Archiv für die Kategorie: Ausgabe #3

,

Sjaak Swart: Johan war das Spiel selbst

Er spielte 800 mal für den Klub und wurde so zu „Mister Ajax“. Sjaak Swart wurde zu einem der engsten Vertrauten von Johan Cruyff. Bei Socrates erinnert sich Swart an einen Freund.

Autor: Stefan Rommel

Herr Swart, in Holland kennt Sie jedes Kind als „Mister Ajax“. Wie viele Spiele haben Sie gemacht?

Wenn man alle Spiele zusammenrechnet, also Pflichtspiele und Freundschaftsspiele, von der Jugend bis heute, dann sind es über 800.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #03

Jetzt sind Sie 78 Jahre alt und spielen noch.

Ich habe nach meiner Zeit bei Ajax noch für zwei andere Klubs aus Amsterdam in der ersten Amateurliga gespielt, mit 53 Jahren war ich da als Spielertrainer noch Libero. Ich schätze, ich komme in meiner Zeit in den Amateurmannschaften und jetzt bei Lucky Ajax, der Traditionsmannschaft, auf über 2.000 Spiele. Das wären dann mit den 800 für Ajax und für die Elftal rund 3.000 Spiele. Mir fällt niemand auf der Welt ein, der mehr Spiele gemacht haben könnte.

Sie waren Rechtsaußen, hatten Sie auch entsprechende Vorbilder?

Stan Matthews und Garrincha waren meine Idole. Ich wollte so flink und so trickreich sein wie sie, aber ich musste dauernd auf anderen Positionen aushelfen. Am Ende hatte ich alle durch – bis auf Torhüter.

Und Sie waren dabei überaus erfolgreich.

Acht Meistertitel, fünf Pokalsiege, drei Mal den Pokal der Landesmeister. Weltpokal. Supercup. Wir hatten die beste Mannschaft der Welt in den 70ern. Und ich glaube sogar, dass wir stilbildend waren für andere große Mannschaften danach. Wir haben vor der Euro 1972 die Bayern in deren Stadion 5:0 geschlagen. Wir waren so überlegen, dass die Bayern in den letzten zehn Minuten den Ball kein einziges Mal mehr berührt haben. Ich glaube, wir haben die Bayern in gewisser Weise inspiriert. Vielleicht fragen Sie mal nach bei Breitner, Hoeneß oder Beckenbauer.

Sie sind auch deshalb eine Ajax-Ikone, weil Sie in den Derbys gegen Feyenoord immer besonders stark waren.

36 Spiele, 19 Tore. Selbst Cruyff, Van Basten oder Kluivert kommen da nicht ran.

Wir sitzen in der Kantine der Ajax-Akademie, Sie sind fast jeden Tag hier. Was machen Sie heute?

Ich bin Spielerberater. Früher habe ich mich um Spieler wie Wesley Sneijder oder Rafael van der Vaart gekümmert. Ich habe sie unterstützt, da waren sie noch 15-jährige Bengels. Heute betreue ich rund 20 Spieler, die hauptsächlich in der U17 und U19 aktiv sind. Ich hätte nach meinem Karriereende bei Ajax die U19 übernehmen können. Aber darauf hatte ich keine Lust.

Dieses Spiel kannst du nicht gewinnen.

Im März vor zwei Jahren ist Ihr guter Freund Johan Cruyff überraschend gestorben.

Ich konnte es kaum fassen. Eine Woche vor seinem Tod hat er mir ein Video geschickt. Eine Minute und 42 Sekunden, da habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Er war zu Besuch bei seinem Sohn Jordi in Israel, er war putzmunter. Keine Probleme mit der Lunge. Saß da mit nackigen Füßen bei einem unserer gemeinsamen Freunde, wollte sich neue Schuhe anfertigen lassen beim besten Schuster in ganz Tel Aviv. Zwei Tage danach haben wir noch telefoniert, wieder zwei Tage später dann der Anfall beim Duschen. Gehirntumor, Metastasen. Er hat für sich entschieden, dass es vorbei sein soll. Im Rollstuhl wollte er nie sitzen. Er war sich immer so sicher, dass er den Krebs besiegen würde. Aber dieses Spiel kannst du nicht gewinnen.

Cruyff war so vielschichtig als Fußballspieler, aber auch als Mensch. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?

Er war ein unglaublich toller Mensch. Jedem wollte er helfen, jedem. Ein top Junge.

