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Hank Gathers: Der König der Löwen

1990 ist Basketball-Guru Paul Westhead mit seinem College-Team von der LMU auf dem Weg zum Titel – bis Superstar Hank Gathers auf dem Spielfeld zusammenbricht und stirbt. Eine Tragödie mit vielen Helden.

Autor: Alex Raack

Manchmal würde man das Leben gerne anhalten wie eine DVD oder die nächste Netflix-Folge. Um das, was unweigerlich folgen wird, noch eine Weile hinauszuzögern. Weil der Moment zu schön ist und es unerträglich ist, wenn etwas so Schönes plötzlich zerstört wird. Man drückte also einen Knopf auf der Fernbedienung und könnte das Schicksal stoppen. Einfach so. Aber das Leben hat keine Fernbedienung, das Schicksal kennt keine Stopptaste. Und der Tod keine Schönheit. Wenn er kommt, kann ihn niemand aufhalten. Nicht einmal der stärkste Mann Amerikas.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #17

Diese unglaubliche Geschichte, die kein Happy End hat, und trotzdem so viel Freude beinhaltet, beginnt 1987. Da suchen zwei der talentiertesten College-Basketballer des Landes eine neue Uni. Forward Hank Gathers und Shooting Guard Bo Kimble kommen beide aus den Projects in Philadelphia, sie haben ihre Kindheit und Jugend auf den Basketballplätzen von Philly verbracht und dort jedem, der es mit ihnen aufnahm, den Hintern versohlt. Jetzt sind sie blutjunge College-Athleten, hungrig und voller Energie, zwei Rohdiamanten, die nur den richtigen Schliff benötigen. Coach George Raveling von der USC scheint dazu nicht in der Lage gewesen zu sein, er hat sich mit ihnen verkracht. Aber es gibt da einen, der genau nach solchen Spielern gesucht hat.

Paul Westhead, ebenfalls in Philadelphia geboren, Jahrgang 1939, ist seit 1985 an der LMU. 1979 wurde er Assistent bei den Los Angeles Lakers und als sich kurz darauf Headcoach Jack McKinney bei einem Fahrradunfall schwer verletzte, übernahm er die Mannschaft um Basketball-Legende Kareem Abdul-Jabbar und Rookie Magic Johnson, gewann 60 Spiele in der regulären Saison und führte die Lakers sensationell zum Titel. Nur um knapp zwei Jahre später entlassen zu werden, weil insbesondere Superstar Johnson keine Lust mehr hatte, so Basketball zu spielen, wie sich das sein eigenwilliger Trainer vorstellte. Längst ist da der studierte Lehrer der englischen Literatur der „verrückte Professor“ des US-Basketballs, der in der Kabine Shakespeare zitiert und sich voll und ganz einer Taktik verschrieben hat, die nur Vollgas kennt. „Wenn ich dich richtig verstehe“, hatte Magic Johnson Westhead nach einem weiteren Shakespeare-Zitat gefragt, „soll ich zum Korb laufen und punkten, richtig?“

Gathers nennt sich selbst den "stärksten Mann Amerikas"

Richtig. Aber Westheads Idee vom Basketball ist so radikal offensiv, dass Zauberer Magic rebellierte. Als Westhead auch bei den Chicago Bulls nicht glücklich wurde, nahm er 1985 das Angebot der LMU an. Die Uni erschien ihm da als richtiger Ort für seine Idee. Die sieht so aus: Hat seine Mannschaft den Ball, stürmt sie sofort zum gegnerischen Korb, um in weniger als sieben Sekunden zum Abschluss zu kommen. Verliert sie den Ball, presst sie ihn sofort. Run and gun, nennen seine Landsleute dieses System, rennen und schießen. „The more you take, the more you make“, nennt das Westhead selbst. Bedingungslose Offensive ist das, voller Risiko, atemloses Hin-und-Her-Spektakel, scheinbar losgelöst von taktischen Zwängen, Streetball für die Halle. Die Medien nennen es: „The System“, das System.

Als Westhead hört, dass Gathers und Kimble zu haben sind, zeigt er ihnen Videos mit den besten Spielzügen seines Systems. Ob er die Vorspultaste gedrückt habe, fragt Gathers. Nein, antwortet Westhead. Bo Kimble sagt: „Coach, wenn sie uns tatsächlich so Basketball spielen lassen, sind wir dabei.“ Die „Löwen“ der LMU haben neue Mitglieder im Rudel.

