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Becky Hammon & J.R. Holden: Identitätszeichen

In ihrer Heimat fanden Becky Hammon und J.R. Holden keine Beachtung. Beide gingen ihre eigenen Wege und trafen sich dann doch. Die Geschichte von zwei Wegen und einem Schicksal.

Autor: Cem Pekdoğru

Becky Hammon

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #13

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #13

Madison Square Garden, New York. Die San Antonio Spurs spielen das vierte Spiel der neuen Saison im Big Apple. Die Mannschaft sieht im dritten Viertel nicht so gut aus, verliert zeitweise ihren Angriffsrhythmus gänzlich. Die Spieler der Spurs spielen schon so lange um die Meisterschaft mit, dass sie sich bewusst sind, dass sie selbst in der am unwichtigsten erscheinenden Etappe ihres 82 Spiele langen Kalenders auf etwas stoßen können, das die ganze Saison bestimmen könnte. Die sechsköpfige Assistentengruppe hat sich vor dem letzten Viertel neben Headcoach Gregg Popovich aufgestellt und ist ganz Ohr. Sie sehen genauso ernst aus wie Ärzte, die eine Operation am offenen Herz durchführen.

Für einen der Assistenten ist das hier nicht irgendeine Karriereetappe. Nachdem sie Colorado State, eine Universität, die im Frauenbasketball immer durchschnittlich abgeschnitten hatte, zu Respekt verholfen hatte, durfte Becky Hammon 1999 am WNBA Draft teilnehmen, gehörte allerdings nicht zu den fünfzig Spielerinnen, deren Namen verkündet wurden. Der Grund war einfach zu verstehen: Kein Vereinsvorstand war dazu bereit, von seinem wertvollen Erstrunden-Pick für eine 1,68 Meter große, langsame Spielerin Gebrauch zu machen. Sie konnten ihre Spielintelligenz, Ballbeherrschung und ihr ausgezeichnetes Wurftalent nicht sehen. Sie waren sich sicher, dass niemand sie fragen würde, warum sie Becky Hammon ausgelassen hatten. Am Ende war es New York Liberty, die ihr eine Chance zu bieten wagte und sie ins Pre-Season-Trainingslager einlud. Ich glaube nicht, dass zu den 100 unvergesslichsten Abenden im MSG ein Liberty-Spiel gehört. Andererseits bin ich mir aber auch ziemlich sicher, dass in den acht Saisons, die Hammon bei Liberty verbrachte, einige Spiele als unvergessliche Abende in die persönliche Geschichte vieler Zuschauer eingingen.

Hammon war in South Dakota und in einer Familie aufgewachsen, die ihre Tage – wie dort üblich – mit Jagen, Fischen und Republikanertum verbrachte. Nun sieht sie allerdings so aus, als gehöre sie genau da hin, wo sie ist: wie eine echte New Yorkerin. Ich verliere mich zwischen dem Lächeln in ihrem Gesicht und ihren Falten. Ich kann nicht ausmachen, ob dieses Gesicht einem Mädchen oder einer Oma gehört. In historischen Momenten kann es laut John Berger vorkommen, dass manchmal zwei, drei, sogar vier Generationen in eine Stunde hineinpassen und gleichzeitig existieren.

Seit der Finalserie 1999 durfte kaum ein Zuschauer bei einem Knicks-Spurs-Spiel gedacht haben, dass er einem historischen Moment beiwohnen würde. Aber das hier ist definitiv ein historischer Moment. Und das werden viel mehr Leute begreifen, wenn Becky Hammon in ein paar Jahren die erste Frau sein wird, die jemals als Cheftrainerin einer NBA-Mannschaft auf dem Parkett stand.

Hammon hat nicht erst gestern Abend angefangen, Geschichte zu schreiben, und ihre Taten werden weit über morgen früh hinaus Auswirkungen haben. Einer dieser historischen Momente war im Sommer 2008. Nachdem sie 2003 den Durchbruch geschafft hatte, wurde Hammon in fünf Saisons vier Mal ins All-Star-Team gewählt, wurde aber trotzdem von ihrer Mannschaft zu den San Antonio Silver Stars geschickt. In ihrer ersten Saison in ihrem neuen Zuhause ging sie noch einen Schritt weiter und belegte den zweiten Platz bei der MVP-Wahl. Wenn man bedenkt, dass der Preis an eine Australierin ging, könnte man behaupten, dass sie die beste Amerikanerin war, die damals Basketball spielte. Jedoch teilten nicht alle diese Meinung: Sie wurde nicht in den 23-köpfigen Kader der US-amerikanischen Nationalmannschaft für Peking 2008 gewählt.

