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Lucien Favre im Exklusiv-Interview: „Pässe machen nicht den Unterschied“

Lucien Favre ist neuer Trainer von Borussia Dortmund. Der Schweizer gilt als Perfektionist, als Detailversessener. Aber eigentlich will Favre nur spielen. SOCRATES traf den Neu-Borussen im vergangenen Jahr und sprach über seine Art des Fußballs.

Lucien Favre, was mögen Sie am meisten im Fußball?

Den Ball an sich. Ich bin irgendwie in den Ball verliebt. Sobald ich einen Ball sehe, muss ich mit dem spielen. Auch noch heute – bei den Trainingseinheiten spiele ich mit dem Ball, sobald ich einen sehe. Ich jongliere ein bisschen und habe dabei viel Spaß. Für mich ist der Ball wie ein Magnet. Er zieht mich immer an.

Der Artikel erschien in Ausgabe #04

Der Artikel erschien in Ausgabe #04

Was hat sich Ihrer Meinung nach spielerisch in den vergangenen 10 bis 15 Jahren grundsätzlich verändert?

Nicht so viel. Was die Spielsysteme betrifft, werden sie während des Spiels angepasst. Zum Beispiel fängt man mit einem 4-3-3-System an und nach zehn Minuten wird es zu einem 3-4-3 oder einem 3-4-1-2, was vor ein paar Jahren noch nicht der Fall war, denn da hat man meistens dasselbe System neunzig Minuten beibehalten. Mittlerweile wurden alle möglichen Systeme ausprobiert. Dementsprechend ist es unmöglich, neue Systeme zu erfinden.

Wieso werden die Systeme im Vergleich zu früher so oft verändert?

Es gibt mehrere Gründe: Immer mehr Spieler können auf verschiedenen Positionen spielen, die Außenverteidiger werden zu Flügelspielern, die Flügelspieler spielen mehr in der Mitte und die Defensiv-Mittelfeldspieler agieren zwischen den zwei Innenverteidigern. Der größte Unterschied zu früher ist die Bewegung. Um den Gegner zu überraschen und zu besiegen, muss man schnell und zielstrebig nach vorne spielen. Das Spiel wird immer intensiver. In den 60er Jahren ist ein Spieler im Durchschnitt vier Kilometer gelaufen. Heute spult er zwischen 12 und 14 Kilometer ab.

Ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem die Reaktion auf eine Aktion ein Ende hat, oder dreht es sich immer weiter so wie in den letzten 70, 80 Jahren?

Im Großen und Ganzen dreht es sich wie in den 70er Jahren, nur mit dem Unterschied, dass das heutige Spiel intensiver ist. Und wenn man den Ball um den gegnerischen Strafraum verliert, wird sofort gepresst, um so schnell wie möglich den Ball zurückzuerobern. Das wird bei vielen Mannschaften praktiziert. Das war früher nicht so.

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In welchen Teilbereichen – Ausbildung, Spielerentwicklung – liegen die meisten Potenziale?

Da gibt es einige. Um das Spiel noch schneller zu machen, muss man erst einmal eine gewisse Spielintelligenz haben. Dann kommt die Technik. Um den Ansprüchen gerecht zu werden, muss man auch eine top Kondition haben. In meinen Augen liegt das größte Potenzial in der Ausbildung im technischen Bereich. Ich finde, dass in vielen Klubs in diesem Bereich nicht unbedingt gut gearbeitet wird. Zum Beispiel den Ball in Höchstgeschwindigkeit zu kontrollieren und anschließend sofort einen langen präzisen Diagonal-Ball nach vorne zu spielen, gelingt nicht jedem Spieler. Wenn man es beherrscht, wird der Gegner überfordert. So kann man das Spiel besser und schneller machen. Oder wenn man einen tollen Pass nach vorne in Höchstgeschwindigkeit spielt, um den Gegner zu überraschen, das ist ebenfalls etwas, was mir gefällt. Ein moderner Spieler sollte beidfüßig sein. Die größte Baustelle befindet sich definitiv bei der Technik. Da besteht noch viel Verbesserungsbedarf.

Ist das Dribbling nach wie vor wichtig im heutigen Spiel?

