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Wade Phillips: Der Defense-Flüsterer

Die Los Angeles Rams gehören spielen beim Super Bowl um den Titel in der NFL  – auch dank Wade Phillips. Mit mittlerweile 71 Jahren ist der „Son of Bum“ das Gegenstück zum jungen Head Coach Sean McVay. Zum alten Eisen aber gehört er noch lange nicht.

Der Artikel ist in der Ausgabe #23 erschienen

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Ein neuer Anfang muss her… Als die Los Angeles Rams am 12. Dezember 2016 Head Coach Jeff Fisher feuern, neigt sich eine miserable Premierensaison dem Ende zu. Der Hype um die Rückkehr von St. Louis in die Stadt der Engel ist abgeklungen, wenn es ihn überhaupt gegeben hat – mit den Playoffs hat man nichts zu tun. Um auf dem proppenvollen Markt der Möglichkeiten in L.A. zu bestehen, braucht es schnellen sportlichen Erfolg.

Dafür ist man im Front Office bereit, neue Wege zu gehen: Genau einen Monat nach Fishers Entlassung geben die Rams die Verpflichtung von Sean McVay bekannt. Der 30-Jährige, bis dahin aufstrebender Offensive Coordinator der Washington Redskins, ist der jüngste Head Coach der NFL-Geschichte.

McVays Job war nur eine Frage der Zeit

Wobei das keine allzu große Überraschung ist: McVay gilt als Football-Wunderkind. Der Jungspund hat in der Hauptstadt mit Kirk Cousins für Aufsehen gesorgt und soll nun das eigene QB-Talent Jared Goff in die Spur bringen. McVays erste Stelle als Head Coach, sie war eigentlich nur eine Frage der Zeit. Überraschender ist da schon, wen McVay nur Stunden später als seine neue rechte Hand präsentiert. Sein Wunschkandidat ist nämlich so ziemlich das genaue Gegenteil von ihm selbst, kein Hotshot mit neuen Ideen und frischem Blut für den Coaching Tree der NFL.

Stattdessen vertraut er seine Defense einem echten NFL-Urgestein an: Wade Phillips. Wenn sich Gegensätze wirklich anziehen, dann passt Phillips zu McVay wie die Faust aufs Auge. Der jüngste Coach der Liga holt sich eine 69-Jährigen ins Haus, mit 39 Spielzeiten Erfahrung auf dem Konto.

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Phillips ist kein Auslaufmodell

Unterschiedlicher können sie eigentlich nicht sein: Auf der einen Seite wirkt McVay wie einer Hollywood-Produktion entsprungen, durchtrainiert, mit Reibeisenstimme, Model-Freundin im Arm und im schwarzen BMW unterwegs. Auf der anderen Seite steht ein gemütlicher, beleibter Texaner, schlohweißes Haar, im Gepäck ein ganzes Arsenal an „Dad Jokes“.

Doch McVay weiß, was er tut. Er hat sich kein Auslaufmodell ins Team geholt, auch wenn Phillips’ Vertrag nach zwei Jahren bei den Denver Broncos ausgelaufen war und nicht verlängert wurde. In seiner ersten Station als Head Coach will er einen alten Hasen an seiner Seite. Phillips hat, zählt man seine Stationen als Interimscoach dazu, bereits sechsmal als Head Coach fungiert.

„Wade hat alles gesehen“

Bekannter ist der Altmeister freilich für seine Rolle als Defensivspezialist. 1981 tritt Phillips

seine erste Station als Defensive Coordinator bei den New Orleans Saints an – eine Position, die er in Los Angeles schon zum neunten Mal betreut. Um es mit McVay selbst zu sagen: „Wade hat in unserer Liga schon alles gesehen.“

Zuletzt mit den Broncos, die dank ihrer überragenden Defense Super Bowl 50 gewinnen, obwohl Quarterback Peyton Manning in seiner letzten Saison kaum noch brillante Momente beisteuern kann. McVay kümmert sich als Head Coach selbst um das Playcalling der Offense. Warum will er in der Defense keinen ähnlich jungen, innovativen Coach an seiner Seite?

