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Keith Aucoin: Der Tom Brady des Eishockeys

Keith Aucoin ist in die Jahre gekommen, aber an seiner Effizienz hat der Angreifer des EHC nicht eingebüsst. Das Geheimnis ist die Liebe zum Spiel.

Autor: Christian Bernhard

Herr Aucoin, haben sich Ihre Angriffspartner eigentlich schon einmal bei Ihren Eltern bedankt?

Warum sollten Sie?

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #17

Weil Sie Ihnen beigebracht haben, dass man die Scheibe, wann immer es geht, abspielt.

Ach so (lacht). Das müssen sie nicht. Es ist mein Job, anderen dabei zu helfen, Tore zu schießen. Ich liebe es, meine Reihenkollegen scoren zu sehen.

Das klappt sehr gut, die 100-Assist-Schallmauer haben Sie in der DEL in weniger als zweieinhalb Jahren durchbrochen.

So bin ich aufgewachsen. Meine Eltern haben mir von Anfang an gesagt: Sei uneigennützig und passe die Scheibe. Manchmal tue ich es zu oft, denn es gibt Situationen, in denen ich besser schießen sollte, aber trotzdem passe. Aber so bin ich nun mal. Die Ansagen meiner Eltern und die Beobachtung meiner Vorbilder Craig Janney und Adam Oates haben mich zu dem Spieler gemacht, der ich bin.

Eishockey spielt seit Ihrer Geburt eine zentrale Rolle in Ihrem Leben.

Eishockey war immer meine Nummer 1. Ich stand schon mit 3 Jahren auf Schlittschuhen, habe auf dem See gezockt und bin um 6 Uhr morgens aufgestanden, um zu spielen. Zusammen mit meinen Eltern habe ich die Spiele der Boston Bruins angeschaut und als Weihnachtsgeschenk waren Karten für Bruins-Spiele das Größte für mich.

Ihre Eishockey-Begeisterung ging so weit, dass sie Ihnen sogar in der Schule zugutekam.

Ich hatte Probleme beim Erlernen des L. Als wir nicht mehr weiterkamen, haben mir meine Eltern gesagt: Male einen Eishockeyschläger! So habe ich das L gelernt. Es ist verrückt – zeigt aber, wie groß die Eishockey-Leidenschaft bei uns in der Familie ist.

Ihr drei Jahre jüngerer Bruder Phil hatte es dabei nicht immer leicht.

Wir haben immer auf der Straße gespielt. Da er der Jüngste war, musste er ins Tor. Und da wir nicht immer einen Helm dabei hatten, ist er schon mal mit blauen Augen und geschwollenen Lippen nach Hause gekommen. Aber das hat ihn nur härter gemacht (lacht).

Heute zurückzudenken ist super

Was wäre ein Leben ohne Sport für Sie?

Eigentlich kaum vorstellbar. Die Herausforderung, raus zu gehen und sich mit anderen zu messen, ist tief in mir drin. Wenn ich nicht Sport mache, schaue ich ihn im TV. Nicht mehr Teil einer Mannschaft zu sein, wird das Schwerste sein, wenn ich mal nicht mehr aktiv sein werde.

Sie haben 145 Spiele in der NHL bestritten. Was sind Ihre ersten Gedanken, wenn Sie an diese Zeiten zurückdenken?

Ich erinnere mich noch heute an den Anruf, als mir mitgeteilt wurde, dass ich mein NHL-Debüt feiern würde. Mein damaliger Coach hat mich in meinem Zimmer im Mannschaftshotel angerufen, mich aber nicht erreicht, da ich die Zimmer mit meinem besten Kumpel getauscht hatte. Ich habe es dann sofort meinen Eltern gesagt, und die haben mich abgeholt und zum Flughafen gebracht. Als Zweites kommt mir mein erstes Tor in den Sinn. Das habe ich gegen Martin Brodeur geschossen, einen der besten Torhüter aller Zeiten. Das kann mir niemand mehr nehmen.

Gleich in Ihrer ersten NHL-Saison waren Sie auch noch Teil der Carolina Hurricanes, die den Stanley Cup gewannen.