Definitiv. Man macht ja durch ein starkes Dribbling den Unterschied. Schauen Sie sich einfach einen Arjen Robben oder einen Franck Ribéry an, die das drauf haben, egal ob in Eins-gegen-Eins- oder in Eins-gegen-Zwei-Situationen. Diese Art von Spielern ist unheimlich wichtig, weil das Spiel ansonsten langweilig ist. Nur Pässe zu spielen, ist ja nicht spektakulär. Deswegen muss in der Ausbildung der Akzent aufs Dribbling weiterhin forciert werden. Ein Spieler, der zwei Gegner durch ein Dribbling eliminiert und dann einen feinen Pass spielt, das ist der Sinn des Kollektivs. Für mich ist es notwendig, Spieler in seinen Reihen zu haben, die dribbeln können, weil sie jederzeit den Unterschied machen können. Den Unterschied nur mit Pässen zu machen, ist fast unmöglich.

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Wie sieht es mit der Gegner- und Spielanalyse aus. Glauben Sie daran, dass das Spiel immer noch mehr verwissenschaftlicht oder technologisiert wird?

Es ist nicht wirklich mein Ding. Mir ist wichtig, dass das Spiel einfach bleibt. Man sollte diese Sportart nicht kompliziert machen, weil ansonsten die Zuschauer fernbleiben. Nur die Technik sorgt dafür, dass das Spiel schneller und intensiver wird. Wenn man technisch limitiert ist, kriegt man große Probleme, auf dem höchsten Niveau zu bestehen. Dafür muss man schnell antizipieren und handlungsschnell sein. Ich sehe heute noch viele Spieler, die Schwierigkeiten haben, wenn der Ball fliegt und gestoppt werden muss. Da haben viele Spieler etliche Defizite.

Sie vertrauen der Videoanalyse.

Um nichts dem Zufall zu überlassen. Das Wichtigste an den Videos ist, unser letztes Spiel im Detail zu analysieren. Da kann man viele Sachen verbessern. Danach kommt die Analyse des künftigen Gegners: Wie spielt er, was sind seine Stärken, Schwächen und so weiter. Auch wenn wir 5:0 gewinnen, gibt es immer etwas zu analysieren, um individuell und als Mannschaft nach vorne zu kommen.

Wie effektiv ist eigentlich In-Game-Coaching?

Es ist schon wichtig, aber wichtiger bleibt, was der Trainer für eine Arbeit mit seiner Mannschaft unter der Woche leistet: Welche Übungen werden gemacht, auch abhängig vom Spielstil des nächsten Gegners. Aber auch der Spieltag ist wichtig: die Motivation, die Rede in der Halbzeit. Und während der Partie sind Details ebenfalls nicht zu unterschätzen, vor allem was die Taktik betrifft. Deswegen ist das In-Game-Coaching nicht überbewertet. Man muss sich auch für die richtigen Wechsel zum richtigen Zeitpunkt entscheiden, entweder um eine Führung auszubauen oder zu verteidigen, oder um einen Rückstand aufzuholen.

Was ist für einen Trainer im Endeffekt das Wichtigste?

Dass er jeden Parameter jederzeit im Griff hat: Die Beziehung zu seinen Spielern, zu seinen Kollegen, zu seinen Verantwortlichen, zu seinen Mitarbeitern, zu den Schiedsrichtern, zur medizinischen Abteilung und zu den Medien. Man muss immer das Gefühl haben, dass man jederzeit seinen Job im Griff hat und dass man jederzeit weiß, wie man mit seinen Spielern um- geht. Der menschliche Aspekt steht über allem.

Spielt Improvisation ebenfalls eine wichtige Rolle in Ihrer täglichen Arbeit?

Ich würde eher sagen, dass die Intuition sehr wichtig ist. Improvisieren ist schwer, eher planen halte ich für wichtiger.

Haben Sie manchmal nicht den Eindruck, dass die Gefahr besteht, dass sich Ihre Spieler bei den Trainingseinheiten langweilen?

