Archiv für die Kategorie: Ausgabe #5

,

Oliver Kahn: Weiter. Immer noch weiter.

Oliver Kahn hat in seinem Leben fast nur gewonnen. Und dennoch prägte eine Niederlage das Leben des einstigen Welttorhüters. Wie der „Titan“ mit Rückschlägen umgeht und warum Siege nicht über Glück und Unglück entscheiden, erzählt er im Interview mit Socrates.

Oliver Kahn, kennen Sie einen Sportler, der noch nie verloren hat?

So ein Sportler ist mir absolut unbekannt. Ich fasse es noch weiter: Ein Mensch, der immer nur gewinnt – den gibt es nicht. Und im Hochleistungssport schon gar nicht, weil dort die Leistungsdichte viel zu groß ist.

Das Interview erschien in der 5. Ausgabe

Das Interview erschien in der 5. Ausgabe

Warum beschäftigen sich Sportler so ungern mit Niederlagen, wenn diese so alltäglich sind?

Niederlagen wirken zunächst stark negativ auf das eigene Selbstvertrauen. Wenn ich beispielsweise an die Niederlage 1999 denke, als wir mit Bayern gegen Manchester United das Champions-League-Finale in zwei von drei Minuten Nachspielzeit verloren haben, war das zunächst ein absolut niederschmetterndes Ereignis. Es hat eine Zeit gedauert, bis ich mich davon vollständig erholt hatte. Ich musste erst einmal mit vielen negativen Gefühlen umgehen, die da auf mich einstürzten. Nach so einem Erlebnis war ich nicht fähig, sofort einen Strich drunter zu machen und zu sagen: „Okay, haken wir ab, weiter geht’s.“ Da kommen auch Gefühle wie Zorn und Unsicherheit auf. Es schwirren Fragen im Kopf herum: Was habe ich zu der Niederlage beigetragen, was hätte ich besser machen können? Das musste ich alles verarbeiten – und es dann im besten Fall irgendwann in Energie verwandeln. Aber das braucht Zeit. Das sind sehr schmerzhafte und teilweise auch langwierige Prozesse. Und deshalb kann ich mir sehr gut vorstellen, dass die meisten Sportler sich ungern mit Niederlagen beschäftigen, weil sie genau wissen, wie zerstörerisch diese wirken können.

Niederlagen sind also keinesfalls förderlich?

Der Glaube, dass wir aus Niederlagen ganz besonders viel lernen, ist ein Irrtum. Es ist mittlerweile bekannt, dass wir ganz besonders aus unseren Erfolgen lernen und nicht aus unseren Rückschlägen. Erfolg nährt nun mal den Erfolg. Sinnvoll ist es auch, sich an den Erfolgen Anderer zu orientieren und daraus für sich die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ich habe das in meiner Jugendzeit öfter gemacht.

Wer diente Ihnen zur Orientierung?

Als ich noch in den Jugendmannschaften des Karlsruher SC gespielt habe, war der damalige Nationaltorwart Toni Schumacher ein sportliches Vorbild für mich. Aber auch Boris Becker und Steffi Graf. Sie haben die Mentalität verkörpert, mit ihrem Talent und ihrer Willenskraft schier Unmögliches möglich zu machen. Sie haben Matches gedreht, womit kein Mensch mehr gerechnet hatte. Aber sie haben auch Niederlagen erlitten, die schmerzlich waren – auch für einen als Zuschauer. Aber sie haben weitergemacht und hatten dann schon Wochen oder Monate später wieder die Möglichkeit, große Finals zu gewinnen. Das hat mich geprägt. Idealerweise sucht man sich solche Erfolgsbeispiele und versucht aus diesen zu lernen.

Der Lerneffekt aus Niederlagen bleibt aus?

Überspitzt formuliert lerne ich aus Fehlern höchstens, wie ich etwas nicht machen soll. Ich kenne keine fundierten Fakten, die eindeutig belegen, dass es Teams gelungen ist, aus ihren Rückschlägen so viel abzuleiten, dass sie hinterher erfolgreicher waren als vorher. Was hätte ich für mich persönlich aus der Niederlage beim WM Finale 2002 lernen sollen? Dass ich beim nächsten Mal den Ball von Rivaldo festhalte? Das ist ja eine bahnbrechende Erkenntnis. Ich will damit sagen, dass erfolgreiche Teams oder Menschen sich nur bis zu einem gewissen Maß mit dem Negativen auseinandersetzen. Aber dann geht es darum, schnellstmöglich zu versuchen, diesen Fehler, das Scheitern oder die Niederlage zu korrigieren. Hemingway hat es in seinem Heldenepos „Der alte Mann und das Meer“ sehr archaisch ausgedrückt: „Der Mensch kann zerstört werden, aber er darf nicht aufgeben“.

