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„Jürgen Klopp war irgendwie bisexuell“

Schriftsteller Moritz Rinke kennt Liverpools Trainer Jürgen Klopp noch gut aus Dortmunder Zeiten. Was ihn an Klopp fasziniert und was den Reds-Coach so ehrlich macht, schrieb Rinke in der 1. Ausgabe von SOCRATES im Oktober 2016.

Komischerweise gelte ich in England als Klopp-Experte. Nicht Klopstock, wie es sich bei einem Literaten noch gedacht werden könnte. Nein, Klopp, ohne Stock, Klopstock war ein berühmter deutscher Dichter der Empindsamkeit, aber Klopp, Jürgen, ist das eigentlich auch. Im Mai 2015 traf ich Klopp zwei Tage vor seinem letzten Bundesligaspiel mit Borussia Dortmund gegen Werder Bremen. Der BVB siegte mit 3:2, womit Klopp den Dortmundern noch so gerade eben die Europa League sicherte. Das Gespräch sollte 15 Minuten dauern, wir sprachen zwei Stunden. Über die Gründe, warum die Dortmunder in der Saison so unerklärlicherweise eingebrochen waren. Es ging natürlich auch um das Übliche: die Verletzungen der Spieler als Grund für den dramatischen Saisonverlauf; die Müdigkeit der Spieler, die für die WM in Brasilien im Einsatz waren; die daraus begründbare fehlende  aufbereitschaft; das verschwundene Gegenpressing und so weiter.

Hamlet spielte beim BVB

Der Artikel stammt aus der 1. Ausgabe von SOCRATES

Der Artikel erschien in der 1. Ausgabe

Aber irgendwann sprachen wir über Blockaden, Spiel- und Schreibblockaden bei Spielern wie Literaten. Hummels, Reus, Beckett: „Wieder scheitern, besser scheitern“. Sogar um „Hamlet“ ging es plötzlich, um die „Gedankenblässe“ von Mkhitaryan (Shakespeare!), der ja wirklich mit zweitem Namen Hamleti heißt, was ich erst viel später erfuhr. (Ja, bei Dortmund spielte wirklich Hamlet, nun ist er ins Mutterland von Shakespeare zurückgekehrt, zu Manchester United.) Das Gespräch, das für ein Buch der deutschen Autorennationalmannschaft über den BVB geplant war, druckte der Guardian nach und als Klopp schließlich nach Liverpool an die Anfield Road wechselte mit seinem schon legendären Satz „I am the Normal One“, war auch ich in England angekommen. Nicht als Dramatiker, der ich eigentlich bin, sondern als Klopp-Experte.

Jürgen Klopp hat mich in seinen sieben Jahren bei Dortmund wirklich fasziniert. Nie war er einer dieser Trainer-Generäle wie José Mourinho, Pep Guardiola und Louis van Gaal, die allesamt immer irgendwie vom hohen Ross herab Anweisungen geben und dabei nie ihren festen Sattel zu verlassen scheinen.

Nein, Klopp sprang ständig vom Pferd herunter, um zu Fuß zu laufen (The Normal One); ja, manchmal sah er aus wie das Pferd selbst, mit Pöhler-Kappe. Er schäumte, wieherte, galoppierte an der Seitenlinie entlang, drohte vierten Offiziellen mit seinem Unterkiefer, wie es nur Pferde können und sprang bei Toren höher als die besten Hengste Schockemöhles (Berühmter deutsche Reiter!). So war Klopp. Einerseits.

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Andererseits konnte er sprechen wie ein Buch. So wie er die Spiele fast feuilletonistisch analysierte, hätte er bestimmt auch mühelos Friedrich-Gottlieb-Klopstock-Oden analysieren können (The Special One!). Klopp war als BVB-Trainer also immer beides; den Fans nah als emotionalisierender Dauerbrenner, dem Fußball- und Medien-Establishment willkommen als gedanklich schneller Talkpartner. Und manchmal auch als Sprücheklopper. Klopp war im Grunde – pardon – irgendwie bisexuell, er konnte die Bedürfnisse der BVB-Anhänger befriedigen, die aber in einem himmelweiten Unterscheid zu den Bedürfnissen der Medien-und Werbespot-Welt standen. Klopp machte auch hier alle glücklich – von der Ergo Versicherung über Mitsubishi bis Philips Longhair-Shaving. Angefangen hatte er hemdsärmelig mit Tapetenkleister.

In dieser Mischung aus Tapetenkleister und italienischer Designerbrille symbolisierte Klopp natürlich auch die ambivalente Rolle, die der BVB und auch der gesamte Finanzsektor Fußball eingenommen hatte: Einerseits Ruhrpott-Klub, Underdog, Klassenkampf, die Alternative zum FC Bayern München; andererseits schon längst selbst ein börsennotierter Millionenverein mit einer 100-Milionen Mannschaft. Für das Switchen zwischen Tradition und Moderne war Jürgen Klopp im modernen, so widersprüchlichen Fußballgeschäft die beste Besetzung.

