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Nuri Sahin: Das Spiel des Lebens

Wird ein Revierderby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund irgendwann zur Routine? Nein, schreibt Nuri Sahin in seiner Socrates-Kolumne. Und er erinnert an einen Tag, an dem die Borussen ihre Ehre retteten.

Es gibt da diese Ansprache von Rio Ferdinand, die er mal an die U15 von Manchester United hielt. Die Jungs hatten gerade 0:9 gegen Manchester City verloren. „Wenn euch das nicht peinlich ist, wenn ihr nicht enttäuscht seid, wenn das euch nicht verletzt hat, solltet ihr hier nicht sein“, sagte er und verließ sichtlich enttäuscht die Kabine.

Als ich das Video gesehen habe, habe ich mich an meine Jugendzeit erinnert, wie wir damals die Derbys angegangen sind. Wie wir uns gefühlt haben. Welche Anspannung wir fühlten. Welche Bedeutung das für den Verein und jeden Einzelnen im und um den Klub hat.

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe #6

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„Es wird nie zur Routine“

Ich kann mich auch an mein erstes Derby erinnern. Das war in der U14, wir spielten auf Schalke, auf Kunstrasen und gewannen mit 4:3. Und ich schoss das 4:3. Was für ein triumphales Gefühl. Ich hatte bis zu diesem Tag keinen blassen Schimmer davon, was ein Derby für eine Bedeutungskraft hat.

Das änderte sich nach diesem Erlebnis schlagartig. Spielen heute unsere Jugendmannschaften ein Derby, weiß das jeder im Klub. Für mich persönlich ist es auch jedes Mal eine Besonderheit, weil ich dem Klub viel zu verdanken habe. Ich verdanke mein Leben, das ich heute führe, dem BVB.

Jeder Sieg, jedes Erfolgserlebnis bedeutet mir daher sehr viel. Ich weiß gar nicht, wie viele Derbys ich in meiner Karriere schon gespielt habe. Es wird niemals zur Routine werden. Dafür sorgt schon allein mein Umfeld. Ich habe viele Freunde, die Hardcore-Fans der Borussia sind.

Die sind auf mich persönlich sauer, wenn wir mal ein Derby verlieren. Ich weiß, dass es platt klingt, aber für sie bedeutet es sehr viel, dass wir gegen Schalke alles geben und Herzblut zeigen. Es ist für sie das wichtigste Ereignis des Jahres. Und ich kann versichern, dass die Bedeutung auch für uns Spieler genauso hoch ist. Daher geben wir, die erfahrenen Spieler, auch jedem neuen Spieler oder jedem Jugendlichen mit auf den Weg, was es heißt, für den BVB zu spielen oder was es heißt, ein Derby zu spielen. Diese Aufgabe machte sich früher vor allem Kevin Großkreutz zu eigen, der auf jedes Spiel gegen Schalke besonders heiß war und dieses Gefühl jedem transportieren wollte. Er sprach wirklich mit jedem Spieler. Ich weiß, dass er damals auch extrem polarisiert hat, aber das war okay. Das gehört dazu. Auch dieser Druck, den man sich selbst auferlegt. 

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„Ich bin froh, dass es Schalke gibt“

Am 12. Mai 2007 war dieser Druck besonders groß. Für uns ging es in dieser Saison um nichts mehr, aber Schalke konnte mit einem Sieg in unserem Stadion Meister werden. Einige Schalker Spieler sagten im Vorfeld des Spiels, dass sie in diesem Fall die B1 runter nach Gelsenkirchen laufen würden.

Alex Frei und Ebi Smolarek trafen, wir gewannen 2:0 und ein Stück Ehre war gerettet. Das hätte uns ein Leben lang verfolgt. Die Freude in dem Stadion bleibt mir immer in Erinnerung. Dortmund gegen Schalke – das ist eine große Rivalität. Davon lebt der Fußball und es wäre ein extremer Verlust, wenn wir diese Rivalität nicht hätten. Daher bin ich froh, dass es Schalke gibt.

