Archiv für die Kategorie: Fußball

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Kingsley Coman exklusiv: Vom Außenseiter zum König

Lindsay Vonn, Boris Becker und Kingsley Coman zieren das Cover der 30. Ausgabe von SOCRATES. Bayern Münchens Offensivspieler hatte es nicht immer leicht, aber in dieser Saison hat sich der Franzose durchgesetzt. Auch dank Uli Hoeneß, wie er im Exklusiv-Interview verrät.

Kingsley Coman: Der Durchstarter

Der Tegernsee – unweit von München – ist ein wunderbarer Urlaubsort – un das zu allen Jahreszeiten. Ein bisschen Abschalten, das tolle Wetter und die Aussicht genießen. Oder bei Uli Hoeneß vorbeischauen und leckere Kekse essen. Der Präsident des FC Bayern München lud neulich Kingsley Coman ein, um das klubeigene Juwel kennenzulernen. „Nach diesem Gespräch habe ich noch besser verstanden, warum viele Leute sagen, dass der FC Bayern eine Familie sei“, sagt Kingsley Coman im Exklusiv-Interview bei SOCRATES.

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München hat den 22 Jahre jungen Franzosen verändert – zum Positiven. In den vier Jahren beim FC Bayern hat sich Coman sportlich und persönlich entwickelt und freut sich, dass er noch lange beim FC Bayern bleiben darf. Im Interview erzählt Coman auch, warum er nun mehr Fußball guckt als früher – und wie die Freundschaft zu Joshua Kimmich entstanden ist.

Was gibt es sonst in Ausgabe #30?

Lindsay Vonn und Boris Becker

Nach fast zwei Jahrzehnten im Ski-Zirkus hat Lindsey Vonn ihre einzigartige Karriere beendet. Bevor sich die bekennende Chaos-Liebhaberin kopfüber in den Unruhestand stürzt, fand sie Zeit für ein bemerkenswert offenes Gespräch. Und: Wenn man die Gelegenheit hat, mit Boris Becker zu sprechen, muss man sie nutzen und viele, viele Fragen stellen, denn der inzwischen 51 Jährige scheut keine klaren Worte. Ein Gespräch über alte und neue Zeiten, große Helden und die Krux mit den Millennials.

Außerdem in dieser Ausgabe

  • Exklusiv-Interview mit Juventus-Star Emre Can
  • Exklusiv-Interview mit Bayerns Nachwuchschef Jochen Sauer
  • Exklusiv: Die Kolumne von Javi Martinez
  • Exklusiv-Interview: Amelie Mauresmo
  • Exklusiv-Interview: Yannic Seidenberg
  • Das Special zum Formel-1-Start
  • u.v.m.

Für nur 10 Euro: Das Socrates-Testabo

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Gucken Sie Liebesfilme, Hans-Joachim Watzke?

Hans-Joachim Watzke ist seit fast 15 Jahren Geschäftsführer bei Borussia Dortmund und lebt den Spagat zwischen emotionaler Hingabe und totaler Rationalität. Im großen Interview mit SOCRATES spricht der BVB-Boss über Liebe und Geld, Gesellschaft und Moral, Klopp, Favre und noch viel mehr. Dies und mehr in der neuen Ausgabe.

Hans-Joachim Watzke: Echte Liebe

Hans-Joachim Watzke ist kein Träumer. Dafür hat der 59 Jahre alte Geschäftsführer von Borussia Dortmund einfach schon zu viel erlebt. Aber emotional wird der BVB-Boss schon, vor allem, wenn es um seinen Klub geht. SOCRATES traf Watzke zum Interview, um über diese Liebe zu sprechen. Erlaubt der Job Emotionen? Wie echt ist noch die Liebe im Fußball? Wie groß ist sie noch zu Jürgen Klopp? Und guckt Watzke eigentlich Liebesfilme? Alle Antworten gibt er in der aktuellen Ausgabe von SOCRATES.