Das gehört auch zur Aufgabe des Trainers, dass er alles daransetzt, damit die Übungen genug variieren, damit man kreativ ist. Das ist in der täglichen Arbeit natürlich sehr wichtig. Auch ein Trainer muss für sich schauen, dass er jeden Tag dazu lernt, sei es im Umgang mit seinen Spielern oder ein spielerisches Element betreffend. Als Trainer muss man sich permanent hinterfragen, um nicht zu stagnieren. Sonst kann man nicht dauerhaft Erfolg haben.

Kann sich ein Trainer nach einer bestimmten Zeit langweilen?

Damit es nie langweilig wird, muss man sich die wichtigste Frage stellen: Was kann ich jeden Tag besser machen? Diese Frage stelle ich mir tagtäglich. Deswegen habe ich seit ein paar Jahren Erfolg auf höchstem Niveau und auch jeden Tag Spaß bei meiner Arbeit. Man muss auch ständig seinen Horizont erweitern, nicht nur in Europa schauen, wo ich bereits die französische, die deutsche, die englische, die portugiesische und die Schweizer Meisterschaft intensiv verfolge, und Italien ist von Nizza auch nicht weit weg, sondern auch mal Spiele oder Trainingseinheiten auf anderen Kontinenten unter die Lupe nehmen. Es gibt immer wieder was Neues zu entdecken. Ich bin immer sehr hungrig und neugierig aufs Neue.

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Als Sie Ende der 80er Jahre bei Servette Genf auf einem Zimmer mit Karl-Heinz Rummenigge waren, hatten Sie schon damals vor, irgendwann mal Trainer zu werden?

Nein, nicht wirklich. Mit Karl-Heinz habe ich viel diskutiert über die mögliche Aufstellung unseres Trainers, wie unser nächster Gegner spielen würde und so weiter. Wir waren zwar Spieler, aber wir waren bereits an vielen taktischen Dingen interessiert.

Wie fingen Sie als Trainer an?

1991, als ich 34 Jahre alt war, habe ich bereits über meine Zukunft nach der Spieler-Karriere nachgedacht. Erst habe ich Jugendmannschaften trainiert und es hat mir sofort gefallen. Das war entscheidend für den weiteren Verlauf meiner Karriere. Danach habe ich mich um ein Drittliga-Team gekümmert und so weiter. Wenn man 32, 33 Jahre alt ist, ist es sehr wichtig, dass man an seine Zukunft denkt, sonst wird es schwer. Heute dauert eine Spieler-Karriere ungefähr zehn Jahre und alles wird schneller, insofern sollte man sich unbedingt auf seine Zukunft vorbereiten, um den Zug nicht zu verpassen. Wenn man als Spieler nur auf die Karriere fokussiert ist und sich nicht schon mal umschaut und Gedanken über die eigene Zukunft macht, dann wird es schwer. Das ist ein Tipp an alle Spieler.

Wissen Sie eigentlich, wie viele Stunden Sie täglich arbeiten?

Ich zähle nicht. Für mich ist mein Job nur Spaß. Was mir am meisten gefällt, ist die Arbeit auf dem Platz. Ich würde nur zählen, wenn ich mich langweilen würde.

Brauchen Sie die tägliche Arbeit auf dem Platz oder wären Sie auch mal für einen Job als Nationaltrainer zu begeistern?

Ehrlich gesagt habe ich mir diese Frage noch nie gestellt. Ich liebe meinen Job als Vereinstrainer. Aber man weiß nie, was die Zukunft bringt.

Werden Sie bis zum allerletzten Tag Ihres Lebens arbeiten oder werden Sie irgendwann in Rente gehen?

Irgendwann werde ich aufhören, aber nicht komplett. Ohne den Ball wäre es für mich zu schwer. Dafür ist meine Liebe zum Ball zu groß.

Wenn Sie einen 28-jährigen Trainer sehen, der die Bundesliga-Spitze mit der TSG Hoffenheim neu aufmischt, wie finden Sie das?

Ich finde es toll, und die Verantwortlichen von Hoffenheim waren mutig, aber man muss als Trainer mittel- bis langfristig gute Arbeit leisten, nicht nur sechs Monate. Was Julian Nagelsmann bei der TSG Hoffenheim leistet, ist hervorragend. Er bringt frischen Wind in die Bundesliga.

