,

Borussia Dortmund: Die Wette auf den Tod

Der Anschlag auf das Team von Borussia Dortmund im April hat den deutschen Fußball verändert. Die Tat hinterlässt verunsicherte Stars und Klubs, deren Markenkern auf dem Spiel steht. Die Liga steckt im Dilemma zwischen Abschottung und Fannähe.

Autor: Ibrahim Naber

Der Tag, an dem Nuri Şahin überlebte, begann mit einem Ritual. Stunden vor dem Viertelfinale gegen die AS Monaco am 11. April 2017 legte sich der Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund auf sein Hotelbett. Er schaltete Musik ein, schloss die Augen und ließ seinen Atem gehen. Wie vor jeder großen Partie in der Champions League stellte er sich in Bildern vor, wie das Spiel für ihn laufen könnte. Danach rief Şahin zu Hause an, Frau und Kinder waren wohlauf. Also schaltete der damals 28-Jährige sein Handy aus und verließ das Zimmer in Richtung Teambus. Weder Şahin noch sonst ein BVB-Akteur ahnte an jenem Aprilabend, dass in Zimmer 402 des Teamhotels ein Mann wohnte, der offensichtlich eine Wette auf ihren Tod platziert hatte.

Sergej W., ein 28 Jahre alter Elektroniker aus dem Schwarzwald, soll laut Anklage versucht haben, aus Habgier 28 Menschen zu töten. Konkret soll der mutmaßliche Attentäter geplant haben, den Aktienkurs des BVB mit einem Angriff auf den Mannschaftsbus abstürzen zu lassen. Laut Ermittlern hatte Sergej W. für seine perfide Wette sogenannte Put-Optionsscheine gekauft, die im Falle eines Kursabsturzes der BVB-Aktie Profit versprachen. Kalkül: je verheerender das Attentat, desto stärker der Kursabfall. Je steiler der Kursabsturz, desto höher der Gewinn. 

Um 19.15 Uhr rollte der Teambus des BVB am Anschlagsabend vom Hotelgelände. Kurz nach der Ausfahrt zündete Sergej W. laut Anklage aus seinem Hotelzimmer per Fernbedienung drei Sprengsätze, die in einer Hecke am Straßenrand platziert worden waren. Die Detonation war so gewaltig, dass sie die Scheiben des BVB-Busses zum Zerbersten brachte. Socrates-Kolumnist Şahin erinnert sich an den Moment: „Innerhalb von Sekunden dachte ich an mein gesamtes Leben. Ich dachte ans Sterben, und ich dachte ans Leben.“

In der Bundesliga ist Sicherheit ein heikles Thema

Monate sind seit dem ersten Anschlag auf eine deutsche Profimannschaft vergangen. Die äußeren Wunden sind verheilt, auch Marc Bartra, dem sich bei der Explosion Metallsplitter in den Arm gebohrt hatten, spielt wieder Fußball. Was das Attentat auf den BVB wirklich hinterlassen hat, offenbart sich erst hinter der Fassade. Es geht um Profis, die von den Bildern des Anschlags bis heute im Alltag eingeholt werden. Und es geht um Klubs, die ihre Stars mittlerweile stärker schützen müssen, aber die Nähe zu den Fans nicht aufgeben wollen. Ein Spagat, der den Markenkern von Vereinen wie Borussia Dortmund gefährdet.

Dieser Artikel erscheint in der aktuellen Ausgabe #15

Dieser Artikel erscheint in der aktuellen Ausgabe #15

„Echte Liebe“ propagiert der BVB weltweit. Der Slogan bedeute bedingungslose Liebe, erklärte Şahin nach dem Anschlag im April, das sei der Borussia-Spirit, das sei ihre Stärke. Man kann das romantisch oder kitschig nden, ganz egal, doch Dortmunds Motto beschwört den Bund zwischen Klub und Fans. Liebe meint hier auch Nähe, Fußballpro s sind in Deutschland Stars zum Anfassen. Nur: Bis zu welchem Punkt können Vereine das heute noch verantworten?

