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Michael van Gerwen: Der, der heute lacht

Drei Jahre nachdem Michael van Gerwen jüngster Darts-Weltmeister wurde, sicherte sich der Niederländer den Titel im Januar 2017 erneut. Mit seinem Erfolg und seiner Grossspurigkeit, das weiß auch Elmar Paulke, kommt nicht jeder im Darts-Zirkus zurecht.

„Ich werde demnächst ins Kloster gehen.“

Dieser Satz rangiert unter Aussagen und Hobbys, die wohl am wenigsten von Dartsspielern erwartet werden – dazu bedarf es keinen Hellseher – wohl sehr, sehr weit oben. Also, vorausgesetzt es würde solch eine Kategorie überhaupt geben und etwa bei der altehrwürdigen TV-Sendung ,Familienduell‘ nach Hobbys von Dartspielern gefragt werden. Doch von Darts-Weltmeister Michael van Gerwen, der Nummer eins der Welt, diesem stämmigen Niederländer mit der Glatze und den karg wirkenden, fast gefährlichen Gesichtszügen, der so viele Klischees eines Darts-Spielers erfüllt, gibt es exakt dieses Zitat.

„Ich werde demnächst ins Kloster gehen“, hat der heute 28-jährige Dominator der Darts-Welt bereits vor zwei Jahren dem Der Spiegel in einem Interview preisgegeben. Damals erklärte der Niederländer, dass es in der Nähe Den Bosch ein Kloster gebe samt Sprachinstitut, das von Nonnen geführt werde. „Viele Prominente gehen dorthin und ich will unbedingt dort mein Deutsch verbessern, nicht zuletzt, weil Deutschland in Sachen Dartssport immer wichtiger wird.“

Seitdem hat sich MvG, wie die in der Dartsszene allseits bekannte Abkürzung des Weltranglistenersten lautet, in der Öffentlichkeit nie mehr zu seinem Vorhaben geäußert. Selbst die so gut informierte deutsche Stimme des Darts, Elmar Paulke war und ist nicht eingeweiht. Dabei hat van Gerwen gar das Vorwort von Paulkes Buch Game On verfasst. Sie sprechen oft miteinander. „Doch ob er das wirklich gemacht hat, weiß ich nicht“, sagt der Kommentator im Gespräch mit Socrates.

Seine Deutsch-Kenntnisse habe er aber tatsächlich sehr wohl verbessert. „Auf der Bühne gibt er ab und an Kostproben“, bestätigt Paulke eine Entwicklung abseits der Dartsscheibe. Innerhalb seiner Sportart, am Oche, dem Abwurfpunkt, der 2,37 Meter von der Scheibe entfernt ist, ist die Entwicklung in den vergangenen Jahren ohnehin beeindruckend.

Der Artikel erschien in Ausgabe #15

„Das war die große Geschichte der WM“

Nach dem Monsterjahr 2016 mit 26 Turniersiegen hielt der Niederländer dem Druck des absoluten Topfavoriten stand und gewann ebenfalls im altehrwürdigen Alexandra Palace, im Ally Pally zu London – fast genau ein Jahr ist das jetzt her.

„In Erinnerung geblieben; ist vor allem die beeindruckende Achtelfinal-Revanche gegen seinen Landsmann Raymond van Barneveld im Halbfinale. Das war eine, wenn nicht die große Geschichte der vergangenen WM“, resümiert Paulke. 6 zu 2 gewann MvG, die durchschnittliche Wurfaufnahme, der Average lag bei beeindruckenden 114 zu 109 Punkten.

