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Socrates, das denkende Sportmagazin, erschien erstmals im Oktober 2016 und ist monatlich in Deutschland sowie in weiteren acht europäischen Ländern erhältlich. Hier schreibt die Socrates-Redaktion.

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LeBron James: Nur ein Kind aus Akron

Es gibt viele Wege, nach Hause zurückzukehren. LeBron James machte es – welch Überraschung – auf spektakuläre Art und Weise. Bruce Arthur sah sich das ganze aus dem Norden an.

Autor: Bruce Arthur

Erster Akt

Das letzte Basketball-Match in Cleveland, bevor LeBron James ihnen vom Himmel geschickt wurde, war offen gestanden eine jämmerliche Angelegenheit. Die heimischen Cavaliers hatten 16 Siege zu verzeichnen, einen weniger als die bedauernswerten Denver Nuggets. Die Toronto Raptors waren ebenfalls miserabel, und in der NBA miserabel zu sein, ist eine Art Währung. Je schlechter man ist, desto besser stehen die Chancen bei der Draft-Lottery. Und alle wussten, dass LeBron James, der in Akron geborene künftige König, der Hauptgewinn sein würde.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #04

Zufällig hatten die Cavaliers in jener Nacht Glück, und Cleveland war ein denkbar lausiger Ort. Eine Stadt mit einer desolaten Wirtschaft, mit hoffnungslosen Sportklubs, ein Ort, den man sich mühelos als Geisterstadt vorstellen könnte. Cleveland, Ohio.

Aber sie gewannen die Lottery, und LeBron wurde in seine Heimatstadt geschickt, oder nahe genug heran. Geboren wurde er im 63 Kilometer südlich gelegenen Akron. Er wuchs bei seiner Mutter auf, lebte in armseligen Wohnungen, und wunderte sich immer wieder, wohin es sie als nächstes verschlagen würde. Er und seine Mutter zogen in sechs Jahren zehn Mal um und mussten sich oft auf die Güte von anderen Menschen verlassen. Der Sport war seine Rettung. Mit gerade mal siebzehn Jahren war er einer der besten Basketballspieler in den USA. Mit achtzehn stand er bei dem Draft an Position eins. Er baute sich ein Haus in Akron, die Nachbarschaft war schick, aber nicht übertrieben. Er war zu Hause.

Aber Rettung ist keine einfache Angelegenheit.

In den Finals 2007 wurden die Cavaliers von den Spurs weggefegt, und in den Playoffs 2010 gegen das erbitterte Team der Celtics sah es beinahe so aus, als würde LeBron … aufhören. In Spiel 5 stand er herum und behauptete später, er habe sich am Ellbogen verletzt. In Spiel 6 tat er jede Menge für seine Erfolgsstatistik: 27 Punkte, 19 Rebounds, 10 Assists – doch am Ende entschied er sich für die falschen Spielzüge. Dafür ist er doch eigentlich viel zu pfiffig, dachte man beim Zuschauen. Was macht er denn? Ich fragte den Coach der Celtics, Doc Rivers, ein paar Jahre später und er erzählte, er habe einen Spieler gesehen, der erkannt habe, dass er nicht gewinnen könne und nicht wusste, was er tun sollte. Etwa zur selben Zeit fragte ich jemanden, der LeBron gut kannte, ob er Cleveland verlassen könnte. Vorsichtig antwortete er: Er ist FÄHIG dazu.

Am Tag, an dem LeBron Cleveland, eine der ärmsten Großstädte der USA, verließ, saß er in einem Boys & Girls Club in Greenwich, Connecticut, eine der reichsten Postleitzahlen des Landes. Neunzehn Fragen stellte ihm Sportkommentator Jim Gray in einem Live Interview auf ESPN, bis die große Frage kam. „In diesem Herbst … man, das ist echt hart“, antwortete LeBron, „in diesem Herbst werde ich meine Talente nach South Beach tragen und mich den Miami Heat anschließen.“

In jener Nacht verbrannten Fans LeBron-Trikots auf den Clevelander Straßen. LeBron stammte nicht aus Cleveland, nicht ganz. Aber er überließ seine Heimat ihrem Schicksal, und das vor den Augen aller. Es war niederschmetternd.

Zweiter Akt

LeBrons Zeit in Miami war ein Triumph. Die Heat gewannen zwar nicht jeden versprochenen Titel, aber gemeinsam mit Dwyane Wade und Chris Bosh erreichten sie vier NBA Finals in Folge, von denen sie zwei gewannen. Währenddessen wurde aus dem Lokalhelden LeBron der Verräter LeBron, und nach seiner ersten Finalniederlage gegen Dallas, nachdem er bereits in den letzten vier Spielen geschwächelt hatte, war es deutlich zu erkennen: Es machte ihm zu schaffen, nicht geliebt zu werden.

„All die Leute, die mich anfeuerten, ich solle versagen, nun, am Ende des Tages werden sie morgen früh aufwachen und dasselbe Leben haben, das sie hatten, bevor sie heute aufgewacht sind“, sagte LeBron, nachdem Dallas Spiel 6 gewonnen hatte. „Sie werden dieselben privaten Probleme haben wie heute. Ich werde so weiterleben, wie ich es möchte, und ich werde weiterhin die Dinge tun, die ich für mich und meine Familie tun möchte und damit glücklich sein. Sie können sich ein paar Tage oder Monate oder wie lange auch immer darüber freuen, dass nicht nur ich, sondern auch die Miami Heat ihr Ziel nicht erreicht haben. Aber irgendwann müssen sie in die reale Welt zurückkehren.“

Als jemand, der mit siebzehn das Titelbild der Sports Illustrated zierte, hatte LeBron James ein Leben unter ständiger Beobachtung und frei von Fehltritten geführt. Aber im Augenblick des öffentlichen Versagens, nach einem Jahr öffentlicher Verbitterung, prügelte er auf die kleinen Leute, die weniger Glücklichen ein. Eine Unmenge solcher Leute lebte in Cleveland.

Und dann gewann er einen Titel, und einen zweiten, in einem der größten NBA Finals, das man je gesehen hatte. Er war auf dem Gipfel angekommen. Er war der King des Basketballs, spielte mit seinen Freunden, tat eben genau
das, was er schon tun wollte, als er gerade mal dieser Viertklässler war, der mit seiner Mutter von Wohnung zu Wohnung hüpfte. Nach dem zweiten Titel sagte er: „Ich bin LeBron James aus dem Stadtzentrum von Akron, Ohio. Ich sollte nicht einmal hier sein. Das genügt. Jede Nacht gehe ich in die Umkleide und sehe ein Trikot mit der Nummer 6 und James auf dem Rücken. Ich bin gesegnet. Was sie alle über mich außerhalb des Spielfelds reden, ist egal.“

In jenem Augenblick schien LeBron James alles zu haben, was er sich je wünschen könnte.

Dritter Akt

Niemand erwartete, dass er nach Hause gehen würde, nicht einmal nach der Finalniederlage der Heat 2014 gegen die Spurs. Miami erwartete es nicht. Cleveland erwartete es nicht. Das Wetter in Florida im Winter, ein Dach über dem Kopf – manchmal fuhr er mit dem Fahrrad zu den Spielen. Er hätte dort weiter siegen können. Die gesamte Liga wartete auf ihn, genauso wie im Jahr 2010.

Seine Rückkehr nach Cleveland verkündete er durch eine gemeinsam mit Lee Jenkins verfasste Meldung in der Sports Illustrated. Hier ein Auszug aus der Erklärung:

„Ich spüre, dass meine Berufung über den Basketball hinausgeht. Ich habe Verantwortung zu tragen, in mehr als nur einer Hinsicht, und das nehme ich sehr ernst. Meine Anwesenheit kann in Miami etwas bewirken, aber ich glaube, dass es dort, wo ich herkomme, viel mehr bedeutet. Ich möchte, dass die Kinder im Nordosten Ohios, wie viele Hunderte Drittklässler aus Akron, die ich mit meiner Stiftung fördere, erkennen, dass es zum Aufwachsen keinen besseren Ort gibt. Vielleicht kommen einige von ihnen nach dem College zurück und gründen eine Familie oder eröffnen ein Geschäft. Das würde mich zum Lächeln bringen. Unsere Community, die so sehr gekämpft hat, braucht jedes Talent, das sie bekommen kann … In Nordost-Ohio kriegst du nichts geschenkt. Alles muss man sich verdienen. Du arbeitest für das, was du hast. Ich bin bereit, die Herausforderung anzunehmen. Ich komme nach Hause.“

Cleveland verlor im ersten Jahr in den Finals, mit LeBron, der versuchte, das auf seinen Schultern zu tragen, was von seinen gesunden Teamkameraden noch übrig war. 2016 widmete er dem Versuch, seine Teamkameraden anzutreiben, mitzuziehen, zu zwingen und zu unterrichten, denn sie begriffen die Gepflogenheiten des Siegens noch nicht. Er baute ein neues Haus. Nach einem Rückstand von 1:3 gegen Golden State, die den Rekord von 73 Siegen hielten, gelangen LeBron James drei der besten Back-to-back-to- back-Spiele in der Basketballgeschichte. In Spiel 7, bei dem es hin und her ging, legte er seinen höchsten Gang ein; er wuchs über sich hinaus und stellte einen Rekord auf – „The Block“.

Er war der erste Spieler in der Finals-Geschichte, der beide Teams in Punkten, Rebounds, Assists, Steals und Blocks anführte. Das war es, worauf es ankam. Als es vorüber war, weinte er und fiel auf die Knie, hämmerte mit der Faust auf den Boden und bedeckte seine Augen. LeBron weinte, tausende Meilen weg von zu Hause, in Oakland.

„Ich kam nicht ohne Grund zurück“, sagte er, als er sich wieder gefasst hatte. Man fragte ihn nach jenen in Ohio, die glücklich seien, jenen, die sich nie über seinen Weggang geärgert hätten. Er biss nicht an. „Das spielt keine Rolle. Das ist Schnee von gestern. Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand für das Gestern interessiert. Morgen werden sie erfahren, dass ich nach Hause komme. Ich komme nach Hause mit dem, was ich versprochen hatte.“

Sie führten seinen Teamkollegen, den Veteranen Richard Jefferson, ans Podium, und er sagte – die Worte schossen förmlich aus ihm heraus: „Ich habe noch nie in meinem Leben einen Mann gesehen, der einem ganzen Staat sagt: ‚Steig mir auf den Rücken, und ich halte dich. Steig mir auf den Rücken, und ich werde dich tragen, und es ist mir egal, ob wir scheitern. Ich werde am nächsten Morgen aufwachen und mit der Vorbereitung fürs nächste Jahr beginnen. Mir ist egal, was die Leute sagen, es ist mir vollkommen wurscht.‘ Nennen Sie mir eine Person in der Geschichte, die es mit einem ganzen Staat aufnehmen würde. Er hat nicht zurückkommen müssen. Er hätte in Miami bleiben oder woanders hingehen können. Er sagte: ‚Weißt du was? Ich gehe zurück nach Hause, weil ich ihnen versprochen habe, dass ich etwas tun kann.‘ Und er hat uns auf dem ganzen Weg unterstützt.“

Schluss

Mein Bild von LeBron James sah stets so aus: Sein Talent ist atemberaubender als alles, was wir bisher gesehen haben. Er ist so groß, so stark, so schnell, so wendig. Es gibt niemanden mit einem solchen Körper. Niemanden, der bei dieser Größe mit solcher Schnelligkeit über das Feld sprinten könnte, der imstande ist, den Sprung zu timen und dann zu fliegen, um diesen Wurf zu blocken.

Und es gibt niemanden, der, mit einem solchen Körper ausgestattet, so am Gegner vorbeiziehen kann wie er, der sehen kann, was er sieht. Wenn er auf dem Feld nach vorne zieht, tänzeln seine weit aufgerissenen Augen vor und zurück, denn er überblickt den gesamten Court. Dwyane Wade erzählte mir einmal, LeBron würde mitten im Lauf das Spiel ändern, um einem Mitspieler zu helfen, der den Ball berühren muss. Der Basketballspieler LeBron zu sein, ist so ähnlich wie der reichste Mann der Welt zu sein: Auf dem Platz kann er beinahe so ziemlich alles machen, was er will.

Außerhalb des Spielfelds war es genau dasselbe. Damals konnte er Cleveland verlassen, denn wer hätte ihn aufhalten können? Er hätte im tropischen Miami bleiben, die strahlenden Lichter von LA jagen, oder nach Houston, Phoenix, Chicago, oder wohin auch immer gehen können. Er hatte zwei Titel. Er hatte alles. LeBron James hätte alles tun können, was er wollte.

Er ging nach Hause.

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Becky Hammon & J.R. Holden: Identitätszeichen

In ihrer Heimat fanden Becky Hammon und J.R. Holden keine Beachtung. Beide gingen ihre eigenen Wege und trafen sich dann doch. Die Geschichte von zwei Wegen und einem Schicksal.

Autor: Cem Pekdoğru

Becky Hammon

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #13

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #13

Madison Square Garden, New York. Die San Antonio Spurs spielen das vierte Spiel der neuen Saison im Big Apple. Die Mannschaft sieht im dritten Viertel nicht so gut aus, verliert zeitweise ihren Angriffsrhythmus gänzlich. Die Spieler der Spurs spielen schon so lange um die Meisterschaft mit, dass sie sich bewusst sind, dass sie selbst in der am unwichtigsten erscheinenden Etappe ihres 82 Spiele langen Kalenders auf etwas stoßen können, das die ganze Saison bestimmen könnte. Die sechsköpfige Assistentengruppe hat sich vor dem letzten Viertel neben Headcoach Gregg Popovich aufgestellt und ist ganz Ohr. Sie sehen genauso ernst aus wie Ärzte, die eine Operation am offenen Herz durchführen.

Für einen der Assistenten ist das hier nicht irgendeine Karriereetappe. Nachdem sie Colorado State, eine Universität, die im Frauenbasketball immer durchschnittlich abgeschnitten hatte, zu Respekt verholfen hatte, durfte Becky Hammon 1999 am WNBA Draft teilnehmen, gehörte allerdings nicht zu den fünfzig Spielerinnen, deren Namen verkündet wurden. Der Grund war einfach zu verstehen: Kein Vereinsvorstand war dazu bereit, von seinem wertvollen Erstrunden-Pick für eine 1,68 Meter große, langsame Spielerin Gebrauch zu machen. Sie konnten ihre Spielintelligenz, Ballbeherrschung und ihr ausgezeichnetes Wurftalent nicht sehen. Sie waren sich sicher, dass niemand sie fragen würde, warum sie Becky Hammon ausgelassen hatten. Am Ende war es New York Liberty, die ihr eine Chance zu bieten wagte und sie ins Pre-Season-Trainingslager einlud. Ich glaube nicht, dass zu den 100 unvergesslichsten Abenden im MSG ein Liberty-Spiel gehört. Andererseits bin ich mir aber auch ziemlich sicher, dass in den acht Saisons, die Hammon bei Liberty verbrachte, einige Spiele als unvergessliche Abende in die persönliche Geschichte vieler Zuschauer eingingen.