Wie aber kann bei all dem Geld, das sich hier bewegt, noch das empfindsame, leidenschaftliche, fußball-liebende Kind geblieben sein? Das Wesen von Klopp könnte sehr gut von dem beschrieben werden, der zum Beispiel Pep Guardiola und Jürgen Klopp vergleicht, die mittlerweile Kollegen im Lande Shakespares sind. In Guardiola kann nicht hineingeguckt werden. An der äußeren Eleganz und den Catenacci-Hosen sind wir hängengeblieben. Aber bei Klopp, dem Herzens-Trainer, schauen wir wie eingeladen hinein. Und dann hat er auch noch selbst die Gabe, zu sagen, wie er denn fühle, leide, liebe. Klopp ist jene Klopstock-Empfindsamkeit, die Pep nicht besitzt. Oder im Vergleich mit seinem Nachfolger in Dortmund: Thomas Tuchel wirkt zu Klopp fast wie der strenge Robespierre zum epikureischen Danton.

Und wenn einer irgendwann die Reißleine zieht und sagt: Leute, so geht es im Geldfußball nicht weiter! – dann ist es der empfindsame Klopp.

Moritz Rinke, 48, ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Generation. Sein neuestes Stück „Wir lieben und wissen nichts“ wird auf über 50 Bühnen national und international gespielt. Rinke ist zudem Top-Scorer der DFB-Autorennationalmannschaft, mit der er 2015 das Buch „Man muss ein Spiel auch lesen können: Ein schwarzgelbes Jahr (Blumenbar)“ herausbrachte.

Nuri Sahin: „Mourinho? Hart, aber menschlich“

Nuri Sahin hatte das große Glück, mit vielen großen Trainern zu arbeiten. Trainertypen, die ihn selbst zum Trainer machten. In seiner ersten Socrates-Kolumne, die im Oktober 2016 erschienen war, schreibt der Dortmunder, was Jose Mourinho und Co. so besonders macht.

Ich hatte in meiner Karriere das Privileg, mit vielen großen Trainern zu arbeiten. Durch den Einfluss der Zusammenarbeit mit den „Big Bosses“ dieses Geschäfts habe ich selbst große Lust entwickelt, nach meiner aktiven Laufbahn Trainer zu werden. Seit geraumer Zeit bin ich Co-Trainer meines Bruders, der unseren Heimatverein in der 8. Liga trainiert. Wir filmen unsere Trainingseinheiten, unsere Spiele, aber auch die Begegnungen unsere Gegner, um uns und sie zu analysieren. Ich habe mir auch für zu Hause ein Equipment angeschafft, um Spiele zu filmen und die taktischen Züge der Trainer zu studieren. Auch die Trainingsinhalte bei Borussia Dortmund haben mein Notizblock schon sehr ordentlich gefüllt. Ich versuche einfach ein bisschen mehr zu verstehen.

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Ausgabe #1 erschien im Oktober 2016.

Ausgabe #1 erschien im Oktober 2016.

Der Fußball hat mir in den letzten zwölf Jahren extrem große Erfahrungswerte beschert. Wenn ich an van Marwijk denke, denke ich an das Passspiel. Das hat mir eine Basis verschafft. Mit Jürgen Klopp verbinde ich sehr viel; in erster Linie Teamwork. Er hat mal gesagt, dass es ihm lieber ist, dass Elf zusammen etwas Falsches machen, als wenn jeder das macht, was er will. Das war sehr prägend. Thomas Tuchel ist vielleicht taktisch der beste Trainer, den ich je hatte. Ich finde seine Idee vom Fußball extrem interessant. Brendan Rodgers war ein Verfechter des spanischen Fußballs. Auch meine Trainer in der Nationalmannschaft waren wichtige Figuren: Abdullah Avci möchte sauberen Fußball sehen, ihm war der Austausch mit seinen Spielern sehr wichtig. Guus Hiddink war ein super Trainer. Auch wenn wir nicht erfolgreich waren, hatte er eine gute Idee vom Fußball. Fatih Terim ist klar – er hat eine brutale Siegermentalität und will sie auch von seinen Spielern sehen.

Als Mourinho am Hörer war

In der Hinsicht erinnert er mich an Jose Mourinho. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass sie so gut befreundet sind. Jose ist ein absoluter Siegertyp! Natürlich will jeder Fußballer gewinnen, aber Mourinho verkörpert den Sieg regelrecht. Er tut dafür alles, er liebt den Erfolg und notfalls geht er über Leichen. Er hat seine Spiele in der Halbzeit gewonnen. Diese Ansprache! Unglaublich, ich habe sie heute noch in den Ohren. Sportlich lief es bei Real Madrid nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Es war ein Risiko, das war mir bewusst, aber ich wollte mir die Chance nicht entgehen lassen und nicht eines Tages Reue zeigen, dass ich ein Angebot von Real Madrid abgelehnt habe. Fakt ist, dass Jose extremen Einfluss auf meine Entscheidung hatte. Er hat mich überzeugt, den Schritt zu machen, mir aber dabei nicht die Welt versprochen, sondern war von Anfang an eine ehrliche Haut.

