Archiv für die Kategorie: Fußball

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Corentin Tolisso: „Ich hatte sofort Tränen in den Augen“

Bayern Münchens Mittelfeldspieler Corentin Tolisso steht mit Frankreich im Finale der WM 2018. Er ist gierig auf den Titel und gibt ein Versprechen.

Interview: Alexis Menuge

Monsieur Tolisso, was bedeutet für Sie die Équipe de France?

Es ist einfach ein Traum. Es ist mein Land, meine Heimat, die wir als Spieler repräsentieren. Wer träumt als Franzose nicht davon, für Les Bleusaufzulaufen und das renommierte blaue Trikot zu tragen? Es gibt kaum etwas Schöneres. Ich bin sehr glücklich, dass ich mich Nationalspieler nennen darf.

Wie war es, als Sie im März 2017 das erste Mal von Nationaltrainer Didier Deschamps in den Kader berufen wurden?

Das war ein magischer Moment. Ich hatte sofort Tränen in den Augen, weil es ja mein größter Kindheitstraum war. Als kleiner Junge habe ich oft davon geträumt und plötzlich ging er in Erfüllung. Das werde ich nie vergessen.

Worauf waren Sie dabei am meisten stolz?

Dass ich mein erstes Länderspiel vor den Augen meines Vaters, der immer für mich da war, und vor den Augen meiner Freunde gespielt habe. Das war großartig und sehr emotional. Außerdem fand das Testspiel gegen Spanien zu Hause im Pariser Stade de France statt.

Welchen Status haben Sie mittlerweile in der französischen Nationalmannschaft?

Die Konkurrenz dort ist sehr groß, vor allem auf meiner Position. Von daher kann ich nie sicher sein, dass ich gesetzt bin. Es gibt keine Garantie, berufen zu werden, auch wenn man gut gespielt hat, wie ich zum Beispiel in den beiden wichtigen WM-Qualifikationsspielen Anfang Oktober in Bulgarien und gegen Weißrussland. Mir ist bewusst, dass ich mich nie ausruhen darf. Das Ticket nach Russland muss man sich erst mal verdienen, und das geht nur, indem man bescheiden bleibt und sich immer wieder pusht. Ich versuche einfach, sowohl im Training als auch in den Spielen mein Bestes zu geben. Ich will mir nichts vorwerfen lassen.

Rud Völler

Es gibt nur einen...

Er ist eine der größten Figuren des deutschen Fußballs, doch Rudi Völler sieht sich nicht als Legende. Das Interview mit ihm, der Gastbeitrag von Waldemar Hartmann, Interviews mit Horst Hrubesch, Moritz Fürste und Co. sowie die 10 größten Sportlegenden der Geschichte in der 21. Ausgabe von SOCRATES. Gleich hier klicken und die Ausgabe bestellen.

Worauf kam es für Frankreich bei der WM am meisten an?

Wir müssen eine Einheit bilden. Das ist bei einem solchen Turnier, bei dem man fünf bis sechs Wochen ständig zusammen lebt, das A und O. Wenn der Zusammenhalt nicht stimmt, dann hat man keine Chance. Dementsprechend glaube ich an uns, weil die Stimmung in unserer Kabine hervorragend ist. Das könnte sogar das entscheidende Element sein. Außerdem…

Ja?

Die Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern stimmt. Diese Mischung sorgt dafür, dass wir uns bestens verstehen und dass wir alle am gleichen Strang ziehen… Außerdem sind alle Spieler bescheiden und hungrig. Wir alle wollen etwas Großartiges erreichen. Die Gier ist groß. 

Wer ist der Top-Star dieser Mannschaft?

Wenn ich ehrlich bin, gibt es keinen Spieler, der besonders heraussticht. In meinen Augen ist der Star einfach die Mannschaft.

Das erinnert an den FC Bayern, oder?

Ja, das stimmt. Wie heißt es so schön: Allein ist man schneller, aber zusammen kommt man weiter. Die Solidarität ist sowohl beim FC Bayern als auch in der französischen Nationalmannschaft der große Trumpf. Wie in München müssen wir wie in einer Familie miteinander umgehen. Dazu gehört auch, dass wir uns manchmal ganz klar die Meinung sagen, aber ehrlich und fair miteinander umgehen.

Sie haben Erfahrungen gesammelt. Wofür steht für Sie der deutsche Fußball?

Wenn ich an den deutschen Fußball denke, habe ich sofort das Endspiel der WM 2002 vor Augen: Deutschland unterlag damals Brasilien. Dann gab es die WM 2006 im eigenen Land mit einer unglaublichen Partie im Halbfinale, als die Italiener das letzte Wort in der Verlängerung hatten. Bei den Spielern hat mir Philipp Lahm durch seine großartige Konstanz auf höchstem Niveau immer imponiert. Ich erinnere mich noch an sein tolles Tor beim Eröffnungsspiel gegen Costa Rica in München. Auch Bastian Schweinsteiger hatte eine tolle Ausstrahlung auf dem Platz, er ackerte ohne Ende. Lukas Podolski hat mich mit seinem Torriecher und seinem unglaublichen linken Fuß ebenso begeistert. Alles Spieler, die mal beim FC Bayern gespielt haben…

Im Mittelfeld der französischen Nationalmannschaft gibt es einige hochkarätige Spieler. Ist die Konkurrenz sogar größer als beim FC Bayern?

Wenn ich ehrlich bin, ist es schwer, beide Teams zu vergleichen. Aber ich stimme auf jeden Fall zu, dass in beiden Fällen die Konkurrenz unglaublich groß ist. In der Nationalmannschaft gibt es Spieler wie Paul Pogba, Blaise Matuidi, N’Golo Kanté oder Adrien Rabiot. Das sind alles Weltklasse-Spieler, und ich könnte noch mehr Namen nennen. In München sind es dann Spieler wie Thiago, Arturo Vidal, Sebastian Rudy, James Rodríguez oder Javi Martínez, auch alles ausschließlich gestandene Nationalspieler. Die meisten haben bereits Halbfinals und Finals in der Champions League bestritten. Meine Konkurrenten in der französischen Nationalmannschaft haben teilweise weniger Konkurrenz in ihren jeweiligen Klubs als ich in München. Hier ist mir immer bewusst, dass ich stets bei 100 Prozent sein und bei jeder Trainingseinheit überzeugen muss. Ansonsten spiele ich nicht. Und wenn ich bei der Nationalmannschaft ankomme, habe ich dieselbe Mentalität, die ich immer in mir gehabt habe. Ich wollte immer schon beweisen, dass ich besser als die anderen bin. Das ist meine Einstellung zu diesem Beruf.

Beschreiben Sie, worauf es in Ihrem Spiel am meisten ankommt?

Ich muss in beiden Strafräumen effektiv sein. Auf der einen Seite, um Tore zu erzielen und den entscheidenden Pass zu spielen, was in meinen Augen den modernen Mittelfeldspieler ausmacht. Auf der anderen Seite, im Spiel gegen den Ball, muss ich weiterhin hart an mir arbeiten. Ich muss in der Balleroberung noch aggressiver werden, um so Freiräume für meine Mitspieler zu schaffen.

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In welchen Bereichen haben Sie die meisten Fortschritte in Ihrem Spiel gemacht, seit Sie im vergangenen Sommer nach München kamen?

Ich bin vielfältiger geworden, ich kann das Spiel besser lesen, schneller antizipieren und Konter des Gegners abfangen. Mit 23 Jahren weiß ich auch, dass ich mich noch entwickeln kann. In München muss ich mich zwischen dem Sechser und Zehner positionieren. Vergangene Saison bei Olympique Lyon habe ich mehrfach als Spielmacher agiert. Von dieser Erfahrung profitiere ich noch heute, weil ich zielstrebiger in die Spitze gehe. Das Wichtigste dabei: Man muss wissen, wo man steht, einfach spielen, um Selbstvertrauen zu tanken und dann die Initiative ergreifen.

In der Offensive fühlen Sie sich am wohlsten, stimmt’s?

Ja, vor allem weil ich ja als Kind im Sturm gespielt habe. Ich liebte es, Tore zu erzielen. Schritt für Schritt ging ich dann nach hinten, bis ich dann Rechtsverteidiger war. Aber diese Position lag mir nicht wirklich, also ging es wieder nach vorne.

Wenn Les BleusWeltmeister werden sollten, dann …

… werde ich mir den WM-Pokal auf den Rücken tätowieren lassen.

 

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Eine Tüte Deutschland bitte

Wie patriotisch darf man bei einer WM als Deutscher sein? Wie groß darf das Schlaaaand-Gefühl sein? Schriftsteller Moritz Rinke geht der Sache nach. Und küsst Uschi Glas.

─── I ───

Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ich war einmal Poolwächter der deutschen Nationalmannschaft. 2006 bei der WM in Deutschland. Eine Freundin von mir leitet mit ihrem Mann die größte Berliner Gebäudereinigungsfirma, welche den Auftrag vom Schlosshotel Grunewald bekam, zusätzlich zum Hotelpersonal Serviceleistungen durchzuführen, die durch zehn externe Reiniger eine größtmögliche Sauberkeit gewährleisten sollten. Ich fragte meine Freundin, ob es nicht elf sein könnten, die Verhandlungen zogen sich Wochen hin, dann war es so weit, ich sollte nicht reinigen, sondern den deutschen Pool bewachen.

Meine Aufgabe war es, Blätter und Insekten, die in den deutschen Pool hineinwehten, mit einem Käscher herauszufischen, Handtücher auszuwechseln und die Liegen nach Benutzung wieder liegefertig zu machen. Es gab noch die Anweisung, weder Autogrammwünsche auszusprechen noch die Gäste in ein Gespräch zu verwickeln, sondern nur den deutschen Pool zu bewachen von einem erhöhten Stuhl aus, ähnlich wie die Schiedsrichter beim Tennis oder die Küstenwache an der Nordsee.

Mein erster Gast am Pool war damals Oliver Kahn, mit Schlosshotel-Grunewald-Badeschuhen und Bademantel. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Kahn nickte auch, dann sprang er mit Kopfsprung in den deutschen Pool. Kahn kraulte vier Bahnen, stieg über den Beckenrand raus, nahm den Bademantel und für das Gesicht nur ein Handtuch, das er auf die Liege warf, und ging.

Rud Völler

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Zwei Tage später hatte die deutsche Mannschaft ihr Eröffnungsspiel gegen Costa Rica in München und gewann mit 4:2, das erste Tor schoss Philipp Lahm mit einem gebrochenen Arm, deshalb kam er während der WM auch nie an meinen Pool – mit gebrochenem Arm kann ein Philipp Lahm zwar WM-Tore schießen, aber nicht schwimmen.

Zur Begrüßung der siegreichen Mannschaft hatte ich mir etwas überlegt. Ein türkischer Gemüsehändler hatte mir eine Deutschlandfahne angeboten, erst winkte ich ab, dann fragte er, warum ich denn von einem Türken keine deutsche Fahne nehme? Na gut, unter diesen Bedingungen konnte ich vielleicht meine erste Deutschlandfahne kaufen. Ich schaute noch schnell absichernd nach rechts und links, ob mich auch niemand sieht und verlangte nach einer Tüte.

