Archiv für die Kategorie: Ausgabe #20

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Corentin Tolisso: „Ich hatte sofort Tränen in den Augen“

Bayern Münchens Mittelfeldspieler Corentin Tolisso steht mit Frankreich im Finale der WM 2018. Er ist gierig auf den Titel und gibt ein Versprechen.

Interview: Alexis Menuge

Monsieur Tolisso, was bedeutet für Sie die Équipe de France?

Es ist einfach ein Traum. Es ist mein Land, meine Heimat, die wir als Spieler repräsentieren. Wer träumt als Franzose nicht davon, für Les Bleusaufzulaufen und das renommierte blaue Trikot zu tragen? Es gibt kaum etwas Schöneres. Ich bin sehr glücklich, dass ich mich Nationalspieler nennen darf.

Wie war es, als Sie im März 2017 das erste Mal von Nationaltrainer Didier Deschamps in den Kader berufen wurden?

Das war ein magischer Moment. Ich hatte sofort Tränen in den Augen, weil es ja mein größter Kindheitstraum war. Als kleiner Junge habe ich oft davon geträumt und plötzlich ging er in Erfüllung. Das werde ich nie vergessen.

Worauf waren Sie dabei am meisten stolz?

Dass ich mein erstes Länderspiel vor den Augen meines Vaters, der immer für mich da war, und vor den Augen meiner Freunde gespielt habe. Das war großartig und sehr emotional. Außerdem fand das Testspiel gegen Spanien zu Hause im Pariser Stade de France statt.

Welchen Status haben Sie mittlerweile in der französischen Nationalmannschaft?

Die Konkurrenz dort ist sehr groß, vor allem auf meiner Position. Von daher kann ich nie sicher sein, dass ich gesetzt bin. Es gibt keine Garantie, berufen zu werden, auch wenn man gut gespielt hat, wie ich zum Beispiel in den beiden wichtigen WM-Qualifikationsspielen Anfang Oktober in Bulgarien und gegen Weißrussland. Mir ist bewusst, dass ich mich nie ausruhen darf. Das Ticket nach Russland muss man sich erst mal verdienen, und das geht nur, indem man bescheiden bleibt und sich immer wieder pusht. Ich versuche einfach, sowohl im Training als auch in den Spielen mein Bestes zu geben. Ich will mir nichts vorwerfen lassen.

Rud Völler

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Worauf kam es für Frankreich bei der WM am meisten an?

Wir müssen eine Einheit bilden. Das ist bei einem solchen Turnier, bei dem man fünf bis sechs Wochen ständig zusammen lebt, das A und O. Wenn der Zusammenhalt nicht stimmt, dann hat man keine Chance. Dementsprechend glaube ich an uns, weil die Stimmung in unserer Kabine hervorragend ist. Das könnte sogar das entscheidende Element sein. Außerdem…

Ja?

Die Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern stimmt. Diese Mischung sorgt dafür, dass wir uns bestens verstehen und dass wir alle am gleichen Strang ziehen… Außerdem sind alle Spieler bescheiden und hungrig. Wir alle wollen etwas Großartiges erreichen. Die Gier ist groß. 

Wer ist der Top-Star dieser Mannschaft?

Wenn ich ehrlich bin, gibt es keinen Spieler, der besonders heraussticht. In meinen Augen ist der Star einfach die Mannschaft.

Das erinnert an den FC Bayern, oder?

Ja, das stimmt. Wie heißt es so schön: Allein ist man schneller, aber zusammen kommt man weiter. Die Solidarität ist sowohl beim FC Bayern als auch in der französischen Nationalmannschaft der große Trumpf. Wie in München müssen wir wie in einer Familie miteinander umgehen. Dazu gehört auch, dass wir uns manchmal ganz klar die Meinung sagen, aber ehrlich und fair miteinander umgehen.

Sie haben Erfahrungen gesammelt. Wofür steht für Sie der deutsche Fußball?