Der Artikel schien in Ausgabe #15

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Das beste Jahr des Michael van Gerwen

Das Match überstrahlt im Rückblick sogar, dass der spätere Weltmeister bereits in der zweiten Runde gegen den Spanier Christo Reyes beim 4:2 fast alles geben musste. Die Nummer 32 der Setzliste blieb der einzige Spieler im Turnierverlauf, der den Dominator, zumindest was den Average angeht, knapp überragte. Dass darüber heute niemand mehr spricht, ist van Gerwens beeindruckendem, bereits erwähntem Halbfinalerfolg zu verdanken sowie der Machtdemonstration im Finale gegen Titelverteidiger Gary Anderson (7:3). Doch in der Tat hatte „Mighty Mike“ 2016 im Vorjahr überraschend im Achtelfinale gegen van Barnefeld die Segel streichen müssen. Schon damals war er der Favorit auf den Titel. Andere wären an diesem Rückschlag zerbrochen. Doch van Gerwen legte anschließend das beste Jahr seiner Karriere hin – mit einer Konstanz und Nervenstärke, die Experten und die verrückten, immer mehr werdenden Dartsfans sonst bisher nur von Phil Taylor, der bald aus dem Wettkampfsport scheidenden Dartslegende, gewohnt waren.

„Von meiner Dominanz war ich eigentlich nicht überrascht“, urteilte MvG im Sommer gegenüber SPOX. „Aber wenn ich jetzt auf das Rekordjahr 2016 zurückblicke, ist das schon eine sehr schöne Leistung.“ Der Sieg im Ally Pally habe die Sache schön abgerundet.

„ES IST EIN GANZ SCHMALER GRAT IM DARTSSPORT ZWISCHEN: WANN IST ES NOCH SELBSTBEWUSST UND AB WANN WIRKE ICH ARROGANT?“
ELMAR PAULKE
Darts-Experte

„Diese mentale Stärke haben in dieser Ausgeprägtheit sonst nur wenige Spitzensportler. Die entsteht aus einer ganz großen Überzeugung. Van Gerwen hat eine regelrechte Gier nach Erfolg entwickelt und diese Gier lebt er bei den Turnieren auch voll aus“, erklärt Paulke den Siegeszug der Nummer eins der Weltrangliste, der sogenannten „Order of Merit“, die im Verband der beherrschenden PDC nicht nach Punkten, sondern nach Preisgeld berechnet wird.

„Diese Gier“, so Paulke, fange bereits im Practice Room an. „Dort sagt er seinem Gegner, dass er ihn weghauen wird, und so steht er dann später auf der Bühne und haut den Gegner auch weg.“ Ohne diese Überzeugung sei dieser Siegeszug und die Konstanz nicht möglich.

Irokesenschnitt fürs Baby

Für Paulke sei nach dem WM-Titel 2017 aber ebenfalls klargewesen, dass „er dieses überragende Jahr 2016 mit den 26 Titeln diese Saison in der Form nicht mehr wiederholen kann“. Doch auch das Kalenderjahr 2017 sei herausragend gewesen. „Er hat wieder mehr Titel geholt als alle anderen“, sagt Paulke. Jammern auf allerhöchstem Niveau. Dennoch hat sich im Leben des 28-Jährigen einiges geändert. Da waren erstmals Verletzungssorgen, im Frühjahr starke Rückenprobleme, im Herbst eine Sprunggelenksverletzung, die ihn bei den German Masters gar zur Aufgabe zwang.

Eine weitaus schönere Veränderung: Van Gerwen und seine Ehefrau Daphne Govers wurden im Sommer erstmals Eltern einer gesunden Tochter, die im Herbst nach dem Titel-Hattrick ihres Vaters beim Grand Slam of Darts mit ihm auf der Bühne gar um die Wette strahlte. Und der kurz zuvor geschlagene Irokesenmann Peter Wright, seines Zeichens Nummer zwei der Welt, deutete anschließend einen Irokesenschnitt fürs Baby an – rührende Szenen der beiden Weltklasse-Athleten. Doch diese Harmonie ist im Bereich der Weltklasse-Darter längst kein Alltag. Michael van Gerwen wurde schon länger, damals noch hinter vorgehaltener Hand, eine gewisse Arroganz und Großspurigkeit vorgeworfen. Spätestens, als er mit 17 Jahren 2007 im gleichen Turnier Phil Taylor schlug und einen Neun-Darter warf. „Ich war schon immer überzeugt, dass ich gegen jeden gewinnen kann“, erläutert MvG selbst. Die Großspurigkeit lebt er mittlerweile öffentlich bei Turnieren aus.