„Warum Tüte?“, sagte der Türke, „Fahne musst du gleich hochhalten gegen Polen!“

„Nein, Tüte bitte!“

„Er kauft Fahne mit Tüte“, sagte der Gemüsehändler verwundert zu seinem Partner.

So in der Öffentlichkeit konnte ich damals noch nicht, das heißt, einfach so für alle sichtbar, für Deutschland jubeln, das kam noch nicht in Frage. Ich freute mich zwar, wenn die Deutschen ein gutes Spiel machten, aber Patriotismus mit mehreren zusammen, das konnte ich nicht, mit einer deutschen Fahne deutsche Siege feiern, das galt irgendwie immer noch als nationalistisch.

„Nein, es ist Patriotismus, der gesunde, neue Patriotismus“, sagte mir meine damalige Freundin, ausgerechnet eine Ungarin. „Du musst zwischen Nationalismus und Patriotismus unterscheiden. Nationalismus ist härter, Patriotismus weicher, nun freu dich doch mal!“

„Ich freue mich auch!“, sagte ich, theoretisch fände ich den weichen Patriotismus sogar schön, aber in der Praxis, mit den Deutschen zusammen, da sei ich eben gehemmt, weil ich mir die Deutschen natürlich in dem Moment, in dem ich versuche, gemeinsam Patriot zu sein, sehr genau ansehe. Das sei ja dann so eine Art Verschmelzung, man müsse ja dann mit den Deutschen verschmelzen und da gucke man sich dann halt vorher noch mal alles genau an – wie im Bordell, gute Schriftsteller sollen ja auch das Leben im Bordell studieren.

 

„Du arbeitest als Schriftsteller im Bordell?!“, fragte sie: „Nein, nein“, sagte ich, „ich versuche dir mein Unbehagen am praktischen Patriotismus zu schildern. Da sitzt man dann fünf Minuten auf der Bettkante, guckt sich alles an und dann kommt der Moment, nee, ich will doch eher eigentlich lieber nicht, so ein komischer aufgeblasener Busen und alles so hau ruck und eben nicht weich, na ja, und so ähnlich geht mir das auch mit dem praktischen Patriotismus in Deutschland.“

Am nächsten Tag hing die Fahne direkt an meinem Schwimmmeisterstuhl und offen gestanden hätte ich das nicht von außen sehen wollen, wie ich auf diesem Stuhl saß, links die Fahne und dann dieser Typ, der die ganze Zeit auf den deutschen Pool starrte, ob da vielleicht irgendwo was herumschwamm, was nicht zur deutschen Mannschaft gehörte.

Plötzlich kam Gerald Asamoah an den Pool, ausgerechnet Asamoah aus Ghana sah mich hier als erster mit meiner Fahne. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Asamoah nickte auch, dann sprang er in den Pool und schwamm. Er sang dabei – und ich fiel fast vom Stuhl – die Melodie „Du gehörst zu mir, wie mein Name an der Tür“ von Marianne Rosenberg.

Macht der das extra, fragte ich mich? Ob er mich blöd fand mit meiner deutschen Fahne? Man singt doch nicht einfach diesen Rosenberg-Song, darin lag doch ein versteckter Patriotismus-Vorwurf? Ich meinte von Seiten Asamoahs, einen ironisierenden Unterton herauszuhören und nahm mir vor, am nächsten Tag eine Fahne von Ghana an meinem Poolwächter-Stuhl zu befestigen. Andererseits, er spielte ja für Deutschland, warum sollte er mich blöd finden und mir Vorwürfe machen?

Dies war der Beginn meiner allmählichen Verwandlung in einen weichen Fußballpatrioten, denn gerade bei dieser WM in Deutschland machte ich große Fortschritte. Beim legendären Elfmeterschießen gegen Argentinien, Viertelfinale, war ich im Berliner Olympiastadion. Dieses irre Elfmeterschießen! Lehmann hatte einen Spickzettel von Andy Köpke bekommen und hielt den entscheidenden Elfmeter, Deutschland war im Halbfinale, Jubel, Jubel! Ich saß neben Uschi Glas, der deutschen Schauspielerin, die mir eine Deutschlandfahne auf die Wange malte. Über mir in der Ehrenloge küsste Angela Merkel Franz Beckenbauer, damals wusste noch niemand, wie das Sommermärchen zustande kam. Ich selbst küsste Uschi Glas nach Lehmanns Parade, einfach so, das war gewissermaßen mein Durchbruch als Patriot. Mein ganzes Leben hatte ich in diesem Nörgelland gelebt, freuen konnte man sich als Kind von 68er-Eltern über deutsche Fußballsiege ja sowieso nicht, das steckte ganz tief als Verbot im Unterbewusstsein, und plötzlich riss ich beim verschossenen Elfmeter der Gauchos die Arme hoch und küsste Uschi Glas.

Wie kann man das nun erklären, sich einfach so von Uschi Glas schwarzrotgold bemalen zu lassen und dann dieser Kuss? Vielleicht war es ein Gefühl, das eben nicht auf ein Statement, einen Kommentar, eine Abgrenzung, eine politisch zementierte und harte Botschaft gemünzt war, sondern es geschah aus einem freien, weichen Gefühl heraus, es war ein freier, liebender Patriotismus, so wie ihn die ungarische Freundin beschrieben hatte, einen Patriotismus, der nicht so sehr auf Kompensation, auf Ersatz für irgendwas beruhte.

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─── II ───

Es folgten weitere Turniere. 2008 die EM in Österreich und der Schweiz; 2010 die WM in Südafrika; 2012 die EM in Polen und der Ukraine. Das waren alles schöne Turniere, mit deutschen Teams, mit denen man sich in seiner angelernten Patriotismus-Laufbahn identifizieren konnte: Odonkor, Kurányi oder Aogo, Boateng, Özil, Khedira, Podolski, Gündoğan oder Mustafi, sie alle spielten in der deutschen Nationalmannschaft. Ich erinnere mich noch an das berühmte erste Migrationsfoto der Kanzlerin während der Qualifikationsphase für die WM in Südafrika. Die Kanzlerin stürmte ohne Anmeldung in die Umkleidekabine der deutschen Mannschaft und ließ sich mit dem halbnackten und erstaunten Özil fotografieren. Das war der Beginn des offiziellen deutschen Diversityfußballs – nur leider betraf diese Diversity nicht immer die deutschen Fans.

Bei der EM 2016 in Frankreich, wir waren ja mittlerweile Weltmeister in Brasilien geworden, hatte ich das erste Mal wieder einen Rückfall in alte Ängste aus der Zeit vor meinem Kauf der deutschen Fahne vom Türken. Ganz einfach: Es wurde mir zu viel…

Ein Deutschland-Spiel sah ich zum Beispiel zusammen mit 2000 Menschen am Postbahnhof im Quartier des 11Freunde-Magazins. Nach dem Spiel warf mir ein 11Freunde-Gast einen China-Böller vor die Füße, danach gab es einen widerlichen Knall.

„Warum machst du das?“, fragte ich.

„Schland!!“, schrie er mich an.

„Ach so“, antwortete ich. (Unfassbar, so ein Superböller explodiert mit einer Lautstärke von 120 Dezibel, ein deutsches Kaninchen fällt dabei tot um!)

Am Abend sah ich dann in der ARD „Waldis EM-Club“ aus einem Studio mit 2000 Leuten, die genauso aussahen wie die Menschen bei 11Freunde. Sie grölten ständig dazwischen, so dass auch die Studiogäste in ihren Aussagen immer lauter, böllernder und schlandmäßiger wurden, damit sie von den Schlandmenschen nicht ausgepfiffen wurden.

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Am nächsten Tag beobachtete ich vom Balkon aus, wie ein Mann an seinem Auto arbeitete. Er hatte schon zwei Fahnen hinten, aber jetzt kniete er vor seinem Automobil und hielt eine Deutschlandfolie anpassend vor seinen Tankdeckel. Dann klebte er akribisch die Folie auf den Deckel, wobei er ein kleines Stück seiner gepressten Zunge seitlich herausstreckte, so wie man es manchmal bei Menschen beobachtet, die ein Höchstmaß an Konzentration mit einer Form von herausgepresster Lust verbinden. Die Tatsache, dass die Folie offenbar genau auf den Tankdeckel passte, schien den Mann zu ergötzen.

Diese gepresste Freude mit der wurstartigen Zunge und der Deutschlandtankdeckelfolie war plötzlich für mich zum Symbol dieser Schlandwochen geworden, die man als fußballliebender Purist vermutlich in Zukunft weit weit weg verbringen müsste.

Gepresste Freude, so eine gepresste, angestrengte Schland-Freude oder Schland-Sitte, das war es, was sich mehr und mehr ausbreitete. Die zu entdeckende Freude an einer neuen deutschen Spielkultur unter Jürgen Klinsmann und Jogi Löw von 2006 mit einem völlig anders aussehenden Team, diese Freude hatte sich mit den Jahren in ein irgendwie mechanisch wirkendes Schlandtum verzerrt, das mich eben an die Zeiten unter Berti Vogts oder Rüdi Völler erinnerte, in denen die Spieler Kohler, Schneider, Bierhoff, Ballack, Babbel, Böhme, Hamann oder Ziege hießen und man immer noch von deutschen Tugenden sprach, die die Deutschen 2002 ins Finale von Yokohama gegen Brasilien brachten, wo dann ausgerechnet Kahn, der Titan, mein erster Gast am Pool, versagte, nachdem er sonst alles gehalten hatte.

Ich weiß noch, dass ich während der EM 2016 in Frankreich die Termine meiner Frau in der Ausländerbehörde immer auf Tage der Schlandspiele legte.

In Haus C, Abteilung Z7, im Warteraum C64 mit festgeschraubten Eisenstühlen starrten Afrikaner, Asiaten, Amerikaner und weitere Menschen aus Ozeanien auf eine Anzeigetafel neben dem Nummernautomaten, und ich war mir immer sicher, dass die Ausländerbehörde der einzige Ort in Berlin war, an dem man keine Schlandfahnen sah, keine Schlandtrikots und keine Schlandbacken. Garantiert hatte hier auch keiner Schlandböller dabei oder einen Schlandautospiegel.

─── III ───

Und wo werde ich nun die WM 2018 verbringen an jenen Tagen, an denen Deutschland spielt? 2006 saß kein einziger der AfD im Bundestag, es gab die Partei gar nicht, aber heute ist sie die stärkste Oppositionspartei mit 92 Sitzen und die Form und Inhalte ihrer Reden und oft ruppigen Einwürfe erinnern mich jetzt immer mehr an diesen Schland-Böller vor meinen Füßen im Quartier der 11Freunde. Und nun finden wir also die Böller, Brüller und die deutschen Parolen nicht nur auf den Marktplätzen, sondern auch im Bundestag. Natürlich, das sind keine Naziparolen, und nicht jeder, der AfD wählt, ist automatisch ein Rechtsradikaler – und ich finde sogar, dass man die Ängste dieser AfD-Wähler sehr ernst nehmen sollte – aber was bedeutet diese Spaltung der Gesellschaft für meine alte patriotische Identifikation mit Fußballdeutschland? Wie unterscheide ich meine Identifikation der Lust und der Freude am deutschen Spiel von jener der Deutschland schreienden Identifikation aus dem Gefühl, überfremdet, benachteiligt, weggeschoben, nicht beachtet und ausgegrenzt zu sein? Springe ich bei deutschen Toren auf und jubele und erkläre danach, dass ich das nicht politisch meine? Absurd, ja, aber darüber beginnt man ja schon nachzudenken, so sehr setzt einem schon dieses nationale Gerede zu. Und wie verhalte ich mich, wenn die, die jetzt deutsche Traumpässe bejubeln, eigentlich damit meinen, dass Deutschland den Deutschen gehöre und nicht mal registrieren, dass der Traumpass von Özil kam? Kurz: Was passiert nun mit meiner schönen, weichen Chiffre, Uschi Glas schwarzrotgoldene Wange zu küssen?