In der Bundesliga ist Sicherheit ein heikles Thema. Wenige wollen sich dazu äußern, auch weil es um viel Geld geht. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) beteuert zwar, Stadien seien die wahrscheinlich sichersten Plätze in Deutschland. Doch Experten sprechen weiterhin von Sicherheitslücken. Und der Anschlag auf den BVB hat gezeigt, dass es um viel mehr geht: um Anfahrtswege, Teambusse, Mannschaftshotels und Trainingsplätze. Fußballfans fürchten eine Entwicklung wie bei anderen europäischen Spitzenklubs: keine öffentlichen Trainings, strikte Abschottung der Stars durch Personenschützer.

Wer sich etwa aufmacht, um das Trainingsgelände von Manchester United zu besuchen, trifft auf kilometerlange Stacheldrahtzäune inmitten von endlosen Maisfeldern. 3,60 Meter hoch steht das Metall in der Luft, Überwachungskameras sind daran montiert. 24 Stunden am Tag patrouillieren Wachmänner, um das gigantische Areal vor Unbefugten ab- zuschotten. Der Trainingskomplex des größten Fußballklubs der Welt ist ein Hochsicher- heitstrakt im Nirgendwo. „Fortress Carrington“ nennen sie das Gelände in Manchester spöttisch – „Festung Carrington“. Auch auf Übungsplätzen anderer Premier-League-Verei- ne sind Fans unerwünscht.

"Wir benötigen höhere Standards: eine bessere Ausbildung, keine Dumpinglöhne mehr. Es gibt zu viele Sicherheitsdienste, die Amateure anheuern."
Björn Bergmann
Sicherheitsbeauftragter Schalke 04

Ausgabe #15 jetzt bestellen?

Im Vergleich dazu zeigen sich deutsche Klubs volksnah: Das Trainingsareal von Schalke 04 am Berger Feld ist frei zugänglich. Wer will, kann dort ein Bier trinken und den Pro s beim Schwitzen zuschauen. „Wir sind ein offener Verein“, sagt Clemens Tönnies, Schalkes Aufsichtsratschef, stets. Und sein Wort hat Gewicht. Königsblau hält an den öffentlichen Trainingseinheiten auch nach dem Anschlag auf Erzrivale Dortmund fest: „Wir wollen uns nicht abschotten. Das sollen andere Vereine machen. Hier wird es vor einem Spiel maxi- mal eine Trainingseinheit unter Ausschluss der Öffentlichkeit geben“, versprach Trainer Domenico Tedesco im Juni. Auch der BVB bietet seinen Fans weiterhin die Möglichkeit, beim Training der Profis vorbeizuschauen; seltener jedoch als der Konkurrent aus Gelsenkirchen. Im Oktober und November setzte der Klub insgesamt drei öffentliche Trainingseinheiten an.

DORTMUND, GERMANY - APRIL 11: Borussia Dortmund CEO Hans-Joachim Watzke speaks to the media as the match is postponed prior to the UEFA Champions League Quarter Final first leg match between Borussia Dortmund and AS Monaco at Signal Iduna Park on April 11, 2017 in Dortmund, Germany. The match was cancelled after an explosion near the Borussia Dortmund team coach en route to the stadium.

Hinter den Kulissen haben die Klubs ihre Sicherheitskonzepte deutlich ausgewei-tet. Als Reaktion auf den Anschlag kündigte BVB-Klubboss Hans-Joachim Watzke den Aufbau einer eigenen Abteilung Sicherheit an. Erste Vorstellungsgespräche mit ehemaligen GSG-9- und BKA-Leuten führten die Verantwortlichen der Borussia bereits Ende April.

Ins Dortmunder Anforderungsprofil hätte Björn Borgmann gepasst, der sich um die Sicherheit bei Schalke 04 kümmert. Der 44-Jährige ist einer der bekanntesten Personenschützer der Liga. Mit seiner Firma Shield Security sorgt er auch für die Sicherheit der Nationalmannschaft. „Wir benötigen höhere Standards: eine bessere Ausbildung, keine Dumpinglöhne mehr. Es gibt zu viele Sicherheitsdienste, die Amateure anheuern“, erklärte er der Welt am Sonntag. Borgmanns Truppe macht vor Spieltagen eine Gefahrenanalyse, observiert das Hotel und überprüft Zufahrtswege von Teambussen.