„Es ist dumm von ihm“

„Er ist definitiv großspurig. Aber es ist ein ganz schmaler Grat im Dartssport zwischen: Wann ist es noch selbstbewusst und ab wann wirke ich arrogant? Du benötigst diese Großspurigkeit ein Stück weit auch, um diesen Erfolg zu haben. Phil Taylor hat sie lange Zeit ebenfalls ausgelebt“, ordnet Paulke ein.

Eben jener Taylor, der van Gerwen im Sommer beim World Matchplay krachend mit 16:6 im Viertelfinale besiegte und anschließend vor den TV-Kameras tobte: „Was tut er da? Er ist Profi, die Nummer eins und amtierender Weltmeister. Werde erwachsen! Es ist dumm von ihm sowas zu tun und das werde ich ihm auch noch sagen.“ Van Gerwen hatte während seines Zweitrundenspiels gegen Simon Whitlock beim Stand von 8:2 seinem Freund Vincent van der Voort eine Textnachricht geschrieben: „Whitlock ist raus“.

Michael van Gerwen wurde gemobbt

„Das war eher dämlich von Vincent van der Voort, das auszuplaudern vor laufenden Kameras. Was van Gerwen in einer privaten Nachricht schreibt, ist eben seine Privatsache“, sagt Paulke. Der Vorfall passt dennoch ins Bild. Van Gerwen ist und will auch gar nicht der Liebling unter Kollegen sein, gibt offen zu „nur ein, bis zwei Freunde“ auf der Tour zu haben. MvG ist der klassische Einzelkämpfer in einer Einzelsportart, in der ihm als Dominator der Szene die Wärme seines privaten Umfelds zu reichen scheint.

Michael van Gerwen, das hat er mittlerweile öffentlich preisgegeben, wurde in der Schule gemobbt, wusste sich oft nur mit Schlägen zu helfen. Im Dart holte er sich als Jugendlicher schnell Selbstvertrauen, als andere ihn in seinem Heimatstädtchen Boxtel noch belächelten. Er übte erst jeden Samstag in einer Kneipe und als sich die Erfolge einstellten wurde es mehr, umfangreicher und professioneller. Das Selbstwertgefühl, das sich daraus entwickelte, ist heute Teil eines Selbstverständnis, mit dem der Niederländer gut fährt, dominiert und viel Geld einimmt.

„Er ist verwundbar“

Mit Blickrichtung auf die WM, bei der es dieses Jahr um insgesamt fast zwei Millionen Pfund geht, bestätigte er gegenüber SPOX, dass sich mittlerweile ein Dreikampf mit Gary Anderson und Peter Wright entwickelt habe. Diese Spieler hat ebenfalls Elmar Paulke auf dem Zettel. Der Kommentator ist trotz der Dominanz und der absoluten Favoritenrolle von MvG überzeugt, „dass er bei der WM verwundbar ist.“

Fans und Experten blicken mit Spannung auf die 25. Auflage, die vom 14. Dezember bis zum 1. Januar stattfindet. „Der Set-Modus, der im Ally Pally ausgetragen wird, spielt ihm nicht so in seine Karten. Das haben wir in den vergangenen Jahren schon miterlebt. Dieser Modus arbeitet seine Dominanz nicht ganz so klar heraus“, erklärt Paulke.  Das Momentum spiele eine Rolle. Deshalb seien auch Raymond van Barneveld und Adrian Lewis bei der Weltmeisterschaft immer vorne dabei.

