Archiv für die Kategorie: American Football

,

Tom Brady: Legendenbildung

Nach seinem fünften Titel ist Tom Brady endgültig der Beste, oder? Nein – sagt er selbst. Und zieht aus, um seinen größten Gegner zu bezwingen: Das Alter.

Autor: Stefan Petri

„Ihr wisst schon, der beste Quarterback aller Zeiten.“
Bill Belichick
NFL-Coach

Als Thomas Edward Patrick Brady Jr. am späten Abend des 5. Februar das Spielfeld des NRG Stadium in Houston verließ, hatte er den Job vieler Journalisten um einiges schwieriger gemacht. Mit einem 34:28-Triumph in Overtime hatte Brady mit seinen New England Patriots den Super Bowl LI gegen die Atlanta Falcons gewonnen, dabei einen 3:28-Rückstand aus dem dritten Viertel wettgemacht und seinen insgesamt fünften Titel geholt.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #15

Resultat: Die „Wer ist eigentlich der beste Quarterback aller Zeiten?“-Artikel und Kolumnen auf den Schreibtischen rund um den Globus, zu denen man gern einmal greift, wenn sonst nichts passiert, wanderten auf absehbare Zeit in den „Entwürfe“-Ordner. Diskussion erledigt. Brady nicht ganz oben? Das darf man vielleicht denken. Schreiben kann man es nicht mehr.

Schließlich verbaten sich spätestens nach dem fünften Ring des damals noch 39-Jährigen alle sportlichen Vergleiche zur Konkurrenz. Die meisten Super-Bowl-Teilnahmen, die meisten Super-Bowl-Siege, die meisten Super-Bowl-MVPs. In den Playoffs hält er sowieso so ziemlich alle Rekorde. Gut, die fünf Regular-Season-MVPs von Dauerrivale Peyton Manning wird er wohl nicht knacken, aber auch der würde seine Karriere ohne zu zögern gegen die von Brady eintauschen. Joe Montana, Brett Favre, John Elway, Aaron Rodgers – sie alle würden.

„Er musste gar nicht mehr gewinnen, um seinen GOAT-Status unter Beweis zu stellen“, hatte Rodgers nach dem Super Bowl LI betont, dem mit Abstand größten Comeback in der 51-jährigen Geschichte des Endspiels. „Brady = GOAT“, twitterte LeBron James einfach, und selbst Von Miller, Super-Bowl-MVP im Jahr zuvor, hatte keinerlei Argumente mehr parat. „Peyton ist mein Mann, deshalb stimme ich für ihn. Aber Tom Brady ist der GOAT“, erklärte der Pass Rusher der Denver Broncos. Obiges Zitat von Belichick? Das stammt aus dem April 2016 – da hatte Brady erst vier Ringe.

Nicht Brady, sondern Edelman sorgte für den größten Moment im Superbowl LI

GOAT. Greatest of all time – der Beste aller Zeiten. Ironischerweise ist Brady der Einzige, der sich wirklich gegen diese Auszeichnung wehrt. „Ich bin damit nicht einverstanden“, verriet er im Mai gegenüber ESPN. „Ich kann mich als Spieler gut genug einschätzen. Eigentlich bin ich nur ein Produkt meiner Umgebung, meiner Coaches, meiner Gegner, meiner Ära.“ Viele Spieler hätten in seiner Position Ähnliches erreichen können: „Ich habe großes Glück gehabt.“

Falsche Bescheidenheit einer lebenden Legende? Oder einfach nur brutal ehrlich von jemandem, der weiß, dass nicht viel gefehlt hätte und er hätte mit einem statt fünf Titeln dagestanden.

(Andererseits: Zu den Titeln sechs und sieben hatte auch nicht viel gefehlt. Sieg und Niederlage liegen im Football eben
brutal eng nebeneinander.)

Jene Partie am 5. Februar gegen Atlanta passt hervorragend zur Diskussion – kann sie doch als Beleg für beide Thesen herangezogen werden. Was angesichts des epischen Comebacks nämlich gerne vergessen wird: Wirklich gut war Brady in den ersten 40 Minuten von Super Bowl LI nicht.

Über zweieinhalb Viertel dominierte die eigentlich nur durchschnittliche Defense der Falcons, während Bradys Offense kaum ein Bein auf den Boden bekam, seine Pässe viel zu selten ihr Ziel fanden. Dazu noch der Pick-Six: Der Schnappschuss nach eben dieser Interception, der Brady vergeblich nach Cornerback Robert Alford hechtend zeigt, er hätte sinnbildlich für eine ganz bittere Schlappe stehen können. Wasser auf den Mühlen der Kritiker: Einem Joe Montana wäre so etwas nie passiert.

Vor diesem Hintergrund beurteilte Brady seine Leistung selbst mehr als nüchtern. Trotz vier Touchdowns in den letzten fünf Drives, trotz 466 Passing Yards und der Rekordzahl von 43 angekommenen Pässen. „Eineinhalb gute Viertel inklusive Overtime, das ist für mich nicht gerade eines der besten Spiele überhaupt“, sagte er dem MMQB nur Tage später.

Nicht Brady sorgte schließlich für den größten Moment im Super Bowl LI, sondern Receiver Julian Edelman mit seinem unglaublichen Fingerspitzen-Catch. Bei einem Pass in Triple Coverage wohlgemerkt, um ein Haar intercepted, den sein Quarterback nie hätte werfen dürfen.

Kann es ein größeres Lob geben?

