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Adam Małysz: „Nun haben wir alles“

Am Anfang war nur Adam Małysz. Mittlerweile hat Polen im Skisprung eine Mannschaft, die sogar Titel holt. Der Weg war aber kein einfacher, wie Małysz in Socrates erzählt.

Autor: Ozan Can Sülüm

Herr Małysz, am Anfang Ihrer Karriere waren Sie der einzige Skispringer in Polen. Sie hatten keine Mannschaft, keine geeigneten Anlagen und einen tschechischen Trainer. Jetzt ist das genaue Gegenteil der Fall: Polen hat alles.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #16

Ich war nicht ganz alleine, es gab noch andere Athleten in der Nationalmannschaft. Aber, dass wir nicht so viel gehabt haben, stimmt schon. Verglichen mit dem, was die heutigen Mitglieder der Nationalmannschaft zur Verfügung haben, waren wir damals noch Amateure. Irgendwann mussten wir sogar eine Spendenaktion unter den Einwohnern Wislas Małysz Heimatstadt, Anm. d. Red.) organisieren, um mir zu ermöglichen, zu einem Wettbewerb zu fahren. Die Nationalmannschaft besaß ein Handy und einen Bus. Jetzt haben wir im Grunde genommen alles: Spitzenausrüstungen, Autos und Zugang zur neuesten Technologie. Es wurden in Polen ein paar moderne Sportstätten gebaut, sodass wir nicht mehr im Ausland trainieren müssen. Wir haben tolle Sponsoren und die Athleten sind echte Profis. Unsere Mannschaft wurde zu einem Trendsetter. Seit geraumer Zeit guckt die ganze Welt auf uns Polen und nicht umgekehrt. Das polnische Skispringen heute und vor zwanzig Jahren sind zwei völlig verschiedene Welten. Aber ich bin wirklich der Meinung, dass dieser Sport seine gegenwärtige Stellung in Polen verdient. Ich bin stolz auf die Situation in unserem Land, aber auch darauf, dass die Entwicklung des Skispringens in Polen zum Teil auf meine Kappe geht.

Sie sagten, dass Sie aufgrund zahlreicher Regeländerungen Ihre Karriere als Skispringer beendeten. Denken Sie, dass das Skispringen sich dem Fernsehen anpasst, sprich, ist das Ganze ausschließlich kommerzieller Natur oder sind diese Regeländerungen notwendig?

Meiner Meinung nach machen die ganzen neuen Regeln Skispringen undurchschaubarer und unverständlicher für die Fans. Selbst wenn sie zu Hause vor dem Fernseher sitzen, haben die Zuschauer keinen Zugang zu all den Informationen, und aus diesem Grund ist die Gesamtwertung nicht ganz klar. Früher war es recht einfach: Wichtig waren die Distanz und die Punkte für den Stil. Heutzutage reicht es nicht, weit zu springen, denn der Computer kalkuliert andere Faktoren mit ein. Mir gefällt das nicht. Außerdem bin ich auch kein Fan der jüngsten Regeländerungen, also der obligatorischen Teilnahme an der Qualifikationsrunde für alle. Die besten Springer haben zusätzliche Verantwortungen gegenüber den Medien oder den Organisatoren der Wettbewerbe, sodass sie schließlich Zeit verlieren, die für Erholung und Regeneration notwendig wäre. Offenbar bedeutet die Teilnahme der besten Springer an der Qualifikationsrunde einen extra Sendetag für das Fernsehen und die Werbung und mehr Attraktion für die Zuschauer, aber diese Marketing-Argumente überzeugen mich nicht.

Horngacher ist ein exzellenter Trainer

Nachdem Sie Ihre aktive Karriere beendet hatten, waren Sie Direktor der polnischen Mannschaft bei der U23-Weltmeisterschaft in Erzurum. Danach gaben Sie diesen neuen Weg eingeschlagen, der Sie nach Dakar führte?

Zu einem gewissen Grad ging es darum, meinen Kindheitstraum wahr werden zu lassen. Ich habe mich schon immer für den Motorsport interessiert und hinzukommt, dass ich irgendwann ein SUV fuhr. Jeder weiß, wie legendär Dakar ist. Als ich die Möglichkeit bekam, diese Herausforderung anzunehmen, entschied ich mich dafür. Es war nicht einfach und manchmal war mir beim Fahren zum Heulen zumute. Aber ich tat mein Bestes, um mich auf jede Etappe vorzubereiten, und war fest entschlossen, sodass ich selbst in den hoffnungslosesten Situationen nicht aufgegeben habe. Und ich denke darüber nach, Dakar noch eine Chance zu geben.

Nun sind Sie wieder Direktor der Nationalmannschaft und arbeiten mit Stefan Horngacher zusammen. Sie führten Polen sowohl beim Nationencup als auch individuell zu einem bedeutenden Erfolg. Was steckt hinter diesen Ergebnissen?

Es gibt mehrere Gründe. Neben den Athleten gibt es eine ganze Reihe Menschen, die hart arbeiten, damit unsere Nationalmannschaft gute Ergebnisse erzielen kann Trainer, Physiotherapeuten, Biomechaniker und Leute, die sich um Anzüge, Ski, Stiefel und technische Verbesserungen kümmern. Jedem Mitglied wurde eine spezifische Rolle zugewiesen, ohne dessen Unterstützung hätten die Anderen eine schwierigere Arbeit. Trainer Horngacher setzt unter all das seine Unterschrift und er ist selbstverständlich ein großartiger Experte, aber ich denke, dass Teamwork unheimlich wichtig ist. Doch lassen Sie mich nochmals betonen, dass ich Stefans Fertigkeiten nicht schmälern will. Er ist ein exzellenter Trainer. Es war sogar meine Idee, ihn einzustellen. Ich kannte ihn und seine Methoden, da er bereits in Polen mit den Junioren gearbeitet hatte. Bevor er sich entschied, wieder in Polen zu arbeiten, war er einer der Assistenten des Trainers der deutschen Nationalmannschaft gewesen. Dort hatte er viel dazu gelernt. Ich bin froh, dass er beim polnischen Skispringen gelandet ist.

Wie wichtig ist es, in der Nationalmannschaft so einen Trainer wie Stefan Horngacher zu haben, der mit Kamil Stoch, Stefan Hula und Dawid Kubacki gearbeitet hat, als sie noch Teenager waren?