Nach außen wirkte er manchmal über die Maßen selbstbewusst, an der Grenze zur Arroganz.

Das stimmt nicht. Die Leute müssen schon unterscheiden: Er wusste immer, was er wollte und beharrte auch auf seinem Standpunkt. Er war da stur und auch eigensinnig, das sollte man nicht leugnen. Und es hat ihm nicht selten Ärger eingebracht, später auch hier bei Ajax. Es gab immer mal wieder Streit und er hat sich mit vielen Leuten angelegt. Aber er war nie von oben herab, er hat sich nie als großer Meister aufgespielt oder andere bevormundet.

Aber er wollte es immer besser wissen als die anderen.

Das kann man wohl sagen. Wir waren in den 80ern mit Severiano Ballesteros beim Golf spielen und Ballesteros war zweifellos der beste Golfer seiner Zeit. Und was macht Johan? Gibt ihm Anweisungen, wie er den Schläger zu schwingen hat. Unglaublich, diese Selbstverständlichkeit. Er war ein schlechter Billard-Spieler und trotzdem erklärte er allen anderen immer, wie sie den Queue zu halten hätten.

Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit ihm erinnern?

Er war neun Jahre alt und schaute immer mal wieder bei unserem Training vorbei. Johan hat sich dann hinter dem Tor aufgestellt, eine Banane in der Hand, und wenn die Bälle vorbeiflogen, ist er losgerannt und hat sie zurückgebracht. Er war unser Balljunge. Er war ja immer da, sein Vater arbeitete im Stadion. Damals spielte er noch in der „Welpe“, einer Jugendmannschaft und ich habe ihn mir samstags bei den Spielen immer angeschaut. Mit 17 Jahren kam er dann zu den Profis.

Cruyff hat von mir gelernt

Wurden Sie schnell Freunde?

Piet Keizer, Johan und ich wohnten im Osten von Amsterdam, keinen Kilometer voneinander entfernt. Echte Grachtjes, Amsterdamer Jungs, die Mittagessen bei „Broodje Van Dobben“, der Fußball… Es war fantastisch.

Wer hat mehr vom anderen profitiert: Sie von ihm oder er von Ihnen?

Wir hatten diesen speziellen Spielzug: Ich halte den Ball an der rechten Außenlinie, warte bis die Verteidiger sich auf den Mittelstürmer konzentrieren und Johan lossprintet. Ich spiele den Ball dann über die Abwehrreihe drüber. Und bis die sich umdrehen, ist Johan längst weg. Hat ganz gut funktioniert, würde ich sagen. Aber Ajax hatte auch vor Johan einen super Angriff. Ich hatte im Jahr davor 55 Assists. Ich würde sagen: Er hat von mir gelernt.

Woher nahm er seine Inspiration?

Er hat immer nachgedacht, immer nur Fußball. Wenn du drei Stunden mit ihm am Tisch saßt, hat er drei Stunden am Stück über Fußball geredet. Er hatte dieses Gefühl für das Spiel. Keine Taktik, einfach dieses Gefühl. Er war ein Philosoph. Unter den vielen Kreativen dieser Zeit war er der Topper, der Beste.

Wie konnte es passieren, dass er bei seiner letzten Station als Spieler ausgerechnet zu Feyenoord gewechselt ist?

Er kam aus Spanien zurück und spielte wieder für Ajax. Dann hat er sich aber mit der Klubführung überworfen. Er ist nur gewechselt, um die Bosse zu ärgern. Da gab es das Spiel gegen Ajax ziemlich früh in der Saison. Alles wartete darauf, wie sich Johan wohl gegen sein Ajax schlägt. Nicht besonders gut, würde ich sagen: Ajax siegte 8:2. Drei Tore von Marco van Basten, damals 18 Jahre alt. Feyenoord ist trotzdem Meister geworden. Für Johan war nach dieser einen Saison endgültig Schluss.

Johan Cruyff war das Spiel selbst

Großer Erfolg bedeutet oft auch viele Neider. Hatte Cruyff – gerade bei Ajax – am Ende auch viele Feinde?

Natürlich. Er konnte sich aber immer gut wehren. Und wo er jetzt nicht mehr da ist, verteidige ich ihn. Gegen die Zeitungen, wenn sie mal wieder Blödsinn schreiben. Oder gegen die hohen Herren im holländischen Fußball.

Was war mit Van Gaal?

