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Jupp Derwall: Die Wiedergeburt

Eigentlich wollte Jupp Derwall mit seiner Elisabeth in den Urlaub fliegen. Doch dann kam Besuch aus Istanbul und Derwall veränderte eine Welt.

Autor: Ilhan Özgen

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #07

20. Juni 1984, Parc des Princes, Paris. Torlos ging es in die letzte Minute eines Spiels, in dem Spanien einen Elfmeter vergeben hatte und die deutsche Mannschaft entweder an Aluminium oder an Torhüter Luis Arconada scheiterte.. Sobald der Schiedsrichter Vojtech Christov abpfeifen würde, würden die Deutschen ins Halbfinale der EURO einziehen. Aber die Spanier gaben nicht auf. Der Ball kam zu Rafael Gordillo am rechten Flügel. Er kontrollierte den Ball und flankte ihn auf den langen Pfosten. Die deutsche Abwehr stand wie angewurzelt da. Von Toni Schumachers Selbstbewusstsein nach dem gehaltenen Elfmeter war jetzt nichts mehr übrig. Denn plötzlich tauchte Vorstopper Antonio Maceda vor dem Tor auf und erzielte per Kopf das : . Abpfiff. Deutschland, das vor wenigen Minuten das Halbfinalticket in der Tasche gehabt hatte, musste nach Hause. Der amtierende Europameister und WM-Finalist war draußen. Deutschlands Trainer Jupp Derwall machte sich selbst für den Misserfolg verantwortlich. Eine Woche später arrangierte er im selben Stadion eine Pressekonferenz und kündigte nach dem Finale zwischen Frankreich und Spanien seinen Rücktritt an. Mehr als das Ergebnis tat es ihm leid, dass er, wie schon 1980, der Nationalmannschaft nicht genügend junge Spieler hinzuführen konnte. Obwohl Derwall 1980 seinen ersten großen Erfolg feierte und mit dem Gewinn der Europameisterschaft ein Ausrufezeichen setzte, war er durch die Misserfolge bei der WM 1982 bei der EM 1984 höchst umstritten. Und dankte ab.

Am selben Tag hatten in der Hasnun Galip Straße zu Galatasaray bei Istanbul die Vorbereitungen auf die nächste Saison schon begonnen. Auch wenn das Team, das seit elf Jahren keine Meisterschaft gewonnen hatte, nur wenige Jahre zuvor beinahe aus der ersten Liga abgestiegen wäre, hatte sich die Lage inzwischen etwas beruhigt. Galatasaray hatte die vergangene Saison als Dritter abgeschlossen, aber noch wichtiger: in Tomislav Ivi hatte man den Wunschtrainer gefunden. Der Jugoslawe, der versuchte, den Galatasaray-Spielern die Anforderungen des modernen Fußballs wie Angriffspressing und Kollektivität einzuflößen, gewann insbesondere den Respekt des Kapitäns Fatih Terim. Ein weiterer Spieler, der Ivi bewunderte, war Mustafa Denizli, der zu jener Zeit einer der wichtigsten Figuren des Landes war. Nachdem er 17 Jahre für den Izmir-Klub Altay gespielt hatte, entschloss er sich, seine Karriere zu beenden. „Willst du mein Co-Trainer werden “, fragte Ivi . Denizli nahm das Angebot sofort an und das Duo begann auch schon direkt die Planungen für die bevorstehende Saison vorzubereiten. Was zunächst ein Gerücht war, wurde aber dann ganz schnell bittere Wahrheit: Ivi unterrichtete den Klub im Juli, also kurz vor Saisonstart, dass er sich mit Benfica geeinigt und habe und verließ kurzerhand den Verein.

Derwall wollte die Offerte des Galatasaray-Managers höflich ablehnen

Als Jupp Derwall mit seiner Frau und seinen Kindern zur selben Zeit Pläne für den lange aufgeschobenen Urlaub machte, klopften zwei türkische Reporter an seiner Tür: „Herr Derwall, ein Freund möchte Sie sehen.“

Der meist freundliche Derwall konnte diese Bitte nicht abschlagen und so klingelte am nächsten Tag sein Telefon. Es war der Manager Galatasarays, Alp Yalman. Yalmans fließendes Deutsch und seine Freundlichkeit beeindruckten Derwall. Yalman – mit seinem Kollegen Faruk Süren im Schlepptau – überredete Derwall zu einem Treffen mit den Galatasaray-Vertretern im Hotel Erbprinz in Ettlingen und Derwall wiederum überzeugte seine Frau Elisabeth davon, dass man den Urlaub noch mal um ein paar Tage verschieben müsse.