Muss man ein großer Spieler gewesen sein, um ein großer Trainer zu werden?

Es gibt alle möglichen Beispiele. Arrigo Sacchi hat beim AC Mailand einen neuen Spielstil eingeführt, nachdem er keine große Karriere als Spieler hatte. Er hat ein 4-4-2-System erfunden mit einem hohen Pressing auf den Gegner. Es gibt viele solche Beispiele von Trainern, die als Spieler nicht bekannt waren und danach eine tolle Laufbahn als Trainer hatten. Es ist klar, dass ein Spieler, der eine großartige Laufbahn hatte und dann als Trainer anfängt, eine völlig andere Einstellung hat als umgekehrt. Aber diejenigen, die keine großen Spieler waren, sind nicht nur Theoretiker, sondern sie können auch Großes leisten. Sie bringen neue Ideen ein. Dabei gibt es unheimlich viele Beispiele. Wären sie nicht kompetent, würden sie nicht lange als Trainer auf höchstem Niveau überleben. Umgekehrt ist es auch so: Ein Spieler, der alles gewonnen hat, schafft es als Trainer nicht immer. Das kann man nicht voraussehen. Dass so viele Jugendtrainer momentan in der Bundesliga positiv überraschen, ist gut für den Fußball.

Gibt es selbst für Sie noch Trainer, von denen Sie sich Dinge abschauen oder die Sie sogar mal inhaltlich um Rat fragen? Oder entscheiden Sie immer alles selbst nach Erfahrung und in Absprache mit Ihrem Trainerteam?

Eigentlich treffe ich meine Entscheidungen immer zusammen mit meinem Team. Ich habe genug Erfahrung, um mich bei meinen Entscheidungen von anderen Trainern nicht beeinflussen zu lassen.

Hat Sie ein Trainer besonders inspiriert?

Der Trainer, der mich vor allem inspiriert hat, war Johan Cruyff; schon als Spieler und nachher als Trainer vom FC Barcelona. Auch Trainer wie Arsène Wenger und Christian Gourcuff bei Stade Rennes schätze ich. Wir haben einen sehr guten Kontakt. Als ich Jugend-Teams trainiert habe, habe ich meine freie Zeit genutzt, um bei diversen Trainern zu hospitieren: In der Anfangszeit von Wenger beim FC Arsenal, ich war auch zu Gast bei Raymond Goethals in Belgien, bei Ottmar Hitzfeld beim FC Bayern und vor allem 1993 bei Cruyff in Barcelona. Dort war ich zwei Wochen. Aber ich hatte bereits vorher seine Arbeit beobachtet, wie er Barça spielen ließ, wie beweglich seine Elf agierte, sei es mit oder ohne Ball, die Antizipation und so weiter. Auch Telê Santana als Nationaltrainer von Brasilien hat mich beeindruckt. Er war fantastisch.

Auch Pep Guardiola scheinen Sie zu schätzen.

Pep ist der logische Nachfolger von Johan Cruyff. 1993 bei Barça war er dort der Mittelfeld Stratege. Er war sehr intelligent. Wenn ein Spieler eine hohe Spielintelligenz hat, dann hat er gute Chancen, ein guter Trainer zu werden. Ich kann mich an die erste Stunde des Achtelfinal-Hinspiels bei Juventus Turin (2:2) im Februar 2016 erinnern, als Juve den Ball kaum sah, weil der FC Bayern ein extrem hohes Pressing gespielt hatte. Guardiola hatte auch während des Spiels sein System verändert. Als Trainer ist er einer der Besten.

Aber übertreibt er es nicht mit seinem Passspiel?

Pep legt sehr viel Wert auf den Ballbesitz, genauso wie ich. Nur Ballbesitz des Ballbesitzes wegen interessiert mich aber nicht. Beim Ballbesitz sollte es viel Bewegung geben, um zu versuchen, ein Tor zu erzielen. Ich bin ein Fan von Ballbesitz.

Interview: Alexis Menuge

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LeBron James: Nur ein Kind aus Akron

Es gibt viele Wege, nach Hause zurückzukehren. LeBron James machte es – welch Überraschung – auf spektakuläre Art und Weise. Bruce Arthur sah sich das ganze aus dem Norden an.

