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Tom Brady: Legendenbildung

Nach seinem fünften Titel ist Tom Brady endgültig der Beste, oder? Nein – sagt er selbst. Und zieht aus, um seinen größten Gegner zu bezwingen: Das Alter.

Autor: Stefan Petri

„Ihr wisst schon, der beste Quarterback aller Zeiten.“
Bill Belichick
NFL-Coach

Als Thomas Edward Patrick Brady Jr. am späten Abend des 5. Februar das Spielfeld des NRG Stadium in Houston verließ, hatte er den Job vieler Journalisten um einiges schwieriger gemacht. Mit einem 34:28-Triumph in Overtime hatte Brady mit seinen New England Patriots den Super Bowl LI gegen die Atlanta Falcons gewonnen, dabei einen 3:28-Rückstand aus dem dritten Viertel wettgemacht und seinen insgesamt fünften Titel geholt.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #15

Resultat: Die „Wer ist eigentlich der beste Quarterback aller Zeiten?“-Artikel und Kolumnen auf den Schreibtischen rund um den Globus, zu denen man gern einmal greift, wenn sonst nichts passiert, wanderten auf absehbare Zeit in den „Entwürfe“-Ordner. Diskussion erledigt. Brady nicht ganz oben? Das darf man vielleicht denken. Schreiben kann man es nicht mehr.

Schließlich verbaten sich spätestens nach dem fünften Ring des damals noch 39-Jährigen alle sportlichen Vergleiche zur Konkurrenz. Die meisten Super-Bowl-Teilnahmen, die meisten Super-Bowl-Siege, die meisten Super-Bowl-MVPs. In den Playoffs hält er sowieso so ziemlich alle Rekorde. Gut, die fünf Regular-Season-MVPs von Dauerrivale Peyton Manning wird er wohl nicht knacken, aber auch der würde seine Karriere ohne zu zögern gegen die von Brady eintauschen. Joe Montana, Brett Favre, John Elway, Aaron Rodgers – sie alle würden.

„Er musste gar nicht mehr gewinnen, um seinen GOAT-Status unter Beweis zu stellen“, hatte Rodgers nach dem Super Bowl LI betont, dem mit Abstand größten Comeback in der 51-jährigen Geschichte des Endspiels. „Brady = GOAT“, twitterte LeBron James einfach, und selbst Von Miller, Super-Bowl-MVP im Jahr zuvor, hatte keinerlei Argumente mehr parat. „Peyton ist mein Mann, deshalb stimme ich für ihn. Aber Tom Brady ist der GOAT“, erklärte der Pass Rusher der Denver Broncos. Obiges Zitat von Belichick? Das stammt aus dem April 2016 – da hatte Brady erst vier Ringe.

Nicht Brady, sondern Edelman sorgte für den größten Moment im Superbowl LI

GOAT. Greatest of all time – der Beste aller Zeiten. Ironischerweise ist Brady der Einzige, der sich wirklich gegen diese Auszeichnung wehrt. „Ich bin damit nicht einverstanden“, verriet er im Mai gegenüber ESPN. „Ich kann mich als Spieler gut genug einschätzen. Eigentlich bin ich nur ein Produkt meiner Umgebung, meiner Coaches, meiner Gegner, meiner Ära.“ Viele Spieler hätten in seiner Position Ähnliches erreichen können: „Ich habe großes Glück gehabt.“

Falsche Bescheidenheit einer lebenden Legende? Oder einfach nur brutal ehrlich von jemandem, der weiß, dass nicht viel gefehlt hätte und er hätte mit einem statt fünf Titeln dagestanden.

(Andererseits: Zu den Titeln sechs und sieben hatte auch nicht viel gefehlt. Sieg und Niederlage liegen im Football eben
brutal eng nebeneinander.)

Jene Partie am 5. Februar gegen Atlanta passt hervorragend zur Diskussion – kann sie doch als Beleg für beide Thesen herangezogen werden. Was angesichts des epischen Comebacks nämlich gerne vergessen wird: Wirklich gut war Brady in den ersten 40 Minuten von Super Bowl LI nicht.

Über zweieinhalb Viertel dominierte die eigentlich nur durchschnittliche Defense der Falcons, während Bradys Offense kaum ein Bein auf den Boden bekam, seine Pässe viel zu selten ihr Ziel fanden. Dazu noch der Pick-Six: Der Schnappschuss nach eben dieser Interception, der Brady vergeblich nach Cornerback Robert Alford hechtend zeigt, er hätte sinnbildlich für eine ganz bittere Schlappe stehen können. Wasser auf den Mühlen der Kritiker: Einem Joe Montana wäre so etwas nie passiert.

Vor diesem Hintergrund beurteilte Brady seine Leistung selbst mehr als nüchtern. Trotz vier Touchdowns in den letzten fünf Drives, trotz 466 Passing Yards und der Rekordzahl von 43 angekommenen Pässen. „Eineinhalb gute Viertel inklusive Overtime, das ist für mich nicht gerade eines der besten Spiele überhaupt“, sagte er dem MMQB nur Tage später.

Nicht Brady sorgte schließlich für den größten Moment im Super Bowl LI, sondern Receiver Julian Edelman mit seinem unglaublichen Fingerspitzen-Catch. Bei einem Pass in Triple Coverage wohlgemerkt, um ein Haar intercepted, den sein Quarterback nie hätte werfen dürfen.

Kann es ein größeres Lob geben?

Brady also nur als Nutznießer seiner Receiver, seiner Defense, eines unerklärlichen Falcons-Kollapses? Als, wie er selbst sagte, „Produkt seiner Umgebung“? Natürlich greift auch diese Analyse viel zu kurz. Sie ignoriert seinen nahezu fehlerlosen Auftritt in den letzten 25 Spielminuten, als er die müder werdenden Falcons förmlich sezierte. Ein Quarterback im Spätherbst seiner Karriere, der angesichts des Rückstands hätte aufgeben können – und sich dennoch einmal mehr zur Höchstform aufschwang.

Schaut man sich die entscheidenden Drives gegen Atlanta an, findet man wenig offensichtlich „Spektakuläres“, Würfe der Marke „Das hätte sonst niemand geschafft“. Was man jedoch findet, ist ein klares Konzept, perfekt umgesetzt von Brady, das eben diese einfachen Würfe ermöglichte. Es wirkt vielleicht schlicht – ist dafür aber umso tödlicher.

Es ist wahr, Brady war immer Teil eines großen Ganzen. Wir kennen ihn nur als Grundpfeiler einer makellos geführten Franchise unter einem genialen Coach. Doch warum sollten diese Fakten an seinem Vermächtnis rütteln? Oder, um es auf den Super Bowl LI herunterzubrechen: Ja, die Falcons haben das Spiel durch überflüssige Fehler aus der Hand gegeben. Doch was ist es, wenn nicht „Greatness“, die sich bietenden Chancen eiskalt zu nutzen?

Zeit für ein Geständnis: Als New England den Münzwurf vor der Overtime gewann und Brady den Ball bekam, fiel die Spannung des Spiels plötzlich von mir ab. Mir war klar: Das Spiel ist entschieden. Diese Chance lässt er sich unmöglich nehmen.

Kann es ein größeres Lob geben?

Tom Brady schwört auf seine Methoden

Nicht außer Acht lassen sollte man, dass Brady schon lange vor dem Endspiel unter enormem Druck gestanden hatte: Seine Mutter Galynn war schwer an Krebs erkrankt und trat die Reise nach Houston sichtlich gezeichnet an. Und dann war ja auch noch die schier nicht enden wollende Deflategate-Diskussion.

Es war bezeichnend, dass er die aus seiner Sicht unrechtmäßige Sperre zu Beginn der Saison längst abgehakt hatte, als er zu Commissioner Roger Goodell aufs Podium stieg und diesem die Hand schüttelte. „Ich kann nur einen Kampf gewinnen, und das ist der um meine Leistung auf dem Spielfeld“, erklärte er. „Den Rest kann ich nicht kontrollieren.“ Also saß er seine vier Spiele Sperre im September 2016 ab – und war wenige Monate später Champion.