Offense ist Trumpf

Schließlich könnte er auch ohne Phillips’ leitende Hand in seine Position hineinwachsen. Weshalb ist in einer Liga, in der – sieht man mal von einer Handvoll Quarterbacks ab – alles jünger, dynamischer, moderner wird, für ihn plötzlich „Old School“ angesagt?

Das liegt auch daran, dass der 32-Jährige weiß, wie die NFL funktioniert. Seit 2008 arbeitet er in der Liga, immer auf der offensiven Seite des Balles, von den Wide Receivern über die Tight Ends bis hin zur gesamten Abteilung Attacke. Er hat die Entwicklung miterlebt, die der Sport genommen hat. Offense ist Trumpf.

Die Erfahrung hilft

Von Commissioner Roger Goodell bis hin zum gemeinen Fan am Sonntagnachmittag in einer Bar in Wisconsin, Pennsylvania oder Arizona: Sie alle wollen mehr Scoring, mehr Big Plays, mehr Touchdowns. Es geht auch um Sicherheit, ein bisschen um Fantasy Football, aber vor allem um Unterhaltung. Deshalb neigt sich das Regelwerk von Jahr zu Jahr mehr in Richtung Quarterback, während es für dessen Gegner immer schwerer wird. Dazu kommt die Analytics-Welle, die althergebrachte Weisheiten hinwegspült.

Auch sie betrifft vor allem die Offense: Two-Point-Conversion statt Extrapunkt, ein vierter ausgespielter Versuch statt Punt oder Field Goal. Den Ball behalten. Druck ausüben. All das hat McVay geprägt. Die Offense agiert, während die Defense Jahr für Jahr weiter zurückgedrängt wird. Sie muss reagieren, auf neue Regeln und neue Strategien. Der einzige Trumpf, der ihr und ihren Protagonisten noch bleibt, ist die Erfahrung.

Der „Son of Bum“

Und davon hat kaum jemand so viel angehäuft wie Wade Phillips. Schließlich entstammt er einer waschechten Football-Familie: Sein Vater ist der legendäre Bum Phillips, dessen Karriere als Coach an High Schools, Colleges und in der NFL fast vier Jahrzehnte umfasst. Eine beeindruckende Persönlichkeit, an der Seitenlinie stets mit imposantem Stetson auf dem Kopf unterwegs. Texas eben.

1967, ein halbes Jahr nach Super Bowl I, übernimmt Bum Phillips seinen ersten NFL-Job als Defensive Coordinator der San Diego Chargers. Über ihn wächst Sohn Wade in den Sport hinein, unter ihm coacht er zuerst an der Oklahoma State, später als sein Assistant bei den Houston Oilers und den New Orleans Saints. Vater und Sohn sind unzertrennlich, bis heute trägt Wade voller Stolz den Spitznamen „Son of Bum“.

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„Es gibt zwei Sorten von Coaches…“

„Er hat mir alles über das Coaching beigebracht. Er hat mich gelehrt, richtig und falsch zu unterschieden. Und er hat mich gelehrt, das Leben zu genießen“, sagt Phillips über seinen Vater. Sein Spitzname wird gleichzeitig der Titel eines Buches, dass er im Mai 2017 veröffentlicht: Son of Bum – Weisheiten, die mich mein Vater über Football und das Leben gelehrt hat.

Weisheiten, die er bis heute in sich trägt, die ihm zu seiner unerschütterlichen Art verholfen haben. Wie etwa folgender Satz seines Vaters: „Es gibt nur zwei Sorten Coaches: die, die schon gefeuert wurden und die, die noch gefeuert werden.“ Für zehn Franchises hat Wade Phillips mittlerweile gearbeitet, fast ebenso häufig wurde er entlassen. Dennoch ruht er in sich. „Es hat mich nicht angestachelt“, schreibt er etwa über die Tatsache, dass er 2015 eigentlich nur zweite Wahl bei den Broncos ist. „Wenn man nicht ohnehin schon sein Bestes gibt, sollte man es gleich sein lassen.“

