzt schwer zu entscheiden, was vorzuziehen ist.“

Vielleicht denken Sie als Sieger der Vierschanzentournee so. Aber fragen Sie mal den viermaligen Olympia-Sieger Simon Ammann: der läuft seit Jahren dem Sieg bei der Tournee hinterher, erst dieser Sieg würde seine Karriere vollenden... Vor einem Jahr hatten die besagten zehn Tage für Prevc ziemlich entmutigend begonnen. Er war als Favorit angetreten, hatte den ersten Durchgang beim Eröffnungsspringen in Oberstdorf aber auf erstaunliche Art und Weise gegen seinen größten Rivalen Severin Freund verloren.

„Es war seltsam. Das Gate wechselte, die Jury hatte es so beschlossen. Das ist eigentlich etwas, das es bei jedem Wettkampf gibt. Aber hier hatten sich die Wetterbedingungen und der Windfaktor plötzlich geändert. Der Gate-Faktor wurde für Springer bei besseren Bedingungen vorteilhafter, für die bei schlechteren Bedingungen immer noch schlechter. Eigentlich müsste es genau umgekehrt laufen. Auch andere Springer unmittelbar vor und nach mir hatten diese Probleme. Wir betreiben nun einmal einen Sport, der von der Natur, von ihren Bedingungen und vom Wind abhängig ist. Und gegen die Natur können wir manchmal nicht ankommen.“

Es ist ein Klassiker: Freund gegen Prevc

Obwohl er im ersten Durchgang in Oberstdorf mit einer Niederlage begonnen hatte, konnte er am Ende noch den Gesamtsieg erringen. Prevc gewann die verbliebenen drei Springen und kam am Ende auf die Rekordpunktzahl von 1139,4 Punkten. Bei der Vierschanzentournee in Deutschland gegen einen deutschen oder in Österreich gegen einen österreichischen Springer anzutreten, ist eine ganz besondere Herausforderung. Insbesondere dann, wenn man erst 23 Jahre alt ist und mit einer angespannten Atmosphäre konfrontiert wird.

„Auf der Vierschanzentournee kann mitunter die direkte Umgebung unglaublich vielfältig sein. Sie kann zu einem Ort werden, an dem Sie die Zeit damit verbringen, nur die Menschen um sich herum zu beobachten und dabei den Wettkampf fast gänzlich zu vergessen. Natürlich werden die deutschen und österreichischen Sportler unglaublich unterstützt“, sagt Prevc.

Prevc’ Siege haben die Seriensiege der Österreicher, die sie zu Hause sieben Jahre in Folge feiern konnten, beendet. Das Skispringen steckt derzeit in einer Umbruchphase. Von den Überfliegern aus Österreich ist kaum etwas geblieben, in Polen hatte Kamil Stoch mehrere Verletzungen, sodass er zurückfiel, die Norweger haben eine gute Mannschaft, aber keinen herausragenden Einzelspringer. Es wird wohl noch eine Zeit lang auf das Duell zwischen Freund und Prevc hinauslaufen.

Severin Freund war nicht nur bei der Vierschanzentournee 15/16 Jahr Prevc‘ großer Rivale. In den zwei vorangegangenen Spielzeiten standen die beiden Ausnahmespringer in einem erbitterten Wettkampf miteinander. Konnte Freund nicht gewinnen, ging der Sieg an Prevc. Und umgekehrt. Dieser neuartige Wettstreit hat schon jetzt, obwohl noch verhältnismäßig jung, seinen festen Platz in der Geschichte des Skispringens. Es ist ein Klassiker: Freund gegen Prevc.

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Ein Teil der Vierschanzentournee zu sein und die Atmosphäre dort erleben zu können, erfüllt mich mit Stolz. Und am Neujahrsspringen teilzunehmen, ist etwas ganz besonderes.
Prvec
Peter Prevc
Ski-Springer

Und der treibt bisweilen die merkwürdigsten Blüten. Die Saison 2014/15 beendeten beide mit derselben Punktzahl. Da aber Freund mehr Einzelwettkämpfe gewonnen hatte, holte er den Gesamtweltcup.

Für einen jungen Sportler war dies natürlich nicht leicht zu ertragen. „Ich wartete auf die Kundgabe der Endergebnisse. Aufregung, Wut, Enttäuschung. Das alles habe ich durchlebt.“

Das hatte es in der langen Geschichte des Skisprung-Weltcups noch nie gegeben. Aber irgendwie musste ein Tiebreak her, eine Entscheidung gefunden werden. Die Anzahl der gewonnenen Einzelwettkämpfe war laut Reglement der kleinste gemeinsame Nenner.

„Ich respektiere, dass einer, der mehr Einzelkämpfe gewinnen konnte, auch den Weltcup gewinnt. Aber in jenem Moment fragte ich mich nach dem Warum. Auch ich hatte 30 Einzelkämpfe, ich hatte dieselbe Punktzahl. 1729. Aber, und das gestehe ich ein: Am Ende war es mein Fehler. Ich musste es akzeptieren.“

So denkt er über die damals verlorene Weltcup-Schlacht gegen Freund. In gewisser Weise war der Sieg bei der Vierschanzentournee im letzten Jahr seine Rache an Freund für dessen Weltcup-Sieg in der Saison davor.

Schlierenzauer ist viel zu jung um aufzuhören

Sportliches Talent allein macht den Slowenen nicht zum Besten seiner Sportart. Es ist seine unglaubliche mentale Stärke, sein Fokus auf die entscheidenden Nuancen. Die Skispringer sind gewohnt, sich auf den Punkt zu konzentrieren. Ansonsten kann es lebensgefährlich werden. Aber Prevc hat diese Gabe auf eine neue Stufe gehoben.

„Die Gemengelage im Skispringen ist schon seltsam. Sie können zehn Jahre an der Spitze stehen und dann plötzlich in der Versenkung verschwinden. Auch wenn alles gut verläuft, so kann man sich plötzlich wie früher fühlen oder von einem sehr guten Platz bis ins Mittelfeld abfallen. In der Geschichte des Skispringens gab es recht viele Sportler, die dem nicht standhalten konnten, sodass man meiner Meinung nach mental darauf vorbereitet sein muss. Und genau in dieser Disziplin fühle ich mich stark.“

Eine der größten Legenden des Skispringens, der Finne Matti Nykänen, hatte mit Alkoholproblemen zu kämpfen und geriet später durch Gewaltausbrüche in die Schlagzeilen. Beim Deutschen Martin Schmitt wurde ein Burnout diagnostiziert und Primož Peterka ereilte am Ende seiner Karriere ein psychischer Zusammenbruch. Zuletzt hatte Gregor Schlierenzauer, mit dem Prevc früher verglichen wurde, mit den Medien große Probleme und nahm mit 26 Jahren eine Auszeit vom Sport. Prevc hingegen steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden.

„Das ist etwas, das jedem passieren kann. Eine Verletzung, einmal falsch landen, unzählige andere Probleme... Gleichzeitig spielen die Medien eine Rolle. Selbst wenn Sie gewöhnt sind, mit dem Druck von außen umzugehen, können Sie darunter zusammenbrechen. Gregor ist erst 26. Er wird ein Comeback haben, da bin ich mir sicher. Er ist viel zu jung, um aufzuhören."

In Prevc' Leben hat sich nicht viel verändert

Wie Prevc’ Leben, so verändert sich auch das Skispringen. Die Regeln, die Preise, die feststehenden Wettkämpfe und noch einiges mehr. Seine größte Leistung ist streng genommen die Fähigkeit, sich im richtigen Maße an diese Veränderungen anpassen zu können. Andere legendäre Skispringer wie der Pole Adam Małysz oder Martin Schmitt und einige weitere haben das nicht geschafft. Was blieb, war ein vorzeitiges Ende der Karriere.