Oh ja. In den Playoffs kam ich aber nicht zum Einsatz, das hätte es für mich noch viel toller gemacht. Wir sind aber mit dem Team gereist und haben mit den Stammspielern trainiert. Am Abend, als wir den Cup geholt haben, war auch mein Vater im Stadion. Wir haben tolle Bilder gemacht.

 

 

Sie haben mit vielen großartigen Spielern zusammengespielt. Mit wem war es am beeindruckendsten?

Da gab es einige. In Washington stand ich in einer Reihe mit Alexander Owetschkin, damals und heute einer der weltbesten Spieler. Sehr gerne erinnere ich mich auch an Sergei Fjodorow zurück, er war ein echt netter Bursche. Ein Höhepunkt war mein Playoff-Duell mit Sidney Crosby. Bevor du aufs Eis kommst, denkst du eine Sekunde darüber nach, wer dir da gegenübersteht – dann musst du es aber sofort ausblenden. Heute zurückzudenken, ist super: Ich habe mit einigen der weltweit Besten gespielt und gegen die Besten, das empfinde ich als großes Glück.

In der Zwischenzeit sind Sie zum Vorbild geworden. Der 21-jährige NHL-Star Jack Eichel, der aus Ihrer Heimatstadt Chelmsford stammt, hat in seiner Kindheit zu Ihnen aufgeschaut.

Es ist Zeit für die Wachablösung. Jetzt ist er der Platzhirsch in unserer Stadt.

Ich liebe diesen Sport einfach immernoch

Wie hat sich der Eishockey-Sport im Laufe Ihrer langen Karriere verändert?

Zu Beginn meiner Karriere war es mehr ein Spiel für die großen und starken Jungs, auf dem Eis wurde viel gehalten und gehakt. 2005 hat die NHL ihr Regelwerk geändert und das Spiel wurde deutlich schneller. Das half mir und all den kleineren, wendigeren Spielern. Heute sind die Jungs groß und schnell, so wie Connor McDavid, der trotz seiner Größe über das Eis fliegt.

Sie wurden aufgrund Ihrer 1,73 Meter Körpergröße nie gedrafted. Hätten Sie bessere Chancen gehabt, wenn Sie ein paar Jahre später in die NHL gekommen wären?

Vielleicht. Als ich aus der Highschool kam, war ich noch deutlich kleiner. Ich habe erst auf dem College Masse und Zentimetern zugelegt, später als viele andere.

Eine Legende wurden Sie trotzdem. Mit 857 Scorerpunkten sind Sie einer der erfolgreichsten Angreifer in der Geschichte der AHL, der zweithöchsten Liga in Nordamerika. Erinnern Sie sich noch an die vielen Busfahrten?

Und wie. Oft sind wir nach zehnstündigen Fahrten um 5 Uhr morgens von einem Auswärtsspiel zurückgekommen und hatten am selben Abend schon wieder ein Spiel. Wir haben regelmäßig an drei aufeinanderfolgenden Tagen gespielt. Wenn du jünger bist, stört dich das nicht: Du schläfst einfach bis 12 Uhr mittags. Mit Kindern ist das nicht mehr so einfach. Aber die Zeit im Bus war auch witzig, obwohl die Technologie damals noch nicht so ausgereift wie heute war. Manchmal musste auch ein iPod mit Musik ausreichen (lacht).

Heute rocken Sie mit 39 Jahren die DEL. Was ist Ihr Geheimnis?

Da gibt es keines. Ich bin nicht mehr so schnell wie früher, aber ich lese das Spiel sehr gut. Ich weiß schon, was ich mit der Scheibe machen werde, bevor ich sie spiele. So bin ich anderen oft einen Schritt voraus. Dazu kommt, dass ich diesen Sport einfach immer noch liebe.

Ihr Angriffspartner Brooks Macek hat kürzlich gesagt, Sie werden immer noch besser.

Das glaube ich nicht (schmunzelt). Mit Brooks macht es großen Spaß. Wir müssen gar nicht viel miteinander sprechen, ich weiß, wo er auf dem Eis ist und er weiß, wo er mich findet. Manchmal nennt er mich den Tom Brady des Eishockeys. Dieses Kompliment nehme ich gerne an, Brady ist einer meiner Lieblingssportler.