Ein paar Tage später, am 18. Juli, machte sich Derwall vom Frankfurter Flughafen aus mit Lufthansa-Flug Nummer 1581 auf den Weg nach Istanbul. Er war fasziniert von der Haltung der Galatasaray-Manager, die er im Hotel Erbprinz getroffen hatte, weshalb er ihre Einladung nach Istanbul nicht zurückweisen konnte. Auch wenn in den türkischen Zeitungen bereits „Derwall hat sich mit Galatasaray geeinigt “ stand, hatte er nicht vor, einen Vertrag zu unterschreiben. Für ihn war es ein reiner Höflichkeitsbesuch. Als er am Flughafen Atatürk ankam, sah er Galatasaray-Fans mit einem riesigen Blumenstrauß auf ihn warten. Nach ein paar Minuten auf den Schultern der Fans stieg er in den Wagen, der ihn zum Hilton-Hotel fuhr. Dort stieg er ab und traf sich später mit den Chefs von Galatasaray. Erst gingen sie zum Gebäude des Klubs in Hasnun Galip, danach fuhren sie den Bosporus entlang zum Trainingsgelände in Florya.

Das dortige Grundstück wurde Galatasaray am 1. Juli 1967 geschenkt, lag jedoch jahrelang brach. Erst Anfang der Achtziger wurden Zimmer und Spielfelder für die Pro s gebaut und das Klubgebäude eröffnet. Doch was Derwall in Florya erwartete, war eine große Enttäuschung. Das Spielfeld, das die Manager im Vorfeld so sehr gelobt hatten, war von Matsch und Erde bedeckt und zum Fußballspielen gänzlich ungeeignet. „Man sieht, warum sie seit elf Jahren nicht Meister werden können. Wenn ich doch nur nicht bis hierhergekommen wäre“, sagte er vor sich hin. Hoffnungslos kehrte er in sein Hotel zurück. Am nächsten Morgen wollte er die Galatasaray-Manager treffen und ihre Offerte höflich ablehnen.

Derwall hatte sich das verdient

Am Morgen des 19. Juli wachte er in Zimmer 436 des Hilton-Hotels auf und ging auf den Balkon. Die wunderschöne Aussicht über den Bosporus beseitigte seine miese Laune. Als er zum Gespräch ging, war er schon anders gestimmt. „Ich muss den Präsidenten Ali Uras von einer Investition für einen Rasen auf dem Trainingsgelände überzeugen“, dachte er. Noch am gleichen Tag unterschrieb er in einem Büro von Alp Yalman einen Zweijahresvertrag, ging zurück ins Hotel und rief seine Frau Elisabeth an, um ihr etwas zurückhaltend die „gute“ Nachricht zu verkünden. Die Antwort, die er bekam, war überraschend: „Ich hatte es geahnt, als du rübergeflogen bist.“

Somit begann Derwalls Karriere bei Galatasaray im Sommer 1984. Mit der Zeit verstand er, dass seine Arbeit nicht nur die Neugestaltung der Spielfelder war. Das Equipment der medizinischen Abteilung, die Fitnessgeräte und gar die Busse, die das Team fuhren, waren mangelhaft. Noch schlimmer: Der türkische Fußball insgesamt hatte an Niveau verloren. Die Nationalmannschaft hatte in der WM- Qualifikation 1982 nur ein Tor schießen können. Für viele Galatasaray-Spieler waren Glücksspiele, Zigaretten und das Nachtleben ein Muss. Ein sich verschlechterndes Verhältnis zum Vorsitzenden Uras und die feindliche Haltung der Presse, die Derwall die “gemeinste weltweit nannte, kamen erschwerend hinzu.

Nachdem Derwall mit seiner Mannschaft am dritten Spieltag : gegen Eskisehirspor verloren hatte, bekam er auf dem Rückweg den Fanatismus der Fans zu spüren. Sie stoppten den Mannschaftsbus und bewarfen ihn mit Steinen. Auch wenn Derwall nach außen seine gewohnt ruhige Haltung beibehielt, nahm seine Nervosität mit jeder Sekunde zu.

Als sich die Mannschaft aus dieser Situation befreit hatte und in Istanbul angekommen war, stand Derwall immer noch unter Schock. Doch dieser Moment, der Blick in den Abgrund, war zugleich auch der Anfang des Aufschwungs. Derwall, der an den ersten drei Spieltagen zwei Niederlagen hatte einstecken müssen, setzte sich mit den Managern zusammen, die ihm die Hilfe von Mustafa Denizli anboten, der nach der geplatzten Zusammenarbeit mit Ivi noch kein weiteres Engagement angenommen hatte. Da Derwall Denizli von der türkischen Nationalmannschaft kannte und ihn als eine gute Hilfe ansah, nahm er das Angebot an. Nach einer kurzen Zeit stieß Ahmet Akcan als Derwalls Dolmetscher hinzu und komplettierte so das Trainerteam.