Ich kenne ja auch die Derbys aus der Türkei. Ich versuche, kein einziges Derby im Fernsehen zu verpassen. Die Brisanz ist extrem, die Art und Weise, wie die Fans mitgehen, ist der reinste Wahnsinn. Der Fanatismus dort ist krasser als überall sonst auf der Welt und ich hoffe, dass ich in irgendeiner Funktion irgendwann ein Teil eines Istanbuler Derbys sein kann. Ich war bisher ein Mal live im Stadion, als Galatasaray und Beşiktaş aufeinandertrafen.

Ich bin ja sehr verwöhnt, aber bei diesem Spiel habe ich die ersten zehn Minuten nichts mehr gehört. Ich glaube, ich habe die Spieler auf dem Platz beneidet. Bei aller Liebe für die Derbys ist aber klar, dass trotz der Konkurrenzgedanken kein Platz für Gewalt ist. Letztlich geht es um Fußball und wir Spieler können in unserer Funktion als Vorbild nur jedes Mal daran erinnern, dass der sportliche Gedanke im Vordergrund sein muss. Anders macht es auch keinen Spaß.

Nuri Sahin (Socrates-Kolumne aus dem April 2017)

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Galatasaray – Fenerbahce: Ich hasse und ich liebe

Galatasaray und Fenerbahce haben keine Klassen-Unterschiede. Auch Religion oder Politik trennt sie nicht. Doch warum sind beide Lager verfeindet? Autor Bülent Timurlenk geht für Socrates der Sache auf der Grund.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe #6

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Am liebsten würde ich eine ganz einfache Erklärung abliefern, doch im Gegensatz zu vielen anderen Derbys irgendwo auf der Welt lässt sich im Fall von Fenerbahçe und Galatasaray leider nicht so problemlos dingfest machen, woher all die Rivalität, der Hass und die Leidenschaft eigentlich rühren. Wo sich bei Boca Juniors und River Plate ein Gegensatz zwischen reich und arm definieren lässt, bei Real und Atlético zwischen Monarchisten und Republikanern, bei Celtic und Rangers zwischen Katholiken und Protestanten, bei Torino und Juventus zwischen Städtern und Zugewanderten, bei Panathinaikos und Olympiakos zwischen alteingesessenen Familien und Hafenbewohnern, fehlt es bei Fenerbahçe und Galatasaray an einem historischen oder soziologischen Faktor, aus dem heraus sich der scharfe Schnitt erläutern ließe, der gleichsam einen Laib Brot in zwei Hälften teilt.

Der manchmal herangezogene Erklärungsversuch, Galatasaray sei eher der aristokratische Verein und Fenerbahçe der bürgerliche, fällt alleine deswegen schon flach, weil es in der Türkei kaum eine Bevölkerungsgruppe gibt, die sich als aristokratisch bezeichnen ließe. Ist mit Aristokratie lediglich gemeint, dass die Schüler des Galatasaray-Gymnasiums um Ali Sami Yen, die den Verein 1905 gründeten, nicht aus der anatolischen Provinz stammten, sondern aus Istanbul beziehungsweise dem Balkan, so mag Galatasaray meinetwegen aristokratisch sein, wenn auch fünf Meter im Abseits. Die Mitglieder von Galatasaray wurden wegen der Unterrichtssprache ihres Gymnasiums stets als „Franzosen“ verhöhnt, doch als man auf der anderen Seite des Bosporus als Konkurrenzverein Fenerbahçe gründete, ging die Initiative dazu wiederum von Schülern eines französischen Gymnasiums aus, nämlich Saint Joseph.

Mit nur zwei Jahren Abstand erfolgte die Gründung der beiden Vereine zu einer Zeit, als das Osmanische Reich allmählich zerfiel und in den Balkankriegen unter die Räder geriet. Als nach dem Ersten Weltkrieg Istanbul von den Alliierten besetzt war und Spieler von Galatasaray und Fenerbahçe gegen englische Mannschaften antraten, waren sie natürlich „Brüder“. Das Osmanische Reich musste ja nicht nur den Fußball erst entdecken, sondern überhaupt den Sport, und Fußballplätze wurden noch nicht Stadion genannt, sondern „Wiese“, wie etwa der Platz, an dem später das Fenerbahçe-Stadion entstehen sollte und zu dieser Zeit „Wiese des Pastors“ hieß.