Von Moritz Rinke

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Oliver Kahn: Weiter. Immer noch weiter.

Oliver Kahn hat in seinem Leben fast nur gewonnen. Und dennoch prägte eine Niederlage das Leben des einstigen Welttorhüters. Wie der „Titan“ mit Rückschlägen umgeht und warum Siege nicht über Glück und Unglück entscheiden, erzählt er im Interview mit Socrates.

Oliver Kahn, kennen Sie einen Sportler, der noch nie verloren hat?

So ein Sportler ist mir absolut unbekannt. Ich fasse es noch weiter: Ein Mensch, der immer nur gewinnt – den gibt es nicht. Und im Hochleistungssport schon gar nicht, weil dort die Leistungsdichte viel zu groß ist.

Das Interview erschien in der 5. Ausgabe

Das Interview erschien in der 5. Ausgabe

Warum beschäftigen sich Sportler so ungern mit Niederlagen, wenn diese so alltäglich sind?

Niederlagen wirken zunächst stark negativ auf das eigene Selbstvertrauen. Wenn ich beispielsweise an die Niederlage 1999 denke, als wir mit Bayern gegen Manchester United das Champions-League-Finale in zwei von drei Minuten Nachspielzeit verloren haben, war das zunächst ein absolut niederschmetterndes Ereignis. Es hat eine Zeit gedauert, bis ich mich davon vollständig erholt hatte. Ich musste erst einmal mit vielen negativen Gefühlen umgehen, die da auf mich einstürzten. Nach so einem Erlebnis war ich nicht fähig, sofort einen Strich drunter zu machen und zu sagen: „Okay, haken wir ab, weiter geht’s.“ Da kommen auch Gefühle wie Zorn und Unsicherheit auf. Es schwirren Fragen im Kopf herum: Was habe ich zu der Niederlage beigetragen, was hätte ich besser machen können? Das musste ich alles verarbeiten – und es dann im besten Fall irgendwann in Energie verwandeln. Aber das braucht Zeit. Das sind sehr schmerzhafte und teilweise auch langwierige Prozesse. Und deshalb kann ich mir sehr gut vorstellen, dass die meisten Sportler sich ungern mit Niederlagen beschäftigen, weil sie genau wissen, wie zerstörerisch diese wirken können.

Niederlagen sind also keinesfalls förderlich?

Der Glaube, dass wir aus Niederlagen ganz besonders viel lernen, ist ein Irrtum. Es ist mittlerweile bekannt, dass wir ganz besonders aus unseren Erfolgen lernen und nicht aus unseren Rückschlägen. Erfolg nährt nun mal den Erfolg. Sinnvoll ist es auch, sich an den Erfolgen Anderer zu orientieren und daraus für sich die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ich habe das in meiner Jugendzeit öfter gemacht.

Wer diente Ihnen zur Orientierung?

Als ich noch in den Jugendmannschaften des Karlsruher SC gespielt habe, war der damalige Nationaltorwart Toni Schumacher ein sportliches Vorbild für mich. Aber auch Boris Becker und Steffi Graf. Sie haben die Mentalität verkörpert, mit ihrem Talent und ihrer Willenskraft schier Unmögliches möglich zu machen. Sie haben Matches gedreht, womit kein Mensch mehr gerechnet hatte. Aber sie haben auch Niederlagen erlitten, die schmerzlich waren – auch für einen als Zuschauer. Aber sie haben weitergemacht und hatten dann schon Wochen oder Monate später wieder die Möglichkeit, große Finals zu gewinnen. Das hat mich geprägt. Idealerweise sucht man sich solche Erfolgsbeispiele und versucht aus diesen zu lernen.

Der Lerneffekt aus Niederlagen bleibt aus?

Überspitzt formuliert lerne ich aus Fehlern höchstens, wie ich etwas nicht machen soll. Ich kenne keine fundierten Fakten, die eindeutig belegen, dass es Teams gelungen ist, aus ihren Rückschlägen so viel abzuleiten, dass sie hinterher erfolgreicher waren als vorher. Was hätte ich für mich persönlich aus der Niederlage beim WM Finale 2002 lernen sollen? Dass ich beim nächsten Mal den Ball von Rivaldo festhalte? Das ist ja eine bahnbrechende Erkenntnis. Ich will damit sagen, dass erfolgreiche Teams oder Menschen sich nur bis zu einem gewissen Maß mit dem Negativen auseinandersetzen. Aber dann geht es darum, schnellstmöglich zu versuchen, diesen Fehler, das Scheitern oder die Niederlage zu korrigieren. Hemingway hat es in seinem Heldenepos „Der alte Mann und das Meer“ sehr archaisch ausgedrückt: „Der Mensch kann zerstört werden, aber er darf nicht aufgeben“.

WM-Sonderheft: Die 20. Ausgabe ist im Handel!

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Schlagen wir nochmal das Kapitel WM-Finale 2002 auf. Wie haben Sie Ihren Fehler verarbeitet?

Die Torwartposition ist gerade dazu prädestiniert, dass Fehler passieren. Dennoch: Als Fußballer bin ich Mannschaftssportler und stehe nicht alleine auf dem Platz. Natürlich war das eine unglückliche Situation. Natürlich hat diese dazu geführt, dass wir 0:1 in Rückstand geraten sind. Genauso hätten wir aber danach noch drei Tore schießen können. Niemand muss die Schuld für einen Fehler auf sich nehmen. Es reicht, die Verantwortung für ein Missgeschick zu übernehmen. Heute spielt dieses Finale in meinem Leben kaum noch eine Rolle.

Wie meinen Sie das?

Klar, wäre ich gerne auch noch Weltmeister geworden. Die Zeit war wunderbar mit vielen Emotionen. Der Fußball war aber lediglich ein Zeitabschnitt. Diese Zeit ist schon lange vorbei und es geht weiter. Bei meinen heutigen unternehmerischen Aktivitäten stehe ich vor ganz anderen Herausforderungen. Hier helfen mir sportliche Erfolge aus der Vergangenheit nur bedingt. Aber so eine Erkenntnis muss reifen.

Das kann auch sehr lange dauern.

Peter Schmeichel und ich haben uns darüber mal unterhalten. Er hat ja eine ähnliche Karriere wie ich gemacht. Er hat gesagt, bei ihm habe die Verarbeitung seiner Karriere fast zehn Jahre gedauert. Was mich betrifft, würde ich dem nicht ganz zustimmen. Das kann auch schneller gehen. Aber es dauert, sich nach zwanzig Jahren als Profi emotional vom Fußball zu lösen und neue Herausforderungen anzunehmen.

Können junge Talente überhaupt von Ihrer großen Erfahrung lernen? Oder müssen sie diese Erfahrungen selbst machen?

Grundsätzlich sollten wir jeden seine Erfahrungen selber machen lassen. Ich spüre bei unserer Stiftungsarbeit oder bei Goalplay, dass bei jungen Menschen ein großes Interesse an dem Thema Erfolg besteht. Es gibt ja durchaus unterschiedliche Auffassungen, was Erfolg überhaupt ist.

Wie haben Sie Erfolg wahrgenommen?

Ich durfte mit vielen großen Spielern viele Titel gewinnen. Champions-League-Sieger, Deutscher Meister, Pokalsieger und Welttorhüter. Das waren alles große Ziele von mir, für deren Erreichen ich zu allem bereit war. Aber als ich das jeweilige Ziel erreicht hatte, spürte ich häufig auch ein Gefühl von Ernüchterung in mir: So auf die Art: Und was kommt jetzt? Diese Hatz von Ziel zu Ziel, um möglichst viele Titel auf der Autogrammkarte zu haben, ist letztendlich nicht alles. Leider bemerken wir meistens erst hinterher, dass es vor allem die vielen Erlebnisse, also der Weg zum Erfolg ist, der am spannendsten ist. Wenn ich heute an die Zeit zwischen 1999, verlorenes Champions-League-Finale, und 2001, gewonnenes Champions-League-Finale, denke, muss ich sagen: Ich erinnere mich weniger an die Pokalübergabe. Aber ich erinnere mich an diesen langen Weg zum Triumph in vielen Details. Erfolg, der nur auf Zielerreichung basiert, wird schnell schal.

Wie treten Sie als Führungspersönlichkeit jungen Talenten heute gegenüber – als harter Hund oder bester Freund?

Weder noch. In der Oliver Kahn Stiftung ist es unser Ziel, jungen Menschen Perspektiven zu schaffen. Das bedeutet, dass wir sie stark machen, ihre Potentiale erkennen und diese dann individuell entwickeln. Das kann ich nur, wenn ich mich mit den Stärken und Schwächen der Menschen beschäftige und auseinandersetze. „Stark machen“, das ist nicht nur meine Vorstellung vom Umgang mit jungen Menschen, sondern auch meine Vorstellung von Führung. Ein Beispiel.

Bitte.

Ich höre oft: In einer Mannschaft sollten alle gleichbehandelt werden. Ein Team besteht aber aus Individualisten, die ihre Freiräume brauchen. Es besteht aus Teamplayern, die oft unauffällig agieren, aber enorm wichtige Dienste für eine Mannschaft leisten. Und es gibt Führungsspieler, die Spaß daran haben, die Verantwortung zu bekommen und zu übernehmen. Die Qualität des Zusammenspiels eines Teams ergibt sich vor allem aus der Unterschiedlichkeit ihrer Charaktere. Deshalb macht es auch Sinn, diese Spielertypen unterschiedlich zu behandeln, um sie wirklich weiterzubringen und stärker zu machen.

Beim Stichwort „stark machen“ denkt man an strategische Arbeit und Ausrichtung. Wie reizvoll ist der Sportvorstands-Posten beim FC Bayern oder einem anderen Verein für Sie?

Natürlich lockt dieses Geschäft immer mal wieder. Aber ich verspüre große Lust, meine eigenen unternehmerischen Aktivitäten weiterzuentwickeln. Zudem habe ich meinen ZDF Vertrag bis zur Weltmeisterschaft 2018 als Experte verlängert. Deshalb denke ich im Moment nicht darüber nach, wieder in das Fußballgeschäft einzusteigen.

Bayern-Fans dürfen sich auch keine Hoffnung auf Oliver Kahn in einer repräsentativen Funktion machen?

