Archiv für die Kategorie: Fußball

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Jérôme Boateng: Zukunftsgedanken

Die 19. Ausgabe ist ab sofort im Handel erhältlich. Neben Jérôme Boateng auch mit Guido Burgstaller, Nadine Kessler, Stan Wawrinka, LeBron James, Michael Jordan und vielen mehr.

Jérôme Boateng: Zukunftsgedanken

Jérôme Boateng scheut weder Konkurrenzsituationen noch Kritik. Der 29-Jährige hat sich in der Nationalmannschaft und beim FC Bayern München als Anführer etabliert. Ein Gespräch über die Faszination von Duellen, eine wichtige Rote Karte und Gedanken um seine Zukunft.

Guido Burgstaller | Jede Minute genießen

Der FC Schalke 04 hat ein neues Kampfschwein: Guido Burgstaller ist kein Stürmer, gegen den man gerne ins Duell geht. Der Österreicher spricht über harte Arbeit auf dem Fußballplatz und zerrupfte Hühnchen.

Nadine Kessler | Wir lieben denselben Sport

Nadine Kessler sammelte als Fußballerin große Erfolge und hat sich in vielen ihrer größten Duelle durchgesetzt – auch gegen ihren Körper. Jetzt muss sie sich als Leiterin der UEFA-Frauenfußballabteilung wieder neu beweisen. Wie sie das schaffen will, erzählt sie bei Socrates.

Sportwissenschaftler Dr. Carsten Schumann setzt sich in seiner Kolumne mit den viel diskutierten Aussagen von Per Mertesacker zum Thema Druck im Fußball auseinander.

Der italienische Radsportler Gino Bartali rettete hunderten das Leben. Ihm zu Ehren startet der Giro d’Italia erstmals außerhalb Europas. Socrates berichtet.

Socrates wirt einen Blick in einen Verein, dernach Europa möchte und dabei auch Misserfolge einkalkuliert. Denn Melsungen hat eine Vision.

Unerbitterlich, unantastbar, unendlich: Unvergessliche Wettkämpfe prägten die Sportgeschichte. Socrates hat die zehn größten Duelle des Sports zusammengestellt.

Stan Wawrinka | "Ich habe an Rücktritt gedacht"

Ein halbes Jahr war Stan Wawrinka weg. Eine Knieverletzung hatte den Schweizer zur Pause gezwungen und ihn fast zum Karriereende gedrängt. Doch nun meldet sich der 33-Jährige zurück – mit hochgesteckten Zielen.

Milorad Čavić | Dunkle Gewässer

Stellen Sie sich vor: Sie verlieren ihren größten Kampf um 0,01 Sekunden. Das Leben des Milorad Čavić hat sich nach dem Duell gegen Micheal Phelps verändert. Socrates erzählt er, was danach passierte.

LeBron vs. Jordan | Das unmögliche Duell

Michael Jordan oder LeBron James – eine Frage, die mehr aufwirft als die simple Antwort nach dem Besten der Besten. Es ist die emotionale Reise in das Herz jedes Fans. Socrates berichtet.

Dies und vieles mehr…

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Neven Subotić: Das Streben nach Glück

Neven Subotić ist Fußballprofi. Aber das ist nebensächlich. Er hilft Menschen weltweit, sauberes Wasser zu bekommen. Eine Aufgabe fürs Leben.

Neven Subotić, kennen Sie die Geschichte von Pollyanna Whittier?

Erzählen Sie.

Pollyanna ist ein liebenswerter Mensch, der versucht, in jeder Lebenssituation etwas Gutes zu finden. Ihr Lebensmotto ist, überall Freude zu finden und sie praktiziert das „Such die Freude“-Spiel. Wie verläuft Ihr eigenes „Such die Freude“-Spiel?

Ich hatte das Glück, dass ich nicht, wie in der Geschichte impliziert ist, unter negativen Umständen aufgewachsen bin. Im Gegenteil: Ich hatte gesunde Eltern, die sich um mich kümmern konnten und sich extrem anstrengen mussten durch ein oder zwei Jobs, um uns ein gutes Leben zu ermöglichen. Sie haben die Umstände angenommen und das Beste daraus gemacht. Dass es nicht von heute auf morgen geht, habe ich dadurch auch gelernt und dass man sich nicht beirren lassen sollte, wenn der Weg mal steinig wird. Man muss das beeinflussen, was man beeinflussen kann.

Wie?

Indem man beispielsweise positive Menschen kennenlernt, die einen ein Leben lang prägen.

Wie Pollyanna.

Für mich war das schon als kleiner Junge so. Mir ist bewusst, dass es viele negative Dinge gibt. Aber reicht die bloße Erkenntnis? Die Schlussfolgerung sollte schon eine aktive Partizipation sein. Denn alleine durch dieses Wissen wird die Welt nicht besser. Man muss mit diesem Wissen etwas anfangen. Dann befindet man sich auf einem Weg, auf dem man nicht nur nach Glück sucht, sondern Glück auch immer wieder links und rechts findet.

Aber nicht für jeden ist das Glück greifbar.

Um Glück und Freude zu erreichen, muss man kämpfen. Ziemlich wenig wird einem vom Leben geschenkt, um etwas Schönes zu erreichen. Die Welt, wie ich sie täglich wahrnehme, ist leider sehr negativ. Die Fakten sind, dass zwei Drittel der Bevölkerung in den nächsten 20 bis 30 Jahren ein Wasserproblem haben werden. Jeden Tag sterben tausende Kinder an wasserübertragenen Krankheiten, die absolut vermeidbar sind. Mit dem Wissen und der Technologie, die wir jetzt haben, kann man alle Probleme lösen. Der Kampf wäre, mit diesem Wissen für eine Veränderung zu sorgen. Die bloßen Fakten führen zu keiner Verbesserung.

Kann man diesen Kampf gewinnen?

Es ist ein Kampf, der sich auf jeden Fall lohnt. Gewinnen wird man immer wieder, wenn es auch nur kleine Erfolge sind. Wenn die Welt durch diesen Kampf am Ende nur um ein Quäntchen besser wird, kann ich mich damit gut abfinden.

Ist der Weg das Ziel?

Das ist nicht lösungsorientiert. Man sollte schon Ziele haben. Es ist ein unendlicher Marathon und man erreicht immer Checkpunkte. Das, was ich mache, ist lösungs- und leistungsorientiert. Guter Wille ist schön, den schätze ich auch, aber es braucht auch Professionalität und ein Engagement, das über die Normen hinausgeht.

Man ist von einem Profifußballer, der auf höchstem Niveau spielt, nicht gewohnt, dass er selbstlos der Menschheit hilft. Wundern Sie sich, dass wir extra ein Interview führen müssen, weil das so außergewöhlich ist?

Schauen Sie sich doch unsere Gesellschaft an. Natürlich wundert es mich nicht. Fußballer werden ziemlich früh gleichförmig geschult – schon mit zehn heißt es: ‚Spiel gut!‘ oder ‚Schule ist okay, aber mach du erstmal Fussball.‘ Du wirst einfach nur an einer Skala gemessen. Dass sich daraus eine Fokussierung nur auf die eigene Leistung entwickelt, liegt am System. Wenn dann einer aus der Reihe tanzt und dafür Aufmerksamkeit bekommt, ist das doch normal. Aber die Frage ist doch: Was können die anderen tun?

Haben Sie eine Antwort?

Da bin ich realistisch. Wenn man mit zehn, zwölf Jahren schon Verträge abschließt und große Beträge bekommt, dann ist alles wirklich auf Leistung getrimmt. Aber es gibt bestimmte Faktoren, die zu einem gesunden Leben gehören. Die nehme ich zur Kenntnis und deswegen will ich nach meiner Karriere diese auch aktiv angehen. Soziales Engagement heißt nicht, dass man einmal im Jahr ins Krankenhaus geht und einen Teddybären verschenkt. Es ist aber nicht nur alleine die Verantwortung der Spieler, der Vereine. Alle tragen eine Verantwortung.

Arrivierte Profis geben jungen Sportlern gerne mal Tipps, wie sie ihren Schuss verbessern oder besser verteidigen können. Geben Sie Tipps, wie Nächstenliebe funktioniert?

Ja, aber nicht nur. Ich rede auch viel mit Fans. Ich versuche natürlich, in meinem Rahmen ein positives Beispiel zu geben. Einerseits, dass man soziales Engagement zeigt, andererseits aber auch, immer offen zu sein. Mich hat neulich ein Kollege angerufen und meinte, er wurde von einem Freund nach Ghana eingeladen. Ich habe ihm gesagt: ‚Geh dort hin und lerne eine andere Kultur kennen. Du hast dort jemanden, der dir den sozialen Zugang zu anderen Menschen verschafft.‘

Und? Macht er’s?

Ich hoffe, dass ich ihn überzeugen konnte, weil persönliche Öffnung dadurch gelernt wird. Wir leben ja in einem ziemlich geschlossenen Zirkel. Das hat selbst in Schulen und Vereinen eine Tradition. In Amerika waren die Schulen vor 40 Jahren komplett getrennt. Dieses Mindset ist zwar nicht mehr vorhanden, aber es prägt. Wir haben eine sehr eurozentrische, einseitige Sichtweise: ‚Kenn ich nicht, mag ich nicht.‘ Und viele Leute hadern mit ihrer eigenen sozialen Entwicklung. Man kann aber durch kleine Gespräche viel herausholen. Jeder strebt nach Glück. Und auch nach Spaß, den man bekommt, wenn man mit seinem Wissen eine Brücke bilden kann.

In der Bundesliga gibt es mit Christian Streich jemanden, der klare Statements in diese Richtung abgibt. Reichen Subotić und Streich?

Der Fußball hat einen besonderen Status in der Gesellschaft. Er dient mittlerweile als der Ankerpunkt, der früher die Kirche war. Mittlerweile liegt der Glaube manchmal mehr beim Verein. Dieses Vertrauen bietet enorm viel Kraft. Man kann dadurch natürlich Trikots verkaufen und sagen: ‚Hey, du bist jetzt Fan.‘ Oder man geht übergeordnete Ziele an. Viele Klubs haben eine Stiftung, das ist ein Schritt in die richtige Richtung, Der Fußball ist mit dieser Strahlkraft in der Verantwortung.

Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr von Symbolik geprägt ist. Haben Sie für sich eine Symbolik geschaffen, um zu dokumentieren, dass Sie Opfer gebracht haben?

Ich habe versucht, vieles zu verkaufen. Ich habe gemerkt, dass ich nicht glücklicher bin, wenn ich ein teures Auto habe. Heute fahre ich ein zehn Jahre altes, kleines Auto. Das reicht mir. Ich sehe das aber nicht als Opfer, vielmehr habe ich neue Werte kennengelernt. Früher habe ich andere Werte übernommen. Ich habe MTV geschaut und gesagt: ‚Cool, das Auto brauche ich auch.‘ Mittlerweile habe ich auch ganz andere Idole als früher. Das ist für mich eine große Erleichterung.

Wie reagiert Ihr Umfeld?

Zum Teil mit Verständnis, zum Teil mit Unverständnis. Die Leute, die mich von früher besser kennen, finden, dass das zu mir passt. Wenn ich jetzt mit einem Ferrari kommen würde, würden sie sagen: ‚Hä? Was ist denn mit dir los?‘ Es gibt Menschen, die durch Luxus glücklich werden. Aber es gibt eine Grenze für dieses Glücksempfinden. Ich hoffe, dass es irgendwann mal einen simulierten Luxus geben kann, damit man es sieht, um es dann nicht mehr zu wollen. Ich bin kein Soziologe oder Psychologe. Vielleicht kann es auch andersrum gehen. Es ist immer davon abhängig, in welchem Kreis man sich bewegt.

Was sagen Ihre Eltern?

Sie sind stolz und sie würden mich gerne mehr sehen, aber haben auch absolutes Verständnis, dass ich so bin, wie ich bin. Man kann auf diesem Weg nicht alle glücklich machen. Für mich wäre die Alternative, der beste Sohn meiner Eltern zu sein und immer für sie da zu sein. Aber welchen Zweck hätte das für die Welt? Sie sind mit allem einverstanden, was ich mache.

Welche Motivation haben Sie? Weil Sie es einfach können oder nimmt Sie die Situation in der Welt persönlich mit?

Etwas machen, weil man es kann, ist keine Motivation. Meine Motivation sind die Menschen. Ich habe eine Menge Menschen kennengelernt. Es ist egal, ob Leute lesen oder schreiben können oder die gleiche Sprache sprechen. Du guckst in ihre Augen und siehst, was sie erlebt haben. Da würde ich mich am liebsten verkriechen, da mein privilegiertes Leben ein Witz dagegen ist. Da sehe ich diese krasse Ungerechtigkeit in der Welt.

Sie ist exorbitant.