15. März 1989, Müngersdorfer Stadion, Köln. Jupp Derwall war auf Einladung des Klubs zum Spiel Galatasaray – Monaco nach Köln gereist und wurde mit frenetischem Jubel empfangen, als er den Rasen betrat. In dem Spiel, das aufgrund einer Strafe gegen Galatasaray in Deutschland ausgetragen wurde, waren rund 30.000 Türken, die immer wieder „Derwall, Derwall“ im Chor riefen. Derwall, der Galatasaray 1987 nach einer 14-jährigen Durststrecke wieder zum Champion gemacht hatte, hatte sich das verdient.

Der Erfolg hatte seine Wurzeln bei Jupp Derwall

Als er Istanbul nach der Meisterschaft verließ – zwei weitere Meisterschaften erlebte er als Berater des Klubs –, war er sicher, dass er ein Team hinterlassen hatte, welches den Anforderungen des europäischen Fußballs sowohl geistig als auch physisch gewachsen war. Er sollte recht behalten.

Denizli und Akcan führten Derwalls Erbe fort und überstanden mit der Mannschaft das Viertelfinale des Landesmeisterpokals. ach dem : im Hinspiel reichte Galatasaray das 1:1 -Unentschieden von Köln, um Monaco zu eliminieren und ins Halbfinale einzuziehen. An diesem kaum für möglich gehaltenen Sieg war Derwalls Beitrag sehr groß. In seiner Autobiographie erzählt Derwall von den ganzen Bauarbeiten, die nach dem Zweiten Weltkrieg vonnöten waren, um seine Heimatstadt Würselen wieder aufzubauen. Genau so hat Derwall selbst den türkischen Fußball wieder aufgebaut.

Viele Trainer, die sahen, wie Galatasaray – und damit der moderne Fußball – Schritt für Schritt vorankam, versuchten, ihrer Mannschaft das gleiche System beizubringen. Andere wiederum nutzten Derwalls Methoden. Als der damalige Besiktas -Trainer Gordon Milne einen Kaffee im Hilton trank, traf er Derwall und berichtete ihm davon, dass er seine Trainingseinheiten auf einem Hartplatz durchführen musste. Derwalls Antwort wurde später ein Grund für den Aufstieg des Lokalrivalen Anfang der neunziger Jahre: „Du musst den Managern sagen, wenn es keinen Rasen gibt, gibt es auch keine Meisterschaft. Ich habe das so getan und es hat funktioniert “

Derwall war auch einer der Berater, als die türkische Nationalmannschaft in den Neunziger Jahren wieder aufgebaut werden sollte. Galatasaray blieb der deutschen Schule treu und hatte bis ins Jahr 1995 mit Sigfried Held, Karl-Heinz Feld- kamp, Reiner Hollmann und Reinhard Saftig vier deutsche Trainer. Fenerbahçe und Besiktas taten es dem Rivalen gleich und verpflichteten in den Neunzigern mehrere deutsche Trainer.

Als Galatasaray im Sommer den UEFA-Pokal gewann, sagten viele, dieser Erfolg habe seine Wurzeln bei Jupp Derwall. Rasit Çetiner, ein Schüler Derwalls aus der Meistermannschaft von 1987, sagt: „Die Energie, die mit Derwall auftauchte, hat sich gehäuft und gehäuft und reichte bis zum UEFA-Cup.“ Derwall habe die Vorstellungen von Fußball im ganzen Land verändert.

Mustafa Denizli, der in Derwalls Jahren bei Galatasaray sein Assistent gewesen war und in den folgenden Jahren zu einem der wichtigsten Trainer der Türkei wurde, sieht in ihm mehr als nur einen Mentor: „Derwall war nicht mein Lehrer, er war meine Schule.“

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Mario Gómez: Ein Mann mit sich im Reinen

Mario Gómez kehrt VfB Stuttgart zurück. Im Mai 2017 sprach der Stürmer mit Socrates über seine bewegten Jahre und die Erfahrungen, die ihn als Menschen verändert haben. Ein Interview über einen Mann, der die Welt noch erobern will.

Mario Gómez, hoffen Sie, dass Andries Jonker nach Dieter Hecking und Valérien Ismaël Ihr letzter Trainer beim VfL Wolfsburg ist?

Ja, das hoffe ich tatsächlich. Wenn die Situation sich weiter so gut entwickelt, wie sie angefangen hat, dann wäre es ja auch unabhängig von meiner Person für Wolfsburg schön, wenn Andries Jonker die nächste Epoche des Vereins prägen würde. Ich würde es ihm wünschen. Die Chemie stimmt zwischen Mannschaft und Trainer.

Reicht die Chemie für ein Saisonende ohne Relegationsstress?

