Archiv für die Kategorie: Ausgabe #8

,

Corinne Diacre: Gestatten, Corinne!

Corinne Diacre trainierte ein Männer-Fußballteam. Sie war die einzige Frau in Europa. Bei SOCRATES erzählt sie, wie schwer das ist.

Autorin: Corinne Diacre

Damals, im Sommer 2014, war ich arbeitslos und nachdem Helena Costa – meine Vorgängerin bei Clermont – bereits nach ein paar Wochen das Handtuch geworfen hatte, kam Präsident Claude Michy auf mich zu. Er hat mir sofort den Trainerposten angeboten. Ich habe ein bisschen Zeit benötigt. Ich wollte mir sicher sein, dass das das Richtige für mich ist, denn es war ein gewagter Schritt, und ich wollte mir sicher sein und bloß nichts bereuen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #8

Ich habe mich unter anderem gefragt, ob es kein zu großes Risiko wäre, ob ich nicht lieber in meiner Komfortzone bleiben und wieder Frauen trainieren sollte. Aber zu diesem Zeitpunkt suchte ich ja einen Job und wollte unbedingt wieder aktiv werden. Auch gegenüber dem französischen Arbeitsamt wäre es nicht so gut gewesen, einen Job abzulehnen.

Als ich meinen Trainerschein machte, hätte ich nie gedacht, irgendwann mal bei einer Männer-Mannschaft als Cheftrainerin zu arbeiten. Ich hatte schon Angebote aus der Ligue 2, als Co-Trainerin mitzuhelfen und ich hatte bei verschiedenen Klubs aus dieser Liga hospitiert, aber es wäre mir nie in den Sinn gekommen, jemals einen solchen Posten zu übernehmen. Es hat sich einfach so ergeben und diese Chance wollte ich nutzen. Wer weiß, ob sie ein zweites Mal in meiner Laufbahn gekommen wäre, wenn ich in Clermont abgelehnt hätte.

Im Endeffekt habe ich dieses Angebot als fantastische Angelegenheit und als aufregende Herausforderung betrachtet. Der Präsident hatte mich an einem Montag angerufen und 24 Stunden später habe ich ihn zurückgerufen. Zwei Tage später habe ich mich mit dem Trainerteam von Clermont getroffen, um einen Eindruck zu bekommen. Anschließend habe ich Claude Michy am Samstag bindend zugesagt. Dann wusste ich aber: Das mache ich, ohne Wenn und Aber. Natürlich war mir bewusst, dass ich in die Geschichte eingehen würde als erste Frau, die eine Männer-Profimannschaft übernimmt. Bis heute habe ich diese Entscheidung keine Sekunde bereut, auch wenn der Anfang alles andere als einfach war und es immer wieder Rückschläge gab.

Die ersten Wochen verliefen alles andere als positiv

Auch früher, ob als Spielerin oder Trainerin, habe ich Probleme mit Frauen bekommen. Und ich bin kein Mensch, der gleich nach der ersten Auseinandersetzung das Handtuch wirft. Im Gegenteil. Ich bin jemand, der sich voll reinhängt. Wichtig ist, dass ich mich voll auf meinen Trainerstab verlassen kann und dass er auch dieselbe Vision und die gleichen Ziele wie ich teilt. Wir kommunizieren unheimlich viel, wir sagen uns stets die Wahrheit unter vier Augen, ohne Tabu. Mein Glück ist, dass mein Stab kein großes Ego hat, dass alle bodenständig und ehrlich miteinander umgehen. Jeder weiß, was er zu tun hat. Damit ist die Basis gelegt, um den Fokus einzig und allein auf den Fußballplatz zu richten.

Die ersten Wochen verliefen alles andere als positiv. Nach fünf Spieltagen unter meiner Regie hatten wir keinen Sieg errungen. Ich spürte bereits die Egos mancher Spieler und die Unzufriedenheit mir gegenüber, weil ich eine Frau bin. Der Druck war immens. Für ein halbes Dutzend unserer Spieler war ich nicht wirklich legitim, eine solche Position auszuüben, nur mit dem Argument, dass ich eine Frau bin. Zwei, drei Spieler kamen sogar auf mich zu und meinten: „Passen Sie gut auf, so läuft es nicht mit einer Herrenmannschaft! Sie müssen anders auftreten und anders mit uns umgehen. Sonst hat es keine Zukunft.“ Für mich war es der eindeutige Beweis, dass sie lieber mir die ganze Schuld gegeben haben, statt sich selbst zu fragen, was wirklich schief läuft und was der Kern des Problems sein könnte.