„Meiner Meinung nach hat Adam den Sport genau deswegen aufgegeben. Bei Martin Schmitt war das vielleicht noch ein bisschen etwas Anderes. Veränderungen sind normal. Das Skispringen ist globaler geworden. Mehr Fernsehrechte, mehr Zuschauer... Wenn der Sport sich so stark entwickelt, dann ist es meiner Meinung nach normal, dass sich die Regeln, die Sicherheitsvorkehrungen, die Technik verändern. Es ist durchaus schwer, sich daran anzupassen. Aber für uns ist es notwendig. Manchmal denke ich: ‚Was werden sie wohl im nächsten Jahr wieder ändern?‘ Aber wenn das Interesse und das Niveau ansteigen, sind Veränderungen normal.“

Und Prevc’ anderes Leben?

„Meiner Meinung nach hat sich in meinem Leben nicht viel verändert. Vielleicht ist die Erwartungshaltung gestiegen. Ich konnte den Druck der Medien spüren. Aber es ist in gewisser Weise ein sich langsam herauskristallisierender Zustand, mit dem ich umgehen kann. Ich kann nicht sagen, dass mein Leben sehr viel schwieriger geworden ist als noch vor einigen Jahren. Ich habe angefangen, mehr zu genießen, das steht fest...“

In der Geschichte des Skispringens hat bisher nur Matti Nykänen alle fünf großen Wettkämpfe auch gewonnen, der Finne hat seine Karriere mit dem Golden Slam beendet.

Simon Ammann ist mittlerweile schon 35, er hofft auf seinen ersten Sieg bei der Vierschanzentournee. Gregor Schlierenzauer wird nach seiner einjährigen Pause zurückkehren und versuchen, 2018 endlich olympisches Gold im Einzelkampf zu gewinnen. Das fehlt dem Österreicher noch.

Peter Prevc ist erst 25 Jahre alt und es gibt kaum noch etwas, das er noch nicht gewonnen hat. Im Skispringen erreichen die Athleten gemeinhin zwischen 25 und 29 Jahren ihren sportlichen Höhepunkt.

Vielleicht muss man in der Geschichte dieses Sports neben Matti Nykänen und noch vor Gregor Schlierenzauer einen anderen Namen notieren: Den von Peter Prevc.

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Matti Nykänen: Held, Antiheld – Beides?

Matti Nykänen war das Aushängeschild eines ganzen Landes. Doch der Absturz kam genauso schnell wie der Aufstieg. Wie aus einem Helden ein Stripper wurde, der aus Not seine Medaillen verkaufen musste, erzählt Nykänen-Biograf Egon Theiner.

Es war ein launiger Sommerabend vor über zehn Jahren in Kotka, einem finnischen Küstenstädtchen zwischen Helsinki und der finnisch-russischen Grenze. In einer Entzugsanstalt inmitten von Wäldern war Matti Nykänen der jüngste, sportlichste und selbstverständlich prominenteste Patient. Und er war ein außerordentlich freundlicher und höficher Mann.

Was für ein Wandel. Noch 20 Jahre zuvor, in den 1980ern, war der Finne die Diva der Skisprung-Szene. Er sprach nur mit einigen wenigen Konkurrenten, ignorierte die meisten und ließ sein Material – Sprunganzug und Ski – schon mal an der Schanze zurück in der arroganten Annahme, einer der Betreuer oder Teamkameraden würde sich schon darum kümmern.

Nykänen war ein unruhiges Kind

Der Junge aus Jyväskylä, der am 17. Juli 1963 geboren worden war, genoss als Skispringer, sagen wir: Narrenfreiheit. Der nationale Skiverband war an den Siegen und Medaillen seines Vorzeigesportlers interessiert, disziplinarische Vorfälle wurden nur höchst selten ausgesprochen. Schlägereien mit Mannschaftskameraden, Saufgelage und Partys vor wichtigen Sprüngen schafften es kaum in die Zeitungen. Auf den Bildern zu sehen war ein grinsender Sportler, schüchtern, eigen, selbstbewusst.

Der Artikel erschien in Ausgabe #2

Wüchse Nykänen heute auf, würden einige behaupten, er leide unter der Aufmerksamkeitsdefzit und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). In den 1960ern wusste die Medizin nicht allzu viel darüber. Nykänen war ein unruhiges Kind, schlecht in der Schule und fand im Skispringen seine Erfüllung: In einem Sport, der ruckzuck vonstattenging, unterstützt von einem Trainer, Matti Pulli, der mit innovativen Übungsmethoden die Stärken seines Schützlings förderte. Und der Matti Nykänen zu einem Helden machte.

„Ich mache mir um ihn Sorgen, wenn er einmal nicht mehr springen wird.“
Matti Pulli
ehemaliger finnischer Skisprungtrainer

Kein anderer Springer hat bei allen Wettbewerben, die es gibt, in Einzel-Konkurrenzen gewonnen: Olympische Spiele 1984 und 1988, Weltmeisterschaft 1982, Skisprug-WM 1985, Vierschanzentournee 1982/83 und 1987/88, Gesamtweltcup 1983, 1985, 1986, 1988. Ins- gesamt feierte der Finne 46 Siege bei Weltcup-Springen. (Der „Rekord für die Ewigkeit“ wurde erst 2013 vom Österreicher Gregor Schlierenzauer gebrochen, anm. d. red.)

1991, bei der WM in Val di Fiemme, verwüstete Nykänen sein Hotelzimmer, wurde Letzter auf der Großschanze und auf dem kleinen Bakken gar nicht mehr aufgeboten. Nun wurden die Worte wahr, die Matti Pulli einmal über ihn gesagt hatte: „Ich mache mir um ihn Sorgen, wenn er einmal nicht mehr springen wird.“

Matti Nykänen wurde vom Helden zum Antihelden

Der Glanz des großen Namens, die Achtung, die ihm entgegengebracht wurde, duellierte sich mit der uneingeschränkten Liebe zum Alkohol, mit falschen Freunden, mit der Unfähigkeit, zu Vereinbarungen zu stehen und mit Frauen, die es gut und weniger gut mit ihm meinten. Der große Name wurde von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat kleiner. Nach jeder seiner Taten, die die Finnen schmunzeln oder staunen ließen. Nykänen versuchte sich als Sänger. Der Song „elämä on laif i“ (das Leben ist live) schaffte es hoch hinauf in die Charts. Aber er war kein Sänger. Fiel das Playback aus, war ein grölender alternder Mann zu hören. Nykänen verkaufte aus nanzieller Not all seine Medaillen, kellnerte und strippte (auch wenn er es immer wieder abstritt, doch Poster und Bilder zeigen die Wahrheit), ging erfolglos in die Politik, heiratete drei Mal und ließ sich ebenso oft scheiden. Bei der Polizei war er wohlbekannt, weil diese wiederholt wegen häuslicher Gewalt zu Hilfe gerufen wurde. Schließlich landete er nach einer Messerattacke gegen einen guten Bekannten im Gefängnis.

Matti Nykänen wurde vom Helden zum Antihelden, in Finnland ist sein Name ein Inbegriff für misslungene Taten.

„Die Spur in meinem Leben war manchmal schnell und manchmal langsam“, sagte Nykänen einst selbst. Viele Kapitel seiner Existenz sind wohl noch zu schreiben. Und diese werden darüber Ausschlag geben, ob der herausragende Skispringer und begnadete Trinker als Held oder Halunke in Erinnerung bleiben wird. Um es mit einem bekannten, wenn auch inhaltlich misslungenen Zitat Nykänens zu sagen: „Die Chancen dafür stehen fifty-sixty.“

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Michael Schumacher: Das große Rätseln

Michael Schumacher ist heute 49 Jahre alt geworden. Seit über vier Jahren ist über seinen Zustand nichts bekannt. Verständlich. Oder doch nicht? Socrates-Autorin Karin Sturm ging der Sache im Februar 2017 auf den Grund.