Westheads Basketball mag auf den ersten Blick wie anarchisches Parkett-Ping-Pong erscheinen, aber das System ist Ergebnis klarer taktischer Vorgaben und vor allem einer außerordentlichen Physis. Kein anderer Trainer bekommt seine Spieler so fit wie der verrückte Professor. Symbol seiner Trainingsmethodik wird ein 100 Meter hoher Hügel aus weichem Sand, den die Basketballer im Vollsprint erklimmen müssen. Spätestens in der Saison 1988/89 hat die Auswahl der bis dato eher mittelklassigen LMU das System so verinnerlicht, ist so fit, dass Westhead Basketball spielen lässt, wie er sich das wünscht. Im allerersten Match dieser Spielzeit gewinnt LMU 164:138 gegen Azusa Pacific. LMU besiegt seine Gegner nicht, es ist wie ein mächtiger Orkan, der einen irgendwann zur Aufgabe zwingt. „Im letzten Viertel des Spiels“, fasst es Hank Gathers zusammen, „haben die anderen nicht mal mehr Energie für Trashtalk.“

Vor allem der 2,01 Meter große Gathers beeindruckt mit seiner unglaublichen Physis und vereint die kreative Power von der Straße mit der Hingabe eines Profis. Über seinem Bett hängt ein Schild: „Hast du heute wirklich Dein Bestes gegeben?“ Sein Weg als künftiger Superstar scheint vorgezeichnet, in dieser Saison, die LMU bis in die erste Runde der nationalen Hochschulmeisterschaften führt (wo das Team gegen Arkansas verliert), wirft er sagenhafte 32,7 Punkte und pflückt 13,7 Rebounds. Werte, die vor ihm erst ein College-Spieler geschafft hat. Sein kantiges Gesicht schmückt die Titelblätter der Sportpresse und weil er den Medien einen Gefallen tun will und weil das vielleicht auch einfach die Wahrheit ist, nennt er sich vor laufenden Kameras selbst den „stärksten Mann Amerikas“. Ein Superman. Schier unbesiegbar. Sein Kryptonit sind Freiwürfe. Die Quote ist so schlecht, dass er, der Rechtshänder, irgendwann einfach beginnt, mit links von der Linie zu werfen.

Fast Break – Run! – Alley-Oop- Pass zu Gathers – Gun! – ein herrlicher Dunk

In der Saison 1989/90 trifft er trotzdem, wie er will. Und wenn er es nicht tut, dann Bo Kimble (der mit 35,3 Punkten bester Werfer wird). Oder Dreipunkte-Spezi Jeff Fryer („Fryer is on fire!“). Oder Universaltalent Terrell Lowery (der sich später gegen die NBA entscheiden wird – um Baseball-Profi zu werden). Oder wen auch immer Paul Westhead für sein Offensivfeuerwerk in die gegnerische Hälfte schießt. Run. And gun. Am Ende der Saison werden die Löwen 122,4 Punkte im Schnitt erzielt haben, erst im Februar 2016 wird dieser Rekord gebrochen. Coach Westhead notiert in seinem Tagebuch: „Das System begann zu greifen. Bei dieser Mannschaft war es, als ob ich Öl ins Feuer gegossen hätte.“

Dann passiert etwas. Beim Spiel gegen UC Santa Barbara verfehlt Hank Gathers mal wieder einen Freiwurf – und klappt
danach zusammen. Im Krankenhaus stellen die Ärzte fest, dass Gathers unter hypertropher Kardiomyopathie, kurz: HCM, leidet, einer Erbkrankheit, die die Muskulatur der linken Herzkammer verdickt. HCM ist nicht heilbar, aber wird sie frühzeitig erkannt und entsprechend behandelt, hat der Patient eine normale Lebenserwartung. Aber Hank Gathers ist nicht normal. Nach drei Tagen steigt er zum Belastungstest aufs Laufband, rennt es fast kaputt, bekommt ein Medikament verschrieben und kann gehen. Kurz darauf ist er wieder beim Training und behauptet kühn, die Herzprobleme einfach „wegzutrainieren“. Zwei Spiele setzt er aus, dann steht er wieder in der Starting Five. Ausgerechnet gegen St. Joseph aus seiner Heimat Philadelphia spielt er wie auf Droge. Was er faktisch auch ist: Das starke Medikament macht den starken Hank müde und träge. Er ist der stärkste Mann Amerikas und dieses Medikament saugt ihm die Energie aus den Muskeln wie ein Blasebalg die Luft aus dem Schlauchboot. Auf sein Drängen hin schrauben die Ärzte die verordnete Dosis deutlich runter. Als LMU am 3. Februar 1990 in einem furiosen Spiel Louisiana State mit 141:148 in der Verlängerung unterliegt, kann auch ein junger 2,16-Meter-Center namens Shaquille O’Neal nicht verhindern, dass Gathers 48 Punkte erzielt und 17 Rebounds holt.