Wie ein Zen-Meister wirkt der „Golden Boy“ aus Kalifornien bisweilen. Tom Brady strahlt eine Gelassenheit aus, die aus unerschütterlichem Selbstbewusstsein entspringt. „Ich kenne jetzt alle Antworten“, sagt er. „Keine Defense kann mich noch überraschen, ich habe alles gesehen.“ Doch die Tatsache, dass er nichts mehr beweisen muss, hat der Passion für seinen Sport keinen Abbruch getan.

Und so trug er auch in der Offseason einen geradezu missionarischen Eifer für die speziellen Methoden vor sich her, die ihm auch im fortgeschrittenen Alter noch eine außergewöhnliche Fitness ermöglichen. Die reichen von einleuchtend (viel Schlaf, viel Wasser, Fokus auf Beweglichkeit) über kurios (ein strenger Ernährungsplan, der unter anderem Nachtschattengewächse verbietet, dafür aber Avocado-Eis propagiert) bis zu befremdlich: Sein Selbsthilfebuch The TB12 Method ist gespickt mit Pseudowissenschaft wie „ausreichende Hydrierung verhindert Sonnenbrand“, zudem verkauft er über seine Homepage überteuerte Hilfsmittel wie etwa spezielle Schlafanzüge für 200 Dollar.

Dass auch er regelmäßig Gehirnerschütterungen davonträgt, wie so ziemlich jeder NFL-Profi, davon schweigt Brady lieber. Diese Information plauderte Gattin Gisele Bündchen im Mai aus. Dementieren konnte er es nicht.

Guru? Revolutionär? Quacksalber? Brady schwört auf seine Methoden – und will sich an ihnen messen lassen. Nicht umsonst hat er sein komplettes Leben darauf ausgerichtet, bis in seine Mittvierziger auf höchstem Niveau zu spielen. Mindestens. „Football ist mehr als nur Sport für mich. Es ist mein Leben“, sagt er. Was er außer Football noch liebe? „Die Vorbereitung auf Football.“

Ob es nun an den 72 besonderen Spurenelementen im TB12-Wässerchen und dem Himalaya-Salz liegt, oder vielleicht doch nur an guten Genen und einem disziplinierten Lebenswandel: Von einem Leistungsabfall ist bei Brady auch mit 40 noch keine Spur. Nach einem langsamen Start in die Saison haben sich die Patriots zum Topfavoriten auf den Titel aufgeschwungen – alles wie immer also. Das Front Office setzt darauf, dass Brady dieses Level noch mehrere Jahre halten, noch einen sechsten Ring gewinnen kann.

Schließlich gilt es, eine ganz bestimmte Rückennummer 12 vom GOAT-Titel zu überzeugen.

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Felix Loch: Nie genug

Felix Loch ist eigentlich ein alter Hase. Doch der Rennrodler strahlt wieder mal vor Aufregung und hat ein großes Ziel vor Augen. Nur diesmal ohne Experimente.

Autor: Ozan Can Sülüm

Die Saison der Olympischen Winterspiele 2018 hat begonnen und das wird Ihre dritte Teilnahme sein. Abgesehen davon, dass Sie der letzte Olympiasieger sind, lässt sich auch sagen, dass Sie auch noch erfahrener geworden sind und nun viel genauer wissen, was Sie erwartet. Sind Sie dadurch entspannter geworden? Oder spüren Sie immer noch die gleiche Spannung wie bei Ihren ersten Olympischen Spielen in Vancouver 2010, die Sie als der jüngste Olympiasieger verlassen haben?

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #14

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #14

Auch in der olympischen Wintersaison kommt es eigentlich vor allem darauf an, dass man möglichst entspannt in die Saison startet. Ja, natürlich steht man unter einer größeren Spannung. Auf unseren Schultern lastet eine größere Verantwortung und der Druck ist natürlich größer. Wie jeder andere Sportler auch, kann ich Pyeongchang kaum erwarten. Aber das erste Ziel stellen natürlich die ersten Weltcup- Rennen dar. Sie sind die erste Etappe der Saison und ohne dort zu gewinnen, kann man sich auf Olympia nicht gut vorbereiten.

Und wenn wir auf die Vorbereitungen zu sprechen kommen: Können Sie bei den Vorbereitungen davon pro tieren, dass Sie nun erfahrener sind?

Selbstverständlich. Wenn ich ehrlich sein soll, stehe ich am Anfang einer jeden Saison unter großer Spannung. Aber mit der Zeit habe ich gelernt, mich schneller zu entspannen. Wahrscheinlich hat das mit Erfahrung zu tun, denn ab und zu sage ich mir: ‚Das habe ich schon mal erlebt‘, und das hilft mir dabei, mich zu entspannen. Ich denke, dass Erfahrung beim Rennrodeln eine größere Rolle spielt als in anderen Sportarten. Wie Sie auch sagten, das sind nun meine dritten Olympischen Spiele und ich sollte sowieso ein bisschen entspannter sein.

In meinem Fokus steht mit Sicherheit Olympia. Jeder, der in der olympischen Saison eine andere Antwort auf diese Frage gibt, betrügt ein Stück weit sich selbst.
Felix Loch
Rennrodler

Sie haben von den Weltcup-Rennen gesprochen. Viele Athleten nehmen sich vor, in die olympische Saison langsam zu starten und ihren Rhythmus später – während der Spiele – zu steigern. So wie ich verstanden habe, wollen Sie genauso stark anfangen, wie Sie die Saison abschließen wollen. Gibt es bei Ihrer diesjährigen Saisonplanung eine Rangordnung zwischen Olympia und dem Weltcup?

In meinem Fokus steht mit Sicherheit Olympia. Jeder, der in der olympischen Saison eine andere Antwort auf diese Frage gibt, betrügt ein Stück weit sich selbst. Natürlich ist der Weltcup für mich sehr wichtig und ich werde alles geben, um zu gewinnen. Das steht nicht infrage. Das wichtigste Rennen der Saison findet aber am zehnten und elften Februar in Südkorea statt. Es gibt nichts Wichtigeres. Außerdem liegt die Schwierigkeit der Olympischen Spiele unter anderem darin, dass das Rennen zwei Tage dauert. Zwei Tage lang wird geprüft, ob man ein echter „Olympianer“ ist, und alles, was man in seiner gesamten Karriere gelernt hat, passt in diese beiden Tage hinein.

Zum zweiten Mal gehen Sie als Titelverteidiger nach Olympia. Es gibt in der olympischen Geschichte bisher nur eine Person, die drei Mal hintereinander im Einzel die Goldmedaille geholt hat, und das ist Georg Hackl, den Sie ja gut kennen. Denken Sie zu Saisonbeginn viel an die Rekorde, die Sie brechen können, und an das, was bevorsteht, oder gehören Sie eher zu denen, die lieber immer erst an den nächsten Schritt denken.

Rekorde nehmen in meinem Kopf nicht viel Platz ein. Es kommt meiner Meinung nach nicht auf Rekordversuche an, denn wenn man einen Rekord gebrochen hat, bedeutet das, dass man gleichzeitig auch etwas gewonnen hat, und dann ist der Rekord so etwas wie ein Bonus dazu. Rekorde bereiten mir vielleicht ein bisschen zusätzliche Freude. Andererseits waren Meisterschaftstitel bereits in meiner Kindheit natürlich das Ziel, das ich mir gesetzt habe. Ich wollte schon immer meine eigenen Fußspuren hinterlassen. Ich wollte mit meinem eigenen Stil gewinnen, unter die Meisterschaft meine eigene Unterschrift setzen und manch- mal kamen damit auch Rekorde – wie schön! Wenn wir auf Georg zurückkommen: Er ist ein großer Meister, für mich ist er ein großes Idol, ein Trainer, aber vor allem ist er für mich auch ein Meister, den ich meinen Freund nennen darf. Was er geschafft hat, kommt mir nach wie vor unglaublich vor.

