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Sophia Flörsch und Co.: Auf der Überholspur

Die Motorsport-Szene ist bevölkert von echten Machos. Doch gerade diese sollten sich warm anziehen. Das vermeintlich schwache Geschlecht drängt in die Cockpits: Sophia Flörsch und Juju Noda sprechen jetzt schon von Formel-1-Siegen.

Der Artikel erschien in Ausgabe #23

Es ist nicht so, dass es überhaupt keine Vorbilder gäbe, an denen sich Mädchen und junge Frauen orientieren könnten, die im Motorsport weit nach oben, vielleicht sogar in die Formel 1 kommen wollen. Danica Patrick ist so jemand, die Amerikanerin, die wohl erfolgreichste Frau im Rennsport, die Ende Mai mit einem letzten Start bei den Indy 500 ihre Karriere beendete. Sie gewann 2008 in Motegi als bisher einzige Frau in der Indycar-Serie ein Rennen, war 2007 außerdem zweimal Dritte und einmal Zweite.

Aber natürlich ist sie eine Ausnahme – eine sehr seltene sogar. „Eigentlich auch nicht verwunderlich“, glaubt der viermalige Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel, obwohl er es grundsätzlich durchaus für möglich hält, dass Frauen im Rennsport mit den Männern mithalten können. „Aber das ist einfach eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Unter 1000 Kindern, die mit dem Kartsport anfangen, sind doch maximal 50 Mädchen. Und von den Jungs schafft es doch höchstens auch einer bis ganz nach oben.“

„Lieber mit Puppen“

Warum das so ist, dass sich nur so wenige Mädchen im Kart versuchen, ob es wirklich nur an ihrem mangelnden Interesse liegt, wird durchaus kontrovers diskutiert. Man kann es sich relativ einfach machen, so wie Nico Hülkenberg. Der deutsche Formel-1-Pilot, sowieso eher einer der klassischen Rennsport-Machos, die die Szene auch heute noch prägen, ist sich sicher: „Mädchen spielen halt lieber mit Puppen, Jungen mit Autos.“

Untersuchungen, auf die man sich etwa bei Mercedes stützt, zeigen aber: Bis etwa zum Alter von sieben oder acht Jahren ist das Interesse bei Mädchen an Technik durchaus gleich, erst dann entwickeln sich die Geschlechter auseinander. Was stark für einen Einfluss der Erziehung, der entsprechenden Sozialisierung, spricht. Weswegen man bei Mercedes gegensteuert und gerade für Mädchen in dieser Altersgruppe dieses Jahr einen besonderen Event organisierte: Am „International Women in Engineering Day“ begleiteten 15 der 100 im Mercedes-Formel-1-Chassis-Team in Brackley beschäftigten Ingenieurinnen 50 Schülerinnen aus der Umgebung den ganzen Tag über durch das Werk, um ihnen einen Blick hinter die Kulissen zu geben.

Familie spielt eine Rolle

Die Mädchen konnten außerdem an einer Reihe unterschiedlicher Aktivitäten teilnehmen, von Pit Stop Challenges über Fahrten im Simulator bis zur Herausforderung, ein eigenes Hoverboard in 45 Minuten zu bauen. Zum Abschluss standen der Besuch des 3. Freien Trainings und des Qualifyings beim Großen Preis von Frankreich.

Um eben das Gefühl zu verlieren, Rennsport und Technik seien reine Männersache. Dass das allgemein aber immer noch so ist, sieht auch die Ex-Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn so: „Der Rennsport wird leider immer noch als ‚Männerdomäne‘ wahrgenommen. Es ist für Mädchen daher schwieriger, überhaupt eine Chance beziehungsweise Förderung im Rennsport zu bekommen. Im Ergebnis führt das dazu, dass nur verhältnismäßig wenige Mädchen eine Rennsportlaufbahn wagen.“ Grundsätzlich müsse man ein Mädchen genauso fördern wie einen Jungen. „Darüber hinaus ist es wichtig, Mädchen gerade in männerdominierten Sportarten das nötige Selbstvertrauen zu geben. Dabei spielt das sportliche und familiäre Umfeld eine maßgebliche Rolle.“