Wahnsinn. Jeden Tag sterben unschuldige Kinder. Es gibt horrende Zahlen, die unvorstellbar sind. Und die gibt es nicht erst seit gestern. Irgendwann werde ich von dieser Welt gehen, ich sehe das total unromantisch. Für mich wird die Frage sein: Was habe ich mit dem Glück, was ich im Leben erfahren habe und das ich nicht mehr verdient habe als ein Anderer, getan? Habe ich mir damit ein schönes Leben gegönnt und nebenbei ab und zu mal ein Krankenhaus besucht? Ist es eine Meisterschaft, ein Champions-League-Finale, an dem ich mein Leben messe? Vielleicht ist es ein Teil. Aber für mich gibt es eben noch mehr als das.

Sie haben direkten Kontakt zu den Menschen in schwierigen Regionen. Fassen Sie sich an den Kopf, wenn Sie die Flüchtlingsthematik hier in Europa verfolgen?

Es ist eine enorm schwierige Debatte, da ein klares Ziel noch nicht festgelegt wurde, das langfristig wirken kann. Viele verschiedene Interessen kommen zusammen. Ich sehe das Ganze noch ein bisschen mit Skepsis. Es wird manchmal so dargestellt, als ginge es wirklich um eine gemeinsame Lösung. Dabei sind die Ansätze auf der UN-Charta nicht immer mit Leben gefüllt. Die reden über Integration, Entwicklungspolitik, wie man Auffanglager an den Küstenländern errichtet… Da will ich sagen: ‚Seht ihr alle, was gerade passiert?‘ Da wird nicht versucht, die Ursache zu mildern, sondern der Übergang erschwert.

In Deutschland wurde zuletzt eine offizielle Statistik publik gemacht und dargestellt, wie kriminell Flüchtlinge sind.

Kriminalität ist ein Symptom. Wenn man etwas hat, gibt es keinen Grund, etwas zu klauen. Die meisten dürfen nicht arbeiten. Für sie gibt es keinen Ausweg. Wenn mir jemand sagen würde: ‚Du darfst sechs Monate nicht arbeiten und kein Geld verdienen‘, und hätte ich schon kein Geld, wüsste ich nicht, was ich tun würde. Das ist für mich wie ein moderner Knast. Auch wenn man sich anschaut, wo die Flüchtlingsunterkünfte gebaut werden, teilweise in Stadtteilen, in denen keine Integration möglich ist. Es gibt auch sonst viele Hürden. Lassen Sie mich ein Beispiel erzählen.

Gerne.

Es gab in Dortmund ein Programm, an dem auch drei Kosovaren teilgenommen haben. Sie haben eine Ausbildung als Bäcker bekommen. Ein Beruf, den immer weniger Deutsche machen wollen, weil man um vier Uhr morgens schon auf der Matte stehen muss. Für die Jungs war das dagegen eine große Chance. Ihre Arbeitgeber waren überzeugt und wollten ihnen eine Chance geben. Aber das Problem war, dass die Jungs keine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis hatten. Um eine zu bekommen, mussten sie zum einem 1.200 Euro auf einem Bankkonto nachweisen und zum anderen dann noch einmal zurück in den Kosovo reisen, einen Antrag stellen und dann wieder nach Dortmund zurückkehren. Das kostet ja auch nochmal viel Geld. Das ist in Bosnien oder im Kosovo fast ein Jahresgehalt. Solche Regeln machen eine sinnvolle Integration unnötig schwer.

Sie kennen die Brennpunkte der Welt, Sie machen sich selbst regelmäßig ein Bild davon. Verstehen Sie die Situation auf dem Globus nun besser?

Das Wichtigste: Ich komme dadurch an Fakten, und zwar so wie sie sind. Ich habe gemerkt, wie einseitig berichtet wird. Vor vier, fünf Jahren habe ich aufgehört, Fernsehen zu schauen. Gefühlt ist jeder ein Philosoph. Aber die meisten haben kein Grundwissen. Aber wissen Sie, was die wirklichen Probleme der Welt sind? Womit hängt alles zusammen? Vielleicht sind wir hier gar nicht unschuldig an dem, was da draußen passiert. Durch mehr Information und Kommunikation können wir vielleicht etwas tun, damit es anders wird.

Und da kommt Ihre Stifung ins Spiel.

Bevor man sich in Statistiken verliert, muss einem klar sein, dass es um den einzelnen Menschen geht. Wir versuchen immer die Geschichten der Leute aufzuzeigen, um den Menschen dahinter zum Vorschein zu bringen. Um sie zu verstehen. Man befreit sich nicht von der Schuld, wenn man zehn Euro spendet und hofft, dass alles gut wird. Nein, wichtig ist, mit Lösungansätzen an die Sache heranzugehen.

Wie sieht Ihr Lösungsansatz aus?

Wir begegnen den Menschen auf Augenhöhe und suchen gemeinsame Lösungen. Wir wollen zu einer positiven, solidarischen, internationalen Gemeinschaft beitragen. Im Mittelpunkt steht das Thema Wasser. Das, was jeder Mensch auf der Welt braucht, ist Wasser. Für uns ist das selbstverständlich, aber Kinder südlich der Sahara laufen täglich bis zu sechs Kilometer, um Wasser zu bekommen. Jeden Tag. Bei einer brutalen Hitze. In der Region sind die Wege nicht asphaltiert. Da geht es Berg auf, Berg ab. Und das Wasser, das sie am Ende bekommen, ist qualitativ nicht wie hier. Wenn wir mit diesem Wasser in Berührung kommen würden, würden wir sofort duschen gehen wollen. Die Menschen dort müssen es ihren Kindern zum Trinken geben. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass man nicht täglich drei bis fünf Stunden zurückgelegen muss, um dreckiges Wasser zu holen. Drei bis fünf Stunden, mit der Müdigkeit des Vortages, weil du das jeden Tag machst. Stell dir vor, jemand schenkt dir diese fünf Stunden, in denen du nicht 20 Kilogramm schleppen musst.

Das Ganze hat noch einen positiven Nebeneffekt.

Genau. Anstatt jeden Tag zum Wassertransport zu gehen, bekommen die Kinder die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Unsere Aufgabe ist es auch, den Kindern Bildung zu ermöglichen. Wir haben es geschafft, dass noch mehr Kinder eine Bildung bekommen. Das ist uns sehr wichtig.

Sie investieren viel Zeit und Herzblut für die Stiftung. Werden Sie bei Ihren Klubs gefragt, ob Sie sich überhaupt auf Fußball konzentrieren können?

Du kannst keinen Spieler kaufen und sagen: ‚Deine Familie lässt du zu Hause.‘ Das ist irreal und nicht förderlich. Für mich ist die Arbeit wertvoll, es macht mir Spaß und mir würde etwas fehlen. Als würde man jemandem seinen Sohn oder seine Tochter wegnehmen. So ein Klubmanager hat natürlich viele Probleme: Sein Spieler guckt die ganze Zeit aufs Handy. Ist das gut für den Fußball? Der andere studiert nebenbei Sportmanagement. Ist das gut für den Fußball? Der andere hat sich von seiner Frau getrennt. Ist das gut für den Fußball? Meine Sache ist natürlich neu, aber das wird offen besprochen, damit jeder weiß, woran er ist. Das Eine ergänzt das Andere und ich bin ja auch nicht alleine.

Ist Ihnen die Unwichtigkeit des Fußballprofidaseins bewusst geworden?

Ich empfinde die vermeintliche Wichtigkeit teilweise als sehr groß; Fußballer übernehmen eine ungeheure Verantworung in der Gesellschaft. Wenn ein Fußballer sagt, dass Schule wichtig ist, beeindruckt das Kinder mehr, als wenn ihnen das ein Lehrer sagt. Dabei ist der Lehrer viel qualifizierter dafür. Wenn ich einem Jungen sage, ‚sag Danke und Bitte‘, hat das auch mehr Gewicht als das Wort der Eltern. Ich finde so etwas gefährlich, weil Fußballer nicht ausgebildet wurden, Soziologen zu sein. Kinder machen das, was sie sehen. Erinnern Sie sich doch an die „Ice Bucket Challenge“. Die Leute haben es nachgemacht. Das zeigt, welche Kraft dahintersteckt. Wobei das wieder positiv war, weil viel Geld zusammengekommen ist.

Ist für Sie nach Fußball Schluss mit Fußball?

Wenn ich nicht mehr spiele, sehe ich meine Arbeit im Stiftungswesen. Ich möchte meine verfügbare Zeit gerne weiterhin der Gemeinnützigkeit widmen. So, wie ich es heute schon mache. Aus heutiger Sicht kann ich mir den Posten eines Trainers oder Managers nicht vorstellen. Dann immer noch jedes Wochenende unterwegs, Hotels, Stadien. Das habe ich ja als Profi alles schon mal gesehen.

Neven, wann tritt bei Ihnen das Gefühl ein, dass Sie etwas erreicht haben?

Da bin ich ganz schlecht. Ich bin sehr selbstkritisch. Ich kann gute Momente gar nicht erleben. Ich strebe immer nach Perfektion. Zwischendurch gibt es Momente, die messbar und hilfreich sind, wenn wir beispielsweise über 30.000 Menschen Zugang zu Wasser gesichert haben. Das Schöne sind aber nicht unbedingt die Meilensteine. Wenn man währenddessen bestimmte, schöne Geschichten in den eigenen Rucksack des Lebens packen kann, freut es mich am meisten. Und das Lächeln der Menschen, deren Leben wir etwas erleichtern wollen.

Autor: Fatih Demireli

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Niko Kovač: „Wieder bei null“

Niko Kovač schärft bei Eintracht Frankfurt den Realitätssinn. Und mahnt eine bedenkliche Entwicklung an. Ein Gespräch über Arbeit, Verstand und eine extreme Willensstärke.

Herr Kovač, wie wird in Ihrer Heimat Kroatien über Sie gesprochen?

Das Feedback ist natürlich auch äußerst positiv. Aber das ist ja immer so, wenn es gut läuft. Bleiben die Ergebnisse aus, geht es in die andere Richtung. In Salzburg wohnt ja meine Familie, weil meine Tochter dort die Schule besucht. Während der Saison ist das einerseits nicht immer ganz einfach, weil ich eben weit weg bin. Andererseits kann ich mich durch die Situation voll und ganz auf meinen Job in Frankfurt konzentrieren und habe von früh bis spät die Möglichkeit, mich um die Mannschaft und den Klub zu kümmern – und die nutze ich auch.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #10

Klingt kräftezehrend.

Ist es auch. Ich denke, jeder Bundesligatrainer lässt im Laufe einer anstrengenden Saison viele Kräfte. Von daher ist der Urlaub auch so wichtig, um neue Energie zu tanken.

Es gibt also einen Trainer-Akku, der sich über eine Saison hinweg leert?

Klar gibt es den. Für alle ist nachvollziehbar, dass ein Spieler, der vor allem die körperliche Belastung hat, nach einer Saison Urlaub braucht. Aber ein Trainer, der ja sehr viel mehr die psychische Belastung hat, benötigt den Urlaub genauso. Ich denke, jeder Mensch, der einem Beruf nachgeht, weiß, dass nach einem durchgearbeiteten Jahr irgendwann der Punkt kommt, an dem man sich ausruhen muss, um wieder voll leistungsfähig zu sein. Das ist bei uns Trainern vielleicht sogar noch einen Tick intensiver, weil wir stets in der Öffentlichkeit stehen, jede unserer Entscheidungen hinterfragt wird und wir letztendlich für viele Dinge rund um die Mannschaft verantwortlich sind.

Ihr Vater Mato und Ihre Mutter Ivka wanderten 1970 aus Kroatien nach Deutschland aus und verdienten ihr Geld als Zimmermann und Putzfrau. Haben Sie von Ihren Eltern mitbekommen, was ehrliche Arbeit bedeutet?

Als meine Eltern auswanderten, war Deutschland noch nicht so, wie wir es heute kennen. Damals galt für alle: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Tag ein, Tag aus. Das hat man von klein auf mitbekommen. Nicht nur von den Eltern, sondern auch von der Gesellschaft – egal, ob im Kindergarten, in der Schule oder auch im Jugendklub. Das hat mich geprägt.

Welche Regeln galten damals im Hause Kovač?

Es galt, freundlich, höflich und zuvorkommend zu sein. Und man musste eben arbeitswillig sein. Ich denke, die Werte und Normen, die damals gegolten haben und selbstverständlich waren, sollten auch in unserer heutigen Zeit Gültigkeit haben, auch wenn sie sich sicherlich etwas verschoben haben. Das versuche ich zumindest an meine Tochter weiterzugeben, und an meine Spieler.

Ich kann auch als Trainer impulsiv sein

Welche Regeln stellen Sie Ihrer Frankfurter Fußball-Familie auf?

Das Wichtigste für ein erfolgreiches Zusammenleben einer Mannschaft ist Respekt dem anderen gegenüber. Dazu benötigt man eine gewisse Disziplin. Wenn man in einem so großen Gebilde wie einer Bundesligamannschaft zusammenarbeitet, müssen diese beiden Komponenten stimmen. Ich habe im Laufe meiner Zeit als Spieler gelernt, dass Grundvoraussetzungen für Fortschritt und Erfolg die Arbeitsbereitschaft und die Arbeitsauffassung sind.

Trotz Ihres hohen Disziplinanspruchs halten Sie wenig von Sanktionen. Warum?

