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Dirk Nowitzki: Der Spaß, der alles hinwegfegt

Dirk Nowitzki hat seine großartige Karriere beendet. Wir trafen einst Deutschlands Sportlegende in Dallas uns sprachen mit ihm über Freude an der Arbeit, Helden und Pippi Langstrumpf. Das komplette Interview, das im Oktober 2016 stattfand.

Der Artikel erschien in Ausgabe 2

Der Artikel erschien in Ausgabe 2

Dirk, du spielst deine 19. Saison in der NBA. Welcher Bereich hat dieses Jahr in der Vorbereitung die meiste Zeit beansprucht – die Physis oder die Psyche?

Seit letztem Frühjahr habe ich nicht mehr richtig Basketball mit einer Mannschaft gespielt. Nach einer so langen Pause wieder in die Gänge zu kommen, ist schon eine Herausforderung. Wir haben die Vorbereitung relativ langsam begonnen. Den ganzen Sommer über habe ich konsequent an der körperlichen Fitness gearbeitet. Früher habe ich manchmal sogar eine komplette Sportpause gemacht, aber das geht schon lange nicht mehr.

Du machst gar keine richtige Pause mehr zwischen den Saisons?

Wenn du da nachlässig bist, dauert es Monate, bis du wieder da bist, wo du sein solltest. Ab August habe ich sehr viel Individualtraining gemacht und versucht, den alten Körper wieder richtig in die Gänge zu bekommen. Die ersten drei Vorbereitungsspiele habe ich noch ausgesetzt. Dann habe ich eine erste Halbzeit gespielt. Wir haben die Intensität langsam hochgefahren, aber die ersten Wochen nach dem Sommer sind schon schwer.

Wie groß ist der mentale Anteil an deinem Erfolg, das mentale Training?

Wir haben im Frühjahr unser letztes Spiel bestritten, und jetzt habe ich mich schon wieder auf die Saison gefreut. Es ist wichtig, dass das Feuer noch da ist nach so vielen Jahren, dass es Spaß macht. Ich bin mental frisch. Im Sommer habe ich nicht für die Nationalmannschaft gespielt, ich bin mit der Familie unterwegs gewesen. Und natürlich ist man nach 19 Jahren in dieser Liga auch erfahren genug, um zu wissen, was man machen muss, damit man physisch und mental fit wird. Wir haben das wieder gut hingekriegt, ich bin heiß auf die neue Saison. Wenn mein Sport mal zum reinen Beruf wird, dann höre ich auf.

Dirk Nowitzki

Du sprichst deine Erfahrung an: Bist du überhaupt noch nervös?

Nervosität gehört unbedingt dazu, glaube ich. Dieses Kribbeln. Ob es jetzt ein Vorbereitungsspiel ist oder ein reguläres Saisonspiel oder ein entscheidendes Playoff-Spiel – Nervosität ist ein notwendiges Gefühl. Natürlich ist es nicht mehr so wie damals in der Rookie-Saison, wo du vor Nervenflattern und Angst Durchfall hast. Ohne Nervosität wird es langweilig. Dieses Kribbeln macht schon noch Spaß.

Seit deinem Rookie-Jahr ist alles anders geworden. Damals drehte sich alles um Basketball, jetzt hast du etliche andere Verantwortungen und Aufgaben. Du bist Vater, erfährst tagtäglich sehr viel Liebe deiner Fans und bist auch abseits des Platzes sehr gefragt. Haben dich diese Dinge verändert?

Ich bin halt erwachsen geworden. Ich kam mit kaum 20 nach Dallas und hatte vorher noch nie woanders gelebt außer bei meinen Eltern. Seitdem ist viel passiert. Auf dem Spielfeld und auch abseits der Halle. Ich habe ein paar Niederlagen kassiert und Enttäuschungen mitgemacht. Und natürlich prägt einen das. Man wächst daran. Du machst gute und schlechte Erfahrungen. Die schlechten verdrängt man allmählich und versucht, daraus zu lernen. Von den guten zehrt man lange. Aber es war bisher eine schöne Zeit. 18 Jahre. Ich habe viel gelernt.

Wo du auftrittst, sehen die Leute dich als Helden. Bei deinem Benefizspiel in Mainzer Fußballstadion in diesem Sommer hast du länger Autogramme geschrieben, als das Spiel selbst gedauert hat. Wie sehr kannst du solche Situationen genießen?

Als Held sehe ich mich natürlich nicht. Das ist mir arg hochgegriffen. Den Leuten gefällt, wie ich Basketball spiele. Klar hat man eine gewisse Vorbildfunktion. Aber der Begriff „Held“ ist schon wahnsinnig hochgegriffen. Es macht mir natürlich großen Spaß, zu sehen, wie die Fans sich freuen, wenn sie ein Autogramm oder ein Foto bekommen. Das macht mir schon auch Spaß, vor allem bei den Kids. Meine eigenen Kinder werden irgendwann ebenfalls zu jemandem aufschauen. Sie werden sich Vorbilder suchen. Diese Momente mit den Fans sind mir deshalb sehr wichtig.

Welche Helden sollen denn deine Kinder einmal haben?