Über vier Jahre ist er jetzt her, jener Tag Ende Dezember 2013, jener Skitag in den französischen Alpen, der das Leben des siebenmaligen Formel-1-Weltmeisters Michael Schumacher komplett veränderte. Strahlender Sonnenschein begrüßt ihn, seinen Sohn Mick und ein paar Freunde, als sie in den französischen Alpen im Skigebiet Les Trois Vallées zur Piste aufbrechen. Schumacher hat sich dort, im Skiort Méribel, schon vor vielen Jahren ein großes Ferienhaus gekauft, verbringt dort immer wieder vor allem die Zeit zwischen den Jahren mit Familie und Freunden.

Es ist das Leben, das ihm gefällt, das er sucht, gerade jetzt, nach den vielen Jahren im Rampenlicht. Privat, umgeben von Menschen, denen er hundertprozentig vertraut. Entspannt. Locker. Die Bedingungen stimmen: Über Nacht hat es ein bisschen geschneit, jetzt scheint die Sonne, angenehme Temperaturen um die null Grad...

Der fatale Sturz passiert kurz nach 11 Uhr vormittags, in einem nicht präparierten Pistenbereich, aber nicht in wirklich schwierigem Gelände. Das gibt es in Les Trois Vallées zwar auch, bis hin zur Olympia-Abfahrt von 1992, aber dort ist Schumacher nicht unterwegs, sondern am Westhang des Saulire-Massivs, dort, wo auch tagtäglich unzählige Freizeitsportler unterwegs sind. Das Problem an diesem Sonntag, fünf Tage vor „Schumis“ 45. Geburtstag, ist wohl eher ein Zusammentreffen unglücklicher Umstände: Weniger Schnee als normal in Méribel, dadurch sind Felsen in dem unpräparierten Gelände nur knapp von einer Schneeauflage bedeckt, andere, größere, stehen sogar weit heraus.

Die Kombination aus beidem wird Schumacher wohl zum Verhängnis, sorgt für die extrem schweren Kopfverletzungen, für Monate im Koma, dafür, dass auch die Tatsache, dass er nach neun Monaten zurück in sein Haus am Genfer See in der Schweiz verlegt werden kann, nicht wirklich viel über Fortschritte bei seiner Genesung aussagt. Seit damals gibt es kaum noch offizielle Informationen darüber, wie es dem einstigen Superhelden, der über zwei Jahrzehnte die Formel-1-Fans in seinen Bann zog, wirklich geht. Seitdem rätseln vor allem die Fans: Gibt es wenigstens noch ein kleines bisschen Hoffnung, dass Schumacher noch einmal den Weg zurück in ein auch nur halbwegs normales, selbständiges Leben finden kann? Oder muss man sich damit abfinden, dass das Schicksal in seinem Fall so brutal zugeschlagen hat, dass das nicht mehr möglich ist?

Der Artikel erschien in Ausgabe #5

„Ich beiße da auf Granit, mein Rat wird nicht mehr
gehört.“
Willi Weber

Jene Fans, die Michael Schumacher noch längst nicht vergessen haben, ihm weiterhin die Treue halten, wie gerade jetzt wieder, als sie ihn in die „Hall of Fame“ des deutschen Sports wählten. Und unter denen es durchaus nicht wenige gibt, die sich mit der Geheimhaltungspolitik der Familie, was den wirklichen Gesundheitszustand ihres Idols angeht, nicht anfreunden können. Die der Meinung sind, gerade aufgrund ihrer langjährigen Treue schon einen gewissen Anspruch auf eine ehrliche Auskunft zu haben. Nicht auf Bilder, Details, Indiskretionen – aber auf ein bisschen Information. Und die ihre Ansicht auch dementsprechend vor allem in den sozialen Medien, aber auch in den Kommentarspalten mancher Motorsport-Medien immer wieder kundtun.

Gerade kürzlich bekamen sie dabei sogar Unterstützung von einem, der einst zum allerengsten Schumacher-Kreis gehörte: von seinem früheren Manager Willi Weber. Der machte ja in einem Illustrierten-Interview massiv deutlich, dass er von der „Verschleierungstaktik“ der Familie überhaupt nichts hält: „Ich bemängele seit einiger Zeit, dass die Familie Schumacher nicht die volle Wahrheit sagt“, erklärte der inzwischen 74-Jährige sehr drastisch. Es sei inzwischen Zeit, „den Millionen von Fans reinen Wein einzuschenken“. Er rechne aber nicht damit, dass seine Forderung Wirkung zeigen werde: „Ich beiße da auf Granit, mein Rat wird nicht mehr gehört.“

Die Position von Sabine Kehm ist keine einfache

Wobei natürlich die Tatsache, dass Weber schon lange vor dem Unfall, noch zu Beginn Schumachers aktiver Mercedes-Zeit 2010, quasi „abgesägt“ wurde und seine Manager- Funktion an Sabine Kehm verlor, die von der Pressesprecherin zur Gesamt-Vertreterin des „Unternehmens Schumacher“ wurde, ihren Teil zu solchen öffentlichen Aussagen beitragen könnte. Die Position von Sabine Kehm ist sicherlich keine einfache.

Sie, die gelernte Journalistin, die die Medienwelt und ihre Mechanismen ja genau kennt, weiß ganz tief in ihrem Inneren sicherlich, dass das „Versteckspielen“ oft zu genau dem Gegenteil des Erwünschten führt, Spekulationen und auch illegale Versuche, sich irgendwie Informationen zu beschaffen, eher anheizt. Und dass man sich deshalb vor allem einen speziellen Teil der Medien nur mit ständigen Klageandrohungen vom Hals halten kann – was auch nicht immer so einfach ist, vor allem, wenn die Verbreiter irgendwelcher wo auch immer hergeholter Klatschmeldungen im Ausland sitzen. Aber auch wenn sie aus diesem Wissen heraus das ein oder andere vielleicht anders machen würde: Sie muss sich natürlich auch an die Vorgaben der Schumacher-Familie, sprich, vor allem an die von Schumachers Ehefrau Corinna halten. Und die lehnt wohl jede Form von Öffentlichkeit ab. Schon allein die Tatsache, dass sich Kehm im Frühjahr 2014 einmal in einer TV-Talkshow stellte, habe, wie zu hören war, für internen Ärger gesorgt.

Informationen über seine Verfassung sind tabu

Trotzdem ist manches nicht ganz einfach zu verstehen. Natürlich stimmt es, dass es Michael Schumacher immer sehr wichtig war, sein Privatleben auch privat zu halten und nicht in die Öffentlichkeit zu tragen. Aber eine einmalige kurze ehrliche Meldung zu seinem Gesundheitszustand würde vielleicht auch die immer wieder auftauchenden Spekulationen und Falschmeldungen eindämmen, gegen die man dann von Seiten der Familie gerichtlich vorgehen muss. Und dabei dann auch wieder Dinge öffentlich machen muss, die man eigentlich nicht öffentlich machen wollte. So etwa, als es darum ging, der Behauptung zu widersprechen, Schumacher könne wieder laufen...

 

Der Artikel erschien in Ausgabe #5

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Aus solchen Dementis und Aussagen wie kürzlich aus dem Weber-Interview, dass es eine lange Trauerzeit gebraucht habe, um das Schicksal Schumachers zu akzeptieren, können sich sowieso die meisten ihren Teil denken, gewisse Schlüsse ziehen, sich ihr eigenes, nicht gerade hoffnungsvolles Bild machen... Was dann aber zu kritischer Verwunderung führt, sind die von der einerseits so auf Wahrung der Privatsphäre bedachten Umgebung unternommenen Schritte in die Öffentlichkeit mit Aktionen, die eher nach einer weiteren Vermarktung des Namens Schumacher aussehen.

 

Da gibt es seit einigen Monaten offizielle Social-Media-Accounts auf Facebook und Instagram, die den Namen von Michael Schumacher tragen, auf denen, natürlich auch vorgegeben durch die Technik dieser Plattformen, nach außen der Eindruck entsteht, dort agiere der Champion tatsächlich selbst, nach dem Motto „Michael Schumacher hat drei Fotos hinzugefügt“. Fans sollen sich hier austauschen können, die Erinnerung an ihr Idol hochhalten können, jegliche Fragen oder Informationen über seine heutige Verfassung sind aber natürlich absolut tabu.