Zu Galatasaray und Fenerbahçe gesellte sich später noch ein dritter großer Istanbuler Verein, nämlich Beşiktaş, und die Urbanisierung, die im Gefolge der von Atatürk gegründeten modernen türkischen Republik einsetzte, bescherte dem Istanbuler Trio zunächst Hunderttausende und später dann, als die Bevölkerung allmählich an die 80 Millionen heranreichte, gar Millionen von Fans. Vom Zweiten Weltkrieg bis Ende der Sechziger Jahre hatte dabei Fenerbahçe stets mehr Anhänger als Galatasaray.

Warum aber laufen die Türken heute vor allem diesen drei Großen hinterher und leben ihre Fußballleidenschaft nicht lieber dort aus, wo sie geboren oder zugezogen sind? Angeblich gibt es heute 25 Millionen Anhänger von Fenerbahçe, 25 Millionen von Galatasaray und 20 Millionen von Beşiktaş. Wer bleibt da noch für die Hunderte von anderen Vereinen übrig? Oder ist man auch oft für mehr als einen Verein? Eine der Antworten darauf ist in der türkischen Familienstruktur zu finden. Vereinsanhängerschaft gilt dort (wie vieles andere) als eine Art Erbe, das – auch wenn es mal zu Abweichungen kommt – von Generation zu Generation weitergegeben wird. Ein türkisches Kind wird sich für den Verein entscheiden, dem sein Vater anhängt. Eine Frau kann, wenn es denn sein muss, dem Mann zuliebe, den sie heiratet, die Mannschaft wechseln, doch an allem Anfang steht zumeist ein Vater, der mit dem Kind an der Hand ins Stadion geht oder sich im Vereinstrikot mit ihm vor das Radio oder den Fernseher setzt, es in die Vereinshistorie einführt und ihm die ersten Schlachtrufe beibringt.

Wie wohlhabend oder gebildet man ist, in welchem Viertel man wohnt oder die Weltanschauung, spielt bei der Entscheidung für Galatasaray oder Fenerbahçe keine Rolle. Aber wie es halt im Leben ist, führen oft auch Umwege ans Ziel. Kinder aus einer Fenerbahçe-Familie werden durch einen fußballbegeisterten Onkel ins Lager von Galatasaray entführt. Zwillingsmädchen aus einer Beşiktaş-Familie finden nur deshalb, weil sie neben den Trainingsanlagen von Galatasaray wohnen, an deren Gelb und Rot auf einmal mehr Gefallen als am klassischen Schwarz-Weiß. Und während Rahmi Koç, der Gründer des größten türkischen Industriekonzerns, Fan von Beşiktaş war, ist sein Sohn Ali Koç Präsident von Fenerbahçe. Dessen Liebe zu Fener begann, als er als Kind von einem Chauffeur seines Vaters zur Schule gebracht wurde, der leidenschaftlicher Fenerbahçe-Anhänger war…

Fenerbahce-Präsident Ali Koc
Fenerbahce-Präsident Ali Koç

Was ist nun eigentlich das Besondere am Derby zwischen Galatasaray und Fenerbahçe, das gewiss zu den zehn heißesten Derbys weltweit zählt, aber nicht wie die berühmten europäischen Derbys in zig Ländern übertragen wird und es auch nie zu einem eigenständigen Namen gebracht hat, weil alle dahingehenden Versuche (Bosporus-Derby, Interkontinental-Derby, DerbIstanbul) an der Sache abgeglitten sind wie an einer Teflonpfanne?

Die Antwort ist ganz einfach. Da wäre einmal Leidenschaft, dann Liebe, und schließlich Hass. So wie man sich von anderen Menschen nur dadurch unterscheidet, dass man eben nicht die gleiche Sprache spricht, nicht im Körper des anderen steckt, in einer anderen Zeitzone oder nach einem anderen Kalender lebt, so ist man eben für Fenerbahçe oder für Galatasaray. Und so wie bei allen Derbys auf der Welt am Derby-Morgen die Menschen beim Aufwachen schon eine Anspannung spüren, eine Aufregung, einen Adrenalinstoß, so ist es eben auch in Istanbul.