Wenn ich an den deutschen Fußball denke, habe ich sofort das Endspiel der WM 2002 vor Augen: Deutschland unterlag damals Brasilien. Dann gab es die WM 2006 im eigenen Land mit einer unglaublichen Partie im Halbfinale, als die Italiener das letzte Wort in der Verlängerung hatten. Bei den Spielern hat mir Philipp Lahm durch seine großartige Konstanz auf höchstem Niveau immer imponiert. Ich erinnere mich noch an sein tolles Tor beim Eröffnungsspiel gegen Costa Rica in München. Auch Bastian Schweinsteiger hatte eine tolle Ausstrahlung auf dem Platz, er ackerte ohne Ende. Lukas Podolski hat mich mit seinem Torriecher und seinem unglaublichen linken Fuß ebenso begeistert. Alles Spieler, die mal beim FC Bayern gespielt haben…

Im Mittelfeld der französischen Nationalmannschaft gibt es einige hochkarätige Spieler. Ist die Konkurrenz sogar größer als beim FC Bayern?

Wenn ich ehrlich bin, ist es schwer, beide Teams zu vergleichen. Aber ich stimme auf jeden Fall zu, dass in beiden Fällen die Konkurrenz unglaublich groß ist. In der Nationalmannschaft gibt es Spieler wie Paul Pogba, Blaise Matuidi, N’Golo Kanté oder Adrien Rabiot. Das sind alles Weltklasse-Spieler, und ich könnte noch mehr Namen nennen. In München sind es dann Spieler wie Thiago, Arturo Vidal, Sebastian Rudy, James Rodríguez oder Javi Martínez, auch alles ausschließlich gestandene Nationalspieler. Die meisten haben bereits Halbfinals und Finals in der Champions League bestritten. Meine Konkurrenten in der französischen Nationalmannschaft haben teilweise weniger Konkurrenz in ihren jeweiligen Klubs als ich in München. Hier ist mir immer bewusst, dass ich stets bei 100 Prozent sein und bei jeder Trainingseinheit überzeugen muss. Ansonsten spiele ich nicht. Und wenn ich bei der Nationalmannschaft ankomme, habe ich dieselbe Mentalität, die ich immer in mir gehabt habe. Ich wollte immer schon beweisen, dass ich besser als die anderen bin. Das ist meine Einstellung zu diesem Beruf.

Beschreiben Sie, worauf es in Ihrem Spiel am meisten ankommt?

Ich muss in beiden Strafräumen effektiv sein. Auf der einen Seite, um Tore zu erzielen und den entscheidenden Pass zu spielen, was in meinen Augen den modernen Mittelfeldspieler ausmacht. Auf der anderen Seite, im Spiel gegen den Ball, muss ich weiterhin hart an mir arbeiten. Ich muss in der Balleroberung noch aggressiver werden, um so Freiräume für meine Mitspieler zu schaffen.

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In welchen Bereichen haben Sie die meisten Fortschritte in Ihrem Spiel gemacht, seit Sie im vergangenen Sommer nach München kamen?

Ich bin vielfältiger geworden, ich kann das Spiel besser lesen, schneller antizipieren und Konter des Gegners abfangen. Mit 23 Jahren weiß ich auch, dass ich mich noch entwickeln kann. In München muss ich mich zwischen dem Sechser und Zehner positionieren. Vergangene Saison bei Olympique Lyon habe ich mehrfach als Spielmacher agiert. Von dieser Erfahrung profitiere ich noch heute, weil ich zielstrebiger in die Spitze gehe. Das Wichtigste dabei: Man muss wissen, wo man steht, einfach spielen, um Selbstvertrauen zu tanken und dann die Initiative ergreifen.

In der Offensive fühlen Sie sich am wohlsten, stimmt’s?