Ich versuche zu bewirken, dass jeder Spieler mit seinem gesunden Menschenverstand sein Verhalten zunächst selbst analysiert und dementsprechend auch handelt. Das ist bei uns nicht immer ganz einfach, weil wir viele unterschiedliche Charaktere unterschiedlicher Herkunft haben. Da fasst der ein oder andere Dinge anders auf. Das muss ich als Trainer in Einklang bringen, damit das Gebilde funktioniert. Dennoch bin ich der Meinung, der Kopf sagt einem schon, was man darf und was man nicht darf. Hört man auf ihn, bedarf es auch keiner großartigen Sanktionen. Wenn der jedoch aussetzt – es gab ja in der vergangenen Saison durchaus solche Fälle –, dann muss eben doch sanktioniert werden. Weil eines ganz elementar ist: Jeder muss sich unterordnen. Egal, wie er heißt, wie alt er ist, wie lange er da ist. Keiner ist wichtiger als der Erfolg oder ist größer als der Klub. Das gilt übrigens nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Trainer und alle, die im Klub arbeiten. Wir alle werden irgendwann nicht mehr da sein, aber der Klub wird bestehen bleiben. Und es liegt an uns, dass wir den Klub entsprechend präsentieren und so aufstellen, dass er in Zukunft erfolgreich sein kann.

Auch das sagen Sie total gelassen. Woher nehmen Sie die innere Ruhe?

Als Spieler war ich schon sehr impulsiv. Und das kann ich auch als Trainer sein. Nur versuche ich als Trainer vorrangig, Ruhe auszu strahlen. Zu viel Nervosität und Aggressivität wirkt sich negativ auf meine Mannschaft aus. Ich habe lange genug selbst Fußball gespielt, wodurch ich die Erfahrung mitbringe, in gewissen Situationen von außen Ruhe zu bewahren.

Was lässt Sie dennoch aus der Haut fahren?

Ich bin ein absoluter Gerechtigkeitsfanatiker. Ungerechtigkeiten konnte ich schon als kleiner Junge in der Schule nicht leiden. Das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert. Ich weiß natürlich auch, dass nicht jeder alles gleich sieht, es oft bekanntlich mehrere Wahrheiten gibt. Wenn es aber ganz klare Ungerechtigkeiten gibt, dann geht mir die Hutschnur hoch.

Agieren Sie als Freund oder Chef der Spieler?

Beides. Aber in erster Linie versuche ich, ein Freund zu sein. So lange ist es ja auch noch nicht her, dass ich selbst Spieler war. Ich habe 2009 aufgehört. Na gut, jetzt haben wir schon 2017. Das sind auch bereits acht Jahre. (lacht)

Man kann von jedem Menschen etwas mitnehmen


 

 

 

Sie werden auch nicht jünger.

Ja, genau. (lacht) Aber der Bezug zu den Spielern ist da. Die Jungs, die jetzt da sind, die sind meine Generation. Ich verstehe ihre Sprache und Denkweise. Von daher will ich den Spielern auch eine gewisse Sicherheit vermitteln, indem ich Nähe aufbaue. Aber ganz klar: Nähe allein reicht nicht. Man muss in gewissen Situationen auch harte Entscheidungen treffen. Ich muss diese treffen. Weil ich der Trainer und somit auch der Chef bin. 

Wird diese Herangehensweise mit dem Alter schwieriger, weil mehr Distanz aufgrund unterschiedlicher Interessen entsteht?

Das kann schon sein. Nur ticke ich sicherlich noch anders als ein Trainer, der sechzig Jahre alt ist. Da ist der Unterschied doch sehr viel größer. Noch sehe ich mich als eine Generation mit meinen Spielern. Das kann jedoch in zehn Jahren ganz anders sein. Dann sind diejenigen, die jetzt zehn sind schon zwanzig. Und vielleicht entwickelt sich die Gesellschaft in dieser Zeit wieder in eine andere Richtung. Und dann muss ich als Trainer womöglich anders agieren.

Welcher Ihrer früheren Trainer kommt dem Trainer Kovač aktuell am nächsten?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man von jedem Menschen etwas mitnehmen kann. Also auch von jedem Trainer. Sowohl Gutes als auch weniger Gutes. Man wird ja geprägt. Es gab Situationen als Spieler, in denen man dachte: Das war gut, das gefällt mir. Das möchte ich später auch so machen. Dann gab es aber auch Situationen, die mir damals nicht passten – und die ich jetzt in meinem Trainerdasein vermeide.

Sie hatten bei Louis van Gaal in München hospitiert. Was ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Die Akribie und die Perfektion, mit der er die ganze Woche gesteuert hat. So detailverliebt hatte ich das vorher noch nicht erlebt. Das hat mich beeindruckt. Man hat einfach gesehen, dass er die Kunst Fußball beherrscht. Dahinter steckt sicherlich ein Reifeprozess, den er über viele Jahre hinweg durch seine Tätigkeiten bei Ajax, Barcelona, Alkmaar und Bayern durchlaufen hat.

Sie selbst haben als Spieler auch viele Vereine erlebt, waren aber nirgendwo länger als fünf Jahre am Stück. Auch als Trainer hatten Sie bisher noch kein Langzeitengagement. Worin liegt das begründet?

Wie heißt es so schön: ‚Es ist nur der Trainer, der schon einmal gestanzt worden ist.‘ Das ist unser Schicksal. Wir sind das schwächste Glied in der Kette. Bei Misserfolg wird niemand auf die Idee kommen, die halbe Mannschaft rauszuhauen und den Trainer zu behalten. Die Haltbarkeit eines Trainers ist daher ziemlich gering. Hinzu kommt, dass immer mehr gut ausgebildete Trainer auf den Markt kommen, so dass auch schnell ausgetauscht werden kann. Vergangene Saison haben dreizehn Trainer ihren Job verloren. Es ist eine Entwicklung, die bedenklich ist. Die vielleicht auch in die falsche Richtung geht. Klar, jeder möchte erfolgreich sein. Bei achtzehn Bundesligavereinen kann aber eben nur einer Meister werden. Die Erwartungshaltung vieler Klubs, aber auch der Fans, ist nicht entsprechend der getätigten Investitionen. Aber okay, das ist part of the business. Man kann es machen oder man lässt es sein. Und wenn man dabei ist, muss man damit rechnen und leben, dass man eine sehr kurze Halbwertszeit hat – fast wie ein Joghurt.

Es ist kaum möglich, dass ein Trainer dauerhaft bei einem Verein bleibt

Macht das den Trainerjob so kompliziert – dass man langfristig denken und entwickeln möchte, aber kurzfristig agieren muss?

Das ist genau der Punkt. Es klingt nach wie vor wie eine Floskel, wenn ein Trainer sagt, er brauche Zeit. Aber er braucht sie wirklich, wenn er etwas entwickeln möchte. In einem Jahr ist das kaum zu schaffen. Schon gar nicht, wenn man innerhalb der Mannschaft so eine hohe Fluktuation hat wie wir bei Eintracht Frankfurt. Wir hatten vergangene Saison viele neue Spieler geholt. Davon sind nun schon wieder viele Spieler weg. Jetzt sind neue Spieler da. Das heißt, wir müssen mit der Hälfte des Kaders von vorne anfangen. Aber die Zeit haben wir eigentlich gar nicht. Deshalb muss ich versuchen, in der Kürze der Zeit alles einzubringen, ohne die Spieler zu überfrachten und zu überfordern. Ansonsten wird es problematisch, dann klappt gar nichts. Gerade am Saisonanfang hat jeder Trainer seine langfristigen Ziele. Aber vor allem heißt es, die ersten zwei, drei Monate gut zu performen, sonst kann es schon wieder für dich vorbei sein. Trainerdasein bedeutet auch Überlebenskampf.

Dass ein Trainer dauerhaft bei einem Verein in der Bundesliga bleibt, ist ein romantischer Fußballtraum?

Das ist kaum möglich. Genauso gibt es ja auch kaum mehr Spieler, die von Anfang bis Ende ihrer Karriere in einem Klub spielen. Irgendwie spiegelt das auch unsere heutige Gesellschaft wider. Menschen scheinen leicht ersetzbar zu sein. Es wäre wünschenswert, dass der Glaube an den langfristigen stärker ist als die Hoffnung auf den kurzfristigen Erfolg. Aber das ist im Fußball nicht realisierbar.

Liegt es auch am Preis, warum Sie sich trotz Ihres Motorbootführerscheins bisher kein eigenes Boot gekauft haben?

Ich habe selbst kein Boot, weil ich dafür einfach zu wenig Zeit habe – das wäre rausgeschmissenes Geld. Ich habe den Schein damals in Hamburg gemacht. Er gilt weltweit, ich kann ihn überall auf der offenen See nutzen.

Von welcher Wassertour träumen Sie?

Wir haben in Kroatien sehr schöne Strände, sehr viele Inseln, die man anfahren kann. Man braucht gar nicht groß woanders hinreisen. Kroatien bietet so viele Schönheiten, dass man dort einige Jahre unterwegs sein kann und immer noch nicht alles gesehen hat. Aber wenn ich diese Tour mal mache, dann hole ich mir einen erfahrenen Skipper dazu. Wenn man etwas lange nicht gemacht hat, sollte man ganz klar wissen: Was kann man, was kann man nicht.

Was ist schwieriger: Bei Unwetter durch das Meer zu steuern oder nach Niederlagen wieder in ruhiges Fahrwasser zu gelangen?

Es ist sehr viel gefährlicher, auf offener See in ein Unwetter zu geraten. Das sind Naturgewalten da draußen. Diejenigen, die das mal erlebt haben, können davon sicherlich ein Lied singen. Ich selbst habe die ganz extremen Windstärken noch nicht mitbekommen, aber es reicht schon, wenn die See bei Stärke vier, fünf oder sechs ist. Da merkt man schon einen erheblichen Unterschied. Von daher: Es ist sehr viel leichter, nach einer Niederlage wieder in ruhiges Gewässer zu kommen. Auch mit Eintracht Frankfurt.

 
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Sjaak Swart: Johan war das Spiel selbst

Er spielte 800 mal für den Klub und wurde so zu „Mister Ajax“. Sjaak Swart wurde zu einem der engsten Vertrauten von Johan Cruyff. Bei Socrates erinnert sich Swart an einen Freund.

Autor: Stefan Rommel

Herr Swart, in Holland kennt Sie jedes Kind als „Mister Ajax“. Wie viele Spiele haben Sie gemacht?

Wenn man alle Spiele zusammenrechnet, also Pflichtspiele und Freundschaftsspiele, von der Jugend bis heute, dann sind es über 800.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #03

Jetzt sind Sie 78 Jahre alt und spielen noch.

Ich habe nach meiner Zeit bei Ajax noch für zwei andere Klubs aus Amsterdam in der ersten Amateurliga gespielt, mit 53 Jahren war ich da als Spielertrainer noch Libero. Ich schätze, ich komme in meiner Zeit in den Amateurmannschaften und jetzt bei Lucky Ajax, der Traditionsmannschaft, auf über 2.000 Spiele. Das wären dann mit den 800 für Ajax und für die Elftal rund 3.000 Spiele. Mir fällt niemand auf der Welt ein, der mehr Spiele gemacht haben könnte.

Sie waren Rechtsaußen, hatten Sie auch entsprechende Vorbilder?

Stan Matthews und Garrincha waren meine Idole. Ich wollte so flink und so trickreich sein wie sie, aber ich musste dauernd auf anderen Positionen aushelfen. Am Ende hatte ich alle durch – bis auf Torhüter.

Und Sie waren dabei überaus erfolgreich.

Acht Meistertitel, fünf Pokalsiege, drei Mal den Pokal der Landesmeister. Weltpokal. Supercup. Wir hatten die beste Mannschaft der Welt in den 70ern. Und ich glaube sogar, dass wir stilbildend waren für andere große Mannschaften danach. Wir haben vor der Euro 1972 die Bayern in deren Stadion 5:0 geschlagen. Wir waren so überlegen, dass die Bayern in den letzten zehn Minuten den Ball kein einziges Mal mehr berührt haben. Ich glaube, wir haben die Bayern in gewisser Weise inspiriert. Vielleicht fragen Sie mal nach bei Breitner, Hoeneß oder Beckenbauer.

Sie sind auch deshalb eine Ajax-Ikone, weil Sie in den Derbys gegen Feyenoord immer besonders stark waren.

36 Spiele, 19 Tore. Selbst Cruyff, Van Basten oder Kluivert kommen da nicht ran.

Wir sitzen in der Kantine der Ajax-Akademie, Sie sind fast jeden Tag hier. Was machen Sie heute?

Ich bin Spielerberater. Früher habe ich mich um Spieler wie Wesley Sneijder oder Rafael van der Vaart gekümmert. Ich habe sie unterstützt, da waren sie noch 15-jährige Bengels. Heute betreue ich rund 20 Spieler, die hauptsächlich in der U17 und U19 aktiv sind. Ich hätte nach meinem Karriereende bei Ajax die U19 übernehmen können. Aber darauf hatte ich keine Lust.