Der Artikel erschien in der 26. Ausgabe
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Während man im Leben sein Herz oft mehr als einmal verschenkt, kann man wenigstens in der Liebe zu Galatasaray oder Fenerbahçe so etwas Heiliges wie ewige Treue ausleben. Woanders mögen Namen und Gesichter wechseln und nur die Formel „Ich liebe dich“ stets die Gleiche bleiben, doch zu Galatasaray oder Fenerbahçe lässt sich aus tiefstem Herzen sagen: „Ich habe nie jemanden anderen geliebt als dich.“ Und wenn einem auch im Grund die Farbkombination des Vereins nicht wirklich steht, füllt man dennoch den Kleiderschrank mit T-Shirts, Trikots und Jacken in Gelb-Rot oder eben Gelb-Blau. Das Derby lässt sich auch damit vergleichen, dass man als Jugendlicher für ein Musikidol schwärmt und sein Zimmer mit Postern von Madonna oder Pink Floyd zupflastert und als Erwachsener dann einen anderen Musikgeschmack entwickelt, sich an jene Poster von damals aber noch immer gern zurückerinnert.

Wer beim Derby den heutigen Spielern zujubelt, hat auch immer noch die alten Legenden der beiden Klubs in Erinnerung, Spieler wie Metin Oktay, Lefter Kü.ükandonyadis, Rıdvan Dilmen, Tanju Çolak, Aykut Kocaman oder Bülent Korkmaz, von denen es damals zahllose Poster gab. Das allererste Derby fand am 17.Januar 1909 statt, und zwar auf dem Platz des Union Club. Mit dem damaligen 2:0-Sieg Galatasarays wurde eine Tradition begründet, die den Zusammenbruch eines Reiches überlebte, der Gründung einer Republik beiwohnte, und die fortgeführt wurde, ob nun politisch gerade die Rechten oder die Linken am Ruder waren, ob es regnete oder schneite, ob es mit der Literatur gerade abwärts oder aufwärts ging, und im Gegensatz zu jeglicher Mode veränderte diese Tradition sich nie. Und einmal selbst aus der Mode kommen wird sie nie.

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Ein Spruch, den Eduardo Galeano wohl in erster Linie über die Menschen seines Heimatkontinents Südamerika getan hat, passt auch recht gut zum Derby Fenerbahçe Galatasaray: „Ein Mann kann sich eine neue Frau suchen, eine neue Religion oder eine neue Partei, aber niemals einen neuen Lieblingsverein.“ Ein Tor, das man beim Derby hinnehmen muss, ist wie eine geliebte Frau, die einen verlässt… Ein verlorenes Derby dagegen ist absolute Verlassenheit. Steht man in der Tabelle hinter dem ewigen Rivalen, fühlt man sich betrogen. Denn dieses Derby zieht sich ja durchs ganze Leben. Der Nachbar ist für Fenerbahçe, der Kollege für Galatasaray, der Friseur für Fenerbahçe, der alte Schulfreund für Galatasaray, der Direktor für Fenerbahçe, und da wird eben andauernd gestichelt und gespöttelt und gewitzelt und verhöhnt.

So braucht man eben, um dieses Derby zu erklären, keine Begriffe wie katholisch/protestantisch, arm/reich oder städtisch/provinziell zu bemühen, denn so etwas braucht der Mensch nicht, um zu lieben und zu hassen. Wie heißt es doch schon beim römischen Dichter Catull: „Odi et amo“ (Ich liebe und ich hasse). In einer Welt, in der die Menschen noch immer nicht begreifen, wie sie jemanden, den sie einst geliebt haben,

nun derart hassen können, blickt das Derby Fenerbahçe-Galatasaray auf 108 Jahre Liebe und Hass zurück, die man überall zugleich spüren kann: zu Hause, auf der Straße, in der Schule, im Büro, im Stadion… Um das zu erfassen, braucht man kein Türkisch zu können, es genügt, so ein Derby einmal in Istanbul anzusehen. Dann werden Sie „Odi et amo“ erleben, zur Genüge.