Außerdem gibt Paulke zu bedenken: „So selbstverständlich wie dieses Selbstvertrauen und Auftreten von Michael van Gerwen in der Vergangenheit wirkte, so sensibel ist dieses Gerüst aber auch. Das haben wir vor zwei Jahren bei Phil Taylor gesehen, als diese Selbstverständlichkeit plötzlich weg gewesen ist. Dieses so hart erarbeitete Gerüst kann schnell zerbrechen – in Sekunden sogar“, sagt er, wohlwissend, dass der Niederländer in den Turnieren vor der WM abgeräumt hat. Zuletzt gewann er die Players Championship – zum dritten Mal in Folge. Falls Michael van Gerwen die WM erneut gewinnt, dann wird er das in seiner gewohnten Art tun. Plötzliche Demut dürfen seine Kollegen eher nicht erwarten. Das Auftreten beim Dart spricht dementsprechend auch eher gegen einen Klosterbesuch in der Vergangenheit. Andererseits: Im Sport gibt es genug Typen, die sich während des Wettkampfes zu einem anderen Typ entwickeln. Ob er im Kloster war und was Michael van Gerwen außer einer möglichen Sprache gelernt haben könnte, bleibt vorerst das Geheimnis des zurzeit besten Dartsspielers der Welt.

Jannik Schneider

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Mensur Suljović: Doppel 14 ins Glück

Mensur Suljović ist einer der Favoriten der Darts-WM in London. Der Österreicher (45) hat  einen steilen Aufstieg hinter sich gebracht. Er behauptete sich dabei gegen die junge Generation in einem Sport, in dem so viele Altmeister heute nicht mehr mithalten können. Aber Suljović hebt nicht ab, er kann den Erfolg einordnen. Er kennt die Schattenseiten des Profisports – und die des Lebens.

17. September 2017. Mensur Suljović atmet tief durch, nimmt sich Zeit. Er tritt an die Wurflinie, fixiert die 2,37 Meter entfernte Scheibe. Suljović hat beim Stand von 9:9 im Finale der Champions League of Darts noch 39 Punkte. Er wirft den ersten Dart in die 11, um sich 28 übrig zu lassen. Noch einmal sein Lieblingsdoppel 14 treffen und er führt mit 10:9, braucht dann nur noch ein Leg zum Sieg. Gleich der erste Pfeil trifft den acht Millimeter breiten äußeren Ring. Suljović ballt die Faust, schreit die Freude raus und verpasst der Luft eine Kopfnuss. So feiert die Nummer sieben der Welt gelungene Aktionen in wichtigen Momenten.

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Der Artikel erschien in der 14. Ausgabe von Socrates

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Dann explodiert der sonst so ruhige Mann, dessen Spitzname im Darts-Circuit „The Gentle“ (Der Sanfte) ist. An jenem 17. September 2017 gab es eine Menge Kopfnüsse von Mensur Suljović zu sehen. Denn an diesem Tag gewann er seinen ersten großen Titel bei der Professional Darts Corporation (PDC). Im walisischen Cardiff sicherte er sich die Trophäe bei der Champions League of Darts, dem Turnier, bei dem die besten acht Spieler der Weltrangliste gegeneinander antreten. „Das war der beste Tag meiner Karriere“, erzählt Mensur Suljović. „Ich wollte einfach nur die Gruppenphase überstehen. Mit dem Sieg hätte ich nie gerechnet.“ Für viele Fans und Experten war der Erfolg ebenso überraschend.  Aber er war eigentlich nur die logische Konsequenz einer kontinuierlichen Leistungssteigerung. Und Suljović will noch mehr. „Mein Ziel ist es, unter die Top Vier zu kommen und bei der WM das Halbfinale zu erreichen.“

„Nicht gewusst, ob ich lebend nach Hause komme“

Als er sich im Finale der Champions League gegen den zweifachen Weltmeister Gary Anderson – wieder mit der Doppel 14 – das 11:9 und damit den Sieg holte, ging Suljović in die Knie, hielt sich die Fäuste vors Gesicht und kämpfte mit den Tränen. Dieser Triumph war der vorläufige Höhepunkt einer Erfolgsgeschichte, die mit einer Flucht begonnen hat.