Dieses Spiel kannst du nicht gewinnen.

Im März vor zwei Jahren ist Ihr guter Freund Johan Cruyff überraschend gestorben.

Ich konnte es kaum fassen. Eine Woche vor seinem Tod hat er mir ein Video geschickt. Eine Minute und 42 Sekunden, da habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Er war zu Besuch bei seinem Sohn Jordi in Israel, er war putzmunter. Keine Probleme mit der Lunge. Saß da mit nackigen Füßen bei einem unserer gemeinsamen Freunde, wollte sich neue Schuhe anfertigen lassen beim besten Schuster in ganz Tel Aviv. Zwei Tage danach haben wir noch telefoniert, wieder zwei Tage später dann der Anfall beim Duschen. Gehirntumor, Metastasen. Er hat für sich entschieden, dass es vorbei sein soll. Im Rollstuhl wollte er nie sitzen. Er war sich immer so sicher, dass er den Krebs besiegen würde. Aber dieses Spiel kannst du nicht gewinnen.

Cruyff war so vielschichtig als Fußballspieler, aber auch als Mensch. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?

Er war ein unglaublich toller Mensch. Jedem wollte er helfen, jedem. Ein top Junge.

Nach außen wirkte er manchmal über die Maßen selbstbewusst, an der Grenze zur Arroganz.

Das stimmt nicht. Die Leute müssen schon unterscheiden: Er wusste immer, was er wollte und beharrte auch auf seinem Standpunkt. Er war da stur und auch eigensinnig, das sollte man nicht leugnen. Und es hat ihm nicht selten Ärger eingebracht, später auch hier bei Ajax. Es gab immer mal wieder Streit und er hat sich mit vielen Leuten angelegt. Aber er war nie von oben herab, er hat sich nie als großer Meister aufgespielt oder andere bevormundet.

Aber er wollte es immer besser wissen als die anderen.

Das kann man wohl sagen. Wir waren in den 80ern mit Severiano Ballesteros beim Golf spielen und Ballesteros war zweifellos der beste Golfer seiner Zeit. Und was macht Johan? Gibt ihm Anweisungen, wie er den Schläger zu schwingen hat. Unglaublich, diese Selbstverständlichkeit. Er war ein schlechter Billard-Spieler und trotzdem erklärte er allen anderen immer, wie sie den Queue zu halten hätten.

Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit ihm erinnern?

Er war neun Jahre alt und schaute immer mal wieder bei unserem Training vorbei. Johan hat sich dann hinter dem Tor aufgestellt, eine Banane in der Hand, und wenn die Bälle vorbeiflogen, ist er losgerannt und hat sie zurückgebracht. Er war unser Balljunge. Er war ja immer da, sein Vater arbeitete im Stadion. Damals spielte er noch in der „Welpe“, einer Jugendmannschaft und ich habe ihn mir samstags bei den Spielen immer angeschaut. Mit 17 Jahren kam er dann zu den Profis.

Cruyff hat von mir gelernt

Wurden Sie schnell Freunde?

Piet Keizer, Johan und ich wohnten im Osten von Amsterdam, keinen Kilometer voneinander entfernt. Echte Grachtjes, Amsterdamer Jungs, die Mittagessen bei „Broodje Van Dobben“, der Fußball… Es war fantastisch.

Wer hat mehr vom anderen profitiert: Sie von ihm oder er von Ihnen?

Wir hatten diesen speziellen Spielzug: Ich halte den Ball an der rechten Außenlinie, warte bis die Verteidiger sich auf den Mittelstürmer konzentrieren und Johan lossprintet. Ich spiele den Ball dann über die Abwehrreihe drüber. Und bis die sich umdrehen, ist Johan längst weg. Hat ganz gut funktioniert, würde ich sagen. Aber Ajax hatte auch vor Johan einen super Angriff. Ich hatte im Jahr davor 55 Assists. Ich würde sagen: Er hat von mir gelernt.

Woher nahm er seine Inspiration?

Er hat immer nachgedacht, immer nur Fußball. Wenn du drei Stunden mit ihm am Tisch saßt, hat er drei Stunden am Stück über Fußball geredet. Er hatte dieses Gefühl für das Spiel. Keine Taktik, einfach dieses Gefühl. Er war ein Philosoph. Unter den vielen Kreativen dieser Zeit war er der Topper, der Beste.

Wie konnte es passieren, dass er bei seiner letzten Station als Spieler ausgerechnet zu Feyenoord gewechselt ist?

Er kam aus Spanien zurück und spielte wieder für Ajax. Dann hat er sich aber mit der Klubführung überworfen. Er ist nur gewechselt, um die Bosse zu ärgern. Da gab es das Spiel gegen Ajax ziemlich früh in der Saison. Alles wartete darauf, wie sich Johan wohl gegen sein Ajax schlägt. Nicht besonders gut, würde ich sagen: Ajax siegte 8:2. Drei Tore von Marco van Basten, damals 18 Jahre alt. Feyenoord ist trotzdem Meister geworden. Für Johan war nach dieser einen Saison endgültig Schluss.

Johan Cruyff war das Spiel selbst

Großer Erfolg bedeutet oft auch viele Neider. Hatte Cruyff – gerade bei Ajax – am Ende auch viele Feinde?

Natürlich. Er konnte sich aber immer gut wehren. Und wo er jetzt nicht mehr da ist, verteidige ich ihn. Gegen die Zeitungen, wenn sie mal wieder Blödsinn schreiben. Oder gegen die hohen Herren im holländischen Fußball.

Was war mit Van Gaal?

Louis van Gaal und er waren Intimfeinde. Van Gaal war ganz sicher neidisch auf Johan. Dazu gibt es eine Geschichte: Van Gaal war Anfang der 80er Jahre bei Sparta Rotterdam. Vor dem Spiel gegen Ajax fragte Trainer Barry Hughes: „Wer von euch will gegen Cruyff spielen?“ Van Gaal meldete sich: „Ich. Ich nehme Cruyff in Manndeckung.“ Zur Halbzeit stand es 5:0, Cruyff hat Van Gaal schwindelig gespielt. Der motzte in der Halbzeit, der Trainer solle endlich den Schönwetterspieler Rene van der Gijp auswechseln. Daraufhin Hughes: „Ich werde gleich jemanden auswechseln – und zwar dich!“ Van Gaal hatte schon immer ein gestörtes Verhältnis zu Top-Stars. Vielleicht haben Geschichten wie diese dazu beigetragen.

Aber er hat mit Ajax die Champions League gewonnen.

Er war ein guter Trainer auf dem Platz. Aber in Sachen Menschenführung ist er nicht gut. Er scheidet überall im Streit.

60 Jahre lang war Cruyff Ihr Freund. Was vermissen Sie am meisten?

Die Gespräche, die Treffen unserer Familien. Er kommt jetzt nicht mehr zu mir in die Loge, drüben in der Amsterdam Arena.

Was ist Johan Cruyffs Vermächtnis?

Ich werde oft gefragt: War Johan besser als Pele, Beckenbauer, Maradona, Messi, Ronaldo? Jeder war oder ist zu seiner Zeit ein unglaublicher Spieler, ein Wunder. Aber Johan überdauert alle Zeit. Seine Ideen haben Epochen geprägt, sie werden nie aus der Mode kommen. Das kann kein anderer von sich behaupten. Ajax ohne Cruyff: Undenkbar. Barca ohne Cruyff: Undenkbar. Er hat den Leuten gezeigt, wie man Fußball spielen muss. Das wird nie vergessen werden. Wenn man in 50 Jahren auf Messi zurückblickt oder Pele, dann sieht man den fantastischen Spieler als einen Teil des Spiels. Johan Cruyff war das Spiel selbst.

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Jürgen Klinsmann: Der Zeit voraus

Die Ausgabe 18 ist ab sofort im Handel! Neben Jürgen Klinsmann auch mit Neven Subotić, Bernhard Peters, Kenan Koçak, Marc Wilmots, James Rodríguez, Tiger Woods, Tommy Haas, Dwight Howard, Chris Fleming und vielen mehr.

Die Themen dieser Ausgabe

Jürgen Klinsmann | Der Zeit voraus

Jürgen Klinsmann wurde als Spieler mit Deutschland Weltmeister, als Trainer wurde er kritisch gesehen. Doch seine eins umstrittenen Methoden führten den deutschen Fußball zum Erfolg. Ein Gespräch über widrige Wege, Jogi Löw und eine deutliche Warnung an Deutschland.

Neven Subotić | Das Streben nach Glück

Neven Subotić ist Fußballspieler. Aber das ist nebensächlich. Mit Socrates spricht er über sein Engagement neben dem Fußball und warum es für ihn wichtigere Dinge gibt, als einen Meistertitel oder ein Champions-League Finale.

James Rodríguez | Vertreter des neuen Kolumbien

James Rodríguez wuchs in der Heimat Pablo Escobars auf. Doch der Star des FC Bayern schaffte es, die mächtigen Drogen-Kartelle weit weg zu halten. Wie das gelang, erzählt sein Biograf bei Socrates.

Sportwissenschaftler Dr. Karsten Schumann setzt sich in seiner Kolumne mit dem Begriff der Leistung auseinander. Leistung sei die Grundlage für den Erfolg, auf den es im Spitzensport letztendlich ankomme.

Mit Socrates spricht Peters über seinen Traum den deutschen Fußball zu verbessern und welche Eigenschaften Talente brauchen, die den Sprung zum Profi schaffen wollen. 

Kenan Koçak ist mit 37 Jahren einer der jüngsten Trainer im deutschen Profifußball. Koçak spricht über seinen sportlichen Werdegang und bricht eine Lanze für Thomas Tuchel.

Marc Wilmots hat viel erlebt. Er war Teil der berühmten Schalker Eurofighter und trainierte bereits die Nationalmannschaften von Belgien und der Elfenbeinküste. Mit Socrates spricht er unter anderem über sein Leben und den deutschen Fußball.

Chris Fleming ist eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des deutschen Basketballs im vergangenen Jahrzehnt. In Socrates redet er über seine Zeit in Deutschland und warum er den Abschied noch nicht verarbeiten konnte.

Steven Reinprecht ist bei den Nürnberg Ice Tigers eine Institution. Mit Socrates spricht er über den Gewinn des Stanley Cups in seinem Rookie Jahr und einen haarigen Unterschied zu Jaromír Jágr.

Tiger Woods | Das Leben ist schön

Tiger Woods hat in seinem Sportlerleben alles erreicht. Alles? Wohl nicht, sonst würde er ja vermutlich nicht weitermachen. Oder hat seine andauernde Karriere damit gar nichts zu tun? Was fehlt ihm noch?

Tommy Haas exklusiv | Der Winner-Typ

Tommy Haas war eines der größten deutschen Tennistalente. Der ganz große Durchbruch ist ihm aber nie gelungen. Socrates schreibt über die ergreifende Karriere einer Legende.

Dwight Howard exklusiv | Pariah

Dwight Howard war Megastar und Publikumsliebling… und hat fast alles verloren. Heute ist er geläutert – und versucht zurück zu erobern, was ihm einst durch die Finger glitt. Der Superman sprach mit Socrates über seinen Aufschwung bei den Charlotte Hornets.

Dies und vieles mehr…

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Jupp Derwall: Die Wiedergeburt

Eigentlich wollte Jupp Derwall mit seiner Elisabeth in den Urlaub fliegen. Doch dann kam Besuch aus Istanbul und Derwall veränderte eine Welt.

Autor: Ilhan Özgen

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #07

20. Juni 1984, Parc des Princes, Paris. Torlos ging es in die letzte Minute eines Spiels, in dem Spanien einen Elfmeter vergeben hatte und die deutsche Mannschaft entweder an Aluminium oder an Torhüter Luis Arconada scheiterte.. Sobald der Schiedsrichter Vojtech Christov abpfeifen würde, würden die Deutschen ins Halbfinale der EURO einziehen. Aber die Spanier gaben nicht auf. Der Ball kam zu Rafael Gordillo am rechten Flügel. Er kontrollierte den Ball und flankte ihn auf den langen Pfosten. Die deutsche Abwehr stand wie angewurzelt da. Von Toni Schumachers Selbstbewusstsein nach dem gehaltenen Elfmeter war jetzt nichts mehr übrig. Denn plötzlich tauchte Vorstopper Antonio Maceda vor dem Tor auf und erzielte per Kopf das : . Abpfiff. Deutschland, das vor wenigen Minuten das Halbfinalticket in der Tasche gehabt hatte, musste nach Hause. Der amtierende Europameister und WM-Finalist war draußen. Deutschlands Trainer Jupp Derwall machte sich selbst für den Misserfolg verantwortlich. Eine Woche später arrangierte er im selben Stadion eine Pressekonferenz und kündigte nach dem Finale zwischen Frankreich und Spanien seinen Rücktritt an. Mehr als das Ergebnis tat es ihm leid, dass er, wie schon 1980, der Nationalmannschaft nicht genügend junge Spieler hinzuführen konnte. Obwohl Derwall 1980 seinen ersten großen Erfolg feierte und mit dem Gewinn der Europameisterschaft ein Ausrufezeichen setzte, war er durch die Misserfolge bei der WM 1982 bei der EM 1984 höchst umstritten. Und dankte ab.