Am 4. März 1990 empfängt LMU Portland im heimischen Gersten Pavilion. Gathers’ Familie ist da. Es steht 23:13 für LMU, als der König der Löwen die letzten Punkte seines Lebens macht. Ballgewinn, Fast Break – Run! – Alley-Oop- Pass zu Gathers – Gun! – ein herrlicher Dunk.

Stopp. Anhalten, dieses Leben. Da steht er, eingefroren in der Luft, 201 Zentimeter pure Energie, pure Lebensfreude, die ihre Umwelt mit jugendlicher Unbesiegbarkeit überfluten. Wie an diesem 4. März 1990, um 17:46 Uhr. Ein paar Meter weiter sein Schulfreund Bo, Begleiter auf dieser ur-amerikanischen Traumreise in die NBA. An der Seitenlinie Paul Westhead, dieser hagere Basketball-Rebell. Die Teamkollegen, die Cheerleader, die Fans, Mama und Tante. Die Welt, die ihm zu gehören scheint.

"Wir spielten nicht einfach für Hank, wir spielten wie Hank"

Doch diese Stopp-Taste gibt es nun mal nicht. Das Leben läuft weiter, aber nicht lange, denn Gathers bricht Sekunden nach seinem Dunk zusammen, und als ihm sein Teamarzt befiehlt, liegen zu bleiben, spricht er die letzten Worte seines Lebens, die ja irgendwie auch alles zusammenfassen, was dieses Leben vorangetrieben hat: „I don’t want to lay down!“ – Ich will mich nicht hinlegen. Um 18:55 Uhr wird Hank Gathers im Daniel Freeman Marina Hospital für tot erklärt. Sein krankes Herz hat für immer aufgehört zu schlagen.

Basketball-Fans im ganzen Land sehen die Bilder, wie sich Gathers’ Mutter mitten auf dem Spielfeld schreiend zu Boden wirft und mit den Fäusten aufs Parkett trommelt. Wie ihr Sohn regungslos aus der Halle getragen wird. Und nie mehr wiederkommt. „Vielleicht funktioniert das System nur einmal im Leben“, schreibt Paul Westhead in sein Tagebuch, „und es wurde beendet, als Hank seinen letzten Dunk versenkte.“

Diese Geschichte kann kein Happy End haben. Aber sie geht weiter. Und so schlecht ist sie nicht.

Beim ersten Training nach der Beerdigung ihres Königs stehen die Löwen in der Halle zusammen und wissen, dass sie weitermachen müssen. Für Hank. In der ersten Runde der nationalen NCAA-Hochschulmeisterschaften hat New Mexico State keine Chance. „Wir spielten nicht einfach für Hank“, sagt Bo Kimble, „wir spielten wie Hank.“ Er selbst hat in diesem Spiel den größten Moment seines Lebens, als er an der Freiwurflinie auf einmal von rechts nach links wechselt. „Hank’s Here“, steht auf den Plakaten der Fans. Hank ist hier. Rechtshänder Bo Kimble nimmt den Ball und wirft mit links. Trifft. Die Halle explodiert vor Emotionen. Und LMU gewinnt mit 111:92. Der Außenseiter demoliert in der Folge Titelverteidiger Michigan mit 149:115, schafft ein knappes 62:60 gegen die Defensiv-Bremser aus Alabama und scheidet schließlich erst in den „Elite Eight“ gegen den späteren Hochschulmeister UNLV aus.

Nachtrag

Paul Westhead beendete nach der Saison seine Zeit als Coach an der LMU und fand erst nach sieben Stationen wieder sein Glück: Die Damen der Phoenix Mercury wurden mit seinem System 2007 WNBA-Champion. Er ist damit der einzige Coach, der sowohl in der NBA als auch in der WNBA einen Titel gewann.

Bo Kimble warf über den restlichen Verlauf der College-Saison jeden ersten Freiwurf in einem Spiel mit links. Im selben Jahr schaffte er den Sprung in die NBA. Nach zwei Jahren bei den L.A. Clippers und einer Saison bei den New York Knicks beendete er seine Karriere. Angeblich auch aufgrund psychischer Probleme, die auf den Tod seines Freundes zurückzuführen sind. Später gründete er eine Hilfsorganisation, die heute kostenlose Herzuntersuchungen für Kinder anbietet.