Autor: Bruce Arthur

Erster Akt

Das letzte Basketball-Match in Cleveland, bevor LeBron James ihnen vom Himmel geschickt wurde, war offen gestanden eine jämmerliche Angelegenheit. Die heimischen Cavaliers hatten 16 Siege zu verzeichnen, einen weniger als die bedauernswerten Denver Nuggets. Die Toronto Raptors waren ebenfalls miserabel, und in der NBA miserabel zu sein, ist eine Art Währung. Je schlechter man ist, desto besser stehen die Chancen bei der Draft-Lottery. Und alle wussten, dass LeBron James, der in Akron geborene künftige König, der Hauptgewinn sein würde.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #04

Zufällig hatten die Cavaliers in jener Nacht Glück, und Cleveland war ein denkbar lausiger Ort. Eine Stadt mit einer desolaten Wirtschaft, mit hoffnungslosen Sportklubs, ein Ort, den man sich mühelos als Geisterstadt vorstellen könnte. Cleveland, Ohio.

Aber sie gewannen die Lottery, und LeBron wurde in seine Heimatstadt geschickt, oder nahe genug heran. Geboren wurde er im 63 Kilometer südlich gelegenen Akron. Er wuchs bei seiner Mutter auf, lebte in armseligen Wohnungen, und wunderte sich immer wieder, wohin es sie als nächstes verschlagen würde. Er und seine Mutter zogen in sechs Jahren zehn Mal um und mussten sich oft auf die Güte von anderen Menschen verlassen. Der Sport war seine Rettung. Mit gerade mal siebzehn Jahren war er einer der besten Basketballspieler in den USA. Mit achtzehn stand er bei dem Draft an Position eins. Er baute sich ein Haus in Akron, die Nachbarschaft war schick, aber nicht übertrieben. Er war zu Hause.

Aber Rettung ist keine einfache Angelegenheit.

In den Finals 2007 wurden die Cavaliers von den Spurs weggefegt, und in den Playoffs 2010 gegen das erbitterte Team der Celtics sah es beinahe so aus, als würde LeBron … aufhören. In Spiel 5 stand er herum und behauptete später, er habe sich am Ellbogen verletzt. In Spiel 6 tat er jede Menge für seine Erfolgsstatistik: 27 Punkte, 19 Rebounds, 10 Assists – doch am Ende entschied er sich für die falschen Spielzüge. Dafür ist er doch eigentlich viel zu pfiffig, dachte man beim Zuschauen. Was macht er denn? Ich fragte den Coach der Celtics, Doc Rivers, ein paar Jahre später und er erzählte, er habe einen Spieler gesehen, der erkannt habe, dass er nicht gewinnen könne und nicht wusste, was er tun sollte. Etwa zur selben Zeit fragte ich jemanden, der LeBron gut kannte, ob er Cleveland verlassen könnte. Vorsichtig antwortete er: Er ist FÄHIG dazu.

Am Tag, an dem LeBron Cleveland, eine der ärmsten Großstädte der USA, verließ, saß er in einem Boys & Girls Club in Greenwich, Connecticut, eine der reichsten Postleitzahlen des Landes. Neunzehn Fragen stellte ihm Sportkommentator Jim Gray in einem Live Interview auf ESPN, bis die große Frage kam. „In diesem Herbst … man, das ist echt hart“, antwortete LeBron, „in diesem Herbst werde ich meine Talente nach South Beach tragen und mich den Miami Heat anschließen.“

In jener Nacht verbrannten Fans LeBron-Trikots auf den Clevelander Straßen. LeBron stammte nicht aus Cleveland, nicht ganz. Aber er überließ seine Heimat ihrem Schicksal, und das vor den Augen aller. Es war niederschmetternd.

Zweiter Akt

LeBrons Zeit in Miami war ein Triumph. Die Heat gewannen zwar nicht jeden versprochenen Titel, aber gemeinsam mit Dwyane Wade und Chris Bosh erreichten sie vier NBA Finals in Folge, von denen sie zwei gewannen. Währenddessen wurde aus dem Lokalhelden LeBron der Verräter LeBron, und nach seiner ersten Finalniederlage gegen Dallas, nachdem er bereits in den letzten vier Spielen geschwächelt hatte, war es deutlich zu erkennen: Es machte ihm zu schaffen, nicht geliebt zu werden.