Am selben Tag hatten in der Hasnun Galip Straße zu Galatasaray bei Istanbul die Vorbereitungen auf die nächste Saison schon begonnen. Auch wenn das Team, das seit elf Jahren keine Meisterschaft gewonnen hatte, nur wenige Jahre zuvor beinahe aus der ersten Liga abgestiegen wäre, hatte sich die Lage inzwischen etwas beruhigt. Galatasaray hatte die vergangene Saison als Dritter abgeschlossen, aber noch wichtiger: in Tomislav Ivi hatte man den Wunschtrainer gefunden. Der Jugoslawe, der versuchte, den Galatasaray-Spielern die Anforderungen des modernen Fußballs wie Angriffspressing und Kollektivität einzuflößen, gewann insbesondere den Respekt des Kapitäns Fatih Terim. Ein weiterer Spieler, der Ivi bewunderte, war Mustafa Denizli, der zu jener Zeit einer der wichtigsten Figuren des Landes war. Nachdem er 17 Jahre für den Izmir-Klub Altay gespielt hatte, entschloss er sich, seine Karriere zu beenden. „Willst du mein Co-Trainer werden “, fragte Ivi . Denizli nahm das Angebot sofort an und das Duo begann auch schon direkt die Planungen für die bevorstehende Saison vorzubereiten. Was zunächst ein Gerücht war, wurde aber dann ganz schnell bittere Wahrheit: Ivi unterrichtete den Klub im Juli, also kurz vor Saisonstart, dass er sich mit Benfica geeinigt und habe und verließ kurzerhand den Verein.

Derwall wollte die Offerte des Galatasaray-Managers höflich ablehnen

Als Jupp Derwall mit seiner Frau und seinen Kindern zur selben Zeit Pläne für den lange aufgeschobenen Urlaub machte, klopften zwei türkische Reporter an seiner Tür: „Herr Derwall, ein Freund möchte Sie sehen.“

Der meist freundliche Derwall konnte diese Bitte nicht abschlagen und so klingelte am nächsten Tag sein Telefon. Es war der Manager Galatasarays, Alp Yalman. Yalmans fließendes Deutsch und seine Freundlichkeit beeindruckten Derwall. Yalman – mit seinem Kollegen Faruk Süren im Schlepptau – überredete Derwall zu einem Treffen mit den Galatasaray-Vertretern im Hotel Erbprinz in Ettlingen und Derwall wiederum überzeugte seine Frau Elisabeth davon, dass man den Urlaub noch mal um ein paar Tage verschieben müsse.

Ein paar Tage später, am 18. Juli, machte sich Derwall vom Frankfurter Flughafen aus mit Lufthansa-Flug Nummer 1581 auf den Weg nach Istanbul. Er war fasziniert von der Haltung der Galatasaray-Manager, die er im Hotel Erbprinz getroffen hatte, weshalb er ihre Einladung nach Istanbul nicht zurückweisen konnte. Auch wenn in den türkischen Zeitungen bereits „Derwall hat sich mit Galatasaray geeinigt “ stand, hatte er nicht vor, einen Vertrag zu unterschreiben. Für ihn war es ein reiner Höflichkeitsbesuch. Als er am Flughafen Atatürk ankam, sah er Galatasaray-Fans mit einem riesigen Blumenstrauß auf ihn warten. Nach ein paar Minuten auf den Schultern der Fans stieg er in den Wagen, der ihn zum Hilton-Hotel fuhr. Dort stieg er ab und traf sich später mit den Chefs von Galatasaray. Erst gingen sie zum Gebäude des Klubs in Hasnun Galip, danach fuhren sie den Bosporus entlang zum Trainingsgelände in Florya.

Das dortige Grundstück wurde Galatasaray am 1. Juli 1967 geschenkt, lag jedoch jahrelang brach. Erst Anfang der Achtziger wurden Zimmer und Spielfelder für die Pro s gebaut und das Klubgebäude eröffnet. Doch was Derwall in Florya erwartete, war eine große Enttäuschung. Das Spielfeld, das die Manager im Vorfeld so sehr gelobt hatten, war von Matsch und Erde bedeckt und zum Fußballspielen gänzlich ungeeignet. „Man sieht, warum sie seit elf Jahren nicht Meister werden können. Wenn ich doch nur nicht bis hierhergekommen wäre“, sagte er vor sich hin. Hoffnungslos kehrte er in sein Hotel zurück. Am nächsten Morgen wollte er die Galatasaray-Manager treffen und ihre Offerte höflich ablehnen.

Derwall hatte sich das verdient

Am Morgen des 19. Juli wachte er in Zimmer 436 des Hilton-Hotels auf und ging auf den Balkon. Die wunderschöne Aussicht über den Bosporus beseitigte seine miese Laune. Als er zum Gespräch ging, war er schon anders gestimmt. „Ich muss den Präsidenten Ali Uras von einer Investition für einen Rasen auf dem Trainingsgelände überzeugen“, dachte er. Noch am gleichen Tag unterschrieb er in einem Büro von Alp Yalman einen Zweijahresvertrag, ging zurück ins Hotel und rief seine Frau Elisabeth an, um ihr etwas zurückhaltend die „gute“ Nachricht zu verkünden. Die Antwort, die er bekam, war überraschend: „Ich hatte es geahnt, als du rübergeflogen bist.“

Somit begann Derwalls Karriere bei Galatasaray im Sommer 1984. Mit der Zeit verstand er, dass seine Arbeit nicht nur die Neugestaltung der Spielfelder war. Das Equipment der medizinischen Abteilung, die Fitnessgeräte und gar die Busse, die das Team fuhren, waren mangelhaft. Noch schlimmer: Der türkische Fußball insgesamt hatte an Niveau verloren. Die Nationalmannschaft hatte in der WM- Qualifikation 1982 nur ein Tor schießen können. Für viele Galatasaray-Spieler waren Glücksspiele, Zigaretten und das Nachtleben ein Muss. Ein sich verschlechterndes Verhältnis zum Vorsitzenden Uras und die feindliche Haltung der Presse, die Derwall die “gemeinste weltweit nannte, kamen erschwerend hinzu.

Nachdem Derwall mit seiner Mannschaft am dritten Spieltag : gegen Eskisehirspor verloren hatte, bekam er auf dem Rückweg den Fanatismus der Fans zu spüren. Sie stoppten den Mannschaftsbus und bewarfen ihn mit Steinen. Auch wenn Derwall nach außen seine gewohnt ruhige Haltung beibehielt, nahm seine Nervosität mit jeder Sekunde zu.

Als sich die Mannschaft aus dieser Situation befreit hatte und in Istanbul angekommen war, stand Derwall immer noch unter Schock. Doch dieser Moment, der Blick in den Abgrund, war zugleich auch der Anfang des Aufschwungs. Derwall, der an den ersten drei Spieltagen zwei Niederlagen hatte einstecken müssen, setzte sich mit den Managern zusammen, die ihm die Hilfe von Mustafa Denizli anboten, der nach der geplatzten Zusammenarbeit mit Ivi noch kein weiteres Engagement angenommen hatte. Da Derwall Denizli von der türkischen Nationalmannschaft kannte und ihn als eine gute Hilfe ansah, nahm er das Angebot an. Nach einer kurzen Zeit stieß Ahmet Akcan als Derwalls Dolmetscher hinzu und komplettierte so das Trainerteam.

15. März 1989, Müngersdorfer Stadion, Köln. Jupp Derwall war auf Einladung des Klubs zum Spiel Galatasaray – Monaco nach Köln gereist und wurde mit frenetischem Jubel empfangen, als er den Rasen betrat. In dem Spiel, das aufgrund einer Strafe gegen Galatasaray in Deutschland ausgetragen wurde, waren rund 30.000 Türken, die immer wieder „Derwall, Derwall“ im Chor riefen. Derwall, der Galatasaray 1987 nach einer 14-jährigen Durststrecke wieder zum Champion gemacht hatte, hatte sich das verdient.

Der Erfolg hatte seine Wurzeln bei Jupp Derwall

Als er Istanbul nach der Meisterschaft verließ – zwei weitere Meisterschaften erlebte er als Berater des Klubs –, war er sicher, dass er ein Team hinterlassen hatte, welches den Anforderungen des europäischen Fußballs sowohl geistig als auch physisch gewachsen war. Er sollte recht behalten.

Denizli und Akcan führten Derwalls Erbe fort und überstanden mit der Mannschaft das Viertelfinale des Landesmeisterpokals. ach dem : im Hinspiel reichte Galatasaray das 1:1 -Unentschieden von Köln, um Monaco zu eliminieren und ins Halbfinale einzuziehen. An diesem kaum für möglich gehaltenen Sieg war Derwalls Beitrag sehr groß. In seiner Autobiographie erzählt Derwall von den ganzen Bauarbeiten, die nach dem Zweiten Weltkrieg vonnöten waren, um seine Heimatstadt Würselen wieder aufzubauen. Genau so hat Derwall selbst den türkischen Fußball wieder aufgebaut.

Viele Trainer, die sahen, wie Galatasaray – und damit der moderne Fußball – Schritt für Schritt vorankam, versuchten, ihrer Mannschaft das gleiche System beizubringen. Andere wiederum nutzten Derwalls Methoden. Als der damalige Besiktas -Trainer Gordon Milne einen Kaffee im Hilton trank, traf er Derwall und berichtete ihm davon, dass er seine Trainingseinheiten auf einem Hartplatz durchführen musste. Derwalls Antwort wurde später ein Grund für den Aufstieg des Lokalrivalen Anfang der neunziger Jahre: „Du musst den Managern sagen, wenn es keinen Rasen gibt, gibt es auch keine Meisterschaft. Ich habe das so getan und es hat funktioniert “

Derwall war auch einer der Berater, als die türkische Nationalmannschaft in den Neunziger Jahren wieder aufgebaut werden sollte. Galatasaray blieb der deutschen Schule treu und hatte bis ins Jahr 1995 mit Sigfried Held, Karl-Heinz Feld- kamp, Reiner Hollmann und Reinhard Saftig vier deutsche Trainer. Fenerbahçe und Besiktas taten es dem Rivalen gleich und verpflichteten in den Neunzigern mehrere deutsche Trainer.

Als Galatasaray im Sommer den UEFA-Pokal gewann, sagten viele, dieser Erfolg habe seine Wurzeln bei Jupp Derwall. Rasit Çetiner, ein Schüler Derwalls aus der Meistermannschaft von 1987, sagt: „Die Energie, die mit Derwall auftauchte, hat sich gehäuft und gehäuft und reichte bis zum UEFA-Cup.“ Derwall habe die Vorstellungen von Fußball im ganzen Land verändert.

Mustafa Denizli, der in Derwalls Jahren bei Galatasaray sein Assistent gewesen war und in den folgenden Jahren zu einem der wichtigsten Trainer der Türkei wurde, sieht in ihm mehr als nur einen Mentor: „Derwall war nicht mein Lehrer, er war meine Schule.“

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Corinne Diacre: Gestatten, Corinne!

Corinne Diacre trainierte ein Männer-Fußballteam. Sie war die einzige Frau in Europa. Bei SOCRATES erzählt sie, wie schwer das ist.

Autorin: Corinne Diacre

Damals, im Sommer 2014, war ich arbeitslos und nachdem Helena Costa – meine Vorgängerin bei Clermont – bereits nach ein paar Wochen das Handtuch geworfen hatte, kam Präsident Claude Michy auf mich zu. Er hat mir sofort den Trainerposten angeboten. Ich habe ein bisschen Zeit benötigt. Ich wollte mir sicher sein, dass das das Richtige für mich ist, denn es war ein gewagter Schritt, und ich wollte mir sicher sein und bloß nichts bereuen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #8

Ich habe mich unter anderem gefragt, ob es kein zu großes Risiko wäre, ob ich nicht lieber in meiner Komfortzone bleiben und wieder Frauen trainieren sollte. Aber zu diesem Zeitpunkt suchte ich ja einen Job und wollte unbedingt wieder aktiv werden. Auch gegenüber dem französischen Arbeitsamt wäre es nicht so gut gewesen, einen Job abzulehnen.

Als ich meinen Trainerschein machte, hätte ich nie gedacht, irgendwann mal bei einer Männer-Mannschaft als Cheftrainerin zu arbeiten. Ich hatte schon Angebote aus der Ligue 2, als Co-Trainerin mitzuhelfen und ich hatte bei verschiedenen Klubs aus dieser Liga hospitiert, aber es wäre mir nie in den Sinn gekommen, jemals einen solchen Posten zu übernehmen. Es hat sich einfach so ergeben und diese Chance wollte ich nutzen. Wer weiß, ob sie ein zweites Mal in meiner Laufbahn gekommen wäre, wenn ich in Clermont abgelehnt hätte.