Zweifellos war es anfangs einfacher für die Jungs, mit Horngacher zu arbeiten, da sie ihn kannten und er kein völlig Fremder für sie war. Sie brauchten keine Zeit, um ihm zu vertrauen und manche seiner Methoden zu akzeptieren. Andererseits ist schon einige Zeit vergangen, seit unsere Junioren zu Profis wurden, und vieles hat sich geändert, zum Beispiel was ihre Technik angeht. Auch die Ausrüstung ist anders. Es gab Dinge über sie, die Stefan wieder lernen musste. Aber er weiß, wie er zu ihnen durchdringen kann. Zum Beispiel kommt er mit Piotr Zyla klar, der auf niemanden hörte, wenn es um seine spezifische Anlaufposition ging. Mit Lukasz Kruczek, Jan Szturc oder mir zu sprechen, hatte nichts gebracht. Aber Stefan hat es mit ihm sofort geklärt. Er erwies sich als sehr effektiv. Es ist eindeutig, dass er eine Autorität darstellt und die Jungs ihm vertrauen.

Kamil Stoch hat meine Erfolge übertroffen

Leute haben angefangen, Kamil Stoch mit Ihnen zu vergleichen. Er ist einer der allen fünf Titeln vollenden könnten. Zudem ist er zweifacher Olympiasieger…

Es ist schwierig, Athleten aus verschiedenen Zeiten miteinander zu vergleichen. Kamil musste lange auf Erfolg warten. Im Grunde genommen erzielte er seine größten Erfolge, nachdem ich aufgehört hatte. Vor nicht allzu langer Zeit sagte ich, dass Kamil meine Erfolge übertroffen hat, denn er besitzt einen Weltmeisterschaftstitel, hat die Kristallkugel für den Gesamtsieg beim Weltcup gewonnen und zwei olympische Goldmedaillen geholt. Und ich bin immer noch derselben Meinung. Außerdem hat er gezeigt, dass er mit schlechteren Perioden gut umgehen kann. Die Verletzung hat ihn nicht beeinflusst, er war in der Lage, sich wieder hochzuarbeiten. Es besteht kein Zweifel, dass Kamil es einfacher hat als ich. Zu meiner Zeit hatten wir keine so starke Nationalmannschaft. Ein Podiumsplatz war ein Traum und dazu noch einer, der äußerst schwer zu erreichen war, wohingegen die Jungs jetzt regelmäßig auf dem Podium landen und einige Weltmeisterschaftsmedaillen besitzen. Und wenn sie die Mannschaftswettbewerbe nicht gewinnen, rümpfen die Fans die Nase darüber und versuchen nicht einmal, ihre Enttäuschung zu verstecken. Der Anführer spürt weniger Druck. Wenn Kamil einen schlechten Tag hat, nimmt Maciej Kot oder Piotr Zyla seinen Platz ein, sogar David Kubacki kann gute Leistungen bringen. Sie sind dann diejenigen, die glänzen und zu den Medien sprechen, während Kamil in Ruhe trainieren und wieder in Form kommen kann.

Noriaki Kasai und Janne Ahonen sind mittlerweile über vierzig Jahre alt, aber teilnehmen. Haben Sie jemals gedacht, dass Sie das mit über vierzig Jahren tun könnten?

Nein, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Aber ich hätte meine Karriere niemals so lange verlängert. Mit der Zeit wurde es schwerer und schwerer. Nur ich weiß, wie viel Arbeit es mich kostete, auf dem hohen Level zu bleiben, das ich in der Regel an den Tag gelegt habe. Skispringen ist mit einer strengen Diät verbunden. Mit der Zeit musste ich immer mehr trainieren, aber mein Körper fing an, zu revoltieren. Kleine Verletzungen häuften sich immer mehr. Ich begann allmählich zu begreifen, dass ich von dieser harten Arbeit genug hatte. Zudem wollte ich Abschied nehmen, solang ich noch in Form war. Ich hatte kein Interesse am Springen um seiner selbst willen, an dem Kampf um die Qualifikation oder darum zu ringen, dass ich den zweiten Durchgang erreiche. Noriaki ist ein wahres Phänomen, aber er wird deutlich langsamer. Er setzt immer mehr Sprünge aus, um für den richtigen Wettbewerb Energie zu sparen. Wenn wir auf mich zurückkommen: Mir war es lieber, meine Karriere zu beenden, während ich noch an der Spitze war – wie mein Idol Jens Weißflog.

Die Grenze von 300 Metern ist zu erreichen

Jetzt dauert die Weltcupsaison länger und es gibt viele neue Spitzenturniere wie aussieht, dass die FIS neue Wettbewerbe im Stile der Vierschanzentournee zu etablieren versucht. Sind Sie der Meinung, dass Geld und Sponsoren die Macht über den Kalender an sich reißen werden?

In jeder Sportart, auch in Winterdisziplinen, suchen die Organisatoren nach Möglichkeiten, die Wettbewerbe interessanter und aufregender zu gestalten. Das Gleiche passiert auch beim Skilanglauf, wo Vorbereitungen unternommen wurden, um von der klassischen Technik Abstand zu nehmen. Die FIS zieht in Betracht, die Sprints in dieser Kategorie abzuschaffen. Die olympischen Spiele tendieren dazu, eher trendige und interessante Sportarten zu umfassen als traditionelle. Das können wir nicht aufhalten. Zum Glück gibt es keine drastischen Änderungen beim Skispringen – zumindest bisher nicht. Wir müssen nur mit Kalkulationen und Faktoren fertig werden, die mir nicht gefallen. Neue Turniere sind aufregend und erregen großes Interesse. Das ist das, was ich jetzt denke. Aber in nicht allzu langer Zeit werden wir sagen können, ob sie einen festen Termin im Kalender darstellen werden. In Polen gab es die Idee, einen Wettbewerb in einem Stadion zu veranstalten. Bis vor kurzem wäre es unvorstellbar gewesen, die Saison mitten im November zu eröffnen, aber wir haben es geschafft, ein Event wie das in Wisla zu veranstalten. Es wurde sogar signalisiert, dass die Weltcup-Eröffnung auf Oktober vorgezogen werden könnte. Also sind nicht alle Neuigkeiten und Innovationen schlecht und sie sollten nicht unbedingt sofort kritisiert werden. Klar sind die Raw-Air- und Willingen-Serien ermüdend oder sie werden es sein, doch die Tour de Ski beim Skilanglauf ist ebenfalls erschöpfend und viele Leute beschweren sich über die Serie, aber jedes Jahr ist die Startliste voll mit großen Namen. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendein Event die Vierschanzentournee ersetzen könnte. Der Wettbewerb ist so prestigeträchtig, dass er einfach in den Kalender gehört.