Brady also nur als Nutznießer seiner Receiver, seiner Defense, eines unerklärlichen Falcons-Kollapses? Als, wie er selbst sagte, „Produkt seiner Umgebung“? Natürlich greift auch diese Analyse viel zu kurz. Sie ignoriert seinen nahezu fehlerlosen Auftritt in den letzten 25 Spielminuten, als er die müder werdenden Falcons förmlich sezierte. Ein Quarterback im Spätherbst seiner Karriere, der angesichts des Rückstands hätte aufgeben können – und sich dennoch einmal mehr zur Höchstform aufschwang.

Schaut man sich die entscheidenden Drives gegen Atlanta an, findet man wenig offensichtlich „Spektakuläres“, Würfe der Marke „Das hätte sonst niemand geschafft“. Was man jedoch findet, ist ein klares Konzept, perfekt umgesetzt von Brady, das eben diese einfachen Würfe ermöglichte. Es wirkt vielleicht schlicht – ist dafür aber umso tödlicher.

Es ist wahr, Brady war immer Teil eines großen Ganzen. Wir kennen ihn nur als Grundpfeiler einer makellos geführten Franchise unter einem genialen Coach. Doch warum sollten diese Fakten an seinem Vermächtnis rütteln? Oder, um es auf den Super Bowl LI herunterzubrechen: Ja, die Falcons haben das Spiel durch überflüssige Fehler aus der Hand gegeben. Doch was ist es, wenn nicht „Greatness“, die sich bietenden Chancen eiskalt zu nutzen?

Zeit für ein Geständnis: Als New England den Münzwurf vor der Overtime gewann und Brady den Ball bekam, fiel die Spannung des Spiels plötzlich von mir ab. Mir war klar: Das Spiel ist entschieden. Diese Chance lässt er sich unmöglich nehmen.

Kann es ein größeres Lob geben?

Tom Brady schwört auf seine Methoden

Nicht außer Acht lassen sollte man, dass Brady schon lange vor dem Endspiel unter enormem Druck gestanden hatte: Seine Mutter Galynn war schwer an Krebs erkrankt und trat die Reise nach Houston sichtlich gezeichnet an. Und dann war ja auch noch die schier nicht enden wollende Deflategate-Diskussion.

Es war bezeichnend, dass er die aus seiner Sicht unrechtmäßige Sperre zu Beginn der Saison längst abgehakt hatte, als er zu Commissioner Roger Goodell aufs Podium stieg und diesem die Hand schüttelte. „Ich kann nur einen Kampf gewinnen, und das ist der um meine Leistung auf dem Spielfeld“, erklärte er. „Den Rest kann ich nicht kontrollieren.“ Also saß er seine vier Spiele Sperre im September 2016 ab – und war wenige Monate später Champion.

Wie ein Zen-Meister wirkt der „Golden Boy“ aus Kalifornien bisweilen. Tom Brady strahlt eine Gelassenheit aus, die aus unerschütterlichem Selbstbewusstsein entspringt. „Ich kenne jetzt alle Antworten“, sagt er. „Keine Defense kann mich noch überraschen, ich habe alles gesehen.“ Doch die Tatsache, dass er nichts mehr beweisen muss, hat der Passion für seinen Sport keinen Abbruch getan.

Und so trug er auch in der Offseason einen geradezu missionarischen Eifer für die speziellen Methoden vor sich her, die ihm auch im fortgeschrittenen Alter noch eine außergewöhnliche Fitness ermöglichen. Die reichen von einleuchtend (viel Schlaf, viel Wasser, Fokus auf Beweglichkeit) über kurios (ein strenger Ernährungsplan, der unter anderem Nachtschattengewächse verbietet, dafür aber Avocado-Eis propagiert) bis zu befremdlich: Sein Selbsthilfebuch The TB12 Method ist gespickt mit Pseudowissenschaft wie „ausreichende Hydrierung verhindert Sonnenbrand“, zudem verkauft er über seine Homepage überteuerte Hilfsmittel wie etwa spezielle Schlafanzüge für 200 Dollar.

Dass auch er regelmäßig Gehirnerschütterungen davonträgt, wie so ziemlich jeder NFL-Profi, davon schweigt Brady lieber. Diese Information plauderte Gattin Gisele Bündchen im Mai aus. Dementieren konnte er es nicht.

Guru? Revolutionär? Quacksalber? Brady schwört auf seine Methoden – und will sich an ihnen messen lassen. Nicht umsonst hat er sein komplettes Leben darauf ausgerichtet, bis in seine Mittvierziger auf höchstem Niveau zu spielen. Mindestens. „Football ist mehr als nur Sport für mich. Es ist mein Leben“, sagt er. Was er außer Football noch liebe? „Die Vorbereitung auf Football.“

Ob es nun an den 72 besonderen Spurenelementen im TB12-Wässerchen und dem Himalaya-Salz liegt, oder vielleicht doch nur an guten Genen und einem disziplinierten Lebenswandel: Von einem Leistungsabfall ist bei Brady auch mit 40 noch keine Spur. Nach einem langsamen Start in die Saison haben sich die Patriots zum Topfavoriten auf den Titel aufgeschwungen – alles wie immer also. Das Front Office setzt darauf, dass Brady dieses Level noch mehrere Jahre halten, noch einen sechsten Ring gewinnen kann.

Schließlich gilt es, eine ganz bestimmte Rückennummer 12 vom GOAT-Titel zu überzeugen.