Im Endeffekt habe ich dieses Angebot als fantastische Angelegenheit und als aufregende Herausforderung betrachtet. Der Präsident hatte mich an einem Montag angerufen und 24 Stunden später habe ich ihn zurückgerufen. Zwei Tage später habe ich mich mit dem Trainerteam von Clermont getroffen, um einen Eindruck zu bekommen. Anschließend habe ich Claude Michy am Samstag bindend zugesagt. Dann wusste ich aber: Das mache ich, ohne Wenn und Aber. Natürlich war mir bewusst, dass ich in die Geschichte eingehen würde als erste Frau, die eine Männer-Profimannschaft übernimmt. Bis heute habe ich diese Entscheidung keine Sekunde bereut, auch wenn der Anfang alles andere als einfach war und es immer wieder Rückschläge gab.

Die ersten Wochen verliefen alles andere als positiv

Auch früher, ob als Spielerin oder Trainerin, habe ich Probleme mit Frauen bekommen. Und ich bin kein Mensch, der gleich nach der ersten Auseinandersetzung das Handtuch wirft. Im Gegenteil. Ich bin jemand, der sich voll reinhängt. Wichtig ist, dass ich mich voll auf meinen Trainerstab verlassen kann und dass er auch dieselbe Vision und die gleichen Ziele wie ich teilt. Wir kommunizieren unheimlich viel, wir sagen uns stets die Wahrheit unter vier Augen, ohne Tabu. Mein Glück ist, dass mein Stab kein großes Ego hat, dass alle bodenständig und ehrlich miteinander umgehen. Jeder weiß, was er zu tun hat. Damit ist die Basis gelegt, um den Fokus einzig und allein auf den Fußballplatz zu richten.

Die ersten Wochen verliefen alles andere als positiv. Nach fünf Spieltagen unter meiner Regie hatten wir keinen Sieg errungen. Ich spürte bereits die Egos mancher Spieler und die Unzufriedenheit mir gegenüber, weil ich eine Frau bin. Der Druck war immens. Für ein halbes Dutzend unserer Spieler war ich nicht wirklich legitim, eine solche Position auszuüben, nur mit dem Argument, dass ich eine Frau bin. Zwei, drei Spieler kamen sogar auf mich zu und meinten: „Passen Sie gut auf, so läuft es nicht mit einer Herrenmannschaft! Sie müssen anders auftreten und anders mit uns umgehen. Sonst hat es keine Zukunft.“ Für mich war es der eindeutige Beweis, dass sie lieber mir die ganze Schuld gegeben haben, statt sich selbst zu fragen, was wirklich schief läuft und was der Kern des Problems sein könnte.

Die Stimmung war natürlich angespannt und betrübt. Ich habe meinen Spielern einfach mitgeteilt, dass Clermont auf gar keinen Fall ein Wort im Aufstiegsrennen mitreden wird, sondern dass wir einzig und allein den Klassenerhalt anpeilen müssen, nicht mehr, nicht weniger. Ich habe betont, dass ich bereit bin, mir alle Wünsche und Kritik anzuhören, aber dass sie mir zeigen sollen, dass sie richtige Profis sind, die mit dieser Situation souverän und klug umgehen können. Nach dem ersten Halbjahr habe ich Konsequenzen gezogen und mich in der Winterpause von fünf Spielern getrennt. Ein paar Wochen später habe ich festgestellt, dass diese Spieler, die mit mir überhaupt nicht klar kamen, auch bei ihrem jeweiligen neuen Verein nicht mehr Einsatzzeit als in Clermont hatten. Das war der Beweis, dass nicht ich das Problem war.

Ich merke bis heute noch, dass ich zwar an Glaubwürdigkeit gewonnen habe, aber nichtsdestotrotz bleibt nach wie vor ein fader Beigeschmack hängen, weil manche Leute mich immer noch nicht ernst nehmen, oder zumindest nicht ernst genug. Dass ich eine Frau bin, ist für viele schwer zu akzeptieren und zu verinnerlichen, dass es auch mit einer Trainerin mit einer Männermannschaft funktionieren kann. Aber die Ergebnisse sprechen ja für mich. Ich bin absolut zufrieden. Wir haben in der ersten Saison den Klassenerhalt geschafft und in der vergangenen waren wir bis zum Schluss im Aufstiegsrennen, was eine Sensation war, weil wir nicht die gleichen finanziellen Mittel wie unsere Konkurrenten hatten. Aber wenn man jedes Jahr nur den Klassenerhalt anpeilt, dann werde ich mit Sicherheit eine neue Herausforderung suchen.

Ich gehe mit dem Druck ganz gut um

Mit Drucksituationen gehe ich inzwischen auch anders um als vorher: Ich hatte ehrlich gesagt das Glück, dass Helena Costa bereits vor mir ein paar Wochen diesen Posten übernommen hatte, sodass der Druck weniger groß war. Zwar bin ich die erste Frau, die eine Männer-Profimannschaft trainiert, aber als Costa verpflichtet wurde, gab es eine unglaubliche Medienpräsenz. Es war irgendwann nicht mehr auszuhalten: Erst wurde über das allererste Heimspiel mit einer Frau als Trainerin berichtet, dann über die erste Auswärtspartie, anschließend der erste Sieg, und so weiter. Dabei hatte man das Wichtigste vergessen: die sportliche Situation, die Leistungen meiner Mannschaft. Das wurde komplett ignoriert und das hat mir wirklich gestunken.

Ich habe das Ganze irgendwann einfach ausgeblendet: Hätte ich alle Kommentare über mich gelesen oder gehört, hätte ich wohl schnell wieder meine Koffer gepackt, und zwar bereits vor dem Saisonauftakt. Ich konnte mich gut schützen, auch dank der guten Zusammenarbeit mit meinem Stab. 

Ich gehe mit dem Druck ganz gut um und kann mich damit abfinden, wenn man über uns berichtet, dass nicht Clermont, sondern ich verloren habe, aber dass andererseits Clermont gewonnen hat und ich dann kaum erwähnt werde. Wenn es dazu führt, dass meine Spieler weniger Druck spüren, dann gerne… Das gehört auch zum Trainerjob, das ist bei den Männern nicht anders.

Alles, was rar ist, erregt Neugier. Aber manchmal ist es wirklich erdrückend. Nach drei Monaten ist es keine Neugier mehr. Ich werde nicht dafür bezahlt, mich als Frau in einer Männermannschaft zu rechtfertigen. Meine oberste Priorität ist es, mein Team zu trainieren und es weiterzuentwickeln. 

Das Schlimmste ist, dass man mit aller Macht versucht, in der Kabine eine klitzekleine Geschichte zu finden, um mir zu schaden. Es hat mich schon verletzt, weil man nicht der Trainerin geschadet hat, sondern mir als Person. Und das ist nicht zu akzeptieren. Man hat versucht, mich fertigzumachen. Wenn es sein muss, bin ich jederzeit in der Lage, die Rüstung rauszuholen. Man versucht bei jeder Kleinigkeit, eine große Geschichte daraus zu machen: Zum Beispiel muss man vor dem Anpfiff den gegnerischen Trainer begrüßen, was vom französischen Liga-Verband gefordert wird, normalerweise mit einem Händedruck. Aber nur weil ich eine Frau bin, weiß der gegnerische Coach nie, ob er mir die Hand oder zwei Küsschen auf die Wange geben soll. Jedes Mal ist das skurril.

Mein Weg war lang und steinig, aber ich habe es am Ende geschafft

Ich glaube nicht, dass ich als Beispiel gelten soll und den anderen Frauen zeigen kann, dass auch andere das Gleiche machen könnten. Ich bin vor allem eine Fußballtrainerin. Klar bin ich eine Frau in einem Männer-Milieu, aber eine Trainerin, die immer schon in diesem Milieu aktiv war. Ich habe begonnen, Fußball mit Männern und Frauen zu spielen bis ich irgendwann in einer Frauenmannschaft gespielt bzw. diese trainiert habe, um dann während meiner Ausbildung wieder mit Männern zu arbeiten. Dementsprechend kenne ich mich mit dieser Welt ganz gut aus und für mich ist es kein Schock, diese Entwicklung durchlebt zu haben. Ich habe mich ausgebildet, ich habe alle möglichen Diplome. Der Weg war lang und steinig, aber ich habe es am Ende geschafft. Bei aller Bescheidenheit, ich bin erst durch meine Karriere mit der französischen Frauennationalmannschaft bekannt geworden. Nun will ich meinen Weg bei den Männern weitergehen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei Clermont-Präsident Claude Michy, zu dem mein Verhältnis sehr gut ist. Wir verstehen uns blind. Für ihn war es auch damals ein gewisses Risiko, eine Frau als Trainer anzustellen. Auch in den schwierigsten Momenten war er immer für mich da. Egal, was passiert, ich weiß, dass auf den Präsidenten jederzeit Verlass ist. Und das ist umso wichtiger, als dass ein Trainer ohne seinen Präsidenten gar nichts ist.

Die gesamte Lage hat sich ein bisschen normalisiert, man nimmt mich immer ernster und die Fragen zu meinem Status als Frau werden immer weniger. Ich stelle auch bei jeder Pressekonferenz klar, dass ich nur Fragen zu unserem kommenden Spiel und zu unserer sportlichen Situation beantworten werde. Aber jedes Mal gibt es am Ende ein paar Fragen zu meinem Status, sodass ich dabei immer wieder leicht die Geduld verliere. Durch die Erfahrungen in den ersten Monaten bin ich auf einmal fünf oder zehn Jahre erfahrener und robuster geworden. Dadurch bin ich nicht mehr dieselbe Person. Im Grunde genommen betrachte ich die Anfangsschwierigkeiten als eine Art Ungerechtigkeit, mehr als als eine Leidenszeit.

Schritt für Schritt habe ich mich meinen Spielern angenähert, Barrikaden aufgelöst. Am Anfang waren diese Barrikaden notwendig, um mich durchzusetzen. Aber ich konnte nicht dauerhaft steif bleiben. Man muss immer versuchen, mit den Spielern zu kommunizieren. Das ist ein elementarer Aspekt meiner Trainer-Funktion.

Wenn ich will, dass man mir zuhört, dann weiß ich, was ich zu tun habe

Je größer die Herausforderung ist, desto größer wird meine Bereitschaft sein, sie anzunehmen. Je größer die Schwierigkeiten sind, desto angriffslustiger und kampfbereiter bin ich, um die Erwartungen zu erfüllen und die Kritiker verstummen zu lassen. Ich bin eine Frau, aber mir wird keiner verbieten oder die Lust nehmen, mein Hobby auszuleben. All das, was ich bei Clermont durchmachen musste, habe ich mehr oder weniger erwartet. Ich war darauf eingestellt. Mein Ziel ist es, dass die ganzen Vorurteile peu à peu verschwinden und dass ich mich durchsetze, um denjenigen, die nicht an mich geglaubt haben, zu zeigen, dass ich es doch kann.

Als mich Clermont im Juni 2014 kontaktiert hat, war ich ohne Job. Dementsprechend bin ich diesem Verein dankbar. Und Dankbarkeit bedeutet in meinen Augen Kontinuität im Verein und Treue. Gegenüber meinen Arbeitgebern war ich stets loyal und ehrlich. Auch wenn ich bereits im September 2016 vom französischen Verband kontaktiert worden bin, habe ich das Angebot, Nationaltrainerin zu werden, abgelehnt, einzig und allein weil ich meinen Verein auf keinen Fall im Stich lassen wollte. Das macht man einfach nicht. Nicht mittendrin. Auch wenn man dafür seinen Traum opfert. Aber das hat mit Loyalität zu tun und darauf lege ich sehr viel Wert.

Es gibt keine großen Unterschiede, eher Nuancen. Bei Frauen kann man mal ein Auge zudrücken, aber bei Männern darf man das auf keinen Fall tun. Sobald du irgendetwas erlaubst, ziehen sie daraus Profit und wollen dann noch mehr, um deine Coolness auszunutzen. Man muss stets versuchen, hart und konsequent in seinen Entscheidungen zu bleiben. Bei Gesprächen vor der Mannschaft in der Kabine sind die Männer nicht so konzentriert wie die Frauen. Manche Spieler quatschen sogar unter sich, während ich meine taktische Marschroute angebe. Und wenn sie untereinander diskutieren, können sie mir nicht zuhören. Das macht mich wütend, weil sie dann im Spiel orientierungslos wirken. Ich habe zwar nicht die gleichen Stimmbänder wie ein Mann, aber wenn ich will, dass man mir zuhört, dann weiß ich, was ich zu tun habe.

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Mats Hummels: Ein ganz normaler Junge

Die 17. Ausgabe ist ab sofort im Handel! Neben Mats Hummels sind auch sein Bruder Jonas sowie Marcell Jansen, Roman Weidenfeller, Max Verstappen, Kyrie Irving, N’Golo Kanté und viele weitere in unserem neuen Heft vertreten.

Die Themen dieser Ausgabe

Mats Hummels | Ein ganz normaler Junge

 

Mats Hummels ist einer der besten Abwehrspieler der Welt. Der Profi des FC Bayern München ist stolz auf das Erreichte und besteht dennoch auf den Normalo-Status. Ein Interview über den Menschen hinter dem Fußballstar.