Ja, vor allem weil ich ja als Kind im Sturm gespielt habe. Ich liebte es, Tore zu erzielen. Schritt für Schritt ging ich dann nach hinten, bis ich dann Rechtsverteidiger war. Aber diese Position lag mir nicht wirklich, also ging es wieder nach vorne.

Wenn Les BleusWeltmeister werden sollten, dann …

… werde ich mir den WM-Pokal auf den Rücken tätowieren lassen.

 

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Eine Tüte Deutschland bitte

Wie patriotisch darf man als Deutscher sein? Wie groß darf das Schlaaaand-Gefühl sein? Schriftsteller Moritz Rinke geht für Socrates der Sache nach. Und küsst Uschi Glas.

─── I ───

Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ich war einmal Poolwächter der deutschen Nationalmannschaft. 2006 bei der WM in Deutschland. Eine Freundin von mir leitet mit ihrem Mann die größte Berliner Gebäudereinigungsfirma, welche den Auftrag vom Schlosshotel Grunewald bekam, zusätzlich zum Hotelpersonal Serviceleistungen durchzuführen, die durch zehn externe Reiniger eine größtmögliche Sauberkeit gewährleisten sollten. Ich fragte meine Freundin, ob es nicht elf sein könnten, die Verhandlungen zogen sich Wochen hin, dann war es so weit, ich sollte nicht reinigen, sondern den deutschen Pool bewachen.

Meine Aufgabe war es, Blätter und Insekten, die in den deutschen Pool hineinwehten, mit einem Käscher herauszufischen, Handtücher auszuwechseln und die Liegen nach Benutzung wieder liegefertig zu machen. Es gab noch die Anweisung, weder Autogrammwünsche auszusprechen noch die Gäste in ein Gespräch zu verwickeln, sondern nur den deutschen Pool zu bewachen von einem erhöhten Stuhl aus, ähnlich wie die Schiedsrichter beim Tennis oder die Küstenwache an der Nordsee.

Mein erster Gast am Pool war damals Oliver Kahn, mit Schlosshotel-Grunewald-Badeschuhen und Bademantel. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Kahn nickte auch, dann sprang er mit Kopfsprung in den deutschen Pool. Kahn kraulte vier Bahnen, stieg über den Beckenrand raus, nahm den Bademantel und für das Gesicht nur ein Handtuch, das er auf die Liege warf, und ging.

Zwei Tage später hatte die deutsche Mannschaft ihr Eröffnungsspiel gegen Costa Rica in München und gewann mit 4:2, das erste Tor schoss Philipp Lahm mit einem gebrochenen Arm, deshalb kam er während der WM auch nie an meinen Pool – mit gebrochenem Arm kann ein Philipp Lahm zwar WM-Tore schießen, aber nicht schwimmen.

Zur Begrüßung der siegreichen Mannschaft hatte ich mir etwas überlegt. Ein türkischer Gemüsehändler hatte mir eine Deutschlandfahne angeboten, erst winkte ich ab, dann fragte er, warum ich denn von einem Türken keine deutsche Fahne nehme? Na gut, unter diesen Bedingungen konnte ich vielleicht meine erste Deutschlandfahne kaufen. Ich schaute noch schnell absichernd nach rechts und links, ob mich auch niemand sieht und verlangte nach einer Tüte.

„Warum Tüte?“, sagte der Türke, „Fahne musst du gleich hochhalten gegen Polen!“

„Nein, Tüte bitte!“

„Er kauft Fahne mit Tüte“, sagte der Gemüsehändler verwundert zu seinem Partner.

So in der Öffentlichkeit konnte ich damals noch nicht, das heißt, einfach so für alle sichtbar, für Deutschland jubeln, das kam noch nicht in Frage. Ich freute mich zwar, wenn die Deutschen ein gutes Spiel machten, aber Patriotismus mit mehreren zusammen, das konnte ich nicht, mit einer deutschen Fahne deutsche Siege feiern, das galt irgendwie immer noch als nationalistisch.