Bülent Timurlenk

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Novak Djokovic: Eindringling wider Willen

Tennis-Ass Novak Djokovic hat eine erstaunliche Entwicklung hinter sich. Der Wandel eines unkonventionellen Underdogs zum Weltstar…

Autor: Jörg Allmeroth

In der Welt des Tennis-Wanderzirkus war er schon alles. Er war der ewig Verletzte, das Weichei, der Spaßvogel, der Klassenclown, der scheinbar Unvollendete. Und dann auch der grandiose Djoker, der Meister der Konstanz, der einsamste Nummer-1-Spieler aller Zeiten, der Seriensieger, der Triumphator, der alle vier Grand-Slam-Titel gleichzeitig in seinem Besitz hielt. Und ganz zuletzt, da war er auf einmal in der letzten seiner vielen Verwandlungen wieder der rätselhaft Schwächelnde, eine sportliche Sphinx, der Strauchelnde und Stolpernde aus höchsten Höhen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #6

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Nein, langweilig ist es einem wirklich nicht geworden mit diesem Novak Djokovic, mit einem Spieler, den einst seine Entdeckerin Jelena Genčić als „goldenes Kind“ bezeichnete. Mit einem, der den Wirren des Balkankrieges entfloh und später auszog, die Tenniswelt für sich zu erobern. Und der, als Eroberer der Macht von Roger Federer und Rafael Nadal, auch automatisch eine polarisierende Figur wurde. Wer das Wort Hassliebe im Zusammenhang mit dem Höchstbegabten aus Belgrad verwendet, meint wohl, dass es zwei schroff gegeneinander stehende Fraktionen gibt. Die eisernen Anhänger des Maestro Federer und des Matadors Nadal, die Djokovic immer als eine Art Eindringling in die duale Machtstruktur betrachteten. Und jene, die den aufstrebenden Djokovic als willkommene Bereicherung in der Führungsspitze sahen, als einen, der mit einer gewissen Langeweile dort droben auf dem Gipfel aufräumte.

Das Kuriose dabei ist: Djokovic möchte am liebsten genau so sein wie Federer und Nadal, wie diese beiden Übefiguren der Branche und herausragenden Botschafter ihres Sports. Vieles, sehr vieles, was Djokovic in den letzten Jahren tat und ließ, war einem übergeordneten Ziel geschuldet – ähnliche Liebe und Zuneigung des Publikums zu gewinnen wie die beiden alten Helden. Größer, bedeutender zu werden als das Tennis selbst. Ein sinn- und zweckloses Unterfangen? Djokovic lässt sich so gut wie nie auf dieses Thema ein, er lobt Federer und Nadal stets nur in höchsten Tönen und fordert auf, „dass nur andere über mich und meinen Status urteilen sollen“: „Ich bin nicht der Richter über Novak Djokovic“, sagt Djokovic.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #6

Djokovic war nicht überzeugt von sich selbst

Vielleicht wird erst die Geschichte zeigen, wie Djokovic zu beurteilen ist. Seine persönliche Geschichte ist ja noch nicht auserzählt, er hat potenziell noch ein paar gute, möglicher Weise sogar beeindruckende Jahre vor sich. Was er bisher geschafft hat, ist imponierend genug – trotz aller Stör- und Nebengeräusche, die ihn immer wieder umgaben. Trotz mancher Anfeindungen in der Frühzeit seiner Laufbahn, in jener Epoche, in der er sich als Faxenmacher verdingte und an den Autoritäten kratzte, auch ohne die in Tenniskreisen gewohnte Etikette. Ein aufrührerisches Bürschchen war er schon damals, der junge Djokovic. Gerade mal 20, 21 Jahre alt, aber sich nicht zu schade, um schon auf den Centre Courts der Welt Leute wie Nadal, Roddick, Federer oder Frau Scharapowa zu verulken. Man kann die Mitschnitte dieser Djokovic-Auftritte heute noch bei YouTube bestaunen, etwa bei den New Yorker US Open, aber man staunt eben auch, wie sehr sie aus der Zeit gefallen sind – wie sehr Djokovic sich plötzlich auf allen Ebenen zu einem grundseriösen Professional verwandelte. Wie sehr er sich selbst Jux und Tollerei austrieb. „Irgendwann war das Ganze nur noch zwanghaft. Ich reiste zu einem Turnier, und früher oder später kam irgendein Moderator oder Platzansager und sagte: Mach doch mal den Nadal, mach doch mal die Scharapowa. Da dachte ich mir: Zeit, damit aufzuhören.“