Wenn ich alleine wäre, würde ich womöglich spielen, bis es nicht mehr geht

Spüren Sie Ihr Alter manchmal?

Es gibt Abende, da fühle ich mich träge. Das ist mir früher nicht passiert. Aber das ist Teil des Älterwerdens, speziell in einem Sport mit so viel Körperkontakt.

Sie haben mal erzählt, dass Sie es spüren, wenn Sie ein harter Check erwartet. Können Sie das erklären?

Ich will nicht behaupten, dass ich mit meinen Augen 360 Grad abdecken kann, aber selbst wenn ich auf dem Eis nach vorne blicke, kriege ich mit, was links und rechts von mir passiert. Mein Kopf ist immer oben, so weiß ich, wann ich in Gefahr bin. Mein peripheres Sehen hilft mir, den auf mich zulaufenden Gegner früh zu erkennen: So kann ich mich gut schützen.

Sie peilen mit München die dritte Meisterschaft in Serie an. Wie holt man Titel?

Ich war Teil einiger sehr talentierter Teams, die auf dem Papier erfolgreich hätten sein müssen, es aber nicht waren. Hier in München ist es so: Der Kern der Mannschaft ist seit drei Jahren derselbe und wir verbringen auch außerhalb des Eises viel Zeit miteinander. Das macht viel aus, denn so sorgst du dich mehr um deine Mitspieler. Unsere Chemie stimmt. Wir sind schwer zu bespielen, da wir vier starke Angriffsreihen haben, von denen jede den Unterschied machen kann. Unser Spielsystem ist sehr unangenehm für den Gegner: Wenn wir unser Spiel spielen, ist es für die Gegner schwer, überhaupt aus ihrem Drittel zu kommen.

Welche Rolle spielt Trainer Don Jackson dabei?

Don ist großartig. Er muss gar nicht laut werden, um uns zu erreichen. Als wir im November drei Spiele in Serie verloren haben, ist es in der Kabine vielleicht einmal lauter geworden. Er ist einer von uns. Wenn du in die Kabine kommst und nicht wüsstest, wer der Trainer ist, würdest du wahrscheinlich nicht drauf kommen. Vielleicht nur, weil er älter ist als wir Spieler.

Im November werden Sie 40 Jahre alt. Wie lange möchten Sie noch als Profi spielen?

Ich denke von Jahr zu Jahr. Es geht ja nicht mehr nur um mich, sondern auch um die Kinder. Das ist eine Familienentscheidung. Wenn ich alleine wäre, würde ich womöglich so lange spielen, bis es nicht mehr geht. Aber so lange wir in München Erfolg haben, wird es schwer werden, loszulassen. Wenn ich weitermache, dann hier. Ich würde nirgendwo anders hingehen. Wie in den letzten Jahren werde ich mich nach der Saison mit dem Verein zusammensetzen und alles in Ruhe besprechen.

Für die nächste Eishockey-Generation haben Sie mit ihren beiden Söhnen Bray- den und Nathan ja schon gesorgt.

Beide lieben es, auf dem Eis zu stehen. Brayden ist auch Stürmer, bei Nathan ist es noch nicht so klar. Er könnte ein Verteidiger werden. Ihm gefällt es, Steve Pinizzotto nachzumachen, indem er versucht, gegen Brayden zu kämpfen. Das muss ich ihm noch austreiben (lacht).

Hat Brayden auch schon Ihre Pass-Liebe im Blut?

Ich sehe ihn mehr schießen als passen, da habe ich noch Arbeit vor mir. Aber ich habe Christian (Winkler, Münchens Manager, Anm. d. Red.) bereits gesagt: Besser, du nimmst ihn jetzt schon unter Vertrag (lacht).

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Miracle on ice: „Glaubt ihr an Wunder? Ja!“

Lake Placid, 1980: Mitten im kalten Krieg erschufen 20 College-Eishockey-Boys gegen die als unschlagbar geltende Sowjetunion einen der größten olympischen Momente: Das Miracle on Ice.