Dankeschön an all die Fans von Michael Schumacher

Noch etwas fanden einige im letzten Jahr merkwürdig: Beim Benefiz- Fußballspiel vor dem deutschen Grand Prix in Hockenheim, im Namen von Schumacher zusammen mit der Stiftung von Dirk Nowitzki organisiert, als „Dankeschön“ von Schumachers Familie „an all die Fans, die den schwer verunglückten Formel- 1-Rekordweltmeister uneingeschränkt unterstützen“, wie es offiziell heißt, spielt auch Mick Schumacher mit, dem aber keinerlei Fragen, die im Zusammenhang mit seinem Vater stehen, gestellt werden dürfen... Für Mick, der am 22. März 18 Jahre alt wird, könnte die gegenwärtige Situation in Zukunft zu einem großen Problem werden.

Bis jetzt weitgehend von der Öffentlichkeit abgeschirmt, nie mit Medienfragen nach seinem Vater konfrontiert, wird irgendwann der Moment kommen, in dem er sich diesen nicht mehr entziehen kann. Schließlich will der Youngster, der ja ebenfalls in allen Belangen von Sabine Kehm betreut wird, in die Formel 1. 2017 startet er in der Formel-3-Europameisterschaft, im Top-Team Prema, Spitzenplatzierungen sind quasi Pflicht. Und im Gegensatz zur Formel 4, wo er bisher unterwegs war, gibt es dort für die ersten Drei Pflichtpressekonferenzen, auf denen sie sich den internationalen Medien zu stellen haben.

Wie Bruno Senna oder Jacques Villeneuve

Dass sich da auf Dauer alle an den Kodex halten, bloß keine Fragen zu Vater Michael zu stellen, ist unwahrscheinlich. Dann wird Mick, womöglich zum ungünstigsten Zeitpunkt, mitten im Laufe eines Rennwochenendes, mit dieser emotional belastenden Situation plötzlich konfrontiert werden, die er bis dahin nicht kannte, die dadurch nie zu einer gewissen Routine werden konnte.

 

Dass aber auch diese dann nicht immer einfach ist, gerade in sehr jungen Jahren, davon können andere Top-Piloten mit tragischer Familiengeschichte wie Bruno Senna oder Jacques Villeneuve, ein Lied singen. Geschweige denn, wenn sie plötzlich auf einen herab stürzt. Und dann bleibt halt die Frage, ob das wirklich das ist, was sich Michael Schumacher für seinen Sohn gewünscht hätte...

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Michael van Gerwen: Der, der heute lacht

Drei Jahre nachdem Michael van Gerwen jüngster Darts-Weltmeister wurde, sicherte sich der Niederländer den Titel im Januar 2017 erneut. Mit seinem Erfolg und seiner Grossspurigkeit, das weiß auch Elmar Paulke, kommt nicht jeder im Darts-Zirkus zurecht.

„Ich werde demnächst ins Kloster gehen.“

Dieser Satz rangiert unter Aussagen und Hobbys, die wohl am wenigsten von Dartsspielern erwartet werden – dazu bedarf es keinen Hellseher – wohl sehr, sehr weit oben. Also, vorausgesetzt es würde solch eine Kategorie überhaupt geben und etwa bei der altehrwürdigen TV-Sendung ,Familienduell‘ nach Hobbys von Dartspielern gefragt werden. Doch von Darts-Weltmeister Michael van Gerwen, der Nummer eins der Welt, diesem stämmigen Niederländer mit der Glatze und den karg wirkenden, fast gefährlichen Gesichtszügen, der so viele Klischees eines Darts-Spielers erfüllt, gibt es exakt dieses Zitat.

„Ich werde demnächst ins Kloster gehen“, hat der heute 28-jährige Dominator der Darts-Welt bereits vor zwei Jahren dem Der Spiegel in einem Interview preisgegeben. Damals erklärte der Niederländer, dass es in der Nähe Den Bosch ein Kloster gebe samt Sprachinstitut, das von Nonnen geführt werde. „Viele Prominente gehen dorthin und ich will unbedingt dort mein Deutsch verbessern, nicht zuletzt, weil Deutschland in Sachen Dartssport immer wichtiger wird.“

Seitdem hat sich MvG, wie die in der Dartsszene allseits bekannte Abkürzung des Weltranglistenersten lautet, in der Öffentlichkeit nie mehr zu seinem Vorhaben geäußert. Selbst die so gut informierte deutsche Stimme des Darts, Elmar Paulke war und ist nicht eingeweiht. Dabei hat van Gerwen gar das Vorwort von Paulkes Buch Game On verfasst. Sie sprechen oft miteinander. „Doch ob er das wirklich gemacht hat, weiß ich nicht“, sagt der Kommentator im Gespräch mit Socrates.

Seine Deutsch-Kenntnisse habe er aber tatsächlich sehr wohl verbessert. „Auf der Bühne gibt er ab und an Kostproben“, bestätigt Paulke eine Entwicklung abseits der Dartsscheibe. Innerhalb seiner Sportart, am Oche, dem Abwurfpunkt, der 2,37 Meter von der Scheibe entfernt ist, ist die Entwicklung in den vergangenen Jahren ohnehin beeindruckend.

Der Artikel erschien in Ausgabe #15

"Das war die große Geschichte der WM"

Nach dem Monsterjahr 2016 mit 26 Turniersiegen hielt der Niederländer dem Druck des absoluten Topfavoriten stand und gewann ebenfalls im altehrwürdigen Alexandra Palace, im Ally Pally zu London – fast genau ein Jahr ist das jetzt her.

„In Erinnerung geblieben; ist vor allem die beeindruckende Achtelfinal-Revanche gegen seinen Landsmann Raymond van Barneveld im Halbfinale. Das war eine, wenn nicht die große Geschichte der vergangenen WM“, resümiert Paulke. 6 zu 2 gewann MvG, die durchschnittliche Wurfaufnahme, der Average lag bei beeindruckenden 114 zu 109 Punkten.

Der Artikel schien in Ausgabe #15

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Das beste Jahr des Michael van Gerwen

Das Match überstrahlt im Rückblick sogar, dass der spätere Weltmeister bereits in der zweiten Runde gegen den Spanier Christo Reyes beim 4:2 fast alles geben musste. Die Nummer 32 der Setzliste blieb der einzige Spieler im Turnierverlauf, der den Dominator, zumindest was den Average angeht, knapp überragte. Dass darüber heute niemand mehr spricht, ist van Gerwens beeindruckendem, bereits erwähntem Halbfinalerfolg zu verdanken sowie der Machtdemonstration im Finale gegen Titelverteidiger Gary Anderson (7:3). Doch in der Tat hatte „Mighty Mike“ 2016 im Vorjahr überraschend im Achtelfinale gegen van Barnefeld die Segel streichen müssen. Schon damals war er der Favorit auf den Titel. Andere wären an diesem Rückschlag zerbrochen. Doch van Gerwen legte anschließend das beste Jahr seiner Karriere hin – mit einer Konstanz und Nervenstärke, die Experten und die verrückten, immer mehr werdenden Dartsfans sonst bisher nur von Phil Taylor, der bald aus dem Wettkampfsport scheidenden Dartslegende, gewohnt waren.

„Von meiner Dominanz war ich eigentlich nicht überrascht“, urteilte MvG im Sommer gegenüber SPOX. „Aber wenn ich jetzt auf das Rekordjahr 2016 zurückblicke, ist das schon eine sehr schöne Leistung.“ Der Sieg im Ally Pally habe die Sache schön abgerundet.

