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Harun Farocki: Der Filmemacher als Linksverteidiger

Als der Videokünstler Harun Farocki noch eher unbekannt war, spielte er als vermeintlicher Promi-Fußballer im alten Berlin. Seine Kameraden von "Tasmania Bühne und Sport" haben etwas zu erzählen.

 

von Stefan Pethke

Harun war Linksverteidiger bei TAS Bühne & Sport, passend zu seiner Weltanschauung. Aber er spielte altmodisch und hielt seine Position auch dann, wenn sich das Geschehen in der gegnerischen Hälfte abspielte. Ich habe Harun nie jenseits der Mittellinie erlebt. Unser Angriffsspiel wollte er wohl nicht stören. Der Dokumentarfilmer entschied sich auch auf dem Fußballfeld für eine Beobachter-Position.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #11

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Ich glaube, für Harun war Fußball ein Weg, mit der ganzen Gesellschaft in Berührung zu kommen. Ein „Reality Check“. Er wollte mit unterschiedlichen Menschen zu tun haben, nicht nur mit Leuten aus der eigenen sozialen Blase. Ich weiß nicht, wieviel Einfluss er auf die Zusammenstellung der Mannschaft zwischen Ende der sechziger und Ende der achtziger Jahre genommen hat, aber in seinen Erzählungen tauchten immer wieder Namen von Mitgliedern der Westberliner Subkultur auf, die eigentlich nur er selbst zu TAS gebracht haben kann.

Ich stieß dann Ende der achtziger Jahre dazu, als einer von Haruns fußballaffinen Schülern. Harun gehörte zum ersten Studienjahrgang der 1966 gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). 25 Jahre später gab er dort selbst Seminare. Doch obwohl TAS damals dringend frisches Blut brauchte, zögerte er lange, weitere Filmfreunde einzuladen. Auch von seinen bürgerlich gewordenen Alt-Linken-Freunden, mit denen er noch im ruhigen Wilmersdorf kickte – darunter sehr gute Fußballer – holte er keinen zu TAS. Offensichtlich suchte Harun bei TAS eine Abgrenzung zu seinem Milieu.

Aus dem Filmern wurde eine Künstler-Mannschaft

Ab Mitte der Neunziger mutierte TAS trotzdem zu einer Mannschaft aus Jungfilmern und artverwandter Bohème. Das veränderte natürlich ihren Charakter. Die Neuköllner Prominenten-Elf erlebte den Rückzug des klassischen Proletariats, ein Umbruch nicht nur im Fußball, sondern in der gesamten Gesellschaft. Die Geschichte des Muttervereins ist eine Westberlin-Story. Das kleine Tasmania Neukölln spielte Mitte der sechziger Jahre sogar eine Saison in der großen Bundesliga. Ausschließlich aus politischen Gründen: Westberlin sollte auch im Fußball als Teil des kapitalistischen Westdeutschlands sichtbar bleiben. Was folgte, war ein sportlich-finanzielles Fiasko. Noch heute kennen alle Fußballfans in Deutschland den Namen dieses Vereins, denn sämtliche relevanten Statistiken belegen: Tasmania war der schlechteste Klub der über 60-jährigen Bundesliga-Geschichte.

Nach Mauerfall und Wiedervereinigung war es nicht nur mit der DDR vorbei, sondern auch mit Westberlin. Man organisierte viele Matches zwischen TAS Bühne & Sport und Mannschaften aus dem Berliner Umland. Wir fuhren dann in den ehemals real existierenden Sozialismus – Reisen auf einen anderen Planeten: Die bizarre Westberliner Melange aus subventionierter Arbeiterschaft, Halbwelt und linken Schöngeistern traf auf eine mindestens ebenso undurchsichtige Mischung Befreiter und Enttäuschter vom Dorf. Für Harun mag da noch einmal zusammengekommen sein, woran ihm so viel lag: eine konkrete Erfahrung von Gesellschaft im besonderen Kontext Fußball, ein authentisches Abbild von entfremdeten Verhältnissen.

Später spiegelte die Mannschaft wider, was immer deutlicher nicht nur das Leben in der neuen alten Hauptstadt ausmachte, sondern auch Haruns eigene Produktionsrealität: Berlin zog ehrgeizige Persönlichkeiten aus der Zeitgenössischen Kunst an, ein Betrieb, über den Harun immer stärker seine Filmprojekte (teil-)finanzierte. Mitte der 2000er Jahre hatten Haruns soziale Kontakte TAS Bühne & Sport zum letzten Mal ein neues Gesicht verliehen: Aus der Filmer- wurde eine Künstler-Mannschaft.

DER MIKROKOSMOS: Ein Kurzgespräch zwischen zwei TAS-Freunden

Vincenzo Lenz: Ende der Sechziger fing Harun bei TAS an und spielte dort fast vierzig Jahre lang. Die Mannschaft war eine Abspaltung der Prominenten-Elf von Tennis Borussia aus Charlottenburg, gegründet vom TV-Showmaster Hänschen Rosenthal. Die Bezeichnung „Prominenten-Elf“ hatte oft eine komische Wirkung. Anfang der Neunziger gab es in der Mannschaft niemanden, der bekannt war. Selbst Harun war etwas für absolute Spezialisten. Trotzdem kam es vor, dass ein paar von uns bei Auswärtsspielen um Autogramme gebeten wurden. Auf Fahrten nach Westdeutschland wurden unsere Namen mit erfundenen Biografien über Lautsprecher bekanntgegeben.