Hammon war in South Dakota und in einer Familie aufgewachsen, die ihre Tage – wie dort üblich – mit Jagen, Fischen und Republikanertum verbrachte. Nun sieht sie allerdings so aus, als gehöre sie genau da hin, wo sie ist: wie eine echte New Yorkerin. Ich verliere mich zwischen dem Lächeln in ihrem Gesicht und ihren Falten. Ich kann nicht ausmachen, ob dieses Gesicht einem Mädchen oder einer Oma gehört. In historischen Momenten kann es laut John Berger vorkommen, dass manchmal zwei, drei, sogar vier Generationen in eine Stunde hineinpassen und gleichzeitig existieren.

Seit der Finalserie 1999 durfte kaum ein Zuschauer bei einem Knicks-Spurs-Spiel gedacht haben, dass er einem historischen Moment beiwohnen würde. Aber das hier ist definitiv ein historischer Moment. Und das werden viel mehr Leute begreifen, wenn Becky Hammon in ein paar Jahren die erste Frau sein wird, die jemals als Cheftrainerin einer NBA-Mannschaft auf dem Parkett stand.

Hammon hat nicht erst gestern Abend angefangen, Geschichte zu schreiben, und ihre Taten werden weit über morgen früh hinaus Auswirkungen haben. Einer dieser historischen Momente war im Sommer 2008. Nachdem sie 2003 den Durchbruch geschafft hatte, wurde Hammon in fünf Saisons vier Mal ins All-Star-Team gewählt, wurde aber trotzdem von ihrer Mannschaft zu den San Antonio Silver Stars geschickt. In ihrer ersten Saison in ihrem neuen Zuhause ging sie noch einen Schritt weiter und belegte den zweiten Platz bei der MVP-Wahl. Wenn man bedenkt, dass der Preis an eine Australierin ging, könnte man behaupten, dass sie die beste Amerikanerin war, die damals Basketball spielte. Jedoch teilten nicht alle diese Meinung: Sie wurde nicht in den 23-köpfigen Kader der US-amerikanischen Nationalmannschaft für Peking 2008 gewählt.

Im Zeitalter der Menschen, die ihre Tage mit Klagen darüber verbringen, sie würden nicht die Anerkennung bekommen, die ihnen gebührt, hätte auch Becky Hammon sich damit abfinden können. Gründe hatte sie ja genug. Stattdessen tat sie das, was sie in ihrer gesamten Karriere getan hatte, indem sie die intelligenteste Person in einem Raum war, den sie zielbewusst betreten hatte. Sie akzeptierte das Angebot Russlands, um ihren Traum von Olympia zu verwirklichen.

J.R. Holden

J.R. Holdens Jugend war voller dummer Fehler gewesen. Als er sich mit dem Klapperkasten, den er von seiner Großmutter geerbt hatte, auf den Weg zu einer zwei Stunden entfernten College-Party machte oder als er im Patriot-League-Halbfinale durch zwei aufeinanderfolgende technische Fouls seine letzte Chance, am NCAA-Turnier teilzunehmen, verspielte, war er eindeutig nicht die intelligenteste Person im Raum. Er hatte schon immer Basketball spielen wollen und hatte es geschafft, einige Agenten von seinem Talent zu überzeugen. Allerdings reichte das nicht aus, denn Holden musste auch noch einen Trainer überzeugen, dass er auf dem Spielfeld Verantwortung übernehmen und richtige Entscheidungen treffen könnte.

Holden schrieb in seiner 2011 erschienenen Autobiographie Blessed Footsteps: „Einen Monat nach meinem Uniabschluss saß ich zu Hause und dachte darüber nach, was ich nach dem Sommer tun sollte. Ein Agent rief mich an und sagte, dass er eine ungarische Mannschaft gefunden hatte und ich im Monat 1.200 Dollar verdienen würde. Ich hatte BWL studiert und hätte sicher viel mehr verdienen können, indem ich von 9 bis 17 Uhr arbeitete.“

Beinahe hätte er seine Hoffnung verloren, als er an seinem 22. Geburtstag einen Anruf aus dem alten Kontinent erhielt. Eine lettische Mannschaft namens Brocēni wäre bereit, jährlich 30.000 Dollar zu zahlen, falls er in einer einwöchigen Probezeit den Trainer beeindrucken sollte. Er konnte mit Trainer Valdis Valters nur über einen Dolmetscher kommunizieren und hatte das Gefühl, dass bei der Übersetzung immer etwas verlorenging. Hinzu kam, dass der 16-jährige Sohn des Trainers, Kristaps, der ebenfalls Spielmacher war, bereits mit einem Selbstbewusstsein spielte, das zeigte, dass er auf das Basketballfeld gehörte. Holden ließ seinen Koffer unweit der Tür stehen. Trainer Valters brauchte vier Tage, um sich von Holden beeindrucken zu lassen, und gab das komplette Transferbudget der Mannschaft für einen Rookie aus. Holden hatte den Trainer, den er brauchte, in Riga gefunden.

Ein paar Monate später nahmen sie an einem privaten Turnier in Dubai teil. Holden verbrachte die ersten Weihnachtsfeiertage seiner professionellen Karriere weit entfernt von Zuhause. Die bedeutendste Lektion für seine Karriere erhielt er in derselben Saison von einer europäischen Legende. Er trumpfte gegen Ariel McDonald, den Point Guard der slowenischen Nationalmannschaft, auf, bekam aber nicht nur Lob zu hören: „Du hast gut gespielt, es war eine großartige Show. Aber du hast verloren. Wenn du in Europa wirklich als ein großer Spieler anerkannt werden willst, musst auch noch lernen, zu gewinnen.“ 

Am Ende seiner Rookie-Saison war – professionell gesehen – alles in Ordnung. Andererseits hatte er seit sechs Monaten seine Familie nicht mehr gesehen. Er war sich fast sicher, der einzige Schwarze zu sein, der in Riga lebte. In einem Auswärtsspiel hatte er den äußersten Grad an Rassismus erlebt. Vor seinem Haus stand ein Auto, das er nicht fahren konnte, weil er die manuelle Schaltung nicht beherrschte, und er scheute sich selbst davor, nachts in den Supermarkt um die Ecke zu gehen. Es gab in Europa bessere Orte zum Leben. Nein, er würde niemals in diese Gegend, in die kleine Hölle kleiner Menschen zurückkehren…

Dennoch kehrte er nach drei Saisons in Belgien und Griechenland wieder in jene Gegend zurück. Er hatte eineinhalb Millionen Gründe, um dort zu sein. Neben diesem saftigen Vertrag hatte ZSKA Moskau ihm auch eine traumhafte Wohnung in der Hauptstadt gemietet. Es schien in seinem Leben nichts zu geben, was die Erinnerungen an Riga wachrufen würde. Aber seine Meinung sollte sich ein paar Monate später ändern. Er erlebte für jemanden, der sich als „einen stolzen schwarzen Amerikaner“ bezeichnet, nicht auszuhaltende Belästigungen. Wenn er Zweifel spürte, kamen ihm McDonalds Worte in den Sinn. In Europa würde er keine bessere Chance als ZSKA erhalten, um ein „Winner“ zu werden.

Während seines ersten Engagements bei ZSKA spielte er drei Mal beim Final Four mit. Bei seinen ersten beiden Versuchen hielt er es für sein Pech, dass sie im Halbfinale gegen die Gastgeber antreten mussten, und fühlte, dass er nah dran am großen Sieg war. Der dritte Versuch war in Moskau und dieses Mal waren sie es, die alle für die Favoriten hielten. Aber sie schieden erneut im Halbfinale aus.

Präsident Sergej Kuschtschenko war einer der größten Fans von Holden in Russland. Eines Tages lud er Holden dazu ein, einem Spiel der russischen Nationalmannschaft zuzuschauen. Ein Jahr später war er der erste schwarze Amerikaner, der mit Putins Einwilligung die russische Staatsbürgerschaft erhielt. 2007 erreichte er bei der Europameisterschaft das Finale gegen Spanien. Vor dem Sprungball sah er am Rande des Spielfelds seinen besten Freund Darius. Darius stand auf und streckte seine rechte Faust hoch. J.R. antwortete auf die gleiche Art. Als das Spiel zu Ende war, hatte er den Gastgebern die Party vermiest – er hatte tatsächlich gewonnen. Ein weiteres Jahr später war er für die Olympischen Spiele auf dem Weg nach Peking. Der amerikanische Journalist am Telefon sagte, dass er ihn interviewen wollte.

„Warum rufen Sie mich an? Spricht Becky nicht?“

Peking

Becky sprach. Aber sie war nicht die einzige, die sprach. Die Trainerin der US-amerikanischen Nationalmannschaft, Anne Donovan, sagte zum Beispiel: „Wenn du in diesem Land spielst und im Herzen des Landes aufwächst und ein russisches Trikot anziehst, dann bist du keine Patriotin.“

Ihr Kollege Mike Krzyzewski, der die Männernationalmannschaft trainiert, nahm Holdens Trainer David Blatt ins Fadenkreuz. Er sagte über Blatt, der erzählte, dass er als ein Mensch, der sich das Finale 1972 mit Tränen in den Augen im Radio angehört hatte, das Ergebnis jetzt gerecht finde: „Er ist nun ein Russe. Er trainiert die russische Mannschaft und nimmt jetzt wahrscheinlich ihre Sichtweise ein. Seine Augen dürften jetzt klarer sehen, seine Tränen müssten getrocknet sein.“

Besser wäre es gewesen, wenn nur Becky gesprochen hätte. Sie fragte, was Olympia bedeute. Sie war die Einzige, die den Mut hatte, diese Frage, die viel häufiger gestellt werden sollte, jenen Sommer in die amerikanische Öffentlichkeit zu bringen: „Aus meiner Perspektive sollte es bei Olympia um Solidarität und Freundschaft, um das Zusammenkommen der besten Sportler auf dem Planeten gehen, und nicht darum, sich damit zu brüsten, wie man andere Länder dominiert.“

Es gibt einen weiteren Begriff, der zu den fundamentalen Prinzipien der Olympischen Idee zählt: Freude am körperlichen Einsatz. Becky Hammon und J.R. Holden führen Leben, die um diese Freude herum aufgebaut sind. Und genau aus diesem Grund verdienen sie einen Platz in der olympischen Geschichte.

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Jérôme Boateng: Zukunftsgedanken

Die 19. Ausgabe ist ab sofort im Handel erhältlich. Neben Jérôme Boateng auch mit Guido Burgstaller, Nadine Kessler, Stan Wawrinka, LeBron James, Michael Jordan und vielen mehr.

Jérôme Boateng: Zukunftsgedanken

Jérôme Boateng scheut weder Konkurrenzsituationen noch Kritik. Der 29-Jährige hat sich in der Nationalmannschaft und beim FC Bayern München als Anführer etabliert. Ein Gespräch über die Faszination von Duellen, eine wichtige Rote Karte und Gedanken um seine Zukunft.

Guido Burgstaller | Jede Minute genießen

Der FC Schalke 04 hat ein neues Kampfschwein: Guido Burgstaller ist kein Stürmer, gegen den man gerne ins Duell geht. Der Österreicher spricht über harte Arbeit auf dem Fußballplatz und zerrupfte Hühnchen.

Nadine Kessler | Wir lieben denselben Sport

Nadine Kessler sammelte als Fußballerin große Erfolge und hat sich in vielen ihrer größten Duelle durchgesetzt – auch gegen ihren Körper. Jetzt muss sie sich als Leiterin der UEFA-Frauenfußballabteilung wieder neu beweisen. Wie sie das schaffen will, erzählt sie bei Socrates.

Sportwissenschaftler Dr. Carsten Schumann setzt sich in seiner Kolumne mit den viel diskutierten Aussagen von Per Mertesacker zum Thema Druck im Fußball auseinander.

Der italienische Radsportler Gino Bartali rettete hunderten das Leben. Ihm zu Ehren startet der Giro d’Italia erstmals außerhalb Europas. Socrates berichtet.

Socrates wirt einen Blick in einen Verein, dernach Europa möchte und dabei auch Misserfolge einkalkuliert. Denn Melsungen hat eine Vision.

Unerbitterlich, unantastbar, unendlich: Unvergessliche Wettkämpfe prägten die Sportgeschichte. Socrates hat die zehn größten Duelle des Sports zusammengestellt.

Stan Wawrinka | "Ich habe an Rücktritt gedacht"

Ein halbes Jahr war Stan Wawrinka weg. Eine Knieverletzung hatte den Schweizer zur Pause gezwungen und ihn fast zum Karriereende gedrängt. Doch nun meldet sich der 33-Jährige zurück – mit hochgesteckten Zielen.

Milorad Čavić | Dunkle Gewässer

Stellen Sie sich vor: Sie verlieren ihren größten Kampf um 0,01 Sekunden. Das Leben des Milorad Čavić hat sich nach dem Duell gegen Micheal Phelps verändert. Socrates erzählt er, was danach passierte.

LeBron vs. Jordan | Das unmögliche Duell

Michael Jordan oder LeBron James – eine Frage, die mehr aufwirft als die simple Antwort nach dem Besten der Besten. Es ist die emotionale Reise in das Herz jedes Fans. Socrates berichtet.

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Neven Subotić: Das Streben nach Glück

Neven Subotić ist Fußballprofi. Aber das ist nebensächlich. Er hilft Menschen weltweit, sauberes Wasser zu bekommen. Eine Aufgabe fürs Leben.

Neven Subotić, kennen Sie die Geschichte von Pollyanna Whittier?

Erzählen Sie.

Pollyanna ist ein liebenswerter Mensch, der versucht, in jeder Lebenssituation etwas Gutes zu finden. Ihr Lebensmotto ist, überall Freude zu finden und sie praktiziert das „Such die Freude“-Spiel. Wie verläuft Ihr eigenes „Such die Freude“-Spiel?

Ich hatte das Glück, dass ich nicht, wie in der Geschichte impliziert ist, unter negativen Umständen aufgewachsen bin. Im Gegenteil: Ich hatte gesunde Eltern, die sich um mich kümmern konnten und sich extrem anstrengen mussten durch ein oder zwei Jobs, um uns ein gutes Leben zu ermöglichen. Sie haben die Umstände angenommen und das Beste daraus gemacht. Dass es nicht von heute auf morgen geht, habe ich dadurch auch gelernt und dass man sich nicht beirren lassen sollte, wenn der Weg mal steinig wird. Man muss das beeinflussen, was man beeinflussen kann.

Wie?

Indem man beispielsweise positive Menschen kennenlernt, die einen ein Leben lang prägen.