Gute Frage. Meine Helden waren damals meistens Sportler. Mein Vater war wahrscheinlich mein erstes Vorbild. Er war ein sehr guter Handballer. Ich war früher bei jedem seiner Spiele dabei und habe an der Sprossenwand gehangen. „Heja Papa“ und weiß der Geier was habe ich gerufen. Mein Vater war mein erstes Vorbild, und alle, die danach kamen, waren eigentlich auch immer Sportstars. Ob sich meine Kids auch mal so für Sport interessieren werden oder sportlich sein wollen, weiß man natürlich noch nicht. Max ist noch sehr klein, aber er rennt schon ständig irgendeinem Ball hinterher. Malaika eigentlich überhaupt nicht, sie spielt meistens mit ihren Puppen. Man muss abwarten, welche Hobbies sich die Kids aussuchen und was sie interessiert. Und wen sie sich zum Vorbild nehmen.

Diskutierst du mit deiner Frau zum Beispiel, ob es lieber Pippi Langstrumpf oder Ronja Räubertochter sein soll?

Pippi Langstrumpf ist ja im Original schwedisch. Pippi Långstrump. Meine Frau ist damit aufgewachsen, das wird Malaika sicher mögen. Gerade ist allerdings Elsa von „Die Eiskönigin“ das absolute Vorbild. Zu Halloween war sie auch als Elsa verkleidet, nur die Perücke wollte sie nicht aufsetzen. Max war Olaf, der Schneemann. Weltklasse.

Zurück zu deinen eigenen Helden. Wie war es, als du damals dann gegen diese antreten musstest?

Mein erstes NBA-Spiel war gegen die Seattle Supersonics mit Detlef Schrempf. Was natürlich Wahnsinn war, vor allem, weil auch so viele deutsche Medien da waren. Es war damals surreal und komisch, auf einmal gegen Leute anzutreten, die du jahrelang im Fernsehen bewundert hast und die deine Idole waren. Mein drittes Spiel war dann gegen die Houston Rockets. Als Junge bin ich riesiger Chicago-Bulls- und Scottie-Pippen-Fan gewesen. Charles Barkley hatte bei den Phoenix Suns gespielt. Beide waren in den 90er Jahren meine absoluten Helden. Und Hakeem Olajuwon war damals der beste Big Man. Am Ende ihrer Karrieren haben die drei zusammen in Houston gespielt: Olajuwon, Barkley und Pippen! Das war schon Wahnsinn. Da habe ich beim Aufwärmen dagestanden und hab ihnen genau zugeschaut. Wie sie sich aufwärmen, wie sie sich auf dem Spielfeld verhalten, was sie außerhalb vom Spielfeld machen. Da war ich wie ein kleiner Fan, obwohl ich an dem Abend gegen sie spielen musste.

Merkst du manchmal, dass es jungen Spielern heutzutage ähnlich geht, wenn sie gegen dich antreten müssen bzw. dürfen?

Ab und zu kommt das vor. Manchmal kommen neue, junge Spieler aus Europa – und manche sind schon lange Fans. Genauso wie ich damals. Normalerweise fällt mir das nicht so auf, aber vor ein paar Jahren haben wir einmal in der Preseason gegen Denver gespielt. Ich war in der Layup-Line beim Aufwärmen, als die Denver Nuggets aus der Kabine kamen. Der Georgier Nikolos Zkitischwili kam gerade in die Liga. Und dann starrte er mich an, als ich an ihm vorbeilief, und schaute mir hinterher. Das war natürlich ein gutes Gefühl, zu wissen, dass man jetzt auch eine Vorbildfunktion hat und dass auch Leute in Europa daran teilhaben, was ich hier mache. Vor allem andere Spieler.

Zum Helden von Dallas bist du mit der Meisterschaft 2011 geworden. Wer war damals die erste Person, mit der du wirklich geredet hast? Das erste richtige Gespräch nach dem größten Erfolg?

Erstmal ist alles ein einziges Umarmen und viel zu wild für Worte, in der Kabine haben wir uns den Champagner über die Rübe gekippt. Aber irgendwann habe ich dann mit den Physios zusammengesessen und relaxed. Der Medienrummel war vorbei und dann saß ich da. Mit den Leuten, mit denen wir in all den Jahren so viel durchgemacht haben. Wir haben ein paar Sachen Revue passieren lassen. Der Doc war dabei und hat ein Foto von der Trophäe und mir gemacht. Er hat mir das Bild später einmal geschenkt, es hängt immer noch bei mir Zuhause. Wir haben dagesessen und einfach über das gesprochen, was da gerade passiert war. In den Tagen und Wochen danach habe ich natürlich viel geredet: mit Holger, der natürlich dabei war, mit meinem Physio Jens Joppich, mit meiner Freundin – meiner jetzigen Frau –, mit der Familie.

Als Holger Geschwindner dich vor mehr als zwanzig Jahren entdeckt hat – war er da ein Held für dich?

Wahrscheinlich war ich da schon ein bisschen zu alt, um Helden zu haben. Ich war 16 oder 17, da ist man gerade ein bisschen cool und gibt es nicht so zu, wenn man jemanden gut findet. Ich kannte Holger damals noch nicht und wusste gar nicht, was er schon alles für den deutschen Basketball gemacht hatte. Dass er Kapitän der 1972er-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen von München gewesen war. Das war mir alles nicht bekannt. Ich habe mich damals eher für die Handballer interessiert, Jochen Fraatz und so. Und natürlich für die NBA-Spieler. In Deutschland kannte ich mich nicht so aus. Aber als ich Holger dann kennengelernt habe, ist er natürlich zu einem Vorbild geworden. In allem, was er macht, auch außerhalb des Spielfelds. Der Hotsch ist schon ein Unikum. Auf jeden Fall.

