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Mensur Suljović: Doppel 14 ins Glück

Mensur Suljović ist einer der Favoriten der Darts-WM in London. Der Österreicher (45) hat  einen steilen Aufstieg hinter sich gebracht. Er behauptete sich dabei gegen die junge Generation in einem Sport, in dem so viele Altmeister heute nicht mehr mithalten können. Aber Suljović hebt nicht ab, er kann den Erfolg einordnen. Er kennt die Schattenseiten des Profisports – und die des Lebens.

17. September 2017. Mensur Suljović atmet tief durch, nimmt sich Zeit. Er tritt an die Wurflinie, fixiert die 2,37 Meter entfernte Scheibe. Suljović hat beim Stand von 9:9 im Finale der Champions League of Darts noch 39 Punkte. Er wirft den ersten Dart in die 11, um sich 28 übrig zu lassen. Noch einmal sein Lieblingsdoppel 14 treffen und er führt mit 10:9, braucht dann nur noch ein Leg zum Sieg. Gleich der erste Pfeil trifft den acht Millimeter breiten äußeren Ring. Suljović ballt die Faust, schreit die Freude raus und verpasst der Luft eine Kopfnuss. So feiert die Nummer sieben der Welt gelungene Aktionen in wichtigen Momenten.

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Der Artikel erschien in der 14. Ausgabe von Socrates

Der Artikel erschien in der 14. Ausgabe

Dann explodiert der sonst so ruhige Mann, dessen Spitzname im Darts-Circuit „The Gentle“ (Der Sanfte) ist. An jenem 17. September 2017 gab es eine Menge Kopfnüsse von Mensur Suljović zu sehen. Denn an diesem Tag gewann er seinen ersten großen Titel bei der Professional Darts Corporation (PDC). Im walisischen Cardiff sicherte er sich die Trophäe bei der Champions League of Darts, dem Turnier, bei dem die besten acht Spieler der Weltrangliste gegeneinander antreten. „Das war der beste Tag meiner Karriere“, erzählt Mensur Suljović. „Ich wollte einfach nur die Gruppenphase überstehen. Mit dem Sieg hätte ich nie gerechnet.“ Für viele Fans und Experten war der Erfolg ebenso überraschend.  Aber er war eigentlich nur die logische Konsequenz einer kontinuierlichen Leistungssteigerung. Und Suljović will noch mehr. „Mein Ziel ist es, unter die Top Vier zu kommen und bei der WM das Halbfinale zu erreichen.“

„Nicht gewusst, ob ich lebend nach Hause komme“

Als er sich im Finale der Champions League gegen den zweifachen Weltmeister Gary Anderson – wieder mit der Doppel 14 – das 11:9 und damit den Sieg holte, ging Suljović in die Knie, hielt sich die Fäuste vors Gesicht und kämpfte mit den Tränen. Dieser Triumph war der vorläufige Höhepunkt einer Erfolgsgeschichte, die mit einer Flucht begonnen hat.

Mensur Suljović wächst mit drei Brüdern und einer Schwester in Tutin, im ehemaligen Jugoslawien (heute Serbien), auf. Einer seiner Brüder wird während des Balkankonflikts in die Armee einberufen. Die Familie hört danach einen Monat lang nichts von ihm. Das trifft besonders die Mutter, sie weint jeden Tag. Mensur hatte sich freiwillig für das Heer gemeldet – allerdings bevor der Krieg ausbrach. „Dann hat meine Familie beschlossen, dass ich auf keinen Fall zur Armee kann. Wir hätten nicht gewusst, ob ich lebend nach Hause komme. Außerdem wollte ich nicht gegen die eigenen Leute, vielleicht sogar Freunde kämpfen.“