Der Mann mit den Simpons-GIFs

Es ist diese Mischung aus Erfahrung, gelebten Beziehungen im Locker Room und einer unaufgeregten Persönlichkeit, die Wade Phillips so populär macht. Kaum jemand im Haifischbecken NFL präsentiert sich so locker und unprätentiös wie er, und trotz seines hohen Alters macht er Twitter seit Jahren mit schlechten Witzen, Simpsons-GIFs und einer Menge Selbstironie unsicher: „Danke für die Glückwünsche“, schreibt er im Juni anlässlich seines 71. Geburtstags. „Die Feuerwehr war alarmiert, als wir die Kerzen anzündeten. Allen geht es gut.“

Phillips setzt in seiner 3-4-Defense auf flexible Personnel Packages, im Training legt er vor allem Wert auf gute Grundlagen. Über allem steht sein Motto: „Die Spieler arbeiten nicht für mich, wir arbeiten zusammen.“ Im Spiel vertraut er seinen Playmakern – und lässt sie von der Leine. „Er sagt: ‚Spielt schnell – die Fehler gehen auf mich‘“, verrät Broncos-Linebacker Brandon Marshall. Das kommt gut an.

Wade wird’s schon richten

So hat sich Phillips mittlerweile den Ruf eines Defensiv-Flüsterers erworben, der auch mit schwierigen Charakteren in der Umkleide umzugehen weiß. Auch hier gilt schließlich: Er hat alles gesehen. Bereits auf seiner ersten NFL-Station als Defensive-Line-Coach der Oilers in den Siebzigern arbeitete er mit zukünftigen Hall of Famern zusammen.

Seitdem hat wohl kein anderer Coach so viele Hochkaräter geformt und gefördert, von Reggie White über J.J. Watt und Von Miller bis hin zu Aaron Donald bei den Rams. Er weiß sie zu packen. Auch deshalb zögerten die Rams nicht, als sich im März die Chance bot, mit Cornerback Aqib Talib und Defensive Tackle Ndamukong Suh zwei hochveranlagte, aber nicht gerade pflegeleichte Stars zu verpflichten – der „Son of Bum“ wird es schon richten.

Eine Art Pep Guardiola

„Er ist ein Guru darin, das Maximum aus dir herauszuholen“, erklärt Talib, der unter Phillips bei den Broncos glänzte. „Ich habe mich nie wohler gefühlt als unter Wade Phillips.“ Auf den Coach kommt nun eine etwas andere Rolle zu als noch im Vorjahr: 2017 war Phillips als Turnaround-Spezialist gefragt – mit Erfolg.

Zum achten Mal in Folge erreichte er im ersten Jahr mit einem neuen Team die Postseason. 2018 spielen die Rams, mit spektakulären Neuzugängen im Gepäck, um den Titel. Phillips ist dabei eine Art Pep Guardiola: Wie der Trainer von Manchester City ist er immer dann am stärksten, wenn er aus einer Menge Talent das Optimum herauskitzeln darf. Der jetzige Kader erinnert dabei in Ansätzen an die Broncos vor einigen Jahren, mit starken Pass Rushern und risikofreudigen Cornerbacks – perfekt für aggressive Blitzes und erzwungene Turnover.

Keine Finger krumm – ab mittags

In der Offense steht McVay mit Goff, Running Back Todd Gurley und Receiver-Neuzugang Brandin Cooks ebenfalls Big-Play-Material zur Verfügung.  Würde Phillips im Falle eines Erfolgs und eines zweiten Super-Bowl-Rings seine Coaching-Schuhe an den Nagel hängen? Noch macht ihm der Job eine Menge Spaß, sein Vertrag läuft bis Ende 2019. Der Umgang mit den Spielern, das Kräftemessen mit McVay im Training, die spontanen Tanzeinlagen im Locker Room, die Witze auf Twitter.

Noch will er das nicht missen. „Ich mache mir nicht viele Gedanken über das Alter, sonst würde ich nicht mehr coachen“, sagt er. Andererseits bliebe mehr Zeit für seine Frau Laurie, mit der er mittlerweile über 49 Jahre verheiratet ist, und die beiden Kinder. Und er könnte es einmal mehr Vater Bum gleichtun.

Der zog sich im Alter auf eine Ranch in Texas zurück und garnierte das mit folgendem Bonmot: „Ich mache keinen Finger krumm – und damit fange ich frühestens mittags an.“

Autor: Stefan Petri

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Sophia Flörsch und Co.: Auf der Überholspur

Die Motorsport-Szene ist bevölkert von echten Machos. Doch gerade diese sollten sich warm anziehen. Das vermeintlich schwache Geschlecht drängt in die Cockpits: Sophia Flörsch und Juju Noda sprechen jetzt schon von Formel-1-Siegen.