Djokovic hatte mit manchen Sticheleien und Provokationen durchaus für Unruhe im Esta- blishment gesorgt, bei den hohen Herren aus der Schweiz und Spanien. Doch so sehr diese Nadelstich-Politik auch Erfolg hatte, ihm selbst, dem Emporkömmling, fehlte noch der letzte Glaube an eine Machtübernahme. Überzeugt war er nicht von sich selbst, nicht jedenfalls in den paar Matches, die über den Gehalt eines ganzen Jahres entscheiden – bei den Grand Slams im Halbfinale oder Endspiel: „Wenn ich auf den Platz ging gegen Roger und Rafa, dann war diese hundertprozentige, diese allerletzte Überzeugung nicht da. Ich hatte schlicht zu viel Respekt“, sagt Djokovic, „irgendwann erkannte ich, dass es tatsächlich nur an mir selbst liegt. Ich musste, das war die Notwendigkeit, mein ganzes Leben im Tennis auf den Kopf stellen.“

Das Beste sollte noch kommen

Djokovic veränderte sich so radikal wie kein zweiter Spieler in der modernen Tennis-Historie. Zwar auch neben dem Platz, da wurde er zum geschliffen parlierenden Diplomaten, der sich in mehreren Sprachen druckreif über Gott, die Welt und das Tennis ausließ. Aber vor allem auf dem Platz. Er, der zuvor pausenlos Lahme  und Lamentierer, der Spaßvogel ohne letzte sportliche Bedeutung, wurde zum verblüffenden Iron Man? Wenn man ihn in der Blüte seiner Berufszeit sah, mit den flinksten Beinen aller Spieler im Wanderzirkus, mit einer Ausdauer- und Willenskraft, die sogar Spieler wie Nadal übertraf, dann dachte man oft, es könne sich nicht um ein und denselben Spieler handeln. „In dieser Umbruchphase habe ich eigentlich alles verändert in meinem Leben, nur meine Frau, die ist zum Glück geblieben“, sagt Djokovic, „meine Schläge, meine Strategie auf dem Platz, meine Ernährung, mein Fitnesstraining – alles wurde neu. Und besser.“

Mit dem anderen Körpergefühl baute sich bei Djokovic auch langsam, aber unaufhaltsam, jenes Selbstbewusstsein auf, das nötig war, um zwei der Allzeitbesten seines Sports, Federer und Nadal, aus ihrer Wohlfühlzone zu stoßen – und sie schlussendlich auch von ihren angestammten Positionen 1 und 2 zu verdrängen. Der Djokovic des ersten Prunkjahres 2011 etwa war plötzlich nicht mehr nur auf Augenhöhe mit dem eleganten, selbstgewissen Maestro aus der Schweiz und mit dem kraftstrotzenden Muskelprotz aus Mallorca, sondern ein gutes Stück voraus. „Er hat das Spiel damals bereits auf einen unglaublichen Level gehoben“, sagt der australische Coach und Analytiker Darren Cahill, „das war ein Tennis, wie man es vorher noch nicht gesehen hatte.“ 

Freilich sollte das Beste noch kommen, später in seiner ungewöhnlichen Karriere. In der gemeinsamen Zeit mit dem Cheftrainer Boris Becker, in der Ära „Beckovic“, in drei Jahren der beispiellosen Siegesserien. „Er ist der absolute Souverän im Circuit gewesen“, sagt der Amerikaner John McEnroe, selbst einst die Führungs gur der Szene, „und er hat auch die Anerkennung bekommen, die er verdiente. Die, die ihn früher auspfiffen, bewunderten ihn plötzlich.“ Zwar war Djokovic nicht der bedingungslos Geliebte, auf einer Stufe mit Eurer sentimentalen Majestät Federer, aber doch eine Respektsperson – einer, der neben sportlicher Grandezza auch mit den richtigen Fairnessgesten und den passenden Worten überzeugte. Als Nummer 1 des Sports machte er eine gute, über die Jahre immer bessere Figur.