Im Zeitalter der Menschen, die ihre Tage mit Klagen darüber verbringen, sie würden nicht die Anerkennung bekommen, die ihnen gebührt, hätte auch Becky Hammon sich damit abfinden können. Gründe hatte sie ja genug. Stattdessen tat sie das, was sie in ihrer gesamten Karriere getan hatte, indem sie die intelligenteste Person in einem Raum war, den sie zielbewusst betreten hatte. Sie akzeptierte das Angebot Russlands, um ihren Traum von Olympia zu verwirklichen.

J.R. Holden

J.R. Holdens Jugend war voller dummer Fehler gewesen. Als er sich mit dem Klapperkasten, den er von seiner Großmutter geerbt hatte, auf den Weg zu einer zwei Stunden entfernten College-Party machte oder als er im Patriot-League-Halbfinale durch zwei aufeinanderfolgende technische Fouls seine letzte Chance, am NCAA-Turnier teilzunehmen, verspielte, war er eindeutig nicht die intelligenteste Person im Raum. Er hatte schon immer Basketball spielen wollen und hatte es geschafft, einige Agenten von seinem Talent zu überzeugen. Allerdings reichte das nicht aus, denn Holden musste auch noch einen Trainer überzeugen, dass er auf dem Spielfeld Verantwortung übernehmen und richtige Entscheidungen treffen könnte.

Holden schrieb in seiner 2011 erschienenen Autobiographie Blessed Footsteps: „Einen Monat nach meinem Uniabschluss saß ich zu Hause und dachte darüber nach, was ich nach dem Sommer tun sollte. Ein Agent rief mich an und sagte, dass er eine ungarische Mannschaft gefunden hatte und ich im Monat 1.200 Dollar verdienen würde. Ich hatte BWL studiert und hätte sicher viel mehr verdienen können, indem ich von 9 bis 17 Uhr arbeitete.“

Beinahe hätte er seine Hoffnung verloren, als er an seinem 22. Geburtstag einen Anruf aus dem alten Kontinent erhielt. Eine lettische Mannschaft namens Brocēni wäre bereit, jährlich 30.000 Dollar zu zahlen, falls er in einer einwöchigen Probezeit den Trainer beeindrucken sollte. Er konnte mit Trainer Valdis Valters nur über einen Dolmetscher kommunizieren und hatte das Gefühl, dass bei der Übersetzung immer etwas verlorenging. Hinzu kam, dass der 16-jährige Sohn des Trainers, Kristaps, der ebenfalls Spielmacher war, bereits mit einem Selbstbewusstsein spielte, das zeigte, dass er auf das Basketballfeld gehörte. Holden ließ seinen Koffer unweit der Tür stehen. Trainer Valters brauchte vier Tage, um sich von Holden beeindrucken zu lassen, und gab das komplette Transferbudget der Mannschaft für einen Rookie aus. Holden hatte den Trainer, den er brauchte, in Riga gefunden.

Ein paar Monate später nahmen sie an einem privaten Turnier in Dubai teil. Holden verbrachte die ersten Weihnachtsfeiertage seiner professionellen Karriere weit entfernt von Zuhause. Die bedeutendste Lektion für seine Karriere erhielt er in derselben Saison von einer europäischen Legende. Er trumpfte gegen Ariel McDonald, den Point Guard der slowenischen Nationalmannschaft, auf, bekam aber nicht nur Lob zu hören: „Du hast gut gespielt, es war eine großartige Show. Aber du hast verloren. Wenn du in Europa wirklich als ein großer Spieler anerkannt werden willst, musst auch noch lernen, zu gewinnen.“ 

Am Ende seiner Rookie-Saison war – professionell gesehen – alles in Ordnung. Andererseits hatte er seit sechs Monaten seine Familie nicht mehr gesehen. Er war sich fast sicher, der einzige Schwarze zu sein, der in Riga lebte. In einem Auswärtsspiel hatte er den äußersten Grad an Rassismus erlebt. Vor seinem Haus stand ein Auto, das er nicht fahren konnte, weil er die manuelle Schaltung nicht beherrschte, und er scheute sich selbst davor, nachts in den Supermarkt um die Ecke zu gehen. Es gab in Europa bessere Orte zum Leben. Nein, er würde niemals in diese Gegend, in die kleine Hölle kleiner Menschen zurückkehren…