Ligaklubs wie Hamburg oder Leipzig engagierten schon vor dem BVB-Anschlag Sicherheitsdienste, die das Team bei Reisen begleiten. Vereine der französischen Ligue 1 gehen bereits einen Schritt weiter. Paris Saint-Germain soll unter anderem Motor- radfahrer engagieren, die den Profus bei Stadtfahrten Begleitschutz bieten. Auch die Sicherheitsanlagen rund um die Anwesen der PSG-Stars sind ausgebaut worden. Über eine Millionen Euro soll der Klub für die Maßnahmen in sieben Monaten gezahlt haben.

Die Sicherheitskonzepte der Klubs sind geheim

Sorgen macht den Klubs die Sicherheitslage schon länger. Die schrecklichen Bilder von 2015 rund um das Pariser Stade de France sind vielen Fans in Erinnerung geblieben. Bei den Anschlägen auf Frankreichs Hauptstadt wollten die Attentäter Bomben im Stadion zünden. Dies wurde jedoch von Sicherheitskräften vereitelt. Die Attentäter sprengten sich vor der Arena in die Luft. Spätestens seitdem versuchen sich Vereine mit Anti-Terror-Konzepten gegen solche Angriffe zu wappnen.

Auch der BVB hat ein Anti-Terror-Konzept, das beim Anschlag im April zum Einsatz kam. Norbert Dickel, Stadionsprecher des BVB, hatte einen Text parat, der für die Gefahrenlage eines Terrorangriffs verfasst wurde. „Wenn so etwas passiert, ist es sehr wichtig, dass die 80.000 Menschen im Stadion die vertraute Stimme ihres Stadionsprechers hören und nicht eine Durchsage der Polizei“, sagt Dickel. Dabei ginge es vor allem darum, den Ausbruch von Panik zu vermeiden, erklärt der 56-Jährige und fügt hinzu, dass man sich im Stadion und im Verein sehr genau auf solche Bedrohungslagen vorbereite.

Die konkreten Sicherheitskonzepte der Klubs sind natürlich geheim und eng mit der Polizei abgestimmt. Joachim E. Thomas, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung deutscher Stadi- onbetreiber, hält weitere Schutzmaßnahmen in Fußballarenen für überfällig: „Ich persönlich glaube, dass wir in Zukunft an den Eingängen deutscher Stadien Ganzkörperscanner haben werden“, sagt er.

Tatsächlich könnten die Geräte dabei helfen, eine Sicherheitslücke zu schließen: das Hin- einschmuggeln von Gegenständen. „Die Vereine müssen sich fragen, wie schwer es aktuell ist, Sprengstoff in ein Stadion zu bringen“, erläutert ein Personenschützer, der anonym bleiben will. Bei einem Ligaspiel des BVB strömen rund 80.000 Menschen innerhalb von 60 Minuten ins Stadion. Experten sind sich uneinig, ob sich dies mit Körperscannern bewältigen ließe. Der Zugewinn an Sicherheit könnte dazu führen, dass Fans wesentlich früher anreisen, länger warten – oder ganz wegbleiben. Konsens besteht darin, dass die bisherigen Einlasskontrollen eklatante Schwächen haben. Immer wieder gelangen verbotene Pyrotechnik und Wurfgeschosse in Stadien. Im Terrorfall könnten ganz andere Dinge reingeschmuggelt werden.

Beruhigend, dass der Attentäter ein Einzeltäter sei

Nur wenige Fußballer haben bislang die Situation eines Anschlags erlebt. Matthias Ginter war gleich zweimal das Ziel eines Attentäters: als Nationalspieler beim Länderspiel in Paris 2015 und als Pro von Borussia Dortmund im April 2017. Im SZ-Magazin hat der 23-Jährige zuletzt in einem bemerkenswerten Interview über die Momente des Schreckens und die Folgen gesprochen: „Unmittelbar nach einem Anschlag muss man funktionieren. Man hat gar nicht die Zeit, das Erlebte zu verarbeiten“, sagte Ginter, der derzeit für Borussia Mönchengladbach spielt. Das Viertelfinale des BVB gegen Monaco sei nur um einen Tag verschoben worden, danach musste er schon wieder im Drei-Tage-Rhythmus auflaufen. „Ich glaube, an Ostern hatten wir dann mal ein, zwei Tage frei. Zeit, um nachzudenken. Da wurde mir erst bewusst, wie sehr ich noch unter Schock stand. Ich saß daheim und dachte: Ich höre mit dem Fußballspielen auf“, erklärte der Weltmeister von 2014.