Durch eine Funktion beim FC Bayern, wie sie ja jetzt Giovane Elber, Mark van Bommel und Hasan Salihamidžić übernommen haben, wäre meine Rolle als ZDF-Experte nicht mehr glaubwürdig. Die Spiele des FC Bayern kritisch zu begleiten und gleichzeitig beim FC Bayern einer Tätigkeit nachzugehen, ist nicht miteinander vereinbar. Mehmet Scholl hat die Problematik als Bayern-Amateurtrainer und TV-Experte erlebt. Unter dem Strich ist das eine Frage der Glaubwürdigkeit. Deshalb musste Mehmet irgendwann eine Entscheidung treffen.

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Gilt Ihr „weiter, immer weiter“ für Sie persönlich weiterhin?

„Weiter, immer weiter“ – natürlich gilt das noch. Aber als Spieler hatte diese Aussage eine andere Bedeutung als heute. Da wurde ich konfrontiert mit sportlichen Niederlagen, mit Momenten, in denen es nicht läuft. Da hatte das „weiter, immer weiter“ einen kämpferischen Charakter. Aber ich lebe mein Leben heute nicht mehr mit den alten Mantras, die zu meiner aktiven Fußballzeit ihre Gültigkeit hatten. Mittlerweile begreife ich „weiter, immer weiter“ als Motto für Weiterentwicklung. Für mich formuliert es eine Bereitschaft, die eigenen Komfortzonen immer mal wieder zu verlassen, um die eigenen Grenzen zu überwinden.

Muss der FC Bayern in Zukunft möglicherweise auch mal die eigene Komfortzone verlassen, um weiterhin die Liga zu dominieren?

Der FC Bayern ist seinen Stakeholdern und seinen Anhängern zum ständigen Erfolg verpflichtet. Die handelnden Personen können sich daher ohnehin nie auf dem Erreichten auszuruhen. Die Dominanz, die sich dieser Verein erarbeitet hat, ist eine Folge exzellenter Arbeit in allen Bereichen. Ein Ende der nationalen Dominanz kann ich nicht erkennen. Da müssten schon fatale Fehler gemacht werden.

Trotzdem muss nach und nach ein Umbruch in der Kaderstruktur gelingen. Geht das mit dieser immensen Erwartungshaltung problemlos?

Selbst bei größeren Veränderungen in der Kaderstruktur und einer etwas schwächeren Übergangsphase ist die Qualität der Spieler immer noch hoch genug, um national um Platz eins mitzuspielen. Wenn der Klub einmal Zweiter oder Dritter in der Bundesliga werden sollte, wäre das kein Problem, da die Einnahmen aus der Champions League – und um diese geht es letztendlich – weiterhin fließen würden. Ich sehe ein Problem eher woanders.

Wo?

Es wird auch für Bayern München eine große Herausforderung, den Robben oder den Ribéry der Zukunft zu bekommen. Wenn die Engländer oder Spanier ihre Schatullen in den kommenden Jahren richtig aufmachen, wird die spannende Frage sein: Wie weit ist der FC Bayern bereit, da mitzugehen? Im Krieg um die besten Spieler werden enorme Summen aufgewendet werden müssen. Die Marke von 150 Millionen Euro für einen Spieler wird bald fallen.

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Kann man ansonsten auch als Fernsehexperte ein Spiel verlieren?

Nach dem Halbfinal-Aus bei der EM 2012 gegen Italien verlor die deutsche Nationalmannschaft auch ihr erstes Freundschaftsspiel im August gegen Argentinien mit 3:1. Damals hatte mir nicht gefallen, wie die Mannschaft auf diese Niederlage gegen Argentinien reagierte. Es schien den Spielern egal zu sein. Ich hätte mir mehr Unzufriedenheit bei den Spielern in den anschließenden Interviews gewünscht. Daraus wurde dann eine dieser unsäglichen „Typen-Diskussionen“ gemacht.

Da werden Sie doch immer als positives Beispiel genannt.

Es gibt heute genauso viele interessante Typen, wie sie es zu meiner Zeit gegeben hat. Wer als ehemaliger Spieler mehr Typen fordert, was auch immer damit eigentlich gemeint sein soll, setzt sich immer dem Verdacht aus, mit einem Finger auf sich selbst zu zeigen. Nach dem Motto: Wir brauchen mehr Typen, so wie ich einer war. Mein erster Trainer, Winnie Schäfer, hat von mir verlangt, frech, präsent, lautstark und positiv aggressiv zu sein. Er sagte immer: „Die Spieler müssen wissen, dass du da bist.“ Die heutige Generation von Fußballern hat in den Jugendleistungszentren eine ganz andere Erziehung genossen. Deshalb sind Vergleiche zwischen unterschiedlichen Generationen selten zielführend.

Interview: Felix Seidel

(Das Interview erschien in der 5. Ausgabe von Socrates im März 2017)

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Die WM-Helden der Nationalspieler

Es ist der Traum vieler Menschen: Fußballprofi werden. Schafft man es dann noch zu einer Weltmeisterschaft, ist das Maximum eigentlich schon erreicht. Deutschlands Nationalspieler verwirklichten diesen Traum, sie sind ganz oben angelangt. Wen sie als Jugendliche bei Weltmeisterschaften besonders als Idole sahen, bevor sie selbst zu Stars wurden, verraten Mesut Özil, Mats Hummels und Co. bei SOCRATES.

Nicht alle haben es zur WM geschafft, doch Nationalspieler sind die zehn Spieler, die SOCRATES vor der WM befragt, alle geworden. Thomas Müller und Co. waren einst selbst Fans – und das auch von ihren Idolen. Wer diese waren, erfährt ihr hier…

Klicken Sie auf die Galerie und lesen Sie, wer die WM-Helden der Nationalspieler sind.

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Das Sonderheft zur FIFA WM 2018 bietet alle Informationen rund um die deutsche Nationalmannschaft. Was sind die neuen Wege, die Joachim Löw für die Titelverteidigung, bestrebt? Was sagt Deutschlands neue Stürmerhoffnung Timo Werner über sein Dasein als Stürmer Nummer 1 bei der WM?

Und außerdem gibt es für alle SOCRATES-Leser einen WM-Spielplan sowie eine hochwertige DFB-Illustration gratis dazu. Nun gibt es die Möglichkeit, den Spielplan auch online zu bekommen. Klicken Sie auf den Download-Link und wappnen Sie sich mit dem Socrates-WM-Spielplan für die Spiele in Russland.

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Jerome Boateng: „Mein Körper ist noch zu mehr fähig“

Jerome Boateng hat sich in den letzten Jahren zu einem der besten Abwehrspieler der Welt entwickelt. Im Interview mit SOCRATES sprach der Innenverteidiger des FC Bayern München über die Faszination von Duellen, eine wichtige Rote Karte und über Wechselgedanken.

Können Sie sich an Ihren ersten großen Konkurrenten im Fußballverein erinnern?

Ja, schon. Marcel Prestel. Wir waren gut befreundet. Er hat damals in der Jugend bei Hertha BSC die gleiche Position gespielt wie ich. Marcel war ebenfalls ein echt starker Spieler des 88er Jahrgangs.

Der Artikel erschien in der 19. Ausgabe

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Warum haben Sie im Gegensatz zu ihm den Sprung zu den Profis geschafft?

Das hatte verschiedene Gründe. Marcel hatte irgendwann nicht mehr so Lust auf Fußball. Dazu kamen private Schwierigkeiten. In seiner Familie sind wichtige Personen gestorben. Das stimmt einen nachdenklich, da verlagern sich Prioritäten und Denkweisen. Und dann verändern sich auch Wege.

Entscheidet das Leben mehr über die Karriere als das Talent?

Es kommen viele Aspekte zusammen. Manchmal ist es wichtig, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Es gehört aber auch Glück dazu. Wenn Kapitän Arne Friedrich sich 2006 nicht verletzt hätte, hätte ich vielleicht nie die Chance bekommen, bei Hertha durchzustarten und in den Fokus zu rücken. Vielleicht hätte es länger gedauert, vielleicht wäre ich einen anderen Weg gegangen. Wer weiß das schon? Nichtsdestotrotz: Ohne Talent und Disziplin hätte ich die sich durchs Leben auftuende Chance nicht nutzen können. Wenn du die Chance kriegst, musst du sie nutzen.

Mittlerweile zählen Sie zu den Größten Ihres Sports. Nicht nur fußballerisch, sondern auch körperlich mit Ihren 1,93 Meter. Ragten Sie schon immer heraus?

Körperlich schon. Ich zählte immer zu den Größten in meinen Teams, ohne dass ich so groß war, dass ich mir ständig dumme Sprüche anhören musste. Darüber bin ich rückblickend ganz froh. Ich bin einfach schnell gewachsen, weshalb ich eine zeitlang anhaltende Knie- und Rückenprobleme hatte. Einerseits war das nicht leicht. Andererseits war diese Erfahrung für mich wertvoll.

Inwiefern?

Weil ich früh verstanden habe, dass ich meinen Körper pflegen, möglichen Verletzungen vorbeugen muss. Ich habe da begonnen, präventiv zu arbeiten, vor allem spezielle Übungen für den Rücken zu machen. Das zahlte sich aus und hat mir gezeigt: Man kann an allen Schwachstellen arbeiten – nicht nur an fußballerischen Schwächen.

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Fußball-Legende Paul Breitner sagte in der zweiten SOCRATES-Ausgabe: „Wir geben unseren dreijährigen Kindern keinen Tennis-Schläger in die Hand, legen ihnen keinen Fußball in die Wiege oder keine Laufschuhe, damit sie Spaß haben. Wir tun das, damit sie lernen, früh genug zu gewinnen.“ Stand für Sie als Kind auch bereits das Gewinnen im Vordergrund?

Spaß gehörte natürlich dazu. Aber das Gewinnen hatte sehr früh Priorität, ja. Ich mag es nicht zu verlieren. Ich war ein richtig schlechter Verlierer. Und bin es immer noch, auch wenn ich damit besser umgehen kann als früher.

Sie sind mit den Jahren ein besserer Verlierer geworden?

Das musst du mit der Zeit. Niederlagen gehören im Sport dazu, damit musst du umgehen – ob du willst oder nicht. Und im Fußball bist du ja nicht alleine. Du hast Mitspieler, bist Teil eines Teams. Ich habe früher auch leidenschaftlich Tennis gespielt und musste mich dann im Alter von 14 Jahren entscheiden, ob ich den Tennis- oder Fußballsport weiterverfolgen möchte. Meine Entscheidung fiel für den Fußball aus, weil da Kollegen Fehler von mir wieder ausbügeln konnten. Im Tennis hatte jeder Fehler von mir eine Endgültigkeit. Damit konnte ich damals nicht vernünftig umgehen – da war ich einfach noch zu emotional.

Ihr Weltmeister-Kollege Per Mertesacker äußerte jüngst, dass es Phasen gab, in denen er Angst vor Fehlern hatte. Er sprach von einem Horrorszenario. Ist es als Abwehrspieler schwerer, Fußballprofi zu sein?