„Nein, es ist Patriotismus, der gesunde, neue Patriotismus“, sagte mir meine damalige Freundin, ausgerechnet eine Ungarin. „Du musst zwischen Nationalismus und Patriotismus unterscheiden. Nationalismus ist härter, Patriotismus weicher, nun freu dich doch mal!“

„Ich freue mich auch!“, sagte ich, theoretisch fände ich den weichen Patriotismus sogar schön, aber in der Praxis, mit den Deutschen zusammen, da sei ich eben gehemmt, weil ich mir die Deutschen natürlich in dem Moment, in dem ich versuche, gemeinsam Patriot zu sein, sehr genau ansehe. Das sei ja dann so eine Art Verschmelzung, man müsse ja dann mit den Deutschen verschmelzen und da gucke man sich dann halt vorher noch mal alles genau an – wie im Bordell, gute Schriftsteller sollen ja auch das Leben im Bordell studieren.

 

„Du arbeitest als Schriftsteller im Bordell?!“, fragte sie: „Nein, nein“, sagte ich, „ich versuche dir mein Unbehagen am praktischen Patriotismus zu schildern. Da sitzt man dann fünf Minuten auf der Bettkante, guckt sich alles an und dann kommt der Moment, nee, ich will doch eher eigentlich lieber nicht, so ein komischer aufgeblasener Busen und alles so hau ruck und eben nicht weich, na ja, und so ähnlich geht mir das auch mit dem praktischen Patriotismus in Deutschland.“

Am nächsten Tag hing die Fahne direkt an meinem Schwimmmeisterstuhl und offen gestanden hätte ich das nicht von außen sehen wollen, wie ich auf diesem Stuhl saß, links die Fahne und dann dieser Typ, der die ganze Zeit auf den deutschen Pool starrte, ob da vielleicht irgendwo was herumschwamm, was nicht zur deutschen Mannschaft gehörte.

Plötzlich kam Gerald Asamoah an den Pool, ausgerechnet Asamoah aus Ghana sah mich hier als erster mit meiner Fahne. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Asamoah nickte auch, dann sprang er in den Pool und schwamm. Er sang dabei – und ich fiel fast vom Stuhl – die Melodie „Du gehörst zu mir, wie mein Name an der Tür“ von Marianne Rosenberg.

Macht der das extra, fragte ich mich? Ob er mich blöd fand mit meiner deutschen Fahne? Man singt doch nicht einfach diesen Rosenberg-Song, darin lag doch ein versteckter Patriotismus-Vorwurf? Ich meinte von Seiten Asamoahs, einen ironisierenden Unterton herauszuhören und nahm mir vor, am nächsten Tag eine Fahne von Ghana an meinem Poolwächter-Stuhl zu befestigen. Andererseits, er spielte ja für Deutschland, warum sollte er mich blöd finden und mir Vorwürfe machen?

Dies war der Beginn meiner allmählichen Verwandlung in einen weichen Fußballpatrioten, denn gerade bei dieser WM in Deutschland machte ich große Fortschritte. Beim legendären Elfmeterschießen gegen Argentinien, Viertelfinale, war ich im Berliner Olympiastadion. Dieses irre Elfmeterschießen! Lehmann hatte einen Spickzettel von Andy Köpke bekommen und hielt den entscheidenden Elfmeter, Deutschland war im Halbfinale, Jubel, Jubel! Ich saß neben Uschi Glas, der deutschen Schauspielerin, die mir eine Deutschlandfahne auf die Wange malte. Über mir in der Ehrenloge küsste Angela Merkel Franz Beckenbauer, damals wusste noch niemand, wie das Sommermärchen zustande kam. Ich selbst küsste Uschi Glas nach Lehmanns Parade, einfach so, das war gewissermaßen mein Durchbruch als Patriot. Mein ganzes Leben hatte ich in diesem Nörgelland gelebt, freuen konnte man sich als Kind von 68er-Eltern über deutsche Fußballsiege ja sowieso nicht, das steckte ganz tief als Verbot im Unterbewusstsein, und plötzlich riss ich beim verschossenen Elfmeter der Gauchos die Arme hoch und küsste Uschi Glas.