Der Gedanke an einen Rücktritt war für den Verteidiger nicht die einzige Folge. Präzise beschreibt Ginter im Interview Situationen aus dem Alltag, in denen ihn die Erinnerungen an die Attentate einholten. Die erste Szene spielte sich beim Confederations Cup 2017 in Russland ab. „Der Teambus ist über etwas drübergefahren, es hat etwas heftiger geruckelt, und ich habe sofort aus dem Fenster gesehen. Da meinte mein Mitspieler Lars Stindl zu mir: ‚Ich glaube, ich weiß, was du jetzt denkst. Keine Angst, da war nichts.‘“ Die zweite Situation, an die er sich erinnert, erlebte er im Stadionin Leverkusen: „So um die 80. Minute herum nahm ein Mann Platz, der da vorher nicht saß, er hatte einen Rucksack dabei. Wir haben uns angesehen, und meine Freundin meinte: ‚Lass uns lieber reingehen.‘“ Tatsächlich hätten sie daraufhin ihre Plätze verlassen, erzählt Ginter.

Für den Fußballprofi sei es im Rückblick beruhigend, dass der BVB-Attentäter wohl ein Einzeltäter sei und keine organisierte Gruppe, für die er weiterhin eine Zielscheibe darstellen könnte. „Es hat mir bei der Verarbeitung geholfen. Auch dass Sergej W. gefasst wurde und er kein Pro war – mehr als die Hälfte der Sprengladung verfehlte den Bus, sonst säße ich vielleicht nicht hier“, sagt Ginter.

Der Prozess gegen Sergej W., den mutmaßlichen Attentäter, beginnt am 21. Dezember vor dem Landgericht Dortmund. Bislang soll der Tatverdächtige jede Schuld von sich weisen: In dem Hotel, vor dem er laut Anklage die Bomben zündete, habe er nur Urlaub gemacht.

Ginter sagt, dass er den Prozess verfolgen werde. Für sich selbst habe er einen Entschluss gefasst: „Ich habe beschlossen, dass ich mir nicht nehmen lasse, was ich mit am meisten liebe“, erklärt er. Und das sei eben das Fußballspielen.

Jetzt Ausgabe #15 in Ihrer Nähe kaufen?

,

Michael van Gerwen: Der, der heute lacht

Drei Jahre nachdem Michael van Gerwen jüngster Darts-Weltmeister wurde, sicherte sich der Niederländer den Titel im Januar 2017 erneut. Mit seinem Erfolg und seiner Grossspurigkeit, das weiß auch Elmar Paulke, kommt nicht jeder im Darts-Zirkus zurecht.

„Ich werde demnächst ins Kloster gehen.“

Dieser Satz rangiert unter Aussagen und Hobbys, die wohl am wenigsten von Dartsspielern erwartet werden – dazu bedarf es keinen Hellseher – wohl sehr, sehr weit oben. Also, vorausgesetzt es würde solch eine Kategorie überhaupt geben und etwa bei der altehrwürdigen TV-Sendung ,Familienduell‘ nach Hobbys von Dartspielern gefragt werden. Doch von Darts-Weltmeister Michael van Gerwen, der Nummer eins der Welt, diesem stämmigen Niederländer mit der Glatze und den karg wirkenden, fast gefährlichen Gesichtszügen, der so viele Klischees eines Darts-Spielers erfüllt, gibt es exakt dieses Zitat.

„Ich werde demnächst ins Kloster gehen“, hat der heute 28-jährige Dominator der Darts-Welt bereits vor zwei Jahren dem Der Spiegel in einem Interview preisgegeben. Damals erklärte der Niederländer, dass es in der Nähe Den Bosch ein Kloster gebe samt Sprachinstitut, das von Nonnen geführt werde. „Viele Prominente gehen dorthin und ich will unbedingt dort mein Deutsch verbessern, nicht zuletzt, weil Deutschland in Sachen Dartssport immer wichtiger wird.“

Seitdem hat sich MvG, wie die in der Dartsszene allseits bekannte Abkürzung des Weltranglistenersten lautet, in der Öffentlichkeit nie mehr zu seinem Vorhaben geäußert. Selbst die so gut informierte deutsche Stimme des Darts, Elmar Paulke war und ist nicht eingeweiht. Dabei hat van Gerwen gar das Vorwort von Paulkes Buch Game On verfasst. Sie sprechen oft miteinander. „Doch ob er das wirklich gemacht hat, weiß ich nicht“, sagt der Kommentator im Gespräch mit Socrates.