Ich stand damals vor einer schwierigen Entscheidung: In Dortmund bleiben oder den Schritt ins Ausland wagen. Ich hatte meinem Berater gesagt, dass weltweit nur drei Klubs in Frage kommen, um den BVB zu verlassen. Zwei dieser drei Vereine kamen mit einem Angebot. Es kamen auch andere Klubs und mein Berater sagte mir eines Abends, dass ich aus Anstand mit diesen Trainern sprechen müsste, auch wenn ich die Angebote nicht annehme. Ich wollte es zwar nicht tun, griff aber dennoch zum Hörer. Und dann war plötzlich Jose Mourinho dran. Ich war total verdutzt: Er sagte mir, dass er mich monatelang beobachtet hat und dass mein Europa-League-Spiel gegen Sevilla ihm den letzten Kick gab, mich zu holen. Er wusste alles über mich, er wusste, was ich kann und was nicht.

„Was für ein Arschloch!“

Und nochmal: Er war ehrlich! Von dem Zeitpunkt an – bis zum Ende. Manchmal tat es weh, manchmal sagte er Sachen, die ich nicht hören wollte, aber ich wusste immer, woran ich bin. Er war geradeaus. Immer. Ich kann mich an mein bestes Spiel für Real erinnern: Ich habe gegen Granada 45 Minuten super gespielt. In der 44. Minute gab es Freistoß für uns. Ich habe mich super gefühlt und wollte schießen. Ronaldo, der eigentlich ausführen wollte, sagte: „Okay, du schießt!“ Der Ball ging an die Latte und wir gingen in die Kabine. Alle lobten mich, Ronaldo, Alonso, jeder. Was macht der Trainer? Er nimmt mich aus dem Spiel, weil wir 0:1 in Rückstand waren. „Nuri, du hast super gespielt, aber ich muss das Spiel gewinnen.“ Er brachte einen zweiten Stürmer und der schoss das Siegtor. Ich war sauer, aber er hatte recht. Es gab Tage, da dachte ich mir: „Was für ein Arschloch!“ Aber dennoch war ich ihm nicht böse und deswegen sind wir auch bis heute in Kontakt geblieben. Als wir im Sommer in China mit Dortmund gegen Manchester United spielten, fragte er mich wenige Sekunden vor dem Anpfiff, wie es meiner Familie geht und ob in der Türkei alles okay sei. Ich muss zugeben, mir wäre nicht eingefallen, ihn in diesem Rahmen zu fragen, ob in Portugal alles gut sei. Das spricht für ihn.

"Menschekind" war die erste Kolumne Nuri Sahins für Socrates

„Menschenskind“ war die erste Kolumne Nuri Sahins für Socrates

Ich habe sehr viel mitgenommen aus der Zeit mit ihm. Diese Siegermentalität, diese Denke. Wenn ich heute in der 8. Liga meine Jungs trainiere, spüre ich den Einfluss. Ich kann mich an die letzte Saison erinnern, als wir kurz vor Ende der Meisterschaft ein sehr wichtiges Spiel gewonnen haben. Ich habe in der Videoanalyse gesehen, wie nach Schlusspfiff alle Spieler gemeinsam feiern und nur einer in die Kabine geht. Er hat nicht gespielt und war sauer. Mein Bruder ist völlig ausgerastet und wollte ihn eigentlich rauswerfen. Ich meinte dann: „Warte mal, lass uns doch überlegen, wie Mourinho reagieren würde“ und wir haben dann nach Lösungen gesucht. Ihn vor der Mannschaft bloßstellen? Oder doch den Dialog suchen? Ich habe ihm gesagt: „Ich hatte Trainer, die hätten dich rausgeschmissen!“ Ich habe mich aber für die menschliche Option entschieden und seitdem hat er sowas nicht mehr gemacht. So hätte es Mourinho wohl auch gemacht.

Klopp rief mich an

Natürlich ist Taktik wichtig, natürlich ist Training wichtig, aber in diesem Geschäft ist die Menschlichkeit etwas abhandengekommen und deswegen finde ich Typen wie Mourinho oder Klopp wichtig. Sie haben den Anker zum Menschen nie verloren. Als meine Frau schwanger war, war Klopp der erste, der mich anrief. Er schrie mich auch mal im Fitnessraum an, weil ich nach einer Verletzung nicht fit wurde. Aber egal, er meinte es gut. Lest das Buch von Carlo Ancelotti. Auch da steht nichts Anderes drin. Bei so vielen Top-Trainern bin ich schon sehr gespannt, was in der Premier League passieren wird. Mou hat clever eingekauft. Einen Zlatan Ibrahimovic mit 34 zu holen, macht nicht jeder. Die Leute in Liverpool mögen jetzt bitte hier weggucken, aber ich mag die aktuelle United-Mannschaft, aber natürlich hängt mein Herz an den Reds. Und Kloppo gönne ich es auch.