Felix Loch hat aus seiner schlechten Saison gelernt

Sie sind erst achtundzwanzig Jahre alt und jetzt schon einer der Größten Ihres Sports. Man könnte sogar behaupten, dass Sie bereits in die Wintersport-Geschichte eingegangen sind. Mit fünfundzwanzig Jahren hatten Sie schon alle vier großen Goldmedaillen geholt, die Sie holen konnten. Wie motivieren Sie sich trotz all dieser Erfolge, Ihre Karriere fortzusetzen? Zum Beispiel hörten Wintersportler wie Gregor Schlierenzauer oder Magdalena Neuner, die in sehr jungem Alter in die Geschichte eingegangen waren, früh auf. Wie schaffen Sie es, sich noch Ziele zu setzen?

Als erstes möchte ich sagen, dass ich meinen Sport sehr liebe. Ich spüre immer noch jeden Morgen nach dem Aufstehen eine große Lust, zu trainieren und wenn ich ab und zu darüber nachdenke, merke ich, dass ich noch nichts habe, was ich lieber tun würde als Rodeltraining. Ich glaube, meine Liebe zu meinem Sport ist für mich die größte Motivation, die mir immer noch erlaubt, auf der Piste immer, selbst in jedem Training, hundert Prozent zu geben.

Nach fünf erfolgreichen Saisons haben Sie letzte Saison zum ersten Mal den Weltcup an Roman Repilow verloren. Lag das an Konzentrations- beziehungsweise Motivationsverlust oder gab es körperliche Ursachen dafür?

Es kam durch das Aufeinandertreffen mehrerer Faktoren dazu, dass ich letztes Jahr den Weltcup verlor. Unser Sohn Lorenz wurde geboren und wir sind umgezogen. Außerdem habe ich im Trainingslager der Nationalmannschaft sowie in meinen individuellen Trainings mit zu vielen neuen Materialien herumexperimentiert. Als wir auf die Ergebnisse unserer Experimente warteten, merkten wir leider zu spät, dass sie uns entgegen unseren Erwartungen in eine negative Richtung führten. Aber wir haben dieses Mal zu Saisonbeginn alle Faktoren analysiert. Es kommt darauf an, dass man aus einer schlechten Leistung oder Saison die notwendigen Schlüsse zieht. Nur so kann man sich weiterentwickeln. Und genau das haben wir getan.

Ich glaube, Ihr Vater und Trainer Norbert Loch meinte genau das, als er sagte: „Letzte Saison war eine Katastrophe, aber diese Saison werden Sie einen neuen Felix Loch sehen.“ Aber ist dieser neue Felix Loch der alte, uns bekannte Felix Loch oder werden Sie durch neue Trainingsmethoden zu einem komplett neuen, anderen Menschen?

Er redet natürlich vom „alten“ Felix. Mein Vater gehört zu denen, die unter der letzten Saison sehr gelitten haben. Nach unserer Zusammenarbeit scheiterten wir. Aus diesem Grund sagt er mir in jedem unserer Gespräche solche Sachen wie ‚Du sollst wieder so werden wie früher‘.

Es ist okay so wie es ist

Sie bezeichneten Ihren Sohn Lorenz als eine der Veränderungen in Ihrem Leben, die letzte Saison eine Rolle gespielt haben. Viele Wintersportler, die Kinder haben, leiden darunter, dass sie sie während der langen Saison kaum sehen können. Zum Beispiel Thomas Morgenstern. Um mit seiner Tochter mehr Zeit verbringen zu können, verzichtete er auf eine Saison voller langer Reisen und damit natürlich auf seine Sportkarriere. Wie wirkt es sich auf Ihr Leben aus, dass es nun Lorenz gibt?

Vor allem verändert die Vaterschaft an sich das Leben eines Menschen. Zum Beispiel: Nachdem ich letzte Saison krank, mit Fieber, von einer zweiwöchigen Tour im Fernen Osten zurückgekommen bin, sah ich ihn in seinem Bett schlafen und ich merkte, wie sehr meine Gefühle von der Freude verschieden waren, die ich normalerweise bei der Heimkehr empfinde. Vor den Rennen oder Reisen empfinde ich ein Vaterschaftsgefühl und mache mir Sorgen um ihn. Das ist etwas Neues für mich. Es ist ein Glück für uns, ihn zu haben, und er bedeutet mir viel mehr als alle meine Erfolge. Andererseits ist das aber mein Beruf. Ich bin ein Sportler und ich übe einen Beruf aus, den ich liebe. Natürlich ist es normal, dass ich häufiger als früher an meine Familie denke, aber ich versuche, das Ganze auch nicht zu sehr zu dramatisieren. Ich liebe sowohl meine Familie als auch meinen Sport von ganzem Herzen.

Natürlich gibt es noch Rekorde, die Sie brechen werden, aber haben Sie langsam angefangen zu planen, was Sie nach Ihrer aktiven Sportkarriere tun werden? Man weiß, dass Sie gerne Golf spielen und Kinder ausbilden. Werden diese Sachen in der Rente weitergehen?

Wenn ich nach der Rente immer noch Teil der deutschen Nationalmannschaft sein könnte, würde ich mich sehr glücklich schätzen. Es kommt mir so vor, dass ich der Nationalmannschaft nicht fern bleiben wollen würde, nachdem ich während meiner ganzen Karriere in ihr gedient habe. Allerdings, auch wenn ich mich der Rente ein paar Saisons angenähert habe, habe ich noch eine lange Zeit vor mir. Deswegen ist es für mich nicht wirklich möglich, dazu jetzt schon etwas zu sagen.

In der Welt des Wintersports bleibt das Rennrodeln meistens im Schatten von Ski Alpin, Biathlon und Skispringen. Halten Sie das Publikumsinteresse an diesem Sport voller Geschwindigkeit und Spannung, der den Zuschauern eine Menge Spaß bereitet, für ausreichend? Denken Sie, dass die Rennrodelsaison zu kurz ist?

Meiner Meinung nach hat der Weltcup loyale Zuschauer. Rennrodeln ist ein Sport, der den Zuschauern richtig Spaß macht, und ich denke nicht, dass es wirklich im Schatten anderer Sportarten bleibt. Und auch die Saison ist nicht zu kurz. Wir sind sowieso fast fünf Monate lang ständig unterwegs und das ist eine sehr anstrengende und ermüdende Zeit. Vor allem, wenn auch noch die Fernost- und Nordamerika-Touren hinzukommen. Außerdem sind September und März viel zu warm und daher ungeeignet zum Rennrodeln. Eine Saisonerweiterung liegt also meiner Meinung nach nicht im Bereich des Möglichen. Es ist okay, so wie es ist. Ich bin jedenfalls ganz zufrieden.

Eine letzte Frage: Momentan sind Sie einer der erfolgreichsten und berühmtesten Wintersportler Deutschlands. Sind Sie als Kind oder am Anfang Ihrer Profikarriere von einem so großen Erfolg beziehungsweise von einem so großen medialen Ruhm ausgegangen?

Niemals! Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich Weltmeister oder Olympiasieger werden würde. Natürlich träumte ich wie jedes andere Kind auch davon, dass ich erfolgreich würde, Meisterschaften gewinnen und ganz oben ankommen würde, aber all das, was ich bisher erreicht habe, wäre für mich unvorstellbar gewesen. Natürlich spielen zahlreiche Faktoren eine wichtige Rolle, es kommt also nicht nur auf mich an. Ohne die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, ohne die unglaubliche Unterstützung meiner Familie, Trainer und Sponsoren wäre all das nicht möglich geworden. Ich schätze mich glücklich dafür, dass ich es so weit gebracht habe, und all denen, die mir dabei geholfen haben, bin ich sehr dankbar.

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Football Leaks: Was danach geschah

Die „Football Leaks“ hatten weltweit für Empörung gesorgt, nur die Fußballindustrie ließ sich von den Enthüllungen nicht beirren. Autor Rafael Buschmann schreibt für SOCRATES, was sich seit Mai 2017 getan hat.