WM-Sonderheft: Die 20. Ausgabe ist im Handel!

Das WM-Sonderheft ist da!

Die 20. Ausgabe des Socrates Magazin ist da! Alles über die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, Interviews mit Timo Werner und Co. / WM-Spielplaner und Deutschland-Poster als Geschenk dazu.

Schlagen wir nochmal das Kapitel WM-Finale 2002 auf. Wie haben Sie Ihren Fehler verarbeitet?

Die Torwartposition ist gerade dazu prädestiniert, dass Fehler passieren. Dennoch: Als Fußballer bin ich Mannschaftssportler und stehe nicht alleine auf dem Platz. Natürlich war das eine unglückliche Situation. Natürlich hat diese dazu geführt, dass wir 0:1 in Rückstand geraten sind. Genauso hätten wir aber danach noch drei Tore schießen können. Niemand muss die Schuld für einen Fehler auf sich nehmen. Es reicht, die Verantwortung für ein Missgeschick zu übernehmen. Heute spielt dieses Finale in meinem Leben kaum noch eine Rolle.

Wie meinen Sie das?

Klar, wäre ich gerne auch noch Weltmeister geworden. Die Zeit war wunderbar mit vielen Emotionen. Der Fußball war aber lediglich ein Zeitabschnitt. Diese Zeit ist schon lange vorbei und es geht weiter. Bei meinen heutigen unternehmerischen Aktivitäten stehe ich vor ganz anderen Herausforderungen. Hier helfen mir sportliche Erfolge aus der Vergangenheit nur bedingt. Aber so eine Erkenntnis muss reifen.

Das kann auch sehr lange dauern.

Peter Schmeichel und ich haben uns darüber mal unterhalten. Er hat ja eine ähnliche Karriere wie ich gemacht. Er hat gesagt, bei ihm habe die Verarbeitung seiner Karriere fast zehn Jahre gedauert. Was mich betrifft, würde ich dem nicht ganz zustimmen. Das kann auch schneller gehen. Aber es dauert, sich nach zwanzig Jahren als Profi emotional vom Fußball zu lösen und neue Herausforderungen anzunehmen.

Können junge Talente überhaupt von Ihrer großen Erfahrung lernen? Oder müssen sie diese Erfahrungen selbst machen?

Grundsätzlich sollten wir jeden seine Erfahrungen selber machen lassen. Ich spüre bei unserer Stiftungsarbeit oder bei Goalplay, dass bei jungen Menschen ein großes Interesse an dem Thema Erfolg besteht. Es gibt ja durchaus unterschiedliche Auffassungen, was Erfolg überhaupt ist.

Wie haben Sie Erfolg wahrgenommen?

Ich durfte mit vielen großen Spielern viele Titel gewinnen. Champions-League-Sieger, Deutscher Meister, Pokalsieger und Welttorhüter. Das waren alles große Ziele von mir, für deren Erreichen ich zu allem bereit war. Aber als ich das jeweilige Ziel erreicht hatte, spürte ich häufig auch ein Gefühl von Ernüchterung in mir: So auf die Art: Und was kommt jetzt? Diese Hatz von Ziel zu Ziel, um möglichst viele Titel auf der Autogrammkarte zu haben, ist letztendlich nicht alles. Leider bemerken wir meistens erst hinterher, dass es vor allem die vielen Erlebnisse, also der Weg zum Erfolg ist, der am spannendsten ist. Wenn ich heute an die Zeit zwischen 1999, verlorenes Champions-League-Finale, und 2001, gewonnenes Champions-League-Finale, denke, muss ich sagen: Ich erinnere mich weniger an die Pokalübergabe. Aber ich erinnere mich an diesen langen Weg zum Triumph in vielen Details. Erfolg, der nur auf Zielerreichung basiert, wird schnell schal.

Wie treten Sie als Führungspersönlichkeit jungen Talenten heute gegenüber – als harter Hund oder bester Freund?

Weder noch. In der Oliver Kahn Stiftung ist es unser Ziel, jungen Menschen Perspektiven zu schaffen. Das bedeutet, dass wir sie stark machen, ihre Potentiale erkennen und diese dann individuell entwickeln. Das kann ich nur, wenn ich mich mit den Stärken und Schwächen der Menschen beschäftige und auseinandersetze. „Stark machen“, das ist nicht nur meine Vorstellung vom Umgang mit jungen Menschen, sondern auch meine Vorstellung von Führung. Ein Beispiel.