Einst sagten Sie, „Schlieri wird unbrechbare Rekorde erzielen“, aber seitdem hat sich viel für Gregor Schlierenzauer geändert…

Ich hoffe, dass Gregor zu seiner großartigen Form zurückfinden wird. Er ist immer noch ein exzellenter Athlet. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war es für ihn so einfach, zu gewinnen, dass er außerhalb unserer Reichweite zu sein schien. Es stellte sich heraus, dass die Wirklichkeit ein bisschen anders war, als wir sie aus unserer Perspektive wahrgenommen haben. Schade, dass es für ihn so kam. Ich frage mich, ob er wieder das Formniveau von vor ein paar Jahren erreichen wird. Dass es ihm nicht an Motivation mangelt, habe ich gelesen und gehört. Gleichzeitig weiß ich aber, dass es schwierig ist, nach einer so langen Pause wieder das Level zu erreichen, das Schlierenzauer einmal hatte. Ich wünsche ihm alles Gute, denn die Wettbewerbe sind mit ihm viel interessanter.

Zu Ihrer Zeit war Planica der größte Hügel. Nun gibt es drei HS225-Hügel und der Weltrekord liegt weit jenseits der 250 Meter. Was denken Sie über die Grenzen von Skispringern?

Ich glaube, dass die Grenze von 300 Metern wirklich zu erreichen ist. Längere Sprünge werden schwieriger sein. Ein solcher Sprung dauert lange und die Muskeln, die völlig gebogen sein müssen, damit man in der Luft seine Position aufrechterhalten kann, würden es vielleicht nicht schaffen. Die Athleten würden durch solche Flüge jegliche Freude verlieren und leiden. Andererseits werden die Springer durch das Streben nach größeren Distanzen angetrieben. Piotr Zyla sagte einst, dass er so weit springen wolle, dass eine Landung unmöglich würde. Das ist sein Traum. Ich denke, auch andere träumen von Rekord-Sprüngen und wären bereit, einiges zu opfern, um dieses Ziel zu erreichen.

Noriaki Kasai ist ein Phänomen

Zurück zu den Olympischen Spielen. Simon Ammann hat sie bei zwei Ausgaben der Spiele vier Mal besiegt und Sie davon abgehalten, die größte Goldmedaille zu gewinnen, die Sie hätten gewinnen können. Sind Sie sauer auf ihn?

Nein, wir sind gute Freunde. Das ist, was Sport ausmacht. Es ist ein unglücklicher Zufall, dass ich bei Olympia beide Male in bester Form war und um die Goldmedaille kämpfen sollte und dass Simi sogar noch besser war als ich. Es ist kein Geheimnis, dass diese Medaille und der Titel des Olympiasiegers für mich einen großen Traum darstellten. Ich würde gerne ein paar Silber- gegen eine Goldmedaille tauschen, aber es gibt überhaupt nichts mehr, was ich heute dafür tun könnte. Ich mag Simon sehr und freue mich jedes Mal, wenn ich ihn treffe und mit ihm spreche. Ich bewundere seine Ausdauer und seine positive Lebenseinstellung.

Statistisch gesehen ist das Durchschnittsalter der Starter in den letzten sechs Jahren um ungefähr vier Jahre gesunken. Wie analysieren Sie das?

Das ist wegen der ganzen Regeländerungen. Junge Athleten passen sich neuen Regeln einfacher an. Die älteren Springer kostet es mehr Arbeit und größere Opfer. Die obligatorische Qualifikationsrunde wurde vor kurzem zum Teil auch deswegen eingeführt, um junge Springer zu fördern. Sie bedeutet einen weiteren Wertungssprung, was dazu führt, dass ältere Springer vielleicht einen ihrer Trainingssprünge ausfallen lassen, um sich auszuruhen und Energie zu sparen. Im Allgemeinen liegt die Erfolgsgrenze bei 32, 33 Jahren, während das optimale Alter für die erste Teilnahme am Weltcup bei 20 bis 22 Jahren liegt. Der Erfolg jüngerer sowie älterer Springer ist eine Glückssache. Noriaki Kasai, von dem wir vorhin gesprochen haben, ist ein Phänomen unter den älteren Athleten. Die Jungen? Es gibt tatsächlich Teenager, die wie aus dem Nichts auftauchen, das sind aber Sonderfälle. Domen Prevc könnte an dieser Stelle ein gutes Beispiel darstellen: Er glänzte am Anfang der letzten Saison, aber bei den wichtigeren Sprüngen erreichte er nicht viel und jetzt schafft er es für den Weltcup nicht einmal in die slowenische Nationalmannschaft.

 
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Miracle on ice: „Glaubt ihr an Wunder? Ja!“

Lake Placid, 1980: Mitten im kalten Krieg erschufen 20 College-Eishockey-Boys gegen die als unschlagbar geltende Sowjetunion einen der größten olympischen Momente: Das Miracle on Ice.

Autor: Christian Bernhard

 

Wenn wir zehnmal gegen sie spielen, mögen sie neunmal gewinnen. Aber nicht dieses Spiel. Nicht heute. Heute halten wir mit ihnen mit. Heute bleiben wir an ihnen dran und schalten sie aus. Weil wir es können! Heute sind wir das größte Eishockey-Team der Welt. Ihr wurdet geboren, um Eishockeyspieler zu sein. Es ist eure Bestimmung, heute hier zu sein. Dieser Moment gehört euch.“

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #16

Sie werden kaum einen US-Amerikaner finden, der diese Worte nicht kennt. Herb Brooks sprach sie am 22. Februar 1980 aus und wusste in diesem Moment noch nicht, dass sie eines der größten olympischen Sport-Märchen einleiten sollten. Einen Moment, der als einer der bedeutendsten in die US-Sportgeschichte eingegangen ist.

An jenem Tag schlug die aus unbekannten College-Studenten bestehende US-Eishockey-Nationalmannschaft in Lake Placid, einem kleinen Wintersportort im Bundesstaat New York, die als unschlagbar geltende Sowjetunion, die bei den vier vorangegangenen Spielen jeweils Gold gewonnen hatte, mit 4:3 und holte später Gold. Die letzten Spielsekunden begleitete TV-Kommentator Al Michaels mit dem legendären Ausspruch: „Glauben Sie an Wunder? Ja!“ Das „Miracle on Ice“ war geboren. Und es hallt bis heute nach – als Inspiration für eine ganze Sport-Nation.

„Es ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht darauf angesprochen wurde – es sei denn, ich lag krank im Bett“, sagt Torhüter Jim Craig. Kapitän Mike Eruzione wird auch heute noch von Menschen angesprochen, die ihm erzählen, sie wüssten immer noch, wo sie in dem Moment waren, als „Kennedy erschossen wurde, Neil Armstrong auf dem Mond gelandet ist und wir dieses Spiel gewonnen haben“. Zur Jahrtausendwende wurde es in mehreren Umfragen zur größten US-Sportleistung des 20. Jahrhunderts gewählt. 

"Er wird uns nicht brechen"

Um zu verstehen, warum sich dieses Spiel so sehr in die kollektive Erinnerung eines ganzen Landes gebrannt hat, hilft ein Blick auf den außergewöhnlichen historischen Rahmen jener Zeit. Die US-Wirtschaft war damals am Boden, die Inflation dramatisch angestiegen. An den Tankstellen hingen aufgrund der Ölkrise „Benzin ausverkauft“-Schilder. US-Präsident Jimmy Carter sprach in einer Rede an die Nation von einer „Krise des Vertrauens“.