Seine Deutsch-Kenntnisse habe er aber tatsächlich sehr wohl verbessert. „Auf der Bühne gibt er ab und an Kostproben“, bestätigt Paulke eine Entwicklung abseits der Dartsscheibe. Innerhalb seiner Sportart, am Oche, dem Abwurfpunkt, der 2,37 Meter von der Scheibe entfernt ist, ist die Entwicklung in den vergangenen Jahren ohnehin beeindruckend.

Der Artikel erschien in Ausgabe #15

"Das war die große Geschichte der WM"

Nach dem Monsterjahr 2016 mit 26 Turniersiegen hielt der Niederländer dem Druck des absoluten Topfavoriten stand und gewann ebenfalls im altehrwürdigen Alexandra Palace, im Ally Pally zu London – fast genau ein Jahr ist das jetzt her.

„In Erinnerung geblieben; ist vor allem die beeindruckende Achtelfinal-Revanche gegen seinen Landsmann Raymond van Barneveld im Halbfinale. Das war eine, wenn nicht die große Geschichte der vergangenen WM“, resümiert Paulke. 6 zu 2 gewann MvG, die durchschnittliche Wurfaufnahme, der Average lag bei beeindruckenden 114 zu 109 Punkten.

Der Artikel schien in Ausgabe #15

Der Artikel schien in Ausgabe #15

Das beste Jahr des Michael van Gerwen

Das Match überstrahlt im Rückblick sogar, dass der spätere Weltmeister bereits in der zweiten Runde gegen den Spanier Christo Reyes beim 4:2 fast alles geben musste. Die Nummer 32 der Setzliste blieb der einzige Spieler im Turnierverlauf, der den Dominator, zumindest was den Average angeht, knapp überragte. Dass darüber heute niemand mehr spricht, ist van Gerwens beeindruckendem, bereits erwähntem Halbfinalerfolg zu verdanken sowie der Machtdemonstration im Finale gegen Titelverteidiger Gary Anderson (7:3). Doch in der Tat hatte „Mighty Mike“ 2016 im Vorjahr überraschend im Achtelfinale gegen van Barnefeld die Segel streichen müssen. Schon damals war er der Favorit auf den Titel. Andere wären an diesem Rückschlag zerbrochen. Doch van Gerwen legte anschließend das beste Jahr seiner Karriere hin – mit einer Konstanz und Nervenstärke, die Experten und die verrückten, immer mehr werdenden Dartsfans sonst bisher nur von Phil Taylor, der bald aus dem Wettkampfsport scheidenden Dartslegende, gewohnt waren.

„Von meiner Dominanz war ich eigentlich nicht überrascht“, urteilte MvG im Sommer gegenüber SPOX. „Aber wenn ich jetzt auf das Rekordjahr 2016 zurückblicke, ist das schon eine sehr schöne Leistung.“ Der Sieg im Ally Pally habe die Sache schön abgerundet.

„ES IST EIN GANZ SCHMALER GRAT IM DARTSSPORT ZWISCHEN: WANN IST ES NOCH SELBSTBEWUSST UND AB WANN WIRKE ICH ARROGANT?“
ELMAR PAULKE
Darts-Experte

„Diese mentale Stärke haben in dieser Ausgeprägtheit sonst nur wenige Spitzensportler. Die entsteht aus einer ganz großen Überzeugung. Van Gerwen hat eine regelrechte Gier nach Erfolg entwickelt und diese Gier lebt er bei den Turnieren auch voll aus“, erklärt Paulke den Siegeszug der Nummer eins der Weltrangliste, der sogenannten „Order of Merit“, die im Verband der beherrschenden PDC nicht nach Punkten, sondern nach Preisgeld berechnet wird.

„Diese Gier“, so Paulke, fange bereits im Practice Room an. „Dort sagt er seinem Gegner, dass er ihn weghauen wird, und so steht er dann später auf der Bühne und haut den Gegner auch weg.“ Ohne diese Überzeugung sei dieser Siegeszug und die Konstanz nicht möglich.