Bitte.

Ich höre oft: In einer Mannschaft sollten alle gleichbehandelt werden. Ein Team besteht aber aus Individualisten, die ihre Freiräume brauchen. Es besteht aus Teamplayern, die oft unauffällig agieren, aber enorm wichtige Dienste für eine Mannschaft leisten. Und es gibt Führungsspieler, die Spaß daran haben, die Verantwortung zu bekommen und zu übernehmen. Die Qualität des Zusammenspiels eines Teams ergibt sich vor allem aus der Unterschiedlichkeit ihrer Charaktere. Deshalb macht es auch Sinn, diese Spielertypen unterschiedlich zu behandeln, um sie wirklich weiterzubringen und stärker zu machen.

Beim Stichwort „stark machen“ denkt man an strategische Arbeit und Ausrichtung. Wie reizvoll ist der Sportvorstands-Posten beim FC Bayern oder einem anderen Verein für Sie?

Natürlich lockt dieses Geschäft immer mal wieder. Aber ich verspüre große Lust, meine eigenen unternehmerischen Aktivitäten weiterzuentwickeln. Zudem habe ich meinen ZDF Vertrag bis zur Weltmeisterschaft 2018 als Experte verlängert. Deshalb denke ich im Moment nicht darüber nach, wieder in das Fußballgeschäft einzusteigen.

Bayern-Fans dürfen sich auch keine Hoffnung auf Oliver Kahn in einer repräsentativen Funktion machen?

Durch eine Funktion beim FC Bayern, wie sie ja jetzt Giovane Elber, Mark van Bommel und Hasan Salihamidžić übernommen haben, wäre meine Rolle als ZDF-Experte nicht mehr glaubwürdig. Die Spiele des FC Bayern kritisch zu begleiten und gleichzeitig beim FC Bayern einer Tätigkeit nachzugehen, ist nicht miteinander vereinbar. Mehmet Scholl hat die Problematik als Bayern-Amateurtrainer und TV-Experte erlebt. Unter dem Strich ist das eine Frage der Glaubwürdigkeit. Deshalb musste Mehmet irgendwann eine Entscheidung treffen.

Das Socrates-WM-Gewinnspiel

Beantworte die Preisfrage und gewinne mit etwas Glück einen von fünf tollen Preisen! Hier klicken.

Gilt Ihr „weiter, immer weiter“ für Sie persönlich weiterhin?

„Weiter, immer weiter“ – natürlich gilt das noch. Aber als Spieler hatte diese Aussage eine andere Bedeutung als heute. Da wurde ich konfrontiert mit sportlichen Niederlagen, mit Momenten, in denen es nicht läuft. Da hatte das „weiter, immer weiter“ einen kämpferischen Charakter. Aber ich lebe mein Leben heute nicht mehr mit den alten Mantras, die zu meiner aktiven Fußballzeit ihre Gültigkeit hatten. Mittlerweile begreife ich „weiter, immer weiter“ als Motto für Weiterentwicklung. Für mich formuliert es eine Bereitschaft, die eigenen Komfortzonen immer mal wieder zu verlassen, um die eigenen Grenzen zu überwinden.

Muss der FC Bayern in Zukunft möglicherweise auch mal die eigene Komfortzone verlassen, um weiterhin die Liga zu dominieren?

Der FC Bayern ist seinen Stakeholdern und seinen Anhängern zum ständigen Erfolg verpflichtet. Die handelnden Personen können sich daher ohnehin nie auf dem Erreichten auszuruhen. Die Dominanz, die sich dieser Verein erarbeitet hat, ist eine Folge exzellenter Arbeit in allen Bereichen. Ein Ende der nationalen Dominanz kann ich nicht erkennen. Da müssten schon fatale Fehler gemacht werden.

Trotzdem muss nach und nach ein Umbruch in der Kaderstruktur gelingen. Geht das mit dieser immensen Erwartungshaltung problemlos?

Selbst bei größeren Veränderungen in der Kaderstruktur und einer etwas schwächeren Übergangsphase ist die Qualität der Spieler immer noch hoch genug, um national um Platz eins mitzuspielen. Wenn der Klub einmal Zweiter oder Dritter in der Bundesliga werden sollte, wäre das kein Problem, da die Einnahmen aus der Champions League – und um diese geht es letztendlich – weiterhin fließen würden. Ich sehe ein Problem eher woanders.