Wie Pollyanna.

Für mich war das schon als kleiner Junge so. Mir ist bewusst, dass es viele negative Dinge gibt. Aber reicht die bloße Erkenntnis? Die Schlussfolgerung sollte schon eine aktive Partizipation sein. Denn alleine durch dieses Wissen wird die Welt nicht besser. Man muss mit diesem Wissen etwas anfangen. Dann befindet man sich auf einem Weg, auf dem man nicht nur nach Glück sucht, sondern Glück auch immer wieder links und rechts findet.

Aber nicht für jeden ist das Glück greifbar.

Um Glück und Freude zu erreichen, muss man kämpfen. Ziemlich wenig wird einem vom Leben geschenkt, um etwas Schönes zu erreichen. Die Welt, wie ich sie täglich wahrnehme, ist leider sehr negativ. Die Fakten sind, dass zwei Drittel der Bevölkerung in den nächsten 20 bis 30 Jahren ein Wasserproblem haben werden. Jeden Tag sterben tausende Kinder an wasserübertragenen Krankheiten, die absolut vermeidbar sind. Mit dem Wissen und der Technologie, die wir jetzt haben, kann man alle Probleme lösen. Der Kampf wäre, mit diesem Wissen für eine Veränderung zu sorgen. Die bloßen Fakten führen zu keiner Verbesserung.

Kann man diesen Kampf gewinnen?

Es ist ein Kampf, der sich auf jeden Fall lohnt. Gewinnen wird man immer wieder, wenn es auch nur kleine Erfolge sind. Wenn die Welt durch diesen Kampf am Ende nur um ein Quäntchen besser wird, kann ich mich damit gut abfinden.

Ist der Weg das Ziel?

Das ist nicht lösungsorientiert. Man sollte schon Ziele haben. Es ist ein unendlicher Marathon und man erreicht immer Checkpunkte. Das, was ich mache, ist lösungs- und leistungsorientiert. Guter Wille ist schön, den schätze ich auch, aber es braucht auch Professionalität und ein Engagement, das über die Normen hinausgeht.

Man ist von einem Profifußballer, der auf höchstem Niveau spielt, nicht gewohnt, dass er selbstlos der Menschheit hilft. Wundern Sie sich, dass wir extra ein Interview führen müssen, weil das so außergewöhlich ist?

Schauen Sie sich doch unsere Gesellschaft an. Natürlich wundert es mich nicht. Fußballer werden ziemlich früh gleichförmig geschult – schon mit zehn heißt es: ‚Spiel gut!‘ oder ‚Schule ist okay, aber mach du erstmal Fussball.‘ Du wirst einfach nur an einer Skala gemessen. Dass sich daraus eine Fokussierung nur auf die eigene Leistung entwickelt, liegt am System. Wenn dann einer aus der Reihe tanzt und dafür Aufmerksamkeit bekommt, ist das doch normal. Aber die Frage ist doch: Was können die anderen tun?

Haben Sie eine Antwort?

Da bin ich realistisch. Wenn man mit zehn, zwölf Jahren schon Verträge abschließt und große Beträge bekommt, dann ist alles wirklich auf Leistung getrimmt. Aber es gibt bestimmte Faktoren, die zu einem gesunden Leben gehören. Die nehme ich zur Kenntnis und deswegen will ich nach meiner Karriere diese auch aktiv angehen. Soziales Engagement heißt nicht, dass man einmal im Jahr ins Krankenhaus geht und einen Teddybären verschenkt. Es ist aber nicht nur alleine die Verantwortung der Spieler, der Vereine. Alle tragen eine Verantwortung.

Arrivierte Profis geben jungen Sportlern gerne mal Tipps, wie sie ihren Schuss verbessern oder besser verteidigen können. Geben Sie Tipps, wie Nächstenliebe funktioniert?

Ja, aber nicht nur. Ich rede auch viel mit Fans. Ich versuche natürlich, in meinem Rahmen ein positives Beispiel zu geben. Einerseits, dass man soziales Engagement zeigt, andererseits aber auch, immer offen zu sein. Mich hat neulich ein Kollege angerufen und meinte, er wurde von einem Freund nach Ghana eingeladen. Ich habe ihm gesagt: ‚Geh dort hin und lerne eine andere Kultur kennen. Du hast dort jemanden, der dir den sozialen Zugang zu anderen Menschen verschafft.‘

Und? Macht er’s?

Ich hoffe, dass ich ihn überzeugen konnte, weil persönliche Öffnung dadurch gelernt wird. Wir leben ja in einem ziemlich geschlossenen Zirkel. Das hat selbst in Schulen und Vereinen eine Tradition. In Amerika waren die Schulen vor 40 Jahren komplett getrennt. Dieses Mindset ist zwar nicht mehr vorhanden, aber es prägt. Wir haben eine sehr eurozentrische, einseitige Sichtweise: ‚Kenn ich nicht, mag ich nicht.‘ Und viele Leute hadern mit ihrer eigenen sozialen Entwicklung. Man kann aber durch kleine Gespräche viel herausholen. Jeder strebt nach Glück. Und auch nach Spaß, den man bekommt, wenn man mit seinem Wissen eine Brücke bilden kann.

In der Bundesliga gibt es mit Christian Streich jemanden, der klare Statements in diese Richtung abgibt. Reichen Subotić und Streich?

Der Fußball hat einen besonderen Status in der Gesellschaft. Er dient mittlerweile als der Ankerpunkt, der früher die Kirche war. Mittlerweile liegt der Glaube manchmal mehr beim Verein. Dieses Vertrauen bietet enorm viel Kraft. Man kann dadurch natürlich Trikots verkaufen und sagen: ‚Hey, du bist jetzt Fan.‘ Oder man geht übergeordnete Ziele an. Viele Klubs haben eine Stiftung, das ist ein Schritt in die richtige Richtung, Der Fußball ist mit dieser Strahlkraft in der Verantwortung.

Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr von Symbolik geprägt ist. Haben Sie für sich eine Symbolik geschaffen, um zu dokumentieren, dass Sie Opfer gebracht haben?

Ich habe versucht, vieles zu verkaufen. Ich habe gemerkt, dass ich nicht glücklicher bin, wenn ich ein teures Auto habe. Heute fahre ich ein zehn Jahre altes, kleines Auto. Das reicht mir. Ich sehe das aber nicht als Opfer, vielmehr habe ich neue Werte kennengelernt. Früher habe ich andere Werte übernommen. Ich habe MTV geschaut und gesagt: ‚Cool, das Auto brauche ich auch.‘ Mittlerweile habe ich auch ganz andere Idole als früher. Das ist für mich eine große Erleichterung.

Wie reagiert Ihr Umfeld?

Zum Teil mit Verständnis, zum Teil mit Unverständnis. Die Leute, die mich von früher besser kennen, finden, dass das zu mir passt. Wenn ich jetzt mit einem Ferrari kommen würde, würden sie sagen: ‚Hä? Was ist denn mit dir los?‘ Es gibt Menschen, die durch Luxus glücklich werden. Aber es gibt eine Grenze für dieses Glücksempfinden. Ich hoffe, dass es irgendwann mal einen simulierten Luxus geben kann, damit man es sieht, um es dann nicht mehr zu wollen. Ich bin kein Soziologe oder Psychologe. Vielleicht kann es auch andersrum gehen. Es ist immer davon abhängig, in welchem Kreis man sich bewegt.

Was sagen Ihre Eltern?

Sie sind stolz und sie würden mich gerne mehr sehen, aber haben auch absolutes Verständnis, dass ich so bin, wie ich bin. Man kann auf diesem Weg nicht alle glücklich machen. Für mich wäre die Alternative, der beste Sohn meiner Eltern zu sein und immer für sie da zu sein. Aber welchen Zweck hätte das für die Welt? Sie sind mit allem einverstanden, was ich mache.

Welche Motivation haben Sie? Weil Sie es einfach können oder nimmt Sie die Situation in der Welt persönlich mit?

Etwas machen, weil man es kann, ist keine Motivation. Meine Motivation sind die Menschen. Ich habe eine Menge Menschen kennengelernt. Es ist egal, ob Leute lesen oder schreiben können oder die gleiche Sprache sprechen. Du guckst in ihre Augen und siehst, was sie erlebt haben. Da würde ich mich am liebsten verkriechen, da mein privilegiertes Leben ein Witz dagegen ist. Da sehe ich diese krasse Ungerechtigkeit in der Welt.

Sie ist exorbitant.

Wahnsinn. Jeden Tag sterben unschuldige Kinder. Es gibt horrende Zahlen, die unvorstellbar sind. Und die gibt es nicht erst seit gestern. Irgendwann werde ich von dieser Welt gehen, ich sehe das total unromantisch. Für mich wird die Frage sein: Was habe ich mit dem Glück, was ich im Leben erfahren habe und das ich nicht mehr verdient habe als ein Anderer, getan? Habe ich mir damit ein schönes Leben gegönnt und nebenbei ab und zu mal ein Krankenhaus besucht? Ist es eine Meisterschaft, ein Champions-League-Finale, an dem ich mein Leben messe? Vielleicht ist es ein Teil. Aber für mich gibt es eben noch mehr als das.

Sie haben direkten Kontakt zu den Menschen in schwierigen Regionen. Fassen Sie sich an den Kopf, wenn Sie die Flüchtlingsthematik hier in Europa verfolgen?

Es ist eine enorm schwierige Debatte, da ein klares Ziel noch nicht festgelegt wurde, das langfristig wirken kann. Viele verschiedene Interessen kommen zusammen. Ich sehe das Ganze noch ein bisschen mit Skepsis. Es wird manchmal so dargestellt, als ginge es wirklich um eine gemeinsame Lösung. Dabei sind die Ansätze auf der UN-Charta nicht immer mit Leben gefüllt. Die reden über Integration, Entwicklungspolitik, wie man Auffanglager an den Küstenländern errichtet… Da will ich sagen: ‚Seht ihr alle, was gerade passiert?‘ Da wird nicht versucht, die Ursache zu mildern, sondern der Übergang erschwert.

In Deutschland wurde zuletzt eine offizielle Statistik publik gemacht und dargestellt, wie kriminell Flüchtlinge sind.

Kriminalität ist ein Symptom. Wenn man etwas hat, gibt es keinen Grund, etwas zu klauen. Die meisten dürfen nicht arbeiten. Für sie gibt es keinen Ausweg. Wenn mir jemand sagen würde: ‚Du darfst sechs Monate nicht arbeiten und kein Geld verdienen‘, und hätte ich schon kein Geld, wüsste ich nicht, was ich tun würde. Das ist für mich wie ein moderner Knast. Auch wenn man sich anschaut, wo die Flüchtlingsunterkünfte gebaut werden, teilweise in Stadtteilen, in denen keine Integration möglich ist. Es gibt auch sonst viele Hürden. Lassen Sie mich ein Beispiel erzählen.

Gerne.

Es gab in Dortmund ein Programm, an dem auch drei Kosovaren teilgenommen haben. Sie haben eine Ausbildung als Bäcker bekommen. Ein Beruf, den immer weniger Deutsche machen wollen, weil man um vier Uhr morgens schon auf der Matte stehen muss. Für die Jungs war das dagegen eine große Chance. Ihre Arbeitgeber waren überzeugt und wollten ihnen eine Chance geben. Aber das Problem war, dass die Jungs keine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis hatten. Um eine zu bekommen, mussten sie zum einem 1.200 Euro auf einem Bankkonto nachweisen und zum anderen dann noch einmal zurück in den Kosovo reisen, einen Antrag stellen und dann wieder nach Dortmund zurückkehren. Das kostet ja auch nochmal viel Geld. Das ist in Bosnien oder im Kosovo fast ein Jahresgehalt. Solche Regeln machen eine sinnvolle Integration unnötig schwer.

Sie kennen die Brennpunkte der Welt, Sie machen sich selbst regelmäßig ein Bild davon. Verstehen Sie die Situation auf dem Globus nun besser?

Das Wichtigste: Ich komme dadurch an Fakten, und zwar so wie sie sind. Ich habe gemerkt, wie einseitig berichtet wird. Vor vier, fünf Jahren habe ich aufgehört, Fernsehen zu schauen. Gefühlt ist jeder ein Philosoph. Aber die meisten haben kein Grundwissen. Aber wissen Sie, was die wirklichen Probleme der Welt sind? Womit hängt alles zusammen? Vielleicht sind wir hier gar nicht unschuldig an dem, was da draußen passiert. Durch mehr Information und Kommunikation können wir vielleicht etwas tun, damit es anders wird.

Und da kommt Ihre Stifung ins Spiel.

Bevor man sich in Statistiken verliert, muss einem klar sein, dass es um den einzelnen Menschen geht. Wir versuchen immer die Geschichten der Leute aufzuzeigen, um den Menschen dahinter zum Vorschein zu bringen. Um sie zu verstehen. Man befreit sich nicht von der Schuld, wenn man zehn Euro spendet und hofft, dass alles gut wird. Nein, wichtig ist, mit Lösungansätzen an die Sache heranzugehen.

Wie sieht Ihr Lösungsansatz aus?

Wir begegnen den Menschen auf Augenhöhe und suchen gemeinsame Lösungen. Wir wollen zu einer positiven, solidarischen, internationalen Gemeinschaft beitragen. Im Mittelpunkt steht das Thema Wasser. Das, was jeder Mensch auf der Welt braucht, ist Wasser. Für uns ist das selbstverständlich, aber Kinder südlich der Sahara laufen täglich bis zu sechs Kilometer, um Wasser zu bekommen. Jeden Tag. Bei einer brutalen Hitze. In der Region sind die Wege nicht asphaltiert. Da geht es Berg auf, Berg ab. Und das Wasser, das sie am Ende bekommen, ist qualitativ nicht wie hier. Wenn wir mit diesem Wasser in Berührung kommen würden, würden wir sofort duschen gehen wollen. Die Menschen dort müssen es ihren Kindern zum Trinken geben. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass man nicht täglich drei bis fünf Stunden zurückgelegen muss, um dreckiges Wasser zu holen. Drei bis fünf Stunden, mit der Müdigkeit des Vortages, weil du das jeden Tag machst. Stell dir vor, jemand schenkt dir diese fünf Stunden, in denen du nicht 20 Kilogramm schleppen musst.

Das Ganze hat noch einen positiven Nebeneffekt.

Genau. Anstatt jeden Tag zum Wassertransport zu gehen, bekommen die Kinder die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Unsere Aufgabe ist es auch, den Kindern Bildung zu ermöglichen. Wir haben es geschafft, dass noch mehr Kinder eine Bildung bekommen. Das ist uns sehr wichtig.

Sie investieren viel Zeit und Herzblut für die Stiftung. Werden Sie bei Ihren Klubs gefragt, ob Sie sich überhaupt auf Fußball konzentrieren können?