Wir dürfen die Situation nicht schönreden. Wir kämpfen um den Klassenerhalt, brauchen in jedem Spiel unbedingt Punkte. Aber positiv festzuhalten ist: Die Ergebnisse unter Andries Jonker kommen nicht glücklich zustande. Was wir auf dem Platz abliefern, hat Hand und Fuß. Er hat es in kürzester Zeit geschafft, dass wir Spieler verstehen, was er von der Mannschaft will, dass wir auch in dieser schwierigen Situation Fußball spielen können. Auch wenn wir spielerisch noch lange nicht da sind, wo wir hinwollen und auch hinkönnen.

Das Interview erschien in der 7. Ausgabe

Das Interview erschien in der 7. Ausgabe

Eine Holland-Hilfe zur richtigen Zeit?

Man unterstellt den Holländern ja immer dieses positiv Arrogante. Ich finde nicht, dass es Arroganz ist. Eher Selbstbewusstsein. Ich hatte vom ersten Tag an das Gefühl: Andries Jonker geht es einzig und allein darum, uns unabhängig vom Tabellenplatz seine Philosophie und Taktik zu vermitteln. Das große Ganze zu sehen, das ist für mich das A und O. Es gibt immer wieder Beispiele, bei denen sich alle die Augen reiben und sich wundern, warum es so läuft, wie es läuft. Leipzig ist so ein Beispiel. Die haben 15 oder mehr Spieler im Kader, die vergangene Saison noch in der Zweiten Liga gespielt haben. Und diese Saison zählen sie in der Ersten Liga zu den Besten. Warum? Weil sie eine ganz klare Philosophie haben, diesen Plan schon seit Jahren verfolgen und jeder weiß, was zu tun ist. Das ist Fußball 2017.

Ist Wolfsburg in den kommenden Jahren in der Lage, auch wieder oben mitzumischen?

Langfristig ist das die Vision und auch das Ziel dieses Vereins. Wir müssen da auch gar nicht drum herum reden: Wenn man sich die Qualität unseres Kaders und die Investitionen des Vereins anschaut, dann kann der Anspruch hier nicht der Kampf um den Klassenerhalt sein. Aber es gibt immer mal wieder Situationen, die sich komplett anders darstellen, mit denen man sich dann auseinandersetzen muss. Nehmen wir Dortmund. Die waren vor zwei Jahren zur Winterpause Zweitletzter – mit einer Wahnsinnsqualität in der Mannschaft. Keiner hat verstanden, warum das so war. Man muss dann nach den Ursachen forschen, diese intern aufarbeiten. Genau das wurde und wird hier in Wolfsburg gemacht. Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt einen Trainer haben, der perfekt zu dieser Mannschaft passt.

Der Wolfsburg auch wieder zu Titeln führen kann?

Ob es selbst bei der besten Arbeit zu Pokalen und Titeln reicht, sei mal dahingestellt. Es gibt mit Bayern und Dortmund zwei Mannschaften in der Liga, die den anderen Teams so sehr überlegen sind, dass es verdammt schwer wird für die anderen Klubs, in den kommenden Jahren etwas zu gewinnen. Ich befürchte auch, dass sich diese Situation nur schwer ändern wird, solange die 50-plus-1-Regel gilt.

Sie sind gegen 50 plus 1?

Ich kann die Fans der Traditionsteams verstehen. In meinen Augen besteht jedoch die Chance, die Bundesliga an der Spitze wieder spannender zu machen, darin, diese Regel zu überdenken. Ansonsten wird die nächsten zehn Jahre zehnmal Bayern Meister. Wenn sie schwächeln, vielleicht mal Dortmund oder früher oder später Leipzig. Man sieht das doch beispielsweise in England, wo es viel mehr Mannschaften gibt, die um den Titel spielen, die echte Chancen auf Pokale haben. Ich glaube zwar, dass in Wolfsburg wie auch in Leipzig das Potenzial aufgrund der besonderen finanziellen Möglichkeiten vorhanden ist, aber der Vorsprung von Bayern und Dortmund auch für diese Klubs in den kommenden Jahren nicht aufzuholen sein wird. Der Vorsprung ist zu riesig. Das wird viele Jahre dauern. Aber besser ein paar Jahre als nie.

Heißt im Umkehrschluss: Der Abstiegskampf wird in Zukunft immer spannender als das Meisterschaftsrennen sein?