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Doch Watzke macht sich nicht nur um den BVB Gedanken? Der BVB-Geschäftsführer sorgt sich um die Gesellschaft in Deutschland, sieht eine Zerreißprobe auf das Land kommen. Watzke sieht einen Sittenverfall, den es aufzuhalten gibt. Watzke sagt: „Die Tendenz ist da! Früher war das deutlich anders, die Menschen haben vielleicht einfach spießiger gelebt. Ein ganz banales Beispiel: Früher hast du gemerkt, dass Sonntag war, weil alle ordentlich angezogen waren. Heute siehst du das nicht mehr.“ Einen Lösungsansatz verrät Watzke auch.

Was gibt es sonst in Ausgabe #29?

Javi Martinez: Die erste Kolumne

Gerade eben hat erst Javi Martinez eine grandiose Leistung im Trikot des FC Bayern wieder hingelegt. Beim 0:0 in Liverpool war Martinez der beste Mann auf dem Platz. Medien, Fans, Mitspieler, Trainer – alle attestierten ihm eine überragende Leistung. Doch Javi Martinez ist ein vielseitiger Typ – nicht nur auf dem Platz. In der aktuellen Ausgabe gibt es die erste Kolumne, die der Bayern-Profi exklusiv in SOCRATES schreibt. Wie er das Glück auf dem Fahrrad fand und was der beste Weg zum Profi ist, verrät er in seiner ersten Kolumne.

Außerdem in dieser Ausgabe

  • Uli Hoeneß: Papa auf Abruf beim FC Bayern?
  • Exklusiv-Interview: Stefan Edberg
  • Exklusiv-Interview: Marc Marquez
  • Exklusiv: Luka Doncic
  • Exklusiv-Interview: Robin Sönderling
  • u.v.m.

Für nur 10 Euro: Das Socrates-Testabo

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Bayern-Profi Javi Martinez schreibt für Socrates

Neuzugang für das Socrates Magazin: Javi Martinez, Profi des FC Bayern München, wird neuer Kolumnist. Der 30 Jahre alte Spanier schreibt jeden Monat über seine Sicht der Dinge. Im Exklusiv-Interview erklärt Martinez, warum er diesen Schritt gegangen ist.

Javi Martinez: „Einblicke ermöglichen“

Der Begriff Erfolgsgarant wird ja inzwischen sehr inflationär verwendet. Bei Javi Martinez trifft es sogar zu. Beim Gastspiel des FC Bayern München bei 1899 Hoffenheim feierte der Spanier seinen 100. Bundesliga-Sieg – im 120. Spiel. So schnell kam in der Bundesliga noch nie zu den 100 Siegen. Und Martinez hatte wieder einmal gehörigen Anteil am wichtigen Sieg in Sinsheim. Auf der Sechs präsentierte sich der Mittelfeldspieler in überragender Form.

Diese möchte Martinez künftig auch als Kolumnist des Socrates Magazins unter Beweis stellen. Der 30 Jahre alte Profi des FC Bayern schreibt jeden Monat seine Gedanken auf. Dies verkündete Martinez in der neuen Ausgabe des Socrates Magazins, das am Donnerstag im Handel erschienen ist.

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„Ich freue mich sehr. Ich liebe es zu schreiben. Die Idee, den Lesern das Leben eines Fußballers aus einer sehr persönlichen Perspektive näher zu bringen, fasziniert mich. Es gibt viele Dinge, die Außenstehende nicht nachvollziehen oder wissen können. Ich möchte ihnen Einblicke ermöglichen, die ihnen ansonsten vorenthalten bleiben würden“, so Martinez im Exklusiv-Interview.

Auch bei Socrates ist Freude über den Neuzugang groß: „Javi Martinez ist ein Profi, aber vor allem ein Mensch, der über den Tellerrand hinausblicken kann – und will. Wir freuen uns, dass wir mit Javi Martinez eine Bundesliga-Größe für unser Magazin begeistern konnten, die hervorragend zu unserem Motto Die besten Storys schreibt der Sport passt“, sagt Socrates-Herausgeber Fatih Demireli.

Bereits im exklusiven Interview, das den Startschuss für die Zusammenarbeit zwischen Martinez und Socrates gibt, gewährt der Bayern-Star tiefe Einblicke in sein Innenleben, verrät aber auch, dass er sich einen Wechsel zu einem anderen Klub in dieser Größenordnung nicht mehr vorstellen kann.

Was gibt es sonst in Ausgabe #28?