Die Stimmung war natürlich angespannt und betrübt. Ich habe meinen Spielern einfach mitgeteilt, dass Clermont auf gar keinen Fall ein Wort im Aufstiegsrennen mitreden wird, sondern dass wir einzig und allein den Klassenerhalt anpeilen müssen, nicht mehr, nicht weniger. Ich habe betont, dass ich bereit bin, mir alle Wünsche und Kritik anzuhören, aber dass sie mir zeigen sollen, dass sie richtige Profis sind, die mit dieser Situation souverän und klug umgehen können. Nach dem ersten Halbjahr habe ich Konsequenzen gezogen und mich in der Winterpause von fünf Spielern getrennt. Ein paar Wochen später habe ich festgestellt, dass diese Spieler, die mit mir überhaupt nicht klar kamen, auch bei ihrem jeweiligen neuen Verein nicht mehr Einsatzzeit als in Clermont hatten. Das war der Beweis, dass nicht ich das Problem war.

Ich merke bis heute noch, dass ich zwar an Glaubwürdigkeit gewonnen habe, aber nichtsdestotrotz bleibt nach wie vor ein fader Beigeschmack hängen, weil manche Leute mich immer noch nicht ernst nehmen, oder zumindest nicht ernst genug. Dass ich eine Frau bin, ist für viele schwer zu akzeptieren und zu verinnerlichen, dass es auch mit einer Trainerin mit einer Männermannschaft funktionieren kann. Aber die Ergebnisse sprechen ja für mich. Ich bin absolut zufrieden. Wir haben in der ersten Saison den Klassenerhalt geschafft und in der vergangenen waren wir bis zum Schluss im Aufstiegsrennen, was eine Sensation war, weil wir nicht die gleichen finanziellen Mittel wie unsere Konkurrenten hatten. Aber wenn man jedes Jahr nur den Klassenerhalt anpeilt, dann werde ich mit Sicherheit eine neue Herausforderung suchen.

Ich gehe mit dem Druck ganz gut um

Mit Drucksituationen gehe ich inzwischen auch anders um als vorher: Ich hatte ehrlich gesagt das Glück, dass Helena Costa bereits vor mir ein paar Wochen diesen Posten übernommen hatte, sodass der Druck weniger groß war. Zwar bin ich die erste Frau, die eine Männer-Profimannschaft trainiert, aber als Costa verpflichtet wurde, gab es eine unglaubliche Medienpräsenz. Es war irgendwann nicht mehr auszuhalten: Erst wurde über das allererste Heimspiel mit einer Frau als Trainerin berichtet, dann über die erste Auswärtspartie, anschließend der erste Sieg, und so weiter. Dabei hatte man das Wichtigste vergessen: die sportliche Situation, die Leistungen meiner Mannschaft. Das wurde komplett ignoriert und das hat mir wirklich gestunken.

Ich habe das Ganze irgendwann einfach ausgeblendet: Hätte ich alle Kommentare über mich gelesen oder gehört, hätte ich wohl schnell wieder meine Koffer gepackt, und zwar bereits vor dem Saisonauftakt. Ich konnte mich gut schützen, auch dank der guten Zusammenarbeit mit meinem Stab. 

Ich gehe mit dem Druck ganz gut um und kann mich damit abfinden, wenn man über uns berichtet, dass nicht Clermont, sondern ich verloren habe, aber dass andererseits Clermont gewonnen hat und ich dann kaum erwähnt werde. Wenn es dazu führt, dass meine Spieler weniger Druck spüren, dann gerne… Das gehört auch zum Trainerjob, das ist bei den Männern nicht anders.

Alles, was rar ist, erregt Neugier. Aber manchmal ist es wirklich erdrückend. Nach drei Monaten ist es keine Neugier mehr. Ich werde nicht dafür bezahlt, mich als Frau in einer Männermannschaft zu rechtfertigen. Meine oberste Priorität ist es, mein Team zu trainieren und es weiterzuentwickeln. 

Das Schlimmste ist, dass man mit aller Macht versucht, in der Kabine eine klitzekleine Geschichte zu finden, um mir zu schaden. Es hat mich schon verletzt, weil man nicht der Trainerin geschadet hat, sondern mir als Person. Und das ist nicht zu akzeptieren. Man hat versucht, mich fertigzumachen. Wenn es sein muss, bin ich jederzeit in der Lage, die Rüstung rauszuholen. Man versucht bei jeder Kleinigkeit, eine große Geschichte daraus zu machen: Zum Beispiel muss man vor dem Anpfiff den gegnerischen Trainer begrüßen, was vom französischen Liga-Verband gefordert wird, normalerweise mit einem Händedruck. Aber nur weil ich eine Frau bin, weiß der gegnerische Coach nie, ob er mir die Hand oder zwei Küsschen auf die Wange geben soll. Jedes Mal ist das skurril.