Wenn man Holger Geschwindner und dich bei Spielen beobachtet, fällt auf, dass ihr immer Blickkontakt habt, wenn ein paar Würfe nicht fallen. Kann er dein Spiel noch aktiv beeinflussen? 

Gestern habe ich zu Beginn des Spiels nicht gut getroffen, und da habe ich ihn im ersten Viertel sogar mal kurz gesucht. Ich wusste allerdings gar nicht, wo er sich hingesetzt hatte, also habe ich ihn nicht gefunden. Früher war das natürlich wichtiger. In meinem ersten Jahr habe ich ihn nach jedem schlechten Spiel sofort am nächsten Tag angerufen, wenn er nicht da war. Mal 20 Minuten, mal eine halbe Stunde. Ich habe erzählt, was passiert ist, wie es mir dabei ging und was ich gefühlt habe. Da war er schon sehr wichtig für mich, ein sehr großer Rückhalt. Und es ist immer wieder gut, wenn er da ist. Es schleichen sich ja ständig kleine Fehler in den Schuss ein, die Holger dann sehr schnell und sehr genau rausbügeln kann.

Auch während der Spiele?

Im Spiel mache ich mein eigenes Ding. Bei Heimspielen weiß ich natürlich wo er sitzt, da schaue ich schon ab und zu mal zu ihm rüber. Er gibt mir dann seine Handzeichen „Rebounden“ oder „Kämpfen“. Und dann sage ich ihm: „Komm Du doch hier runter und mach das mit 38, mein Junge!“ Spaß beiseite: Ein paar spezielle Handsignale haben wir immer noch, und die sind sehr hilfreich. Wenn der Schuss mal links oder rechts vorbeigeht, zeigt er mir an, dass ich die Finger breiter machen muss. Oder dass ich es etwas langsamer und ruhiger angehen lassen soll. Es gibt Zeichen, die auch nach 19 Jahren in der Liga immer noch helfen.

Du hast kürzlich mal gesagt, dass du dir vorstellen könntest, später auch mal als „Holger“ zu arbeiten. Also als Mentor und Individualtrainer. Warum? Was reizt dich an der Aufgabe?

Ich habe von Holger über all die Jahre so viel gelernt: über den Wurf, über die Bewegungen dabei, über Basketball ganz allgemein. Und ich glaube, dass ich diese Dinge gut weitergeben könnte. Anders als Holger mit seinem Hintergrund als Physiker und Mathematiker natürlich, aber über den Wurf kann ich einigermaßen vernünftig erzählen. Eine Mannschaft zu trainieren, ist wahrscheinlich nicht mein Ding. Motivationsreden waren noch nie meine Sache, und deswegen werde ich wahrscheinlich individuell mit jungen Spielern arbeiten und versuchen, denen etwas beizubringen. Ich glaube, das würde mir Spaß machen.

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Etliche Nachwuchsspieler, denen man eine große Karriere zugetraut hat, sind als „der nächste Nowitzki“ bezeichnet worden. Wie denkst du darüber, dass du offenbar Maßstäbe gesetzt hast?

Als ich in die Liga kam, wurde ich mit Larry Bird verglichen. Und jetzt heißt es bei internationalen Spielern: „Das könnte der nächste Nowitzki sein.“ Das ist eine tolle Sache. Ich habe wohl im Laufe der vielen Jahre etwas erreicht, auf das man stolz sein kann. Wenn heutzutage ein großer Spieler einen Einbeiner schießt, dann heißt es, „Ey, der hat ’nen Dirk gemacht.“ Das ist natürlich ein Riesenkompliment für mich, es ist eine Ehre. Man respektiert, was ich die letzten Jahre geleistet habe.

Hast du bei irgendeinem Spieler mal gedacht: „OK, der kann wirklich mein Nachfolger werden“?

Bei Kristaps Porzingis würde ich sagen: Er hat sogar mehr Potenzial als ich. Er hat jetzt mit 20 schon eine bessere Saison gespielt als ich in dem Alter. Er ist länger, er ist athletischer, er schießt das Ding mit Leichtigkeit von ganz weit weg. Er ist auch der bessere Verteidiger und blockt Würfe. Er hat wirklich alle Möglichkeiten, mal ein absoluter Allroundspieler zu werden. Es ist natürlich ein langer Weg, für den man auch etwas Glück braucht. Aber Porzingis ist schon richtig gut.

Beim ersten Saisonspiel in Indianapolis hast du selbst beim Aufwärmen sichtbar Spaß gehabt. Saugst du solche Momente und diese besondere Atmosphäre jetzt besonders auf, weil du weißt, dass die Karriere irgendwann einmal vorbei sein wird? Du bist ja einer der ganz wenigen Spieler in der Liga, die auch auswärts mit Applaus begrüßt werden.

Natürlich weiß ich auch, dass es irgendwann vorbei sein wird. Aber die Spiele machen mir immer noch richtig Spaß. Die Vorbereitung ist manchmal richtig lang und ätzend, die Stunden allein auf dem Laufband, die Trainings im Sommer mit Holger. Aber bei einer Atmosphäre wie in Indy weiß ich, warum ich diese ganze Arbeit in diese Sache reinstecke. Warum ich mir im Urlaub irgendwo ein Fitnesscenter suchen muss, warum ich die Kids und die Familie am Strand lasse und laufen gehe und Krafttraining mache. Wenn ich mit der Mannschaft auflaufe, macht es einfach richtig Spaß. Natürlich wird es von Jahr zu Jahr schwerer, aber es macht einfach noch Bock. Und wenn dann das Spiel so eng ist und es auch noch in die Verlängerung geht, dann ist es toll, dabei zu sein. Dann hat sich der Aufwand gelohnt. Das ist ein Spaß, der alles hinwegfegt.