Diese wurde noch größer, als die Sowjetunion im Dezember 1979 in Afghanistan einmarschierte und damit eine neue, heiße Phase im Kalten Krieg zwischen dem kapitalistischen Westen und dem kommunistischen Osten einleitete. Das US-Selbstverständnis war am Boden. All das schwang mit, als die beiden Teams in Lake Placid aufs Eis kamen. Das Spiel wurde zum Symbol für den Kampf zwischen West und Ost, zwischen Freiheit und Kommunismus. An diesem Tag wurde der Kalte Krieg auf dem Eis ausgetragen.

Die wundersame Reise der US-Boys hatte im Sommer 1979 begonnen, als Trainer Herb Brooks mit 26 College-Spielern in die sechsmonatige Vorbereitung auf die Olympischen Spiele startete. Brooks hatte da schon ein großes Problem zu lösen: die Rivalität zwischen den Universitäten von Boston und Minnesota, die die meisten Spieler des Kaders stellten. Er musste aus rivalisierenden Spielern ein Team machen. Dafür schuf er für sie ein gemeinsames Feindbild: sich. „Er war der Bad Guy“, erzählt Verteidiger Bill Baker rückblickend, „und ihm gefiel diese Rolle.“ Brooks erklärte seinen Spielern: „Ich werde euer Trainer, aber nicht euer Freund sein.“ Eruzione sagte sich: „Puuh, das kann ein langes halbes Jahr werden.“

Genau das wurde es. Brooks ließ kaum eine Gelegenheit aus, um seine Spieler niederzumachen.

„Du wirst von Tag zu Tag schlechter, und im Moment spielst du so wie nächsten Monat“, war einer seiner Lieblingssprüche. Für die Spieler bedeutete das: viel harte Arbeit. Nach einem Testspiel-3:3 gegen Außenseiter Norwegen wollten sie in die Kabine, als Brooks ihnen mitteilte, sie sollen auf dem Eis bleiben. Dann ließ er sie eine Stunde lang von einer Linie zur nächsten sprinten. Immer und immer wieder. Selbst als das Licht in der Halle schon aus war, mussten die US-Boys weiter über das Eis hetzen. „Seine dröhnende Stimme hallte durch die dunkle und leere Arena“, erinnert sich Verteidiger Jack O’Callahan. Brooks’ Plan ging auf. „Dieser Moment machte uns zur Familie“, erzählt Torhüter Craig. „Wir Spieler haben uns angeschaut und gesagt: Er kann tun und lassen was er will, er wird uns nicht brechen.“ Das tägliche Bashing zwischen Trainer und Team habe aus den Spielern eine Einheit gemacht, betont Co-Trainer Craig Patrick.

Tiki-Taka auf Kufen

Wenige Tage vor dem Start der Olympischen Spiele kam es zum ersten Aufeinandertreffen mit den Sowjets. Im New Yorker Madison Square Garden duellierten sich beide Mannschaften in einem Testspiel – doch es war kein Duell auf Augenhöhe. „Wir wurden überrannt“, sagt Craig zu der 3:10-Klatsche, die noch höher hätte ausfallen können. „Wir dachten uns: Diese Burschen sind in einer anderen Welt.“ Die US-Spieler auf der Bank staunten wie kleine Jungs über die Kreativität und Stärke der Russen. „Sie waren wie Roboter, und wir waren Zuschauer“, unterstreicht Mark Johnson. Mike Eruzione brachte es auf den Punkt: „Das Fazit dieses Abends war: Willkommen in der realen Welt, boys!“ Die US-Spieler bekamen am eigenen Leib zu spüren, warum das Sowjet-Team wahlweise die „Rote Gefahr,“ die „Russische Maschine“ oder der „Große Bär“ genannt wurde.

Die Dominanz kam nicht von ungefähr. Elf Monate des Jahres waren die Spieler im Trainingslager einkaserniert, täglich wurde mindestens dreimal trainiert. „Unser Leben war schwierig und rau, praktisch ohne Familie, Kinder oder Hobbys. Es bestand nur aus Arbeit“, erzählt Wladislaw Tretjak, der bis heute als einer der besten, wenn nicht der beste Torhüter der Eishockey-Geschichte gilt. Freie Tage? „Das ist lustig“, sagt Verteidiger Wjatscheslaw Fetissow, „es gab keine freien Tage. Wir standen jeden einzelnen Tag auf dem Eis.“ Das Resultat war eine revolutionäre Spielweise, ein Tiki-Taka auf Kufen.

Trainer Wiktor Tichonow, ein KGB-Offizier, führte eisern Regie. Wie hart, bekam einer seiner Spieler zu spüren, der fragte, ob er seinen im Sterben liegenden Vater noch einmal sehen könne. Tichonows Antwort: „Du musst dich auf das nächste Spiel vorbereiten.“ In der Mannschaft kursierte der Spruch: Wer eines Tages eine Herztransplantation benötigte, sollte sich Tichonows Herz wünschen: „Es ist ja noch unbenutzt.“

"Glaubt ihr an Wunder? Ja!"

Die „Sbornaja“ war mehr als die Auswahl der besten Eishockey-Spieler des Landes, „sie repräsentierte die Spitze dessen, was die Sowjetunion erreicht hatte“, erklärt Wladimir Posner, ein bekannter russischer Journalist. „Sie war der Beweis, dass das sowjetische das beste System war. Es war nicht Sport, es war Politik.“ Jeder Sieg sei von einem politischen Unterton begleitet worden, betont der damalige Kapitän Boris Michailow. „Speziell bei Olympischen Spielen waren alle besorgt, wie wir unser Land vertreten würden.“ Tichonows Auftrag vor Lake Placid war klar: Er sollte mit der fünften olympischen Goldmedaille in Serie nach Moskau zurückzukehren.

Bis zum Start der Medaillenrunde, in der die Sowjetunion, Finnland, Schweden und die USA um Edelmetall spielten, lief für die UdSSR alles nach Plan: Sie gewann alle fünf Partien und erzielte dabei 51 Tore. Dann kam das Spiel gegen die USA. „Das Eis müsste schmelzen, damit die Amerikaner hier etwas holen“, schrieb The New York Times vor der Partie.