Autor: Christian Bernhard

 

Wenn wir zehnmal gegen sie spielen, mögen sie neunmal gewinnen. Aber nicht dieses Spiel. Nicht heute. Heute halten wir mit ihnen mit. Heute bleiben wir an ihnen dran und schalten sie aus. Weil wir es können! Heute sind wir das größte Eishockey-Team der Welt. Ihr wurdet geboren, um Eishockeyspieler zu sein. Es ist eure Bestimmung, heute hier zu sein. Dieser Moment gehört euch.“

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #16

Sie werden kaum einen US-Amerikaner finden, der diese Worte nicht kennt. Herb Brooks sprach sie am 22. Februar 1980 aus und wusste in diesem Moment noch nicht, dass sie eines der größten olympischen Sport-Märchen einleiten sollten. Einen Moment, der als einer der bedeutendsten in die US-Sportgeschichte eingegangen ist.

An jenem Tag schlug die aus unbekannten College-Studenten bestehende US-Eishockey-Nationalmannschaft in Lake Placid, einem kleinen Wintersportort im Bundesstaat New York, die als unschlagbar geltende Sowjetunion, die bei den vier vorangegangenen Spielen jeweils Gold gewonnen hatte, mit 4:3 und holte später Gold. Die letzten Spielsekunden begleitete TV-Kommentator Al Michaels mit dem legendären Ausspruch: „Glauben Sie an Wunder? Ja!“ Das „Miracle on Ice“ war geboren. Und es hallt bis heute nach – als Inspiration für eine ganze Sport-Nation.

„Es ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht darauf angesprochen wurde – es sei denn, ich lag krank im Bett“, sagt Torhüter Jim Craig. Kapitän Mike Eruzione wird auch heute noch von Menschen angesprochen, die ihm erzählen, sie wüssten immer noch, wo sie in dem Moment waren, als „Kennedy erschossen wurde, Neil Armstrong auf dem Mond gelandet ist und wir dieses Spiel gewonnen haben“. Zur Jahrtausendwende wurde es in mehreren Umfragen zur größten US-Sportleistung des 20. Jahrhunderts gewählt. 

"Er wird uns nicht brechen"

Um zu verstehen, warum sich dieses Spiel so sehr in die kollektive Erinnerung eines ganzen Landes gebrannt hat, hilft ein Blick auf den außergewöhnlichen historischen Rahmen jener Zeit. Die US-Wirtschaft war damals am Boden, die Inflation dramatisch angestiegen. An den Tankstellen hingen aufgrund der Ölkrise „Benzin ausverkauft“-Schilder. US-Präsident Jimmy Carter sprach in einer Rede an die Nation von einer „Krise des Vertrauens“.

Diese wurde noch größer, als die Sowjetunion im Dezember 1979 in Afghanistan einmarschierte und damit eine neue, heiße Phase im Kalten Krieg zwischen dem kapitalistischen Westen und dem kommunistischen Osten einleitete. Das US-Selbstverständnis war am Boden. All das schwang mit, als die beiden Teams in Lake Placid aufs Eis kamen. Das Spiel wurde zum Symbol für den Kampf zwischen West und Ost, zwischen Freiheit und Kommunismus. An diesem Tag wurde der Kalte Krieg auf dem Eis ausgetragen.

Die wundersame Reise der US-Boys hatte im Sommer 1979 begonnen, als Trainer Herb Brooks mit 26 College-Spielern in die sechsmonatige Vorbereitung auf die Olympischen Spiele startete. Brooks hatte da schon ein großes Problem zu lösen: die Rivalität zwischen den Universitäten von Boston und Minnesota, die die meisten Spieler des Kaders stellten. Er musste aus rivalisierenden Spielern ein Team machen. Dafür schuf er für sie ein gemeinsames Feindbild: sich. „Er war der Bad Guy“, erzählt Verteidiger Bill Baker rückblickend, „und ihm gefiel diese Rolle.“ Brooks erklärte seinen Spielern: „Ich werde euer Trainer, aber nicht euer Freund sein.“ Eruzione sagte sich: „Puuh, das kann ein langes halbes Jahr werden.“

Genau das wurde es. Brooks ließ kaum eine Gelegenheit aus, um seine Spieler niederzumachen.