Du kannst keinen Spieler kaufen und sagen: ‚Deine Familie lässt du zu Hause.‘ Das ist irreal und nicht förderlich. Für mich ist die Arbeit wertvoll, es macht mir Spaß und mir würde etwas fehlen. Als würde man jemandem seinen Sohn oder seine Tochter wegnehmen. So ein Klubmanager hat natürlich viele Probleme: Sein Spieler guckt die ganze Zeit aufs Handy. Ist das gut für den Fußball? Der andere studiert nebenbei Sportmanagement. Ist das gut für den Fußball? Der andere hat sich von seiner Frau getrennt. Ist das gut für den Fußball? Meine Sache ist natürlich neu, aber das wird offen besprochen, damit jeder weiß, woran er ist. Das Eine ergänzt das Andere und ich bin ja auch nicht alleine.

Ist Ihnen die Unwichtigkeit des Fußballprofidaseins bewusst geworden?

Ich empfinde die vermeintliche Wichtigkeit teilweise als sehr groß; Fußballer übernehmen eine ungeheure Verantworung in der Gesellschaft. Wenn ein Fußballer sagt, dass Schule wichtig ist, beeindruckt das Kinder mehr, als wenn ihnen das ein Lehrer sagt. Dabei ist der Lehrer viel qualifizierter dafür. Wenn ich einem Jungen sage, ‚sag Danke und Bitte‘, hat das auch mehr Gewicht als das Wort der Eltern. Ich finde so etwas gefährlich, weil Fußballer nicht ausgebildet wurden, Soziologen zu sein. Kinder machen das, was sie sehen. Erinnern Sie sich doch an die „Ice Bucket Challenge“. Die Leute haben es nachgemacht. Das zeigt, welche Kraft dahintersteckt. Wobei das wieder positiv war, weil viel Geld zusammengekommen ist.

Ist für Sie nach Fußball Schluss mit Fußball?

Wenn ich nicht mehr spiele, sehe ich meine Arbeit im Stiftungswesen. Ich möchte meine verfügbare Zeit gerne weiterhin der Gemeinnützigkeit widmen. So, wie ich es heute schon mache. Aus heutiger Sicht kann ich mir den Posten eines Trainers oder Managers nicht vorstellen. Dann immer noch jedes Wochenende unterwegs, Hotels, Stadien. Das habe ich ja als Profi alles schon mal gesehen.

Neven, wann tritt bei Ihnen das Gefühl ein, dass Sie etwas erreicht haben?

Da bin ich ganz schlecht. Ich bin sehr selbstkritisch. Ich kann gute Momente gar nicht erleben. Ich strebe immer nach Perfektion. Zwischendurch gibt es Momente, die messbar und hilfreich sind, wenn wir beispielsweise über 30.000 Menschen Zugang zu Wasser gesichert haben. Das Schöne sind aber nicht unbedingt die Meilensteine. Wenn man währenddessen bestimmte, schöne Geschichten in den eigenen Rucksack des Lebens packen kann, freut es mich am meisten. Und das Lächeln der Menschen, deren Leben wir etwas erleichtern wollen.

Autor: Fatih Demireli

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Niko Kovač: „Wieder bei null“

Niko Kovač schärft bei Eintracht Frankfurt den Realitätssinn. Und mahnt eine bedenkliche Entwicklung an. Ein Gespräch über Arbeit, Verstand und eine extreme Willensstärke.

Herr Kovač, wie wird in Ihrer Heimat Kroatien über Sie gesprochen?

Das Feedback ist natürlich auch äußerst positiv. Aber das ist ja immer so, wenn es gut läuft. Bleiben die Ergebnisse aus, geht es in die andere Richtung. In Salzburg wohnt ja meine Familie, weil meine Tochter dort die Schule besucht. Während der Saison ist das einerseits nicht immer ganz einfach, weil ich eben weit weg bin. Andererseits kann ich mich durch die Situation voll und ganz auf meinen Job in Frankfurt konzentrieren und habe von früh bis spät die Möglichkeit, mich um die Mannschaft und den Klub zu kümmern – und die nutze ich auch.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #10

Klingt kräftezehrend.

Ist es auch. Ich denke, jeder Bundesligatrainer lässt im Laufe einer anstrengenden Saison viele Kräfte. Von daher ist der Urlaub auch so wichtig, um neue Energie zu tanken.

Es gibt also einen Trainer-Akku, der sich über eine Saison hinweg leert?

Klar gibt es den. Für alle ist nachvollziehbar, dass ein Spieler, der vor allem die körperliche Belastung hat, nach einer Saison Urlaub braucht. Aber ein Trainer, der ja sehr viel mehr die psychische Belastung hat, benötigt den Urlaub genauso. Ich denke, jeder Mensch, der einem Beruf nachgeht, weiß, dass nach einem durchgearbeiteten Jahr irgendwann der Punkt kommt, an dem man sich ausruhen muss, um wieder voll leistungsfähig zu sein. Das ist bei uns Trainern vielleicht sogar noch einen Tick intensiver, weil wir stets in der Öffentlichkeit stehen, jede unserer Entscheidungen hinterfragt wird und wir letztendlich für viele Dinge rund um die Mannschaft verantwortlich sind.

Ihr Vater Mato und Ihre Mutter Ivka wanderten 1970 aus Kroatien nach Deutschland aus und verdienten ihr Geld als Zimmermann und Putzfrau. Haben Sie von Ihren Eltern mitbekommen, was ehrliche Arbeit bedeutet?

Als meine Eltern auswanderten, war Deutschland noch nicht so, wie wir es heute kennen. Damals galt für alle: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Tag ein, Tag aus. Das hat man von klein auf mitbekommen. Nicht nur von den Eltern, sondern auch von der Gesellschaft – egal, ob im Kindergarten, in der Schule oder auch im Jugendklub. Das hat mich geprägt.

Welche Regeln galten damals im Hause Kovač?

Es galt, freundlich, höflich und zuvorkommend zu sein. Und man musste eben arbeitswillig sein. Ich denke, die Werte und Normen, die damals gegolten haben und selbstverständlich waren, sollten auch in unserer heutigen Zeit Gültigkeit haben, auch wenn sie sich sicherlich etwas verschoben haben. Das versuche ich zumindest an meine Tochter weiterzugeben, und an meine Spieler.

Ich kann auch als Trainer impulsiv sein

Welche Regeln stellen Sie Ihrer Frankfurter Fußball-Familie auf?

Das Wichtigste für ein erfolgreiches Zusammenleben einer Mannschaft ist Respekt dem anderen gegenüber. Dazu benötigt man eine gewisse Disziplin. Wenn man in einem so großen Gebilde wie einer Bundesligamannschaft zusammenarbeitet, müssen diese beiden Komponenten stimmen. Ich habe im Laufe meiner Zeit als Spieler gelernt, dass Grundvoraussetzungen für Fortschritt und Erfolg die Arbeitsbereitschaft und die Arbeitsauffassung sind.

Trotz Ihres hohen Disziplinanspruchs halten Sie wenig von Sanktionen. Warum?

Ich versuche zu bewirken, dass jeder Spieler mit seinem gesunden Menschenverstand sein Verhalten zunächst selbst analysiert und dementsprechend auch handelt. Das ist bei uns nicht immer ganz einfach, weil wir viele unterschiedliche Charaktere unterschiedlicher Herkunft haben. Da fasst der ein oder andere Dinge anders auf. Das muss ich als Trainer in Einklang bringen, damit das Gebilde funktioniert. Dennoch bin ich der Meinung, der Kopf sagt einem schon, was man darf und was man nicht darf. Hört man auf ihn, bedarf es auch keiner großartigen Sanktionen. Wenn der jedoch aussetzt – es gab ja in der vergangenen Saison durchaus solche Fälle –, dann muss eben doch sanktioniert werden. Weil eines ganz elementar ist: Jeder muss sich unterordnen. Egal, wie er heißt, wie alt er ist, wie lange er da ist. Keiner ist wichtiger als der Erfolg oder ist größer als der Klub. Das gilt übrigens nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Trainer und alle, die im Klub arbeiten. Wir alle werden irgendwann nicht mehr da sein, aber der Klub wird bestehen bleiben. Und es liegt an uns, dass wir den Klub entsprechend präsentieren und so aufstellen, dass er in Zukunft erfolgreich sein kann.

Auch das sagen Sie total gelassen. Woher nehmen Sie die innere Ruhe?

Als Spieler war ich schon sehr impulsiv. Und das kann ich auch als Trainer sein. Nur versuche ich als Trainer vorrangig, Ruhe auszu strahlen. Zu viel Nervosität und Aggressivität wirkt sich negativ auf meine Mannschaft aus. Ich habe lange genug selbst Fußball gespielt, wodurch ich die Erfahrung mitbringe, in gewissen Situationen von außen Ruhe zu bewahren.

Was lässt Sie dennoch aus der Haut fahren?

Ich bin ein absoluter Gerechtigkeitsfanatiker. Ungerechtigkeiten konnte ich schon als kleiner Junge in der Schule nicht leiden. Das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert. Ich weiß natürlich auch, dass nicht jeder alles gleich sieht, es oft bekanntlich mehrere Wahrheiten gibt. Wenn es aber ganz klare Ungerechtigkeiten gibt, dann geht mir die Hutschnur hoch.

Agieren Sie als Freund oder Chef der Spieler?

Beides. Aber in erster Linie versuche ich, ein Freund zu sein. So lange ist es ja auch noch nicht her, dass ich selbst Spieler war. Ich habe 2009 aufgehört. Na gut, jetzt haben wir schon 2017. Das sind auch bereits acht Jahre. (lacht)

Man kann von jedem Menschen etwas mitnehmen


 

 

 

Sie werden auch nicht jünger.

Ja, genau. (lacht) Aber der Bezug zu den Spielern ist da. Die Jungs, die jetzt da sind, die sind meine Generation. Ich verstehe ihre Sprache und Denkweise. Von daher will ich den Spielern auch eine gewisse Sicherheit vermitteln, indem ich Nähe aufbaue. Aber ganz klar: Nähe allein reicht nicht. Man muss in gewissen Situationen auch harte Entscheidungen treffen. Ich muss diese treffen. Weil ich der Trainer und somit auch der Chef bin. 

Wird diese Herangehensweise mit dem Alter schwieriger, weil mehr Distanz aufgrund unterschiedlicher Interessen entsteht?

Das kann schon sein. Nur ticke ich sicherlich noch anders als ein Trainer, der sechzig Jahre alt ist. Da ist der Unterschied doch sehr viel größer. Noch sehe ich mich als eine Generation mit meinen Spielern. Das kann jedoch in zehn Jahren ganz anders sein. Dann sind diejenigen, die jetzt zehn sind schon zwanzig. Und vielleicht entwickelt sich die Gesellschaft in dieser Zeit wieder in eine andere Richtung. Und dann muss ich als Trainer womöglich anders agieren.

Welcher Ihrer früheren Trainer kommt dem Trainer Kovač aktuell am nächsten?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man von jedem Menschen etwas mitnehmen kann. Also auch von jedem Trainer. Sowohl Gutes als auch weniger Gutes. Man wird ja geprägt. Es gab Situationen als Spieler, in denen man dachte: Das war gut, das gefällt mir. Das möchte ich später auch so machen. Dann gab es aber auch Situationen, die mir damals nicht passten – und die ich jetzt in meinem Trainerdasein vermeide.

Sie hatten bei Louis van Gaal in München hospitiert. Was ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Die Akribie und die Perfektion, mit der er die ganze Woche gesteuert hat. So detailverliebt hatte ich das vorher noch nicht erlebt. Das hat mich beeindruckt. Man hat einfach gesehen, dass er die Kunst Fußball beherrscht. Dahinter steckt sicherlich ein Reifeprozess, den er über viele Jahre hinweg durch seine Tätigkeiten bei Ajax, Barcelona, Alkmaar und Bayern durchlaufen hat.

Sie selbst haben als Spieler auch viele Vereine erlebt, waren aber nirgendwo länger als fünf Jahre am Stück. Auch als Trainer hatten Sie bisher noch kein Langzeitengagement. Worin liegt das begründet?

Wie heißt es so schön: ‚Es ist nur der Trainer, der schon einmal gestanzt worden ist.‘ Das ist unser Schicksal. Wir sind das schwächste Glied in der Kette. Bei Misserfolg wird niemand auf die Idee kommen, die halbe Mannschaft rauszuhauen und den Trainer zu behalten. Die Haltbarkeit eines Trainers ist daher ziemlich gering. Hinzu kommt, dass immer mehr gut ausgebildete Trainer auf den Markt kommen, so dass auch schnell ausgetauscht werden kann. Vergangene Saison haben dreizehn Trainer ihren Job verloren. Es ist eine Entwicklung, die bedenklich ist. Die vielleicht auch in die falsche Richtung geht. Klar, jeder möchte erfolgreich sein. Bei achtzehn Bundesligavereinen kann aber eben nur einer Meister werden. Die Erwartungshaltung vieler Klubs, aber auch der Fans, ist nicht entsprechend der getätigten Investitionen. Aber okay, das ist part of the business. Man kann es machen oder man lässt es sein. Und wenn man dabei ist, muss man damit rechnen und leben, dass man eine sehr kurze Halbwertszeit hat – fast wie ein Joghurt.

Es ist kaum möglich, dass ein Trainer dauerhaft bei einem Verein bleibt

Macht das den Trainerjob so kompliziert – dass man langfristig denken und entwickeln möchte, aber kurzfristig agieren muss?

Das ist genau der Punkt. Es klingt nach wie vor wie eine Floskel, wenn ein Trainer sagt, er brauche Zeit. Aber er braucht sie wirklich, wenn er etwas entwickeln möchte. In einem Jahr ist das kaum zu schaffen. Schon gar nicht, wenn man innerhalb der Mannschaft so eine hohe Fluktuation hat wie wir bei Eintracht Frankfurt. Wir hatten vergangene Saison viele neue Spieler geholt. Davon sind nun schon wieder viele Spieler weg. Jetzt sind neue Spieler da. Das heißt, wir müssen mit der Hälfte des Kaders von vorne anfangen. Aber die Zeit haben wir eigentlich gar nicht. Deshalb muss ich versuchen, in der Kürze der Zeit alles einzubringen, ohne die Spieler zu überfrachten und zu überfordern. Ansonsten wird es problematisch, dann klappt gar nichts. Gerade am Saisonanfang hat jeder Trainer seine langfristigen Ziele. Aber vor allem heißt es, die ersten zwei, drei Monate gut zu performen, sonst kann es schon wieder für dich vorbei sein. Trainerdasein bedeutet auch Überlebenskampf.

Dass ein Trainer dauerhaft bei einem Verein in der Bundesliga bleibt, ist ein romantischer Fußballtraum?