„All die Leute, die mich anfeuerten, ich solle versagen, nun, am Ende des Tages werden sie morgen früh aufwachen und dasselbe Leben haben, das sie hatten, bevor sie heute aufgewacht sind“, sagte LeBron, nachdem Dallas Spiel 6 gewonnen hatte. „Sie werden dieselben privaten Probleme haben wie heute. Ich werde so weiterleben, wie ich es möchte, und ich werde weiterhin die Dinge tun, die ich für mich und meine Familie tun möchte und damit glücklich sein. Sie können sich ein paar Tage oder Monate oder wie lange auch immer darüber freuen, dass nicht nur ich, sondern auch die Miami Heat ihr Ziel nicht erreicht haben. Aber irgendwann müssen sie in die reale Welt zurückkehren.“

Als jemand, der mit siebzehn das Titelbild der Sports Illustrated zierte, hatte LeBron James ein Leben unter ständiger Beobachtung und frei von Fehltritten geführt. Aber im Augenblick des öffentlichen Versagens, nach einem Jahr öffentlicher Verbitterung, prügelte er auf die kleinen Leute, die weniger Glücklichen ein. Eine Unmenge solcher Leute lebte in Cleveland.

Und dann gewann er einen Titel, und einen zweiten, in einem der größten NBA Finals, das man je gesehen hatte. Er war auf dem Gipfel angekommen. Er war der King des Basketballs, spielte mit seinen Freunden, tat eben genau
das, was er schon tun wollte, als er gerade mal dieser Viertklässler war, der mit seiner Mutter von Wohnung zu Wohnung hüpfte. Nach dem zweiten Titel sagte er: „Ich bin LeBron James aus dem Stadtzentrum von Akron, Ohio. Ich sollte nicht einmal hier sein. Das genügt. Jede Nacht gehe ich in die Umkleide und sehe ein Trikot mit der Nummer 6 und James auf dem Rücken. Ich bin gesegnet. Was sie alle über mich außerhalb des Spielfelds reden, ist egal.“

In jenem Augenblick schien LeBron James alles zu haben, was er sich je wünschen könnte.

Dritter Akt

Niemand erwartete, dass er nach Hause gehen würde, nicht einmal nach der Finalniederlage der Heat 2014 gegen die Spurs. Miami erwartete es nicht. Cleveland erwartete es nicht. Das Wetter in Florida im Winter, ein Dach über dem Kopf – manchmal fuhr er mit dem Fahrrad zu den Spielen. Er hätte dort weiter siegen können. Die gesamte Liga wartete auf ihn, genauso wie im Jahr 2010.

Seine Rückkehr nach Cleveland verkündete er durch eine gemeinsam mit Lee Jenkins verfasste Meldung in der Sports Illustrated. Hier ein Auszug aus der Erklärung:

„Ich spüre, dass meine Berufung über den Basketball hinausgeht. Ich habe Verantwortung zu tragen, in mehr als nur einer Hinsicht, und das nehme ich sehr ernst. Meine Anwesenheit kann in Miami etwas bewirken, aber ich glaube, dass es dort, wo ich herkomme, viel mehr bedeutet. Ich möchte, dass die Kinder im Nordosten Ohios, wie viele Hunderte Drittklässler aus Akron, die ich mit meiner Stiftung fördere, erkennen, dass es zum Aufwachsen keinen besseren Ort gibt. Vielleicht kommen einige von ihnen nach dem College zurück und gründen eine Familie oder eröffnen ein Geschäft. Das würde mich zum Lächeln bringen. Unsere Community, die so sehr gekämpft hat, braucht jedes Talent, das sie bekommen kann … In Nordost-Ohio kriegst du nichts geschenkt. Alles muss man sich verdienen. Du arbeitest für das, was du hast. Ich bin bereit, die Herausforderung anzunehmen. Ich komme nach Hause.“