„ES IST EIN GANZ SCHMALER GRAT IM DARTSSPORT ZWISCHEN: WANN IST ES NOCH SELBSTBEWUSST UND AB WANN WIRKE ICH ARROGANT?“
ELMAR PAULKE
Darts-Experte

„Diese mentale Stärke haben in dieser Ausgeprägtheit sonst nur wenige Spitzensportler. Die entsteht aus einer ganz großen Überzeugung. Van Gerwen hat eine regelrechte Gier nach Erfolg entwickelt und diese Gier lebt er bei den Turnieren auch voll aus“, erklärt Paulke den Siegeszug der Nummer eins der Weltrangliste, der sogenannten „Order of Merit“, die im Verband der beherrschenden PDC nicht nach Punkten, sondern nach Preisgeld berechnet wird.

„Diese Gier“, so Paulke, fange bereits im Practice Room an. „Dort sagt er seinem Gegner, dass er ihn weghauen wird, und so steht er dann später auf der Bühne und haut den Gegner auch weg.“ Ohne diese Überzeugung sei dieser Siegeszug und die Konstanz nicht möglich.

Irokesenschnitt fürs Baby

Für Paulke sei nach dem WM-Titel 2017 aber ebenfalls klargewesen, dass „er dieses überragende Jahr 2016 mit den 26 Titeln diese Saison in der Form nicht mehr wiederholen kann“. Doch auch das Kalenderjahr 2017 sei herausragend gewesen. „Er hat wieder mehr Titel geholt als alle anderen“, sagt Paulke. Jammern auf allerhöchstem Niveau. Dennoch hat sich im Leben des 28-Jährigen einiges geändert. Da waren erstmals Verletzungssorgen, im Frühjahr starke Rückenprobleme, im Herbst eine Sprunggelenksverletzung, die ihn bei den German Masters gar zur Aufgabe zwang.

Eine weitaus schönere Veränderung: Van Gerwen und seine Ehefrau Daphne Govers wurden im Sommer erstmals Eltern einer gesunden Tochter, die im Herbst nach dem Titel-Hattrick ihres Vaters beim Grand Slam of Darts mit ihm auf der Bühne gar um die Wette strahlte. Und der kurz zuvor geschlagene Irokesenmann Peter Wright, seines Zeichens Nummer zwei der Welt, deutete anschließend einen Irokesenschnitt fürs Baby an – rührende Szenen der beiden Weltklasse-Athleten. Doch diese Harmonie ist im Bereich der Weltklasse-Darter längst kein Alltag. Michael van Gerwen wurde schon länger, damals noch hinter vorgehaltener Hand, eine gewisse Arroganz und Großspurigkeit vorgeworfen. Spätestens, als er mit 17 Jahren 2007 im gleichen Turnier Phil Taylor schlug und einen Neun-Darter warf. „Ich war schon immer überzeugt, dass ich gegen jeden gewinnen kann“, erläutert MvG selbst. Die Großspurigkeit lebt er mittlerweile öffentlich bei Turnieren aus.

"Es ist dumm von ihm"

„Er ist definitiv großspurig. Aber es ist ein ganz schmaler Grat im Dartssport zwischen: Wann ist es noch selbstbewusst und ab wann wirke ich arrogant? Du benötigst diese Großspurigkeit ein Stück weit auch, um diesen Erfolg zu haben. Phil Taylor hat sie lange Zeit ebenfalls ausgelebt“, ordnet Paulke ein.

Eben jener Taylor, der van Gerwen im Sommer beim World Matchplay krachend mit 16:6 im Viertelfinale besiegte und anschließend vor den TV-Kameras tobte: „Was tut er da? Er ist Profi, die Nummer eins und amtierender Weltmeister. Werde erwachsen! Es ist dumm von ihm sowas zu tun und das werde ich ihm auch noch sagen.“ Van Gerwen hatte während seines Zweitrundenspiels gegen Simon Whitlock beim Stand von 8:2 seinem Freund Vincent van der Voort eine Textnachricht geschrieben: „Whitlock ist raus“.

Michael van Gerwen wurde gemobbt

„Das war eher dämlich von Vincent van der Voort, das auszuplaudern vor laufenden Kameras. Was van Gerwen in einer privaten Nachricht schreibt, ist eben seine Privatsache“, sagt Paulke. Der Vorfall passt dennoch ins Bild. Van Gerwen ist und will auch gar nicht der Liebling unter Kollegen sein, gibt offen zu „nur ein, bis zwei Freunde“ auf der Tour zu haben. MvG ist der klassische Einzelkämpfer in einer Einzelsportart, in der ihm als Dominator der Szene die Wärme seines privaten Umfelds zu reichen scheint.

Michael van Gerwen, das hat er mittlerweile öffentlich preisgegeben, wurde in der Schule gemobbt, wusste sich oft nur mit Schlägen zu helfen. Im Dart holte er sich als Jugendlicher schnell Selbstvertrauen, als andere ihn in seinem Heimatstädtchen Boxtel noch belächelten. Er übte erst jeden Samstag in einer Kneipe und als sich die Erfolge einstellten wurde es mehr, umfangreicher und professioneller. Das Selbstwertgefühl, das sich daraus entwickelte, ist heute Teil eines Selbstverständnis, mit dem der Niederländer gut fährt, dominiert und viel Geld einimmt.

"Er ist verwundbar"

Mit Blickrichtung auf die WM, bei der es dieses Jahr um insgesamt fast zwei Millionen Pfund geht, bestätigte er gegenüber SPOX, dass sich mittlerweile ein Dreikampf mit Gary Anderson und Peter Wright entwickelt habe. Diese Spieler hat ebenfalls Elmar Paulke auf dem Zettel. Der Kommentator ist trotz der Dominanz und der absoluten Favoritenrolle von MvG überzeugt, „dass er bei der WM verwundbar ist.“

Fans und Experten blicken mit Spannung auf die 25. Auflage, die vom 14. Dezember bis zum 1. Januar stattfindet. „Der Set-Modus, der im Ally Pally ausgetragen wird, spielt ihm nicht so in seine Karten. Das haben wir in den vergangenen Jahren schon miterlebt. Dieser Modus arbeitet seine Dominanz nicht ganz so klar heraus“, erklärt Paulke.  Das Momentum spiele eine Rolle. Deshalb seien auch Raymond van Barneveld und Adrian Lewis bei der Weltmeisterschaft immer vorne dabei.

Außerdem gibt Paulke zu bedenken: „So selbstverständlich wie dieses Selbstvertrauen und Auftreten von Michael van Gerwen in der Vergangenheit wirkte, so sensibel ist dieses Gerüst aber auch. Das haben wir vor zwei Jahren bei Phil Taylor gesehen, als diese Selbstverständlichkeit plötzlich weg gewesen ist. Dieses so hart erarbeitete Gerüst kann schnell zerbrechen – in Sekunden sogar“, sagt er, wohlwissend, dass der Niederländer in den Turnieren vor der WM abgeräumt hat. Zuletzt gewann er die Players Championship – zum dritten Mal in Folge. Falls Michael van Gerwen die WM erneut gewinnt, dann wird er das in seiner gewohnten Art tun. Plötzliche Demut dürfen seine Kollegen eher nicht erwarten. Das Auftreten beim Dart spricht dementsprechend auch eher gegen einen Klosterbesuch in der Vergangenheit. Andererseits: Im Sport gibt es genug Typen, die sich während des Wettkampfes zu einem anderen Typ entwickeln. Ob er im Kloster war und was Michael van Gerwen außer einer möglichen Sprache gelernt haben könnte, bleibt vorerst das Geheimnis des zurzeit besten Dartsspielers der Welt.

Jannik Schneider

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Mario Gómez: Ein Mann mit sich im Reinen

Mario Gómez kehrt VfB Stuttgart zurück. Im Mai 2017 sprach der Stürmer mit Socrates über seine bewegten Jahre und die Erfahrungen, die ihn als Menschen verändert haben. Ein Interview über einen Mann, der die Welt noch erobern will.

Mario Gómez, hoffen Sie, dass Andries Jonker nach Dieter Hecking und Valérien Ismaël Ihr letzter Trainer beim VfL Wolfsburg ist?