Interview: Thomas Pletzinger & Matthias Bielek

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Nachruf auf Matti Nykänen: Held oder Antiheld?

Matti Nykänen war das Aushängeschild eines ganzen Landes. Doch der Absturz kam genauso schnell wie der Aufstieg. Aus einem Helden wurde ein Stripper, der aus Not seine Medaillen verkaufen musste. Im Alter von 55 Jahren starb nun Nykänen. Ein Nachruf seines Biografen Egon Theiner.

Es war ein launiger Sommerabend vor über zehn Jahren in Kotka, einem finnischen Küstenstädtchen zwischen Helsinki und der finnisch-russischen Grenze. In einer Entzugsanstalt inmitten von Wäldern war Matti Nykänen der jüngste, sportlichste und selbstverständlich prominenteste Patient. Und er war ein außerordentlich freundlicher und höficher Mann.

Was für ein Wandel. Noch 20 Jahre zuvor, in den 1980ern, war der Finne die Diva der Skisprung-Szene. Er sprach nur mit einigen wenigen Konkurrenten, ignorierte die meisten und ließ sein Material – Sprunganzug und Ski – schon mal an der Schanze zurück in der arroganten Annahme, einer der Betreuer oder Teamkameraden würde sich schon darum kümmern.

Nykänen war ein unruhiges Kind

Der Junge aus Jyväskylä, der am 17. Juli 1963 geboren worden war, genoss als Skispringer, sagen wir: Narrenfreiheit. Der nationale Skiverband war an den Siegen und Medaillen seines Vorzeigesportlers interessiert, disziplinarische Vorfälle wurden nur höchst selten ausgesprochen. Schlägereien mit Mannschaftskameraden, Saufgelage und Partys vor wichtigen Sprüngen schafften es kaum in die Zeitungen. Auf den Bildern zu sehen war ein grinsender Sportler, schüchtern, eigen, selbstbewusst.

Wüchse Nykänen heute auf, würden einige behaupten, er leide unter der Aufmerksamkeitsdefzit und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). In den 1960ern wusste die Medizin nicht allzu viel darüber. Nykänen war ein unruhiges Kind, schlecht in der Schule und fand im Skispringen seine Erfüllung: In einem Sport, der ruckzuck vonstattenging, unterstützt von einem Trainer, Matti Pulli, der mit innovativen Übungsmethoden die Stärken seines Schützlings förderte. Und der Matti Nykänen zu einem Helden machte.

Pullis böse Vorahnung

Kein anderer Springer hat bei allen Wettbewerben, die es gibt, in Einzel-Konkurrenzen gewonnen: Olympische Spiele 1984 und 1988, Weltmeisterschaft 1982, Skisprug-WM 1985, Vierschanzentournee 1982/83 und 1987/88, Gesamtweltcup 1983, 1985, 1986, 1988. Ins- gesamt feierte der Finne 46 Siege bei Weltcup-Springen. (Der „Rekord für die Ewigkeit“ wurde erst 2013 vom Österreicher Gregor Schlierenzauer gebrochen, anm. d. red.)

1991, bei der WM in Val di Fiemme, verwüstete Nykänen sein Hotelzimmer, wurde Letzter auf der Großschanze und auf dem kleinen Bakken gar nicht mehr aufgeboten. Nun wurden die Worte wahr, die Matti Pulli einmal über ihn gesagt hatte: „Ich mache mir um ihn Sorgen, wenn er einmal nicht mehr springen wird.“

Matti Nykänen wurde vom Helden zum Antihelden

Der Glanz des großen Namens, die Achtung, die ihm entgegengebracht wurde, duellierte sich mit der uneingeschränkten Liebe zum Alkohol, mit falschen Freunden, mit der Unfähigkeit, zu Vereinbarungen zu stehen und mit Frauen, die es gut und weniger gut mit ihm meinten.

Der große Name wurde von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat kleiner. Nach jeder seiner Taten, die die Finnen schmunzeln oder staunen ließen. Nykänen versuchte sich als Sänger. Der Song „elämä on laif i“ (Das Leben ist live) schaffte es hoch hinauf in die Charts. Aber er war kein Sänger. Fiel das Playback aus, war ein grölender alternder Mann zu hören.

Verkaufte Medaillen

Nykänen verkaufte aus finanzieller Not all seine Medaillen, kellnerte und strippte (auch wenn er es immer wieder abstritt, doch Poster und Bilder zeigen die Wahrheit), ging erfolglos in die Politik, heiratete drei Mal und ließ sich ebenso oft scheiden. Bei der Polizei war er wohlbekannt, weil diese wiederholt wegen häuslicher Gewalt zu Hilfe gerufen wurde. Schließlich landete er nach einer Messerattacke gegen einen guten Bekannten im Gefängnis.

Matti Nykänen wurde vom Helden zum Antihelden, in Finnland ist sein Name ein Inbegriff für misslungene Taten.