Dennoch kehrte er nach drei Saisons in Belgien und Griechenland wieder in jene Gegend zurück. Er hatte eineinhalb Millionen Gründe, um dort zu sein. Neben diesem saftigen Vertrag hatte ZSKA Moskau ihm auch eine traumhafte Wohnung in der Hauptstadt gemietet. Es schien in seinem Leben nichts zu geben, was die Erinnerungen an Riga wachrufen würde. Aber seine Meinung sollte sich ein paar Monate später ändern. Er erlebte für jemanden, der sich als „einen stolzen schwarzen Amerikaner“ bezeichnet, nicht auszuhaltende Belästigungen. Wenn er Zweifel spürte, kamen ihm McDonalds Worte in den Sinn. In Europa würde er keine bessere Chance als ZSKA erhalten, um ein „Winner“ zu werden.

Während seines ersten Engagements bei ZSKA spielte er drei Mal beim Final Four mit. Bei seinen ersten beiden Versuchen hielt er es für sein Pech, dass sie im Halbfinale gegen die Gastgeber antreten mussten, und fühlte, dass er nah dran am großen Sieg war. Der dritte Versuch war in Moskau und dieses Mal waren sie es, die alle für die Favoriten hielten. Aber sie schieden erneut im Halbfinale aus.

Präsident Sergej Kuschtschenko war einer der größten Fans von Holden in Russland. Eines Tages lud er Holden dazu ein, einem Spiel der russischen Nationalmannschaft zuzuschauen. Ein Jahr später war er der erste schwarze Amerikaner, der mit Putins Einwilligung die russische Staatsbürgerschaft erhielt. 2007 erreichte er bei der Europameisterschaft das Finale gegen Spanien. Vor dem Sprungball sah er am Rande des Spielfelds seinen besten Freund Darius. Darius stand auf und streckte seine rechte Faust hoch. J.R. antwortete auf die gleiche Art. Als das Spiel zu Ende war, hatte er den Gastgebern die Party vermiest – er hatte tatsächlich gewonnen. Ein weiteres Jahr später war er für die Olympischen Spiele auf dem Weg nach Peking. Der amerikanische Journalist am Telefon sagte, dass er ihn interviewen wollte.

„Warum rufen Sie mich an? Spricht Becky nicht?“

Peking

Becky sprach. Aber sie war nicht die einzige, die sprach. Die Trainerin der US-amerikanischen Nationalmannschaft, Anne Donovan, sagte zum Beispiel: „Wenn du in diesem Land spielst und im Herzen des Landes aufwächst und ein russisches Trikot anziehst, dann bist du keine Patriotin.“

Ihr Kollege Mike Krzyzewski, der die Männernationalmannschaft trainiert, nahm Holdens Trainer David Blatt ins Fadenkreuz. Er sagte über Blatt, der erzählte, dass er als ein Mensch, der sich das Finale 1972 mit Tränen in den Augen im Radio angehört hatte, das Ergebnis jetzt gerecht finde: „Er ist nun ein Russe. Er trainiert die russische Mannschaft und nimmt jetzt wahrscheinlich ihre Sichtweise ein. Seine Augen dürften jetzt klarer sehen, seine Tränen müssten getrocknet sein.“

Besser wäre es gewesen, wenn nur Becky gesprochen hätte. Sie fragte, was Olympia bedeute. Sie war die Einzige, die den Mut hatte, diese Frage, die viel häufiger gestellt werden sollte, jenen Sommer in die amerikanische Öffentlichkeit zu bringen: „Aus meiner Perspektive sollte es bei Olympia um Solidarität und Freundschaft, um das Zusammenkommen der besten Sportler auf dem Planeten gehen, und nicht darum, sich damit zu brüsten, wie man andere Länder dominiert.“

Es gibt einen weiteren Begriff, der zu den fundamentalen Prinzipien der Olympischen Idee zählt: Freude am körperlichen Einsatz. Becky Hammon und J.R. Holden führen Leben, die um diese Freude herum aufgebaut sind. Und genau aus diesem Grund verdienen sie einen Platz in der olympischen Geschichte.