„Du wirst von Tag zu Tag schlechter, und im Moment spielst du so wie nächsten Monat“, war einer seiner Lieblingssprüche. Für die Spieler bedeutete das: viel harte Arbeit. Nach einem Testspiel-3:3 gegen Außenseiter Norwegen wollten sie in die Kabine, als Brooks ihnen mitteilte, sie sollen auf dem Eis bleiben. Dann ließ er sie eine Stunde lang von einer Linie zur nächsten sprinten. Immer und immer wieder. Selbst als das Licht in der Halle schon aus war, mussten die US-Boys weiter über das Eis hetzen. „Seine dröhnende Stimme hallte durch die dunkle und leere Arena“, erinnert sich Verteidiger Jack O’Callahan. Brooks’ Plan ging auf. „Dieser Moment machte uns zur Familie“, erzählt Torhüter Craig. „Wir Spieler haben uns angeschaut und gesagt: Er kann tun und lassen was er will, er wird uns nicht brechen.“ Das tägliche Bashing zwischen Trainer und Team habe aus den Spielern eine Einheit gemacht, betont Co-Trainer Craig Patrick.

Tiki-Taka auf Kufen

Wenige Tage vor dem Start der Olympischen Spiele kam es zum ersten Aufeinandertreffen mit den Sowjets. Im New Yorker Madison Square Garden duellierten sich beide Mannschaften in einem Testspiel – doch es war kein Duell auf Augenhöhe. „Wir wurden überrannt“, sagt Craig zu der 3:10-Klatsche, die noch höher hätte ausfallen können. „Wir dachten uns: Diese Burschen sind in einer anderen Welt.“ Die US-Spieler auf der Bank staunten wie kleine Jungs über die Kreativität und Stärke der Russen. „Sie waren wie Roboter, und wir waren Zuschauer“, unterstreicht Mark Johnson. Mike Eruzione brachte es auf den Punkt: „Das Fazit dieses Abends war: Willkommen in der realen Welt, boys!“ Die US-Spieler bekamen am eigenen Leib zu spüren, warum das Sowjet-Team wahlweise die „Rote Gefahr,“ die „Russische Maschine“ oder der „Große Bär“ genannt wurde.

Die Dominanz kam nicht von ungefähr. Elf Monate des Jahres waren die Spieler im Trainingslager einkaserniert, täglich wurde mindestens dreimal trainiert. „Unser Leben war schwierig und rau, praktisch ohne Familie, Kinder oder Hobbys. Es bestand nur aus Arbeit“, erzählt Wladislaw Tretjak, der bis heute als einer der besten, wenn nicht der beste Torhüter der Eishockey-Geschichte gilt. Freie Tage? „Das ist lustig“, sagt Verteidiger Wjatscheslaw Fetissow, „es gab keine freien Tage. Wir standen jeden einzelnen Tag auf dem Eis.“ Das Resultat war eine revolutionäre Spielweise, ein Tiki-Taka auf Kufen.

Trainer Wiktor Tichonow, ein KGB-Offizier, führte eisern Regie. Wie hart, bekam einer seiner Spieler zu spüren, der fragte, ob er seinen im Sterben liegenden Vater noch einmal sehen könne. Tichonows Antwort: „Du musst dich auf das nächste Spiel vorbereiten.“ In der Mannschaft kursierte der Spruch: Wer eines Tages eine Herztransplantation benötigte, sollte sich Tichonows Herz wünschen: „Es ist ja noch unbenutzt.“

"Glaubt ihr an Wunder? Ja!"

Die „Sbornaja“ war mehr als die Auswahl der besten Eishockey-Spieler des Landes, „sie repräsentierte die Spitze dessen, was die Sowjetunion erreicht hatte“, erklärt Wladimir Posner, ein bekannter russischer Journalist. „Sie war der Beweis, dass das sowjetische das beste System war. Es war nicht Sport, es war Politik.“ Jeder Sieg sei von einem politischen Unterton begleitet worden, betont der damalige Kapitän Boris Michailow. „Speziell bei Olympischen Spielen waren alle besorgt, wie wir unser Land vertreten würden.“ Tichonows Auftrag vor Lake Placid war klar: Er sollte mit der fünften olympischen Goldmedaille in Serie nach Moskau zurückzukehren.