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Bekir Refet: Der erste „Bomber“ Deutschlands

Bekir Refet war der erste türkische Fußballer in Deutschland. Doch seine Wahlheimat bescherte ihm mehr Schicksalsschläge als ein paar Tore. Er starb sogar zwei Mal. Ein Porträt.

Der Artikel erschien in Ausgabe #7

Der Artikel erschien in Ausgabe #7

Es waren die letzten Augusttage. Istanbul hatte die drückend heißen Temperaturen hinter sich gelassen und war so windig und kühl wie in einem gewöhnlichen Herbsttag. Die Zugzeit der Störche war längst gekommen. Eine Gruppe junger Männer hatte sich am Hauptbahnhof in Sirkeci getroffen und wartete auf ihren Zug. Das Leben in Anatolien war damals, um das Jahr 1920, durch den schmerzhaften Befreiungskrieg geprägt. Diese jungen Männer aus Istanbul sollten sich aber vom Krieg noch mehr entfernen und in anderen Ländern einen weiteren Kampf führen. Vor der Reise herrschte gute Stimmung. Die letzten Fotos, die letzten Gelächter…

Einer von ihnen schob seinen Holzkoffer mit seinem Fuß in die Nähe des Zuges. Er stellte sich darauf und schrieb mit der Kreide, die er aus seiner Tasche hervorholte, an das Äußere eines der Waggons auf Französisch: „Footballistes de Galatasaray“. Ein anderer füllte das strohgelbe Telegrammformular aus, das er am Rücken eines Freundes fixiert hielt: „Wir machen uns auf den Weg nach Lausanne. Hochachtungsvoll, Bekir.“

Bekir Refet: Wie wurde er zum Star?

Bekir spielte nicht bei Galatasaray. Damals war er im Kader von İttihatspor, dem Nachfolger von Altınordu, der als der Verein des Komitees für Einheit und Fortschritt, der mächtigsten Partei der Jungtürken, bekannt war. Im Istanbul der Besatzungsjahre gewann Altınordu alle Meistertitel. Diesen Erfolg verdankte der Verein den Stars, die mit verschiedensten Versprechungen von Galatasaray, Fenerbahçe und Beşiktaş geholt wurden. Auch Bekir war einer dieser Spieler. Er war bereits mit 13 Jahren, als er noch zur Numune Mittelschule in Kadıköy ging, entdeckt worden, und hatte drei Jahre in der Jugend von Fenerbahçe gespielt, bevor er im Kader der ersten Mannschaft spielen durfte.

Nachdem er es dort schnell zu Ruhm gebracht hatte, wechselte Bekir ein Jahr später zu Altınordu. Und nun wurde er auf Bitten der Verantwortlichen für die Spiele in Europa in den Kader von Galatasaray aufgenommen. Was machte ihn im jungen Alter zu einem Star? Der kleinwüchsige, untersetzte, dunkelhäutige Junge hatte das Fußballspielen in Kadıköy, wo er geboren und aufgewachsen war, von Engländern gelernt. Aus späteren Interviews mit ihm geht hervor, dass er sich glücklich schätzte, weil er das Spiel von „Erfindern des Fußballs“ lernen konnte.

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Bekir bezauberte die Zuschauer vor allem mit seinem Talent. Er war so ein flinker Fußballer, dass er sogar sich selbst umspielen könnte. Seine Ballbeherrschung war beispiellos. Seine scharfen Augen schenkten seinen Schüssen Treffsicherheit und seine breiten, muskulösen Beine eine hohe Geschwindigkeit.

Als Fenerbahçe gegen die Besatzung des in Istanbul geankerten berühmten Schlachtkreuzers Goeben spielte, wurde er von den deutschen Matrosen „roter Teufel“ genannt. Und es wird erzählt, dass er in einem Spiel gegen die Mannschaft der französischen Besatzungsmacht einen alten Schuhputzer mit einem Schuss ins Krankenhaus beförderte. Er war eine Fußballlegende, die mit ihren Schüssen einen Büffel umlegen, den Holzzaun neben dem Spielfeld demolieren, die Torpfosten ins Netz jagen konnte. Er könnte als Urgroßvater Gerd Müllers gelten, denn er war der erste Träger des Spitznamens „Bomber“.