„Die Spur in meinem Leben war manchmal schnell und manchmal langsam“, sagte Nykänen einst selbst. Bleibt er als herausragender Skispringer, als Held oder als begnadeter Trinker und Halunke in Erinnerung? Um es mit einem bekannten, wenn auch inhaltlich misslungenen Zitat Nykänens zu sagen: „Die Chancen dafür stehen fifty-sixty.“

Autor: Egon Theiner

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Sinan Akdağ: Der Mesut auf Eis

Sinan Akdağ spielte als Kind Fußball – bis er zum Schrecken seiner Eltern in die Eishalle nebenan ging. Ein SOCRATES- Interview mit dem Mesut auf Eis

Autor: Daniels Süha Özkaya

Viele junge Deutsch-Türken gehen in der Jugend zum Fußball. Was hat Sie zum Eishockey gebracht?

Bis zu meinem zwölften Lebensjahr spielte ich Eishockey und Fußball, aber von Anfang an war klar, dass ich lieber Eishockey spielen wollte. Ich begann mit vier Jahren, die Halle war ganz in der Nähe meines Elternhauses in Rosenheim, das war ein wichtiger Faktor.

Der Artikel erschien in Ausgabe #2

Die türkische Population in Rosenheim ist relativ groß. Gab es Druck, sich doch dem Fußball anzuschließen?

Fußball ist natürlich der Weltsport Nummer 1, aber Eishockey ist in Europa und Nordamerika auch sehr populär, eine der beliebtesten Sportarten nach dem Fußball. Leider steckt im Eishockey nicht so viel Geld wie im Fußball. Das macht wahrscheinlich auch den Unterschied, aber ich bin total zufrieden mit der Situation. Das war für mein Umfeld auch von Anfang an in Ordnung.

Wie hat Ihre Familie und Ihr Umfeld reagiert, als Sie anfingen?

Mein Vater hatte diese Sportart nicht gekannt und fand es sehr spannend. Meine Familie hat mich unterstützt. Sie versuchen heute noch
so oft wie möglich meine Spiele zu besuchen. Wenn nicht, versuchen sie einen Stream im Internet zu bekommen.

Sie verließen das Elternhaus relativ früh – für eine Sportart, die Ihrem Umfeld lange fremd war. Wie schwierig war der Weggang?

Als ich nach Krefeld ging, war ich erst 17 Jahre jung. Es war sehr schwierig für mich, alleine zu leben, zumal ich dann auch wenig spielte. Ich musste mich beweisen und mir einen Namen machen. Manchmal kann man nicht abschätzen, wie es weitergehen wird und wohin der Weg einen führt. Aber er ist gut gelaufen.

Der Familien-Ersatz waren Ihre Teamkollegen. Mit den meisten spielen Sie seit der U18-Nationalmannschaft zusammen.

Die Jungs waren nicht nur Familien-Ersatz, Sie wurden zu meinen Freunden. Das lange Zusammenleben hat gut getan, wir haben heute noch ein starkes Teamgefühl, was in bestimmten Situationen vom Vorteil sein kann.

Im Fußball ist Mesut Özil ein großes Vorbild für türkischstämmige Familien. Würden Sie sich in diesem Sinne als ein Mesut Özil des Eishockeys sehen?

Ich versuche immer, ein gutes Vorbild für Kinder zu sein und vielleicht sogar ein Ansporn, um sie für Eishockey zu begeistern. Leider sind wir in der DEL nur zwei türkische Spieler: Der andere ist Yasin Ehliz in Nürnberg. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Zahl bald steigen würde.

Sie sind der Beweis, dass man auch als Eishockey-Exot Erfolg haben kann. Sie wurden in der vergangenen Saison zum besten Verteidiger der DEL gewählt. Und dennoch sorgten Sie auch für viele Assists und Tore.

Meine Leistung in der letzten Saison war sehr gut, aber Eishockey ist ein Teamspiel. Meine Mannschaftskollegen haben mich sehr unterstützt. Ich arbeite in jeder Saison daran, mich zu verbessern, aber meinen Erfolg verdanke ich meiner Mannschaft.

Träumen Sie eigentlich von der NHL?

Ich bin jetzt im besten Alter und würde gerne noch viel gewinnen. Das ist mein primäres Ziel. Für die NHL bin ich ein bisschen spät dran, aber wenn ein Angebot käme, würde ich natürlich darüber nachdenken.

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John Higgins: Der letzte Akt

Wie könnte sich jemand fühlen, der seit 1992 Profi ist, der alles was er gewinnen kann, schon mehr als ein Mal gewonnen hat? John Higgins verrät es bei SOCRATES.

Autoren: Aras Yetis & Ugur Ozan Sulak

 

Mr. Higgins, wie fühlen Sie sich? Erschöpft… oder sollte ich doch lieber „erfahrener“ sagen?

Ich bin in den Trainingseinheiten nicht mehr so produktiv wie vor zehn oder 15 Jahren. Ich habe zwar immer noch Spaß, aber ich besitze nicht die gleiche Schärfe wie früher. Zum Glück habe ich mich daran gewöhnt. 

Wie lange geht das schon so?

Ich gebe zu, dass ich zu viele Achterbahnfahrten erlebt habe. Darf ich ein Beispiel nennen? 

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #2

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Natürlich.