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Flörsch genießt ihre Rolle

Eine, die das Selbstvertrauen hat, sich den Weg nach oben zuzutrauen, ist Sophia Flörsch. Die gebürtige Münchnerin begann ihre Karriere als Fünfj.hrige im Kart. Nach dem Wechsel in den Formelsport ging sie nach Großbritannien und gewann zwei Rennen der Ginetta Junior Championship. 2016 und 2017 fuhr Flörsch in der Formel 4 und schaffte dort als erste Frau eine Podestplatzierung. In diesem Jahr pausierte die 17-Jährige eine Weile, um in Ruhe das Abitur zu machen, stieg dann aber in der zweiten Saisonhälfte in die Formel-3-EM ein. „Ich muss mir mehr Respekt verschaffen“, sagt sie. „Schnell sein, erfolgreich sein, jede Lücke ausnutzen. Man muss sich immer durchsetzen, auch Sponsoren gegenüber. Das macht Spaß, vor allem wenn sich Jungs nach einem erfolgreichen Überholmanöver von mir ärgern.“

Sie gibt zu, ihre Sonderstellung manchmal auch ein bisschen zu genießen: „Wenn man als Mädchen aber mit der richtigen Einstellung herangeht und einem das sogar Spaß macht, ist das ein zusätzlicher Motivationsschub. Nach einem guten Rennen ist es umso schöner, wenn ich aus dem Auto steige, die langen Haare zum Vorschein kommen und mich alle anschauen.“ Das immer wieder vorgebrachte Argument, schon rein physisch seien Frauen nicht dazu in der Lage, Männern in einem Formel-1-Auto Paroli zu bieten, kann sie schon nicht mehr hören.

Der Artikel erschien in der 26. Ausgabe

Physis spielt keine Rolle

Genauso wie Tatiana Calderón, Testpilotin bei Sauber und parallel im dritten Jahr in der GP3 Serie unterwegs. „Wir müssen im physischen Bereich einfach härter arbeiten, vielleicht mehr trainieren. Wir haben 30 Prozent weniger Muskelmasse, aber das ist kein Problem“, ist sich die Kolumbianerin sicher, und erfahrene Physiotherapeuten geben ihr Recht.

Der Österreicher Josef Leberer etwa, in den 1980ern und 90ern zunächst bei McLaren Betreuer von Ayrton Senna und Alain Prost, stets einer der engsten Senna-Vertrauten und jetzt seit vielen Jahren bei Sauber: „Früher, als es noch keine Servolenkung gab, als manuell geschaltet wurde, als das Fahren noch viel mehr reine Kraft erforderte, wäre es wesentlich schwieriger für eine Frau gewesen, wirklich konkurrenzfähig zu sein. Heute wäre das wohl viel eher möglich. Es geht ja nicht um Maximalkraft, sondern um Kraftausdauer und da kann auch eine Frau mit entsprechendem Training auf die notwendige Fitness kommen.“

Ellbogen ist gebraucht

Er sieht freilich noch einen anderen Punkt: „Körperliche Fitness ist allerdings nicht alles, es geht auch um mentale Stärke, Durchsetzungsvermögen, auch den entsprechenden ‚Ellbogeneinsatz‘, der oft nötig ist. Und gerade da kommt vielleicht oft auch noch die Erziehung und die immer noch an vielen Stellen herrschende klassische Denkweise ins Spiel: Mädchen werden doch immer noch oft von Anfang an eher dazu erzogen, zurückhaltend und brav zu sein, sich nicht unbedingt auch mit vollem – körperlichen – Einsatz durchzusetzen. Das könnte es ihnen dann schwerer machen, die entsprechende Härte mitzubringen.“

Bringt eine Frau sie dann aber mit, tun sich die Konkurrenten entsprechend schwer: „Wenn mir die Jungs nach einem Rennen nicht in die Augen schauen, weiß ich, dass ich einen guten Job gemacht habe“, sagt Calderón mit einem leichten Schmunzeln. Sie hofft, in ihrer Testfahrerrolle bei Sauber vielleicht einmal zu einem Freitags-Einsatz zu kommen, einmal ein freies Formel-1-Training mitfahren zu können, dort zu beweisen, dass sie mithalten kann, das wäre schon ein ganz großer Schritt für die 25-Jährige, die von ihrer älteren Schwester gemanagt wird.