Der Besuch von Emil Oberle

Die Europatour im Jahre 1921 war ein Wendepunkt in Bekirs Leben. Nach den Spielen in der Schweiz kam die Mannschaft nach Deutschland. Ihre erste Station war Karlsruhe. Dort brillierte Bekir im Spiel gegen den FC Phönix. Danach waren Frankfurt, Ludwigshafen und Köln an der Reihe. Die Mannschaft kehrte nach einer ermüdenden Tour, bei der sie in 45 Tagen 17 Städte besucht hatte, schließlich in die Heimat zurück. Aber in dem Zug, der nach Sirkeci fuhr, war der von Altınordu ausgeliehene Bekir nicht dabei. Er hatte sich bei einem Spiel in Hamburg verletzt und war für die medizinische Behandlung in Deutschland geblieben.

Im Krankenhaus besuchte ihn Emil Oberle, ein Spieler des FC Phönix, der in der Vergangenheit auch bei Galatasaray gespielt hatte. Der FC Phönix wollte Bekir verpflichten. Emil sagte zu ihm: „Beiß zwei Jahre lang die Zähne zusammen, danach kannst du nach Istanbul zurückkehren und dort mit dem Geld dein eigenes Geschäft eröffnen.“ Als Bekir Refet im Oktober 1921 den Vertrag unterschrieb, ging er nicht nur als der erste türkische Fußballspieler in Deutschland, sondern ebenfalls als der erste türkische Fußballprofi überhaupt in die Geschichte ein.

Bekir war vielleicht der erste der türkischen „Gastarbeiter“, die sich später mit einem unaufhörlichen Traum von der Heimkehr an ihrem Leben in Deutschland festhielten und dieses im Schatten des Traums in Deutschland fristeten. Zunächst heiratete er und bekam ein Kind. Seinem Sohn gab er den Namen seines Vaters sowie seines besten Freundes, mit dem er Jahre lang bei Fenerbahçe und Altınordu zusammengespielt hatte: Nuri. Später ließ sich Bekir von seiner Frau scheiden; Nuri blieb bei seiner Mutter. Bekirs Heimweh vermengte sich mit der Sehnsucht nach seinem Sohn, die letztendlich überwog. So blieb Bekir in Deutschland, während sein Sohn aufwuchs, um ihn wenigstens ein Mal die Woche sehen zu können, und seine Heimkehr musste für einige Zeit aufgeschoben werden.

Bekir besuchte 1924 und 1927 auf Einladung seines ehemaligen Vereins Fenerbahçe hin Istanbul, um gegen Slavia Prag zu spielen. Als er am 3. Juni 1927 seinen Fuß auf den Boden des Hauptbahnhofs in Sirkeci setzte, wurde er von seinen Freunden empfangen und direkt zum Taksim-Stadion gebracht. Als er auf der Ehrentribüne gesichtet wurde, brach in der Menge, die dem Spiel zwischen Galatasaray und Slavia beiwohnte – fast 5000 Zuschauer –, für die Fußballlegende ein stürmischer Beifall los. Bekir war nicht vergessen.

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Die Gelb-Blauen gewannen gegen Slavia Prag, die damals unbesiegbare Mannschaft Europas, mit einem Kopfballtor Bekirs. Ein Sieg, der damals als eines der größten Ereignisse im türkischen Fußball angesehen wurde. Bei seinem vorerst letzten Besuch blieb Bekir fünf Monate in Istanbul und spielte in weiteren Freundschaftsspielen für Fenerbahçe. Bekir hatte Istanbul vermisst und wollte bleiben. Aber: In der Türkei war professioneller Fußball verboten. Als ihm die Erlaubnis, in seiner Heimat zu spielen, verweigert wurde, kehrte Bekir verbittert nach Deutschland zurück. Er war sauer auf die verantwortlichen des türkischen Fußballbunds. Fast 25 Jahre kehrte er nicht in sein Heimatland zurück.

Allerdings widerstand er aber auch den beharrlichen Bitten, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Er lebte weiter als ein einsamer Türke in Karlsruhe. Vielleicht entschied er sich auch deswegen für den Nachnamen Teker (Anm. d. Red. Einsamer Soldat auf Türkisch). Als er 1951 als Ehrengast des Türkischen Fußballbunds in sein Land kam, um dem Länderspiel zwischen der Türkei und Deutschland beizuwohnen, sprach er mit einem gebrochenen Türkisch zu den Zeitungen und erklärte sich mit dem Interesse der Jugendlichen zufrieden, die ihn zum ersten Mal gesehen hatten.