Der Artikel erschien in Ausgabe #23

Es ist nicht so, dass es überhaupt keine Vorbilder gäbe, an denen sich Mädchen und junge Frauen orientieren könnten, die im Motorsport weit nach oben, vielleicht sogar in die Formel 1 kommen wollen. Danica Patrick ist so jemand, die Amerikanerin, die wohl erfolgreichste Frau im Rennsport, die Ende Mai mit einem letzten Start bei den Indy 500 ihre Karriere beendete. Sie gewann 2008 in Motegi als bisher einzige Frau in der Indycar-Serie ein Rennen, war 2007 außerdem zweimal Dritte und einmal Zweite.

Aber natürlich ist sie eine Ausnahme – eine sehr seltene sogar. „Eigentlich auch nicht verwunderlich“, glaubt der viermalige Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel, obwohl er es grundsätzlich durchaus für möglich hält, dass Frauen im Rennsport mit den Männern mithalten können. „Aber das ist einfach eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Unter 1000 Kindern, die mit dem Kartsport anfangen, sind doch maximal 50 Mädchen. Und von den Jungs schafft es doch höchstens auch einer bis ganz nach oben.“

„Lieber mit Puppen“

Warum das so ist, dass sich nur so wenige Mädchen im Kart versuchen, ob es wirklich nur an ihrem mangelnden Interesse liegt, wird durchaus kontrovers diskutiert. Man kann es sich relativ einfach machen, so wie Nico Hülkenberg. Der deutsche Formel-1-Pilot, sowieso eher einer der klassischen Rennsport-Machos, die die Szene auch heute noch prägen, ist sich sicher: „Mädchen spielen halt lieber mit Puppen, Jungen mit Autos.“

Untersuchungen, auf die man sich etwa bei Mercedes stützt, zeigen aber: Bis etwa zum Alter von sieben oder acht Jahren ist das Interesse bei Mädchen an Technik durchaus gleich, erst dann entwickeln sich die Geschlechter auseinander. Was stark für einen Einfluss der Erziehung, der entsprechenden Sozialisierung, spricht. Weswegen man bei Mercedes gegensteuert und gerade für Mädchen in dieser Altersgruppe dieses Jahr einen besonderen Event organisierte: Am „International Women in Engineering Day“ begleiteten 15 der 100 im Mercedes-Formel-1-Chassis-Team in Brackley beschäftigten Ingenieurinnen 50 Schülerinnen aus der Umgebung den ganzen Tag über durch das Werk, um ihnen einen Blick hinter die Kulissen zu geben.

Familie spielt eine Rolle

Die Mädchen konnten außerdem an einer Reihe unterschiedlicher Aktivitäten teilnehmen, von Pit Stop Challenges über Fahrten im Simulator bis zur Herausforderung, ein eigenes Hoverboard in 45 Minuten zu bauen. Zum Abschluss standen der Besuch des 3. Freien Trainings und des Qualifyings beim Großen Preis von Frankreich.

Um eben das Gefühl zu verlieren, Rennsport und Technik seien reine Männersache. Dass das allgemein aber immer noch so ist, sieht auch die Ex-Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn so: „Der Rennsport wird leider immer noch als ‚Männerdomäne‘ wahrgenommen. Es ist für Mädchen daher schwieriger, überhaupt eine Chance beziehungsweise Förderung im Rennsport zu bekommen. Im Ergebnis führt das dazu, dass nur verhältnismäßig wenige Mädchen eine Rennsportlaufbahn wagen.“ Grundsätzlich müsse man ein Mädchen genauso fördern wie einen Jungen. „Darüber hinaus ist es wichtig, Mädchen gerade in männerdominierten Sportarten das nötige Selbstvertrauen zu geben. Dabei spielt das sportliche und familiäre Umfeld eine maßgebliche Rolle.“