Roman Weidenfeller | Der Profi

 

Roman Weidenfeller ist bei Borussia Dortmund eine Führungsfigur, sportlich aber nicht die Nummer 1. Wie wirkt sich das auf das Alphatier aus? Ein Gespräch über das Innenleben eines Profis.

N'Golo Kanté | Prototyp eines Vorbilds

 

Vor sieben Jahren spielte N’Golo Kanté noch unterklassig. Heute ist er zweifacher englischer Meister, Spieler des Jahres und will mit Frankreich Weltmeister werden. Ein Gespräch über eine verrückte Laufbahn mit jeder Menge Leidenschaft.

Jonas Hummels spricht in seiner Kolumne über das Verhältnis zu seinem Bruder Mats und warum Neid dort nur selten eine Rolle spielt.

Marcell Jansen beendete mit nur 29 Jahren seine Karriere als aktiver Profifußballer. Doch was macht er jetzt? Der erfolgreiche Geschäftsmann berichtet über seien Weg und warum dieser ihn stolz macht.

SOCRATES stattet Sie zum Saisonstart mit allen Infos zu Regeländerungen, neuen Fahrern uns Strecken aus. Und was ist eigentlich genau der „Halo“?

Fritz von Thurn und Taxis wurde gehasst – sagt er selbst. Warum das so war, erzählt er uns in unserer aktuellen Ausgabe #17.

Die tragische Geschichte um Hank Gathers, der am Spielfeldrand zusammenbricht und stirbt, während sein Team auf dem Weg zum Titel war. Eine Tragödie mit vielen Helden

Kyrie Irving | Der eigenwillige Onkel Drew

 

Dass er kein gewöhnlicher NBA-Star ist, zeigte Kyrie Irving nicht nur mit seiner Flucht vor LeBron James. Der Literatur-Liebhaber verblüfft auch mit Leistung. Bei SOCRATES spricht er darüber.

Max Verstappen | Der jüngste Weltmeister aller Zeiten?

 

Seine Konkurrenten wünschen sich ihn als WM-Herausforderer, die Experten vergleichen ihn mit Senna und Co. Doch hat Max Verstappen das Zeug zum nächsten Weltmeister?

Axel Kromer | Die neue Generation ist jetzt

 

Der deutsche Handball steht im Umbruch – Für DHB-Sportvorstand Axel Kromer bedeutet das viel Arbeit, aber ihm ist nicht Bange. Mit SOCRATES spricht er über die neuen Strukturen.

 

  

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Şenol Güneş Interview: „Eine Gedankenrevolution“

Şenol Güneş ist einer der erfolgreichsten Trainer in der Türkei und trifft mit Beşiktaş in der Champions League nun auf den FC Bayern München. Den Deutschen ist er auf ewig dankbar – besonders einem ganz Großen. SOCRATES traf ihn zum Interview.

Autor: Fatih Demireli

Şenol Güneş (65) stand ununterbrochen 15 Jahre im Tor von Trabzonspor und der Nationalmannschaft der Türkei. Nach einer Zeit als Lehrer der Mittelschule wurde er Trainer und feierte seither große Erfolge, u.a. wurde er WM-Dritter 2002 und zuletzt zwei Mal in Folge Meister mit Beşiktaş.

Herr Güneş, können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit einer deutschen Mannschaft erinnern?

War es Kaiserslautern?

1982 als Vereinsspieler von Trabzonspor, ja. Die erste Begegnung gab es aber als Nationalspieler.

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Das Interview erschien in Ausgabe #16

Am 17. November 1976 gastierten Sie mit der Türkei in Dresden bei der Nationalmannschaft der DDR. Das WM-Quali-Spiel endete 1:1. Beim Rückspiel fehlten Sie, das wurde verloren. Am 1. April 1979 spielten Sie dann erstmals gegen das von Jupp Derwall trainierte Westdeutschland. Am Ende stand es 0:0 in Izmir.

Das Rückspiel gegen Westdeutschland war im Park-Stadion, Gelsenkirchen. Es gab eine Auseinandersetzung zwischen den Fans. Ich ging dazwischen und bekam dafür einen Fairplay-Preis. Ich konnte es nicht verstehen, weshalb Türken und Deutsche miteinander streiten. Sie leben doch zusammen. Der Fußball sollte verbinden, nicht trennen.

Welche Erinnerungen haben Sie sonst an Deutschland?

Deutschland war schon immer etwas Besonderes. Ich habe ja meine Trainerausbildung zum Teil in Deutschland gemacht. Ich war in Hennef, später dann auch einige Zeit in Berlin in der Ausbildung. Für mich ist Deutschland, was die Ausbildung und die Disziplin angeht, das Vorzeigeland überhaupt. Und wenn sie mal Defizite haben, finden sie schnell Wege diese auszugleichen. Das finde ich beeindruckend.

Als Sie 1979 im Tor gegen Westdeutschland standen, war Derwall Trainer des DFB-Teams. Kurze Zeit Später kam er in die Türkei zu Galatasaray und veränderte den Fußball in diesem Land. Heute ist er eine Legende in der Türkei. Haben Sie damals schon als Spieler verstanden, dass da jemand im hohen Stile Veränderungen angeht?

Schauen Sie, ich war immer Fan des deutschen Fußballs. Schon Helmut Schön hat mich beeindruckt. Aber Derwall ist sowohl für den deutschen, als auch für den türkischen Fußball eine extrem wichtige Figur. Er hat in der Türkei unter widrigen Umständen nicht nur eine Weiterentwicklung vorangetrieben, sondern visionär gehandelt und ein Fußballland verändert.

Eigentlich machen Lehrer und Trainer den gleichen Job

Was hat er getan?

Das, was Derwall in der Türkei getan hat, war eine Gedankenrevolution. Wir Türken haben uns jahrelang gefragt, was wichtig ist, um im Fußball erfolgreich zu sein. Ist es die richtige Taktik? Ist es die richtige Technik? Ist es die Kondition? Wir haben Fragen gestellt und wussten die Antwort nicht. Er hat uns die richtigen Antworten gegeben. Es begann mit ihm, aber dann kamen immer mehr Deutsche und beantworteten unsere Fragen.

Sie waren zwischen 2000 und 2004 Nationaltrainer. Bei der WM 2002 wurden Sie in Südkorea und Japan Dritter, 2003 beim Konföderationen-Pokal erfolgte erneut ein dritter Platz – und dies mit einer sehr jungen Mannschaft. Dennoch war es ein steiniger Weg. Warum ist das Trainer-Dasein in der Türkei so schwer?

Ich war mit meinen Mannschaften oft in Deutschland, um Trainingslager zu absolvieren. Selbst in den kleinsten Dörfern gibt es hervorragende Trainingsplätze, wo Jung und Alt trainieren können. In der Türkei wurden in den letzten Jahren tolle Stadien gebaut, aber das reicht nicht. Wir müssen in die Ausbildung investieren, wir müssen den Kindern mehr Möglichkeiten geben. Stattdessen arbeiten wir oberflächlich an kurzfristigen Lösungen und über die strukturellen Lösungen reden wir nur.

Kann die Türkei so irgendwann fußballerisch zu den großen Nationen aufschließen?

Vereinzelte Ergebnisse auf dem Platz sind immer möglich, aber für das Große und Ganze muss investiert werden. Die Engländer haben es zuletzt auch vorgemacht. Sie waren gegenüber äußeren Einflüssen verschlossen, haben sich aber geöffnet, in die Ausbildung investiert und stellen jetzt die beste Liga der Welt und die Nationalmannschaften kommen nun auch nach.

Sie waren nach Ihrer Zeit als Profifußballer Schullehrer, erst dann sind Sie Trainer geworden. Haben Sie aus der Zeit Ihres Lehrerlebens etwas in den Fußball transportieren können?

Fußballer stehen voll im Leben, haben viel Geld, ein großes Ansehen und dazugehörig oft auch eine Berühmtheit. Man muss natürlich damit umgehen können, aber eigentlich machen Lehrer und Trainer den gleichen Job. Es ist ein anderer Beruf, aber die Praktiken sind gleich. Es ist ein Vorteil, über Pädagogik und Psychologie Bescheid zu wissen, wenn man Menschen einen Weg zeigt, indem man ihnen Wissen mitgibt – und nichts Anderes ist es, was man als Lehrer oder Trainer tut.

Bayern wird für Beşiktaş eine Reifeprüfung

Was ist schwieriger?

Der Schüler muss in die Schule kommen. Der Fußballer auch, aber kann auch aus freien Stücken aufhören, wenn er nicht mehr will. Vielleicht ist daher der Fußballer etwas schwerer zu erziehen, aber es gibt Wege.

Wie gut Ihre pädagogischen Fähigkeiten sind, haben Sie im Fall von Mario Gómez bewiesen. Er kam als Problemfall in die Türkei, schaffte aber unter Ihnen den Aufschwung und wurde wieder Nationalspieler. Wie haben Sie ihn hinbekommen?

Er war immer ein großer Fußballer. Seine Probleme waren Verletzungen, die ihn runterzogen und sein Leistungsbild beeinträchtigten. Er brauchte einen Neuanfang und es war eine Chance für beide Seiten. Wenn wir schon beim Bild Schüler und Fußballer sind: Er hat wie ein emsiger Schüler gearbeitet, seine Perspektive verändert und so Erfolg erfahren. Und er hat es mir einfach gemacht, indem er meiner Art und Weise ihm zu helfen, Vertrauen geschenkt hat. Er hätte ja auch sagen können: „Nein, ich gehe meinen Weg!“

Er hat zugehört.

Weil er auch ein sehr anständiger und höflicher Typ ist. Er liebt Fußball und wollte seit Tag eins beweisen, welches Kaliber er hat. Es ist nicht einfach, in dem Alter noch einmal so einen Perspektivwechsel zu vollziehen. Er hat es geschafft.

Wie traurig sind Sie, wenn ein Erfolgsfall wie Mario Gómez Ihre Mannschaft verlässt?

Ich möchte meine Arbeit gut machen und erfolgreich sein. Erfolg bedeutet aber nicht, zu gewinnen oder Meister zu werden, sondern den Lohn einer Arbeit zu ernten. Es bedeutet mir viel, wenn sich meine Spieler entwickeln. Freude und Enttäuschungen gehören dazu, aber sie sind wiederkehrend. Wichtig ist, dass sie nicht auf Zufällen beruhen.

Kein Zufall ist, dass Beşiktaş nun im Achtelfinale der Champions League aufden FC Bayern trifft. Nachdem Beşiktaş  in der Gruppenphase zwei Mal RB Leipzig besiegt hat, schrieben türkische Medien: „Leipzig hat seinen großen Bruder geschickt!“ Ist gegen den Big Brother der Pädagoge oder der Trainer Şenol Güneş gefragt?

Es ist kein Geheimnis, dass der FC Bayern in vielen Belangen uns weit voraus ist. Wir wissen, wer wir sind, was wir können und was nicht. Das bedeutet aber nicht, dass wir ein Team sind, das ihm Vorbeigehen zu schlagen ist. Wir haben bisher – auch in der Champions League – unseren eigenen Stil des Fußballs durchgezogen und möchten dies auch gegen Bayern tun. Bestenfalls spielen wir guten Fußball und kommen eine Runde weiter. Schlechtestenfalls möchten wir mit unserer Art und Weise, wie wir spielen, einen positiven Eindruck hinterlassen und so von der Bühne abtreten. Die Duelle werden für uns eine Reifeprüfung.

Der Sport sollte Freundschaft, Liebe, Respekt und Frieden darstellen

Jupp Heynckes fand für Sie lobende Worte…

…er gehört ja auch zum alten Eisen wie ich (lacht).

Was halten Sie von ihm?

Ich habe für seine Worte zu danken. Er war ein überragender Fußballer und ist dann auch ein überragender Trainer geworden. Seine Erfahrung spricht für sich. Ich fange jetzt aber nicht an, ihn zu loben. Jedes Lob könnte an dieser Stelle zu kurz geraten und wäre Heynckes nicht gerecht. Nicht umsonst holt ihn der FC Bayern jedes Mal zurück, wenn Bedarf besteht. Ich weiß noch, wie ich damals sein vermeintlich letztes Spiel im Stadion live gesehen habe. Das würde bei uns gar nicht gehen. Oder die Sache in Dortmund…

Was meinen Sie konkret?

Dass Dortmund einen Trainer holt, der in Köln die Saison über drei Punkte geholt hat, finde ich beeindruckend. Das würde in der Türkei nie gehen, die Aufruhr wäre groß. Wir sind leider noch nicht soweit, tun aber alles, dies zu erreichen.

Sind Topklubs nur von Älteren trainierbar?

Nein, das würde ich nicht sagen. Die Erfahrung ist nur ein Hilfsmittel, mehr aber auch nicht. Julian Nagelsmann ist auch nicht alt und macht einen tollen Job in Hoffenheim. Ob es jetzt schon für Bayern München reichen würde, weiß ich nicht. Vielleicht sollte man das mal testen.

Sie waren im Dezember in München, als der FC Bayern im Pokal gegen Dortmund gespielt hat. Dort kam es auch zum Treffen mit den Verantwortlichen der Münchener.