Der Fußballmigrant, der seine Karriere nach dem FC Phönix beim Karlsruher FV und dem FC Pforzheim fortsetzte, schaffte es, überall Publikumsliebling zu werden. Die Presse sprach davon, dass ein Türke in Deutschland Geschichte schrieb. Der Kicker machte den „Bomber“ sogar zur Titelstory. Er besaß alle Eigenschaften, die ein guter Fußballspieler brauchte. Wenn er den Ball am Fuß hatte, dribbelte er großer Geschwindigkeit, brachte die gegnerische Abwehr durcheinander, raubte mit seinen Toren den Zuschauern den Atem.

Bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris schoss er im Spiel gegen die Tschechoslowakei als Kapitän die beiden Tore der türkischen Nationalmannschaft. Bei Olympia 1928 in Amsterdam, als die Türkei gegen Ägypten sieben Tore kassierte, kam der Ehrentreffer ebenfalls von Bekir. Nach seinem letzten Auftritt im Taksim-Stadion hatte Bekir in Karlsruhe ein Zeitungs- und Tabakgeschäft eröffnet, das seinen Namen trug.

Nachdem er mit dem Ende seiner Fußballkarriere im Alter von 38 Jahren als Einzelhändler ins Zeitungsgeschäft eingestiegen war, wurde er zum Zeitungsgroßhändler. Seine Geschäfte liefen bis zum Kriegsausbruch gut. Aber die Bombardierung Karlsruhes brachte sein Leben wieder durcheinander. Sein Kiosk war niedergebrannt und geplündert, die Kommunikation mit seiner Heimat völlig zusammengebrochen.

Zu dem Zeitpunkt berichteten türkische Medien sogar über Bekirs Tod. Der berühmte Sportmoderator Sait Çelebi brach sogar in Tränen aus, als er von Bekir erzählte, und es wurde berichtet, dass der damalige Außenminister, Şükrü Saraçoğlu, sich mit Deutschland in Verbindung setzte, um den Leichnam des legendären Fußballers abholen zu lassen. Nach der einwöchigen Trauer in der Sportwelt kam jedoch heraus, dass es sich um einen anderen Türken namens Bekir handelte, der in Deutschland gestorben war.

Der falsche Tod

Der „Bomber“ hatte Glück, er lebte. Aber unter den Verwundeten waren Freunde von ihm. Als er sie im Krankenhaus besuchte, konfrontierte das Leben ihn mit einer neuen Überraschung. Oberschwester Else und Bekir verliebten sich. Nach zwei Jahren Partnerschaft heirateten sie 1945. Else an seiner Seite zu haben, half Bekir dabei, über seine Einsamkeit hinwegzukommen.

Bekir, der finanziell schwer angeschlagen war, klammerte sich durch materielle sowie moralische Unterstützung seiner deutschen Frau wieder am Leben fest. Nach dem Kriegsende konnte er nach intensiven bürokratischen Auseinandersetzungen zusammen mit seiner Frau seinen Laden wieder eröffnen. Obwohl er sich danach sehnte, konnte er nach 1951 die Türkei nie wieder sehen.

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1959 beendete er seine Karriere als Inhaber eines Ladens, in dem neben Tabak und Zeitungen auch Magazine, Bücher und Sportartikel verkauft wurden, und ging in Rente. Danach führte er zusammen mit seiner Frau ein asketisches Leben in einer Wohnung in Ettlingen, nahm aber regelmäßig türkische Migranten auf, die allmählich nach Deutschland kamen.