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Christian Prokop: Der klare Weg

Christian Prokop musste eine schwierige Entscheidung treffen: Für die Erfüllung des eigenen Traums. Heute ist er Deutschlands Handballhoffnung. Socrates traf ihn.

Autor: Fabian Held

An einem herbstlich grauen Tag schlendert Christian Prokop zu einem Café am Leipziger Marktplatz. Im hektischen Treiben zwischen Gemüse-Ständen und dem Außensitz des Cafés wird die Anwesenheit des Handball-Bundestrainers nicht besonders gewürdigt. Heute habe er noch keine Autogramme schreiben müssen, erzählt der 38-Jährige lachend.

In Leipzig ist die Familie Prokop heimisch geworden. Vielleicht auch, weil das Familienoberhaupt entspannt durch die Stadt laufen kann, ohne überall aufzufallen. RB Leipzig spielt in diesen Tagen das erste Mal in der Champions League. Deren Trainer Ralph Hasenhüttl zieht sich die Schirmmütze tief ins Gesicht, wenn er mit dem Fahrrad vom Trainingsgelände nach Hause fährt, um nicht alle paar Meter ein Autogramm geben zu müssen.

So unterschiedlich ist die Wahrnehmung. Alle Augen auf den Fußball, der Handball fällt da manchmal hinten runter. Dabei ist die Leistung von Prokop als Trainer nicht gering zu schätzen. Es gibt gute Gründe, warum er nun Deutschlands sportlicher Vordenker im Handball ist. Trotz seines Alters und obwohl er bislang noch nicht auf dem allerhöchsten Level gecoached hat.

Leidenschaftlich spricht Prokop über den Sport, den er liebt, nach dem er auch ein bisschen verrückt ist, wie er selbst eingesteht. „Aktives Verteidigen“, „attraktiver Handball“, „Begeisterung“, „Emotionalität“, sind Schlagworte, die immer wieder fallen. Prokop hat einen klaren Plan, einen klaren Weg, den er beschreitet. Davon lässt er sich nicht so leicht abbringen. Das mag stur, vielleicht auch etwas eigenbrötlerisch wirken, doch der Erfolg gab ihm bislang Recht. Jetzt holt er aus, für den ganz großen Wurf.

Die entscheidende Wendung passierte 2013

Um die Beziehung zwischen Prokop und dem Handball zu verstehen, eignet sich eine Anekdote. Im Frühjahr 1999 ist der linke Rückraumspieler Christian Prokop ein aufstrebendes Talent in der zweiten Liga. Bei einem Länderspiel der B-Nationalmannschaft verletzt er sich schwer am linken Knie. Die Ärzte sind der Ansicht, dass dies das Ende für Prokop im Profisport bedeutet. Doch der will weiter Handballspielen. Also schult er sich selbst um. Statt mit seiner stärkeren rechten Hand, wirft er fortan mit der schwächeren linken, um so das lädierte Knie zu entlasten. Er kämpft sich noch mal heran, doch muss sich eingestehen, dass es für die ganz große Karriere nicht reichen wird.

Kurz spielt er noch für seinen Heimatverein, die HG 85 Köthen, in seinem Geburtsort in Sachsen-Anhalt. Er erwirbt die A-Trainer-Lizenz und studiert Realschullehramt mit den Fächern Sport und Wirtschaft. Nebenher trainiert er Mannschaften in den unteren Ligen, tastet sich Stück für Stück nach oben. Von der dritten in die zweite, in die erste Spielklasse.

Die vielleicht entscheidende Wendung in der Karriere passiert 2013, als Prokop von TUSEM Essen zum SC DHfK nach Leipzig wechselte. In Leipzig und Umgebung gab es zwar eine gewisse Handballhistorie, doch wie in vielen anderen Sportarten auch, ging nach der Wende viel kaputt.

Karsten Günther machte sich als Geschäftsführer nun auf den Weg, das zu ändern. Und holte mit Prokop den richtigen Trainer. Prokop durfte nach seinen Wünschen ein junges Team formen. Der Aufsichtsrat um Handball-Legende Stefan Kretzschmar und Günther ließen ihn machen. Prokop schaffte den Aufstieg in die Bundesliga, den Klassenerhalt, den Einzug ins Final Four des DHB-Pokals, etablierte Leipzig als Handballstandort auf der Bundesligalandkarte.