Hank Gathers’ Leben endete am 4. März 1990. Seine Familie verklagte Coach Westhead, die behandelnden Ärzte und die LMU auf Schadensersatz, die LMU zahlte schließlich 1,4 Million Dollar, der verantwortliche Kardiologe eine Million. 2005 hängte man Gathers’ Nummer 44 unter die Decke im Gersten Pavilion. Auf dem Campus der LMU gibt es einen Aufenthaltsraum, der meist von den Sportlern genutzt wird. Die Studenten haben einen schönen Namen dafür gefunden: Hank’s House. Hanks Haus. Auf dass sie dort weiterlebe, die Geschichte vom König der Löwen.

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Kobe Bryant: Der große Abschied

Kann man 20 Jahre Glanz in 48 Minuten pressen? Zum Beispiel im letzten Karrierespiel? Wenn sie Kobe Bryant heißen, ist alles möglich. US-Autor Roland Lazenby erinnert sich für Socrates an Kobes letztes Spiel.

Quin Snyder, Trainer der Utah Jazz, war schon als Mike Browns Assistenztrainer bei den L.A. Lakers beeindruckt von Kobe Bryant. Auch wenn Browns kurze Zeit bei den Lakers ein Reinfall war, hatte Snyder dort immerhin die Gelegenheit, Kobe Bryant etwas näher kennen zu lernen. Dieser war unnahbar, in seinen gesamten 20 Jahren bei den Lakers hielt er alle Mannschaftskollegen, mit denen er spielte, auf Abstand. Der ehemalige Lakers-Trainer Mike D’Antoni sagte einmal über ihn: „Wollen Sie die Wahrheit hören? Kobe ist ein großes Arschloch.“

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Es war also nicht gerade wahrscheinlich, dass Kobe sich für einen Assistenztrainer wie Snyder besonders interessieren würde. Aber es lag etwas zu Snyders Gunsten vor – er hatte College-Basketball an der Duke Universität bei Mike Krzyzewski gespielt. Für Bryant war Krzyzewski der Trainer schlechthin, seit er in der High School davon träumte, an der Duke zu spielen. Dazu kam es nicht, denn Bryants Familie konnte sich das nicht leisten und brauchte dringend Geld. Also nahm er ein heimliches Angebot von Adidas an und ging nicht zum College, sondern direkt in die NBA. Diese Entscheidung bereute er lange. Aber Duke hatte er immer toll gefunden – das ließ auch seine Leistung im Team USA bei den Olympischen Spielen 2008, trainiert von Krzyzewski, erkennen.

Der Artikel erschien in der 3. Ausgabe von Socrates im Dezember 2016

Der Artikel erschien in der 3. Ausgabe von Socrates im Dezember 2016

Kobe Bryant war nicht mehr in Form

Bryant und Snyder freundeten sich schließlich an, worauf Snyder sehr stolz war. Aber nun gab es ein Problem – Snyders Team, Utah Jazz, sollte die letzte Mannschaft sein, gegen die Bryant in seiner NBA-Karriere spielen würde. Kobe Bryant war durch seine vielen Verletzungen in den letzten Jahren und das exzessive Training nicht mehr in Form. Fast seine ganze 20. Saison über spielte er so schlecht, dass Lakers-Spiele praktisch eine Zumutung für die Zuschauer wurden. Aber er trainierte für eine letzte große Überraschung bei seinem Abschiedsspiel. Das wollte er auf keinen Fall verpatzen, sondern es sollte eine letzte große Show werden, die in Erinnerung bleiben würde.

Während der Saison hatte er zwar wegen seines Alters schon ziemlich kämpfen müssen, aber wer weiß, vielleicht würde er ja sogar 30 oder 40 Punkte schaffen – in seinem 1346. Profispiel! Warum nicht? Früher war noch Michael Jordan sein Referenzpunkt, an dem er sich maß. Seine letzte Saison war zwar im Ergebnis nicht besonders erfolgreich, aber wenn er nun bei seinem letzten Spiel noch einmal an seine früheren Leistungen anknüpfen könnte, dann würde er den eigentlichen Endgegner aller Sportler besiegen: das Alter.