Autor: Rafael Buschmann

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #15

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #15

Es ist fast ein Jahr her, seitdem John zu mir diese Sätze sagte. Wir saßen in einer Bäckerei, irgendwo in Osteuropa, vor uns ein dampfender Laib Brot, in dessen Mitte ein Loch mit Schmelzkäse gefüllt war. Deftige Küche gegen die furchtbare Kälte.

John wirkte erschöpft, ernüchtert, schwer genervt. Nur wenige Wochen zuvor hatten wir in DER SPIEGEL und auf SPIEGEL ONLINE Dutzende Artikel über die dunkle, schmutzige, kriminelle Seite der Fußballbranche veröffentlicht. Die Football Leaks, Johns Baby, hatten uns zuvor mehr als sieben Monate lang in Beschlag genommen. John ist unser Whistleblower, er lebt bis heute in der Anonymität. Anfang 2016 übergab er uns mehr als 18,6 Millionen Dokumente, rund 1,9 Terabyte. Es ist das größte Datenleck in der Geschichte des Sports.

Gemeinsam mit unseren Medienpartnern aus dem European Investigative Collaborations (EIC), insgesamt über 60 Kollegen, haben wir anschließend in mühsamer Detailarbeit die dubiosen Steuerpraktiken von Cristiano Ronaldo, Mesut Özil, José Mourinho und Dutzenden weiteren Fußballern enthüllt. Wir schrieben über den nahezu kriminellen Umgang mancher Klubs mit ihren Talenten, der eher einem Menschenmarkt denn einer sinnvollen Ausbildung junger Nachwuchsspieler gleicht. Unsere Recherchen zeigten, wie tief sich Spielerberater mittlerweile im Fußballbusiness eingenistet und welche Macht sie erlangt haben. Eine Macht, die sie teilweise schamlos ausnutzen, wie im Falle eines niederländisch argentinischen Spielerberaterrings, der seit Jahren die eingefahrenen Millionen-Honorare mit einem komplexen Firmengeflecht an der Steuer vorbeischiebt. Wir deckten auf, mit welchen Mitteln der Sportvermarkter Doyen sich – vergleichbar mit einem Virus – im Fußballmarkt ausbreitete.

Ihn wurmte es, dass sich keiner zu Football Leaks äußerte

Mit all unseren Artikeln leuchteten wir eine Branche aus, die eigentlich unter akuter Transparenzallergie leidet. Wir dachten, wir hätten mit unseren Veröffentlichungen gezeigt, wie enthemmt, zügellos, teils kriminell der Profifußball mittlerweile agiert. Dass in der Branche die meisten moralischen oder ethischen Grenzen keine Rolle mehr spielen. Und dann sitzt John da, futtert Schmelzkäse und zerschießt unsere gesamte Arbeit mit wenigen Sätzen. Ich war bedient.

Ihn wurmte damals vor allem, dass kaum einer der Verbände und auch sonst nahezu keine Spieler, Funktionäre oder Trainer sich zu den Football Leaks äußerten. John erwartete nach all den Artikeln einen Sturm der Entrüstung, auch bei den Fans. „Ihr habt beschrieben, dass Cristiano Ronaldo, einer der besten Fußballer unserer Zeit, 150 Millionen Euro aus seinen Werbegeldern auf die British Virgin Islands transferieren lässt und am Ende nur sechs Millionen Euro Steuern darauf zahlt. In Spanien haben fast 40 Prozent der Jugendlichen keine Arbeit. Trotzdem gibt es keine Proteste. Das ist doch absurd!“, sagte John. Ich erklärte ihm, dass auch nach Edward Snowden NSA-Enthüllungen trotzdem weitere Rekorde im Absatz von iPhones und auch bei Facebook-Anmeldungen stattgefunden haben, obwohl jeder mittlerweile weiß, welch hohes Gut die eigenen Daten eigentlich sind.

Skandale setzen nur selten direkt etwas beim Publikum oder Nutzer frei. Ich habe John gesagt, dass ich glaube, dass bereits rund um unsere Buchveröffentlichung viele Veränderungen sichtbarer werden.

Im Jahr 2018 dürfte es zu einigen Prozessen kommen

Im Mai erschien unser SPIEGEL-Buch Football Leaks – die schmutzigen Geschäfte im Profifußball, das ich gemeinsam mit meinem Kollegen Michael Wulzinger, und viel tatkräftiger Unterstützung aus unserer Redaktion schrieb. Wir zeigten darin viele weitere dubiose, illegale Geschäfte auf. Der Fußball, das wird mit jeder weiteren Enthüllung deutlich, hat ein horrendes Kontrollproblem. Sehr deutlich beschrieben wir das im Buch am Beispiel des Weltrekordtransfers von Paul Pogba. Sein Berater Mino Raiola kassierte über mehrere Firmen insgesamt 49 Millionen Euro an dem Deal. Juventus Turin, Manchester United und Pogba selbst zahlten dieses Honorar. Eine irrwitzige Summe, die in keiner Relation mehr zum Markt steht und die Frage aufwirft, wo dieses Geld am Ende eigentlich landet?

Abgesehen von den neuen Enthüllungen konnten wir in unserem Buch aber auch beschreiben, was seit den ersten Veröffentlichungen passiert ist: Es gab Razzien und Hausdurchsuchungen bei Paris Saint-Germain und seinen Spielern Ángel Di María und Javier Pastore. Zahlreiche Spielerberater stehen seitdem auch im Fokus der Ermittlungsbehörden, es geht um mutmaßlich illegale Honorarzahlungen und Kickbacks.

Der AS-Monaco-Stürmer Radamel Falcao, die Real-Madrid-Spieler Ronaldo, Fábio Coentrão, Daniel Carvajal, Pepe, Manchester-United- Startrainer José Mourinho und etliche weitere Spitzenfußballer wurden von Staatsanwälten vernommen. Ihnen wird Steuerbetrug vorgeworfen, im Jahr 2018 dürfte es deshalb zu einigen Prozessen kommen.

Falcao sagte vor Gericht aus, er habe komplett seinem Agenten vertraut, selbst keine Ahnung von seinen Steuerkonstruktionen. Der Name des Beraters: Jorge Mendes. Er betreute beinahe alle der beschuldigten Spieler, wir schrieben deshalb von einem „Mendes-System“. Seine Finanzexperten sollen für etliche seiner Klienten solche Steuerrutschen gebaut haben, an deren Ende meistens ziemlich viel Geld auf Konten in Übersee plumpste. Mendes, seine Finanzexperten und auch die Spieler bestreiten alle Vorwürfe. Trotzdem haben die portugiesischen Behörden mittlerweile zahlreiche Ermittlungsverfahren gegen seine Firma Gestifute eingeleitet und prüfen aktuell fast jeden Transfer, den Mendes in den vergangenen vier Jahren durchgeführt hat.

Paris machte das Financial-Fair-Play lächerlich

Nur wenige Tage nach unserer Buchenthüllung veröffentlichten auch spanische Ermittler ein Dokument. So schnörkellos die Pressemittelung auch formuliert war, ihr Inhalt hatte es mächtig in sich: 14,8 Millionen Euro soll Cristiano Ronaldo, der portugiesische Stürmerstar, demnach „bewusst“ und „willentlich“ an der Steuer vorbeigeschoben haben. Sollte es zu einem Prozess kommen, drohen ihm nun bis zu sieben Jahre Gefängnis. Auch er beteuert seine Unschuld.

Viele Kollegen aus in- und ausländischen Medien baten uns anschließend um Interviews, wollten wissen, wie es nun mit Ronaldo und auch generell mit dem Fußball weitergehen würde. Wir sagten, dass wir niemandem die Hoffnung machen möchten, dass die Absurditäten und schmutzigen Geschäfte im Fußball zeitnah abnehmen würden. Im Gegenteil: Die Geldspirale würde sich gerade durch die zusätzlichen Investoren- und TV-Millionen dermaßen schnell drehen, dass mit vielen weiteren Exzessen und auch mit zunehmender Kriminalität gerechnet werden kann.

Dann kam der Transfersommer, ganz so, als bräuchte es einen schnellen Beleg für unsere Worte.