Bis zum Start der Medaillenrunde, in der die Sowjetunion, Finnland, Schweden und die USA um Edelmetall spielten, lief für die UdSSR alles nach Plan: Sie gewann alle fünf Partien und erzielte dabei 51 Tore. Dann kam das Spiel gegen die USA. „Das Eis müsste schmelzen, damit die Amerikaner hier etwas holen“, schrieb The New York Times vor der Partie.

Die Russen gingen dreimal in Führung, doch die US-Boys glichen jedes Mal aus. Die Schlüsselszene des Spiels ereignete sich aber nicht auf der Eisfläche, sondern in der Kabine. Tichonow nahm beim Stand von 2:2 Torhüter Tretjak aus dem Spiel und ersetzte ihn durch die Nummer zwei, Wladimir Myschkin. „Es fühlte sich an, als ob ein großes Loch in unser Team gerissen wurde“, beschreibt Verteidiger Sergei Starikow den Wechsel. Als Verteidiger Fetissow Jahre später auf diese Situation angesprochen wurde, schüttelte er nur den Kopf und sagte mit seinem prägnanten russischen Akzent: „Coach crazy.“ Der selbst bezeichnete den Wechsel rückblickend als seinen „schlimmsten Fehler“.

Myschkin blieb im Mitteldrittel ohne Gegentor, doch im Schlussabschnitt fiel das 3:3 – und dann Eruziones 4:3. In den letzten zehn Spielminuten verteidigten die USA die Führung leidenschaftlich, dann schrie Al Michaels in sein Mikrofon: „Glaubt ihr an Wunder? Ja!“

Das "Miracle on Ice" war nicht das Ende, sondern der Beginn

„Dieses Spiel hat mich gelehrt, dass du niemals deinen Gegner unterschätzen solltest“, sagt Fetissow. „Wir haben gegen sehr ehrgeizige, junge amerikanische Burschen verloren, die von der ersten bis zur letzten Sekunde dieses Spiels daran geglaubt haben, dass sie Champions werden würden.“ Zwei Tage später trat genau das auch ein; die USA schlugen Finnland mit 4:2 und sicherten sich so die Goldmedaille.

„Wir haben weder die Russen aus Afghanistan verjagt noch die Ölkrise gelöst“, sagt Eruzione. „Aber die Menschen haben sich besser gefühlt und waren wieder stolz darauf, Amerikaner zu sein. Das war viel bedeutsamer als ein Eishockeyspiel.“

Fetissow ist sich bewusst, dass er ,Boris Michailow‘, eine „der berühmtesten Silbermedaillen der Sport-Geschichte“ besitzt. Der Mythos „Miracle on Ice“ beruhe aber auch auf einer „selektiven Wahrnehmung“, betont er. Der russische Journalist Sewa Kukuschkin, der das Spiel für die sowjetische Nachrichtenagentur TASS vor Ort verfolgt hatte, erklärte es in der Dokumentation Of Miracles and Men so: „Schauen Sie, wahrscheinlich ist es ein Problem der Amerikaner. Wenn ein junger Mann Sophia Loren geküsst hat und sein ganzes Leben lang erzählt, ‚Wow, ich habe Sophia Loren geküsst‘, dann ist das eine Seite der Betrachtung. Aber fragen sie mal Sophia Loren, ob sie sich daran erinnert.“

Die Folgen von damals seien aber bis heute sichtbar, sagt Igor Larionow. Für ihn war das „Miracle on Ice“ nicht das Ende, sondern der Beginn. Der damals 19-Jährige rückte danach in die Nationalmannschaft auf und wurde zu einem der besten Angreifer aller Zeiten. Jeder Amerikaner solle stolz auf den US-Sieg in Lake Placid sein, sagt er, „aber alle Eishockey-Fans sollten sich auch an das Vermächtnis der sowjetischen Teams dieser Ära erinnern“. Die Brillanz der heutigen Superstars Sidney Crosby oder Patrick Kane sei „auf sonderbare Weise das Produkt sowjetischer Kreativität und Freiheit auf dem Eis“.