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Flörsch genießt ihre Rolle

Eine, die das Selbstvertrauen hat, sich den Weg nach oben zuzutrauen, ist Sophia Flörsch. Die gebürtige Münchnerin begann ihre Karriere als Fünfj.hrige im Kart. Nach dem Wechsel in den Formelsport ging sie nach Großbritannien und gewann zwei Rennen der Ginetta Junior Championship. 2016 und 2017 fuhr Flörsch in der Formel 4 und schaffte dort als erste Frau eine Podestplatzierung. In diesem Jahr pausierte die 17-Jährige eine Weile, um in Ruhe das Abitur zu machen, stieg dann aber in der zweiten Saisonhälfte in die Formel-3-EM ein. „Ich muss mir mehr Respekt verschaffen“, sagt sie. „Schnell sein, erfolgreich sein, jede Lücke ausnutzen. Man muss sich immer durchsetzen, auch Sponsoren gegenüber. Das macht Spaß, vor allem wenn sich Jungs nach einem erfolgreichen Überholmanöver von mir ärgern.“

Sie gibt zu, ihre Sonderstellung manchmal auch ein bisschen zu genießen: „Wenn man als Mädchen aber mit der richtigen Einstellung herangeht und einem das sogar Spaß macht, ist das ein zusätzlicher Motivationsschub. Nach einem guten Rennen ist es umso schöner, wenn ich aus dem Auto steige, die langen Haare zum Vorschein kommen und mich alle anschauen.“ Das immer wieder vorgebrachte Argument, schon rein physisch seien Frauen nicht dazu in der Lage, Männern in einem Formel-1-Auto Paroli zu bieten, kann sie schon nicht mehr hören.

Der Artikel erschien in der 25. Ausgabe

Physis spielt keine Rolle

Genauso wie Tatiana Calderón, Testpilotin bei Sauber und parallel im dritten Jahr in der GP3 Serie unterwegs. „Wir müssen im physischen Bereich einfach härter arbeiten, vielleicht mehr trainieren. Wir haben 30 Prozent weniger Muskelmasse, aber das ist kein Problem“, ist sich die Kolumbianerin sicher, und erfahrene Physiotherapeuten geben ihr Recht.

Der Österreicher Josef Leberer etwa, in den 1980ern und 90ern zunächst bei McLaren Betreuer von Ayrton Senna und Alain Prost, stets einer der engsten Senna-Vertrauten und jetzt seit vielen Jahren bei Sauber: „Früher, als es noch keine Servolenkung gab, als manuell geschaltet wurde, als das Fahren noch viel mehr reine Kraft erforderte, wäre es wesentlich schwieriger für eine Frau gewesen, wirklich konkurrenzfähig zu sein. Heute wäre das wohl viel eher möglich. Es geht ja nicht um Maximalkraft, sondern um Kraftausdauer und da kann auch eine Frau mit entsprechendem Training auf die notwendige Fitness kommen.“

Ellbogen ist gebraucht

Er sieht freilich noch einen anderen Punkt: „Körperliche Fitness ist allerdings nicht alles, es geht auch um mentale Stärke, Durchsetzungsvermögen, auch den entsprechenden ‚Ellbogeneinsatz‘, der oft nötig ist. Und gerade da kommt vielleicht oft auch noch die Erziehung und die immer noch an vielen Stellen herrschende klassische Denkweise ins Spiel: Mädchen werden doch immer noch oft von Anfang an eher dazu erzogen, zurückhaltend und brav zu sein, sich nicht unbedingt auch mit vollem – körperlichen – Einsatz durchzusetzen. Das könnte es ihnen dann schwerer machen, die entsprechende Härte mitzubringen.“

Bringt eine Frau sie dann aber mit, tun sich die Konkurrenten entsprechend schwer: „Wenn mir die Jungs nach einem Rennen nicht in die Augen schauen, weiß ich, dass ich einen guten Job gemacht habe“, sagt Calderón mit einem leichten Schmunzeln. Sie hofft, in ihrer Testfahrerrolle bei Sauber vielleicht einmal zu einem Freitags-Einsatz zu kommen, einmal ein freies Formel-1-Training mitfahren zu können, dort zu beweisen, dass sie mithalten kann, das wäre schon ein ganz großer Schritt für die 25-Jährige, die von ihrer älteren Schwester gemanagt wird.