Mensur Suljović wächst mit drei Brüdern und einer Schwester in Tutin, im ehemaligen Jugoslawien (heute Serbien), auf. Einer seiner Brüder wird während des Balkankonflikts in die Armee einberufen. Die Familie hört danach einen Monat lang nichts von ihm. Das trifft besonders die Mutter, sie weint jeden Tag. Mensur hatte sich freiwillig für das Heer gemeldet – allerdings bevor der Krieg ausbrach. „Dann hat meine Familie beschlossen, dass ich auf keinen Fall zur Armee kann. Wir hätten nicht gewusst, ob ich lebend nach Hause komme. Außerdem wollte ich nicht gegen die eigenen Leute, vielleicht sogar Freunde kämpfen.“

Über Mazedonien und die Türkei flieht er mit seinen Brüdern nach Wien. In Österreich bauen sie sich eine neue Existenz auf. Einer von Suljovićs Brüdern eröffnet ein Kaffeehaus, in diesem lernt er durch den Kontakt zu den Gästen Deutsch. Und dort kommt „The Gentle“ auch erstmals mit Darts in Berührung, allerdings mit einem elektronischen Automaten, dem sogenannten E-Dart. Als für ein Doppel ein Spieler fehlt, springt er ein und agiert gleich so gut, dass ihm keiner glauben will, dass er das erste Mal Pfeile in der Hand hat. Der Ehrgeiz des damaligen Hobby-Basketballspielers ist geweckt, er trainiert teilweise zehn Stunden am Tag. Mensur Suljović hat seinen Sport gefunden.

Mensur litt unter „Dartitis“

Ende der Neunziger dominierte er die E-Dart-Szene, sammelte Welt- und Europameistertitel in Serie. Beim Steeldart betrat er 1999 erstmals die große Bühne, als er bei den Winmau World Masters das Achtelfinale erreichte. Aber bis zum Jahr 2006 spielte Suljović immer noch hauptsächlich E-Dart, das, anders als Steeldarts, nicht offiziell als Sport anerkannt ist. 2007 entschied „The Gentle“ sich, auf den anerkannten Sport umzusteigen. Steeldarts wird zu dieser Zeit immer populärer, die besten Spieler der Welt werden in der PDC mittlerweile reich.

In den ersten Jahren wollten sich die Erfolge nicht so richtig einstellen. Das lag auch daran, dass Mensur zu dieser Zeit an einem Dartsspezifischen, psychologischen Phänomen litt, der „Dartitis“. Geprägt wurde der Begriff durch Tony Woods, der ihn als Redaktionsleiter des World Dart Magazins 1981 erstmals verwendete. Auch wenn sich das mentale Problem bei jedem anders darstellt, gibt es eine große Gemeinsamkeit: Die Spieler haben Probleme, den Pfeil zum richtigen Zeitpunkt (oder teilweise überhaupt) loszulassen. Im Oxford English Dictionary steht zu Dartitis: „A state of nervousness which prevents a player from releasing a dart at the right moment when throwing.” Mensur Suljović erzählt, dass es für einen Dartspieler nichts Schlimmeres gibt. „Du weißt, was du kannst, aber du kannst es nicht bringen. Das tut so weh – im Herzen, im Kopf, überall.“

Viele Spieler haben ihre Pfeile wegen dieser psychischen Blockade im Regal verstauben lassen. Die meisten, die sie überwunden haben, mussten ihren Wurfstil abändern, einen Weg finden, den Kopf auszutricksen. So auch Suljović. Wenn er heute am Board steht, dreht er den Dart vor jedem einzelnen Wurf kurz mit dem Zeigefinger ein paar Mal in der Wurfhand. Das macht er so lange, bis er „ein gutes Gefühl“ hat. Diese zusätzliche Bewegung sorgt dafür, dass er zu den langsamsten Werfern am Oche (der Wurflinie) gehört. Auch deswegen war er lange nicht besonders populär bei den Zuschauern. Heute aber drehen Fans in aller Welt durch, wenn seine Einlaufmusik, Simply the Best von Tina Turner, durch die Lautsprecher der Halle dröhnt. Auch nach dem Überwinden der Dartitis gelang es „The Gentle“ zunächst nicht, in die Weltspitze vorzudringen.