Das ist kaum möglich. Genauso gibt es ja auch kaum mehr Spieler, die von Anfang bis Ende ihrer Karriere in einem Klub spielen. Irgendwie spiegelt das auch unsere heutige Gesellschaft wider. Menschen scheinen leicht ersetzbar zu sein. Es wäre wünschenswert, dass der Glaube an den langfristigen stärker ist als die Hoffnung auf den kurzfristigen Erfolg. Aber das ist im Fußball nicht realisierbar.

Liegt es auch am Preis, warum Sie sich trotz Ihres Motorbootführerscheins bisher kein eigenes Boot gekauft haben?

Ich habe selbst kein Boot, weil ich dafür einfach zu wenig Zeit habe – das wäre rausgeschmissenes Geld. Ich habe den Schein damals in Hamburg gemacht. Er gilt weltweit, ich kann ihn überall auf der offenen See nutzen.

Von welcher Wassertour träumen Sie?

Wir haben in Kroatien sehr schöne Strände, sehr viele Inseln, die man anfahren kann. Man braucht gar nicht groß woanders hinreisen. Kroatien bietet so viele Schönheiten, dass man dort einige Jahre unterwegs sein kann und immer noch nicht alles gesehen hat. Aber wenn ich diese Tour mal mache, dann hole ich mir einen erfahrenen Skipper dazu. Wenn man etwas lange nicht gemacht hat, sollte man ganz klar wissen: Was kann man, was kann man nicht.

Was ist schwieriger: Bei Unwetter durch das Meer zu steuern oder nach Niederlagen wieder in ruhiges Fahrwasser zu gelangen?

Es ist sehr viel gefährlicher, auf offener See in ein Unwetter zu geraten. Das sind Naturgewalten da draußen. Diejenigen, die das mal erlebt haben, können davon sicherlich ein Lied singen. Ich selbst habe die ganz extremen Windstärken noch nicht mitbekommen, aber es reicht schon, wenn die See bei Stärke vier, fünf oder sechs ist. Da merkt man schon einen erheblichen Unterschied. Von daher: Es ist sehr viel leichter, nach einer Niederlage wieder in ruhiges Gewässer zu kommen. Auch mit Eintracht Frankfurt.

 

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Hank Gathers: Der König der Löwen

1990 ist Basketball-Guru Paul Westhead mit seinem College-Team von der LMU auf dem Weg zum Titel – bis Superstar Hank Gathers auf dem Spielfeld zusammenbricht und stirbt. Eine Tragödie mit vielen Helden.

Autor: Alex Raack

Manchmal würde man das Leben gerne anhalten wie eine DVD oder die nächste Netflix-Folge. Um das, was unweigerlich folgen wird, noch eine Weile hinauszuzögern. Weil der Moment zu schön ist und es unerträglich ist, wenn etwas so Schönes plötzlich zerstört wird. Man drückte also einen Knopf auf der Fernbedienung und könnte das Schicksal stoppen. Einfach so. Aber das Leben hat keine Fernbedienung, das Schicksal kennt keine Stopptaste. Und der Tod keine Schönheit. Wenn er kommt, kann ihn niemand aufhalten. Nicht einmal der stärkste Mann Amerikas.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #17

Diese unglaubliche Geschichte, die kein Happy End hat, und trotzdem so viel Freude beinhaltet, beginnt 1987. Da suchen zwei der talentiertesten College-Basketballer des Landes eine neue Uni. Forward Hank Gathers und Shooting Guard Bo Kimble kommen beide aus den Projects in Philadelphia, sie haben ihre Kindheit und Jugend auf den Basketballplätzen von Philly verbracht und dort jedem, der es mit ihnen aufnahm, den Hintern versohlt. Jetzt sind sie blutjunge College-Athleten, hungrig und voller Energie, zwei Rohdiamanten, die nur den richtigen Schliff benötigen. Coach George Raveling von der USC scheint dazu nicht in der Lage gewesen zu sein, er hat sich mit ihnen verkracht. Aber es gibt da einen, der genau nach solchen Spielern gesucht hat.

Paul Westhead, ebenfalls in Philadelphia geboren, Jahrgang 1939, ist seit 1985 an der LMU. 1979 wurde er Assistent bei den Los Angeles Lakers und als sich kurz darauf Headcoach Jack McKinney bei einem Fahrradunfall schwer verletzte, übernahm er die Mannschaft um Basketball-Legende Kareem Abdul-Jabbar und Rookie Magic Johnson, gewann 60 Spiele in der regulären Saison und führte die Lakers sensationell zum Titel. Nur um knapp zwei Jahre später entlassen zu werden, weil insbesondere Superstar Johnson keine Lust mehr hatte, so Basketball zu spielen, wie sich das sein eigenwilliger Trainer vorstellte. Längst ist da der studierte Lehrer der englischen Literatur der „verrückte Professor“ des US-Basketballs, der in der Kabine Shakespeare zitiert und sich voll und ganz einer Taktik verschrieben hat, die nur Vollgas kennt. „Wenn ich dich richtig verstehe“, hatte Magic Johnson Westhead nach einem weiteren Shakespeare-Zitat gefragt, „soll ich zum Korb laufen und punkten, richtig?“

Gathers nennt sich selbst den "stärksten Mann Amerikas"

Richtig. Aber Westheads Idee vom Basketball ist so radikal offensiv, dass Zauberer Magic rebellierte. Als Westhead auch bei den Chicago Bulls nicht glücklich wurde, nahm er 1985 das Angebot der LMU an. Die Uni erschien ihm da als richtiger Ort für seine Idee. Die sieht so aus: Hat seine Mannschaft den Ball, stürmt sie sofort zum gegnerischen Korb, um in weniger als sieben Sekunden zum Abschluss zu kommen. Verliert sie den Ball, presst sie ihn sofort. Run and gun, nennen seine Landsleute dieses System, rennen und schießen. „The more you take, the more you make“, nennt das Westhead selbst. Bedingungslose Offensive ist das, voller Risiko, atemloses Hin-und-Her-Spektakel, scheinbar losgelöst von taktischen Zwängen, Streetball für die Halle. Die Medien nennen es: „The System“, das System.

Als Westhead hört, dass Gathers und Kimble zu haben sind, zeigt er ihnen Videos mit den besten Spielzügen seines Systems. Ob er die Vorspultaste gedrückt habe, fragt Gathers. Nein, antwortet Westhead. Bo Kimble sagt: „Coach, wenn sie uns tatsächlich so Basketball spielen lassen, sind wir dabei.“ Die „Löwen“ der LMU haben neue Mitglieder im Rudel.

Westheads Basketball mag auf den ersten Blick wie anarchisches Parkett-Ping-Pong erscheinen, aber das System ist Ergebnis klarer taktischer Vorgaben und vor allem einer außerordentlichen Physis. Kein anderer Trainer bekommt seine Spieler so fit wie der verrückte Professor. Symbol seiner Trainingsmethodik wird ein 100 Meter hoher Hügel aus weichem Sand, den die Basketballer im Vollsprint erklimmen müssen. Spätestens in der Saison 1988/89 hat die Auswahl der bis dato eher mittelklassigen LMU das System so verinnerlicht, ist so fit, dass Westhead Basketball spielen lässt, wie er sich das wünscht. Im allerersten Match dieser Spielzeit gewinnt LMU 164:138 gegen Azusa Pacific. LMU besiegt seine Gegner nicht, es ist wie ein mächtiger Orkan, der einen irgendwann zur Aufgabe zwingt. „Im letzten Viertel des Spiels“, fasst es Hank Gathers zusammen, „haben die anderen nicht mal mehr Energie für Trashtalk.“

Vor allem der 2,01 Meter große Gathers beeindruckt mit seiner unglaublichen Physis und vereint die kreative Power von der Straße mit der Hingabe eines Profis. Über seinem Bett hängt ein Schild: „Hast du heute wirklich Dein Bestes gegeben?“ Sein Weg als künftiger Superstar scheint vorgezeichnet, in dieser Saison, die LMU bis in die erste Runde der nationalen Hochschulmeisterschaften führt (wo das Team gegen Arkansas verliert), wirft er sagenhafte 32,7 Punkte und pflückt 13,7 Rebounds. Werte, die vor ihm erst ein College-Spieler geschafft hat. Sein kantiges Gesicht schmückt die Titelblätter der Sportpresse und weil er den Medien einen Gefallen tun will und weil das vielleicht auch einfach die Wahrheit ist, nennt er sich vor laufenden Kameras selbst den „stärksten Mann Amerikas“. Ein Superman. Schier unbesiegbar. Sein Kryptonit sind Freiwürfe. Die Quote ist so schlecht, dass er, der Rechtshänder, irgendwann einfach beginnt, mit links von der Linie zu werfen.

Fast Break – Run! – Alley-Oop- Pass zu Gathers – Gun! – ein herrlicher Dunk

In der Saison 1989/90 trifft er trotzdem, wie er will. Und wenn er es nicht tut, dann Bo Kimble (der mit 35,3 Punkten bester Werfer wird). Oder Dreipunkte-Spezi Jeff Fryer („Fryer is on fire!“). Oder Universaltalent Terrell Lowery (der sich später gegen die NBA entscheiden wird – um Baseball-Profi zu werden). Oder wen auch immer Paul Westhead für sein Offensivfeuerwerk in die gegnerische Hälfte schießt. Run. And gun. Am Ende der Saison werden die Löwen 122,4 Punkte im Schnitt erzielt haben, erst im Februar 2016 wird dieser Rekord gebrochen. Coach Westhead notiert in seinem Tagebuch: „Das System begann zu greifen. Bei dieser Mannschaft war es, als ob ich Öl ins Feuer gegossen hätte.“

Dann passiert etwas. Beim Spiel gegen UC Santa Barbara verfehlt Hank Gathers mal wieder einen Freiwurf – und klappt
danach zusammen. Im Krankenhaus stellen die Ärzte fest, dass Gathers unter hypertropher Kardiomyopathie, kurz: HCM, leidet, einer Erbkrankheit, die die Muskulatur der linken Herzkammer verdickt. HCM ist nicht heilbar, aber wird sie frühzeitig erkannt und entsprechend behandelt, hat der Patient eine normale Lebenserwartung. Aber Hank Gathers ist nicht normal. Nach drei Tagen steigt er zum Belastungstest aufs Laufband, rennt es fast kaputt, bekommt ein Medikament verschrieben und kann gehen. Kurz darauf ist er wieder beim Training und behauptet kühn, die Herzprobleme einfach „wegzutrainieren“. Zwei Spiele setzt er aus, dann steht er wieder in der Starting Five. Ausgerechnet gegen St. Joseph aus seiner Heimat Philadelphia spielt er wie auf Droge. Was er faktisch auch ist: Das starke Medikament macht den starken Hank müde und träge. Er ist der stärkste Mann Amerikas und dieses Medikament saugt ihm die Energie aus den Muskeln wie ein Blasebalg die Luft aus dem Schlauchboot. Auf sein Drängen hin schrauben die Ärzte die verordnete Dosis deutlich runter. Als LMU am 3. Februar 1990 in einem furiosen Spiel Louisiana State mit 141:148 in der Verlängerung unterliegt, kann auch ein junger 2,16-Meter-Center namens Shaquille O’Neal nicht verhindern, dass Gathers 48 Punkte erzielt und 17 Rebounds holt.

Am 4. März 1990 empfängt LMU Portland im heimischen Gersten Pavilion. Gathers’ Familie ist da. Es steht 23:13 für LMU, als der König der Löwen die letzten Punkte seines Lebens macht. Ballgewinn, Fast Break – Run! – Alley-Oop- Pass zu Gathers – Gun! – ein herrlicher Dunk.

Stopp. Anhalten, dieses Leben. Da steht er, eingefroren in der Luft, 201 Zentimeter pure Energie, pure Lebensfreude, die ihre Umwelt mit jugendlicher Unbesiegbarkeit überfluten. Wie an diesem 4. März 1990, um 17:46 Uhr. Ein paar Meter weiter sein Schulfreund Bo, Begleiter auf dieser ur-amerikanischen Traumreise in die NBA. An der Seitenlinie Paul Westhead, dieser hagere Basketball-Rebell. Die Teamkollegen, die Cheerleader, die Fans, Mama und Tante. Die Welt, die ihm zu gehören scheint.

"Wir spielten nicht einfach für Hank, wir spielten wie Hank"

Doch diese Stopp-Taste gibt es nun mal nicht. Das Leben läuft weiter, aber nicht lange, denn Gathers bricht Sekunden nach seinem Dunk zusammen, und als ihm sein Teamarzt befiehlt, liegen zu bleiben, spricht er die letzten Worte seines Lebens, die ja irgendwie auch alles zusammenfassen, was dieses Leben vorangetrieben hat: „I don’t want to lay down!“ – Ich will mich nicht hinlegen. Um 18:55 Uhr wird Hank Gathers im Daniel Freeman Marina Hospital für tot erklärt. Sein krankes Herz hat für immer aufgehört zu schlagen.

Basketball-Fans im ganzen Land sehen die Bilder, wie sich Gathers’ Mutter mitten auf dem Spielfeld schreiend zu Boden wirft und mit den Fäusten aufs Parkett trommelt. Wie ihr Sohn regungslos aus der Halle getragen wird. Und nie mehr wiederkommt. „Vielleicht funktioniert das System nur einmal im Leben“, schreibt Paul Westhead in sein Tagebuch, „und es wurde beendet, als Hank seinen letzten Dunk versenkte.“

Diese Geschichte kann kein Happy End haben. Aber sie geht weiter. Und so schlecht ist sie nicht.

Beim ersten Training nach der Beerdigung ihres Königs stehen die Löwen in der Halle zusammen und wissen, dass sie weitermachen müssen. Für Hank. In der ersten Runde der nationalen NCAA-Hochschulmeisterschaften hat New Mexico State keine Chance. „Wir spielten nicht einfach für Hank“, sagt Bo Kimble, „wir spielten wie Hank.“ Er selbst hat in diesem Spiel den größten Moment seines Lebens, als er an der Freiwurflinie auf einmal von rechts nach links wechselt. „Hank’s Here“, steht auf den Plakaten der Fans. Hank ist hier. Rechtshänder Bo Kimble nimmt den Ball und wirft mit links. Trifft. Die Halle explodiert vor Emotionen. Und LMU gewinnt mit 111:92. Der Außenseiter demoliert in der Folge Titelverteidiger Michigan mit 149:115, schafft ein knappes 62:60 gegen die Defensiv-Bremser aus Alabama und scheidet schließlich erst in den „Elite Eight“ gegen den späteren Hochschulmeister UNLV aus.

Nachtrag

Paul Westhead beendete nach der Saison seine Zeit als Coach an der LMU und fand erst nach sieben Stationen wieder sein Glück: Die Damen der Phoenix Mercury wurden mit seinem System 2007 WNBA-Champion. Er ist damit der einzige Coach, der sowohl in der NBA als auch in der WNBA einen Titel gewann.