Wie kann man das nun erklären, sich einfach so von Uschi Glas schwarzrotgold bemalen zu lassen und dann dieser Kuss? Vielleicht war es ein Gefühl, das eben nicht auf ein Statement, einen Kommentar, eine Abgrenzung, eine politisch zementierte und harte Botschaft gemünzt war, sondern es geschah aus einem freien, weichen Gefühl heraus, es war ein freier, liebender Patriotismus, so wie ihn die ungarische Freundin beschrieben hatte, einen Patriotismus, der nicht so sehr auf Kompensation, auf Ersatz für irgendwas beruhte.

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─── II ───

Es folgten weitere Turniere. 2008 die EM in Österreich und der Schweiz; 2010 die WM in Südafrika; 2012 die EM in Polen und der Ukraine. Das waren alles schöne Turniere, mit deutschen Teams, mit denen man sich in seiner angelernten Patriotismus-Laufbahn identifizieren konnte: Odonkor, Kurányi oder Aogo, Boateng, Özil, Khedira, Podolski, Gündoğan oder Mustafi, sie alle spielten in der deutschen Nationalmannschaft. Ich erinnere mich noch an das berühmte erste Migrationsfoto der Kanzlerin während der Qualifikationsphase für die WM in Südafrika. Die Kanzlerin stürmte ohne Anmeldung in die Umkleidekabine der deutschen Mannschaft und ließ sich mit dem halbnackten und erstaunten Özil fotografieren. Das war der Beginn des offiziellen deutschen Diversityfußballs – nur leider betraf diese Diversity nicht immer die deutschen Fans.

Bei der EM 2016 in Frankreich, wir waren ja mittlerweile Weltmeister in Brasilien geworden, hatte ich das erste Mal wieder einen Rückfall in alte Ängste aus der Zeit vor meinem Kauf der deutschen Fahne vom Türken. Ganz einfach: Es wurde mir zu viel…

Ein Deutschland-Spiel sah ich zum Beispiel zusammen mit 2000 Menschen am Postbahnhof im Quartier des 11Freunde-Magazins. Nach dem Spiel warf mir ein 11Freunde-Gast einen China-Böller vor die Füße, danach gab es einen widerlichen Knall.

„Warum machst du das?“, fragte ich.

„Schland!!“, schrie er mich an.

„Ach so“, antwortete ich. (Unfassbar, so ein Superböller explodiert mit einer Lautstärke von 120 Dezibel, ein deutsches Kaninchen fällt dabei tot um!)

Am Abend sah ich dann in der ARD „Waldis EM-Club“ aus einem Studio mit 2000 Leuten, die genauso aussahen wie die Menschen bei 11Freunde. Sie grölten ständig dazwischen, so dass auch die Studiogäste in ihren Aussagen immer lauter, böllernder und schlandmäßiger wurden, damit sie von den Schlandmenschen nicht ausgepfiffen wurden.

Am nächsten Tag beobachtete ich vom Balkon aus, wie ein Mann an seinem Auto arbeitete. Er hatte schon zwei Fahnen hinten, aber jetzt kniete er vor seinem Automobil und hielt eine Deutschlandfolie anpassend vor seinen Tankdeckel. Dann klebte er akribisch die Folie auf den Deckel, wobei er ein kleines Stück seiner gepressten Zunge seitlich herausstreckte, so wie man es manchmal bei Menschen beobachtet, die ein Höchstmaß an Konzentration mit einer Form von herausgepresster Lust verbinden. Die Tatsache, dass die Folie offenbar genau auf den Tankdeckel passte, schien den Mann zu ergötzen.