Louis van Gaal und er waren Intimfeinde. Van Gaal war ganz sicher neidisch auf Johan. Dazu gibt es eine Geschichte: Van Gaal war Anfang der 80er Jahre bei Sparta Rotterdam. Vor dem Spiel gegen Ajax fragte Trainer Barry Hughes: „Wer von euch will gegen Cruyff spielen?“ Van Gaal meldete sich: „Ich. Ich nehme Cruyff in Manndeckung.“ Zur Halbzeit stand es 5:0, Cruyff hat Van Gaal schwindelig gespielt. Der motzte in der Halbzeit, der Trainer solle endlich den Schönwetterspieler Rene van der Gijp auswechseln. Daraufhin Hughes: „Ich werde gleich jemanden auswechseln – und zwar dich!“ Van Gaal hatte schon immer ein gestörtes Verhältnis zu Top-Stars. Vielleicht haben Geschichten wie diese dazu beigetragen.

Aber er hat mit Ajax die Champions League gewonnen.

Er war ein guter Trainer auf dem Platz. Aber in Sachen Menschenführung ist er nicht gut. Er scheidet überall im Streit.

60 Jahre lang war Cruyff Ihr Freund. Was vermissen Sie am meisten?

Die Gespräche, die Treffen unserer Familien. Er kommt jetzt nicht mehr zu mir in die Loge, drüben in der Amsterdam Arena.

Was ist Johan Cruyffs Vermächtnis?

Ich werde oft gefragt: War Johan besser als Pele, Beckenbauer, Maradona, Messi, Ronaldo? Jeder war oder ist zu seiner Zeit ein unglaublicher Spieler, ein Wunder. Aber Johan überdauert alle Zeit. Seine Ideen haben Epochen geprägt, sie werden nie aus der Mode kommen. Das kann kein anderer von sich behaupten. Ajax ohne Cruyff: Undenkbar. Barca ohne Cruyff: Undenkbar. Er hat den Leuten gezeigt, wie man Fußball spielen muss. Das wird nie vergessen werden. Wenn man in 50 Jahren auf Messi zurückblickt oder Pele, dann sieht man den fantastischen Spieler als einen Teil des Spiels. Johan Cruyff war das Spiel selbst.

,

Peter Prevc: So jung. So gut.

Peter Prevc ist erst 25 Jahre alt und hat doch schon fast alles gewonnen, was man im Skispringen gewinnen kann. Die Geschichte eines Mannes, der seinen Kontrahenten im Kopf eine Skilänge voraus ist.

In der Welt des Skispringens war Slowenien nie eine große Nummer. Die Slowenen hatten ordentliche Mannschaften, ausgebildet nach den Skiflugtraditionen geformt in den riesigen Bergen Planicas.

Ziemlich begabte Sportler waren das, aber kaum einer gut genug für die Weltspitze. Primož Peterka war die einzige Ausnahme. Er schaffte es immerhin zwei Jahre seiner langen Karriere ganz nach oben, siegte im Weltcup und bei der Vierschanzentournee.

Dann verschwand er plötzlich, ging früh in Ruhestand und trat schließlich 2012 als Trainer
der slowenischen Frauenmannschaft bei einem U-23-Weltcup aus dem Nichts wieder in Erscheinung. Und als er plötzlich wieder da war, orakelte er in Interviews gerne vor sich hin: „Wir sind gerade dabei, einen sehr großen Springer hervorzubringen…“

Die Geschichte von Peter Prevc beginnt wie die vieler anderer Skispringer. Er wurde in Kranj  geboren, einem Ort, der wie viele slowenische Kleinstädte eine Sprungschanze sein Eigen nennt. Mit neun Jahren begann er gemeinsam mit seinen fünf Geschwistern – unter ihnen die zwei jüngeren Brüder Domen und Cene, mit denen er drei viertel der slowenischen Nationalmannschaft bildet – mit dem Skispringen.

Sein unglaubliches Potenzial schimmerte immer wieder durch, dennoch reichte es nie auf das Weltcup-Podium. Nicht wenige sahen in ihm den neuen Gregor Schlierenzauer. Das Talent, die Technik, die körperlichen Fähigkeiten. Aber Prevc konnte nicht gewinnen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #03

Bis Goran Janus 2011 die Führung der slowenischen Nationalmannschaft übernahm. Da explodierten Prevc’ Leistungen förmlich. Mittlerweile schreibt er längst an seiner eigenen Legende. Er ist Weltcup-Sieger im Skispringen und Skifliegen, hat die Vierschanzentournee und die Weltmeisterschaft im Skifliegen gewonnen.