Bo Kimble warf über den restlichen Verlauf der College-Saison jeden ersten Freiwurf in einem Spiel mit links. Im selben Jahr schaffte er den Sprung in die NBA. Nach zwei Jahren bei den L.A. Clippers und einer Saison bei den New York Knicks beendete er seine Karriere. Angeblich auch aufgrund psychischer Probleme, die auf den Tod seines Freundes zurückzuführen sind. Später gründete er eine Hilfsorganisation, die heute kostenlose Herzuntersuchungen für Kinder anbietet.

Hank Gathers’ Leben endete am 4. März 1990. Seine Familie verklagte Coach Westhead, die behandelnden Ärzte und die LMU auf Schadensersatz, die LMU zahlte schließlich 1,4 Million Dollar, der verantwortliche Kardiologe eine Million. 2005 hängte man Gathers’ Nummer 44 unter die Decke im Gersten Pavilion. Auf dem Campus der LMU gibt es einen Aufenthaltsraum, der meist von den Sportlern genutzt wird. Die Studenten haben einen schönen Namen dafür gefunden: Hank’s House. Hanks Haus. Auf dass sie dort weiterlebe, die Geschichte vom König der Löwen.

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Adam Małysz: „Nun haben wir alles“

Am Anfang war nur Adam Małysz. Mittlerweile hat Polen im Skisprung eine Mannschaft, die sogar Titel holt. Der Weg war aber kein einfacher, wie Małysz in Socrates erzählt.

Autor: Ozan Can Sülüm

Herr Małysz, am Anfang Ihrer Karriere waren Sie der einzige Skispringer in Polen. Sie hatten keine Mannschaft, keine geeigneten Anlagen und einen tschechischen Trainer. Jetzt ist das genaue Gegenteil der Fall: Polen hat alles.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #16

Ich war nicht ganz alleine, es gab noch andere Athleten in der Nationalmannschaft. Aber, dass wir nicht so viel gehabt haben, stimmt schon. Verglichen mit dem, was die heutigen Mitglieder der Nationalmannschaft zur Verfügung haben, waren wir damals noch Amateure. Irgendwann mussten wir sogar eine Spendenaktion unter den Einwohnern Wislas Małysz Heimatstadt, Anm. d. Red.) organisieren, um mir zu ermöglichen, zu einem Wettbewerb zu fahren. Die Nationalmannschaft besaß ein Handy und einen Bus. Jetzt haben wir im Grunde genommen alles: Spitzenausrüstungen, Autos und Zugang zur neuesten Technologie. Es wurden in Polen ein paar moderne Sportstätten gebaut, sodass wir nicht mehr im Ausland trainieren müssen. Wir haben tolle Sponsoren und die Athleten sind echte Profis. Unsere Mannschaft wurde zu einem Trendsetter. Seit geraumer Zeit guckt die ganze Welt auf uns Polen und nicht umgekehrt. Das polnische Skispringen heute und vor zwanzig Jahren sind zwei völlig verschiedene Welten. Aber ich bin wirklich der Meinung, dass dieser Sport seine gegenwärtige Stellung in Polen verdient. Ich bin stolz auf die Situation in unserem Land, aber auch darauf, dass die Entwicklung des Skispringens in Polen zum Teil auf meine Kappe geht.

Sie sagten, dass Sie aufgrund zahlreicher Regeländerungen Ihre Karriere als Skispringer beendeten. Denken Sie, dass das Skispringen sich dem Fernsehen anpasst, sprich, ist das Ganze ausschließlich kommerzieller Natur oder sind diese Regeländerungen notwendig?

Meiner Meinung nach machen die ganzen neuen Regeln Skispringen undurchschaubarer und unverständlicher für die Fans. Selbst wenn sie zu Hause vor dem Fernseher sitzen, haben die Zuschauer keinen Zugang zu all den Informationen, und aus diesem Grund ist die Gesamtwertung nicht ganz klar. Früher war es recht einfach: Wichtig waren die Distanz und die Punkte für den Stil. Heutzutage reicht es nicht, weit zu springen, denn der Computer kalkuliert andere Faktoren mit ein. Mir gefällt das nicht. Außerdem bin ich auch kein Fan der jüngsten Regeländerungen, also der obligatorischen Teilnahme an der Qualifikationsrunde für alle. Die besten Springer haben zusätzliche Verantwortungen gegenüber den Medien oder den Organisatoren der Wettbewerbe, sodass sie schließlich Zeit verlieren, die für Erholung und Regeneration notwendig wäre. Offenbar bedeutet die Teilnahme der besten Springer an der Qualifikationsrunde einen extra Sendetag für das Fernsehen und die Werbung und mehr Attraktion für die Zuschauer, aber diese Marketing-Argumente überzeugen mich nicht.

Horngacher ist ein exzellenter Trainer

Nachdem Sie Ihre aktive Karriere beendet hatten, waren Sie Direktor der polnischen Mannschaft bei der U23-Weltmeisterschaft in Erzurum. Danach gaben Sie diesen neuen Weg eingeschlagen, der Sie nach Dakar führte?

Zu einem gewissen Grad ging es darum, meinen Kindheitstraum wahr werden zu lassen. Ich habe mich schon immer für den Motorsport interessiert und hinzukommt, dass ich irgendwann ein SUV fuhr. Jeder weiß, wie legendär Dakar ist. Als ich die Möglichkeit bekam, diese Herausforderung anzunehmen, entschied ich mich dafür. Es war nicht einfach und manchmal war mir beim Fahren zum Heulen zumute. Aber ich tat mein Bestes, um mich auf jede Etappe vorzubereiten, und war fest entschlossen, sodass ich selbst in den hoffnungslosesten Situationen nicht aufgegeben habe. Und ich denke darüber nach, Dakar noch eine Chance zu geben.

Nun sind Sie wieder Direktor der Nationalmannschaft und arbeiten mit Stefan Horngacher zusammen. Sie führten Polen sowohl beim Nationencup als auch individuell zu einem bedeutenden Erfolg. Was steckt hinter diesen Ergebnissen?

Es gibt mehrere Gründe. Neben den Athleten gibt es eine ganze Reihe Menschen, die hart arbeiten, damit unsere Nationalmannschaft gute Ergebnisse erzielen kann Trainer, Physiotherapeuten, Biomechaniker und Leute, die sich um Anzüge, Ski, Stiefel und technische Verbesserungen kümmern. Jedem Mitglied wurde eine spezifische Rolle zugewiesen, ohne dessen Unterstützung hätten die Anderen eine schwierigere Arbeit. Trainer Horngacher setzt unter all das seine Unterschrift und er ist selbstverständlich ein großartiger Experte, aber ich denke, dass Teamwork unheimlich wichtig ist. Doch lassen Sie mich nochmals betonen, dass ich Stefans Fertigkeiten nicht schmälern will. Er ist ein exzellenter Trainer. Es war sogar meine Idee, ihn einzustellen. Ich kannte ihn und seine Methoden, da er bereits in Polen mit den Junioren gearbeitet hatte. Bevor er sich entschied, wieder in Polen zu arbeiten, war er einer der Assistenten des Trainers der deutschen Nationalmannschaft gewesen. Dort hatte er viel dazu gelernt. Ich bin froh, dass er beim polnischen Skispringen gelandet ist.

Wie wichtig ist es, in der Nationalmannschaft so einen Trainer wie Stefan Horngacher zu haben, der mit Kamil Stoch, Stefan Hula und Dawid Kubacki gearbeitet hat, als sie noch Teenager waren?

Zweifellos war es anfangs einfacher für die Jungs, mit Horngacher zu arbeiten, da sie ihn kannten und er kein völlig Fremder für sie war. Sie brauchten keine Zeit, um ihm zu vertrauen und manche seiner Methoden zu akzeptieren. Andererseits ist schon einige Zeit vergangen, seit unsere Junioren zu Profis wurden, und vieles hat sich geändert, zum Beispiel was ihre Technik angeht. Auch die Ausrüstung ist anders. Es gab Dinge über sie, die Stefan wieder lernen musste. Aber er weiß, wie er zu ihnen durchdringen kann. Zum Beispiel kommt er mit Piotr Zyla klar, der auf niemanden hörte, wenn es um seine spezifische Anlaufposition ging. Mit Lukasz Kruczek, Jan Szturc oder mir zu sprechen, hatte nichts gebracht. Aber Stefan hat es mit ihm sofort geklärt. Er erwies sich als sehr effektiv. Es ist eindeutig, dass er eine Autorität darstellt und die Jungs ihm vertrauen.

Kamil Stoch hat meine Erfolge übertroffen

Leute haben angefangen, Kamil Stoch mit Ihnen zu vergleichen. Er ist einer der allen fünf Titeln vollenden könnten. Zudem ist er zweifacher Olympiasieger…

Es ist schwierig, Athleten aus verschiedenen Zeiten miteinander zu vergleichen. Kamil musste lange auf Erfolg warten. Im Grunde genommen erzielte er seine größten Erfolge, nachdem ich aufgehört hatte. Vor nicht allzu langer Zeit sagte ich, dass Kamil meine Erfolge übertroffen hat, denn er besitzt einen Weltmeisterschaftstitel, hat die Kristallkugel für den Gesamtsieg beim Weltcup gewonnen und zwei olympische Goldmedaillen geholt. Und ich bin immer noch derselben Meinung. Außerdem hat er gezeigt, dass er mit schlechteren Perioden gut umgehen kann. Die Verletzung hat ihn nicht beeinflusst, er war in der Lage, sich wieder hochzuarbeiten. Es besteht kein Zweifel, dass Kamil es einfacher hat als ich. Zu meiner Zeit hatten wir keine so starke Nationalmannschaft. Ein Podiumsplatz war ein Traum und dazu noch einer, der äußerst schwer zu erreichen war, wohingegen die Jungs jetzt regelmäßig auf dem Podium landen und einige Weltmeisterschaftsmedaillen besitzen. Und wenn sie die Mannschaftswettbewerbe nicht gewinnen, rümpfen die Fans die Nase darüber und versuchen nicht einmal, ihre Enttäuschung zu verstecken. Der Anführer spürt weniger Druck. Wenn Kamil einen schlechten Tag hat, nimmt Maciej Kot oder Piotr Zyla seinen Platz ein, sogar David Kubacki kann gute Leistungen bringen. Sie sind dann diejenigen, die glänzen und zu den Medien sprechen, während Kamil in Ruhe trainieren und wieder in Form kommen kann.

Noriaki Kasai und Janne Ahonen sind mittlerweile über vierzig Jahre alt, aber teilnehmen. Haben Sie jemals gedacht, dass Sie das mit über vierzig Jahren tun könnten?

Nein, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Aber ich hätte meine Karriere niemals so lange verlängert. Mit der Zeit wurde es schwerer und schwerer. Nur ich weiß, wie viel Arbeit es mich kostete, auf dem hohen Level zu bleiben, das ich in der Regel an den Tag gelegt habe. Skispringen ist mit einer strengen Diät verbunden. Mit der Zeit musste ich immer mehr trainieren, aber mein Körper fing an, zu revoltieren. Kleine Verletzungen häuften sich immer mehr. Ich begann allmählich zu begreifen, dass ich von dieser harten Arbeit genug hatte. Zudem wollte ich Abschied nehmen, solang ich noch in Form war. Ich hatte kein Interesse am Springen um seiner selbst willen, an dem Kampf um die Qualifikation oder darum zu ringen, dass ich den zweiten Durchgang erreiche. Noriaki ist ein wahres Phänomen, aber er wird deutlich langsamer. Er setzt immer mehr Sprünge aus, um für den richtigen Wettbewerb Energie zu sparen. Wenn wir auf mich zurückkommen: Mir war es lieber, meine Karriere zu beenden, während ich noch an der Spitze war – wie mein Idol Jens Weißflog.

Die Grenze von 300 Metern ist zu erreichen

Jetzt dauert die Weltcupsaison länger und es gibt viele neue Spitzenturniere wie aussieht, dass die FIS neue Wettbewerbe im Stile der Vierschanzentournee zu etablieren versucht. Sind Sie der Meinung, dass Geld und Sponsoren die Macht über den Kalender an sich reißen werden?

In jeder Sportart, auch in Winterdisziplinen, suchen die Organisatoren nach Möglichkeiten, die Wettbewerbe interessanter und aufregender zu gestalten. Das Gleiche passiert auch beim Skilanglauf, wo Vorbereitungen unternommen wurden, um von der klassischen Technik Abstand zu nehmen. Die FIS zieht in Betracht, die Sprints in dieser Kategorie abzuschaffen. Die olympischen Spiele tendieren dazu, eher trendige und interessante Sportarten zu umfassen als traditionelle. Das können wir nicht aufhalten. Zum Glück gibt es keine drastischen Änderungen beim Skispringen – zumindest bisher nicht. Wir müssen nur mit Kalkulationen und Faktoren fertig werden, die mir nicht gefallen. Neue Turniere sind aufregend und erregen großes Interesse. Das ist das, was ich jetzt denke. Aber in nicht allzu langer Zeit werden wir sagen können, ob sie einen festen Termin im Kalender darstellen werden. In Polen gab es die Idee, einen Wettbewerb in einem Stadion zu veranstalten. Bis vor kurzem wäre es unvorstellbar gewesen, die Saison mitten im November zu eröffnen, aber wir haben es geschafft, ein Event wie das in Wisla zu veranstalten. Es wurde sogar signalisiert, dass die Weltcup-Eröffnung auf Oktober vorgezogen werden könnte. Also sind nicht alle Neuigkeiten und Innovationen schlecht und sie sollten nicht unbedingt sofort kritisiert werden. Klar sind die Raw-Air- und Willingen-Serien ermüdend oder sie werden es sein, doch die Tour de Ski beim Skilanglauf ist ebenfalls erschöpfend und viele Leute beschweren sich über die Serie, aber jedes Jahr ist die Startliste voll mit großen Namen. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendein Event die Vierschanzentournee ersetzen könnte. Der Wettbewerb ist so prestigeträchtig, dass er einfach in den Kalender gehört.

Einst sagten Sie, „Schlieri wird unbrechbare Rekorde erzielen“, aber seitdem hat sich viel für Gregor Schlierenzauer geändert…

Ich hoffe, dass Gregor zu seiner großartigen Form zurückfinden wird. Er ist immer noch ein exzellenter Athlet. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war es für ihn so einfach, zu gewinnen, dass er außerhalb unserer Reichweite zu sein schien. Es stellte sich heraus, dass die Wirklichkeit ein bisschen anders war, als wir sie aus unserer Perspektive wahrgenommen haben. Schade, dass es für ihn so kam. Ich frage mich, ob er wieder das Formniveau von vor ein paar Jahren erreichen wird. Dass es ihm nicht an Motivation mangelt, habe ich gelesen und gehört. Gleichzeitig weiß ich aber, dass es schwierig ist, nach einer so langen Pause wieder das Level zu erreichen, das Schlierenzauer einmal hatte. Ich wünsche ihm alles Gute, denn die Wettbewerbe sind mit ihm viel interessanter.