Über Mazedonien und die Türkei flieht er mit seinen Brüdern nach Wien. In Österreich bauen sie sich eine neue Existenz auf. Einer von Suljovićs Brüdern eröffnet ein Kaffeehaus, in diesem lernt er durch den Kontakt zu den Gästen Deutsch. Und dort kommt „The Gentle“ auch erstmals mit Darts in Berührung, allerdings mit einem elektronischen Automaten, dem sogenannten E-Dart. Als für ein Doppel ein Spieler fehlt, springt er ein und agiert gleich so gut, dass ihm keiner glauben will, dass er das erste Mal Pfeile in der Hand hat. Der Ehrgeiz des damaligen Hobby-Basketballspielers ist geweckt, er trainiert teilweise zehn Stunden am Tag. Mensur Suljović hat seinen Sport gefunden.

Mensur litt unter „Dartitis“

Ende der Neunziger dominierte er die E-Dart-Szene, sammelte Welt- und Europameistertitel in Serie. Beim Steeldart betrat er 1999 erstmals die große Bühne, als er bei den Winmau World Masters das Achtelfinale erreichte. Aber bis zum Jahr 2006 spielte Suljović immer noch hauptsächlich E-Dart, das, anders als Steeldarts, nicht offiziell als Sport anerkannt ist. 2007 entschied „The Gentle“ sich, auf den anerkannten Sport umzusteigen. Steeldarts wird zu dieser Zeit immer populärer, die besten Spieler der Welt werden in der PDC mittlerweile reich.

In den ersten Jahren wollten sich die Erfolge nicht so richtig einstellen. Das lag auch daran, dass Mensur zu dieser Zeit an einem Dartsspezifischen, psychologischen Phänomen litt, der „Dartitis“. Geprägt wurde der Begriff durch Tony Woods, der ihn als Redaktionsleiter des World Dart Magazins 1981 erstmals verwendete. Auch wenn sich das mentale Problem bei jedem anders darstellt, gibt es eine große Gemeinsamkeit: Die Spieler haben Probleme, den Pfeil zum richtigen Zeitpunkt (oder teilweise überhaupt) loszulassen. Im Oxford English Dictionary steht zu Dartitis: „A state of nervousness which prevents a player from releasing a dart at the right moment when throwing.” Mensur Suljović erzählt, dass es für einen Dartspieler nichts Schlimmeres gibt. „Du weißt, was du kannst, aber du kannst es nicht bringen. Das tut so weh – im Herzen, im Kopf, überall.“

Viele Spieler haben ihre Pfeile wegen dieser psychischen Blockade im Regal verstauben lassen. Die meisten, die sie überwunden haben, mussten ihren Wurfstil abändern, einen Weg finden, den Kopf auszutricksen. So auch Suljović. Wenn er heute am Board steht, dreht er den Dart vor jedem einzelnen Wurf kurz mit dem Zeigefinger ein paar Mal in der Wurfhand. Das macht er so lange, bis er „ein gutes Gefühl“ hat. Diese zusätzliche Bewegung sorgt dafür, dass er zu den langsamsten Werfern am Oche (der Wurflinie) gehört. Auch deswegen war er lange nicht besonders populär bei den Zuschauern. Heute aber drehen Fans in aller Welt durch, wenn seine Einlaufmusik, Simply the Best von Tina Turner, durch die Lautsprecher der Halle dröhnt. Auch nach dem Überwinden der Dartitis gelang es „The Gentle“ zunächst nicht, in die Weltspitze vorzudringen.

Der Aufstieg

Er rangierte meist irgendwo zwischen Platz 40 und 60 in der Order of Merit, der Weltrangliste auf Basis des eingespielten Preisgelds. In diesen Regionen lassen sich die Kosten für die Reisen zu den Turnieren durch das gewonnene Preisgeld nicht abdecken. Und auch potente Sponsoren reißen sich nicht gerade um die Spieler, die bei den Major Turnieren früh rausfliegen oder gar nicht erst dabei sind. 2011 dachte Suljović darüber nach, aufzugeben und die Profi-Tour der PDC nicht mehr zu spielen. Er konnte sich seinen Traum eigentlich nicht mehr leisten. Aber der Österreicher versuchte es weiter, war noch nicht bereit, aufzugeben. 2014 feierte er dann mit dem Erreichen des Viertelfinals der UK Open, einem der wichtigsten Turniere des Jahres, sein bis dato bestes Ergebnis bei der PDC. Voller Selbstvertrauen nahm er sich für 2015 vor, noch einmal einen Angriff zu wagen, noch einen Versuch, in die Top 16 der Welt einzuziehen.