Die Russen gingen dreimal in Führung, doch die US-Boys glichen jedes Mal aus. Die Schlüsselszene des Spiels ereignete sich aber nicht auf der Eisfläche, sondern in der Kabine. Tichonow nahm beim Stand von 2:2 Torhüter Tretjak aus dem Spiel und ersetzte ihn durch die Nummer zwei, Wladimir Myschkin. „Es fühlte sich an, als ob ein großes Loch in unser Team gerissen wurde“, beschreibt Verteidiger Sergei Starikow den Wechsel. Als Verteidiger Fetissow Jahre später auf diese Situation angesprochen wurde, schüttelte er nur den Kopf und sagte mit seinem prägnanten russischen Akzent: „Coach crazy.“ Der selbst bezeichnete den Wechsel rückblickend als seinen „schlimmsten Fehler“.

Myschkin blieb im Mitteldrittel ohne Gegentor, doch im Schlussabschnitt fiel das 3:3 – und dann Eruziones 4:3. In den letzten zehn Spielminuten verteidigten die USA die Führung leidenschaftlich, dann schrie Al Michaels in sein Mikrofon: „Glaubt ihr an Wunder? Ja!“

Das "Miracle on Ice" war nicht das Ende, sondern der Beginn

„Dieses Spiel hat mich gelehrt, dass du niemals deinen Gegner unterschätzen solltest“, sagt Fetissow. „Wir haben gegen sehr ehrgeizige, junge amerikanische Burschen verloren, die von der ersten bis zur letzten Sekunde dieses Spiels daran geglaubt haben, dass sie Champions werden würden.“ Zwei Tage später trat genau das auch ein; die USA schlugen Finnland mit 4:2 und sicherten sich so die Goldmedaille.

„Wir haben weder die Russen aus Afghanistan verjagt noch die Ölkrise gelöst“, sagt Eruzione. „Aber die Menschen haben sich besser gefühlt und waren wieder stolz darauf, Amerikaner zu sein. Das war viel bedeutsamer als ein Eishockeyspiel.“

Fetissow ist sich bewusst, dass er ,Boris Michailow‘, eine „der berühmtesten Silbermedaillen der Sport-Geschichte“ besitzt. Der Mythos „Miracle on Ice“ beruhe aber auch auf einer „selektiven Wahrnehmung“, betont er. Der russische Journalist Sewa Kukuschkin, der das Spiel für die sowjetische Nachrichtenagentur TASS vor Ort verfolgt hatte, erklärte es in der Dokumentation Of Miracles and Men so: „Schauen Sie, wahrscheinlich ist es ein Problem der Amerikaner. Wenn ein junger Mann Sophia Loren geküsst hat und sein ganzes Leben lang erzählt, ‚Wow, ich habe Sophia Loren geküsst‘, dann ist das eine Seite der Betrachtung. Aber fragen sie mal Sophia Loren, ob sie sich daran erinnert.“

Die Folgen von damals seien aber bis heute sichtbar, sagt Igor Larionow. Für ihn war das „Miracle on Ice“ nicht das Ende, sondern der Beginn. Der damals 19-Jährige rückte danach in die Nationalmannschaft auf und wurde zu einem der besten Angreifer aller Zeiten. Jeder Amerikaner solle stolz auf den US-Sieg in Lake Placid sein, sagt er, „aber alle Eishockey-Fans sollten sich auch an das Vermächtnis der sowjetischen Teams dieser Ära erinnern“. Die Brillanz der heutigen Superstars Sidney Crosby oder Patrick Kane sei „auf sonderbare Weise das Produkt sowjetischer Kreativität und Freiheit auf dem Eis“.

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Şenol Güneş Interview: „Eine Gedankenrevolution“

Şenol Güneş ist einer der erfolgreichsten Trainer in der Türkei und trifft mit Beşiktaş in der Champions League nun auf den FC Bayern München. Den Deutschen ist er auf ewig dankbar – besonders einem ganz Großen. SOCRATES traf ihn zum Interview.

Autor: Fatih Demireli

Şenol Güneş (65) stand ununterbrochen 15 Jahre im Tor von Trabzonspor und der Nationalmannschaft der Türkei. Nach einer Zeit als Lehrer der Mittelschule wurde er Trainer und feierte seither große Erfolge, u.a. wurde er WM-Dritter 2002 und zuletzt zwei Mal in Folge Meister mit Beşiktaş.

Herr Güneş, können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit einer deutschen Mannschaft erinnern?

War es Kaiserslautern?

1982 als Vereinsspieler von Trabzonspor, ja. Die erste Begegnung gab es aber als Nationalspieler.

Helfen Sie mir weiter.

Das Interview erschien in Ausgabe #16

Am 17. November 1976 gastierten Sie mit der Türkei in Dresden bei der Nationalmannschaft der DDR. Das WM-Quali-Spiel endete 1:1. Beim Rückspiel fehlten Sie, das wurde verloren. Am 1. April 1979 spielten Sie dann erstmals gegen das von Jupp Derwall trainierte Westdeutschland. Am Ende stand es 0:0 in Izmir.

Das Rückspiel gegen Westdeutschland war im Park-Stadion, Gelsenkirchen. Es gab eine Auseinandersetzung zwischen den Fans. Ich ging dazwischen und bekam dafür einen Fairplay-Preis. Ich konnte es nicht verstehen, weshalb Türken und Deutsche miteinander streiten. Sie leben doch zusammen. Der Fußball sollte verbinden, nicht trennen.

Welche Erinnerungen haben Sie sonst an Deutschland?

Deutschland war schon immer etwas Besonderes. Ich habe ja meine Trainerausbildung zum Teil in Deutschland gemacht. Ich war in Hennef, später dann auch einige Zeit in Berlin in der Ausbildung. Für mich ist Deutschland, was die Ausbildung und die Disziplin angeht, das Vorzeigeland überhaupt. Und wenn sie mal Defizite haben, finden sie schnell Wege diese auszugleichen. Das finde ich beeindruckend.

Als Sie 1979 im Tor gegen Westdeutschland standen, war Derwall Trainer des DFB-Teams. Kurze Zeit Später kam er in die Türkei zu Galatasaray und veränderte den Fußball in diesem Land. Heute ist er eine Legende in der Türkei. Haben Sie damals schon als Spieler verstanden, dass da jemand im hohen Stile Veränderungen angeht?

Schauen Sie, ich war immer Fan des deutschen Fußballs. Schon Helmut Schön hat mich beeindruckt. Aber Derwall ist sowohl für den deutschen, als auch für den türkischen Fußball eine extrem wichtige Figur. Er hat in der Türkei unter widrigen Umständen nicht nur eine Weiterentwicklung vorangetrieben, sondern visionär gehandelt und ein Fußballland verändert.

Eigentlich machen Lehrer und Trainer den gleichen Job

Was hat er getan?

Das, was Derwall in der Türkei getan hat, war eine Gedankenrevolution. Wir Türken haben uns jahrelang gefragt, was wichtig ist, um im Fußball erfolgreich zu sein. Ist es die richtige Taktik? Ist es die richtige Technik? Ist es die Kondition? Wir haben Fragen gestellt und wussten die Antwort nicht. Er hat uns die richtigen Antworten gegeben. Es begann mit ihm, aber dann kamen immer mehr Deutsche und beantworteten unsere Fragen.