Sophia Flörsch will in die Formel 1

Sophia Flörsch möchte es innerhalb der nächsten fünf Jahre in die Formel 1 schaffen. „Es gibt schon einen Karriereplan. Aber im Motorsport ändert sich jedes Jahr etwas, und man muss zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute kennen.“ Und dann auch noch das nötige Geld finden: Von Seiten ihrer Familie hat sie nur ein begrenztes Budget – keinen Milliardärs-Papa im Hintergrund wie etwa Lance Stroll, der aktuelle Williams-Pilot: „Ich brauche Sponsoren oder Investoren, die an mich glauben und mich auf dem Weg nach oben unterstützen. Das kann holprig werden, aber ich will das schaffen.“

Ein ganz junges Mädchen aus Japan möchte freilich auf dem Weg nach oben alle ihre Mitkonkurrentinnen überholen: Juju Noda, gerade erst einmal zwölf Jahre alt, gilt als Riesentalent mit entsprechendem familiären Hintergrund. Sie ist die Tochter von Hideki Noda, der 1994 drei Formel-1-Rennen für das marode Larrousse-Team fuhr, allerdings ziemlich erfolglos. Beim Heimrennen in Suzuka drehte er sich gleich mal in der Startrunde. „Sie hat mehr Talent als ich“, sagt der Papa über sein Töchterchen. „Sie kann das Limit des Rennwagens und der Reifen genau spüren. Das kann ich ihr nicht beibringen, das ist Naturtalent.“

Das Naturtalent aus Japan

Mit neun Jahren steckte er Juju schon in einen 160 PS starken Formel-4-Flitzer. In der Kategorie hält sie inzwischen einen Rundenrekord in Okayama. Mittlerweile testet sie schon 240 PS starke Formel-3-Flitzer, düst mit Tempo 250 die Start-Ziel-Gerade der gefährlichen Okayama-Strecke entlang. Sie ist die Prinzessin des Motorsports in Japan. Freilich, bei ihr sind die auftretenden Kräfte schon noch ein gewisses Problem. Auf Videos sieht man: Wenn sie bremst, fällt ihr Kopf noch ein bisschen nach vorn.

Das zierliche Mädchen wiegt keine 40 Kilogramm, muss aber schon Kräften von 4G, dem Vierfachen ihres Körpergewichts also, standhalten können. Sie selbst stört das angeblich nicht: „Wenn ich im Auto sitze, merke ich das nicht. Nur am nächsten Tag tun mir ein bisschen die Nackenmuskeln weh“, erzählt sie cool bei einem ihrer inzwischen zahlreichen Fernsehauftritte.

Immer jüngere Frauen

Ellen Lohr, die 1992 als bisher einzige Frau ein DTM-Rennen gewann, findet: „Der Trend, dass alle immer jünger anfangen, ist eigentlich schon verrückt. Aber mit so einem motorsportlichen Umfeld kann sie schon in der Lage sein, solche Autos zu bewegen.“ In  Japan wird Juju Noda längst gefeiert wie ein Star. Ein solcher will sie auch mal sein. Dabei reicht es ihr nicht, als erste Frau seit Giovanna Amati 1992 Formel-1- Fahrerin zu werden. „Ich will Formel-1-Rennen gewinnen – als erstes Mädchen überhaupt!“ Dafür übt sie, wenn sie nicht testend auf einer Strecke unterwegs ist, im Simulator. Ihr erstes Rennen in einem Formel-Auto darf sie erst 2021 bestreiten, dann ist sie mit 15 Jahren alt genug…

Sollte sich ihr Talent dann wirklich bestätigen, würde sich wahrscheinlich schon ein Team für sie finden. Monisha Kaltenborn, die in ihrer Sauber-Zeit die Schweizerin Simona de Silvestro in die Formel 1 bringen wollte, was dann aber unter anderem an geplatzten Sponsoren- Deals scheiterte, weiß um die Wirkung, auch wenn sie betont: „Als ich Simona ins Team aufnahm, war ich von ihrem Talent überzeugt und wollte ihr die Möglichkeit geben, ihre Fähigkeiten in einem Formel-1-Auto zu zeigen. Aber jedes Team, das als erstes eine kompetitive Formel-1-Fahrerin hat, wird von einem enormen PR-Effekt profitieren.“

Karin Sturm