Welche Auswüchse Investorenmodelle – eines der zentralen Themen der Football-Leaks-Enthüllungen – annehmen können, durfte die gesamte Welt anhand des Neymar-Transfers begutachten. Der Superstar wechselte mit Hilfe katarischen Öl-Geldes für ein Gesamttransfervolumen von mehr als einer halben Milliarde Euro von Barcelona nach Paris. Dazu verpflichteten die katarischen Großinvestoren noch Kylian Mbappé, ein Supertalent vom AS Monaco. Auch sein Transfer wird inklusive der Beraterhonorare und seinem eigenen Gehalt mehr als 400 Millionen Euro kosten.

Die Katarer brauchten nur wenige Sommerwochen, um das Financial-Fair-Play der darauf so stolz gewesenen UEFA der Lächerlichkeit preiszugeben. Und auch um zu demonstrieren, dass sportlicher Wettbewerb jederzeit im aktuellen Profifußball durch entsprechendes Kapital ausgehebelt werden kann.

Die Football Leaks werden weiter vorangetrieben

Ich traf John im Spätsommer erneut. Wir saßen in einem Park, schauten Kindern beim Fußballspielen zu. „Durch die vielen Football-Leaks-Enthüllungen ist einige Bewegung in die Branche gekommen“, sagte er. Er klang nun wieder deutlich zuversichtlicher, wieder angriffslustiger. „Ich sehe, dass viele der Manager und Funktionäre sich deutlich mehr Gedanken über ihre Geschäfte machen, weil sie Angst haben, damit demnächst selbst im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen. Und auch so ein Deal wie der von PSG und Neymar wird nun viel kritischer betrachtet“, sagte John.

Er überreichte mir eine kleine, schwarze Festplatte.

Zurück in Hamburg stellten wir fest, dass die meisten der Dokumente auf dem Datenträger den Neymar-Deal, aber auch das Geschacher um den Ex-Dortmunder Ousmane Dembélé sowie den Liverpooler Philippe Coutinho beleuchteten. Wir schrieben auch darüber eine lange Geschichte in DER SPIEGEL.

Wenige Wochen später fand in Brüssel ein Hearing des EU-Parlaments zu Football Leaks statt. Auf der Grundlage unserer Enthüllungen debattierten die Europa-Politiker mit Vertretern der FIFA, UEFA sowie der Spielerberatervereinigung über mögliche Veränderungen im Profifußball. Es war eine zähe, ergebnisoffene Veranstaltung. Und sie zeigte, wie schwierig der Prozess hin zu einem transparenteren Business tatsächlich ist. Fußball ist ein globales Geschäft, die Protagonisten haben die finanziellen Möglichkeiten, um die besten Anwälte, Finanzexperten und Steuertrickser einzustellen und ihre Gelder vor nationalen Behörden und Verbänden zu verstecken. Es bedarf großem politischen Gestaltungswillens, um diesen Geldflüssen adäquate Kontrollinstanzen entgegenzusetzen. Ein erster Schritt wäre beispielsweise die Etablierung einer europäischen Schwerpunktstaatsanwaltschaft „Fußball“, die sich ausschließlich mit auffälligen Geldflüssen beschäftigt.

John, das signalisierte er uns zuletzt wieder sehr vehement, wird auch in den nächsten Monaten versuchen, solche Veränderungen durch seine Leaks weiter voranzutreiben.

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Borussia Dortmund: Die Wette auf den Tod

Der Anschlag auf das Team von Borussia Dortmund im April hat den deutschen Fußball verändert. Die Tat hinterlässt verunsicherte Stars und Klubs, deren Markenkern auf dem Spiel steht. Die Liga steckt im Dilemma zwischen Abschottung und Fannähe.

Autor: Ibrahim Naber

Der Tag, an dem Nuri Şahin überlebte, begann mit einem Ritual. Stunden vor dem Viertelfinale gegen die AS Monaco am 11. April 2017 legte sich der Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund auf sein Hotelbett. Er schaltete Musik ein, schloss die Augen und ließ seinen Atem gehen. Wie vor jeder großen Partie in der Champions League stellte er sich in Bildern vor, wie das Spiel für ihn laufen könnte. Danach rief Şahin zu Hause an, Frau und Kinder waren wohlauf. Also schaltete der damals 28-Jährige sein Handy aus und verließ das Zimmer in Richtung Teambus. Weder Şahin noch sonst ein BVB-Akteur ahnte an jenem Aprilabend, dass in Zimmer 402 des Teamhotels ein Mann wohnte, der offensichtlich eine Wette auf ihren Tod platziert hatte.

Sergej W., ein 28 Jahre alter Elektroniker aus dem Schwarzwald, soll laut Anklage versucht haben, aus Habgier 28 Menschen zu töten. Konkret soll der mutmaßliche Attentäter geplant haben, den Aktienkurs des BVB mit einem Angriff auf den Mannschaftsbus abstürzen zu lassen. Laut Ermittlern hatte Sergej W. für seine perfide Wette sogenannte Put-Optionsscheine gekauft, die im Falle eines Kursabsturzes der BVB-Aktie Profit versprachen. Kalkül: je verheerender das Attentat, desto stärker der Kursabfall. Je steiler der Kursabsturz, desto höher der Gewinn. 

Um 19.15 Uhr rollte der Teambus des BVB am Anschlagsabend vom Hotelgelände. Kurz nach der Ausfahrt zündete Sergej W. laut Anklage aus seinem Hotelzimmer per Fernbedienung drei Sprengsätze, die in einer Hecke am Straßenrand platziert worden waren. Die Detonation war so gewaltig, dass sie die Scheiben des BVB-Busses zum Zerbersten brachte. Socrates-Kolumnist Şahin erinnert sich an den Moment: „Innerhalb von Sekunden dachte ich an mein gesamtes Leben. Ich dachte ans Sterben, und ich dachte ans Leben.“

In der Bundesliga ist Sicherheit ein heikles Thema

Monate sind seit dem ersten Anschlag auf eine deutsche Profimannschaft vergangen. Die äußeren Wunden sind verheilt, auch Marc Bartra, dem sich bei der Explosion Metallsplitter in den Arm gebohrt hatten, spielt wieder Fußball. Was das Attentat auf den BVB wirklich hinterlassen hat, offenbart sich erst hinter der Fassade. Es geht um Profis, die von den Bildern des Anschlags bis heute im Alltag eingeholt werden. Und es geht um Klubs, die ihre Stars mittlerweile stärker schützen müssen, aber die Nähe zu den Fans nicht aufgeben wollen. Ein Spagat, der den Markenkern von Vereinen wie Borussia Dortmund gefährdet.

Dieser Artikel erscheint in der aktuellen Ausgabe #15

Dieser Artikel erscheint in der aktuellen Ausgabe #15

„Echte Liebe“ propagiert der BVB weltweit. Der Slogan bedeute bedingungslose Liebe, erklärte Şahin nach dem Anschlag im April, das sei der Borussia-Spirit, das sei ihre Stärke. Man kann das romantisch oder kitschig nden, ganz egal, doch Dortmunds Motto beschwört den Bund zwischen Klub und Fans. Liebe meint hier auch Nähe, Fußballpro s sind in Deutschland Stars zum Anfassen. Nur: Bis zu welchem Punkt können Vereine das heute noch verantworten?

In der Bundesliga ist Sicherheit ein heikles Thema. Wenige wollen sich dazu äußern, auch weil es um viel Geld geht. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) beteuert zwar, Stadien seien die wahrscheinlich sichersten Plätze in Deutschland. Doch Experten sprechen weiterhin von Sicherheitslücken. Und der Anschlag auf den BVB hat gezeigt, dass es um viel mehr geht: um Anfahrtswege, Teambusse, Mannschaftshotels und Trainingsplätze. Fußballfans fürchten eine Entwicklung wie bei anderen europäischen Spitzenklubs: keine öffentlichen Trainings, strikte Abschottung der Stars durch Personenschützer.