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Sinan Akdağ: Der Mesut auf Eis

Sinan Akdağ spielte als Kind Fußball – bis er zum Schrecken seiner Eltern in die Eishalle nebenan ging. Ein SOCRATES- Interview mit dem Mesut auf Eis

Autor: Daniels Süha Özkaya

Viele junge Deutsch-Türken gehen in der Jugend zum Fußball. Was hat Sie zum Eishockey gebracht?

Bis zu meinem zwölften Lebensjahr spielte ich Eishockey und Fußball, aber von Anfang an war klar, dass ich lieber Eishockey spielen wollte. Ich begann mit vier Jahren, die Halle war ganz in der Nähe meines Elternhauses in Rosenheim, das war ein wichtiger Faktor.

Der Artikel erschien in Ausgabe #2

Die türkische Population in Rosenheim ist relativ groß. Gab es Druck, sich doch dem Fußball anzuschließen?

Fußball ist natürlich der Weltsport Nummer 1, aber Eishockey ist in Europa und Nordamerika auch sehr populär, eine der beliebtesten Sportarten nach dem Fußball. Leider steckt im Eishockey nicht so viel Geld wie im Fußball. Das macht wahrscheinlich auch den Unterschied, aber ich bin total zufrieden mit der Situation. Das war für mein Umfeld auch von Anfang an in Ordnung.

Wie hat Ihre Familie und Ihr Umfeld reagiert, als Sie anfingen?

Mein Vater hatte diese Sportart nicht gekannt und fand es sehr spannend. Meine Familie hat mich unterstützt. Sie versuchen heute noch
so oft wie möglich meine Spiele zu besuchen. Wenn nicht, versuchen sie einen Stream im Internet zu bekommen.

Sie verließen das Elternhaus relativ früh – für eine Sportart, die Ihrem Umfeld lange fremd war. Wie schwierig war der Weggang?

Als ich nach Krefeld ging, war ich erst 17 Jahre jung. Es war sehr schwierig für mich, alleine zu leben, zumal ich dann auch wenig spielte. Ich musste mich beweisen und mir einen Namen machen. Manchmal kann man nicht abschätzen, wie es weitergehen wird und wohin der Weg einen führt. Aber er ist gut gelaufen.

Der Familien-Ersatz waren Ihre Teamkollegen. Mit den meisten spielen Sie seit der U18-Nationalmannschaft zusammen.

Die Jungs waren nicht nur Familien-Ersatz, Sie wurden zu meinen Freunden. Das lange Zusammenleben hat gut getan, wir haben heute noch ein starkes Teamgefühl, was in bestimmten Situationen vom Vorteil sein kann.

Im Fußball ist Mesut Özil ein großes Vorbild für türkischstämmige Familien. Würden Sie sich in diesem Sinne als ein Mesut Özil des Eishockeys sehen?

Ich versuche immer, ein gutes Vorbild für Kinder zu sein und vielleicht sogar ein Ansporn, um sie für Eishockey zu begeistern. Leider sind wir in der DEL nur zwei türkische Spieler: Der andere ist Yasin Ehliz in Nürnberg. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Zahl bald steigen würde.

Sie sind der Beweis, dass man auch als Eishockey-Exot Erfolg haben kann. Sie wurden in der vergangenen Saison zum besten Verteidiger der DEL gewählt. Und dennoch sorgten Sie auch für viele Assists und Tore.

Meine Leistung in der letzten Saison war sehr gut, aber Eishockey ist ein Teamspiel. Meine Mannschaftskollegen haben mich sehr unterstützt. Ich arbeite in jeder Saison daran, mich zu verbessern, aber meinen Erfolg verdanke ich meiner Mannschaft.

Träumen Sie eigentlich von der NHL?

Ich bin jetzt im besten Alter und würde gerne noch viel gewinnen. Das ist mein primäres Ziel. Für die NHL bin ich ein bisschen spät dran, aber wenn ein Angebot käme, würde ich natürlich darüber nachdenken.