Ja, das hoffe ich tatsächlich. Wenn die Situation sich weiter so gut entwickelt, wie sie angefangen hat, dann wäre es ja auch unabhängig von meiner Person für Wolfsburg schön, wenn Andries Jonker die nächste Epoche des Vereins prägen würde. Ich würde es ihm wünschen. Die Chemie stimmt zwischen Mannschaft und Trainer.

Reicht die Chemie für ein Saisonende ohne Relegationsstress?

Wir dürfen die Situation nicht schönreden. Wir kämpfen um den Klassenerhalt, brauchen in jedem Spiel unbedingt Punkte. Aber positiv festzuhalten ist: Die Ergebnisse unter Andries Jonker kommen nicht glücklich zustande. Was wir auf dem Platz abliefern, hat Hand und Fuß. Er hat es in kürzester Zeit geschafft, dass wir Spieler verstehen, was er von der Mannschaft will, dass wir auch in dieser schwierigen Situation Fußball spielen können. Auch wenn wir spielerisch noch lange nicht da sind, wo wir hinwollen und auch hinkönnen.

Das Interview erschien in der 7. Ausgabe

Das Interview erschien in der 7. Ausgabe

Eine Holland-Hilfe zur richtigen Zeit?

Man unterstellt den Holländern ja immer dieses positiv Arrogante. Ich finde nicht, dass es Arroganz ist. Eher Selbstbewusstsein. Ich hatte vom ersten Tag an das Gefühl: Andries Jonker geht es einzig und allein darum, uns unabhängig vom Tabellenplatz seine Philosophie und Taktik zu vermitteln. Das große Ganze zu sehen, das ist für mich das A und O. Es gibt immer wieder Beispiele, bei denen sich alle die Augen reiben und sich wundern, warum es so läuft, wie es läuft. Leipzig ist so ein Beispiel. Die haben 15 oder mehr Spieler im Kader, die vergangene Saison noch in der Zweiten Liga gespielt haben. Und diese Saison zählen sie in der Ersten Liga zu den Besten. Warum? Weil sie eine ganz klare Philosophie haben, diesen Plan schon seit Jahren verfolgen und jeder weiß, was zu tun ist. Das ist Fußball 2017.

Ist Wolfsburg in den kommenden Jahren in der Lage, auch wieder oben mitzumischen?

Langfristig ist das die Vision und auch das Ziel dieses Vereins. Wir müssen da auch gar nicht drum herum reden: Wenn man sich die Qualität unseres Kaders und die Investitionen des Vereins anschaut, dann kann der Anspruch hier nicht der Kampf um den Klassenerhalt sein. Aber es gibt immer mal wieder Situationen, die sich komplett anders darstellen, mit denen man sich dann auseinandersetzen muss. Nehmen wir Dortmund. Die waren vor zwei Jahren zur Winterpause Zweitletzter – mit einer Wahnsinnsqualität in der Mannschaft. Keiner hat verstanden, warum das so war. Man muss dann nach den Ursachen forschen, diese intern aufarbeiten. Genau das wurde und wird hier in Wolfsburg gemacht. Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt einen Trainer haben, der perfekt zu dieser Mannschaft passt.

Der Wolfsburg auch wieder zu Titeln führen kann?

Ob es selbst bei der besten Arbeit zu Pokalen und Titeln reicht, sei mal dahingestellt. Es gibt mit Bayern und Dortmund zwei Mannschaften in der Liga, die den anderen Teams so sehr überlegen sind, dass es verdammt schwer wird für die anderen Klubs, in den kommenden Jahren etwas zu gewinnen. Ich befürchte auch, dass sich diese Situation nur schwer ändern wird, solange die 50-plus-1-Regel gilt.

Sie sind gegen 50 plus 1?

Ich kann die Fans der Traditionsteams verstehen. In meinen Augen besteht jedoch die Chance, die Bundesliga an der Spitze wieder spannender zu machen, darin, diese Regel zu überdenken. Ansonsten wird die nächsten zehn Jahre zehnmal Bayern Meister. Wenn sie schwächeln, vielleicht mal Dortmund oder früher oder später Leipzig. Man sieht das doch beispielsweise in England, wo es viel mehr Mannschaften gibt, die um den Titel spielen, die echte Chancen auf Pokale haben. Ich glaube zwar, dass in Wolfsburg wie auch in Leipzig das Potenzial aufgrund der besonderen finanziellen Möglichkeiten vorhanden ist, aber der Vorsprung von Bayern und Dortmund auch für diese Klubs in den kommenden Jahren nicht aufzuholen sein wird. Der Vorsprung ist zu riesig. Das wird viele Jahre dauern. Aber besser ein paar Jahre als nie.

Heißt im Umkehrschluss: Der Abstiegskampf wird in Zukunft immer spannender als das Meisterschaftsrennen sein?

Ja, und das finde ich wahnsinnig schade. Gefühlt sind 14 Mannschaften jede Woche gestresst, sind jede Woche unter Druck. Diese Mannschaften spielen überhaupt nicht den Fußball, den sie eigentlich können, weil es immer nur um den Moment geht. Man kann fast sagen: Nervosität beherrscht die Bundesliga. Ich würde mir wünschen, dass wir bei aller sportlichen Brisanz wieder mehr dahinkommen, dass Vereine ihrer Grundausrichtung und Idee folgen und nicht immer nur das Aktuelle gesehen wird. Und die Trainer nur ums Überleben kämpfen und gar nicht mehr ihre Philosophie einer Mannschaft einimpfen können, weil sie nach jeder Niederlage in Frage gestellt werden.

Haben Sie Lösungsansätze?

Vielleicht müssen viele Vereine die Erwartungen ein bisschen runterschrauben. Nehmen wir Stuttgart. Die haben jahrelang gegen den Abstieg gespielt, hatten überhaupt keine schöne Zeit. Als sie vergangene Saison abgestiegen sind, haben alle geschrien: „Um Gottes willen, das ist eine Katastrophe.“ Doch für die Gesamtstimmung im Verein hatte die Situation vielleicht sogar eine positive Wirkung, indem sich der Verein auch von innen ein Stück weiter erneuern konnte und musste. Es wurde vieles hinterfragt, mit Mut aufgeräumt und neu ausgerichtet. Nun haben sie in Stuttgart aktuell wieder ein Jahr mit Erfolg. Das gibt dem ganzen Verein Ruhe, ein breiteres Kreuz und auch wieder strahlende Gesichter. Das kann für den Verein ein super Neustart sein. Noch schöner wäre es doch aber, wenn sie diesen Mut ohne Abstieg gehabt hätten. Diese Freude, wie beispielsweise aktuell in Stuttgart, vermisse ich derzeit so ein bisschen in der Bundesliga.

In Wolfsburg endet Ihr Vertrag 2019. Dann sind sie 33 Jahre alt. 33, die Zahl, die sie seit Beginn Ihrer Profikarriere auf dem Rücken tragen. Schöner kann sich der Kreis doch eigentlich nicht schließen.

Lustigerweise hatte ich von Anfang bis Ende 20 genau diesen Gedanken im Kopf: ‚Mit 33 Jahren höre ich auf.‘ Genau deswegen: Weil die 33 eben immer eine so besondere Rolle in meiner Karriere gespielt hat. Ich war früher extrem abergläubisch, bin davon aber in den vergangenen Jahren ein bisschen weggekommen. Okay, ich habe immer noch meine Macken vor jedem Spiel: Erst linker Schuh, dann rechter Schuh und diese Dinge. Aber so einen großen Schritt wie ein Karriereende mache ich sicherlich nicht vom Aberglauben abhängig. Ich entscheide das nach Empfinden. So lange ich das Gefühl habe, dass ich mich noch durchsetzen kann und Spaß daran habe, so lange werde ich auch spielen.

Könnten Sie sich nach Wolfsburg noch einen weiteren Verein in der Bundesliga vorstellen?