Wo?

Es wird auch für Bayern München eine große Herausforderung, den Robben oder den Ribéry der Zukunft zu bekommen. Wenn die Engländer oder Spanier ihre Schatullen in den kommenden Jahren richtig aufmachen, wird die spannende Frage sein: Wie weit ist der FC Bayern bereit, da mitzugehen? Im Krieg um die besten Spieler werden enorme Summen aufgewendet werden müssen. Die Marke von 150 Millionen Euro für einen Spieler wird bald fallen.

Melden Sie sich zum Socrates-Newsletter an

Kann man ansonsten auch als Fernsehexperte ein Spiel verlieren?

Nach dem Halbfinal-Aus bei der EM 2012 gegen Italien verlor die deutsche Nationalmannschaft auch ihr erstes Freundschaftsspiel im August gegen Argentinien mit 3:1. Damals hatte mir nicht gefallen, wie die Mannschaft auf diese Niederlage gegen Argentinien reagierte. Es schien den Spielern egal zu sein. Ich hätte mir mehr Unzufriedenheit bei den Spielern in den anschließenden Interviews gewünscht. Daraus wurde dann eine dieser unsäglichen „Typen-Diskussionen“ gemacht.

Da werden Sie doch immer als positives Beispiel genannt.

Es gibt heute genauso viele interessante Typen, wie sie es zu meiner Zeit gegeben hat. Wer als ehemaliger Spieler mehr Typen fordert, was auch immer damit eigentlich gemeint sein soll, setzt sich immer dem Verdacht aus, mit einem Finger auf sich selbst zu zeigen. Nach dem Motto: Wir brauchen mehr Typen, so wie ich einer war. Mein erster Trainer, Winnie Schäfer, hat von mir verlangt, frech, präsent, lautstark und positiv aggressiv zu sein. Er sagte immer: „Die Spieler müssen wissen, dass du da bist.“ Die heutige Generation von Fußballern hat in den Jugendleistungszentren eine ganz andere Erziehung genossen. Deshalb sind Vergleiche zwischen unterschiedlichen Generationen selten zielführend.

Interview: Felix Seidel

(Das Interview erschien in der 5. Ausgabe von Socrates im März 2017)

,

Michael Schumacher: Das große Rätseln

Michael Schumacher ist heute 49 Jahre alt geworden. Seit über vier Jahren ist über seinen Zustand nichts bekannt. Verständlich. Oder doch nicht? Socrates-Autorin Karin Sturm ging der Sache im Februar 2017 auf den Grund.

Über vier Jahre ist er jetzt her, jener Tag Ende Dezember 2013, jener Skitag in den französischen Alpen, der das Leben des siebenmaligen Formel-1-Weltmeisters Michael Schumacher komplett veränderte. Strahlender Sonnenschein begrüßt ihn, seinen Sohn Mick und ein paar Freunde, als sie in den französischen Alpen im Skigebiet Les Trois Vallées zur Piste aufbrechen. Schumacher hat sich dort, im Skiort Méribel, schon vor vielen Jahren ein großes Ferienhaus gekauft, verbringt dort immer wieder vor allem die Zeit zwischen den Jahren mit Familie und Freunden.

Es ist das Leben, das ihm gefällt, das er sucht, gerade jetzt, nach den vielen Jahren im Rampenlicht. Privat, umgeben von Menschen, denen er hundertprozentig vertraut. Entspannt. Locker. Die Bedingungen stimmen: Über Nacht hat es ein bisschen geschneit, jetzt scheint die Sonne, angenehme Temperaturen um die null Grad…

Der fatale Sturz passiert kurz nach 11 Uhr vormittags, in einem nicht präparierten Pistenbereich, aber nicht in wirklich schwierigem Gelände. Das gibt es in Les Trois Vallées zwar auch, bis hin zur Olympia-Abfahrt von 1992, aber dort ist Schumacher nicht unterwegs, sondern am Westhang des Saulire-Massivs, dort, wo auch tagtäglich unzählige Freizeitsportler unterwegs sind. Das Problem an diesem Sonntag, fünf Tage vor „Schumis“ 45. Geburtstag, ist wohl eher ein Zusammentreffen unglücklicher Umstände: Weniger Schnee als normal in Méribel, dadurch sind Felsen in dem unpräparierten Gelände nur knapp von einer Schneeauflage bedeckt, andere, größere, stehen sogar weit heraus.