Die Saison 2011: Ich war nicht zu sehen. Nachdem ich im Mai Weltmeister geworden war, hörte ich auf, mich auf die neue Saison vorzubereiten. Ich war die Nummer eins der Welt. Die Saison, in der ich mir extrem viel Mühe gab, um mich zu beweisen, war vorbei. Ich fragte mich selbst: „Was gibt es denn noch zu erreichen?“ Ich hatte keine Kraft, ich konnte mich nicht motivieren. Ich trainierte einmal pro Woche, höchstens zweimal. Und was ich tat, war falsch. Deshalb denke ich heute etwas anders. Der Wille zu kämpfen hält mich wach. 

Es heißt, dass schottische Spieler immer zusammen trainieren. Stimmt das? 

Meistens treffen wir uns im Verein. Es gibt auch Tage, an denen wir zu einem von uns nach Hause gehen. Wir fangen morgens um 10 Uhr an und spielen bis ungefähr 12.30 Uhr. Danach essen wir gemeinsam. Morgens spielen wir acht bis neun, am Nachmittag zehn Frames. Meistens sind es über 19. Am Ende des Tages geht jeder seinen eigenen Weg.

Stephen Hendry wird vorgeworfen, schwächer geworden zu sein, weil er nur noch zu Hause trainiert. Teilen Sie die Meinung?

Ja, das ist auf jeden Fall eine der Ursachen. Stephen spielte in den 90er Jahren immer im Klub, aber er hat sich entschieden, in der letzten Periode seiner Karriere einen Tisch zu kaufen und daheim zu trainieren. Er war isoliert und da in dieser Periode nur sechs, sieben Rangturniere gespielt wurden, war es für ihn noch schwieriger.

Es war O'Sullivan, der mich nach oben zog. Nach jedem Spiel, in dem ich gegen Ihn gewann, fühlte ich mich beruhigt.
John Higgins
Snooker-Profi

Glauben Sie, dass Sie in Ihrer Karriere hätten mehr erreichen können? Sind Ihnen zwischen 1998 und 2007, als es keine Titel gab, nie Zweifel gekommen? 

Ich habe eine Zeit lang darüber nachgedacht. Als ich das Finale 1998 gewann, war ich sehr jung und dachte, dass ich noch viele Jahre vor mir hätte, um diesen Erfolg zu wiederholen. 2007 war ich plötzlich 32 Jahre alt und hatte nur eine Meisterschaft in der Hand. An diesem Tag hat es bei mir geklingelt. Danach gewann ich noch drei Mal. Nach meiner letzten Meisterschaft kam sogar jemand zu mir und sagte, dass ich der einzige Spieler sei, der in drei verschiedenen Jahrzehnten den Pokal geholt habe. Ja, vielleicht war meine erste Weltmeisterschaft, in Anlehnung an Hendry, etwas Besonderes. Ich war der zweite Schotte, der das schaffte. Aber was mich nachts in Ruhe schlafen ließ, waren die Dinge, die ich 2007, 2009 und 2011 erreicht hatte. Ich durfte nicht mit nur einer einzigen Meisterschaft abtreten.

Und welcher Schotte wird auf lange Sicht Stephen Hendry und John Higgins folgen? Anthony McGill? Ist Stephen Maguires Zeit vorüber? 

Maguire müsste bis jetzt schon längst gewonnen haben, das ist schon mal klar. Es ist traurig, dass so ein Talent keine Weltmeisterschaft geholt hat. Was dieses Thema betrifft, sehe ich mich selbst auch als Schuldigen an, da ich im Halbfinale der Weltmeisterschaft 2007 gegen ihn gespielt und gewonnen hatte. Wenn er mich dort besiegt hätte, wäre er Mark Selby, der sein erstes Finale gespielt hatte, begegnet und dadurch wäre Maguires Chance sehr hoch gewesen. Er hat ja aber noch Chancen. 

Und McGill?
Er schaut sich viel von Alan McManus und Maguire ab. Er lernt schnell, arbeitet unheimlich viel. Er hat kaum Schwächen. 

Lassen Sie uns kurz über Fußball reden. Nach dem 5:1 von Celtic schalteten viele Rangers-Fans, insbesondere Graeme Dott, ihre Handys lautlos. Vermisst Celtic den alten Konkurrenten? 

Natürlich! Es macht auch nicht mehr so Spaß wie früher und deshalb hat das Old Firm nicht mehr den Reiz von einst. Graeme Dott hätte sein Handy nicht ausschalten müssen, ich hätte ihn sowieso in Ruhe gelassen. Möge Gott ihm helfen.

Ronnie wusste, dass er besser ist als ich

Zurück zum Snooker: Da soll ja das Niveau im Vergleich zu früher gestiegen sein, das sagen auch Selby oder Neil Robertson. Was meinen Sie? 

In den 90ern und Anfang 2000 war die Tour ziemlich schwer. Möge Hendrys Herrschaft Sie nicht in die Irre führen: Ken Doherty, Ronnie O’Sullivan, Mark Williams, Peter Ebdon, Matthew Stevens, Paul Hunter… Dies sind die ersten Namen, die mir jetzt einfallen. Ich denke aber nicht, dass es eine gute Idee ist, die Perioden miteinander zu vergleichen. Sie sagen „In den Achtzigern war das Spiel schlecht“. Wäre Steve Davis, wenn er heute noch spielen würde, nicht auch am Gipfel? Könnte er nicht mit diesen Spielern mithalten? Oder Mark Selby… Wäre er in den 70ern, 80ern einfach weggewischt worden? Ich glaube nicht. Ist es nicht merkwürdig, dass sich ein Kind an Steve Davis ein Beispiel nimmt, wenn es so spannende Figuren wie Alex Higgins, Jimmy White gibt? 