Ja, und das finde ich wahnsinnig schade. Gefühlt sind 14 Mannschaften jede Woche gestresst, sind jede Woche unter Druck. Diese Mannschaften spielen überhaupt nicht den Fußball, den sie eigentlich können, weil es immer nur um den Moment geht. Man kann fast sagen: Nervosität beherrscht die Bundesliga. Ich würde mir wünschen, dass wir bei aller sportlichen Brisanz wieder mehr dahinkommen, dass Vereine ihrer Grundausrichtung und Idee folgen und nicht immer nur das Aktuelle gesehen wird. Und die Trainer nur ums Überleben kämpfen und gar nicht mehr ihre Philosophie einer Mannschaft einimpfen können, weil sie nach jeder Niederlage in Frage gestellt werden.

Haben Sie Lösungsansätze?

Vielleicht müssen viele Vereine die Erwartungen ein bisschen runterschrauben. Nehmen wir Stuttgart. Die haben jahrelang gegen den Abstieg gespielt, hatten überhaupt keine schöne Zeit. Als sie vergangene Saison abgestiegen sind, haben alle geschrien: „Um Gottes willen, das ist eine Katastrophe.“ Doch für die Gesamtstimmung im Verein hatte die Situation vielleicht sogar eine positive Wirkung, indem sich der Verein auch von innen ein Stück weiter erneuern konnte und musste. Es wurde vieles hinterfragt, mit Mut aufgeräumt und neu ausgerichtet. Nun haben sie in Stuttgart aktuell wieder ein Jahr mit Erfolg. Das gibt dem ganzen Verein Ruhe, ein breiteres Kreuz und auch wieder strahlende Gesichter. Das kann für den Verein ein super Neustart sein. Noch schöner wäre es doch aber, wenn sie diesen Mut ohne Abstieg gehabt hätten. Diese Freude, wie beispielsweise aktuell in Stuttgart, vermisse ich derzeit so ein bisschen in der Bundesliga.

In Wolfsburg endet Ihr Vertrag 2019. Dann sind sie 33 Jahre alt. 33, die Zahl, die sie seit Beginn Ihrer Profikarriere auf dem Rücken tragen. Schöner kann sich der Kreis doch eigentlich nicht schließen.

Lustigerweise hatte ich von Anfang bis Ende 20 genau diesen Gedanken im Kopf: ‚Mit 33 Jahren höre ich auf.‘ Genau deswegen: Weil die 33 eben immer eine so besondere Rolle in meiner Karriere gespielt hat. Ich war früher extrem abergläubisch, bin davon aber in den vergangenen Jahren ein bisschen weggekommen. Okay, ich habe immer noch meine Macken vor jedem Spiel: Erst linker Schuh, dann rechter Schuh und diese Dinge. Aber so einen großen Schritt wie ein Karriereende mache ich sicherlich nicht vom Aberglauben abhängig. Ich entscheide das nach Empfinden. So lange ich das Gefühl habe, dass ich mich noch durchsetzen kann und Spaß daran habe, so lange werde ich auch spielen.

Könnten Sie sich nach Wolfsburg noch einen weiteren Verein in der Bundesliga vorstellen?

Schwer. Aber ich gebe ungern endgültige Statements ab, weil man einfach nie weiß was kommt. Ich habe in der Vergangenheit auch schlechte Erfahrungen gemacht mit Plänen, die ich mir zurechtgelegt hatte. Ich versuche jetzt einfach nur noch, den Moment zu leben und zu nutzen. Das entspannt mich wahnsinnig. Was sportlich als nächstes kommt, interessiert mich gerade nicht.

Eine finale Station im Ausland reizt auch nicht?

Ich bin happy mit der Situation, wie sie ist, zurück in Deutschland zu sein, zurück in der Bundesliga. Die Stadien sind voll, es herrscht dort eine gute Atmosphäre. Außerdem bin ich viel näher an meiner Familie, die es umgekehrt auch viel einfacher hat, mich und meine Frau zu besuchen. Wir haben in der Familie mittlerweile viele Kleinkinder, die wir auch erleben möchten. Und nicht erst das nächste Mal sehen, wenn die dann auf einmal schon fünf sind.

Eine Rückkehr zu Beşiktaş nach Istanbul wird trotz der Gerüchte in den türkischen Medien also kein Thema sein?

Wenn ich die Berichterstattung in der Türkei richtig überliefert bekommen habe, war ich ja schon drei Mal wieder da und habe auch schon drei Mal unterschrieben. Aber im Ernst: Die Türkei-Zeit war für mich total hilfreich. Es war einfach alles mega. Die Leute waren unheimlich nett, ich hatte ein Wahnsinnsjahr dort. Allerdings sind die Medien dort schon extrem. Ich konnte zum Glück nicht verstehen, was in der Zeitung steht. Aber natürlich habe ich mitbekommen, dass da viele Geschichten auf den Tisch kamen, die so nie passiert sind und auch viele Aussagen von mir völlig falsch wiedergegeben wurden.

Ihre Reaktion darauf?