Keiner hat je mehr Einzelkämpfe innerhalb einer Saison gewonnen. Er war der erste Mensch, der 250 Meter weit fliegen konnte. Er ist ein Unternehmer, er hat sein eigenes Label gegründet und wurde vier Mal in Folge zum Sportler des Jahres in Slowenien gewählt. Und er ist erst 25 Jahre alt.

Das Jahr 2011 stand für den Wendepunkt in seiner Karriere. Der erfahrene Matjaž Zupan musste gehen, das Greenhorn Goran Janus wurde zum Cheftrainer. Der Verband hatte mit großen finanziellen Problemen zu kämpfen.

Also mussten sie alle bei Null anfangen. Die ersten sieben Medaillen waren keine goldenen, er wurde Zweiter oder Dritter. Was wie ein Makel aussah, entpuppte sich im Nachhinein als Segen: Prevc lehrten die vielen verpassten Chancen eine gewisse Demut. Und sie lehrten ihn, wie man verliert.

Skispringen ist ein seltsamer Sport

„Eigentlich hatten wir nicht zu wenig Geld, aber es wurde nicht richtig verwaltet. Vieles war falsch. Mit Goran Janus veränderte sich vieles. Ich habe ihm viel zu verdanken. Durch ihn und mein zunehmendes Alter entwickelte ich mich weiter. Meiner Meinung nach haben wir eine unglaubliche Sache geschafft. Nicht nur ich, meine ganze Generation ist sehr talentiert. Wenn ich auf die letzten fünf Jahre zurückblicke, so denke ich, dass wir weit gekommen sind.“

Skispringen ist ein seltsamer Sport. Frauen und Männer fliegen 250 Meter durch die Luft, aber es gibt keinen Fallschirm. Sie fahren mit einer Geschwindigkeit von über 100 Stundenkilometern an und landen auf ein paar Zentimeter breiten Skiern, als wäre es das Normalste der Welt.

Der Weltcup, die Weltmeisterschaften, Olympische Spiele. Alles ist wichtig. Aber nichts ist so heilig wie die Vierschanzentournee. Ein Relikt aus einer anderen Zeit und doch das Nonplusultra in diesem Sport.

„Soweit ich weiß, gibt es nirgendwo auf der Welt eine andere Sportveranstaltung, die am 1. Januar so viele Menschen zusammenbringen kann“, sagt Prevc. „Die Atmosphäre ist absolut einzigartig. Als Kind konnte ich als Zuschauer noch nicht begreifen, was für ein Wettkampf das war. Jetzt bin ich ein Teil davon, bin Sieger dieses Turniers. Die Fans, die Tradition. Es ist unbeschreiblich.“

Gegen die Natur können wir manchmal nicht ankommen

Sie sind wohl derjenige, dem man die Frage „Vierschanzentournee oder olympisches Gold?“ nicht stellen muss?

„Für mich ist es sehr schwer, Olympia und die Vierschanzentournee miteinander zu verglei- chen. Die Vierschanzentournee findet jedes Jahr statt und dauert zehn Tage. In diesen zehn Tagen darf man sich mit nichts Anderem beschäftigen, sich auf nichts Anderes konzentrieren. Aber seien Sie sich sicher, dass es da sehr vieles um Sie herum gibt – die Silvesterfeiern inbegriffen. Was Olympia betrifft, so wartet man vier Jahre, wenn man die Spiele einmal verpasst hat. Das ist ein großer Gegensatz. Als Kind habe ich deshalb Olympia als das wichtigere Ereignis betrachtet. Für mich ist es jetzt schwer zu entscheiden, was vorzuziehen ist.“

Vielleicht denken Sie als Sieger der Vierschanzentournee so. Aber fragen Sie mal den viermaligen Olympia-Sieger Simon Ammann: der läuft seit Jahren dem Sieg bei der Tournee hinterher, erst dieser Sieg würde seine Karriere vollenden… Vor einem Jahr hatten die besagten zehn Tage für Prevc ziemlich entmutigend begonnen. Er war als Favorit angetreten, hatte den ersten Durchgang beim Eröffnungsspringen in Oberstdorf aber auf erstaunliche Art und Weise gegen seinen größten Rivalen Severin Freund verloren.