Eines ist klar: Wenn du als Abwehrspieler einen Fehler machst, kann sich dieser oftmals schlimmer auswirken, als wenn du als Stürmer beispielsweise eine Torchance vergibst. Fehler werden hinten meistens bestraft, du wirst dann schnell als alleiniger Schuldiger ausgemacht und auch öffentlich für konkrete Handlungen kritisiert. Aber das ist das Spiel. Das weiß man als Fußballprofi. Und glauben Sie mir: Auch Stürmer haben Druck. Druck ist immer da. Für jeden.

Wie haben Sie gelernt, mit Druck umzugehen?

Du gewöhnst dich daran. Es war ja keineswegs so, dass ich zum Anfang meiner Karriere in ein ausverkauftes Stadion eingelaufen bin und mir dachte: ‚Ah cool, viele Leute hier, das macht dir nichts aus, du spielst dein Spiel locker runter.‘ Nein, so war das nicht. Erstes Mal Nationalmannschaft, erstes Mal Champions League, erstes Mal WM. Natürlich habe ich da Druck gespürt, natürlich war ich da nervös. Aber mir ist es immer ganz gut gelungen, diese Nervosität mit dem Anstoß in positive Energie umzuwandeln, sodass es mir im Spiel wirklich Spaß gemacht hat. Heute bin ich teilweise immer noch nervös, aber einfach anders, vielleicht kontrollierter nervös. Weil ich einfach weiß, was auf mich zukommt.

Nochmal konkret: Hemmt oder pusht Sie Druck?

Früher hat Druck bewirkt, dass ich gelegentlich verkrampft habe. Heute ist eher das Gegenteil der Fall, da pusht mich der Druck. Ich freue mich auf jedes Event, ganz besonders auf die ganz großen Spiele. Ich nehme Druck mittlerweile als ein positives Kribbeln wahr, das ich Vorfreude nenne. Aber klar, trotz eines guten Gefühls kann im Spiel auch mal was schiefgehen, das habe ich ja alles schon erlebt. Aber davon lasse ich mich nicht mehr unterkriegen.

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Sie sind wie Per Mertesacker jemand, der Fehlentwicklungen oder Kritik sehr offen anspricht. Wann kam bei Ihnen der Punkt, an dem Sie vom eher lautlosen Abwehrmann zum lautstarken Anführer wurden?

Diesen einen Punkt gibt es nicht. Das ist eine Entwicklung über Jahre. Ich kann mich nicht nach meinem ersten Länderspiel hinstellen und sagen: ‚So geht das nicht, Freunde.‘ Diese Rolle musst du dir erarbeiten. Zunächst auf dem Platz mit kontinuierlich guten Leistungen, dann aber auch menschlich. Du benötigst ein gutes Standing im Team, um Gehör bei den Mitspielern zu finden. Ich bin keiner, der sich aufdrängt und sein Gesicht überall zeigen muss. Und dennoch habe ich mich ganz bewusst dafür entschieden, Verantwortung anzunehmen und aufgrund meiner Erfahrung auch eine sportliche Führungsperson zu sein – sowohl in der Nationalmannschaft als auch im Verein. Und dann kann und muss ich mich äußern. Mir ist nur wichtig zu untermauern, dass ich Kritik niemals nur um der Kritik willen ausspreche, sondern dass ich stets etwas verbessern möchte. Zudem will ich damit verhindern, dass man in einen Trott reinkommt.

Stellen junge, aufstrebende Spieler zu früh Führungsansprüche?

Das nehme ich schon gelegentlich wahr, ja. Aber am Ende des Tages schadet so ein Verhalten dem jeweiligen Spieler selbst. Du kannst noch so gut sein: Wer den Mund zu voll nimmt, fällt am Ende meistens hart. Weil kaum ein etablierter Spieler bereit sein wird, dich aufzufangen.

Wie ist das bei Ihnen: Wenn Sie beim FC Bayern merken, dass da ein Talent verbal ziemlich forsch agiert, lassen Sie das Geschehen dann laufen und warten ab, was passiert?

Nee, den Jungen nehme ich zur Seite. Dem würde ich unter vier Augen schon deutlich etwas sagen. Einmal, vielleicht zweimal, aber dann ist auch Schluss. Wenn er es dann nicht begreift oder nicht empfänglich für Worte erfahrenerer Spieler ist, muss er selbst schauen, wie er mit seiner Art durchkommt. Wir betreiben einen Mannschaftssport, und dennoch muss am Ende jeder selbst über seinen Weg entscheiden.

Mussten Sie auf Ihrem Weg viel kämpfen, um Ihren heutigen Status zu erreichen?

Auch das war eine Entwicklung. Bei mir ist nicht alles von Anfang an perfekt gelaufen. Der FC Bayern war bei meinem Wechsel 2011 ein großer Schritt für mich – der größtmögliche in Deutschland. Die Erwartungshaltung war komplett anders und neu für mich. Jeder Fehler wurde öffentlich wahrgenommen und bewertet. Aber auch das hat mir gutgetan. Ich bin dadurch noch fokussierter geworden.

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Erinnern Sie sich noch an die Reaktionen auf Ihre Rote Karte im Champions-League-Spiel mit dem FC Bayern gegen Bate Borisov 2012?

Oh ja! Da dachte ich mir damals schon: ‚Hoppla! Was ist denn hier los?‘ Über die Härte der Kritik von allen Seiten war ich überrascht. Im Nachhinein steht für mich fest: Diese Situation war ein entscheidender turning point in meiner Karriere. Ich habe mir danach gesagt: ‚Jérôme, jetzt erst recht.‘

Erst recht was?

Jetzt packst du die Herausforderung erst recht. Das Duell gegen mich selbst bin ich danach noch härter angegangen. Das ermöglichte mir anschließend, auch die Duelle um einen Stammplatz in der Mannschaft zu gewinnen. Denn nach besagter Roten Karte habe ich eine zeitlang nicht mehr von Anfang an gespielt, weil ich ja in der Champions League gesperrt war und der Trainer wollte, dass sich die Mannschaft für die entscheidenden Spiele einspielt. Daniel van Buyten spielte an meiner Stelle, bis ich mir meinen Platz zurückerkämpfte.

Sind Duelle gegen sich selbst schwieriger als gegen andere?

Auf jeden Fall. Erstmal musst du selbst erkennen, dass es mit dir zu tun hat. Dass du der erste bist, der es ändern kann. Es ist wesentlich leichter, auf deine Konkurrenten zu schauen als auf dich selbst.

Was fasziniert Sie an Duellen im Sport?

Ich empfinde sportliche Duelle als unglaublich bereichernd und förderlich: Weil man sich durch den gewollten Wettbewerb gegenseitig zu Höchstleistungen pushen kann. Man kann es schon so deuten, dass der Fußball der moderne Gladiatorenkampf ist. Da kommen zwei Gegner in eine ausverkaufte Arena, um sich zu bekämpfen. Heute zum Glück wesentlich friedlicher als früher.

Jedoch auch wesentlich öffentlicher.

Was sicher seine Vor-, aber auch Nachteile hat. Ich möchte hier keine Medienschelte betreiben, aber auch nicht lügen. Ganz ehrlich: Ich weiß manchmal wirklich nicht, wer da bei gewissen Zeitungen benotet. Ob da wirklich jeder Sportjournalist erkennt, ob es einem Abwehrspieler im Aufbau unter Druck gelingt, die Bälle in der Eröffnung in die Zwischenräume zu spielen. Ich will das gar nicht bewerten, einfach nur in Frage stellen. Generell gibt es aber etwas, was mich tatsächlich stört.

Was denn?

Wenn wir als Mannschaft gut spielen, die Stürmer die Tore schießen und die Abwehrspieler gut verteidigen, werden die Verteidiger in der öffentlichen Wahrnehmung anschließend ignoriert. Verlieren wir jedoch und haben die Stürmer keine Tore geschossen, werden nach einem Spiel die Verteidiger gefragt und müssen sich rechtfertigen. Das passt nicht zusammen.

Sie fordern öfter die Note 1 für Abwehrspieler?

Ich fordere gar nichts. Es ist gelegentlich ja auch schwierig zu beurteilen. Spielen wir gegen eine Mannschaft, indem wir die ganze Zeit drücken, drücken, drücken und hinten so gut wie nichts zu tun haben, kannst du dich als Abwehrspieler auch nicht auszeichnen. Dass dann hinten die Null steht, ist dennoch gut, denn es kann immer mal einer durchrutschen. Aber dafür die Note 1? Nein, die will ich auch gar nicht.

Aber Sie verlangen Respekt.

Ich denke, Respekt ist allgemein wichtig. Jeder Person und auch jeder Position gegenüber. Das versuche ich auch, bei der Erziehung meinen siebenjährigen Zwillingstöchtern zu vermitteln. Mir ist klar, dass die Stürmer und Mittelfeldspieler generell mehr im Fokus stehen. Damit habe ich auch kein Problem. Aber wenn man sich im Fußball auskennt, kann man erkennen, ob ein Abwehrspieler eine starke Leistung bringt, selbst wenn ein Stürmer in diesem Spiel zwei Tore erzielt. Man sollte es dann nur nicht vergessen.

Wo finde ich Socrates?

Ihre Nationalspieler-Kollegen Jonathan Tah oder Antonio Rüdiger nehmen Ihre Leistungen sehr genau wahr und nennen Ihren Namen, wenn sie nach ihren Vorbildern gefragt werden. Macht Sie das stolz?

Das ist schön zu hören. Ich bin ja selbst stolz auf meine Entwicklung. Und es freut mich, wenn jüngere Spieler sich an mir orientieren und ich ihnen einen für sich selbst erstrebenswerten Weg aufzeigen kann. Ich verstehe mich übrigens mit beiden Spielern sehr gut.

Dennoch sind beide Spieler letztendlich Konkurrenten von Ihnen.

Ohne Zweifel: Auch die beiden möchten am liebsten immer in der Nationalmannschaft spielen. Aber sie respektieren meine Leistung genauso, wie ich ihre respektiere. Und sollte jemand von ihnen oder ein anderer besser sein, muss ich es respektieren und selbst daran arbeiten, dass ich wieder an meinem Konkurrenten vorbeiziehe. So wie damals nach der Roten Karte gegen Borisov.

Nach der Sie beim FC Bayern alle wichtigen Duelle und alle großen Vereinstitel gewonnen haben. Im September werden Sie nun 30 Jahre alt. Kann irgendwann der Punkt eintreten, an dem Sie sagen: Ich benötige noch mal neue Duelle, weil ich sie in München alle gespielt habe?

Es stimmt: Ich habe beim FC Bayern alles erlebt. Jeden Wettbewerb, der im Vereinsfußball zu gewinnen ist, haben wir gewonnen. Und ja, die Zeit eines Fußballers ist begrenzt. Zehn Jahre werden es bei mir leider nicht mehr sein, da brauche ich mir nichts vorzumachen. Dennoch bin ich überzeugt, dass mein Körper zu noch mehr fähig ist, dass ich mich fußballerisch noch weiter steigern und noch einige Jahre auf höchstem Niveau agieren kann. Und so komme ich langsam an den Punkt, an dem ich gewisse Fragen für mich beantworten muss: Was sind meine noch nicht erreichten Ziele? Möchte ich mich immer wieder beim gleichen Klub mit den gleichen Voraussetzungen beweisen? Das hat wenig mit dem Wohlbefinden an einem Ort zu tun. Es geht vielmehr um die Frage der persönlichen Herausforderung. Das sind gar nicht unbedingt klassische Karrierefragen, das sind Lebensfragen. Ich denke, von denen kann sich keiner einfach so freimachen. Letztendlich sind es die Fragen, die einen als Menschen antreiben.