Gar keine. Ich habe das nie revidiert, habe mich nie auf diesen Schlagabtausch eingelassen. Ich habe die Dinge einfach laufen lassen und mich nur auf das Sportliche konzentriert. Daher war ich auch zu allen Journalisten immer nett (lacht). Im Nachhinein war das schon irgendwie lustig. Diejenigen, die eine schlechte Story über mich veröffentlicht hatten, waren über mein freundliches Verhalten beim nächsten Wiedersehen ganz schön irritiert. Aber ich wusste ja gar nicht: Ist das jetzt der Böse oder der Gute? Und das habe ich übernommen. Irgendwie fahre ich gut damit, weil es für mich keine Rolle mehr spielt, wie ich von anderen oder von Journalisten gesehen werde. Ich versuche einfach, ich selbst zu sein. Und dabei allen Leuten freundlich gegenüberzutreten. Deshalb war die Türkei sehr entscheidend für mich. Aber jetzt bin ich mit beiden Beinen in Wolfsburg. Und um es nochmal klarzustellen: Was in der Türkei geschrieben wird – nach dem Motto, ich würde mich in Deutschland nicht wohlfühlen und zurück wollen –, das sind alles Märchen.

Sind denn Gedanken über die Zeit nach Ihrem Karriereende bereits wahrhaftig?

Natürlich trage ich diese Gedanken in mir. Und ich muss sagen, es sind sogar schöne Gedanken. Ich habe überhaupt keine Torschlusspanik. Ich denke überhaupt nicht: Oh je, vielleicht sind es nur noch zwei Jahre. Es sind eher Gedanken wie: Was habe ich in meinem Leben alles verpasst wegen des Fußballs? Was für Dinge habe ich versäumt, was will ich noch sehen? Das sind Reisen, Sportarten, Adventures, die ich erleben möchte.

Abenteuer wie Bungee-Jumping?

Um Gottes willen. Ich denke eher an so Dinge wie Skifahren im Winter. Ich liebe München und bin da mittlerweile auch heimisch. Dort haben wir so grandiose Möglichkeiten mit den Bergen und den Seen. Im Sommer möchte ich nach der Karriere zum Beispiel einfach mal Wasserski fahren. Es sind diese kleinen Dinge, die für andere ganz normal sind. Für mich waren sie bisher nicht möglich. Weil ich immer daran gedacht habe: Mario, du hast lange Haxen. Das heißt: Man verdreht sich schnell das Bein, und dann sitzt man da im Profifußball und schaut eine Weile zu. Deshalb habe ich das nie getan.

Aber reisen können Sie doch.

Es geht für mich vielmehr darum, Länder zu bereisen, wann immer man darauf Lust hat. Als Profifußballer kann ich nur wenige Wochen im Sommer oder Winter tun und lassen, was ich will. Und selbst da achtet man darauf, dass man nicht in zu vielen Zeitzonen unterwegs ist, dass man nicht komplett raus aus seinem Rhythmus kommt. Ich freue mich wahnsinnig auf das Spontane. Zu sagen: Morgen möchte ich das machen. Und es dann auch zu tun. Dafür werde ich mir viel Zeit nehmen. Diese Spontanität habe ich seit 20 Jahren nicht mehr. Ich werde mich auch auf keinen Fall sofort in eine nächste Aufgabe stürzen. Ich werde erstmal durchatmen, runterkommen und Dinge verwirklichen, die ich schon lange im Kopf habe, aber nie gemacht habe.

Das klingt wie eine persönliche Befreiung.

Nein, gar nicht. Ich liebe den Fußball und mein aktuelles Leben. Und ich hoffe auch auf noch viele gute Jahre. Aber wenn Sie mich auf die Zeit danach ansprechen, sind das meine Gedanken. Ich möchte einfach einiges noch ausprobieren. Vielleicht macht mir auch vieles davon gar keinen Spaß. Das werde ich dann sehen. Ich möchte auch viel mehr Zeit mit meinen Liebsten verbringen. Freunde im Ausland besuchen, die ich über all die Jahre kennengelernt habe. Es sind rundum positive Gefühle, wenn ich an die Zeit danach denke. Ich bin mit mir total im Reinen. Selbst wenn es morgen vorbei wäre, könnte ich sagen: Ich hatte eine wunderschöne Karriere.

Sind auch die Gedanken da: Endlich mal sesshaft werden, endlich keine Umzüge mehr?

Ja, wobei ich jetzt schon zwei, drei Heimaten für die Zeit nach dem Fußball habe. Ich bin durch meinen Vater sehr mit Spanien verbunden, werde sicherlich auch immer einige Zeit in Spanien sein. Dann eben München als Familienstandpunkt. Dazu kommt meine ursprüngliche Heimat im Schwabenland, wo ich immer noch sehr gerne bin. So fix an einem Punkt werde ich also sicher nicht leben. Der Fußball hat mich zu einem offeneren Menschen gemacht.