Zu Ihrer Zeit war Planica der größte Hügel. Nun gibt es drei HS225-Hügel und der Weltrekord liegt weit jenseits der 250 Meter. Was denken Sie über die Grenzen von Skispringern?

Ich glaube, dass die Grenze von 300 Metern wirklich zu erreichen ist. Längere Sprünge werden schwieriger sein. Ein solcher Sprung dauert lange und die Muskeln, die völlig gebogen sein müssen, damit man in der Luft seine Position aufrechterhalten kann, würden es vielleicht nicht schaffen. Die Athleten würden durch solche Flüge jegliche Freude verlieren und leiden. Andererseits werden die Springer durch das Streben nach größeren Distanzen angetrieben. Piotr Zyla sagte einst, dass er so weit springen wolle, dass eine Landung unmöglich würde. Das ist sein Traum. Ich denke, auch andere träumen von Rekord-Sprüngen und wären bereit, einiges zu opfern, um dieses Ziel zu erreichen.

Noriaki Kasai ist ein Phänomen

Zurück zu den Olympischen Spielen. Simon Ammann hat sie bei zwei Ausgaben der Spiele vier Mal besiegt und Sie davon abgehalten, die größte Goldmedaille zu gewinnen, die Sie hätten gewinnen können. Sind Sie sauer auf ihn?

Nein, wir sind gute Freunde. Das ist, was Sport ausmacht. Es ist ein unglücklicher Zufall, dass ich bei Olympia beide Male in bester Form war und um die Goldmedaille kämpfen sollte und dass Simi sogar noch besser war als ich. Es ist kein Geheimnis, dass diese Medaille und der Titel des Olympiasiegers für mich einen großen Traum darstellten. Ich würde gerne ein paar Silber- gegen eine Goldmedaille tauschen, aber es gibt überhaupt nichts mehr, was ich heute dafür tun könnte. Ich mag Simon sehr und freue mich jedes Mal, wenn ich ihn treffe und mit ihm spreche. Ich bewundere seine Ausdauer und seine positive Lebenseinstellung.

Statistisch gesehen ist das Durchschnittsalter der Starter in den letzten sechs Jahren um ungefähr vier Jahre gesunken. Wie analysieren Sie das?

Das ist wegen der ganzen Regeländerungen. Junge Athleten passen sich neuen Regeln einfacher an. Die älteren Springer kostet es mehr Arbeit und größere Opfer. Die obligatorische Qualifikationsrunde wurde vor kurzem zum Teil auch deswegen eingeführt, um junge Springer zu fördern. Sie bedeutet einen weiteren Wertungssprung, was dazu führt, dass ältere Springer vielleicht einen ihrer Trainingssprünge ausfallen lassen, um sich auszuruhen und Energie zu sparen. Im Allgemeinen liegt die Erfolgsgrenze bei 32, 33 Jahren, während das optimale Alter für die erste Teilnahme am Weltcup bei 20 bis 22 Jahren liegt. Der Erfolg jüngerer sowie älterer Springer ist eine Glückssache. Noriaki Kasai, von dem wir vorhin gesprochen haben, ist ein Phänomen unter den älteren Athleten. Die Jungen? Es gibt tatsächlich Teenager, die wie aus dem Nichts auftauchen, das sind aber Sonderfälle. Domen Prevc könnte an dieser Stelle ein gutes Beispiel darstellen: Er glänzte am Anfang der letzten Saison, aber bei den wichtigeren Sprüngen erreichte er nicht viel und jetzt schafft er es für den Weltcup nicht einmal in die slowenische Nationalmannschaft.

 

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Sjaak Swart: Johan war das Spiel selbst

Er spielte 800 mal für den Klub und wurde so zu „Mister Ajax“. Sjaak Swart wurde zu einem der engsten Vertrauten von Johan Cruyff. Bei Socrates erinnert sich Swart an einen Freund.

Autor: Stefan Rommel

Herr Swart, in Holland kennt Sie jedes Kind als „Mister Ajax“. Wie viele Spiele haben Sie gemacht?

Wenn man alle Spiele zusammenrechnet, also Pflichtspiele und Freundschaftsspiele, von der Jugend bis heute, dann sind es über 800.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #03

Jetzt sind Sie 78 Jahre alt und spielen noch.

Ich habe nach meiner Zeit bei Ajax noch für zwei andere Klubs aus Amsterdam in der ersten Amateurliga gespielt, mit 53 Jahren war ich da als Spielertrainer noch Libero. Ich schätze, ich komme in meiner Zeit in den Amateurmannschaften und jetzt bei Lucky Ajax, der Traditionsmannschaft, auf über 2.000 Spiele. Das wären dann mit den 800 für Ajax und für die Elftal rund 3.000 Spiele. Mir fällt niemand auf der Welt ein, der mehr Spiele gemacht haben könnte.

Sie waren Rechtsaußen, hatten Sie auch entsprechende Vorbilder?

Stan Matthews und Garrincha waren meine Idole. Ich wollte so flink und so trickreich sein wie sie, aber ich musste dauernd auf anderen Positionen aushelfen. Am Ende hatte ich alle durch – bis auf Torhüter.

Und Sie waren dabei überaus erfolgreich.

Acht Meistertitel, fünf Pokalsiege, drei Mal den Pokal der Landesmeister. Weltpokal. Supercup. Wir hatten die beste Mannschaft der Welt in den 70ern. Und ich glaube sogar, dass wir stilbildend waren für andere große Mannschaften danach. Wir haben vor der Euro 1972 die Bayern in deren Stadion 5:0 geschlagen. Wir waren so überlegen, dass die Bayern in den letzten zehn Minuten den Ball kein einziges Mal mehr berührt haben. Ich glaube, wir haben die Bayern in gewisser Weise inspiriert. Vielleicht fragen Sie mal nach bei Breitner, Hoeneß oder Beckenbauer.

Sie sind auch deshalb eine Ajax-Ikone, weil Sie in den Derbys gegen Feyenoord immer besonders stark waren.

36 Spiele, 19 Tore. Selbst Cruyff, Van Basten oder Kluivert kommen da nicht ran.

Wir sitzen in der Kantine der Ajax-Akademie, Sie sind fast jeden Tag hier. Was machen Sie heute?

Ich bin Spielerberater. Früher habe ich mich um Spieler wie Wesley Sneijder oder Rafael van der Vaart gekümmert. Ich habe sie unterstützt, da waren sie noch 15-jährige Bengels. Heute betreue ich rund 20 Spieler, die hauptsächlich in der U17 und U19 aktiv sind. Ich hätte nach meinem Karriereende bei Ajax die U19 übernehmen können. Aber darauf hatte ich keine Lust.

Dieses Spiel kannst du nicht gewinnen.

Im März vor zwei Jahren ist Ihr guter Freund Johan Cruyff überraschend gestorben.

Ich konnte es kaum fassen. Eine Woche vor seinem Tod hat er mir ein Video geschickt. Eine Minute und 42 Sekunden, da habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Er war zu Besuch bei seinem Sohn Jordi in Israel, er war putzmunter. Keine Probleme mit der Lunge. Saß da mit nackigen Füßen bei einem unserer gemeinsamen Freunde, wollte sich neue Schuhe anfertigen lassen beim besten Schuster in ganz Tel Aviv. Zwei Tage danach haben wir noch telefoniert, wieder zwei Tage später dann der Anfall beim Duschen. Gehirntumor, Metastasen. Er hat für sich entschieden, dass es vorbei sein soll. Im Rollstuhl wollte er nie sitzen. Er war sich immer so sicher, dass er den Krebs besiegen würde. Aber dieses Spiel kannst du nicht gewinnen.

Cruyff war so vielschichtig als Fußballspieler, aber auch als Mensch. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?

Er war ein unglaublich toller Mensch. Jedem wollte er helfen, jedem. Ein top Junge.

Nach außen wirkte er manchmal über die Maßen selbstbewusst, an der Grenze zur Arroganz.

Das stimmt nicht. Die Leute müssen schon unterscheiden: Er wusste immer, was er wollte und beharrte auch auf seinem Standpunkt. Er war da stur und auch eigensinnig, das sollte man nicht leugnen. Und es hat ihm nicht selten Ärger eingebracht, später auch hier bei Ajax. Es gab immer mal wieder Streit und er hat sich mit vielen Leuten angelegt. Aber er war nie von oben herab, er hat sich nie als großer Meister aufgespielt oder andere bevormundet.

Aber er wollte es immer besser wissen als die anderen.

Das kann man wohl sagen. Wir waren in den 80ern mit Severiano Ballesteros beim Golf spielen und Ballesteros war zweifellos der beste Golfer seiner Zeit. Und was macht Johan? Gibt ihm Anweisungen, wie er den Schläger zu schwingen hat. Unglaublich, diese Selbstverständlichkeit. Er war ein schlechter Billard-Spieler und trotzdem erklärte er allen anderen immer, wie sie den Queue zu halten hätten.

Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit ihm erinnern?

Er war neun Jahre alt und schaute immer mal wieder bei unserem Training vorbei. Johan hat sich dann hinter dem Tor aufgestellt, eine Banane in der Hand, und wenn die Bälle vorbeiflogen, ist er losgerannt und hat sie zurückgebracht. Er war unser Balljunge. Er war ja immer da, sein Vater arbeitete im Stadion. Damals spielte er noch in der „Welpe“, einer Jugendmannschaft und ich habe ihn mir samstags bei den Spielen immer angeschaut. Mit 17 Jahren kam er dann zu den Profis.

Cruyff hat von mir gelernt

Wurden Sie schnell Freunde?

Piet Keizer, Johan und ich wohnten im Osten von Amsterdam, keinen Kilometer voneinander entfernt. Echte Grachtjes, Amsterdamer Jungs, die Mittagessen bei „Broodje Van Dobben“, der Fußball… Es war fantastisch.

Wer hat mehr vom anderen profitiert: Sie von ihm oder er von Ihnen?

Wir hatten diesen speziellen Spielzug: Ich halte den Ball an der rechten Außenlinie, warte bis die Verteidiger sich auf den Mittelstürmer konzentrieren und Johan lossprintet. Ich spiele den Ball dann über die Abwehrreihe drüber. Und bis die sich umdrehen, ist Johan längst weg. Hat ganz gut funktioniert, würde ich sagen. Aber Ajax hatte auch vor Johan einen super Angriff. Ich hatte im Jahr davor 55 Assists. Ich würde sagen: Er hat von mir gelernt.

Woher nahm er seine Inspiration?

Er hat immer nachgedacht, immer nur Fußball. Wenn du drei Stunden mit ihm am Tisch saßt, hat er drei Stunden am Stück über Fußball geredet. Er hatte dieses Gefühl für das Spiel. Keine Taktik, einfach dieses Gefühl. Er war ein Philosoph. Unter den vielen Kreativen dieser Zeit war er der Topper, der Beste.

Wie konnte es passieren, dass er bei seiner letzten Station als Spieler ausgerechnet zu Feyenoord gewechselt ist?

Er kam aus Spanien zurück und spielte wieder für Ajax. Dann hat er sich aber mit der Klubführung überworfen. Er ist nur gewechselt, um die Bosse zu ärgern. Da gab es das Spiel gegen Ajax ziemlich früh in der Saison. Alles wartete darauf, wie sich Johan wohl gegen sein Ajax schlägt. Nicht besonders gut, würde ich sagen: Ajax siegte 8:2. Drei Tore von Marco van Basten, damals 18 Jahre alt. Feyenoord ist trotzdem Meister geworden. Für Johan war nach dieser einen Saison endgültig Schluss.

Johan Cruyff war das Spiel selbst

Großer Erfolg bedeutet oft auch viele Neider. Hatte Cruyff – gerade bei Ajax – am Ende auch viele Feinde?

Natürlich. Er konnte sich aber immer gut wehren. Und wo er jetzt nicht mehr da ist, verteidige ich ihn. Gegen die Zeitungen, wenn sie mal wieder Blödsinn schreiben. Oder gegen die hohen Herren im holländischen Fußball.

Was war mit Van Gaal?

Louis van Gaal und er waren Intimfeinde. Van Gaal war ganz sicher neidisch auf Johan. Dazu gibt es eine Geschichte: Van Gaal war Anfang der 80er Jahre bei Sparta Rotterdam. Vor dem Spiel gegen Ajax fragte Trainer Barry Hughes: „Wer von euch will gegen Cruyff spielen?“ Van Gaal meldete sich: „Ich. Ich nehme Cruyff in Manndeckung.“ Zur Halbzeit stand es 5:0, Cruyff hat Van Gaal schwindelig gespielt. Der motzte in der Halbzeit, der Trainer solle endlich den Schönwetterspieler Rene van der Gijp auswechseln. Daraufhin Hughes: „Ich werde gleich jemanden auswechseln – und zwar dich!“ Van Gaal hatte schon immer ein gestörtes Verhältnis zu Top-Stars. Vielleicht haben Geschichten wie diese dazu beigetragen.

Aber er hat mit Ajax die Champions League gewonnen.

Er war ein guter Trainer auf dem Platz. Aber in Sachen Menschenführung ist er nicht gut. Er scheidet überall im Streit.

60 Jahre lang war Cruyff Ihr Freund. Was vermissen Sie am meisten?

Die Gespräche, die Treffen unserer Familien. Er kommt jetzt nicht mehr zu mir in die Loge, drüben in der Amsterdam Arena.

Was ist Johan Cruyffs Vermächtnis?

Ich werde oft gefragt: War Johan besser als Pele, Beckenbauer, Maradona, Messi, Ronaldo? Jeder war oder ist zu seiner Zeit ein unglaublicher Spieler, ein Wunder. Aber Johan überdauert alle Zeit. Seine Ideen haben Epochen geprägt, sie werden nie aus der Mode kommen. Das kann kein anderer von sich behaupten. Ajax ohne Cruyff: Undenkbar. Barca ohne Cruyff: Undenkbar. Er hat den Leuten gezeigt, wie man Fußball spielen muss. Das wird nie vergessen werden. Wenn man in 50 Jahren auf Messi zurückblickt oder Pele, dann sieht man den fantastischen Spieler als einen Teil des Spiels. Johan Cruyff war das Spiel selbst.

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Jürgen Klinsmann: Der Zeit voraus

Die Ausgabe 18 ist ab sofort im Handel! Neben Jürgen Klinsmann auch mit Neven Subotić, Bernhard Peters, Kenan Koçak, Marc Wilmots, James Rodríguez, Tiger Woods, Tommy Haas, Dwight Howard, Chris Fleming und vielen mehr.