Diese gepresste Freude mit der wurstartigen Zunge und der Deutschlandtankdeckelfolie war plötzlich für mich zum Symbol dieser Schlandwochen geworden, die man als fußballliebender Purist vermutlich in Zukunft weit weit weg verbringen müsste.

Gepresste Freude, so eine gepresste, angestrengte Schland-Freude oder Schland-Sitte, das war es, was sich mehr und mehr ausbreitete. Die zu entdeckende Freude an einer neuen deutschen Spielkultur unter Jürgen Klinsmann und Jogi Löw von 2006 mit einem völlig anders aussehenden Team, diese Freude hatte sich mit den Jahren in ein irgendwie mechanisch wirkendes Schlandtum verzerrt, das mich eben an die Zeiten unter Berti Vogts oder Rüdi Völler erinnerte, in denen die Spieler Kohler, Schneider, Bierhoff, Ballack, Babbel, Böhme, Hamann oder Ziege hießen und man immer noch von deutschen Tugenden sprach, die die Deutschen 2002 ins Finale von Yokohama gegen Brasilien brachten, wo dann ausgerechnet Kahn, der Titan, mein erster Gast am Pool, versagte, nachdem er sonst alles gehalten hatte.

Ich weiß noch, dass ich während der EM 2016 in Frankreich die Termine meiner Frau in der Ausländerbehörde immer auf Tage der Schlandspiele legte.

In Haus C, Abteilung Z7, im Warteraum C64 mit festgeschraubten Eisenstühlen starrten Afrikaner, Asiaten, Amerikaner und weitere Menschen aus Ozeanien auf eine Anzeigetafel neben dem Nummernautomaten, und ich war mir immer sicher, dass die Ausländerbehörde der einzige Ort in Berlin war, an dem man keine Schlandfahnen sah, keine Schlandtrikots und keine Schlandbacken. Garantiert hatte hier auch keiner Schlandböller dabei oder einen Schlandautospiegel.

─── III ───

Und wo werde ich nun die WM 2018 verbringen an jenen Tagen, an denen Deutschland spielt? 2006 saß kein einziger der AfD im Bundestag, es gab die Partei gar nicht, aber heute ist sie die stärkste Oppositionspartei mit 92 Sitzen und die Form und Inhalte ihrer Reden und oft ruppigen Einwürfe erinnern mich jetzt immer mehr an diesen Schland-Böller vor meinen Füßen im Quartier der 11Freunde. Und nun finden wir also die Böller, Brüller und die deutschen Parolen nicht nur auf den Marktplätzen, sondern auch im Bundestag. Natürlich, das sind keine Naziparolen, und nicht jeder, der AfD wählt, ist automatisch ein Rechtsradikaler – und ich finde sogar, dass man die Ängste dieser AfD-Wähler sehr ernst nehmen sollte – aber was bedeutet diese Spaltung der Gesellschaft für meine alte patriotische Identifikation mit Fußballdeutschland? Wie unterscheide ich meine Identifikation der Lust und der Freude am deutschen Spiel von jener der Deutschland schreienden Identifikation aus dem Gefühl, überfremdet, benachteiligt, weggeschoben, nicht beachtet und ausgegrenzt zu sein? Springe ich bei deutschen Toren auf und jubele und erkläre danach, dass ich das nicht politisch meine? Absurd, ja, aber darüber beginnt man ja schon nachzudenken, so sehr setzt einem schon dieses nationale Gerede zu. Und wie verhalte ich mich, wenn die, die jetzt deutsche Traumpässe bejubeln, eigentlich damit meinen, dass Deutschland den Deutschen gehöre und nicht mal registrieren, dass der Traumpass von Özil kam? Kurz: Was passiert nun mit meiner schönen, weichen Chiffre, Uschi Glas schwarzrotgoldene Wange zu küssen?

Von Moritz Rinke

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