Inwiefern?

Weil ich während meiner Karriere so viele verschiedene Kulturen kennenlernen durfte. Dementsprechend werde ich wahrscheinlich immer ein Globetrotter sein. Aber ich bin mir sicher, dass ich irgendwann auch mal froh sein werde, zu sagen: So, jetzt bin ich mal drei Monate in Folge in München, gehe in den Englischen Garten, danach in der Stadt einen Kaffee trinken und dann vielleicht noch abends ins Kino. Und sonst bin ich eben einfach nur daheim und genieße es, Zeit zu Hause und Zeit für meine Freunde zu haben. Zeit, die man selten hatte.

Ist ein Leben komplett ohne Fußball für Sie vorstellbar?

Ja. Vorstellbar auf jeden Fall. Ich möchte mich da aber heute noch gar nicht festlegen. Wer weiß schon, was in ein paar Jahren ist. Außerdem werde ich mir auch nach meinem Karriereende noch einige Spiele, beispielsweise von Bayern oder Barcelona, anschauen. Ich werde auch oft in Barcelona im Stadion sein. Das habe ich schon als kleines Kind getan, und das werde ich auch nach meiner Zeit als Profifußballer wieder tun, weil ich dafür einfach zu sehr diesen Klub und diese Stadt liebe. So werde ich dem Fußball auf jeden Fall schon mal verbunden bleiben. Aber eben als Fan statt in irgendeiner Funktion für einen Verein oder einen Verband.

Den Konkurrenten Gómez muss Miro Klose als Trainer nicht fürchten?

Trainer oder Manager kommt für mich, Stand heute, definitiv nicht in Frage. Weil ich diese Spontanität, von der ich eben sprach, in meinem Leben haben möchte. Ich kann es mir nach meinem Karriereende nicht vorstellen, dass ich freitagabends in irgendeinem Hotel sitze und mir über den anstehenden Spieltag Gedanken machen muss. Das ist nicht das, was ich mir für meine Karriere danach vorstelle.

Haben Sie zu Klose deshalb mal gesagt: ‚Miro, bist du bescheuert, dir das anzutun? Da spielst du bis 38 – und dann kannst du immer noch nicht aufhören mit dem Fußball.‘

Nein, nein. Noch ist sein Trainer-Dasein ja relativ entspannt. Die Sachen, die er jetzt gerade macht, machen Spaß. So könnte ich mir es auch noch vorstellen, Trainer zu sein: Da mal ein Lehrgang und da nochmal ein Lehrgang. Begleitet von einem schönen Länderspiel (lacht). Der Traineralltag wird dann allerdings schon ein anderer sein.

Können Sie sich Klose als Bundesliga- oder Bundestrainer vorstellen?

Natürlich, absolut. Er war ja auch als Spieler immer schon wahnsinnig intelligent. Er hat es auch immer geschafft, auf den Punkt da zu sein. Das ist eine große Qualität. Es muss ja irgendwas in ihm stecken, das diese mentale Stärke bekräftigt. Ihm ist das Talent nicht nur in die Füße, sondern auch in den Charakter gelegt worden. Und auch dieses Talent kann er an junge Spieler weitergeben. Ich glaube, Miro kann ein sehr, sehr guter Trainer werden.

Deutschland wird Weltmeister 2018 mit Klose als Co-Trainer und Gómez als Stürmer.

Eine schöne Geschichte.

Traum oder realistisches Ziel?

Mit Deutschland ist es immer realistisch, Weltmeister zu werden. Vor allem mit der Mannschaft, die wir aktuell zur Verfügung haben. Aber ob es dann auch so kommt, hängt von so vielen Faktoren ab – unter anderem der Tagesform, die auf allerhöchstem Niveau einfach oftmals entscheidend ist. Für mich ist aber schon jetzt klar: Wir reisen als einer der üblichen Favoriten 2018 nach Russland.

Eine Reise, die dann womöglich Ihre letzte Reise als aktiver Fußballer ist.

Voraussichtlich wird es mein letztes Turnier werden. Irgendwie ist das auch so ein rundes Ding: Als ich 2014 verletzt zu Hause saß und nicht in Brasilien dabei sein konnte, habe ich mir immer gesagt: Eine EM und eine WM kommen noch für mich. Die lasse ich mir nicht mehr nehmen. Das war und ist auch weiterhin mein täglicher Antrieb. Bei der EM war ich schon mal dabei. Nun trage ich im Hinblick auf die WM eine große Zuversicht und auch Hoffnung in mir.

Wissen Sie noch, was Hoffnung auf Türkisch heißt?

Das wusste ich noch nie.

Umut.