Holger Wilke: Aber es gab immer mal wieder bekannte Leute, von Anfang an: Boxer, Trabrennfahrer, Kabarettisten, auch frühere Fußball-Profis. Später wurden ja auch einige Filmer ein bisschen berühmt, zum Beispiel Christian Petzold oder Thomas Arslan. Der türkische Regisseur Züli Aladağ kickte ein paar Mal mit, Schauspieler wie Sebastian Koch, Wanja Mues oder James-Bond-Bösewicht Anatole Taubman. Trotzdem fühlte sich keiner als Prominenz. „Prominenten-Elf“, das war wie ein Witz. Wir sagten immer: Wir sind höchstens eine „1/4-Prominenten-Elf“.

Vincenzo Lenz: Fahrten nach Westdeutschland gab es bis Ende der Achtziger. Vielleicht ein, zwei Mal im Jahr – und Harun war immer dabei. Wir lachten uns alle tot, wenn Willi Domack, ein Stalingrad-Veteran und Gründer von TAS Bühne & Sport, am Abend vor dem Spiel um 23 Uhr an jede Tür klopfte, um die Leute ins Bett zu schicken. Wir waren ja eine Freizeitmannschaft, wir haben nie um Punkte gespielt. Von den paar Reisen abgesehen, hatten wir nur Heimspiele, immer abwechselnd eine Woche auf Rasenplatz, die nächste Woche auf Schotter. Und nach jedem Spiel ging’s ins Vereinsheim. Unfassbar, was es da für Abende gab!

Die Bezeichnung „Prominenten-Elf“ hatte oft eine komische Wirkung. Anfang der Neunziger gab es in der Mannschaft niemanden, der bekannt war.
Vincenzo Lenz

Holger Wilke: Als ich in den Neunzigern zu TAS kam und Harun das erste Mal auf dem Feld gesehen habe, da merkte ich gleich: Man musste gewisse kulturelle Standards mitbringen, um in die Mannschaft zu passen. Es ging nicht um die Erfüllung eines bestimmten Charakters, sondern um eine Vielfalt, die dadurch entstand, dass jeder Mensch in dieser Gruppe etwas repräsentierte. Das unterschied sich vom proletarischen Aspekt, wo eher die Leistung auf dem Platz zählte.

Vincenzo Lenz: Harun war bewusst, dass er in einer qualitativ hochwertigen Mannschaft sehr gut integriert war, obwohl sein eigenes Spiel nicht die Qualität hatte, wie er sie sich vielleicht gewünscht hätte. Wir haben uns immer amüsiert, wenn er Pässe aus kürzester Distanz nicht an den Mann brachte. Dann entschuldigte er sich jedes Mal.

Holger Wilke: Später hat er auch organisatorisch leitende Aufgaben übernommen, als Kassenwart. Es hat ihn genervt, wenn Leute ihre Mitgliedsbeiträge nicht zahlten. Dann liefen Schulden beim Mutterverein auf. Wir mussten einmal fast ein ganzes Jahr kalt duschen. Wahrscheinlich gab es da einen Zusammenhang...

Total bei der Sache

von Haim Peretz

Harun und ich haben nicht so lang zusammen gespielt. Er ist der Vater meiner Frau Anna, über sie bin ich zu Harun und TAS gekommen. Er fragte mich einmal, ob ich mitspielen wollte. Die Antwort war klar. Ich wurde schnell ein Mitspieler bei TAS, ohne den kleinen Test von Harun bestehen zu müssen: das Vorspielen im Volkspark Hasenheide.

Er war ein väterlich beschützender Mann. Für TAS hat er auch lange die schmutzigen Trikots nach Hause genommen und am nächsten Spieltag sauber zurückgebracht. Darüber gibt es auch eine lustige Geschichte. Der Jens, ein jüngerer Mitspieler bei TAS, fragte einmal, ob die Flecken in einem Trikot, das oft gewaschen wurde, ohne dass es richtig sauber wurde, Blutflecken von Harun sein könnten. Die, die Harun noch hatten spielen sehen, mussten lachen, weil das Bild „aggressiver Fußballer“ überhaupt nicht zu Haruns Spielweise passte. Und schon gar nicht zu seinem Charakter. Er war ein sehr ruhiger, beobachtender Spieler. Und Mensch.

Fußballerisch war Harun der Schlechteste, aber auch der Ruhigste. Fast jedes Spiel wurde er ausgewechselt. Aber das war kein Problem für ihn. Er hat mit sechzig aufgehört, obwohl er noch sehr fit war – er hat sogar jedes Jahr das deutsche Sportabzeichen gemacht. Er war immer noch total bei der Sache, aber er fand, dass er die Mannschaft schwächer machte. Und das enttäuschte ihn.

Seine Fußballbegeisterung konnte man leicht merken, wenn man mit ihm Fußball guckte. Er war ein sehr guter Fußball-Analytiker, der ein Spiel wie einen Film schaute, ganz konzentriert, und erst danach kommentierte. Ich habe die Szene genau im Kopf, als ich einmal mit meinem Sohn bei Harun Fußball gucken wollte. Es war das Halbfinale der WM 2006, Deutschland gegen Italien. Mein Sohn war damals noch jung und schrie die ganze Zeit. Nach zehn Minuten sagte Harun: „Wenn du deinen Mund nicht hältst, schmeiße ich dich raus! Wir wollen Fußball gucken.“

Redaktion: Cem Pekdoğru & Göksu Bulut