Und, haben Sie einige dieser Fragen für sich schon beantwortet?

Ich fokussiere mich immer auf bestimmte Zeitabstände. Jetzt gilt meine volle Konzentration dem FC Bayern und den entscheidenden Wochen der Saison sowie der deutschen Nationalmannschaft mit Blick auf die anstehende WM. Ich will dieses Turnier in Russland so erfolgreich wie möglich bestreiten.

Denken Sie, Sie würden bei einem anderen Verein genauso funktionieren wie beim FC Bayern?

Es gibt Spieler, die im Ausland super zurechtkommen, anderen gelingt das nicht. Es ist möglicherweise eine Typfrage, die ich für mich aktuell nicht klar beantworten kann.

Obwohl Sie ja bereits eine Auslandserfahrung gemacht haben. 2010 und 2011 spielten Sie bei Manchester City.

Meine kurze Zeit bei Manchester City lief völlig anders, als ich sie mir vorgestellt hatte – gerade auch wegen meiner zwei Knieverletzungen. Zudem spielte ich nicht auf der Position, die ich mir vorstellte. Ich war damals noch sehr jung, es fühlt sich aus heutiger Sicht ein bisschen so an wie ein anderes Zeitalter.

Dann blicken wir wieder auf die Gegenwart. Mit welcher Zielsetzung reisen Sie zur WM nach Russland?

Wenn du den Titel schon mal gewonnen hast und siehst, dass es von der Qualität deiner Mannschaft her möglich ist, dann willst du unbedingt wieder den Pokal holen. Keine Frage: Ich habe nur ein Ziel in Russland – Weltmeister werden. Aber wir haben insbesondere in den März-Länderspielen gegen Spanien und Brasilien gesehen, dass es nicht von alleine geht, dass uns nichts geschenkt wird. Wir müssen definitiv noch etwas draufpacken und besser spielen als in Brasilien. Die Mannschaften werden bei der WM 2018 noch stärker sein als bei der WM 2014.

Halten Sie Ihr Team denn für besser als vor vier Jahren?

Von der Qualität der einzelnen Spieler her, ja. Aber das heißt nicht automatisch, dass auch die Mannschaft besser ist. Die mannschaftliche Geschlossenheit spielt bei einem Turnier eine enorm große Rolle.

Entscheidet sich die WM mehr im Kopf oder in den Beinen?

Beide sind wichtig. Aber der Kopf spielt sicherlich eine sehr große Rolle.

Welche Mannschaft hat den stärksten Kopf?

Spanien. Die spielen am schlausten.

Welches Team besitzt die stärksten Beine?

Das ist eine gute Frage. Welche Mannschaft kann am besten rennen? Vielleicht die Südkoreaner oder die Mexikaner. Diese Nationen rennen in jedem Spiel quasi um ihr Leben.

Und über welche Qualität verfügt die deutsche Mannschaft?

Über eine sehr gute Mischung aus starkem Kopf und starken Beinen.

Interview: Felix Seidel und Fatih Demireli

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Lucien Favre im Exklusiv-Interview: „Pässe machen nicht den Unterschied“

Lucien Favre ist neuer Trainer von Borussia Dortmund. Der Schweizer gilt als Perfektionist, als Detailversessener. Aber eigentlich will Favre nur spielen. SOCRATES traf den Neu-Borussen im vergangenen Jahr und sprach über seine Art des Fußballs.

Lucien Favre, was mögen Sie am meisten im Fußball?

Den Ball an sich. Ich bin irgendwie in den Ball verliebt. Sobald ich einen Ball sehe, muss ich mit dem spielen. Auch noch heute – bei den Trainingseinheiten spiele ich mit dem Ball, sobald ich einen sehe. Ich jongliere ein bisschen und habe dabei viel Spaß. Für mich ist der Ball wie ein Magnet. Er zieht mich immer an.

Der Artikel erschien in Ausgabe #04

Der Artikel erschien in Ausgabe #04

Was hat sich Ihrer Meinung nach spielerisch in den vergangenen 10 bis 15 Jahren grundsätzlich verändert?

Nicht so viel. Was die Spielsysteme betrifft, werden sie während des Spiels angepasst. Zum Beispiel fängt man mit einem 4-3-3-System an und nach zehn Minuten wird es zu einem 3-4-3 oder einem 3-4-1-2, was vor ein paar Jahren noch nicht der Fall war, denn da hat man meistens dasselbe System neunzig Minuten beibehalten. Mittlerweile wurden alle möglichen Systeme ausprobiert. Dementsprechend ist es unmöglich, neue Systeme zu erfinden.

Wieso werden die Systeme im Vergleich zu früher so oft verändert?

Es gibt mehrere Gründe: Immer mehr Spieler können auf verschiedenen Positionen spielen, die Außenverteidiger werden zu Flügelspielern, die Flügelspieler spielen mehr in der Mitte und die Defensiv-Mittelfeldspieler agieren zwischen den zwei Innenverteidigern. Der größte Unterschied zu früher ist die Bewegung. Um den Gegner zu überraschen und zu besiegen, muss man schnell und zielstrebig nach vorne spielen. Das Spiel wird immer intensiver. In den 60er Jahren ist ein Spieler im Durchschnitt vier Kilometer gelaufen. Heute spult er zwischen 12 und 14 Kilometer ab.

Ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem die Reaktion auf eine Aktion ein Ende hat, oder dreht es sich immer weiter so wie in den letzten 70, 80 Jahren?

Im Großen und Ganzen dreht es sich wie in den 70er Jahren, nur mit dem Unterschied, dass das heutige Spiel intensiver ist. Und wenn man den Ball um den gegnerischen Strafraum verliert, wird sofort gepresst, um so schnell wie möglich den Ball zurückzuerobern. Das wird bei vielen Mannschaften praktiziert. Das war früher nicht so.

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In welchen Teilbereichen – Ausbildung, Spielerentwicklung – liegen die meisten Potenziale?

Da gibt es einige. Um das Spiel noch schneller zu machen, muss man erst einmal eine gewisse Spielintelligenz haben. Dann kommt die Technik. Um den Ansprüchen gerecht zu werden, muss man auch eine top Kondition haben. In meinen Augen liegt das größte Potenzial in der Ausbildung im technischen Bereich. Ich finde, dass in vielen Klubs in diesem Bereich nicht unbedingt gut gearbeitet wird. Zum Beispiel den Ball in Höchstgeschwindigkeit zu kontrollieren und anschließend sofort einen langen präzisen Diagonal-Ball nach vorne zu spielen, gelingt nicht jedem Spieler. Wenn man es beherrscht, wird der Gegner überfordert. So kann man das Spiel besser und schneller machen. Oder wenn man einen tollen Pass nach vorne in Höchstgeschwindigkeit spielt, um den Gegner zu überraschen, das ist ebenfalls etwas, was mir gefällt. Ein moderner Spieler sollte beidfüßig sein. Die größte Baustelle befindet sich definitiv bei der Technik. Da besteht noch viel Verbesserungsbedarf.

Ist das Dribbling nach wie vor wichtig im heutigen Spiel?

Definitiv. Man macht ja durch ein starkes Dribbling den Unterschied. Schauen Sie sich einfach einen Arjen Robben oder einen Franck Ribéry an, die das drauf haben, egal ob in Eins-gegen-Eins- oder in Eins-gegen-Zwei-Situationen. Diese Art von Spielern ist unheimlich wichtig, weil das Spiel ansonsten langweilig ist. Nur Pässe zu spielen, ist ja nicht spektakulär. Deswegen muss in der Ausbildung der Akzent aufs Dribbling weiterhin forciert werden. Ein Spieler, der zwei Gegner durch ein Dribbling eliminiert und dann einen feinen Pass spielt, das ist der Sinn des Kollektivs. Für mich ist es notwendig, Spieler in seinen Reihen zu haben, die dribbeln können, weil sie jederzeit den Unterschied machen können. Den Unterschied nur mit Pässen zu machen, ist fast unmöglich.

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Wie sieht es mit der Gegner- und Spielanalyse aus. Glauben Sie daran, dass das Spiel immer noch mehr verwissenschaftlicht oder technologisiert wird?

Es ist nicht wirklich mein Ding. Mir ist wichtig, dass das Spiel einfach bleibt. Man sollte diese Sportart nicht kompliziert machen, weil ansonsten die Zuschauer fernbleiben. Nur die Technik sorgt dafür, dass das Spiel schneller und intensiver wird. Wenn man technisch limitiert ist, kriegt man große Probleme, auf dem höchsten Niveau zu bestehen. Dafür muss man schnell antizipieren und handlungsschnell sein. Ich sehe heute noch viele Spieler, die Schwierigkeiten haben, wenn der Ball fliegt und gestoppt werden muss. Da haben viele Spieler etliche Defizite.

Sie vertrauen der Videoanalyse.

Um nichts dem Zufall zu überlassen. Das Wichtigste an den Videos ist, unser letztes Spiel im Detail zu analysieren. Da kann man viele Sachen verbessern. Danach kommt die Analyse des künftigen Gegners: Wie spielt er, was sind seine Stärken, Schwächen und so weiter. Auch wenn wir 5:0 gewinnen, gibt es immer etwas zu analysieren, um individuell und als Mannschaft nach vorne zu kommen.

Wie effektiv ist eigentlich In-Game-Coaching?

Es ist schon wichtig, aber wichtiger bleibt, was der Trainer für eine Arbeit mit seiner Mannschaft unter der Woche leistet: Welche Übungen werden gemacht, auch abhängig vom Spielstil des nächsten Gegners. Aber auch der Spieltag ist wichtig: die Motivation, die Rede in der Halbzeit. Und während der Partie sind Details ebenfalls nicht zu unterschätzen, vor allem was die Taktik betrifft. Deswegen ist das In-Game-Coaching nicht überbewertet. Man muss sich auch für die richtigen Wechsel zum richtigen Zeitpunkt entscheiden, entweder um eine Führung auszubauen oder zu verteidigen, oder um einen Rückstand aufzuholen.

Was ist für einen Trainer im Endeffekt das Wichtigste?

Dass er jeden Parameter jederzeit im Griff hat: Die Beziehung zu seinen Spielern, zu seinen Kollegen, zu seinen Verantwortlichen, zu seinen Mitarbeitern, zu den Schiedsrichtern, zur medizinischen Abteilung und zu den Medien. Man muss immer das Gefühl haben, dass man jederzeit seinen Job im Griff hat und dass man jederzeit weiß, wie man mit seinen Spielern um- geht. Der menschliche Aspekt steht über allem.

Spielt Improvisation ebenfalls eine wichtige Rolle in Ihrer täglichen Arbeit?

Ich würde eher sagen, dass die Intuition sehr wichtig ist. Improvisieren ist schwer, eher planen halte ich für wichtiger.