Warum Davis? 

Wahrscheinlich, weil er immer gewinnt. Er hatte einen Spielstil, in dem er nur sehr wenig Fehler zuließ und er kannte jeden Quadratmillimeter des Tisches. Während White und Alex Higgins auffallende Fehler hatten, schien mir Steve immer fehlerfrei. Er brauchte kein Glück, um ein Frame zu gewinnen. 

Davis sagt über O’Sullivan: „Es passiert nicht oft, dass ein Sportler zu einer größeren Figur als der Sport wird. Ronnie ist kurz davor, das zu erreichen.“ 

Ich sage jedem, der einen Rat von mir will: „Spielt immer mit Besseren als euch selbst. Es gibt bestimmt Bessere. Wenn es im Klub Spieler gibt, die ihr besiegen könnt, verlasst ihn, geht wo anders hin.“ Ronnie war besser als ich. Er ist immer mein größter Gegner gewesen, aber weil er vor mir war, musste ich nicht meinen Klub wechseln. Sie verstehen, oder? Es war Ronnie, der mich nach oben zog. Nach jedem Spiel, in dem ich gegen ihn gewann, fühlte ich mich beruhigt. Dass er immer noch spielt, ist ein großes Glück für jeden. Natürlich sehen wir auch, dass er sich die Turniere, an denen er teilnehmen wird, aussucht, dass er nicht überall hingeht und dass die Menschen die Turniere, in denen er spielt, anders betrachten. Darüber spricht Steve Davis. Aber das ist doch kein Fehler. Jeder hat das Recht, die Turniere, an denen man teilnehmen wird, zu wählen.

Hat es Sie gewundert, dass er zurückgekommen ist und zwei Weltmeisterschaften gewonnen hat? Haben Sie erwartet, dass er sich so viel Mühe geben wird, Sie zu überholen? 

Ronnie wusste, dass er besser ist als ich. Ich würde mich wundern, wenn er, bevor er sich entschieden hat zurückzukehren, nicht gesagt hat, „John hat vier Weltmeisterschaften, ich habe drei, ich muss ihn überholen“. Deshalb bin wahrscheinlich ich einer der Hauptgründe, warum er 2012 in die Tour zurückgekehrt ist. Jetzt sagt er, dass er nicht auf Hendrys sieben Weltmeisterschaften schielt. Aber er ist der einzige Spieler der die sieben erreichen kann.

Ausgabe #2 nachbestellen?

Wie ist ihre aktuelle Situation? Nach ihrem vierten WM-Titel 2011 sind Sie in ein Loch gefallen. War das Finale gegen Judd Trump das Ende von allem? Der Manipulationsvorwurf, die Strafe, der Tod Ihres Vaters? 

Manchmal war es kaum auszuhalten. Mein Vater kämpfte fünf Jahre gegen den Krebs und starb zwei Monate vor dem Crucible-Turnier. Mir ging es schlecht, ich fühlte mich für den Tod meines Vaters verantwortlich, weil sein Zustand mit den Vorwürfen schlimmer wurde. Was mich am Leben hielt, war der Gedanke, beim Crucible zu gewinnen und meinen Vater zu ehren. Das war meine einzige Motivation. Deshalb habe ich geweint, als alles zu Ende war. Ich habe die Lautstärke in der Halle heute immer noch im Kopf. Es war die beste Atmosphäre, die ich je erlebt hatte. 

Wie ging es weiter? 

Es war mir nicht möglich, dieses Niveau zu halten. Ich war mental kaputt. Ich musste bei meiner Familie sein und es kam mir so vor, als ob das ganze Jahr Weihnachten war. Ein ganzes Kalenderjahr verging, ohne dass ich an mir arbeitete. Snooker war vielleicht die dritt- oder viertwichtigste Sache in meinem Leben. Danach versuchte ich, mein Spiel zurückzugewinnen. Ich habe oft meinen Billardstock gewechselt. 

Was suchten Sie? 

Etwas, was es dort nicht gab.

Haben Sie es gefunden? 

Ja. Seit den letzten zwei Jahren fühle ich mich hervorragend. Meinen neuen Billardstock hat mein alter Freund Raymond Cohen gemacht. Genau, wie ich es wollte. 

Joe Johnson sagt über Sie: „John muss endlich aufhören, seinen Billardstock zu wechseln. Er sucht Ausreden.“ 

Joe Johnson ist ein schlechter Kommentator. Jeder Profi, der ihn reden hört, weiß, wie erbämlich seine Kommentare sind. Manchmal denke ich mir: „Wie ist dieser Mann einst Weltmeister geworden?“ Wirklich erstaunlich. Auch wenn er in den letzten Jahren ein paar Fortschritte gemacht hat, ist er immer noch einer der Schlechtesten. Mein Billardstock und ich sind jedoch sehr glücklich. Eine schöne Zukunft wartet auf uns. 

Ist es jetzt also offiziell? Geht John Higgins auf die fünfte Weltmeisterschaft? 

Ich werde es versuchen. Jedes Jahr wird es schwieriger, aber ich werde es versuchen. Ich bin noch nicht fertig.

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Max Eberl: Ehrlich, nachhaltig, Max

Eigentlich war er schon weg, doch dann schrieb Max Eberl bei Borussia Mönchengladbach sein eigenes Märchen. Den Heldenstatus lehnt er ab, einen Fanclub hat er trotzdem. Bei SOCRATES spricht der 43-Jährige über den Gladbacher weg.