Der Aufstieg

Er rangierte meist irgendwo zwischen Platz 40 und 60 in der Order of Merit, der Weltrangliste auf Basis des eingespielten Preisgelds. In diesen Regionen lassen sich die Kosten für die Reisen zu den Turnieren durch das gewonnene Preisgeld nicht abdecken. Und auch potente Sponsoren reißen sich nicht gerade um die Spieler, die bei den Major Turnieren früh rausfliegen oder gar nicht erst dabei sind. 2011 dachte Suljović darüber nach, aufzugeben und die Profi-Tour der PDC nicht mehr zu spielen. Er konnte sich seinen Traum eigentlich nicht mehr leisten. Aber der Österreicher versuchte es weiter, war noch nicht bereit, aufzugeben. 2014 feierte er dann mit dem Erreichen des Viertelfinals der UK Open, einem der wichtigsten Turniere des Jahres, sein bis dato bestes Ergebnis bei der PDC. Voller Selbstvertrauen nahm er sich für 2015 vor, noch einmal einen Angriff zu wagen, noch einen Versuch, in die Top 16 der Welt einzuziehen.

Im Juli 2016 hat er es geschafft. Durch das Erreichen des Achtelfinals beim World Matchplay steht Suljović erstmals unter den Top 16, die für den Großteil der Turniere auf der Profitour gesetzt sind. Drei Monate später gelingt ihm mit seinem ersten Turniersieg bei den International Darts Open in Riesa der endgültige Durchbruch. Ein paar Wochen danach steht er im Finale der Europameisterschaft im belgischen Hasselt, was ihn unter die Top Ten der Welt bringt. Im Viertelfinale besiegt er dort sein großes Idol Phil Taylor, den großen Mann des Sports und sechzehnfachen Weltmeister. „Ich kann es immer noch nicht glauben. Das hat sich fast wie ein WM-Sieg angefühlt.“ Als einen der wichtigsten Bausteine für seinen Erfolg sieht Suljović seinen Mentaltrainer. Dieser habe ihm geholfen, in entscheidenden Momenten nicht nervös zu sein und das Publikum auszublenden.

„I play darts. This is Mensur, this is me“

„Ich hatte auf der Bühne immer wieder Probleme bei Führungen. Ich war oft klar vorne und hab dann noch verloren. Mein Mentaltrainer hat mir Wege aufgezeigt, um diese Probleme zu überwinden. Welche, das bleibt geheim.“ Der zweite Pfeiler seines Aufschwungs ist sein Trainingsfleiß, der dritte sein unbändiger Wille. Milliarden Darts habe er in seinem Leben geworfen, sagt er. „Mich begeistern Leute, die sehr diszipliniert sind und nie aufgeben – wie Thomas Muster. Der war wirklich ein Kämpfer. Man hat immer gesagt, er ist wie ein Deutscher. Er hat nie aufgegeben.“

Die Weltmeisterschaft im Alexandra Palace in London ist für alle Dartspieler und –fans das Highlight des Jahres. Jeden Turniertag werden 4.500, teils skurril verkleidete Fans ihre Helden und sich selbst frenetisch feiern. Im letzten Jahr schied Suljović überraschend bereits in Runde zwei aus. Dieses Jahr wäre eine ähnlich frühe Niederlage eine Sensation. Der erste deutschsprachige Spieler, der überhaupt ein PDC-Turnier gewinnen konnte, ist bei der WM auch die große Hoffnung der deutschen Fans. Einen Profi, der auf Suljovićs Niveau spielt, gibt es in Deutschland nicht. Mensur Suljović weiß, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als Darts. Aber dennoch lebt er diesen Sport. Auch wenn er mal in Urlaub ist, muss er spielen. In einem TV-Interview mit der PDC sagte er: „I play darts. This is Mensur, this is me.“

Sven Scharf