Die Themen dieser Ausgabe

Jürgen Klinsmann | Der Zeit voraus

Jürgen Klinsmann wurde als Spieler mit Deutschland Weltmeister, als Trainer wurde er kritisch gesehen. Doch seine eins umstrittenen Methoden führten den deutschen Fußball zum Erfolg. Ein Gespräch über widrige Wege, Jogi Löw und eine deutliche Warnung an Deutschland.

Neven Subotić | Das Streben nach Glück

Neven Subotić ist Fußballspieler. Aber das ist nebensächlich. Mit Socrates spricht er über sein Engagement neben dem Fußball und warum es für ihn wichtigere Dinge gibt, als einen Meistertitel oder ein Champions-League Finale.

James Rodríguez | Vertreter des neuen Kolumbien

James Rodríguez wuchs in der Heimat Pablo Escobars auf. Doch der Star des FC Bayern schaffte es, die mächtigen Drogen-Kartelle weit weg zu halten. Wie das gelang, erzählt sein Biograf bei Socrates.

Sportwissenschaftler Dr. Karsten Schumann setzt sich in seiner Kolumne mit dem Begriff der Leistung auseinander. Leistung sei die Grundlage für den Erfolg, auf den es im Spitzensport letztendlich ankomme.

Mit Socrates spricht Peters über seinen Traum den deutschen Fußball zu verbessern und welche Eigenschaften Talente brauchen, die den Sprung zum Profi schaffen wollen. 

Kenan Koçak ist mit 37 Jahren einer der jüngsten Trainer im deutschen Profifußball. Koçak spricht über seinen sportlichen Werdegang und bricht eine Lanze für Thomas Tuchel.

Marc Wilmots hat viel erlebt. Er war Teil der berühmten Schalker Eurofighter und trainierte bereits die Nationalmannschaften von Belgien und der Elfenbeinküste. Mit Socrates spricht er unter anderem über sein Leben und den deutschen Fußball.

Chris Fleming ist eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des deutschen Basketballs im vergangenen Jahrzehnt. In Socrates redet er über seine Zeit in Deutschland und warum er den Abschied noch nicht verarbeiten konnte.

Steven Reinprecht ist bei den Nürnberg Ice Tigers eine Institution. Mit Socrates spricht er über den Gewinn des Stanley Cups in seinem Rookie Jahr und einen haarigen Unterschied zu Jaromír Jágr.

Tiger Woods | Das Leben ist schön

Tiger Woods hat in seinem Sportlerleben alles erreicht. Alles? Wohl nicht, sonst würde er ja vermutlich nicht weitermachen. Oder hat seine andauernde Karriere damit gar nichts zu tun? Was fehlt ihm noch?

Tommy Haas exklusiv | Der Winner-Typ

Tommy Haas war eines der größten deutschen Tennistalente. Der ganz große Durchbruch ist ihm aber nie gelungen. Socrates schreibt über die ergreifende Karriere einer Legende.

Dwight Howard exklusiv | Pariah

Dwight Howard war Megastar und Publikumsliebling… und hat fast alles verloren. Heute ist er geläutert – und versucht zurück zu erobern, was ihm einst durch die Finger glitt. Der Superman sprach mit Socrates über seinen Aufschwung bei den Charlotte Hornets.

Dies und vieles mehr…

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Keith Aucoin: Der Tom Brady des Eishockeys

Keith Aucoin ist in die Jahre gekommen, aber an seiner Effizienz hat der Angreifer des EHC nicht eingebüsst. Das Geheimnis ist die Liebe zum Spiel.

Autor: Christian Bernhard

Herr Aucoin, haben sich Ihre Angriffspartner eigentlich schon einmal bei Ihren Eltern bedankt?

Warum sollten Sie?

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #17

Weil Sie Ihnen beigebracht haben, dass man die Scheibe, wann immer es geht, abspielt.

Ach so (lacht). Das müssen sie nicht. Es ist mein Job, anderen dabei zu helfen, Tore zu schießen. Ich liebe es, meine Reihenkollegen scoren zu sehen.

Das klappt sehr gut, die 100-Assist-Schallmauer haben Sie in der DEL in weniger als zweieinhalb Jahren durchbrochen.

So bin ich aufgewachsen. Meine Eltern haben mir von Anfang an gesagt: Sei uneigennützig und passe die Scheibe. Manchmal tue ich es zu oft, denn es gibt Situationen, in denen ich besser schießen sollte, aber trotzdem passe. Aber so bin ich nun mal. Die Ansagen meiner Eltern und die Beobachtung meiner Vorbilder Craig Janney und Adam Oates haben mich zu dem Spieler gemacht, der ich bin.

Eishockey spielt seit Ihrer Geburt eine zentrale Rolle in Ihrem Leben.

Eishockey war immer meine Nummer 1. Ich stand schon mit 3 Jahren auf Schlittschuhen, habe auf dem See gezockt und bin um 6 Uhr morgens aufgestanden, um zu spielen. Zusammen mit meinen Eltern habe ich die Spiele der Boston Bruins angeschaut und als Weihnachtsgeschenk waren Karten für Bruins-Spiele das Größte für mich.

Ihre Eishockey-Begeisterung ging so weit, dass sie Ihnen sogar in der Schule zugutekam.

Ich hatte Probleme beim Erlernen des L. Als wir nicht mehr weiterkamen, haben mir meine Eltern gesagt: Male einen Eishockeyschläger! So habe ich das L gelernt. Es ist verrückt – zeigt aber, wie groß die Eishockey-Leidenschaft bei uns in der Familie ist.

Ihr drei Jahre jüngerer Bruder Phil hatte es dabei nicht immer leicht.

Wir haben immer auf der Straße gespielt. Da er der Jüngste war, musste er ins Tor. Und da wir nicht immer einen Helm dabei hatten, ist er schon mal mit blauen Augen und geschwollenen Lippen nach Hause gekommen. Aber das hat ihn nur härter gemacht (lacht).

Heute zurückzudenken ist super

Was wäre ein Leben ohne Sport für Sie?

Eigentlich kaum vorstellbar. Die Herausforderung, raus zu gehen und sich mit anderen zu messen, ist tief in mir drin. Wenn ich nicht Sport mache, schaue ich ihn im TV. Nicht mehr Teil einer Mannschaft zu sein, wird das Schwerste sein, wenn ich mal nicht mehr aktiv sein werde.

Sie haben 145 Spiele in der NHL bestritten. Was sind Ihre ersten Gedanken, wenn Sie an diese Zeiten zurückdenken?

Ich erinnere mich noch heute an den Anruf, als mir mitgeteilt wurde, dass ich mein NHL-Debüt feiern würde. Mein damaliger Coach hat mich in meinem Zimmer im Mannschaftshotel angerufen, mich aber nicht erreicht, da ich die Zimmer mit meinem besten Kumpel getauscht hatte. Ich habe es dann sofort meinen Eltern gesagt, und die haben mich abgeholt und zum Flughafen gebracht. Als Zweites kommt mir mein erstes Tor in den Sinn. Das habe ich gegen Martin Brodeur geschossen, einen der besten Torhüter aller Zeiten. Das kann mir niemand mehr nehmen.

Gleich in Ihrer ersten NHL-Saison waren Sie auch noch Teil der Carolina Hurricanes, die den Stanley Cup gewannen.

Oh ja. In den Playoffs kam ich aber nicht zum Einsatz, das hätte es für mich noch viel toller gemacht. Wir sind aber mit dem Team gereist und haben mit den Stammspielern trainiert. Am Abend, als wir den Cup geholt haben, war auch mein Vater im Stadion. Wir haben tolle Bilder gemacht.

 

 

Sie haben mit vielen großartigen Spielern zusammengespielt. Mit wem war es am beeindruckendsten?

Da gab es einige. In Washington stand ich in einer Reihe mit Alexander Owetschkin, damals und heute einer der weltbesten Spieler. Sehr gerne erinnere ich mich auch an Sergei Fjodorow zurück, er war ein echt netter Bursche. Ein Höhepunkt war mein Playoff-Duell mit Sidney Crosby. Bevor du aufs Eis kommst, denkst du eine Sekunde darüber nach, wer dir da gegenübersteht – dann musst du es aber sofort ausblenden. Heute zurückzudenken, ist super: Ich habe mit einigen der weltweit Besten gespielt und gegen die Besten, das empfinde ich als großes Glück.

In der Zwischenzeit sind Sie zum Vorbild geworden. Der 21-jährige NHL-Star Jack Eichel, der aus Ihrer Heimatstadt Chelmsford stammt, hat in seiner Kindheit zu Ihnen aufgeschaut.

Es ist Zeit für die Wachablösung. Jetzt ist er der Platzhirsch in unserer Stadt.

Ich liebe diesen Sport einfach immernoch

Wie hat sich der Eishockey-Sport im Laufe Ihrer langen Karriere verändert?

Zu Beginn meiner Karriere war es mehr ein Spiel für die großen und starken Jungs, auf dem Eis wurde viel gehalten und gehakt. 2005 hat die NHL ihr Regelwerk geändert und das Spiel wurde deutlich schneller. Das half mir und all den kleineren, wendigeren Spielern. Heute sind die Jungs groß und schnell, so wie Connor McDavid, der trotz seiner Größe über das Eis fliegt.

Sie wurden aufgrund Ihrer 1,73 Meter Körpergröße nie gedrafted. Hätten Sie bessere Chancen gehabt, wenn Sie ein paar Jahre später in die NHL gekommen wären?

Vielleicht. Als ich aus der Highschool kam, war ich noch deutlich kleiner. Ich habe erst auf dem College Masse und Zentimetern zugelegt, später als viele andere.

Eine Legende wurden Sie trotzdem. Mit 857 Scorerpunkten sind Sie einer der erfolgreichsten Angreifer in der Geschichte der AHL, der zweithöchsten Liga in Nordamerika. Erinnern Sie sich noch an die vielen Busfahrten?

Und wie. Oft sind wir nach zehnstündigen Fahrten um 5 Uhr morgens von einem Auswärtsspiel zurückgekommen und hatten am selben Abend schon wieder ein Spiel. Wir haben regelmäßig an drei aufeinanderfolgenden Tagen gespielt. Wenn du jünger bist, stört dich das nicht: Du schläfst einfach bis 12 Uhr mittags. Mit Kindern ist das nicht mehr so einfach. Aber die Zeit im Bus war auch witzig, obwohl die Technologie damals noch nicht so ausgereift wie heute war. Manchmal musste auch ein iPod mit Musik ausreichen (lacht).

Heute rocken Sie mit 39 Jahren die DEL. Was ist Ihr Geheimnis?

Da gibt es keines. Ich bin nicht mehr so schnell wie früher, aber ich lese das Spiel sehr gut. Ich weiß schon, was ich mit der Scheibe machen werde, bevor ich sie spiele. So bin ich anderen oft einen Schritt voraus. Dazu kommt, dass ich diesen Sport einfach immer noch liebe.

Ihr Angriffspartner Brooks Macek hat kürzlich gesagt, Sie werden immer noch besser.

Das glaube ich nicht (schmunzelt). Mit Brooks macht es großen Spaß. Wir müssen gar nicht viel miteinander sprechen, ich weiß, wo er auf dem Eis ist und er weiß, wo er mich findet. Manchmal nennt er mich den Tom Brady des Eishockeys. Dieses Kompliment nehme ich gerne an, Brady ist einer meiner Lieblingssportler.

Wenn ich alleine wäre, würde ich womöglich spielen, bis es nicht mehr geht

Spüren Sie Ihr Alter manchmal?

Es gibt Abende, da fühle ich mich träge. Das ist mir früher nicht passiert. Aber das ist Teil des Älterwerdens, speziell in einem Sport mit so viel Körperkontakt.

Sie haben mal erzählt, dass Sie es spüren, wenn Sie ein harter Check erwartet. Können Sie das erklären?

Ich will nicht behaupten, dass ich mit meinen Augen 360 Grad abdecken kann, aber selbst wenn ich auf dem Eis nach vorne blicke, kriege ich mit, was links und rechts von mir passiert. Mein Kopf ist immer oben, so weiß ich, wann ich in Gefahr bin. Mein peripheres Sehen hilft mir, den auf mich zulaufenden Gegner früh zu erkennen: So kann ich mich gut schützen.

Sie peilen mit München die dritte Meisterschaft in Serie an. Wie holt man Titel?

Ich war Teil einiger sehr talentierter Teams, die auf dem Papier erfolgreich hätten sein müssen, es aber nicht waren. Hier in München ist es so: Der Kern der Mannschaft ist seit drei Jahren derselbe und wir verbringen auch außerhalb des Eises viel Zeit miteinander. Das macht viel aus, denn so sorgst du dich mehr um deine Mitspieler. Unsere Chemie stimmt. Wir sind schwer zu bespielen, da wir vier starke Angriffsreihen haben, von denen jede den Unterschied machen kann. Unser Spielsystem ist sehr unangenehm für den Gegner: Wenn wir unser Spiel spielen, ist es für die Gegner schwer, überhaupt aus ihrem Drittel zu kommen.

Welche Rolle spielt Trainer Don Jackson dabei?

Don ist großartig. Er muss gar nicht laut werden, um uns zu erreichen. Als wir im November drei Spiele in Serie verloren haben, ist es in der Kabine vielleicht einmal lauter geworden. Er ist einer von uns. Wenn du in die Kabine kommst und nicht wüsstest, wer der Trainer ist, würdest du wahrscheinlich nicht drauf kommen. Vielleicht nur, weil er älter ist als wir Spieler.

Im November werden Sie 40 Jahre alt. Wie lange möchten Sie noch als Profi spielen?

Ich denke von Jahr zu Jahr. Es geht ja nicht mehr nur um mich, sondern auch um die Kinder. Das ist eine Familienentscheidung. Wenn ich alleine wäre, würde ich womöglich so lange spielen, bis es nicht mehr geht. Aber so lange wir in München Erfolg haben, wird es schwer werden, loszulassen. Wenn ich weitermache, dann hier. Ich würde nirgendwo anders hingehen. Wie in den letzten Jahren werde ich mich nach der Saison mit dem Verein zusammensetzen und alles in Ruhe besprechen.

Für die nächste Eishockey-Generation haben Sie mit ihren beiden Söhnen Bray- den und Nathan ja schon gesorgt.

Beide lieben es, auf dem Eis zu stehen. Brayden ist auch Stürmer, bei Nathan ist es noch nicht so klar. Er könnte ein Verteidiger werden. Ihm gefällt es, Steve Pinizzotto nachzumachen, indem er versucht, gegen Brayden zu kämpfen. Das muss ich ihm noch austreiben (lacht).

Hat Brayden auch schon Ihre Pass-Liebe im Blut?

Ich sehe ihn mehr schießen als passen, da habe ich noch Arbeit vor mir. Aber ich habe Christian (Winkler, Münchens Manager, Anm. d. Red.) bereits gesagt: Besser, du nimmst ihn jetzt schon unter Vertrag (lacht).