Cleveland verlor im ersten Jahr in den Finals, mit LeBron, der versuchte, das auf seinen Schultern zu tragen, was von seinen gesunden Teamkameraden noch übrig war. 2016 widmete er dem Versuch, seine Teamkameraden anzutreiben, mitzuziehen, zu zwingen und zu unterrichten, denn sie begriffen die Gepflogenheiten des Siegens noch nicht. Er baute ein neues Haus. Nach einem Rückstand von 1:3 gegen Golden State, die den Rekord von 73 Siegen hielten, gelangen LeBron James drei der besten Back-to-back-to- back-Spiele in der Basketballgeschichte. In Spiel 7, bei dem es hin und her ging, legte er seinen höchsten Gang ein; er wuchs über sich hinaus und stellte einen Rekord auf – „The Block“.

Er war der erste Spieler in der Finals-Geschichte, der beide Teams in Punkten, Rebounds, Assists, Steals und Blocks anführte. Das war es, worauf es ankam. Als es vorüber war, weinte er und fiel auf die Knie, hämmerte mit der Faust auf den Boden und bedeckte seine Augen. LeBron weinte, tausende Meilen weg von zu Hause, in Oakland.

„Ich kam nicht ohne Grund zurück“, sagte er, als er sich wieder gefasst hatte. Man fragte ihn nach jenen in Ohio, die glücklich seien, jenen, die sich nie über seinen Weggang geärgert hätten. Er biss nicht an. „Das spielt keine Rolle. Das ist Schnee von gestern. Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand für das Gestern interessiert. Morgen werden sie erfahren, dass ich nach Hause komme. Ich komme nach Hause mit dem, was ich versprochen hatte.“

Sie führten seinen Teamkollegen, den Veteranen Richard Jefferson, ans Podium, und er sagte – die Worte schossen förmlich aus ihm heraus: „Ich habe noch nie in meinem Leben einen Mann gesehen, der einem ganzen Staat sagt: ‚Steig mir auf den Rücken, und ich halte dich. Steig mir auf den Rücken, und ich werde dich tragen, und es ist mir egal, ob wir scheitern. Ich werde am nächsten Morgen aufwachen und mit der Vorbereitung fürs nächste Jahr beginnen. Mir ist egal, was die Leute sagen, es ist mir vollkommen wurscht.‘ Nennen Sie mir eine Person in der Geschichte, die es mit einem ganzen Staat aufnehmen würde. Er hat nicht zurückkommen müssen. Er hätte in Miami bleiben oder woanders hingehen können. Er sagte: ‚Weißt du was? Ich gehe zurück nach Hause, weil ich ihnen versprochen habe, dass ich etwas tun kann.‘ Und er hat uns auf dem ganzen Weg unterstützt.“

Schluss

Mein Bild von LeBron James sah stets so aus: Sein Talent ist atemberaubender als alles, was wir bisher gesehen haben. Er ist so groß, so stark, so schnell, so wendig. Es gibt niemanden mit einem solchen Körper. Niemanden, der bei dieser Größe mit solcher Schnelligkeit über das Feld sprinten könnte, der imstande ist, den Sprung zu timen und dann zu fliegen, um diesen Wurf zu blocken.

Und es gibt niemanden, der, mit einem solchen Körper ausgestattet, so am Gegner vorbeiziehen kann wie er, der sehen kann, was er sieht. Wenn er auf dem Feld nach vorne zieht, tänzeln seine weit aufgerissenen Augen vor und zurück, denn er überblickt den gesamten Court. Dwyane Wade erzählte mir einmal, LeBron würde mitten im Lauf das Spiel ändern, um einem Mitspieler zu helfen, der den Ball berühren muss. Der Basketballspieler LeBron zu sein, ist so ähnlich wie der reichste Mann der Welt zu sein: Auf dem Platz kann er beinahe so ziemlich alles machen, was er will.

Außerhalb des Spielfelds war es genau dasselbe. Damals konnte er Cleveland verlassen, denn wer hätte ihn aufhalten können? Er hätte im tropischen Miami bleiben, die strahlenden Lichter von LA jagen, oder nach Houston, Phoenix, Chicago, oder wohin auch immer gehen können. Er hatte zwei Titel. Er hatte alles. LeBron James hätte alles tun können, was er wollte.

Er ging nach Hause.