Wer sich etwa aufmacht, um das Trainingsgelände von Manchester United zu besuchen, trifft auf kilometerlange Stacheldrahtzäune inmitten von endlosen Maisfeldern. 3,60 Meter hoch steht das Metall in der Luft, Überwachungskameras sind daran montiert. 24 Stunden am Tag patrouillieren Wachmänner, um das gigantische Areal vor Unbefugten ab- zuschotten. Der Trainingskomplex des größten Fußballklubs der Welt ist ein Hochsicher- heitstrakt im Nirgendwo. „Fortress Carrington“ nennen sie das Gelände in Manchester spöttisch – „Festung Carrington“. Auch auf Übungsplätzen anderer Premier-League-Verei- ne sind Fans unerwünscht.

"Wir benötigen höhere Standards: eine bessere Ausbildung, keine Dumpinglöhne mehr. Es gibt zu viele Sicherheitsdienste, die Amateure anheuern."
Björn Bergmann
Sicherheitsbeauftragter Schalke 04

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Im Vergleich dazu zeigen sich deutsche Klubs volksnah: Das Trainingsareal von Schalke 04 am Berger Feld ist frei zugänglich. Wer will, kann dort ein Bier trinken und den Pro s beim Schwitzen zuschauen. „Wir sind ein offener Verein“, sagt Clemens Tönnies, Schalkes Aufsichtsratschef, stets. Und sein Wort hat Gewicht. Königsblau hält an den öffentlichen Trainingseinheiten auch nach dem Anschlag auf Erzrivale Dortmund fest: „Wir wollen uns nicht abschotten. Das sollen andere Vereine machen. Hier wird es vor einem Spiel maxi- mal eine Trainingseinheit unter Ausschluss der Öffentlichkeit geben“, versprach Trainer Domenico Tedesco im Juni. Auch der BVB bietet seinen Fans weiterhin die Möglichkeit, beim Training der Profis vorbeizuschauen; seltener jedoch als der Konkurrent aus Gelsenkirchen. Im Oktober und November setzte der Klub insgesamt drei öffentliche Trainingseinheiten an.

Hinter den Kulissen haben die Klubs ihre Sicherheitskonzepte deutlich ausgewei-tet. Als Reaktion auf den Anschlag kündigte BVB-Klubboss Hans-Joachim Watzke den Aufbau einer eigenen Abteilung Sicherheit an. Erste Vorstellungsgespräche mit ehemaligen GSG-9- und BKA-Leuten führten die Verantwortlichen der Borussia bereits Ende April.

Ins Dortmunder Anforderungsprofil hätte Björn Borgmann gepasst, der sich um die Sicherheit bei Schalke 04 kümmert. Der 44-Jährige ist einer der bekanntesten Personenschützer der Liga. Mit seiner Firma Shield Security sorgt er auch für die Sicherheit der Nationalmannschaft. „Wir benötigen höhere Standards: eine bessere Ausbildung, keine Dumpinglöhne mehr. Es gibt zu viele Sicherheitsdienste, die Amateure anheuern“, erklärte er der Welt am Sonntag. Borgmanns Truppe macht vor Spieltagen eine Gefahrenanalyse, observiert das Hotel und überprüft Zufahrtswege von Teambussen.

Ligaklubs wie Hamburg oder Leipzig engagierten schon vor dem BVB-Anschlag Sicherheitsdienste, die das Team bei Reisen begleiten. Vereine der französischen Ligue 1 gehen bereits einen Schritt weiter. Paris Saint-Germain soll unter anderem Motor- radfahrer engagieren, die den Profus bei Stadtfahrten Begleitschutz bieten. Auch die Sicherheitsanlagen rund um die Anwesen der PSG-Stars sind ausgebaut worden. Über eine Millionen Euro soll der Klub für die Maßnahmen in sieben Monaten gezahlt haben.

Die Sicherheitskonzepte der Klubs sind geheim

Sorgen macht den Klubs die Sicherheitslage schon länger. Die schrecklichen Bilder von 2015 rund um das Pariser Stade de France sind vielen Fans in Erinnerung geblieben. Bei den Anschlägen auf Frankreichs Hauptstadt wollten die Attentäter Bomben im Stadion zünden. Dies wurde jedoch von Sicherheitskräften vereitelt. Die Attentäter sprengten sich vor der Arena in die Luft. Spätestens seitdem versuchen sich Vereine mit Anti-Terror-Konzepten gegen solche Angriffe zu wappnen.

Auch der BVB hat ein Anti-Terror-Konzept, das beim Anschlag im April zum Einsatz kam. Norbert Dickel, Stadionsprecher des BVB, hatte einen Text parat, der für die Gefahrenlage eines Terrorangriffs verfasst wurde. „Wenn so etwas passiert, ist es sehr wichtig, dass die 80.000 Menschen im Stadion die vertraute Stimme ihres Stadionsprechers hören und nicht eine Durchsage der Polizei“, sagt Dickel. Dabei ginge es vor allem darum, den Ausbruch von Panik zu vermeiden, erklärt der 56-Jährige und fügt hinzu, dass man sich im Stadion und im Verein sehr genau auf solche Bedrohungslagen vorbereite.

Die konkreten Sicherheitskonzepte der Klubs sind natürlich geheim und eng mit der Polizei abgestimmt. Joachim E. Thomas, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung deutscher Stadi- onbetreiber, hält weitere Schutzmaßnahmen in Fußballarenen für überfällig: „Ich persönlich glaube, dass wir in Zukunft an den Eingängen deutscher Stadien Ganzkörperscanner haben werden“, sagt er.

Tatsächlich könnten die Geräte dabei helfen, eine Sicherheitslücke zu schließen: das Hin- einschmuggeln von Gegenständen. „Die Vereine müssen sich fragen, wie schwer es aktuell ist, Sprengstoff in ein Stadion zu bringen“, erläutert ein Personenschützer, der anonym bleiben will. Bei einem Ligaspiel des BVB strömen rund 80.000 Menschen innerhalb von 60 Minuten ins Stadion. Experten sind sich uneinig, ob sich dies mit Körperscannern bewältigen ließe. Der Zugewinn an Sicherheit könnte dazu führen, dass Fans wesentlich früher anreisen, länger warten – oder ganz wegbleiben. Konsens besteht darin, dass die bisherigen Einlasskontrollen eklatante Schwächen haben. Immer wieder gelangen verbotene Pyrotechnik und Wurfgeschosse in Stadien. Im Terrorfall könnten ganz andere Dinge reingeschmuggelt werden.

Beruhigend, dass der Attentäter ein Einzeltäter sei

Nur wenige Fußballer haben bislang die Situation eines Anschlags erlebt. Matthias Ginter war gleich zweimal das Ziel eines Attentäters: als Nationalspieler beim Länderspiel in Paris 2015 und als Pro von Borussia Dortmund im April 2017. Im SZ-Magazin hat der 23-Jährige zuletzt in einem bemerkenswerten Interview über die Momente des Schreckens und die Folgen gesprochen: „Unmittelbar nach einem Anschlag muss man funktionieren. Man hat gar nicht die Zeit, das Erlebte zu verarbeiten“, sagte Ginter, der derzeit für Borussia Mönchengladbach spielt. Das Viertelfinale des BVB gegen Monaco sei nur um einen Tag verschoben worden, danach musste er schon wieder im Drei-Tage-Rhythmus auflaufen. „Ich glaube, an Ostern hatten wir dann mal ein, zwei Tage frei. Zeit, um nachzudenken. Da wurde mir erst bewusst, wie sehr ich noch unter Schock stand. Ich saß daheim und dachte: Ich höre mit dem Fußballspielen auf“, erklärte der Weltmeister von 2014.