Die Kombination aus beidem wird Schumacher wohl zum Verhängnis, sorgt für die extrem schweren Kopfverletzungen, für Monate im Koma, dafür, dass auch die Tatsache, dass er nach neun Monaten zurück in sein Haus am Genfer See in der Schweiz verlegt werden kann, nicht wirklich viel über Fortschritte bei seiner Genesung aussagt. Seit damals gibt es kaum noch offizielle Informationen darüber, wie es dem einstigen Superhelden, der über zwei Jahrzehnte die Formel-1-Fans in seinen Bann zog, wirklich geht. Seitdem rätseln vor allem die Fans: Gibt es wenigstens noch ein kleines bisschen Hoffnung, dass Schumacher noch einmal den Weg zurück in ein auch nur halbwegs normales, selbständiges Leben finden kann? Oder muss man sich damit abfinden, dass das Schicksal in seinem Fall so brutal zugeschlagen hat, dass das nicht mehr möglich ist?

Der Artikel erschien in Ausgabe #5

„Ich beiße da auf Granit, mein Rat wird nicht mehr gehört.“
Willi Weber

Jene Fans, die Michael Schumacher noch längst nicht vergessen haben, ihm weiterhin die Treue halten, wie gerade jetzt wieder, als sie ihn in die „Hall of Fame“ des deutschen Sports wählten. Und unter denen es durchaus nicht wenige gibt, die sich mit der Geheimhaltungspolitik der Familie, was den wirklichen Gesundheitszustand ihres Idols angeht, nicht anfreunden können. Die der Meinung sind, gerade aufgrund ihrer langjährigen Treue schon einen gewissen Anspruch auf eine ehrliche Auskunft zu haben. Nicht auf Bilder, Details, Indiskretionen – aber auf ein bisschen Information. Und die ihre Ansicht auch dementsprechend vor allem in den sozialen Medien, aber auch in den Kommentarspalten mancher Motorsport-Medien immer wieder kundtun.

Gerade kürzlich bekamen sie dabei sogar Unterstützung von einem, der einst zum allerengsten Schumacher-Kreis gehörte: von seinem früheren Manager Willi Weber. Der machte ja in einem Illustrierten-Interview massiv deutlich, dass er von der „Verschleierungstaktik“ der Familie überhaupt nichts hält: „Ich bemängele seit einiger Zeit, dass die Familie Schumacher nicht die volle Wahrheit sagt“, erklärte der inzwischen 74-Jährige sehr drastisch. Es sei inzwischen Zeit, „den Millionen von Fans reinen Wein einzuschenken“. Er rechne aber nicht damit, dass seine Forderung Wirkung zeigen werde: „Ich beiße da auf Granit, mein Rat wird nicht mehr gehört.“

Die Position von Sabine Kehm ist keine einfache

Wobei natürlich die Tatsache, dass Weber schon lange vor dem Unfall, noch zu Beginn Schumachers aktiver Mercedes-Zeit 2010, quasi „abgesägt“ wurde und seine Manager- Funktion an Sabine Kehm verlor, die von der Pressesprecherin zur Gesamt-Vertreterin des „Unternehmens Schumacher“ wurde, ihren Teil zu solchen öffentlichen Aussagen beitragen könnte. Die Position von Sabine Kehm ist sicherlich keine einfache.

Sie, die gelernte Journalistin, die die Medienwelt und ihre Mechanismen ja genau kennt, weiß ganz tief in ihrem Inneren sicherlich, dass das „Versteckspielen“ oft zu genau dem Gegenteil des Erwünschten führt, Spekulationen und auch illegale Versuche, sich irgendwie Informationen zu beschaffen, eher anheizt. Und dass man sich deshalb vor allem einen speziellen Teil der Medien nur mit ständigen Klageandrohungen vom Hals halten kann – was auch nicht immer so einfach ist, vor allem, wenn die Verbreiter irgendwelcher wo auch immer hergeholter Klatschmeldungen im Ausland sitzen. Aber auch wenn sie aus diesem Wissen heraus das ein oder andere vielleicht anders machen würde: Sie muss sich natürlich auch an die Vorgaben der Schumacher-Familie, sprich, vor allem an die von Schumachers Ehefrau Corinna halten. Und die lehnt wohl jede Form von Öffentlichkeit ab. Schon allein die Tatsache, dass sich Kehm im Frühjahr 2014 einmal in einer TV-Talkshow stellte, habe, wie zu hören war, für internen Ärger gesorgt.