Als er 1977 in einem Krankenhauszimmer seine letzte Reise antrat, stand die Frau an seinem Bett, mit der er die letzten 32 Jahre seines Lebens geteilt hatte. Sein Tod, diesmal handelte es sich um den „richtigen“ Bekir, löste in der Türkei wieder große Trauer aus. Selbst Jahre nach seiner Karriere noch wurde in türkischen Medien an Bekir Refet erinnert wie an einen Märchenhelden: „Wer war nun dieser Bekir? Hatte er wirklich gelebt? Ist es wahr, dass man sein linkes Bein festkettete, damit er die Torhüter nicht mit seinen erbarmungslosen Schüssen verletzte? Sind die Gerüchte, dass einer seiner Schüsse die Rippen eines Ochsen, ein anderer den Torpfosten brach, nur Märchen gewesen? (…) Für diejenigen, die jene Tage miterlebten, war Bekir ein legendärer Mann, der aus einer mythologischen Welt gekommen war.“

Bekir Refet war ein Held, um den zwei Mal getrauert wurde…

Sevecen Tunç

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Serge Gnabry: „Offen für Vieles“

Nationalspieler Serge Gnabry profitiert fußballerisch und familiär von vielen Einflüssen. Ein klarer Plan brachte ihn von London über Bremen und Hoffenheim zum FC Bayern. Dort ist der 23-Jährige nun der Mann für alle Schnauzer. Bei Socrates spricht er aber nicht nur darüber.

Der Artikel erschien in Ausgabe #26

Serge Gnabry, googlen Sie Ihren Namen?

Klar, das habe ich zu Beginn meiner Karriere schon gemacht. Da wollte ich wissen, was im Internet über mich geschrieben steht. Aber ich bin jetzt nicht so ein Computerfreak, dass ich wüsste, wie viele Treffer es zu meinem Namen gibt.

Es sind über 1,2 Millionen.

Das ist viel.

In der Tat. Wie wichtig ist Ihnen Popularität?

Im Fußballbusiness stehst du in der Öffentlichkeit, ob du willst oder nicht. Das akzeptiere ich und begreife es als Teil meines Jobs. Privat versuche ich, alles etwas ruhiger zu gestalten. Das tut mir persönlich gut. Ich sitze nicht daheim und denke darüber nach, wie populär ich möglicherweise bin.

Denken Sie daheim über Frisuren nach? In der Bildersuche tauchen Sie mit auffällig vielen Looks auf.

Es gefällt mir auf jeden Fall, immer mal wieder etwas zu verändern. Ich bin bei meiner Optik gerne kreativ und offen für vieles. Bei mir wachsen die Haare relativ schnell nach, weswegen ich bei dem Thema auch sehr entspannt bin. Bevor ich zu diesem Interview gekommen bin, habe ich meinen Bart verändert, jetzt trage ich Schnauzer. Daran ist Joshua Kimmich übrigens nicht ganz unschuldig.

Erzählen Sie.

Sagen wir es mal so: Ich hatte Joshua stark bearbeitet, dass er sich einen Schnauzer schneidet. Dann klopfte es irgendwann im Mannschaftshotel an meiner Zimmertür. Joshua stand mit unschlüssigem Gesicht und einem Schnauzer vor mir. Ich musste lachen und sagte spontan: „Wenn du ihn stehen lässt, bin ich der nächste, der einen Schnauzer hat.“ Ich hoffe, dass noch einige von den anderen Jungs uns barttechnisch folgen werden. Sandro Wagner habe ich den Schnauzer bereits wärmstens empfohlen. Der braucht allerdings noch Bedenkzeit.

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Zurück zu Ihren Haaren. Stehen Frisuren bei Ihnen für Lebensabschnitte?

Ich hatte wirklich schon viele. Mal die Haare hoch, dann ganz kurz wie jetzt. Einmal hatte ich auch einen blonden Streifen. Aber damals war ich 17 – also why not? Meistens kommen die Anstöße für Frisuren von Freunden. Ich ziehe es dann durch. Sie stehen eher für eine Laune als für Lebensabschnitte.

Inwiefern haben sich nicht nur Optik, sondern auch Träume verändert?

Ich trage tatsächlich immer noch die gleichen Träume in mir wie damals mit 16, als ich zum FC Arsenal ging. Das war sicherlich ein sehr gewagter Schritt zu dem Zeitpunkt. Aber schon damals wollte ich auf dem höchsten Level Fußball spielen und Titel gewinnen. Und das will ich noch immer.

In London arbeiteten Sie unter Arsène Wenger. Was von ihm ist Ihnen besonders im Kopf geblieben?