„Es war seltsam. Das Gate wechselte, die Jury hatte es so beschlossen. Das ist eigentlich etwas, das es bei jedem Wettkampf gibt. Aber hier hatten sich die Wetterbedingungen und der Windfaktor plötzlich geändert. Der Gate-Faktor wurde für Springer bei besseren Bedingungen vorteilhafter, für die bei schlechteren Bedingungen immer noch schlechter. Eigentlich müsste es genau umgekehrt laufen. Auch andere Springer unmittelbar vor und nach mir hatten diese Probleme. Wir betreiben nun einmal einen Sport, der von der Natur, von ihren Bedingungen und vom Wind abhängig ist. Und gegen die Natur können wir manchmal nicht ankommen.“

Es ist ein Klassiker: Freund gegen Prevc

Obwohl er im ersten Durchgang in Oberstdorf mit einer Niederlage begonnen hatte, konnte er am Ende noch den Gesamtsieg erringen. Prevc gewann die verbliebenen drei Springen und kam am Ende auf die Rekordpunktzahl von 1139,4 Punkten. Bei der Vierschanzentournee in Deutschland gegen einen deutschen oder in Österreich gegen einen österreichischen Springer anzutreten, ist eine ganz besondere Herausforderung. Insbesondere dann, wenn man erst 23 Jahre alt ist und mit einer angespannten Atmosphäre konfrontiert wird.

„Auf der Vierschanzentournee kann mitunter die direkte Umgebung unglaublich vielfältig sein. Sie kann zu einem Ort werden, an dem Sie die Zeit damit verbringen, nur die Menschen um sich herum zu beobachten und dabei den Wettkampf fast gänzlich zu vergessen. Natürlich werden die deutschen und österreichischen Sportler unglaublich unterstützt“, sagt Prevc.

Prevc’ Siege haben die Seriensiege der Österreicher, die sie zu Hause sieben Jahre in Folge feiern konnten, beendet. Das Skispringen steckt derzeit in einer Umbruchphase. Von den Überfliegern aus Österreich ist kaum etwas geblieben, in Polen hatte Kamil Stoch mehrere Verletzungen, sodass er zurückfiel, die Norweger haben eine gute Mannschaft, aber keinen herausragenden Einzelspringer. Es wird wohl noch eine Zeit lang auf das Duell zwischen Freund und Prevc hinauslaufen.

Severin Freund war nicht nur bei der Vierschanzentournee 15/16 Jahr Prevc‘ großer Rivale. In den zwei vorangegangenen Spielzeiten standen die beiden Ausnahmespringer in einem erbitterten Wettkampf miteinander. Konnte Freund nicht gewinnen, ging der Sieg an Prevc. Und umgekehrt. Dieser neuartige Wettstreit hat schon jetzt, obwohl noch verhältnismäßig jung, seinen festen Platz in der Geschichte des Skispringens. Es ist ein Klassiker: Freund gegen Prevc.

Ausgabe #3 nachbestellen?

Ein Teil der Vierschanzentournee zu sein und die Atmosphäre dort erleben zu können, erfüllt mich mit Stolz. Und am Neujahrsspringen teilzunehmen, ist etwas ganz besonderes.
Peter Prevc
Ski-Springer

Und der treibt bisweilen die merkwürdigsten Blüten. Die Saison 2014/15 beendeten beide mit derselben Punktzahl. Da aber Freund mehr Einzelwettkämpfe gewonnen hatte, holte er den Gesamtweltcup.

Für einen jungen Sportler war dies natürlich nicht leicht zu ertragen. „Ich wartete auf die Kundgabe der Endergebnisse. Aufregung, Wut, Enttäuschung. Das alles habe ich durchlebt.“

Das hatte es in der langen Geschichte des Skisprung-Weltcups noch nie gegeben. Aber irgendwie musste ein Tiebreak her, eine Entscheidung gefunden werden. Die Anzahl der gewonnenen Einzelwettkämpfe war laut Reglement der kleinste gemeinsame Nenner.

„Ich respektiere, dass einer, der mehr Einzelkämpfe gewinnen konnte, auch den Weltcup gewinnt. Aber in jenem Moment fragte ich mich nach dem Warum. Auch ich hatte 30 Einzelkämpfe, ich hatte dieselbe Punktzahl. 1729. Aber, und das gestehe ich ein: Am Ende war es mein Fehler. Ich musste es akzeptieren.“

So denkt er über die damals verlorene Weltcup-Schlacht gegen Freund. In gewisser Weise war der Sieg bei der Vierschanzentournee im letzten Jahr seine Rache an Freund für dessen Weltcup-Sieg in der Saison davor.