Schwer. Aber ich gebe ungern endgültige Statements ab, weil man einfach nie weiß was kommt. Ich habe in der Vergangenheit auch schlechte Erfahrungen gemacht mit Plänen, die ich mir zurechtgelegt hatte. Ich versuche jetzt einfach nur noch, den Moment zu leben und zu nutzen. Das entspannt mich wahnsinnig. Was sportlich als nächstes kommt, interessiert mich gerade nicht.

Eine finale Station im Ausland reizt auch nicht?

Ich bin happy mit der Situation, wie sie ist, zurück in Deutschland zu sein, zurück in der Bundesliga. Die Stadien sind voll, es herrscht dort eine gute Atmosphäre. Außerdem bin ich viel näher an meiner Familie, die es umgekehrt auch viel einfacher hat, mich und meine Frau zu besuchen. Wir haben in der Familie mittlerweile viele Kleinkinder, die wir auch erleben möchten. Und nicht erst das nächste Mal sehen, wenn die dann auf einmal schon fünf sind.

Eine Rückkehr zu Beşiktaş nach Istanbul wird trotz der Gerüchte in den türkischen Medien also kein Thema sein?

Wenn ich die Berichterstattung in der Türkei richtig überliefert bekommen habe, war ich ja schon drei Mal wieder da und habe auch schon drei Mal unterschrieben. Aber im Ernst: Die Türkei-Zeit war für mich total hilfreich. Es war einfach alles mega. Die Leute waren unheimlich nett, ich hatte ein Wahnsinnsjahr dort. Allerdings sind die Medien dort schon extrem. Ich konnte zum Glück nicht verstehen, was in der Zeitung steht. Aber natürlich habe ich mitbekommen, dass da viele Geschichten auf den Tisch kamen, die so nie passiert sind und auch viele Aussagen von mir völlig falsch wiedergegeben wurden.

Ihre Reaktion darauf?

Gar keine. Ich habe das nie revidiert, habe mich nie auf diesen Schlagabtausch eingelassen. Ich habe die Dinge einfach laufen lassen und mich nur auf das Sportliche konzentriert. Daher war ich auch zu allen Journalisten immer nett (lacht). Im Nachhinein war das schon irgendwie lustig. Diejenigen, die eine schlechte Story über mich veröffentlicht hatten, waren über mein freundliches Verhalten beim nächsten Wiedersehen ganz schön irritiert. Aber ich wusste ja gar nicht: Ist das jetzt der Böse oder der Gute? Und das habe ich übernommen. Irgendwie fahre ich gut damit, weil es für mich keine Rolle mehr spielt, wie ich von anderen oder von Journalisten gesehen werde. Ich versuche einfach, ich selbst zu sein. Und dabei allen Leuten freundlich gegenüberzutreten. Deshalb war die Türkei sehr entscheidend für mich. Aber jetzt bin ich mit beiden Beinen in Wolfsburg. Und um es nochmal klarzustellen: Was in der Türkei geschrieben wird – nach dem Motto, ich würde mich in Deutschland nicht wohlfühlen und zurück wollen –, das sind alles Märchen.

Sind denn Gedanken über die Zeit nach Ihrem Karriereende bereits wahrhaftig?

Natürlich trage ich diese Gedanken in mir. Und ich muss sagen, es sind sogar schöne Gedanken. Ich habe überhaupt keine Torschlusspanik. Ich denke überhaupt nicht: Oh je, vielleicht sind es nur noch zwei Jahre. Es sind eher Gedanken wie: Was habe ich in meinem Leben alles verpasst wegen des Fußballs? Was für Dinge habe ich versäumt, was will ich noch sehen? Das sind Reisen, Sportarten, Adventures, die ich erleben möchte.

Abenteuer wie Bungee-Jumping?

Um Gottes willen. Ich denke eher an so Dinge wie Skifahren im Winter. Ich liebe München und bin da mittlerweile auch heimisch. Dort haben wir so grandiose Möglichkeiten mit den Bergen und den Seen. Im Sommer möchte ich nach der Karriere zum Beispiel einfach mal Wasserski fahren. Es sind diese kleinen Dinge, die für andere ganz normal sind. Für mich waren sie bisher nicht möglich. Weil ich immer daran gedacht habe: Mario, du hast lange Haxen. Das heißt: Man verdreht sich schnell das Bein, und dann sitzt man da im Profifußball und schaut eine Weile zu. Deshalb habe ich das nie getan.

Aber reisen können Sie doch.

Es geht für mich vielmehr darum, Länder zu bereisen, wann immer man darauf Lust hat. Als Profifußballer kann ich nur wenige Wochen im Sommer oder Winter tun und lassen, was ich will. Und selbst da achtet man darauf, dass man nicht in zu vielen Zeitzonen unterwegs ist, dass man nicht komplett raus aus seinem Rhythmus kommt. Ich freue mich wahnsinnig auf das Spontane. Zu sagen: Morgen möchte ich das machen. Und es dann auch zu tun. Dafür werde ich mir viel Zeit nehmen. Diese Spontanität habe ich seit 20 Jahren nicht mehr. Ich werde mich auch auf keinen Fall sofort in eine nächste Aufgabe stürzen. Ich werde erstmal durchatmen, runterkommen und Dinge verwirklichen, die ich schon lange im Kopf habe, aber nie gemacht habe.

Das klingt wie eine persönliche Befreiung.

Nein, gar nicht. Ich liebe den Fußball und mein aktuelles Leben. Und ich hoffe auch auf noch viele gute Jahre. Aber wenn Sie mich auf die Zeit danach ansprechen, sind das meine Gedanken. Ich möchte einfach einiges noch ausprobieren. Vielleicht macht mir auch vieles davon gar keinen Spaß. Das werde ich dann sehen. Ich möchte auch viel mehr Zeit mit meinen Liebsten verbringen. Freunde im Ausland besuchen, die ich über all die Jahre kennengelernt habe. Es sind rundum positive Gefühle, wenn ich an die Zeit danach denke. Ich bin mit mir total im Reinen. Selbst wenn es morgen vorbei wäre, könnte ich sagen: Ich hatte eine wunderschöne Karriere.

Sind auch die Gedanken da: Endlich mal sesshaft werden, endlich keine Umzüge mehr?

Ja, wobei ich jetzt schon zwei, drei Heimaten für die Zeit nach dem Fußball habe. Ich bin durch meinen Vater sehr mit Spanien verbunden, werde sicherlich auch immer einige Zeit in Spanien sein. Dann eben München als Familienstandpunkt. Dazu kommt meine ursprüngliche Heimat im Schwabenland, wo ich immer noch sehr gerne bin. So fix an einem Punkt werde ich also sicher nicht leben. Der Fußball hat mich zu einem offeneren Menschen gemacht.

Inwiefern?

Weil ich während meiner Karriere so viele verschiedene Kulturen kennenlernen durfte. Dementsprechend werde ich wahrscheinlich immer ein Globetrotter sein. Aber ich bin mir sicher, dass ich irgendwann auch mal froh sein werde, zu sagen: So, jetzt bin ich mal drei Monate in Folge in München, gehe in den Englischen Garten, danach in der Stadt einen Kaffee trinken und dann vielleicht noch abends ins Kino. Und sonst bin ich eben einfach nur daheim und genieße es, Zeit zu Hause und Zeit für meine Freunde zu haben. Zeit, die man selten hatte.

Ist ein Leben komplett ohne Fußball für Sie vorstellbar?

Ja. Vorstellbar auf jeden Fall. Ich möchte mich da aber heute noch gar nicht festlegen. Wer weiß schon, was in ein paar Jahren ist. Außerdem werde ich mir auch nach meinem Karriereende noch einige Spiele, beispielsweise von Bayern oder Barcelona, anschauen. Ich werde auch oft in Barcelona im Stadion sein. Das habe ich schon als kleines Kind getan, und das werde ich auch nach meiner Zeit als Profifußballer wieder tun, weil ich dafür einfach zu sehr diesen Klub und diese Stadt liebe. So werde ich dem Fußball auf jeden Fall schon mal verbunden bleiben. Aber eben als Fan statt in irgendeiner Funktion für einen Verein oder einen Verband.