Sie waren zwischen 2000 und 2004 Nationaltrainer. Bei der WM 2002 wurden Sie in Südkorea und Japan Dritter, 2003 beim Konföderationen-Pokal erfolgte erneut ein dritter Platz – und dies mit einer sehr jungen Mannschaft. Dennoch war es ein steiniger Weg. Warum ist das Trainer-Dasein in der Türkei so schwer?

Ich war mit meinen Mannschaften oft in Deutschland, um Trainingslager zu absolvieren. Selbst in den kleinsten Dörfern gibt es hervorragende Trainingsplätze, wo Jung und Alt trainieren können. In der Türkei wurden in den letzten Jahren tolle Stadien gebaut, aber das reicht nicht. Wir müssen in die Ausbildung investieren, wir müssen den Kindern mehr Möglichkeiten geben. Stattdessen arbeiten wir oberflächlich an kurzfristigen Lösungen und über die strukturellen Lösungen reden wir nur.

Kann die Türkei so irgendwann fußballerisch zu den großen Nationen aufschließen?

Vereinzelte Ergebnisse auf dem Platz sind immer möglich, aber für das Große und Ganze muss investiert werden. Die Engländer haben es zuletzt auch vorgemacht. Sie waren gegenüber äußeren Einflüssen verschlossen, haben sich aber geöffnet, in die Ausbildung investiert und stellen jetzt die beste Liga der Welt und die Nationalmannschaften kommen nun auch nach.

Sie waren nach Ihrer Zeit als Profifußballer Schullehrer, erst dann sind Sie Trainer geworden. Haben Sie aus der Zeit Ihres Lehrerlebens etwas in den Fußball transportieren können?

Fußballer stehen voll im Leben, haben viel Geld, ein großes Ansehen und dazugehörig oft auch eine Berühmtheit. Man muss natürlich damit umgehen können, aber eigentlich machen Lehrer und Trainer den gleichen Job. Es ist ein anderer Beruf, aber die Praktiken sind gleich. Es ist ein Vorteil, über Pädagogik und Psychologie Bescheid zu wissen, wenn man Menschen einen Weg zeigt, indem man ihnen Wissen mitgibt – und nichts Anderes ist es, was man als Lehrer oder Trainer tut.

Bayern wird für Beşiktaş eine Reifeprüfung

Was ist schwieriger?

Der Schüler muss in die Schule kommen. Der Fußballer auch, aber kann auch aus freien Stücken aufhören, wenn er nicht mehr will. Vielleicht ist daher der Fußballer etwas schwerer zu erziehen, aber es gibt Wege.

Wie gut Ihre pädagogischen Fähigkeiten sind, haben Sie im Fall von Mario Gómez bewiesen. Er kam als Problemfall in die Türkei, schaffte aber unter Ihnen den Aufschwung und wurde wieder Nationalspieler. Wie haben Sie ihn hinbekommen?

Er war immer ein großer Fußballer. Seine Probleme waren Verletzungen, die ihn runterzogen und sein Leistungsbild beeinträchtigten. Er brauchte einen Neuanfang und es war eine Chance für beide Seiten. Wenn wir schon beim Bild Schüler und Fußballer sind: Er hat wie ein emsiger Schüler gearbeitet, seine Perspektive verändert und so Erfolg erfahren. Und er hat es mir einfach gemacht, indem er meiner Art und Weise ihm zu helfen, Vertrauen geschenkt hat. Er hätte ja auch sagen können: „Nein, ich gehe meinen Weg!“

Er hat zugehört.

Weil er auch ein sehr anständiger und höflicher Typ ist. Er liebt Fußball und wollte seit Tag eins beweisen, welches Kaliber er hat. Es ist nicht einfach, in dem Alter noch einmal so einen Perspektivwechsel zu vollziehen. Er hat es geschafft.

Wie traurig sind Sie, wenn ein Erfolgsfall wie Mario Gómez Ihre Mannschaft verlässt?

Ich möchte meine Arbeit gut machen und erfolgreich sein. Erfolg bedeutet aber nicht, zu gewinnen oder Meister zu werden, sondern den Lohn einer Arbeit zu ernten. Es bedeutet mir viel, wenn sich meine Spieler entwickeln. Freude und Enttäuschungen gehören dazu, aber sie sind wiederkehrend. Wichtig ist, dass sie nicht auf Zufällen beruhen.

Kein Zufall ist, dass Beşiktaş nun im Achtelfinale der Champions League aufden FC Bayern trifft. Nachdem Beşiktaş  in der Gruppenphase zwei Mal RB Leipzig besiegt hat, schrieben türkische Medien: „Leipzig hat seinen großen Bruder geschickt!“ Ist gegen den Big Brother der Pädagoge oder der Trainer Şenol Güneş gefragt?

Es ist kein Geheimnis, dass der FC Bayern in vielen Belangen uns weit voraus ist. Wir wissen, wer wir sind, was wir können und was nicht. Das bedeutet aber nicht, dass wir ein Team sind, das ihm Vorbeigehen zu schlagen ist. Wir haben bisher – auch in der Champions League – unseren eigenen Stil des Fußballs durchgezogen und möchten dies auch gegen Bayern tun. Bestenfalls spielen wir guten Fußball und kommen eine Runde weiter. Schlechtestenfalls möchten wir mit unserer Art und Weise, wie wir spielen, einen positiven Eindruck hinterlassen und so von der Bühne abtreten. Die Duelle werden für uns eine Reifeprüfung.

Der Sport sollte Freundschaft, Liebe, Respekt und Frieden darstellen

Jupp Heynckes fand für Sie lobende Worte…

…er gehört ja auch zum alten Eisen wie ich (lacht).

Was halten Sie von ihm?

Ich habe für seine Worte zu danken. Er war ein überragender Fußballer und ist dann auch ein überragender Trainer geworden. Seine Erfahrung spricht für sich. Ich fange jetzt aber nicht an, ihn zu loben. Jedes Lob könnte an dieser Stelle zu kurz geraten und wäre Heynckes nicht gerecht. Nicht umsonst holt ihn der FC Bayern jedes Mal zurück, wenn Bedarf besteht. Ich weiß noch, wie ich damals sein vermeintlich letztes Spiel im Stadion live gesehen habe. Das würde bei uns gar nicht gehen. Oder die Sache in Dortmund…

Was meinen Sie konkret?

Dass Dortmund einen Trainer holt, der in Köln die Saison über drei Punkte geholt hat, finde ich beeindruckend. Das würde in der Türkei nie gehen, die Aufruhr wäre groß. Wir sind leider noch nicht soweit, tun aber alles, dies zu erreichen.