„Ich kann es nicht fassen“

„Ehrlich gesagt kann ich es nicht fassen“, sagte er nach dem Spiel. Auch Snyder und die Jazz konnten es nicht fassen: „Viele von uns standen unter Schock“, meinte Gordon Hayward von den Jazz später. Bryant hatte in seiner letzten Ansprache vor dem Spiel nur eine Forderung an seine jüngeren Team-Kollegen gehabt: „Ihr müsst alles geben. Das ist mir wichtig.“ So kam es aber nicht. Die Lakers lagen das ganze Spiel über zurück, bis zum letzten Viertel, in das sie mit einem 14-Punkte-Rückstand gingen. Doch dann drehte Bryant auf und lieferte ein nicht für möglich gehaltenes 60-Punkte-Spiel ab. Und das mit 37 Jahren. Das Beste: Sein letztes Abtauchen in „The Zone“ bescherte den Lakers einen 101:96-Comeback- Sieg, der die Fans im Freudentaumel toben ließ.

Die Zahlen des Spiels sprechen für sich. Im Schlussviertel drehte Bryant allein die Partie zugunsten der Lakers und erzielte 23 Punkte – die Jazz nur 21. Mit 17 Punkten in Folge führte er die Aufholjagd an. Obwohl die Saison 2015/16 eine mit vielen High-Scores gewesen war, hatte kein anderer NBA-Spieler ein 60-Punkte-Spiel geschafft. Davon gab es überhaupt nur 31 in der NBA seit 1963, wie der Journalist Howard Beck anmerkte. In den letzten elf Saisons gab es acht, und fünf davon schaffte Kobe Bryant.

„Wirf, wirf, wirf!“

Wilt Chamberlain war 1969 einst mit 32 Jahren der älteste Spieler, der je 60 Punkte in einem Spiel erreicht hatte (genauer gesagt 66), aber diesen Rang hat Bryant ihm nun mit 37 Jahren in seinem letzten Spiel abgelaufen. Bryant verwandelte 22 seiner 50 Wurfversuche (Karriere-Bestwert); von seinen 21 Dreier-Versuchen traf er allerdings nur sechs. Sogar er selbst wunderte sich über den eigenartigen Verlauf des Spiels: „Meine Mitspieler haben mich die ganze Zeit ermutigt und meinten immer: Wirf, wirf, wirf! Das war wie eine verkehrte Welt. Ich war auf einmal nicht mehr der Blöde, sondern der Held und es hieß nicht mehr Pass!, sondern Wirf! Das war echt merkwürdig.“

In derselben Nacht beschlossen die Golden State Warriors in Oakland ihre historische Saison mit 73 Siegen, den meisten in einer Saison überhaupt, besser als die 72 Siege der Chicago Bulls mit Michael Jordan 1996. Aber irgendwie schaffte es Bryant, den Warriors die Show zu stehlen.

An jenem Abend nutzte er seine letzte Gelegenheit, die Lakers-Fans daran zu erinnern, wofür sie ihn jahrelang so verehrt hatten. Aber das war nichts verglichen mit China, wo 110 Millionen das letzte Spiel des Mannes eingeschaltet hatten, den sie verehren wie Elvis. „Ich kann nicht glauben, dass 20 Jahre vergangen sind“, sagte er nach dem Spiel zu den Fans im Staples Center. Er hat seinen Traum wahrgemacht. Nachdem er angekündigt hatte, dass er nach seinem Ausstieg Autor und Produzent werden würde, hat er sich nun selbst einen Bilderbuch-Abschied geschrieben. „Was Besseres als das kann man sich nicht ausdenken“, sagte er. Dann hob er die Arme zum Publikum und sagte: „Mamba out.“ Schon kurz danach standen T-Shirts mit diesem Spruch auf seiner Webseite zum Verkauf.

„Er hat bestimmt noch mehr vor“

Snyders hatte vor dem vorletzten Spiel gegen die Lakers mit Bryant gesagt: „Wir haben uns im Sommer ab und zu geschrieben.“ Bezüglich des letzten Spiels meinte er: „Auch wenn wir verloren haben, war es toll, bei dem Spiel dabei gewesen zu sein, besonders für mich als sein Freund. Man will natürlich immer gewinnen. Aber ihn zu sehen… Ich habe das Video von den letzten vier Minuten mehrmals angeschaut, wo er elf Punkte in Folge macht. Das werde ich nie vergessen. Und wenn ich es vergessen sollte, wird er mich wahrscheinlich eh daran erinnern…“ Ein bisschen Rumblödeln gehört für beide dazu.

„Ich war sehr aufgeregt darüber, dass er sein Unternehmen gegründet und die Glocke geläutet hat“, sagte Snyder in Bezug auf Bryants Börsengang, „er hat bestimmt noch mehr vor.“

Kobe Bryant meinte vor kurzem, dass er es bis jetzt noch nicht vermisst hätte, in der NBA zu spielen. Das liegt bestimmt daran, dass er immer noch in Dauerschleife sein letztes Spiel anschaut.

Roland Lazenby