Er musste viele Strukturen erst schaffen

„Es war vom ersten Gespräch an eine große Vertrauensbasis beider Seiten da“, beschreibt es Prokop, „alle waren geerdet und realistisch. Ich konnte in Ruhe eine Mannschaft aufbauen, die taktisch intelligent spielt und auf fast jede Situation vorbereitet war.“ Durch die erfolgreiche Zusammenarbeit wuchs auch das Vertrauen der Spieler in ihren Chef. „Ich habe immer gedacht, dass ich mal ein halber Drittligaspieler werde und jetzt stehe ich im Final Four“, sagte zum Beispiel Leipzigs Kapitän Lukas Binder nach der Qualifikation zur Endrunde des DHB-Pokals.

Als Vereinstrainer hat sich Prokop beweisen können. Platz elf und acht in der Bundesliga sind für die Leipziger ein großer Erfolg. Dabei musste er viele Strukturen erst schaffen. Krafträume, Trainingshallen, Übernachtungen in Hotels – das alles fehlte. Günther ist dabei das perfekte Gegenstück zu Prokop. Rührselig schüttelte er im VIP-Bereich so lange Hände, bis das nötige Geld da war. Entsprechend war es für den Geschäftsführer ein großer Schock, als der Deutsche Handballbund (DHB) auf den Plan trat und Prokop als Nachfolger von Dagur Sigurðsson abwerben wollte. Der Isländer hatten den deutschen Handball aus dem Tal der Tränen gehievt, entsprechend groß sind seine Fußstapfen.

Die Verhandlungen zogen sich. Auch weil Prokop selbst zögerte. „Wenn man die Chance bekommt, als Nationaltrainer zu arbeiten, werden das nur wenige ablehnen, weil es mit viel Identifikation und viel Nationalstolz verbunden ist“, sagt er. Auf der anderen Seite fühlt er sich sehr wohl beim SC DHfK.

Christian Prokop will erfolgreich sein

Als die Verhandlungen öffentlich werden, versuchen die Fans, Prokop umzustimmen. Bei einem Heimspiel halten sie Schilder mit den Initialen „CP“ hoch. Der Trainer ist der Star der Mannschaft, wird gefeiert. „Dass es zwischenzeitlich gehakt hatte, lag an einer menschlichen Reaktion. Ich konnte das Kapitel Leipzig nicht einfach so beenden. Ich habe zwischenzeitlich mit mir zu kämpfen gehabt“, gesteht der 38-Jährige.

 Dieser Artikel erschien in Ausgabe #13

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Am Ende geht er doch. 500.000 Euro soll der DHB gezahlt haben. Auch wenn die Zahl nie bestätigt wurde, hat man sie ebenso wenig dementiert. Für Handballverhältnisse ist das eine Rekordsumme. An Prokop ist ein klarer Auftrag formuliert: Gold bei der WM 2019 und den Olympischen Spielen 2020 soll es bitte werden.

Die Frage nach dem Druck lächelt Prokop weg. Entspannt lässt er sich in den Stuhl fallen, die wachen Augen funkeln freundlich. „Aktuell empfinde ich noch keinen Druck“, sagt er. Die EM ist noch einige Monate entfernt. Dabei ist er jetzt nicht mehr nur für sich und seine Mannschaft verantwortlich, sondern für den Handball in Deutschland insgesamt. Denn wenn die Nationalmannschaft erfolgreich ist, steigt das Medieninteresse. Spielt die DHB-Auswahl schlecht, erlischt das Interesse der Deutschen am Treiben auf der Platte.

Doch Prokop will erfolgreich sein, möglichst attraktiven Handball spielen, wie er äußerst lebhaft erzählt. Im Zentrum seiner Handballphilosophie steht die Abwehr. Laufintensiv, individuell eingestellt auf jeden Gegner und möglichst variantenreich. Dabei soll die Abwehr nie nach Schema F agieren und so schwer durchschaubar bleiben. Das alles erfordert viel Kommunikation. „Ich will, dass die gesamte Mannschaft miteinander spricht“, betont Prokop. Steht die Abwehrreihe zu nahe am Sechs- Meter-Kreis, haben die Rückraumspieler des Gegners zu viel Platz zum Werfen. Attackiert die Abwehr zu früh, bekommt der gegnerische Kreisläufer zu viel Platz.