Schlierenzauer ist viel zu jung um aufzuhören

Sportliches Talent allein macht den Slowenen nicht zum Besten seiner Sportart. Es ist seine unglaubliche mentale Stärke, sein Fokus auf die entscheidenden Nuancen. Die Skispringer sind gewohnt, sich auf den Punkt zu konzentrieren. Ansonsten kann es lebensgefährlich werden. Aber Prevc hat diese Gabe auf eine neue Stufe gehoben.

„Die Gemengelage im Skispringen ist schon seltsam. Sie können zehn Jahre an der Spitze stehen und dann plötzlich in der Versenkung verschwinden. Auch wenn alles gut verläuft, so kann man sich plötzlich wie früher fühlen oder von einem sehr guten Platz bis ins Mittelfeld abfallen. In der Geschichte des Skispringens gab es recht viele Sportler, die dem nicht standhalten konnten, sodass man meiner Meinung nach mental darauf vorbereitet sein muss. Und genau in dieser Disziplin fühle ich mich stark.“

Eine der größten Legenden des Skispringens, der Finne Matti Nykänen, hatte mit Alkoholproblemen zu kämpfen und geriet später durch Gewaltausbrüche in die Schlagzeilen. Beim Deutschen Martin Schmitt wurde ein Burnout diagnostiziert und Primož Peterka ereilte am Ende seiner Karriere ein psychischer Zusammenbruch. Zuletzt hatte Gregor Schlierenzauer, mit dem Prevc früher verglichen wurde, mit den Medien große Probleme und nahm mit 26 Jahren eine Auszeit vom Sport. Prevc hingegen steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden.

„Das ist etwas, das jedem passieren kann. Eine Verletzung, einmal falsch landen, unzählige andere Probleme… Gleichzeitig spielen die Medien eine Rolle. Selbst wenn Sie gewöhnt sind, mit dem Druck von außen umzugehen, können Sie darunter zusammenbrechen. Gregor ist erst 26. Er wird ein Comeback haben, da bin ich mir sicher. Er ist viel zu jung, um aufzuhören.“

In Prevc' Leben hat sich nicht viel verändert

Wie Prevc’ Leben, so verändert sich auch das Skispringen. Die Regeln, die Preise, die feststehenden Wettkämpfe und noch einiges mehr. Seine größte Leistung ist streng genommen die Fähigkeit, sich im richtigen Maße an diese Veränderungen anpassen zu können. Andere legendäre Skispringer wie der Pole Adam Małysz oder Martin Schmitt und einige weitere haben das nicht geschafft. Was blieb, war ein vorzeitiges Ende der Karriere.

„Meiner Meinung nach hat Adam den Sport genau deswegen aufgegeben. Bei Martin Schmitt war das vielleicht noch ein bisschen etwas Anderes. Veränderungen sind normal. Das Skispringen ist globaler geworden. Mehr Fernsehrechte, mehr Zuschauer… Wenn der Sport sich so stark entwickelt, dann ist es meiner Meinung nach normal, dass sich die Regeln, die Sicherheitsvorkehrungen, die Technik verändern. Es ist durchaus schwer, sich daran anzupassen. Aber für uns ist es notwendig. Manchmal denke ich: ‚Was werden sie wohl im nächsten Jahr wieder ändern?‘ Aber wenn das Interesse und das Niveau ansteigen, sind Veränderungen normal.“

Und Prevc’ anderes Leben?

„Meiner Meinung nach hat sich in meinem Leben nicht viel verändert. Vielleicht ist die Erwartungshaltung gestiegen. Ich konnte den Druck der Medien spüren. Aber es ist in gewisser Weise ein sich langsam herauskristallisierender Zustand, mit dem ich umgehen kann. Ich kann nicht sagen, dass mein Leben sehr viel schwieriger geworden ist als noch vor einigen Jahren. Ich habe angefangen, mehr zu genießen, das steht fest…“

In der Geschichte des Skispringens hat bisher nur Matti Nykänen alle fünf großen Wettkämpfe auch gewonnen, der Finne hat seine Karriere mit dem Golden Slam beendet.

Simon Ammann ist mittlerweile schon 35, er hofft auf seinen ersten Sieg bei der Vierschanzentournee. Gregor Schlierenzauer wird nach seiner einjährigen Pause zurückkehren und versuchen, 2018 endlich olympisches Gold im Einzelkampf zu gewinnen. Das fehlt dem Österreicher noch.