Haben Sie manchmal nicht den Eindruck, dass die Gefahr besteht, dass sich Ihre Spieler bei den Trainingseinheiten langweilen?

Das gehört auch zur Aufgabe des Trainers, dass er alles daransetzt, damit die Übungen genug variieren, damit man kreativ ist. Das ist in der täglichen Arbeit natürlich sehr wichtig. Auch ein Trainer muss für sich schauen, dass er jeden Tag dazu lernt, sei es im Umgang mit seinen Spielern oder ein spielerisches Element betreffend. Als Trainer muss man sich permanent hinterfragen, um nicht zu stagnieren. Sonst kann man nicht dauerhaft Erfolg haben.

Kann sich ein Trainer nach einer bestimmten Zeit langweilen?

Damit es nie langweilig wird, muss man sich die wichtigste Frage stellen: Was kann ich jeden Tag besser machen? Diese Frage stelle ich mir tagtäglich. Deswegen habe ich seit ein paar Jahren Erfolg auf höchstem Niveau und auch jeden Tag Spaß bei meiner Arbeit. Man muss auch ständig seinen Horizont erweitern, nicht nur in Europa schauen, wo ich bereits die französische, die deutsche, die englische, die portugiesische und die Schweizer Meisterschaft intensiv verfolge, und Italien ist von Nizza auch nicht weit weg, sondern auch mal Spiele oder Trainingseinheiten auf anderen Kontinenten unter die Lupe nehmen. Es gibt immer wieder was Neues zu entdecken. Ich bin immer sehr hungrig und neugierig aufs Neue.

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Als Sie Ende der 80er Jahre bei Servette Genf auf einem Zimmer mit Karl-Heinz Rummenigge waren, hatten Sie schon damals vor, irgendwann mal Trainer zu werden?

Nein, nicht wirklich. Mit Karl-Heinz habe ich viel diskutiert über die mögliche Aufstellung unseres Trainers, wie unser nächster Gegner spielen würde und so weiter. Wir waren zwar Spieler, aber wir waren bereits an vielen taktischen Dingen interessiert.

Wie fingen Sie als Trainer an?

1991, als ich 34 Jahre alt war, habe ich bereits über meine Zukunft nach der Spieler-Karriere nachgedacht. Erst habe ich Jugendmannschaften trainiert und es hat mir sofort gefallen. Das war entscheidend für den weiteren Verlauf meiner Karriere. Danach habe ich mich um ein Drittliga-Team gekümmert und so weiter. Wenn man 32, 33 Jahre alt ist, ist es sehr wichtig, dass man an seine Zukunft denkt, sonst wird es schwer. Heute dauert eine Spieler-Karriere ungefähr zehn Jahre und alles wird schneller, insofern sollte man sich unbedingt auf seine Zukunft vorbereiten, um den Zug nicht zu verpassen. Wenn man als Spieler nur auf die Karriere fokussiert ist und sich nicht schon mal umschaut und Gedanken über die eigene Zukunft macht, dann wird es schwer. Das ist ein Tipp an alle Spieler.

Wissen Sie eigentlich, wie viele Stunden Sie täglich arbeiten?

Ich zähle nicht. Für mich ist mein Job nur Spaß. Was mir am meisten gefällt, ist die Arbeit auf dem Platz. Ich würde nur zählen, wenn ich mich langweilen würde.

Brauchen Sie die tägliche Arbeit auf dem Platz oder wären Sie auch mal für einen Job als Nationaltrainer zu begeistern?

Ehrlich gesagt habe ich mir diese Frage noch nie gestellt. Ich liebe meinen Job als Vereinstrainer. Aber man weiß nie, was die Zukunft bringt.

Werden Sie bis zum allerletzten Tag Ihres Lebens arbeiten oder werden Sie irgendwann in Rente gehen?

Irgendwann werde ich aufhören, aber nicht komplett. Ohne den Ball wäre es für mich zu schwer. Dafür ist meine Liebe zum Ball zu groß.

Wenn Sie einen 28-jährigen Trainer sehen, der die Bundesliga-Spitze mit der TSG Hoffenheim neu aufmischt, wie finden Sie das?

Ich finde es toll, und die Verantwortlichen von Hoffenheim waren mutig, aber man muss als Trainer mittel- bis langfristig gute Arbeit leisten, nicht nur sechs Monate. Was Julian Nagelsmann bei der TSG Hoffenheim leistet, ist hervorragend. Er bringt frischen Wind in die Bundesliga.

Muss man ein großer Spieler gewesen sein, um ein großer Trainer zu werden?

Es gibt alle möglichen Beispiele. Arrigo Sacchi hat beim AC Mailand einen neuen Spielstil eingeführt, nachdem er keine große Karriere als Spieler hatte. Er hat ein 4-4-2-System erfunden mit einem hohen Pressing auf den Gegner. Es gibt viele solche Beispiele von Trainern, die als Spieler nicht bekannt waren und danach eine tolle Laufbahn als Trainer hatten. Es ist klar, dass ein Spieler, der eine großartige Laufbahn hatte und dann als Trainer anfängt, eine völlig andere Einstellung hat als umgekehrt. Aber diejenigen, die keine großen Spieler waren, sind nicht nur Theoretiker, sondern sie können auch Großes leisten. Sie bringen neue Ideen ein. Dabei gibt es unheimlich viele Beispiele. Wären sie nicht kompetent, würden sie nicht lange als Trainer auf höchstem Niveau überleben. Umgekehrt ist es auch so: Ein Spieler, der alles gewonnen hat, schafft es als Trainer nicht immer. Das kann man nicht voraussehen. Dass so viele Jugendtrainer momentan in der Bundesliga positiv überraschen, ist gut für den Fußball.

Gibt es selbst für Sie noch Trainer, von denen Sie sich Dinge abschauen oder die Sie sogar mal inhaltlich um Rat fragen? Oder entscheiden Sie immer alles selbst nach Erfahrung und in Absprache mit Ihrem Trainerteam?

Eigentlich treffe ich meine Entscheidungen immer zusammen mit meinem Team. Ich habe genug Erfahrung, um mich bei meinen Entscheidungen von anderen Trainern nicht beeinflussen zu lassen.

Hat Sie ein Trainer besonders inspiriert?

Der Trainer, der mich vor allem inspiriert hat, war Johan Cruyff; schon als Spieler und nachher als Trainer vom FC Barcelona. Auch Trainer wie Arsène Wenger und Christian Gourcuff bei Stade Rennes schätze ich. Wir haben einen sehr guten Kontakt. Als ich Jugend-Teams trainiert habe, habe ich meine freie Zeit genutzt, um bei diversen Trainern zu hospitieren: In der Anfangszeit von Wenger beim FC Arsenal, ich war auch zu Gast bei Raymond Goethals in Belgien, bei Ottmar Hitzfeld beim FC Bayern und vor allem 1993 bei Cruyff in Barcelona. Dort war ich zwei Wochen. Aber ich hatte bereits vorher seine Arbeit beobachtet, wie er Barça spielen ließ, wie beweglich seine Elf agierte, sei es mit oder ohne Ball, die Antizipation und so weiter. Auch Telê Santana als Nationaltrainer von Brasilien hat mich beeindruckt. Er war fantastisch.

Auch Pep Guardiola scheinen Sie zu schätzen.

Pep ist der logische Nachfolger von Johan Cruyff. 1993 bei Barça war er dort der Mittelfeld Stratege. Er war sehr intelligent. Wenn ein Spieler eine hohe Spielintelligenz hat, dann hat er gute Chancen, ein guter Trainer zu werden. Ich kann mich an die erste Stunde des Achtelfinal-Hinspiels bei Juventus Turin (2:2) im Februar 2016 erinnern, als Juve den Ball kaum sah, weil der FC Bayern ein extrem hohes Pressing gespielt hatte. Guardiola hatte auch während des Spiels sein System verändert. Als Trainer ist er einer der Besten.

Aber übertreibt er es nicht mit seinem Passspiel?

Pep legt sehr viel Wert auf den Ballbesitz, genauso wie ich. Nur Ballbesitz des Ballbesitzes wegen interessiert mich aber nicht. Beim Ballbesitz sollte es viel Bewegung geben, um zu versuchen, ein Tor zu erzielen. Ich bin ein Fan von Ballbesitz.

Interview: Alexis Menuge

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„Jürgen Klopp war irgendwie bisexuell“

Schriftsteller Moritz Rinke kennt Liverpools Trainer Jürgen Klopp noch gut aus Dortmunder Zeiten. Was ihn an Klopp fasziniert und was den Reds-Coach so ehrlich macht, schrieb Rinke in der 1. Ausgabe von SOCRATES im Oktober 2016.

Komischerweise gelte ich in England als Klopp-Experte. Nicht Klopstock, wie es sich bei einem Literaten noch gedacht werden könnte. Nein, Klopp, ohne Stock, Klopstock war ein berühmter deutscher Dichter der Empindsamkeit, aber Klopp, Jürgen, ist das eigentlich auch. Im Mai 2015 traf ich Klopp zwei Tage vor seinem letzten Bundesligaspiel mit Borussia Dortmund gegen Werder Bremen. Der BVB siegte mit 3:2, womit Klopp den Dortmundern noch so gerade eben die Europa League sicherte. Das Gespräch sollte 15 Minuten dauern, wir sprachen zwei Stunden. Über die Gründe, warum die Dortmunder in der Saison so unerklärlicherweise eingebrochen waren. Es ging natürlich auch um das Übliche: die Verletzungen der Spieler als Grund für den dramatischen Saisonverlauf; die Müdigkeit der Spieler, die für die WM in Brasilien im Einsatz waren; die daraus begründbare fehlende  aufbereitschaft; das verschwundene Gegenpressing und so weiter.

Hamlet spielte beim BVB

Der Artikel stammt aus der 1. Ausgabe von SOCRATES

Der Artikel erschien in der 1. Ausgabe

Aber irgendwann sprachen wir über Blockaden, Spiel- und Schreibblockaden bei Spielern wie Literaten. Hummels, Reus, Beckett: „Wieder scheitern, besser scheitern“. Sogar um „Hamlet“ ging es plötzlich, um die „Gedankenblässe“ von Mkhitaryan (Shakespeare!), der ja wirklich mit zweitem Namen Hamleti heißt, was ich erst viel später erfuhr. (Ja, bei Dortmund spielte wirklich Hamlet, nun ist er ins Mutterland von Shakespeare zurückgekehrt, zu Manchester United.) Das Gespräch, das für ein Buch der deutschen Autorennationalmannschaft über den BVB geplant war, druckte der Guardian nach und als Klopp schließlich nach Liverpool an die Anfield Road wechselte mit seinem schon legendären Satz „I am the Normal One“, war auch ich in England angekommen. Nicht als Dramatiker, der ich eigentlich bin, sondern als Klopp-Experte.

Jürgen Klopp hat mich in seinen sieben Jahren bei Dortmund wirklich fasziniert. Nie war er einer dieser Trainer-Generäle wie José Mourinho, Pep Guardiola und Louis van Gaal, die allesamt immer irgendwie vom hohen Ross herab Anweisungen geben und dabei nie ihren festen Sattel zu verlassen scheinen.