Den Konkurrenten Gómez muss Miro Klose als Trainer nicht fürchten?

Trainer oder Manager kommt für mich, Stand heute, definitiv nicht in Frage. Weil ich diese Spontanität, von der ich eben sprach, in meinem Leben haben möchte. Ich kann es mir nach meinem Karriereende nicht vorstellen, dass ich freitagabends in irgendeinem Hotel sitze und mir über den anstehenden Spieltag Gedanken machen muss. Das ist nicht das, was ich mir für meine Karriere danach vorstelle.

Haben Sie zu Klose deshalb mal gesagt: ‚Miro, bist du bescheuert, dir das anzutun? Da spielst du bis 38 – und dann kannst du immer noch nicht aufhören mit dem Fußball.‘

Nein, nein. Noch ist sein Trainer-Dasein ja relativ entspannt. Die Sachen, die er jetzt gerade macht, machen Spaß. So könnte ich mir es auch noch vorstellen, Trainer zu sein: Da mal ein Lehrgang und da nochmal ein Lehrgang. Begleitet von einem schönen Länderspiel (lacht). Der Traineralltag wird dann allerdings schon ein anderer sein.

Können Sie sich Klose als Bundesliga- oder Bundestrainer vorstellen?

Natürlich, absolut. Er war ja auch als Spieler immer schon wahnsinnig intelligent. Er hat es auch immer geschafft, auf den Punkt da zu sein. Das ist eine große Qualität. Es muss ja irgendwas in ihm stecken, das diese mentale Stärke bekräftigt. Ihm ist das Talent nicht nur in die Füße, sondern auch in den Charakter gelegt worden. Und auch dieses Talent kann er an junge Spieler weitergeben. Ich glaube, Miro kann ein sehr, sehr guter Trainer werden.

Deutschland wird Weltmeister 2018 mit Klose als Co-Trainer und Gómez als Stürmer.

Eine schöne Geschichte.

Traum oder realistisches Ziel?

Mit Deutschland ist es immer realistisch, Weltmeister zu werden. Vor allem mit der Mannschaft, die wir aktuell zur Verfügung haben. Aber ob es dann auch so kommt, hängt von so vielen Faktoren ab – unter anderem der Tagesform, die auf allerhöchstem Niveau einfach oftmals entscheidend ist. Für mich ist aber schon jetzt klar: Wir reisen als einer der üblichen Favoriten 2018 nach Russland.

Eine Reise, die dann womöglich Ihre letzte Reise als aktiver Fußballer ist.

Voraussichtlich wird es mein letztes Turnier werden. Irgendwie ist das auch so ein rundes Ding: Als ich 2014 verletzt zu Hause saß und nicht in Brasilien dabei sein konnte, habe ich mir immer gesagt: Eine EM und eine WM kommen noch für mich. Die lasse ich mir nicht mehr nehmen. Das war und ist auch weiterhin mein täglicher Antrieb. Bei der EM war ich schon mal dabei. Nun trage ich im Hinblick auf die WM eine große Zuversicht und auch Hoffnung in mir.

Wissen Sie noch, was Hoffnung auf Türkisch heißt?

Das wusste ich noch nie.

Umut.

Umut? Ich glaube, das Wort haben sie mir in der Türkei doch mal gesagt. Wollen Sie mit mir jetzt über meine Hoffnung für die Türkei sprechen?

Gerne.

Ich möchte mich an den großen politischen Diskussionen nicht beteiligen. Ich wünsche mir einfach für die Menschen in der Türkei, dass nach all den Unruhen jetzt wieder Normalität einkehrt. Ich wünsche mir Frieden. Nicht nur in der Türkei, weltweit!

Bereitet Ihnen die weltpolitische Lage generell Sorgen?

Es gibt ja immer so Zyklen. Es wurden irgendwann die Gemeinschaften gegründet: EU, NATO und so weiter. Sogar ganze Nationen haben sich zusammengeschlossen, weil man gemerkt hat: Zusammen ist man stark. Dann hat es lange ganz gut funktioniert. Jetzt hat man das Gefühl: Alle müssen sich mal austesten, reiben und streiten. Um dann zu merken, dass es doch nur zusammen geht. Ich hoffe, dass wir uns jetzt in dieser Phase befinden, die dann zu einem guten und friedlichen Abschluss kommt. Das ist mein großer Wunsch für die Zukunft.

Sie tragen also auch hier viel Hoffnung in sich?

Ich bin von Hause aus ein positiver Mensch. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Respekt natürlich, weil man die genaue Entwicklung momentan nicht abschätzen kann. Aber ich glaube, dass wir alle unter dem Strich erkennen, dass es eben nur zusammen geht und wir alle eins sind.

Lassen Sie uns den Fokus nochmal auf den Fußball richten. Warum ist Paris für Julian Draxler so viel besser als Wolfsburg?

Weil er dort befreit aufspielen kann. Ich glaube, dass er irgendwann in seinem Kopf hatte, dass er hier aus Wolfsburg weg muss. Ab dem Moment ist es dann schwierig, gut Fußball zu spielen. Das hat nichts mit  Wolfsburg zu tun. Wenn sich ein Spieler im Verein nicht wohlfühlt – egal, wo auf der Welt –, wenn er mit dem Kopf nicht mehr da ist, dann kann er nicht die Leistung bringen, zu der er eigentlich im Stande ist. Dass  Julian ein begnadeter Fußballer ist, wissen wir alle. Dass er große Dinge leisten kann, wissen wir auch. Für mich hat das auch gar nichts mit Paris zu tun. Es hat einfach damit zu tun, dass er jetzt da ist, wo er hin wollte und deswegen da auch gut Fußball spielen kann.

Ein anderer Nationalspieler, der auch einen Wechsel in der Hoffnung auf persönliche Verbesserung vollzogen hat, ist Mario Götze.

Ich wünsche ihm einfach nur, dass er schnell wieder zu 100 Prozent gesund und fit wird. Weil er einer der besten Spieler ist, die wir in Deutschland jemals hatten. Und von diesem Satz bin ich wirklich ganz, ganz tief überzeugt. Ich muss ganz oft an seine Trainingseinheiten im Vorfeld seines ersten Länderspiels 2010 in Schweden denken. Ich habe damals nur gedacht: ‚Leck mich am Arsch, was ist das denn?‘ Wo kommt der denn her? Der hatte mit 18 Jahren eine Selbstverständlichkeit in seinem Spiel, bei der ich mir dachte: ‚Hut ab. Da haben wir einen!‘

Im Basketball haben wir mit Dirk Nowitzki ebenfalls einen. Wie eng sind Sie wirklich mit ihm befreundet?

Freundschaft würde ich es nicht nennen, denn ich habe ihn erst einmal getroffen. Wir haben denselben Sponsor. Aus diesem Grund hatten wir 2015 auch das Champions-League-Finale zusammen gesehen, hatten ein tolles Wochenende in Berlin. Dirk ist ein lustiger, aufgeschlossener Typ. Er ist wahnsinnig interessiert an allem im Fußball, hat Miro Klose und mich während des Finales mit Fragen gelöchert. Manchmal saß ich da, habe ihn einfach nur angeschaut und musste schmunzeln. Dirk ist ein Unikat. Eine Erscheinung. Alle sagen über ihn, er sei so bodenständig. Und wenn man ihn dann erlebt, sagt man sich: Der ist wirklich so bodenständig. So normal, als ob er noch kein einziges NBA-Spiel gemacht hätte. Beeindruckend und ein Vorbild für jeden Sportler.

Und wer beendet als erster seine Karriere: Dirk Nowitzki oder Mario Gómez?

Ich weiß nicht, was der Lange vorhat. Lassen wir uns überraschen. Anscheinend wird er nie älter. Aber gefühlt mache ich noch länger.

Felix Seidel / Fatih Demireli