Autor: Stefan Rommel

Herr Eberl, gibt es eigentlich den „Max Eberl Fan-Club“ noch?

Die Fahne hängt noch bei jedem Heimspiel.

Der Fanklub stammt aus Ihrer Zeit als aktiver Spieler und hatte genau zwei Mitglieder. Mittlerweile sind Sie aber längst zum Gesicht von Borussia Mön- chengladbach geworden. Wie fühlt sich das an?

Es ist ein schönes Gefühl, bedeutet aber auch verdammt viel Verantwortung. Die Wahrnehmung meiner Person hat sich sehr verändert. Früher konnte ich als Jugendkoordinator Spiele scouten und kein Mensch hat mich erkannt. Wenn ich heute bei einem Spiel war, steht am nächsten Tag die Frage im Raum, welchen Spieler Eberl denn nun gescoutet hat. Dabei ist es einfach Teil meines Jobs, Spiele zu sehen.

Sie sind seit acht Jahren als Sportdirektor für die Borussia tätig. Welche Überschrift würden Sie dieser Zeit verpassen?

„Die märchenhafte Geschichte“. Einige Dinge der letzten Jahre fühlten sich – wie im Märchen – nicht besonders real an. Wir hatten 2008 einen „normalen“ Start, konnten die Mannschaft nach dem Aufstieg in der Liga halten, danach im Mit- telfeld platzieren. Dann kam die Saison 2010/11, die sportlich in die völlig falsche Richtung gegangen ist. Wir wurden angefeindet, mussten uns erklären und ich habe mir am Ende die Frage gestellt: „Gehe ich in diesen Kampf, den ich nicht gewinnen kann? Oder kümmere ich mich lieber um die Mannschaft, weil sie das Elementare ist?”. Ich habe die Dinge dann links und rechts liegen gelassen, sie haben mich nicht mehr interessiert. Auch heute übrigens nicht: Social Media, Twitter, Facebook – alles irrelevant. Mich interessiert die Mannschaft, was läuft gut und was weniger gut, wo können wir uns verbessern? Wir waren damals gerade dabei eine neue Mannschaft aufzubauen mit Spielern aus der eigenen Jugend, mit Herrmann, Korb, ter Stegen, Younes. Dazu Talente wie Reus, Neustädter, Nordtveit und ein paar Erfahrene, wie zum Beispiel Dante, Arango, Stranzl oder Brouwers.

Und im Hintergrund wurde Politik betrieben.

Auf einmal spielten Emotionen und Traditionen eine Rolle. Man ist aber nicht irgendwelchen Lemmingen hinterhergelaufen, sondern hat sich auf die Inhalte und Programme konzentriert. Der Verein hat die Probleme dann in einer unglaublich seriösen Art und Weise gelöst, sowohl sportlich als auch strukturell. Was danach kam, ist ein reines Märchen. Der Klub war 15 Jahre quasi in der Versenkung verschwunden, war eine Fahrstuhlmannschaft und spielte dann in fünf Jahren vier Mal international, darunter zwei Mal in der Champions League.

Gab es diesen einen Wendepunkt in dieser langen Zeit?

Es gibt viele wichtige Entscheidungen. Aber die Mitgliederversammlung nach der überstandenen Relegation 2011 war wohl einer der prägendsten Momente. Da hat der Klub den Leuten mitgeteilt, was möglich ist – und was eben nicht. Wir hatten Tradition und ein neues Stadion. Und trotzdem gab es den Abstieg 2007. Es gehört also ein bisschen mehr dazu, man benötigt Strukturen und einen Plan. Die Rettung war gleich mehrfach wichtig: Wir konnten in der Bundesliga bleiben, wir mussten keine Spieler verkaufen. Wir konnten den Mitgliedern erklären, was wir vorhaben und was mit unserem Budget möglich ist. Wir waren nanziell gesund, aber nicht reich. Die Leute konnten damit nichts anfangen, also haben wir es Ihnen erklärt: Unser Budget damals bedeutete, dass man um die Plätze 14, 15 oder 16 spielt. Wir waren, was wir konnten. Das haben wir den Leuten mit Nachdruck gesagt und die meisten haben verstanden: Die Tradition, die goldenen 70er – das war einmal. Jetzt müssen wir neu anpacken. Die Kraft dieser Mitgliederversammlung, das Bewusstsein, gemeinsam etwas schaffen zu können und zu wissen, was man kann, war für mich rückblickend der wichtigste Moment.

Warum sträuben Sie sich davor, den VfL als Ausbildungsklub zu bezeichnen?

Weil das hieße: Unsere Grundidee ist, für andere auszubilden. Unsere Grundidee aber lautet: Wir möchten erfolgreich sein mit diesem Klub. Den Weg dorthin beschreiten wir mit jungen, hungrigen Spielern. Auch mit der Perspektive, diese Spieler irgendwann verkaufen zu müssen. Aber nicht zur direkten Konkurrenz auf Augenhöhe. Sondern zu Arsenal, zu den Bayern oder Barcelona. Deswegen wehre ich mich, diesen Begriff offensiv zu benutzen. Die Idee ist, mit jungen Spielern zu arbeiten. Das Ziel ist, mit diesem Klub neue, erfolgreiche Kapitel zu schreiben.