Im Juli 2016 hat er es geschafft. Durch das Erreichen des Achtelfinals beim World Matchplay steht Suljović erstmals unter den Top 16, die für den Großteil der Turniere auf der Profitour gesetzt sind. Drei Monate später gelingt ihm mit seinem ersten Turniersieg bei den International Darts Open in Riesa der endgültige Durchbruch. Ein paar Wochen danach steht er im Finale der Europameisterschaft im belgischen Hasselt, was ihn unter die Top Ten der Welt bringt. Im Viertelfinale besiegt er dort sein großes Idol Phil Taylor, den großen Mann des Sports und sechzehnfachen Weltmeister. „Ich kann es immer noch nicht glauben. Das hat sich fast wie ein WM-Sieg angefühlt.“ Als einen der wichtigsten Bausteine für seinen Erfolg sieht Suljović seinen Mentaltrainer. Dieser habe ihm geholfen, in entscheidenden Momenten nicht nervös zu sein und das Publikum auszublenden.

„I play darts. This is Mensur, this is me“

„Ich hatte auf der Bühne immer wieder Probleme bei Führungen. Ich war oft klar vorne und hab dann noch verloren. Mein Mentaltrainer hat mir Wege aufgezeigt, um diese Probleme zu überwinden. Welche, das bleibt geheim.“ Der zweite Pfeiler seines Aufschwungs ist sein Trainingsfleiß, der dritte sein unbändiger Wille. Milliarden Darts habe er in seinem Leben geworfen, sagt er. „Mich begeistern Leute, die sehr diszipliniert sind und nie aufgeben – wie Thomas Muster. Der war wirklich ein Kämpfer. Man hat immer gesagt, er ist wie ein Deutscher. Er hat nie aufgegeben.“

Die Weltmeisterschaft im Alexandra Palace in London ist für alle Dartspieler und –fans das Highlight des Jahres. Jeden Turniertag werden 4.500, teils skurril verkleidete Fans ihre Helden und sich selbst frenetisch feiern. Im letzten Jahr schied Suljović überraschend bereits in Runde zwei aus. Dieses Jahr wäre eine ähnlich frühe Niederlage eine Sensation. Der erste deutschsprachige Spieler, der überhaupt ein PDC-Turnier gewinnen konnte, ist bei der WM auch die große Hoffnung der deutschen Fans. Einen Profi, der auf Suljovićs Niveau spielt, gibt es in Deutschland nicht. Mensur Suljović weiß, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als Darts. Aber dennoch lebt er diesen Sport. Auch wenn er mal in Urlaub ist, muss er spielen. In einem TV-Interview mit der PDC sagte er: „I play darts. This is Mensur, this is me.“

Sven Scharf

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Kevin Kuranyi! Die Ausgabe #14 ist ab sofort im Handel!

Kevin Kuranyi sagt von sich, dass er mal der schlechteste Fußballer war. Wie man dennoch über 500 Mal auf höchstem Niveau spielt und die Ziele nie aus den Augen verliert, verrät er im Cover-Interview zur 14. Ausgabe von Socrates.

Außerdem in Heft 14

Ralf Fährmann | Der Menschenfänger aus dem Pott

Tennis: Mary Pierce im Exklusiv-Interview

Wintersport: Alle wichtigen Infos zum Start der Saison

Eishockey: Die Ballade vom Whiskey-Räuber Atilla

Rugby: Neue Horizonte in Deutschland

u.v.m.

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