Voller Fokus auf den Handball

Diese Feinheiten sind es, auf die sich Prokop stürzen kann. In Videos analysiert er das eigene Abwehrverhalten, zeigt Lösungen und Fehler. Gleichzeitig seziert er in Videoschulungen auch den Gegner. Bei allen taktischen Finessen legt Prokop aber auch Wert auf Emotionen und Mentalität. „Wir wollen die Zuschauer begeistern“, sagt der Nationaltrainer.

Prokop ist ein junger, moderner und taktisch versierter Trainer. Das, plus der Hintergrund mit der früh beendeten Spielerlaufbahn, hat dem 38-Jährigen den Titel „Julian Nagelsmann des Handballs“ eingebracht. Prokop selbst kann mit derlei Vergleichen allerdings nicht viel anfangen. „Ich kann von der Arbeit vom Typ her gar keinen Vergleich zu Julian Nagelsmann wagen. Ich sehe, abgesehen vom Alter, wenige Parallelen“, sagt der Handball-Nationalcoach.

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Überhaupt ist Prokop niemand, der „zu weit über den Tellerrand hinaus blickt“. Voller Fokus auf den Handball, die Trainingsmethoden anderer Sportarten interessieren ihn nicht so sehr.

Doch laute Beschwerden über die Rahmenbedingungen sind von Prokop nicht zu hören. Er ist Pragmatiker genug, um zu erkennen, in welchen Konflikten er sich nur unnötig aufreiben kann. Dass die Belastung für die Spieler zu hoch ist, die quasi immer im Drei-Tages-Rhythmus spielen, dazu jedes Jahr ein großes Länderturnier haben, will er gar nicht groß kommentieren. Eine einfache Lösung gibt es nicht, dafür ist die Gemengelage zu komplex. Eine populistische Forderung zu stellen, hilft auch nicht. „Ich möchte über das Thema nicht so viel sprechen. Es dient sonst nur häufiger als Alibi“, findet Prokop.

Prokop möchte Titel sammeln

Schon jetzt bereitet sich Prokop auf die möglichen Gegner bei der EM im Januar in Kroatien vor. Europaweit analysiert er Ligaspiele, um Trends und Taktiken auszumachen. Die Erwartungen an die deutsche Mannschaft sind hoch, die DHB-Auswahl ist Titelverteidiger und somit Mitfavorit. Prokop ist ein akribischer Arbeiter. Mindestens. Manche würden es auch versessen nennen. Der Übergang ist sicher fließend. Dabei wird die Vorbereitung künftig eine andere sein. In Leipzig konnte Prokop einzelne Spieler über einen langen Zeitraum individuell besser machen. Bei den anstehenden Turnieren hat Prokop nun nur wenige Tage Zeit, um die ganze Mannschaft vorzubereiten. Dabei stehen mehr gruppentaktische Themen im Vordergrund.

Für Prokop ist die EM das erste große Turnier, das erste Mal im internationalen Rampenlicht. Als Trainer hat der 38-Jährige dabei eine recht komfortable Position, denn ihm stehen eine ganze Reihe junger, hungriger Talente zur Verfügung. Das Gerüst der Mannschaft um Rückraumspieler Paul Drux und Torwart Andreas Wolff kann noch viele Jahre auf höchstem Niveau Handball spielen. Dazu kommen altgediente Stammkräfte wie Uwe Gensheimer. Die „Bad Boys“, wie sie sich selbst nennen, haben das Potenzial, eine Generation zu prägen, wie es Henning Fritz, Markus Bauer, Pascal Hens und Co. getan haben, die 2007 im eigenen Land Weltmeister wurden. Das Einzige, was den Deutschen fehlt, ist ein Rückraumwerfer von Weltformat, wie etwa ein Mikkel Hansen aus Dänemark.

„Dieser Beruf fühlt sich gut an. Ich übe ihn mit viel Freude und Identifikation aus“, betont Prokop. Schritt für Schritt hat er die Karriereleiter erklommen, ist als junger Trainer auf dem höchsten deutschen Trainerposten angekommen. Seinen Weg hat er konsequent verfolgt. Der Vertrag beim DHB läuft bis 2022. Bis dahin möchte Prokop Titel sammeln, möglichst eine Ära prägen. Die Voraussetzungen sind alle da. Daran wird er sich messen lassen müssen. Jetzt liegt der Ball bei Prokop.