Sophia Flörsch will in die Formel 1

Sophia Flörsch möchte es innerhalb der nächsten fünf Jahre in die Formel 1 schaffen. „Es gibt schon einen Karriereplan. Aber im Motorsport ändert sich jedes Jahr etwas, und man muss zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute kennen.“ Und dann auch noch das nötige Geld finden: Von Seiten ihrer Familie hat sie nur ein begrenztes Budget – keinen Milliardärs-Papa im Hintergrund wie etwa Lance Stroll, der aktuelle Williams-Pilot: „Ich brauche Sponsoren oder Investoren, die an mich glauben und mich auf dem Weg nach oben unterstützen. Das kann holprig werden, aber ich will das schaffen.“

Ein ganz junges Mädchen aus Japan möchte freilich auf dem Weg nach oben alle ihre Mitkonkurrentinnen überholen: Juju Noda, gerade erst einmal zwölf Jahre alt, gilt als Riesentalent mit entsprechendem familiären Hintergrund. Sie ist die Tochter von Hideki Noda, der 1994 drei Formel-1-Rennen für das marode Larrousse-Team fuhr, allerdings ziemlich erfolglos. Beim Heimrennen in Suzuka drehte er sich gleich mal in der Startrunde. „Sie hat mehr Talent als ich“, sagt der Papa über sein Töchterchen. „Sie kann das Limit des Rennwagens und der Reifen genau spüren. Das kann ich ihr nicht beibringen, das ist Naturtalent.“

Das Naturtalent aus Japan

Mit neun Jahren steckte er Juju schon in einen 160 PS starken Formel-4-Flitzer. In der Kategorie hält sie inzwischen einen Rundenrekord in Okayama. Mittlerweile testet sie schon 240 PS starke Formel-3-Flitzer, düst mit Tempo 250 die Start-Ziel-Gerade der gefährlichen Okayama-Strecke entlang. Sie ist die Prinzessin des Motorsports in Japan. Freilich, bei ihr sind die auftretenden Kräfte schon noch ein gewisses Problem. Auf Videos sieht man: Wenn sie bremst, fällt ihr Kopf noch ein bisschen nach vorn.

Das zierliche Mädchen wiegt keine 40 Kilogramm, muss aber schon Kräften von 4G, dem Vierfachen ihres Körpergewichts also, standhalten können. Sie selbst stört das angeblich nicht: „Wenn ich im Auto sitze, merke ich das nicht. Nur am nächsten Tag tun mir ein bisschen die Nackenmuskeln weh“, erzählt sie cool bei einem ihrer inzwischen zahlreichen Fernsehauftritte.

Immer jüngere Frauen

Ellen Lohr, die 1992 als bisher einzige Frau ein DTM-Rennen gewann, findet: „Der Trend, dass alle immer jünger anfangen, ist eigentlich schon verrückt. Aber mit so einem motorsportlichen Umfeld kann sie schon in der Lage sein, solche Autos zu bewegen.“ In  Japan wird Juju Noda längst gefeiert wie ein Star. Ein solcher will sie auch mal sein. Dabei reicht es ihr nicht, als erste Frau seit Giovanna Amati 1992 Formel-1- Fahrerin zu werden. „Ich will Formel-1-Rennen gewinnen – als erstes Mädchen überhaupt!“ Dafür übt sie, wenn sie nicht testend auf einer Strecke unterwegs ist, im Simulator. Ihr erstes Rennen in einem Formel-Auto darf sie erst 2021 bestreiten, dann ist sie mit 15 Jahren alt genug…

Sollte sich ihr Talent dann wirklich bestätigen, würde sich wahrscheinlich schon ein Team für sie finden. Monisha Kaltenborn, die in ihrer Sauber-Zeit die Schweizerin Simona de Silvestro in die Formel 1 bringen wollte, was dann aber unter anderem an geplatzten Sponsoren- Deals scheiterte, weiß um die Wirkung, auch wenn sie betont: „Als ich Simona ins Team aufnahm, war ich von ihrem Talent überzeugt und wollte ihr die Möglichkeit geben, ihre Fähigkeiten in einem Formel-1-Auto zu zeigen. Aber jedes Team, das als erstes eine kompetitive Formel-1-Fahrerin hat, wird von einem enormen PR-Effekt profitieren.“

Karin Sturm