Mein Weg war lang und steinig, aber ich habe es am Ende geschafft

Ich glaube nicht, dass ich als Beispiel gelten soll und den anderen Frauen zeigen kann, dass auch andere das Gleiche machen könnten. Ich bin vor allem eine Fußballtrainerin. Klar bin ich eine Frau in einem Männer-Milieu, aber eine Trainerin, die immer schon in diesem Milieu aktiv war. Ich habe begonnen, Fußball mit Männern und Frauen zu spielen bis ich irgendwann in einer Frauenmannschaft gespielt bzw. diese trainiert habe, um dann während meiner Ausbildung wieder mit Männern zu arbeiten. Dementsprechend kenne ich mich mit dieser Welt ganz gut aus und für mich ist es kein Schock, diese Entwicklung durchlebt zu haben. Ich habe mich ausgebildet, ich habe alle möglichen Diplome. Der Weg war lang und steinig, aber ich habe es am Ende geschafft. Bei aller Bescheidenheit, ich bin erst durch meine Karriere mit der französischen Frauennationalmannschaft bekannt geworden. Nun will ich meinen Weg bei den Männern weitergehen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei Clermont-Präsident Claude Michy, zu dem mein Verhältnis sehr gut ist. Wir verstehen uns blind. Für ihn war es auch damals ein gewisses Risiko, eine Frau als Trainer anzustellen. Auch in den schwierigsten Momenten war er immer für mich da. Egal, was passiert, ich weiß, dass auf den Präsidenten jederzeit Verlass ist. Und das ist umso wichtiger, als dass ein Trainer ohne seinen Präsidenten gar nichts ist.

Die gesamte Lage hat sich ein bisschen normalisiert, man nimmt mich immer ernster und die Fragen zu meinem Status als Frau werden immer weniger. Ich stelle auch bei jeder Pressekonferenz klar, dass ich nur Fragen zu unserem kommenden Spiel und zu unserer sportlichen Situation beantworten werde. Aber jedes Mal gibt es am Ende ein paar Fragen zu meinem Status, sodass ich dabei immer wieder leicht die Geduld verliere. Durch die Erfahrungen in den ersten Monaten bin ich auf einmal fünf oder zehn Jahre erfahrener und robuster geworden. Dadurch bin ich nicht mehr dieselbe Person. Im Grunde genommen betrachte ich die Anfangsschwierigkeiten als eine Art Ungerechtigkeit, mehr als als eine Leidenszeit.

Schritt für Schritt habe ich mich meinen Spielern angenähert, Barrikaden aufgelöst. Am Anfang waren diese Barrikaden notwendig, um mich durchzusetzen. Aber ich konnte nicht dauerhaft steif bleiben. Man muss immer versuchen, mit den Spielern zu kommunizieren. Das ist ein elementarer Aspekt meiner Trainer-Funktion.

Wenn ich will, dass man mir zuhört, dann weiß ich, was ich zu tun habe

Je größer die Herausforderung ist, desto größer wird meine Bereitschaft sein, sie anzunehmen. Je größer die Schwierigkeiten sind, desto angriffslustiger und kampfbereiter bin ich, um die Erwartungen zu erfüllen und die Kritiker verstummen zu lassen. Ich bin eine Frau, aber mir wird keiner verbieten oder die Lust nehmen, mein Hobby auszuleben. All das, was ich bei Clermont durchmachen musste, habe ich mehr oder weniger erwartet. Ich war darauf eingestellt. Mein Ziel ist es, dass die ganzen Vorurteile peu à peu verschwinden und dass ich mich durchsetze, um denjenigen, die nicht an mich geglaubt haben, zu zeigen, dass ich es doch kann.

Als mich Clermont im Juni 2014 kontaktiert hat, war ich ohne Job. Dementsprechend bin ich diesem Verein dankbar. Und Dankbarkeit bedeutet in meinen Augen Kontinuität im Verein und Treue. Gegenüber meinen Arbeitgebern war ich stets loyal und ehrlich. Auch wenn ich bereits im September 2016 vom französischen Verband kontaktiert worden bin, habe ich das Angebot, Nationaltrainerin zu werden, abgelehnt, einzig und allein weil ich meinen Verein auf keinen Fall im Stich lassen wollte. Das macht man einfach nicht. Nicht mittendrin. Auch wenn man dafür seinen Traum opfert. Aber das hat mit Loyalität zu tun und darauf lege ich sehr viel Wert.

Es gibt keine großen Unterschiede, eher Nuancen. Bei Frauen kann man mal ein Auge zudrücken, aber bei Männern darf man das auf keinen Fall tun. Sobald du irgendetwas erlaubst, ziehen sie daraus Profit und wollen dann noch mehr, um deine Coolness auszunutzen. Man muss stets versuchen, hart und konsequent in seinen Entscheidungen zu bleiben. Bei Gesprächen vor der Mannschaft in der Kabine sind die Männer nicht so konzentriert wie die Frauen. Manche Spieler quatschen sogar unter sich, während ich meine taktische Marschroute angebe. Und wenn sie untereinander diskutieren, können sie mir nicht zuhören. Das macht mich wütend, weil sie dann im Spiel orientierungslos wirken. Ich habe zwar nicht die gleichen Stimmbänder wie ein Mann, aber wenn ich will, dass man mir zuhört, dann weiß ich, was ich zu tun habe.