Arsène Wenger ist ein sehr beobachtender Typ. Ich fand sehr bemerkenswert, dass er jedem Spieler viel Freiheit gegeben hat. Und dass er den Spielern auch viel Verantwortung übertragen hat. Dadurch ergab sich für jeden die Möglichkeit, auch als Person zu wachsen. Das hat meine Entwicklung ganz sicher positiv beeinflusst.

Insgesamt verbrachten Sie vier Jahre in England. Inwiefern hat Sie die Zeit im Ausland verändert?

Allein der Schritt ins Ausland war damals ein Riesending. Man lässt Familie und Freunde zu Hause, kommt in ein neues Land, trifft auf eine neue Kultur. Man lernt, sich zu adaptieren, mit einer anfangs ungewohnten Situation zurechtzukommen. Es war sicher nicht immer easy. Gerade die Zeit von 16 bis 20 oder 21 ist vielleicht die Zeit, in der du als heranwachsender Mann alles erleben willst. Dass ich das in London erleben durfte, hat mir auf viele Dinge einen anderen Blickwinkel gegeben.

Auch familiär profitieren Sie von unterschiedlichen Perspektiven. Ihr Vater stammt aus der Elfenbeinküste, Ihre Mutter aus Schwaben. Sind Sie froh, nicht eindimensional aufgewachsen zu sein, sondern Vielfalt zu verkörpern?

Ich sehe in dieser Vielfalt tatsächlich nur Vorteile. Je mehr du von der Welt mitbekommst, je mehr Erfahrungen du machst, desto mehr hast du die Möglichkeiten zu vergleichen, Dinge anders einzuordnen.

Sind Sie mehr Ivorer oder mehr Schwabe?

Der Schwabe spart.

Trifft das auf Ihre Mutter zu?

Ja. Das kriegst du aus ihr nicht raus.

Und, haben Sie die Sparsamkeit von ihr übernommen?

Teils, teils. Ich habe zum Glück von beiden Seiten etwas mitbekommen. Die Sparsamkeit und die typisch deutschen Tugenden von meiner Mutter. Und von meinem Vater das Lebhafte, den Spaß, den Genuss und die Freude an afrikanischer Musik. Ich weiß gar nicht, wie die beiden sich gefunden haben. (lacht)

Zeichnet Sie diese bunte Mischung auch als Fußballer aus?

Es fällt mir in der der Tat schwer, mich als Fußballer klar einem bestimmten Spielstil zuzuordnen. Nur Fußball zu arbeiten, das trifft auf mich nicht zu. Ich muss ihn auch leben können.

Welcher Gedanke treibt Sie konkret an?

Am wichtigsten ist mir, Freude an dem zu haben, was ich tue. Und die Zeit zu genießen, so lange ich gesund bin. Ich habe das Glück, dass der Fußball dafür sehr gute Rahmenbedingungen bietet, um viel Freude an seinem Beruf zu entwickeln.

Geht das im harten Fußballgeschäft überhaupt: immer Spaß zu haben?

Das geht schon. Klar, du musst mit Dingen wie Ergebnisdruck und Medienpräsenz zurechtkommen. Aber wenn du dir vor Augen führst, was dir da ermöglicht wird, musst du doch gute Laune haben: einfach Fußball spielen zu dürfen. Das war früher mein Hobby, meine Leidenschaft. Jetzt ist genau das mein Beruf. Dann muss das doch Spaß machen.

Bis Sie nach Ihren ersten beiden A-Länderspielen 2016 wieder von Jogi Löw für die Nationalmannschaft berufen worden sind, verging viel Zeit. Schoss Ihnen da im Vorfeld der WM mal die Frage durch den Kopf: Warum nominiert Jogi Löw mich nicht, der braucht mich doch?

Deutschland hat genug gute Spieler. Ich denke, ich habe auch vergangene Saison gute Leistungen gezeigt, war in einer guten Verfassung. Leider wurde ich dann durch die Verletzung gestoppt. Jetzt bin ich froh, wieder fit zu sein und auch für die Nationalmannschaft spielen zu dürfen.

Hat Deutschland seit dem Gruppenaus bei der WM seinen Top-Team-Status verloren?