Sind Topklubs nur von Älteren trainierbar?

Nein, das würde ich nicht sagen. Die Erfahrung ist nur ein Hilfsmittel, mehr aber auch nicht. Julian Nagelsmann ist auch nicht alt und macht einen tollen Job in Hoffenheim. Ob es jetzt schon für Bayern München reichen würde, weiß ich nicht. Vielleicht sollte man das mal testen.

Sie waren im Dezember in München, als der FC Bayern im Pokal gegen Dortmund gespielt hat. Dort kam es auch zum Treffen mit den Verantwortlichen der Münchener.

Es war ein sehr warmer Empfang. Ich mag die Bescheidenheit der Deutschen, da ist keine Überheblichkeit zu spüren. Die Hoeneß-Brüder waren da, Karl-Heinz Rummenigge war da – es war schön. Es ist wichtig, dass die Beziehungen gut sind. Nicht nur im Fußball, sondern auch allgemein. Die Türkei braucht diese freundschaftliche Beziehung. Ich verstehe nicht, was es bringt, die Stimmung zu verschärfen. In Deutschland leben so viele Türken – das bringt doch nichts.

Kann denn ein Fußballspiel verbindende Wirkung zwischen zwei Ländern erzielen, die auf politischer Ebene Spannungen haben?

Es sollte! Der Sport sollte Freundschaft, Liebe, Respekt, Frieden darstellen und die Menschen nicht auseinander bringen. Aber das gilt nicht nur für den Sport, sondern auch für die Politik. Auch da sollten die Politiker darauf aufpassen, was sie sagen. Große Nationen sollten sich wie große Nationen verhalten. Die Spannungen sind mir bekannt, aber ich glaube, dass das für die Menschen keine Rolle spielt und dass das vergänglich sein wird. Mir persönlich ist es egal, welche Herkunft oder Glaube mein Gegenüber hat. Das sollte nirgendwo auf der Welt eine Rolle spielen. Von Boshaftigkeit hat noch nie jemand etwas gewonnen.

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Marcel Hirscher: Ungebrochener Siegeswille

Der Österreicher Marcel Hirscher ist einer der besten Skirennläufer und selbst eine große Verletzung hat ihn zu Beginn der Saison nicht zurückgeworfen. Auch sein Siegeswille ist ungebrochen.

Interview: Ozan Can Sülüm

Herr Hirscher, nachdem Sie sehr lange Zeit verletzungsfrei waren, haben Sie sich kurz vor der olympischen Saison den Knöchel gebrochen. Ein Olympiasieg ist das Einzige, was in Ihrer Karriere noch fehlt. Waren Sie nervös, weil Sie die Olympischen Spiele hätten verpassen können?

Dieses Interview erschien in Ausgabe #16

Natürlich war mein erster Gedanke: „Ach, verdammt!“ – allerdings nicht wegen der olympischen Saison. Tatsache ist jedenfalls, dass genauso wie jeder andere auch ich mich nicht verletzen will. Also war ich nicht erfreut darüber. Aber zumindest hatte ich das Glück, eine unkomplizierte Fraktur zu haben und dass nicht mal eine Operation notwendig war. Deswegen konnte ich mein Krafttraining nach kurzer Zeit wieder fortsetzen und habe dadurch nicht viel an Stärke verloren. Es war eine Art Auszeit. Zum Teil brauchte ich das vielleicht sogar. Mental gesehen geht es mir ziemlich gut.

Durch die Verletzung haben Sie einen Großteil des Sommertrainings verpasst. In Levi hatten Sie einen langsamen Start erwartet, waren nach dem ersten Durchgang Vierter, aber am Ende wurden Sie Siebzehnter. Dachten Sie, dass alles nach Plan lief, oder waren Sie besorgt?

Sorgen würde ich niemals mit mir in den Wettbewerb schleppen. Ehrlich gesagt, hatten wir nur gehofft, dass ich den zweiten Durchgang erreiche. Mission erfüllt.

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel behauptete, dass Sie vielleicht zu früh angefangen hätten, wieder zu trainieren, und Ihre Antwort war: „Was bedeutet zu früh? Wer außer mir könnte das wissen?“ Hat dieses Statement Ihre Beziehung zum ÖSV beeinflusst?

Überhaupt nicht. Peter ist ein professioneller Präsident und er ist sich der Tatsache bewusst, dass Athleten manchmal unterschiedliche Meinungen haben. So geht es mir auch.

ÖSV-Direktor Hans Pum sagte, dass Ihre Rückkehr aufmunternd sei. Obwohl die österreichische Männermannschaft richtig erfolgreich ist, war die Frauenmannschaft letzte Saison ungefähr eintausend Punkte hinter Italien und das größtenteils wegen Verletzungen. Spüren Sie den Erwartungsdruck wegen allem, was bei den Olympischen Spielen von der Männermannschaft erwartet wird?

Ich spüre eigentlich einen niedrigeren Druck als in den vergangenen Jahren. In der olympischen Saison ist der Medienrummel natürlich größer, aber ich denke, dass sowohl die Mannschaft als auch die einzelnen Athleten damit sehr gut umgehen. Und immerhin wissen wir alle, dass der Erfolg des ÖSV definitiv nicht allein von mir abhängt.

Das war das erste Mal, dass Hirscher einen Traum dieser Größenordnung verwirklichte

Zwischen achtzehn und zwanzig Jahren erreichten Sie großes mediales Aufsehen, indem Sie als Teenager dreifacher Jugendweltmeister beim Slalom und Riesenslalom wurden. Gleichzeitig debütierten Sie beim Weltcup. Wie würden Sie jene Jahre beschreiben?

Auf jene Zeit zurückzublicken, macht mich irgendwie immer noch sprachlos. Das war das erste Mal, dass ich einen Traum dieser Größenordnung verwirklichte. Ich dachte wirklich, „Ich hab’s geschafft!“, und gleichzeitig dachte ich schon damals größer. Na ja, ich denke, dass es recht gut funktioniert hat.

Sie haben 2009 in Garmisch bei der Super-G-Junioren-Weltmeisterschaft eine Silbermedaille gewonnen, aber Ihr erster Super G im Weltcup kam erst 2015. Gab es einen besonderen Grund dafür?

Ja, klar! Offensichtlich war ich nicht früher dazu bereit und beim Weltcup gab es natürlich einige exzellente Skirennläufer, die schneller waren als ich. An jenem Tag waren alle Voraussetzungen erfüllt, sodass ich meinen ersten Super-G-Sieg erringen konnte. Das war’s.

Fühlen Sie, dass Ihre Karriere in die Falle technischer Disziplinen geraten ist, oder war es eine strategische Entscheidung, sich auf Slaloms zu spezialisieren, um die Gesamtwertung zu dominieren?