Der Gedanke an einen Rücktritt war für den Verteidiger nicht die einzige Folge. Präzise beschreibt Ginter im Interview Situationen aus dem Alltag, in denen ihn die Erinnerungen an die Attentate einholten. Die erste Szene spielte sich beim Confederations Cup 2017 in Russland ab. „Der Teambus ist über etwas drübergefahren, es hat etwas heftiger geruckelt, und ich habe sofort aus dem Fenster gesehen. Da meinte mein Mitspieler Lars Stindl zu mir: ‚Ich glaube, ich weiß, was du jetzt denkst. Keine Angst, da war nichts.‘“ Die zweite Situation, an die er sich erinnert, erlebte er im Stadionin Leverkusen: „So um die 80. Minute herum nahm ein Mann Platz, der da vorher nicht saß, er hatte einen Rucksack dabei. Wir haben uns angesehen, und meine Freundin meinte: ‚Lass uns lieber reingehen.‘“ Tatsächlich hätten sie daraufhin ihre Plätze verlassen, erzählt Ginter.

Für den Fußballprofi sei es im Rückblick beruhigend, dass der BVB-Attentäter wohl ein Einzeltäter sei und keine organisierte Gruppe, für die er weiterhin eine Zielscheibe darstellen könnte. „Es hat mir bei der Verarbeitung geholfen. Auch dass Sergej W. gefasst wurde und er kein Pro war – mehr als die Hälfte der Sprengladung verfehlte den Bus, sonst säße ich vielleicht nicht hier“, sagt Ginter.

Der Prozess gegen Sergej W., den mutmaßlichen Attentäter, beginnt am 21. Dezember vor dem Landgericht Dortmund. Bislang soll der Tatverdächtige jede Schuld von sich weisen: In dem Hotel, vor dem er laut Anklage die Bomben zündete, habe er nur Urlaub gemacht.

Ginter sagt, dass er den Prozess verfolgen werde. Für sich selbst habe er einen Entschluss gefasst: „Ich habe beschlossen, dass ich mir nicht nehmen lasse, was ich mit am meisten liebe“, erklärt er. Und das sei eben das Fußballspielen.

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Michael van Gerwen: Der, der heute lacht

Drei Jahre nachdem Michael van Gerwen jüngster Darts-Weltmeister wurde, sicherte sich der Niederländer den Titel im Januar 2017 erneut. Mit seinem Erfolg und seiner Grossspurigkeit, das weiß auch Elmar Paulke, kommt nicht jeder im Darts-Zirkus zurecht.

„Ich werde demnächst ins Kloster gehen.“

Dieser Satz rangiert unter Aussagen und Hobbys, die wohl am wenigsten von Dartsspielern erwartet werden – dazu bedarf es keinen Hellseher – wohl sehr, sehr weit oben. Also, vorausgesetzt es würde solch eine Kategorie überhaupt geben und etwa bei der altehrwürdigen TV-Sendung ,Familienduell‘ nach Hobbys von Dartspielern gefragt werden. Doch von Darts-Weltmeister Michael van Gerwen, der Nummer eins der Welt, diesem stämmigen Niederländer mit der Glatze und den karg wirkenden, fast gefährlichen Gesichtszügen, der so viele Klischees eines Darts-Spielers erfüllt, gibt es exakt dieses Zitat.

„Ich werde demnächst ins Kloster gehen“, hat der heute 28-jährige Dominator der Darts-Welt bereits vor zwei Jahren dem Der Spiegel in einem Interview preisgegeben. Damals erklärte der Niederländer, dass es in der Nähe Den Bosch ein Kloster gebe samt Sprachinstitut, das von Nonnen geführt werde. „Viele Prominente gehen dorthin und ich will unbedingt dort mein Deutsch verbessern, nicht zuletzt, weil Deutschland in Sachen Dartssport immer wichtiger wird.“

Seitdem hat sich MvG, wie die in der Dartsszene allseits bekannte Abkürzung des Weltranglistenersten lautet, in der Öffentlichkeit nie mehr zu seinem Vorhaben geäußert. Selbst die so gut informierte deutsche Stimme des Darts, Elmar Paulke war und ist nicht eingeweiht. Dabei hat van Gerwen gar das Vorwort von Paulkes Buch Game On verfasst. Sie sprechen oft miteinander. „Doch ob er das wirklich gemacht hat, weiß ich nicht“, sagt der Kommentator im Gespräch mit Socrates.

Seine Deutsch-Kenntnisse habe er aber tatsächlich sehr wohl verbessert. „Auf der Bühne gibt er ab und an Kostproben“, bestätigt Paulke eine Entwicklung abseits der Dartsscheibe. Innerhalb seiner Sportart, am Oche, dem Abwurfpunkt, der 2,37 Meter von der Scheibe entfernt ist, ist die Entwicklung in den vergangenen Jahren ohnehin beeindruckend.

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„Das war die große Geschichte der WM“

Nach dem Monsterjahr 2016 mit 26 Turniersiegen hielt der Niederländer dem Druck des absoluten Topfavoriten stand und gewann ebenfalls im altehrwürdigen Alexandra Palace, im Ally Pally zu London – fast genau ein Jahr ist das jetzt her.

„In Erinnerung geblieben; ist vor allem die beeindruckende Achtelfinal-Revanche gegen seinen Landsmann Raymond van Barneveld im Halbfinale. Das war eine, wenn nicht die große Geschichte der vergangenen WM“, resümiert Paulke. 6 zu 2 gewann MvG, die durchschnittliche Wurfaufnahme, der Average lag bei beeindruckenden 114 zu 109 Punkten.

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Das beste Jahr des Michael van Gerwen

Das Match überstrahlt im Rückblick sogar, dass der spätere Weltmeister bereits in der zweiten Runde gegen den Spanier Christo Reyes beim 4:2 fast alles geben musste. Die Nummer 32 der Setzliste blieb der einzige Spieler im Turnierverlauf, der den Dominator, zumindest was den Average angeht, knapp überragte. Dass darüber heute niemand mehr spricht, ist van Gerwens beeindruckendem, bereits erwähntem Halbfinalerfolg zu verdanken sowie der Machtdemonstration im Finale gegen Titelverteidiger Gary Anderson (7:3). Doch in der Tat hatte „Mighty Mike“ 2016 im Vorjahr überraschend im Achtelfinale gegen van Barnefeld die Segel streichen müssen. Schon damals war er der Favorit auf den Titel. Andere wären an diesem Rückschlag zerbrochen. Doch van Gerwen legte anschließend das beste Jahr seiner Karriere hin – mit einer Konstanz und Nervenstärke, die Experten und die verrückten, immer mehr werdenden Dartsfans sonst bisher nur von Phil Taylor, der bald aus dem Wettkampfsport scheidenden Dartslegende, gewohnt waren.

„Von meiner Dominanz war ich eigentlich nicht überrascht“, urteilte MvG im Sommer gegenüber SPOX. „Aber wenn ich jetzt auf das Rekordjahr 2016 zurückblicke, ist das schon eine sehr schöne Leistung.“ Der Sieg im Ally Pally habe die Sache schön abgerundet.

„ES IST EIN GANZ SCHMALER GRAT IM DARTSSPORT ZWISCHEN: WANN IST ES NOCH SELBSTBEWUSST UND AB WANN WIRKE ICH ARROGANT?“
ELMAR PAULKE
Darts-Experte

„Diese mentale Stärke haben in dieser Ausgeprägtheit sonst nur wenige Spitzensportler. Die entsteht aus einer ganz großen Überzeugung. Van Gerwen hat eine regelrechte Gier nach Erfolg entwickelt und diese Gier lebt er bei den Turnieren auch voll aus“, erklärt Paulke den Siegeszug der Nummer eins der Weltrangliste, der sogenannten „Order of Merit“, die im Verband der beherrschenden PDC nicht nach Punkten, sondern nach Preisgeld berechnet wird.

„Diese Gier“, so Paulke, fange bereits im Practice Room an. „Dort sagt er seinem Gegner, dass er ihn weghauen wird, und so steht er dann später auf der Bühne und haut den Gegner auch weg.“ Ohne diese Überzeugung sei dieser Siegeszug und die Konstanz nicht möglich.