Peter Prevc ist erst 25 Jahre alt und es gibt kaum noch etwas, das er noch nicht gewonnen hat. Im Skispringen erreichen die Athleten gemeinhin zwischen 25 und 29 Jahren ihren sportlichen Höhepunkt.

Vielleicht muss man in der Geschichte dieses Sports neben Matti Nykänen und noch vor Gregor Schlierenzauer einen anderen Namen notieren: Den von Peter Prevc.

,

Kobe Bryant: Der große Abschied

Kann man 20 Jahre Glanz in 48 Minuten pressen? Zum Beispiel im letzten Karrierespiel? Wenn sie Kobe Bryant heißen, ist alles möglich. US-Autor Roland Lazenby erinnert sich für Socrates an Kobes letztes Spiel.

Quin Snyder, Trainer der Utah Jazz, war schon als Mike Browns Assistenztrainer bei den L.A. Lakers beeindruckt von Kobe Bryant. Auch wenn Browns kurze Zeit bei den Lakers ein Reinfall war, hatte Snyder dort immerhin die Gelegenheit, Kobe Bryant etwas näher kennen zu lernen. Dieser war unnahbar, in seinen gesamten 20 Jahren bei den Lakers hielt er alle Mannschaftskollegen, mit denen er spielte, auf Abstand. Der ehemalige Lakers-Trainer Mike D’Antoni sagte einmal über ihn: „Wollen Sie die Wahrheit hören? Kobe ist ein großes Arschloch.“

Möchten Sie die 3. Ausgabe nachbestellen? Hier klicken

Es war also nicht gerade wahrscheinlich, dass Kobe sich für einen Assistenztrainer wie Snyder besonders interessieren würde. Aber es lag etwas zu Snyders Gunsten vor – er hatte College-Basketball an der Duke Universität bei Mike Krzyzewski gespielt. Für Bryant war Krzyzewski der Trainer schlechthin, seit er in der High School davon träumte, an der Duke zu spielen. Dazu kam es nicht, denn Bryants Familie konnte sich das nicht leisten und brauchte dringend Geld. Also nahm er ein heimliches Angebot von Adidas an und ging nicht zum College, sondern direkt in die NBA. Diese Entscheidung bereute er lange. Aber Duke hatte er immer toll gefunden – das ließ auch seine Leistung im Team USA bei den Olympischen Spielen 2008, trainiert von Krzyzewski, erkennen.

Der Artikel erschien in der 3. Ausgabe von Socrates im Dezember 2016

Der Artikel erschien in der 3. Ausgabe von Socrates im Dezember 2016

Kobe Bryant war nicht mehr in Form

Bryant und Snyder freundeten sich schließlich an, worauf Snyder sehr stolz war. Aber nun gab es ein Problem – Snyders Team, Utah Jazz, sollte die letzte Mannschaft sein, gegen die Bryant in seiner NBA-Karriere spielen würde. Kobe Bryant war durch seine vielen Verletzungen in den letzten Jahren und das exzessive Training nicht mehr in Form. Fast seine ganze 20. Saison über spielte er so schlecht, dass Lakers-Spiele praktisch eine Zumutung für die Zuschauer wurden. Aber er trainierte für eine letzte große Überraschung bei seinem Abschiedsspiel. Das wollte er auf keinen Fall verpatzen, sondern es sollte eine letzte große Show werden, die in Erinnerung bleiben würde.

Während der Saison hatte er zwar wegen seines Alters schon ziemlich kämpfen müssen, aber wer weiß, vielleicht würde er ja sogar 30 oder 40 Punkte schaffen – in seinem 1346. Profispiel! Warum nicht? Früher war noch Michael Jordan sein Referenzpunkt, an dem er sich maß. Seine letzte Saison war zwar im Ergebnis nicht besonders erfolgreich, aber wenn er nun bei seinem letzten Spiel noch einmal an seine früheren Leistungen anknüpfen könnte, dann würde er den eigentlichen Endgegner aller Sportler besiegen: das Alter.

„Ich kann es nicht fassen“

„Ehrlich gesagt kann ich es nicht fassen“, sagte er nach dem Spiel. Auch Snyder und die Jazz konnten es nicht fassen: „Viele von uns standen unter Schock“, meinte Gordon Hayward von den Jazz später. Bryant hatte in seiner letzten Ansprache vor dem Spiel nur eine Forderung an seine jüngeren Team-Kollegen gehabt: „Ihr müsst alles geben. Das ist mir wichtig.“ So kam es aber nicht. Die Lakers lagen das ganze Spiel über zurück, bis zum letzten Viertel, in das sie mit einem 14-Punkte-Rückstand gingen. Doch dann drehte Bryant auf und lieferte ein nicht für möglich gehaltenes 60-Punkte-Spiel ab. Und das mit 37 Jahren. Das Beste: Sein letztes Abtauchen in „The Zone“ bescherte den Lakers einen 101:96-Comeback- Sieg, der die Fans im Freudentaumel toben ließ.