Mir ist es nie eingefallen, die Sache so zu betrachten. Es gibt gar keine Falle. Die Entscheidung, ein technischer Profi zu werden und meine Zeit darin zu investieren, diese Fertigkeiten weiterzuentwickeln, war eine natürliche, zu der es kam, als ich noch ein Kind war. Zudem bin ich, wie Sie sehen, weder groß noch wiege ich viel, was für eine Abfahrtskarriere von Vorteil wäre.

Alpiner Skilauf ist wohl der Wintersport, der medial am meisten Aufmerksamkeit erfährt. Aber es gibt eher selten Unruhe. Haben Sie nach Ted Ligetys Verschwörungstheorie, dass zwischen Ihrer Verletzung und der Absage des ersten Events ein Zusammenhang bestünde, gespürt, dass es dafür tiefergehende Gründe aus den vergangenen Saisons geben könnte?

Nein, glaube ich nicht. Für uns professionelle Athleten zählen jeder Wettbewerb und jeder Punkt und natürlich wollen wir an jedem Wettbewerb teilnehmen und aus diesem Grund setzen wir uns selbst unter Druck. So glaube ich, dass wir alle irgendwelche Verschwörungstheorien parat haben. Was denken Sie? Dass ich am Träumen war, als mich eine Drohne auf der Piste fast getroffen hat?

Marcel Hirscher: "Ich muss nichts beweisen"

Wenn wir bei der Medienaufmerksamkeit bleiben: Alpiner Skilauf ist ein sehr populärer Sport in Österreich, wenn nicht gar der populärste. Haben Sie den Eindruck, dass jeder Ihrer Schritte und jede Ihrer Bewegungen kritisiert wird?

Nicht jeder Schritt, aber vielleicht zu viele. Ich denke, das ist der Preis, den man zahlt, wenn man eine Person des öffentlichen Lebens ist. Und die Liste der Vorteile der Berühmtheit ist definitiv länger als die der Nachteile. Ich bin sehr froh, dass wir in Österreich keine Paparazzi und größtenteils respektvolle Fans haben. Und was Kritik betrifft: Ich habe mit ihr umzugehen gelernt.

Die meisten Comebacks in Ligety kamen aus dem ÖSV und den Trainern usw. Die österreichische Mannschaft sieht von außen undurchschaubar aus. Ist das einer der Gründe für den Erfolg beim Wintersport?

Vielleicht. Ich denke, dass auch die Fan-Community dafür verantwortlich ist. Österreicher sind besessen vom Ski, egal, ob sie selbst Ski laufen oder es im Fernsehen verfolgen. Ich denke, all das ergab sich aus der Geschichte. Wir hatten schon immer gute Voraussetzungen, was den Schnee angeht, und die Möglichkeit, diesen Sport zu betreiben, die richtige Unterstützung und so weiter und so fort.

Meistens macht es Athleten nervös, vor der Weltmeisterschaft oder den Olympischen Spielen neues Material auszuprobieren. Sie sagten, dass es noch kleinere Probleme gebe mit Ihrem Knöchel und daher auch, mit noch ungewohnten Materialien zu trainieren. Wie weit würden Sie für einen Olympiasieg gehen?

Ich muss nichts beweisen und würde für eine Medaille niemals meine Gesundheit riskieren. Ich bin ein Skirennläufer und will natürlich in PyeongChang meine beste Leistung zeigen. Aber es gibt noch einen weiten Weg bis dahin und eine Menge Aufgaben zu bewältigen, also werde ich hart arbeiten und mich in Geduld üben.

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Olympia 2018: Das Socrates Special

Die 16. Ausgabe ist ab sofort im Handel! Wenige Tage vor dem Start der Winterspiele bringen wir ein Olympia Special. Im Fokus: Laura Dahlmeier, Viktoria Rebensburg, Adam Malysz, Marcel Hirscher, Felix Neureuther, u.v.m.

Die Themen dieser Ausgabe

Biathlon | Laura Dahlmeier: Bereit, viel zu opfern. Aber nicht alles.

Laura Dahlmeier ist das Aushängeschild des deutschen Biathlonsports. Ihre Akribie und Beharrlichkeit können für Wegbegleiter anstrengend sein. Für ihren Erfolg sind sie aber unabdingbar. Ein Porträt.

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Skisprung | Adam Małysz: „Nun haben wir alles“

Am Anfang war nur Adam Małysz. Mittlerweile hat Polen im Skisprung eine Mannschaft, die sogar Titel holt. Der Weg war aber kein einfacher, wie Małysz SOCRATES erzählt.

Ski Alpin | Viktoria Rebensburg: „In mir brennt noch das Feuer“

Vor acht Jahren fuhr Viktoria Rebensburg zu Olympia-Gold im Riesenslalom. Sie will immer noch die schnellste sein. Deutschlands beste Skifahrerin über wichtige Analysen, die Heimat und Wärmekabinen.

Die weiteren Wintersport-Themen

Erst die Winterspiele, dann die Fussball-WM. Das Sportjahr 2018 hat viel zu bieten – vor allem viel Schatten. Das IOC steht dabei im Fokus.

„Ich habe die Verletzung gebraucht“ – Marcel Hirscher erzählt SOCRATES, warum ihn seine große Verletzung nicht zurückgeworfen, sondern nur noch stärker gemacht hat.

Rosi Mittermaier und Christian Neureuther wollten nie eine Inspiration für ihren Sohn sein. Stolz sind sie aber. Ein Elterngespräch über die Liebe zum Schnee und über einen weinenden und schreienden Felix Neureuther.

Lake Placid, 1980. Mitten im kalten Krieg erschufen 20 College-Eishockey-Bos gegen die als unschlagbar geltende Sowjetunion einen der größten olympischen Momente. Das Miracle on Ice. Die wunderbare Story, erzählt von Christian Bernhard.

Dazu Interviews mit Willi Lemke, Michael Rösch, Anna Seidel und Co.

Fußball, Basketball und Co.

"Ich werde Heynckes nicht loben"

Vor den Champions-League-Spielen gegen den FC Bayern: Besiktas-Trainer Senol Günes erzählt im exklusiven Interview, warum sich die Türkei bei Deutschland bedanken muss und wie die CL-Spiele die politische Lage entspannen könnten.

Gaël Monfils im Interview

Gaël Monfils ist viel mehr als ein Showman. Der französische Tennisprofi gibt einen tiefen Einblick in sein Seelenleben und spricht offen über seine Probleme außerhalb des Courts.

Das Einhorn und der Fresh Prince

Die New York Knicks überraschen diese Saiason mit einer guten Mischung aus modernem Angriff und ruppiger Verteidigung. Zwei junge Europäer verändern die Identität der Franchise. Ein Socrates-Besuch bei Kristaps Porzingis und Frank Ntilikina.

Dies und vieles mehr…

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