Wohin führt Djokovics Weg?

Auf den Centre Courts war sowieso nicht an ihm herumzudeuteln. Und zwar vor allem, weil er seine Brillanz nicht nur in blitzlichtartigen Momenten aufschimmern ließ, sondern in einer atemraubenden Konstanz über Wochen und Monate. „Du siehst seine Bilanz und denkst: Ist der Kerl verrückt? Ist das wahr?“, sagt Boris Becker, der sich schon vor seinem Amtsantritt gewundert hatte, „was aus dem mageren Bürschchen geworden ist, das dauernd verletzt war“. Nichts weniger als ein Mann, der seine Gegner mit einer uner- schütterlichen Zuversicht und Hartnäckigkeit aus dem Weg stieß, einer, der absolut keine Zweifel mehr kannte nach seiner rasend xen Transformation zum eisernen Fighter, zum nahezu Unantastbaren. 2015, im größten Traumjahr seiner Karriere, ließ sich die komplette Saison eigentlich auf zwei Worte verdichten: Novak Djokovic. „Es ist eigentlich unnormal, was ich da spiele“, sagte Djokovic damals, „aber es ist wunderschön.“

Die letzte Volte in seinem Berufsleben kam – ausgerechnet oder doch nicht ganz überraschend – in einem Moment der Vollendung. Viele Jahre war Djokovic vergeblich dem Titel im Stadion Roland Garros zu Paris nachgelaufen, im roten Sand platzten wiederholt seine Träume, den letzten noch fehlenden Major-Pokal zu gewinnen. Das selbstbewusste, eigensinnige Publikum pfiff lange auf ihn, feierte jene, die ihn aus allen Hoffnungen stürzten. Doch seine Siegeskampagne 2016 war von Sympathie begleitet – Djokovic hatte nach dem Eindruck der Fans genug und ausreichend hart gelitten, um sich nun den Beifall verdient zu haben. Schließlich, er war gerade Champion geworden, malte der Djoker ein großes Herz in die „terre battue“. Und wusste noch nicht, dass in diesem Triumph schon ein Stück der kommenden Mühsal angelegt war, eines doch heftigen Absturzes.

Der Mann, der eben noch alles im festen Griff gehabt hatte, der im ersten Halbjahr 2016 so gut wie kein wichtiges Spiel verlor, dieser Mann war jäh nur noch ein mattes Abbild seiner selbst. „Er wirkte auf einmal ausgelaugt, ohne klare Ziele. Er stellte sich die Frage: Wo soll es von hier aus für mich hingehen. Es war eine Sinnkrise, eine Motivationskrise“, sagt Beobachter Mats Wilander. Jedenfalls verlor Djokovic danach nicht nur wichtige Titel, sondern auch Platz 1 in der Welt. Der Außergewöhnliche wurde, vorübergehend allemal, wieder zum gewöhnlichen Pro – eingefangen von irdischer Schwerkraft. „Er hat auch nicht mehr so trainiert wie vorher. Da hat er einige Schwächen offenbart, war nicht mehr so mit dem Herzen bei der Sache“, sagt Becker, der das Team Djokovic zum Ende der vorigen Saison verließ. Dem deutschen Chefcoach hatte vor allem missfallen, dass sich Djokovic eher esoterischen Ideen und einer Figur wie dem Spanier Pepe Imaz zuwandte, einem früheren Spieler, der in Tenniskreisen auch der Kuschelguru genannt wurde.

Kuschelig war es zuletzt allerdings nicht mehr so sehr für Djokovic, wenn er auf einen der großen Tennisplätze marschierte. Zu besichtigen war da einer, dessen Spiel keine innere Harmonie mehr ausstrahlte, auch keine unverbrüchliche Zuversicht. Die Frage, wohin sein Weg führt, der Weg des wieder rätselhaften Djokers, ist eine der großen Fragen für dieses Jahr. Und für die Tennis-Zukunft überhaupt.