Nein, Klopp sprang ständig vom Pferd herunter, um zu Fuß zu laufen (The Normal One); ja, manchmal sah er aus wie das Pferd selbst, mit Pöhler-Kappe. Er schäumte, wieherte, galoppierte an der Seitenlinie entlang, drohte vierten Offiziellen mit seinem Unterkiefer, wie es nur Pferde können und sprang bei Toren höher als die besten Hengste Schockemöhles (Berühmter deutsche Reiter!). So war Klopp. Einerseits.

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Andererseits konnte er sprechen wie ein Buch. So wie er die Spiele fast feuilletonistisch analysierte, hätte er bestimmt auch mühelos Friedrich-Gottlieb-Klopstock-Oden analysieren können (The Special One!). Klopp war als BVB-Trainer also immer beides; den Fans nah als emotionalisierender Dauerbrenner, dem Fußball- und Medien-Establishment willkommen als gedanklich schneller Talkpartner. Und manchmal auch als Sprücheklopper. Klopp war im Grunde – pardon – irgendwie bisexuell, er konnte die Bedürfnisse der BVB-Anhänger befriedigen, die aber in einem himmelweiten Unterscheid zu den Bedürfnissen der Medien-und Werbespot-Welt standen. Klopp machte auch hier alle glücklich – von der Ergo Versicherung über Mitsubishi bis Philips Longhair-Shaving. Angefangen hatte er hemdsärmelig mit Tapetenkleister.

In dieser Mischung aus Tapetenkleister und italienischer Designerbrille symbolisierte Klopp natürlich auch die ambivalente Rolle, die der BVB und auch der gesamte Finanzsektor Fußball eingenommen hatte: Einerseits Ruhrpott-Klub, Underdog, Klassenkampf, die Alternative zum FC Bayern München; andererseits schon längst selbst ein börsennotierter Millionenverein mit einer 100-Milionen Mannschaft. Für das Switchen zwischen Tradition und Moderne war Jürgen Klopp im modernen, so widersprüchlichen Fußballgeschäft die beste Besetzung.

Wie aber kann bei all dem Geld, das sich hier bewegt, noch das empfindsame, leidenschaftliche, fußball-liebende Kind geblieben sein? Das Wesen von Klopp könnte sehr gut von dem beschrieben werden, der zum Beispiel Pep Guardiola und Jürgen Klopp vergleicht, die mittlerweile Kollegen im Lande Shakespares sind. In Guardiola kann nicht hineingeguckt werden. An der äußeren Eleganz und den Catenacci-Hosen sind wir hängengeblieben. Aber bei Klopp, dem Herzens-Trainer, schauen wir wie eingeladen hinein. Und dann hat er auch noch selbst die Gabe, zu sagen, wie er denn fühle, leide, liebe. Klopp ist jene Klopstock-Empfindsamkeit, die Pep nicht besitzt. Oder im Vergleich mit seinem Nachfolger in Dortmund: Thomas Tuchel wirkt zu Klopp fast wie der strenge Robespierre zum epikureischen Danton.

Und wenn einer irgendwann die Reißleine zieht und sagt: Leute, so geht es im Geldfußball nicht weiter! – dann ist es der empfindsame Klopp.

Moritz Rinke, 48, ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Generation. Sein neuestes Stück „Wir lieben und wissen nichts“ wird auf über 50 Bühnen national und international gespielt. Rinke ist zudem Top-Scorer der DFB-Autorennationalmannschaft, mit der er 2015 das Buch „Man muss ein Spiel auch lesen können: Ein schwarzgelbes Jahr (Blumenbar)“ herausbrachte.

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WM 2018: Deutschland Special

Die 20. Ausgabe ist ab sofort im Handel erhältlich. Unter anderem mit zahlreichen Artikeln zur WM 2018. Mit dabei: Jogi Löw, Timo Werner, die WM-Bundestrainer, der Kampf um die WM 2026, die Gegner der DFB-Elf sowie ein exklusiver SOCRATES Spielplan und ein WM Poster. Zudem mit Didier Deschamps, Corentin Tolisso, Mohamed Salah und vielen mehr. 

Timo Werner | "Keine schlechte Zeit für einen Stürmer"

Vor vier Jahren feierte Timo Werner noch als Fan den WM-Titel. In Russland will der Leipzig-Star mit seinen Toren die Deutschen nun wieder jubeln lassen. Dabei erlaubt er sich, 22 zu sein und vertraut auf Tipps von Miro Klose.

Die Weltmeister-Bundestrainer | Die Treppe von Grunewald

Sie erlebten Deutschland in verschiedensten Episoden der Zeitgeschichte, ihnen ereilte aber das gleiche Schicksal. Sepp Herberger, Helmut Schön, Franz Beckenbauer und Joachim Löw wurden Weltmeister-Trainer. Die Verbindungen gehen aber darüber hinaus.

Joachim Löw | Neue Wege

Jogi Löw ist der Baumeister des deutschen Fußballerfolgs. In Russland muss er seinen Werten trotz etlicher Unwägbarkeiten treu bleiben und zugleich eine Mannschaft formen, die sich für die erhoffte Titelverteidigung neu erfindet. 

Der Kampf um die WM 2026 | Zerrissene Welt

Der schmutzige Kampf um die WM 2026 offenbart schonungslos den verheerenden Zustand der FIFA. Deren narzisstischer Boss Gianni Infantino greift zu immer empörenderen Methoden und führt bei seiner beschämenden Jagd nach Profit die eigene Reform ad absurdum.

Es ist der Traum vieler Menschen: Fußballprofi werden. Schafft man es dann noch zu einer Weltmeisterschaft, ist das Maximum eigentlich schon erreicht. Deutschlands Nationalspieler verwirklichten diesen Traum, sie sind ganz oben angelangt. Wen sie als Jugendliche bei Weltmeisterschaften besonders als Idole sahen, bevor sie selbst zu Stars wurden, verraten Mesut Özil, Mats Hummels und Co. bei SOCRATES.

Wie patriotisch darf man bei einer WM als Deutscher sein? Wie groß darf das Schlaaaand-Gefühl sein? Schriftsteller Moritz Rinke geht der Sache nach. Und küsst Uschi Glas.

Cem Özdemir ist Politiker. Aber der Bundestagsabgeordnete der Grünen ist auch Fußballfan und stolz auf die Vielfalt in der deutschen Nationalmannschaft. Und er hätte gerne Jérôme Boateng als Nachbarn.

Als Trainer Islands schrieb Heimir Hallgrímsson bei der Europameisterschaft 2016 Fußballgeschichte. Doch soll es nicht bei einer Episode bleiben. Ein Gespräch über die WM in Russland, isländische Tugenden und natürlich das Wetter.

Gernot Rohr begann seine Laufbahn einst beim FC Bayern, ehe er in Bordeaux zur Legende und ein halber Franzose wurde. Nach 40 Jahren im Geschäft fährt er mit Nigeria nun erstmals zu einer WM. 

Er ist der absolute Leader im Team und will mit der Nati endlich „etwas Historisches“ schaffen. Xherdan Shaqiri über dieses Etwas und die ideale Linie durch den Stangenwald.

Didier Deschamps Interview | Hier spricht der Chef

Didier Deschamps war als Spieler der geborene Anführer und zeigt als Trainer klare Kante. Obwohl der 49-Jährige gerne auch mal gar nichts sagt, unterhielt er sich mit SOCRATES lange über den Umgang mit seinen Spielern, die Schattenseiten seines Berufs sowie die Risiken und Nebenwirkungen der modernen Kommunikations-gesellschaft.

Corentin Tolisso Interview | "Ich hatte sofort Tränen in den Augen"

Corentin Tolisso ist gierig. Gierig auf Titel mit den Bayern, gierig auf die WM und gierig darauf, sich mit den besten Spielern der Welt zu messen und dabei selbst immer besser zu werden. Was er machen will, wenn Frankreich Weltmeister wird, erzählt er SOCRATES.

Mohamed Salah | Das Gold auf der Straße

In nur einer Saison ist der Ägypter Mohamed Salah zu einem der besten Fußballer der Welt aufgestiegen. In seiner Heimat genießt der Liverpool-Stürmer längst den Status einer Ikone. Nicht nur, weil er Ägypten quasi im Alleingang zur ersten Weltmeisterschaft seit 28 Jahren geschossen hat.

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Jérôme Boateng: Zukunftsgedanken

Die 19. Ausgabe ist ab sofort im Handel erhältlich. Neben Jérôme Boateng auch mit Guido Burgstaller, Nadine Kessler, Stan Wawrinka, LeBron James, Michael Jordan und vielen mehr.

Jérôme Boateng: Zukunftsgedanken

Jérôme Boateng scheut weder Konkurrenzsituationen noch Kritik. Der 29-Jährige hat sich in der Nationalmannschaft und beim FC Bayern München als Anführer etabliert. Ein Gespräch über die Faszination von Duellen, eine wichtige Rote Karte und Gedanken um seine Zukunft.

Guido Burgstaller | Jede Minute genießen

Der FC Schalke 04 hat ein neues Kampfschwein: Guido Burgstaller ist kein Stürmer, gegen den man gerne ins Duell geht. Der Österreicher spricht über harte Arbeit auf dem Fußballplatz und zerrupfte Hühnchen.

Nadine Kessler | Wir lieben denselben Sport

Nadine Kessler sammelte als Fußballerin große Erfolge und hat sich in vielen ihrer größten Duelle durchgesetzt – auch gegen ihren Körper. Jetzt muss sie sich als Leiterin der UEFA-Frauenfußballabteilung wieder neu beweisen. Wie sie das schaffen will, erzählt sie bei Socrates.

Sportwissenschaftler Dr. Carsten Schumann setzt sich in seiner Kolumne mit den viel diskutierten Aussagen von Per Mertesacker zum Thema Druck im Fußball auseinander.

Der italienische Radsportler Gino Bartali rettete hunderten das Leben. Ihm zu Ehren startet der Giro d’Italia erstmals außerhalb Europas. Socrates berichtet.

Socrates wirt einen Blick in einen Verein, dernach Europa möchte und dabei auch Misserfolge einkalkuliert. Denn Melsungen hat eine Vision.

Unerbitterlich, unantastbar, unendlich: Unvergessliche Wettkämpfe prägten die Sportgeschichte. Socrates hat die zehn größten Duelle des Sports zusammengestellt.

Stan Wawrinka | "Ich habe an Rücktritt gedacht"

Ein halbes Jahr war Stan Wawrinka weg. Eine Knieverletzung hatte den Schweizer zur Pause gezwungen und ihn fast zum Karriereende gedrängt. Doch nun meldet sich der 33-Jährige zurück – mit hochgesteckten Zielen.

Milorad Čavić | Dunkle Gewässer

Stellen Sie sich vor: Sie verlieren ihren größten Kampf um 0,01 Sekunden. Das Leben des Milorad Čavić hat sich nach dem Duell gegen Micheal Phelps verändert. Socrates erzählt er, was danach passierte.

LeBron vs. Jordan | Das unmögliche Duell

Michael Jordan oder LeBron James – eine Frage, die mehr aufwirft als die simple Antwort nach dem Besten der Besten. Es ist die emotionale Reise in das Herz jedes Fans. Socrates berichtet.

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