Irokesenschnitt fürs Baby

Für Paulke sei nach dem WM-Titel 2017 aber ebenfalls klargewesen, dass „er dieses überragende Jahr 2016 mit den 26 Titeln diese Saison in der Form nicht mehr wiederholen kann“. Doch auch das Kalenderjahr 2017 sei herausragend gewesen. „Er hat wieder mehr Titel geholt als alle anderen“, sagt Paulke. Jammern auf allerhöchstem Niveau. Dennoch hat sich im Leben des 28-Jährigen einiges geändert. Da waren erstmals Verletzungssorgen, im Frühjahr starke Rückenprobleme, im Herbst eine Sprunggelenksverletzung, die ihn bei den German Masters gar zur Aufgabe zwang.

Eine weitaus schönere Veränderung: Van Gerwen und seine Ehefrau Daphne Govers wurden im Sommer erstmals Eltern einer gesunden Tochter, die im Herbst nach dem Titel-Hattrick ihres Vaters beim Grand Slam of Darts mit ihm auf der Bühne gar um die Wette strahlte. Und der kurz zuvor geschlagene Irokesenmann Peter Wright, seines Zeichens Nummer zwei der Welt, deutete anschließend einen Irokesenschnitt fürs Baby an – rührende Szenen der beiden Weltklasse-Athleten. Doch diese Harmonie ist im Bereich der Weltklasse-Darter längst kein Alltag. Michael van Gerwen wurde schon länger, damals noch hinter vorgehaltener Hand, eine gewisse Arroganz und Großspurigkeit vorgeworfen. Spätestens, als er mit 17 Jahren 2007 im gleichen Turnier Phil Taylor schlug und einen Neun-Darter warf. „Ich war schon immer überzeugt, dass ich gegen jeden gewinnen kann“, erläutert MvG selbst. Die Großspurigkeit lebt er mittlerweile öffentlich bei Turnieren aus.

"Es ist dumm von ihm"

„Er ist definitiv großspurig. Aber es ist ein ganz schmaler Grat im Dartssport zwischen: Wann ist es noch selbstbewusst und ab wann wirke ich arrogant? Du benötigst diese Großspurigkeit ein Stück weit auch, um diesen Erfolg zu haben. Phil Taylor hat sie lange Zeit ebenfalls ausgelebt“, ordnet Paulke ein.

Eben jener Taylor, der van Gerwen im Sommer beim World Matchplay krachend mit 16:6 im Viertelfinale besiegte und anschließend vor den TV-Kameras tobte: „Was tut er da? Er ist Profi, die Nummer eins und amtierender Weltmeister. Werde erwachsen! Es ist dumm von ihm sowas zu tun und das werde ich ihm auch noch sagen.“ Van Gerwen hatte während seines Zweitrundenspiels gegen Simon Whitlock beim Stand von 8:2 seinem Freund Vincent van der Voort eine Textnachricht geschrieben: „Whitlock ist raus“.

Michael van Gerwen wurde gemobbt

„Das war eher dämlich von Vincent van der Voort, das auszuplaudern vor laufenden Kameras. Was van Gerwen in einer privaten Nachricht schreibt, ist eben seine Privatsache“, sagt Paulke. Der Vorfall passt dennoch ins Bild. Van Gerwen ist und will auch gar nicht der Liebling unter Kollegen sein, gibt offen zu „nur ein, bis zwei Freunde“ auf der Tour zu haben. MvG ist der klassische Einzelkämpfer in einer Einzelsportart, in der ihm als Dominator der Szene die Wärme seines privaten Umfelds zu reichen scheint.

Michael van Gerwen, das hat er mittlerweile öffentlich preisgegeben, wurde in der Schule gemobbt, wusste sich oft nur mit Schlägen zu helfen. Im Dart holte er sich als Jugendlicher schnell Selbstvertrauen, als andere ihn in seinem Heimatstädtchen Boxtel noch belächelten. Er übte erst jeden Samstag in einer Kneipe und als sich die Erfolge einstellten wurde es mehr, umfangreicher und professioneller. Das Selbstwertgefühl, das sich daraus entwickelte, ist heute Teil eines Selbstverständnis, mit dem der Niederländer gut fährt, dominiert und viel Geld einimmt.