Umut? Ich glaube, das Wort haben sie mir in der Türkei doch mal gesagt. Wollen Sie mit mir jetzt über meine Hoffnung für die Türkei sprechen?

Gerne.

Ich möchte mich an den großen politischen Diskussionen nicht beteiligen. Ich wünsche mir einfach für die Menschen in der Türkei, dass nach all den Unruhen jetzt wieder Normalität einkehrt. Ich wünsche mir Frieden. Nicht nur in der Türkei, weltweit!

Bereitet Ihnen die weltpolitische Lage generell Sorgen?

Es gibt ja immer so Zyklen. Es wurden irgendwann die Gemeinschaften gegründet: EU, NATO und so weiter. Sogar ganze Nationen haben sich zusammengeschlossen, weil man gemerkt hat: Zusammen ist man stark. Dann hat es lange ganz gut funktioniert. Jetzt hat man das Gefühl: Alle müssen sich mal austesten, reiben und streiten. Um dann zu merken, dass es doch nur zusammen geht. Ich hoffe, dass wir uns jetzt in dieser Phase befinden, die dann zu einem guten und friedlichen Abschluss kommt. Das ist mein großer Wunsch für die Zukunft.

Sie tragen also auch hier viel Hoffnung in sich?

Ich bin von Hause aus ein positiver Mensch. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Respekt natürlich, weil man die genaue Entwicklung momentan nicht abschätzen kann. Aber ich glaube, dass wir alle unter dem Strich erkennen, dass es eben nur zusammen geht und wir alle eins sind.

Lassen Sie uns den Fokus nochmal auf den Fußball richten. Warum ist Paris für Julian Draxler so viel besser als Wolfsburg?

Weil er dort befreit aufspielen kann. Ich glaube, dass er irgendwann in seinem Kopf hatte, dass er hier aus Wolfsburg weg muss. Ab dem Moment ist es dann schwierig, gut Fußball zu spielen. Das hat nichts mit  Wolfsburg zu tun. Wenn sich ein Spieler im Verein nicht wohlfühlt – egal, wo auf der Welt –, wenn er mit dem Kopf nicht mehr da ist, dann kann er nicht die Leistung bringen, zu der er eigentlich im Stande ist. Dass  Julian ein begnadeter Fußballer ist, wissen wir alle. Dass er große Dinge leisten kann, wissen wir auch. Für mich hat das auch gar nichts mit Paris zu tun. Es hat einfach damit zu tun, dass er jetzt da ist, wo er hin wollte und deswegen da auch gut Fußball spielen kann.

Ein anderer Nationalspieler, der auch einen Wechsel in der Hoffnung auf persönliche Verbesserung vollzogen hat, ist Mario Götze.

Ich wünsche ihm einfach nur, dass er schnell wieder zu 100 Prozent gesund und fit wird. Weil er einer der besten Spieler ist, die wir in Deutschland jemals hatten. Und von diesem Satz bin ich wirklich ganz, ganz tief überzeugt. Ich muss ganz oft an seine Trainingseinheiten im Vorfeld seines ersten Länderspiels 2010 in Schweden denken. Ich habe damals nur gedacht: ‚Leck mich am Arsch, was ist das denn?‘ Wo kommt der denn her? Der hatte mit 18 Jahren eine Selbstverständlichkeit in seinem Spiel, bei der ich mir dachte: ‚Hut ab. Da haben wir einen!‘

Im Basketball haben wir mit Dirk Nowitzki ebenfalls einen. Wie eng sind Sie wirklich mit ihm befreundet?

Freundschaft würde ich es nicht nennen, denn ich habe ihn erst einmal getroffen. Wir haben denselben Sponsor. Aus diesem Grund hatten wir 2015 auch das Champions-League-Finale zusammen gesehen, hatten ein tolles Wochenende in Berlin. Dirk ist ein lustiger, aufgeschlossener Typ. Er ist wahnsinnig interessiert an allem im Fußball, hat Miro Klose und mich während des Finales mit Fragen gelöchert. Manchmal saß ich da, habe ihn einfach nur angeschaut und musste schmunzeln. Dirk ist ein Unikat. Eine Erscheinung. Alle sagen über ihn, er sei so bodenständig. Und wenn man ihn dann erlebt, sagt man sich: Der ist wirklich so bodenständig. So normal, als ob er noch kein einziges NBA-Spiel gemacht hätte. Beeindruckend und ein Vorbild für jeden Sportler.

Und wer beendet als erster seine Karriere: Dirk Nowitzki oder Mario Gómez?

Ich weiß nicht, was der Lange vorhat. Lassen wir uns überraschen. Anscheinend wird er nie älter. Aber gefühlt mache ich noch länger.

Felix Seidel / Fatih Demireli