Informationen über seine Verfassung sind tabu

Trotzdem ist manches nicht ganz einfach zu verstehen. Natürlich stimmt es, dass es Michael Schumacher immer sehr wichtig war, sein Privatleben auch privat zu halten und nicht in die Öffentlichkeit zu tragen. Aber eine einmalige kurze ehrliche Meldung zu seinem Gesundheitszustand würde vielleicht auch die immer wieder auftauchenden Spekulationen und Falschmeldungen eindämmen, gegen die man dann von Seiten der Familie gerichtlich vorgehen muss. Und dabei dann auch wieder Dinge öffentlich machen muss, die man eigentlich nicht öffentlich machen wollte. So etwa, als es darum ging, der Behauptung zu widersprechen, Schumacher könne wieder laufen…

 

Der Artikel erschien in Ausgabe #5

Der Artikel erschien in Ausgabe #5

Aus solchen Dementis und Aussagen wie kürzlich aus dem Weber-Interview, dass es eine lange Trauerzeit gebraucht habe, um das Schicksal Schumachers zu akzeptieren, können sich sowieso die meisten ihren Teil denken, gewisse Schlüsse ziehen, sich ihr eigenes, nicht gerade hoffnungsvolles Bild machen… Was dann aber zu kritischer Verwunderung führt, sind die von der einerseits so auf Wahrung der Privatsphäre bedachten Umgebung unternommenen Schritte in die Öffentlichkeit mit Aktionen, die eher nach einer weiteren Vermarktung des Namens Schumacher aussehen.

 

Da gibt es seit einigen Monaten offizielle Social-Media-Accounts auf Facebook und Instagram, die den Namen von Michael Schumacher tragen, auf denen, natürlich auch vorgegeben durch die Technik dieser Plattformen, nach außen der Eindruck entsteht, dort agiere der Champion tatsächlich selbst, nach dem Motto „Michael Schumacher hat drei Fotos hinzugefügt“. Fans sollen sich hier austauschen können, die Erinnerung an ihr Idol hochhalten können, jegliche Fragen oder Informationen über seine heutige Verfassung sind aber natürlich absolut tabu.

Dankeschön an all die Fans von Michael Schumacher

Noch etwas fanden einige im letzten Jahr merkwürdig: Beim Benefiz- Fußballspiel vor dem deutschen Grand Prix in Hockenheim, im Namen von Schumacher zusammen mit der Stiftung von Dirk Nowitzki organisiert, als „Dankeschön“ von Schumachers Familie „an all die Fans, die den schwer verunglückten Formel- 1-Rekordweltmeister uneingeschränkt unterstützen“, wie es offiziell heißt, spielt auch Mick Schumacher mit, dem aber keinerlei Fragen, die im Zusammenhang mit seinem Vater stehen, gestellt werden dürfen… Für Mick, der am 22. März 18 Jahre alt wird, könnte die gegenwärtige Situation in Zukunft zu einem großen Problem werden.

Bis jetzt weitgehend von der Öffentlichkeit abgeschirmt, nie mit Medienfragen nach seinem Vater konfrontiert, wird irgendwann der Moment kommen, in dem er sich diesen nicht mehr entziehen kann. Schließlich will der Youngster, der ja ebenfalls in allen Belangen von Sabine Kehm betreut wird, in die Formel 1. 2017 startet er in der Formel-3-Europameisterschaft, im Top-Team Prema, Spitzenplatzierungen sind quasi Pflicht. Und im Gegensatz zur Formel 4, wo er bisher unterwegs war, gibt es dort für die ersten Drei Pflichtpressekonferenzen, auf denen sie sich den internationalen Medien zu stellen haben.

Wie Bruno Senna oder Jacques Villeneuve

Dass sich da auf Dauer alle an den Kodex halten, bloß keine Fragen zu Vater Michael zu stellen, ist unwahrscheinlich. Dann wird Mick, womöglich zum ungünstigsten Zeitpunkt, mitten im Laufe eines Rennwochenendes, mit dieser emotional belastenden Situation plötzlich konfrontiert werden, die er bis dahin nicht kannte, die dadurch nie zu einer gewissen Routine werden konnte.

 

Dass aber auch diese dann nicht immer einfach ist, gerade in sehr jungen Jahren, davon können andere Top-Piloten mit tragischer Familiengeschichte wie Bruno Senna oder Jacques Villeneuve, ein Lied singen. Geschweige denn, wenn sie plötzlich auf einen herab stürzt. Und dann bleibt halt die Frage, ob das wirklich das ist, was sich Michael Schumacher für seinen Sohn gewünscht hätte…