"Er ist verwundbar"

Mit Blickrichtung auf die WM, bei der es dieses Jahr um insgesamt fast zwei Millionen Pfund geht, bestätigte er gegenüber SPOX, dass sich mittlerweile ein Dreikampf mit Gary Anderson und Peter Wright entwickelt habe. Diese Spieler hat ebenfalls Elmar Paulke auf dem Zettel. Der Kommentator ist trotz der Dominanz und der absoluten Favoritenrolle von MvG überzeugt, „dass er bei der WM verwundbar ist.“

Fans und Experten blicken mit Spannung auf die 25. Auflage, die vom 14. Dezember bis zum 1. Januar stattfindet. „Der Set-Modus, der im Ally Pally ausgetragen wird, spielt ihm nicht so in seine Karten. Das haben wir in den vergangenen Jahren schon miterlebt. Dieser Modus arbeitet seine Dominanz nicht ganz so klar heraus“, erklärt Paulke.  Das Momentum spiele eine Rolle. Deshalb seien auch Raymond van Barneveld und Adrian Lewis bei der Weltmeisterschaft immer vorne dabei.

Außerdem gibt Paulke zu bedenken: „So selbstverständlich wie dieses Selbstvertrauen und Auftreten von Michael van Gerwen in der Vergangenheit wirkte, so sensibel ist dieses Gerüst aber auch. Das haben wir vor zwei Jahren bei Phil Taylor gesehen, als diese Selbstverständlichkeit plötzlich weg gewesen ist. Dieses so hart erarbeitete Gerüst kann schnell zerbrechen – in Sekunden sogar“, sagt er, wohlwissend, dass der Niederländer in den Turnieren vor der WM abgeräumt hat. Zuletzt gewann er die Players Championship – zum dritten Mal in Folge. Falls Michael van Gerwen die WM erneut gewinnt, dann wird er das in seiner gewohnten Art tun. Plötzliche Demut dürfen seine Kollegen eher nicht erwarten. Das Auftreten beim Dart spricht dementsprechend auch eher gegen einen Klosterbesuch in der Vergangenheit. Andererseits: Im Sport gibt es genug Typen, die sich während des Wettkampfes zu einem anderen Typ entwickeln. Ob er im Kloster war und was Michael van Gerwen außer einer möglichen Sprache gelernt haben könnte, bleibt vorerst das Geheimnis des zurzeit besten Dartsspielers der Welt.

Jannik Schneider

, ,

Lothar Matthäus: „Hier darfst du atmen“

Lothar Matthäus hat die Welt erobert, aber erst heute den Ort gefunden, an dem er sich frei fühlt. Das deutsche Idol spricht im Interview mit Socrates über ein Leben unter Beobachtung, falsche Wahrnehmungen und natürlich über Fußball.

Socrates traf Lothar Matthäus in München

Lothar Matthäus: „Mein Sohn ist sportlich gesehen mehr Vettel als Matthäus“

Socrates traf Lothar Matthäus in München zum Interview – die bayerische Landeshauptstadt ist aber längst nicht mehr seine Heimat, denn der deutsche Rekordnationalspieler lebt im Ausland und erklärt im Interview die Gründe für den Standortwechsel und sein Fernweh.

Wer wird Bayern-Trainer?

Matthäus spricht auch über Schwierigkeiten in der Vergangenheit, den Fokus seiner Kinder, Ex-Fußballstars wie Thomas Häßler, die in TV-Shows auftreten müssen und über seine Zukunft als Trainer. Außerdem hat Lothar Matthäus einen Tipp für den Posten des Bayern-Trainers.

Die Themen in Ausgabe #15

Der große Jahresrückblick

12 Monate, 12 bewegende Ereignisse

Exklusiv-Interview mit Borussia Mönchengladbachs Lars Stindl

Vom Geheimtipp zum Hoffnungsträger Löws?

Football Leaks

Was sich seit Mai 2017 getan hat: von Autor Rafael Buschmann

Neymar

Warum er ohne seinen Vater nicht funktioniert…

Exklusiv-Interview mit Rod Laver

Socrates traf die die Tennis-Legende

Michael van der Gerwen

Großspurig und erfolgreich: Das Porträt

Dies und vieles mehr…

Möchten Sie die Ausgabe bestellen? Hier klicken

Sind Sie an einem Abo interessiert? Hier klicken

Oder sehen Sie unter mykiosk.de nach, wo es Socrates im Handel gibt.