Es war ein sehr warmer Empfang. Ich mag die Bescheidenheit der Deutschen, da ist keine Überheblichkeit zu spüren. Die Hoeneß-Brüder waren da, Karl-Heinz Rummenigge war da – es war schön. Es ist wichtig, dass die Beziehungen gut sind. Nicht nur im Fußball, sondern auch allgemein. Die Türkei braucht diese freundschaftliche Beziehung. Ich verstehe nicht, was es bringt, die Stimmung zu verschärfen. In Deutschland leben so viele Türken – das bringt doch nichts.

Kann denn ein Fußballspiel verbindende Wirkung zwischen zwei Ländern erzielen, die auf politischer Ebene Spannungen haben?

Es sollte! Der Sport sollte Freundschaft, Liebe, Respekt, Frieden darstellen und die Menschen nicht auseinander bringen. Aber das gilt nicht nur für den Sport, sondern auch für die Politik. Auch da sollten die Politiker darauf aufpassen, was sie sagen. Große Nationen sollten sich wie große Nationen verhalten. Die Spannungen sind mir bekannt, aber ich glaube, dass das für die Menschen keine Rolle spielt und dass das vergänglich sein wird. Mir persönlich ist es egal, welche Herkunft oder Glaube mein Gegenüber hat. Das sollte nirgendwo auf der Welt eine Rolle spielen. Von Boshaftigkeit hat noch nie jemand etwas gewonnen.

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Football Leaks: Was danach geschah

Die „Football Leaks“ hatten weltweit für Empörung gesorgt, nur die Fußballindustrie ließ sich von den Enthüllungen nicht beirren. Autor Rafael Buschmann schreibt für SOCRATES, was sich seit Mai 2017 getan hat.

Autor: Rafael Buschmann

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #15

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #15

Es ist fast ein Jahr her, seitdem John zu mir diese Sätze sagte. Wir saßen in einer Bäckerei, irgendwo in Osteuropa, vor uns ein dampfender Laib Brot, in dessen Mitte ein Loch mit Schmelzkäse gefüllt war. Deftige Küche gegen die furchtbare Kälte.

John wirkte erschöpft, ernüchtert, schwer genervt. Nur wenige Wochen zuvor hatten wir in DER SPIEGEL und auf SPIEGEL ONLINE Dutzende Artikel über die dunkle, schmutzige, kriminelle Seite der Fußballbranche veröffentlicht. Die Football Leaks, Johns Baby, hatten uns zuvor mehr als sieben Monate lang in Beschlag genommen. John ist unser Whistleblower, er lebt bis heute in der Anonymität. Anfang 2016 übergab er uns mehr als 18,6 Millionen Dokumente, rund 1,9 Terabyte. Es ist das größte Datenleck in der Geschichte des Sports.

Gemeinsam mit unseren Medienpartnern aus dem European Investigative Collaborations (EIC), insgesamt über 60 Kollegen, haben wir anschließend in mühsamer Detailarbeit die dubiosen Steuerpraktiken von Cristiano Ronaldo, Mesut Özil, José Mourinho und Dutzenden weiteren Fußballern enthüllt. Wir schrieben über den nahezu kriminellen Umgang mancher Klubs mit ihren Talenten, der eher einem Menschenmarkt denn einer sinnvollen Ausbildung junger Nachwuchsspieler gleicht. Unsere Recherchen zeigten, wie tief sich Spielerberater mittlerweile im Fußballbusiness eingenistet und welche Macht sie erlangt haben. Eine Macht, die sie teilweise schamlos ausnutzen, wie im Falle eines niederländisch argentinischen Spielerberaterrings, der seit Jahren die eingefahrenen Millionen-Honorare mit einem komplexen Firmengeflecht an der Steuer vorbeischiebt. Wir deckten auf, mit welchen Mitteln der Sportvermarkter Doyen sich – vergleichbar mit einem Virus – im Fußballmarkt ausbreitete.

Ihn wurmte es, dass sich keiner zu Football Leaks äußerte

Mit all unseren Artikeln leuchteten wir eine Branche aus, die eigentlich unter akuter Transparenzallergie leidet. Wir dachten, wir hätten mit unseren Veröffentlichungen gezeigt, wie enthemmt, zügellos, teils kriminell der Profifußball mittlerweile agiert. Dass in der Branche die meisten moralischen oder ethischen Grenzen keine Rolle mehr spielen. Und dann sitzt John da, futtert Schmelzkäse und zerschießt unsere gesamte Arbeit mit wenigen Sätzen. Ich war bedient.

Ihn wurmte damals vor allem, dass kaum einer der Verbände und auch sonst nahezu keine Spieler, Funktionäre oder Trainer sich zu den Football Leaks äußerten. John erwartete nach all den Artikeln einen Sturm der Entrüstung, auch bei den Fans. „Ihr habt beschrieben, dass Cristiano Ronaldo, einer der besten Fußballer unserer Zeit, 150 Millionen Euro aus seinen Werbegeldern auf die British Virgin Islands transferieren lässt und am Ende nur sechs Millionen Euro Steuern darauf zahlt. In Spanien haben fast 40 Prozent der Jugendlichen keine Arbeit. Trotzdem gibt es keine Proteste. Das ist doch absurd!“, sagte John. Ich erklärte ihm, dass auch nach Edward Snowden NSA-Enthüllungen trotzdem weitere Rekorde im Absatz von iPhones und auch bei Facebook-Anmeldungen stattgefunden haben, obwohl jeder mittlerweile weiß, welch hohes Gut die eigenen Daten eigentlich sind.

Skandale setzen nur selten direkt etwas beim Publikum oder Nutzer frei. Ich habe John gesagt, dass ich glaube, dass bereits rund um unsere Buchveröffentlichung viele Veränderungen sichtbarer werden.

Im Jahr 2018 dürfte es zu einigen Prozessen kommen

Im Mai erschien unser SPIEGEL-Buch Football Leaks – die schmutzigen Geschäfte im Profifußball, das ich gemeinsam mit meinem Kollegen Michael Wulzinger, und viel tatkräftiger Unterstützung aus unserer Redaktion schrieb. Wir zeigten darin viele weitere dubiose, illegale Geschäfte auf. Der Fußball, das wird mit jeder weiteren Enthüllung deutlich, hat ein horrendes Kontrollproblem. Sehr deutlich beschrieben wir das im Buch am Beispiel des Weltrekordtransfers von Paul Pogba. Sein Berater Mino Raiola kassierte über mehrere Firmen insgesamt 49 Millionen Euro an dem Deal. Juventus Turin, Manchester United und Pogba selbst zahlten dieses Honorar. Eine irrwitzige Summe, die in keiner Relation mehr zum Markt steht und die Frage aufwirft, wo dieses Geld am Ende eigentlich landet?

Abgesehen von den neuen Enthüllungen konnten wir in unserem Buch aber auch beschreiben, was seit den ersten Veröffentlichungen passiert ist: Es gab Razzien und Hausdurchsuchungen bei Paris Saint-Germain und seinen Spielern Ángel Di María und Javier Pastore. Zahlreiche Spielerberater stehen seitdem auch im Fokus der Ermittlungsbehörden, es geht um mutmaßlich illegale Honorarzahlungen und Kickbacks.

Der AS-Monaco-Stürmer Radamel Falcao, die Real-Madrid-Spieler Ronaldo, Fábio Coentrão, Daniel Carvajal, Pepe, Manchester-United- Startrainer José Mourinho und etliche weitere Spitzenfußballer wurden von Staatsanwälten vernommen. Ihnen wird Steuerbetrug vorgeworfen, im Jahr 2018 dürfte es deshalb zu einigen Prozessen kommen.

Falcao sagte vor Gericht aus, er habe komplett seinem Agenten vertraut, selbst keine Ahnung von seinen Steuerkonstruktionen. Der Name des Beraters: Jorge Mendes. Er betreute beinahe alle der beschuldigten Spieler, wir schrieben deshalb von einem „Mendes-System“. Seine Finanzexperten sollen für etliche seiner Klienten solche Steuerrutschen gebaut haben, an deren Ende meistens ziemlich viel Geld auf Konten in Übersee plumpste. Mendes, seine Finanzexperten und auch die Spieler bestreiten alle Vorwürfe. Trotzdem haben die portugiesischen Behörden mittlerweile zahlreiche Ermittlungsverfahren gegen seine Firma Gestifute eingeleitet und prüfen aktuell fast jeden Transfer, den Mendes in den vergangenen vier Jahren durchgeführt hat.

Paris machte das Financial-Fair-Play lächerlich

Nur wenige Tage nach unserer Buchenthüllung veröffentlichten auch spanische Ermittler ein Dokument. So schnörkellos die Pressemittelung auch formuliert war, ihr Inhalt hatte es mächtig in sich: 14,8 Millionen Euro soll Cristiano Ronaldo, der portugiesische Stürmerstar, demnach „bewusst“ und „willentlich“ an der Steuer vorbeigeschoben haben. Sollte es zu einem Prozess kommen, drohen ihm nun bis zu sieben Jahre Gefängnis. Auch er beteuert seine Unschuld.

Viele Kollegen aus in- und ausländischen Medien baten uns anschließend um Interviews, wollten wissen, wie es nun mit Ronaldo und auch generell mit dem Fußball weitergehen würde. Wir sagten, dass wir niemandem die Hoffnung machen möchten, dass die Absurditäten und schmutzigen Geschäfte im Fußball zeitnah abnehmen würden. Im Gegenteil: Die Geldspirale würde sich gerade durch die zusätzlichen Investoren- und TV-Millionen dermaßen schnell drehen, dass mit vielen weiteren Exzessen und auch mit zunehmender Kriminalität gerechnet werden kann.

Dann kam der Transfersommer, ganz so, als bräuchte es einen schnellen Beleg für unsere Worte.

Welche Auswüchse Investorenmodelle – eines der zentralen Themen der Football-Leaks-Enthüllungen – annehmen können, durfte die gesamte Welt anhand des Neymar-Transfers begutachten. Der Superstar wechselte mit Hilfe katarischen Öl-Geldes für ein Gesamttransfervolumen von mehr als einer halben Milliarde Euro von Barcelona nach Paris. Dazu verpflichteten die katarischen Großinvestoren noch Kylian Mbappé, ein Supertalent vom AS Monaco. Auch sein Transfer wird inklusive der Beraterhonorare und seinem eigenen Gehalt mehr als 400 Millionen Euro kosten.

Die Katarer brauchten nur wenige Sommerwochen, um das Financial-Fair-Play der darauf so stolz gewesenen UEFA der Lächerlichkeit preiszugeben. Und auch um zu demonstrieren, dass sportlicher Wettbewerb jederzeit im aktuellen Profifußball durch entsprechendes Kapital ausgehebelt werden kann.

Die Football Leaks werden weiter vorangetrieben

Ich traf John im Spätsommer erneut. Wir saßen in einem Park, schauten Kindern beim Fußballspielen zu. „Durch die vielen Football-Leaks-Enthüllungen ist einige Bewegung in die Branche gekommen“, sagte er. Er klang nun wieder deutlich zuversichtlicher, wieder angriffslustiger. „Ich sehe, dass viele der Manager und Funktionäre sich deutlich mehr Gedanken über ihre Geschäfte machen, weil sie Angst haben, damit demnächst selbst im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen. Und auch so ein Deal wie der von PSG und Neymar wird nun viel kritischer betrachtet“, sagte John.

Er überreichte mir eine kleine, schwarze Festplatte.

Zurück in Hamburg stellten wir fest, dass die meisten der Dokumente auf dem Datenträger den Neymar-Deal, aber auch das Geschacher um den Ex-Dortmunder Ousmane Dembélé sowie den Liverpooler Philippe Coutinho beleuchteten. Wir schrieben auch darüber eine lange Geschichte in DER SPIEGEL.

Wenige Wochen später fand in Brüssel ein Hearing des EU-Parlaments zu Football Leaks statt. Auf der Grundlage unserer Enthüllungen debattierten die Europa-Politiker mit Vertretern der FIFA, UEFA sowie der Spielerberatervereinigung über mögliche Veränderungen im Profifußball. Es war eine zähe, ergebnisoffene Veranstaltung. Und sie zeigte, wie schwierig der Prozess hin zu einem transparenteren Business tatsächlich ist. Fußball ist ein globales Geschäft, die Protagonisten haben die finanziellen Möglichkeiten, um die besten Anwälte, Finanzexperten und Steuertrickser einzustellen und ihre Gelder vor nationalen Behörden und Verbänden zu verstecken. Es bedarf großem politischen Gestaltungswillens, um diesen Geldflüssen adäquate Kontrollinstanzen entgegenzusetzen. Ein erster Schritt wäre beispielsweise die Etablierung einer europäischen Schwerpunktstaatsanwaltschaft „Fußball“, die sich ausschließlich mit auffälligen Geldflüssen beschäftigt.

John, das signalisierte er uns zuletzt wieder sehr vehement, wird auch in den nächsten Monaten versuchen, solche Veränderungen durch seine Leaks weiter voranzutreiben.