Die Zahlen des Spiels sprechen für sich. Im Schlussviertel drehte Bryant allein die Partie zugunsten der Lakers und erzielte 23 Punkte – die Jazz nur 21. Mit 17 Punkten in Folge führte er die Aufholjagd an. Obwohl die Saison 2015/16 eine mit vielen High-Scores gewesen war, hatte kein anderer NBA-Spieler ein 60-Punkte-Spiel geschafft. Davon gab es überhaupt nur 31 in der NBA seit 1963, wie der Journalist Howard Beck anmerkte. In den letzten elf Saisons gab es acht, und fünf davon schaffte Kobe Bryant.

„Wirf, wirf, wirf!“

Wilt Chamberlain war 1969 einst mit 32 Jahren der älteste Spieler, der je 60 Punkte in einem Spiel erreicht hatte (genauer gesagt 66), aber diesen Rang hat Bryant ihm nun mit 37 Jahren in seinem letzten Spiel abgelaufen. Bryant verwandelte 22 seiner 50 Wurfversuche (Karriere-Bestwert); von seinen 21 Dreier-Versuchen traf er allerdings nur sechs. Sogar er selbst wunderte sich über den eigenartigen Verlauf des Spiels: „Meine Mitspieler haben mich die ganze Zeit ermutigt und meinten immer: Wirf, wirf, wirf! Das war wie eine verkehrte Welt. Ich war auf einmal nicht mehr der Blöde, sondern der Held und es hieß nicht mehr Pass!, sondern Wirf! Das war echt merkwürdig.“

In derselben Nacht beschlossen die Golden State Warriors in Oakland ihre historische Saison mit 73 Siegen, den meisten in einer Saison überhaupt, besser als die 72 Siege der Chicago Bulls mit Michael Jordan 1996. Aber irgendwie schaffte es Bryant, den Warriors die Show zu stehlen.

An jenem Abend nutzte er seine letzte Gelegenheit, die Lakers-Fans daran zu erinnern, wofür sie ihn jahrelang so verehrt hatten. Aber das war nichts verglichen mit China, wo 110 Millionen das letzte Spiel des Mannes eingeschaltet hatten, den sie verehren wie Elvis. „Ich kann nicht glauben, dass 20 Jahre vergangen sind“, sagte er nach dem Spiel zu den Fans im Staples Center. Er hat seinen Traum wahrgemacht. Nachdem er angekündigt hatte, dass er nach seinem Ausstieg Autor und Produzent werden würde, hat er sich nun selbst einen Bilderbuch-Abschied geschrieben. „Was Besseres als das kann man sich nicht ausdenken“, sagte er. Dann hob er die Arme zum Publikum und sagte: „Mamba out.“ Schon kurz danach standen T-Shirts mit diesem Spruch auf seiner Webseite zum Verkauf.

„Er hat bestimmt noch mehr vor“

Snyders hatte vor dem vorletzten Spiel gegen die Lakers mit Bryant gesagt: „Wir haben uns im Sommer ab und zu geschrieben.“ Bezüglich des letzten Spiels meinte er: „Auch wenn wir verloren haben, war es toll, bei dem Spiel dabei gewesen zu sein, besonders für mich als sein Freund. Man will natürlich immer gewinnen. Aber ihn zu sehen… Ich habe das Video von den letzten vier Minuten mehrmals angeschaut, wo er elf Punkte in Folge macht. Das werde ich nie vergessen. Und wenn ich es vergessen sollte, wird er mich wahrscheinlich eh daran erinnern…“ Ein bisschen Rumblödeln gehört für beide dazu.

„Ich war sehr aufgeregt darüber, dass er sein Unternehmen gegründet und die Glocke geläutet hat“, sagte Snyder in Bezug auf Bryants Börsengang, „er hat bestimmt noch mehr vor.“

Kobe Bryant meinte vor kurzem, dass er es bis jetzt noch nicht vermisst hätte, in der NBA zu spielen. Das liegt bestimmt daran, dass er immer noch in Dauerschleife sein letztes Spiel anschaut.

Roland Lazenby