Irokesenschnitt fürs Baby

Für Paulke sei nach dem WM-Titel 2017 aber ebenfalls klargewesen, dass „er dieses überragende Jahr 2016 mit den 26 Titeln diese Saison in der Form nicht mehr wiederholen kann“. Doch auch das Kalenderjahr 2017 sei herausragend gewesen. „Er hat wieder mehr Titel geholt als alle anderen“, sagt Paulke. Jammern auf allerhöchstem Niveau. Dennoch hat sich im Leben des 28-Jährigen einiges geändert. Da waren erstmals Verletzungssorgen, im Frühjahr starke Rückenprobleme, im Herbst eine Sprunggelenksverletzung, die ihn bei den German Masters gar zur Aufgabe zwang.

Eine weitaus schönere Veränderung: Van Gerwen und seine Ehefrau Daphne Govers wurden im Sommer erstmals Eltern einer gesunden Tochter, die im Herbst nach dem Titel-Hattrick ihres Vaters beim Grand Slam of Darts mit ihm auf der Bühne gar um die Wette strahlte. Und der kurz zuvor geschlagene Irokesenmann Peter Wright, seines Zeichens Nummer zwei der Welt, deutete anschließend einen Irokesenschnitt fürs Baby an – rührende Szenen der beiden Weltklasse-Athleten. Doch diese Harmonie ist im Bereich der Weltklasse-Darter längst kein Alltag. Michael van Gerwen wurde schon länger, damals noch hinter vorgehaltener Hand, eine gewisse Arroganz und Großspurigkeit vorgeworfen. Spätestens, als er mit 17 Jahren 2007 im gleichen Turnier Phil Taylor schlug und einen Neun-Darter warf. „Ich war schon immer überzeugt, dass ich gegen jeden gewinnen kann“, erläutert MvG selbst. Die Großspurigkeit lebt er mittlerweile öffentlich bei Turnieren aus.

„Es ist dumm von ihm“

„Er ist definitiv großspurig. Aber es ist ein ganz schmaler Grat im Dartssport zwischen: Wann ist es noch selbstbewusst und ab wann wirke ich arrogant? Du benötigst diese Großspurigkeit ein Stück weit auch, um diesen Erfolg zu haben. Phil Taylor hat sie lange Zeit ebenfalls ausgelebt“, ordnet Paulke ein.

Eben jener Taylor, der van Gerwen im Sommer beim World Matchplay krachend mit 16:6 im Viertelfinale besiegte und anschließend vor den TV-Kameras tobte: „Was tut er da? Er ist Profi, die Nummer eins und amtierender Weltmeister. Werde erwachsen! Es ist dumm von ihm sowas zu tun und das werde ich ihm auch noch sagen.“ Van Gerwen hatte während seines Zweitrundenspiels gegen Simon Whitlock beim Stand von 8:2 seinem Freund Vincent van der Voort eine Textnachricht geschrieben: „Whitlock ist raus“.

Michael van Gerwen wurde gemobbt

„Das war eher dämlich von Vincent van der Voort, das auszuplaudern vor laufenden Kameras. Was van Gerwen in einer privaten Nachricht schreibt, ist eben seine Privatsache“, sagt Paulke. Der Vorfall passt dennoch ins Bild. Van Gerwen ist und will auch gar nicht der Liebling unter Kollegen sein, gibt offen zu „nur ein, bis zwei Freunde“ auf der Tour zu haben. MvG ist der klassische Einzelkämpfer in einer Einzelsportart, in der ihm als Dominator der Szene die Wärme seines privaten Umfelds zu reichen scheint.

Michael van Gerwen, das hat er mittlerweile öffentlich preisgegeben, wurde in der Schule gemobbt, wusste sich oft nur mit Schlägen zu helfen. Im Dart holte er sich als Jugendlicher schnell Selbstvertrauen, als andere ihn in seinem Heimatstädtchen Boxtel noch belächelten. Er übte erst jeden Samstag in einer Kneipe und als sich die Erfolge einstellten wurde es mehr, umfangreicher und professioneller. Das Selbstwertgefühl, das sich daraus entwickelte, ist heute Teil eines Selbstverständnis, mit dem der Niederländer gut fährt, dominiert und viel Geld einimmt.

„Er ist verwundbar“

Mit Blickrichtung auf die WM, bei der es dieses Jahr um insgesamt fast zwei Millionen Pfund geht, bestätigte er gegenüber SPOX, dass sich mittlerweile ein Dreikampf mit Gary Anderson und Peter Wright entwickelt habe. Diese Spieler hat ebenfalls Elmar Paulke auf dem Zettel. Der Kommentator ist trotz der Dominanz und der absoluten Favoritenrolle von MvG überzeugt, „dass er bei der WM verwundbar ist.“

Fans und Experten blicken mit Spannung auf die 25. Auflage, die vom 14. Dezember bis zum 1. Januar stattfindet. „Der Set-Modus, der im Ally Pally ausgetragen wird, spielt ihm nicht so in seine Karten. Das haben wir in den vergangenen Jahren schon miterlebt. Dieser Modus arbeitet seine Dominanz nicht ganz so klar heraus“, erklärt Paulke.  Das Momentum spiele eine Rolle. Deshalb seien auch Raymond van Barneveld und Adrian Lewis bei der Weltmeisterschaft immer vorne dabei.

Außerdem gibt Paulke zu bedenken: „So selbstverständlich wie dieses Selbstvertrauen und Auftreten von Michael van Gerwen in der Vergangenheit wirkte, so sensibel ist dieses Gerüst aber auch. Das haben wir vor zwei Jahren bei Phil Taylor gesehen, als diese Selbstverständlichkeit plötzlich weg gewesen ist. Dieses so hart erarbeitete Gerüst kann schnell zerbrechen – in Sekunden sogar“, sagt er, wohlwissend, dass der Niederländer in den Turnieren vor der WM abgeräumt hat. Zuletzt gewann er die Players Championship – zum dritten Mal in Folge. Falls Michael van Gerwen die WM erneut gewinnt, dann wird er das in seiner gewohnten Art tun. Plötzliche Demut dürfen seine Kollegen eher nicht erwarten. Das Auftreten beim Dart spricht dementsprechend auch eher gegen einen Klosterbesuch in der Vergangenheit. Andererseits: Im Sport gibt es genug Typen, die sich während des Wettkampfes zu einem anderen Typ entwickeln. Ob er im Kloster war und was Michael van Gerwen außer einer möglichen Sprache gelernt haben könnte, bleibt vorerst das Geheimnis des zurzeit besten Dartsspielers der Welt.

Jannik Schneider

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Lothar Matthäus: „Hier darfst du atmen“

Lothar Matthäus hat die Welt erobert, aber erst heute den Ort gefunden, an dem er sich frei fühlt. Das deutsche Idol spricht im Interview mit Socrates über ein Leben unter Beobachtung, falsche Wahrnehmungen und natürlich über Fußball.

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Lothar Matthäus: „Mein Sohn ist sportlich gesehen mehr Vettel als Matthäus“

Socrates traf Lothar Matthäus in München zum Interview – die bayerische Landeshauptstadt ist aber längst nicht mehr seine Heimat, denn der deutsche Rekordnationalspieler lebt im Ausland und erklärt im Interview die Gründe für den Standortwechsel und sein Fernweh.

Wer wird Bayern-Trainer?

Matthäus spricht auch über Schwierigkeiten in der Vergangenheit, den Fokus seiner Kinder, Ex-Fußballstars wie Thomas Häßler, die in TV-Shows auftreten müssen und über seine Zukunft als Trainer. Außerdem hat Lothar Matthäus einen Tipp für den Posten des Bayern-Trainers.

Die Themen in Ausgabe #15

Der große Jahresrückblick

12 Monate, 12 bewegende Ereignisse

Exklusiv-Interview mit Borussia Mönchengladbachs Lars Stindl

Vom Geheimtipp zum Hoffnungsträger Löws?

Football Leaks

Was sich seit Mai 2017 getan hat: von Autor Rafael Buschmann

Neymar

Warum er ohne seinen Vater nicht funktioniert…

Exklusiv-Interview mit Rod Laver

Socrates traf die die Tennis-Legende

Michael van der Gerwen

Großspurig und erfolgreich: Das Porträt

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