Das sehe ich nicht so. Es gab auch andere Weltmeister, die ebenfalls früh beim nächsten Turnier die Heimreise antreten mussten. Und trotz der sicherlich nicht perfekten Ergebnisse in der Nations League kann ich nicht erkennen, dass die Nationalmannschaft an sportlicher Wertigkeit verloren hat. Ich denke, andere Nationen haben nach wie vor großen Respekt vor uns, weil jeder weiß, wie gefährlich Deutschland ist. Und das werden in Zukunft ganz sicher auch die Ergebnisse wieder belegen.

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Bis Sie beim FC Bayern durchstarten konnten, dauerte es aufgrund Ihrer im Sommer noch nicht vollständig auskurierten Verletzung ebenfalls. Ist Geduld eine Stärke oder Schwäche von Ihnen?

Eine Schwäche. Als Fußballer willst du spielen. Das kann jeder der Jungs unterschreiben. Da Geduld aufzubringen, ist innerlich am schwersten. Äußerlich geht das. Man ringt in so einer Phase mit sich selbst: Man weiß zwar, dass es nicht geht, jedes Spiel zu machen und sein Ego über das Team zu stellen. Aber man will trotzdem auf den Platz. Du versuchst dann einfach, jedes Training Gas zu geben. Es bringt ja nichts, eine beleidigte Miene zu schieben. Aber ganz ehrlich: Nicht zu spielen, das ist mit das Schlimmste für einen Fußballer.

Gab es im Zuge Ihres Bayern-Wechsels Zweifel, ob Sie eine echte Chance haben, solange Arjen Robben und Franck Ribéry noch spielen?

Ich war relativ jung, als Franck bereits bei Bayern wirbelte. Da saß ich teilweise vor dem Fernseher und staunte. Mir war jedoch immer klar, dass eine Mannschaft, die in drei Wettbewerben vertreten ist, mehr als nur zwei Außenspieler benötigt. Und jeder von uns Flügelspielern geht mit dem gleichen Ehrgeiz an die Sache ran und will spielen. Im sportlichen Sinne ist es meine Konkurrenz. Aber ich bin auch ihre. Da spielt Alter keine Rolle.

Arjen Robben lobt Sie als „Freund im Fitnessraum“.

Das ist ein schönes Kompliment. Aber Arjen verbringt dort immer noch etwas mehr Zeit als ich. Er hat ein sehr straffes Programm. Ich habe mein eigenes. Aber es gibt auch viele andere Jungs, die im Kraftraum gut dabei sind.

Welche?

Meine beiden Schnauzer- Freunde zum Beispiel: Joshua und Sandro. Gerade von Sandro haben einige Menschen möglicherweise ein falsches Bild. Er ist einer der ehrgeizigsten Spieler, die ich kenne. Einer, der auch im Gym immer alles gibt.

Kommt da bei Ihnen im Fitnessraum wieder die Mutter durch – auch außerhalb des Rasens sehr hart für den Erfolg arbeiten zu müssen?

Das ist sehr gut formuliert. In der Frage steckt viel Wahrheit drin. Ich möchte damit nicht sagen, dass mein Vater nicht auch hart arbeitet. Aber als kreativer Offensivspieler bist du von der Körpersprache zumeist ein bisschen lockerer als ein Verteidiger oder ein Defensiver wie Joshua. Diese Lockerheit empfinde ich im Spiel, da bin ich etwas mehr mein Vater. Im harten Trainingsalltag profitiere ich von den Eigenschaften meiner Mutter.

Sie haben vor geraumer Zeit James Harden von den Houston Rockets imitiert, indem Sie nach geschossenen Toren einen Koch mimten. Nach dem Motto: „Wer viele Punkte macht, ist der Chefkoch.“ Wo ist gerade Ihr Platz in der Bayern-Küche?

Regelmäßig auf dem Platz, hoffe ich.

Kochen Sie zu Hause?

Ich bin kein wirklich guter Koch. Ab und zu probiere ich mich an einem Gericht. Aber das ist ein Platz, an dem ich mich eher zurückhalte.

Der Schwabe geht essen?

Durchaus gerne. Aber wenn ich das zu oft mache, beschwert sich meine Mutter. Sie mahnt mich dann an, doch auch mal die Reste daheim zu essen.

Zurück zur Bundesliga-Küche: Wird die Meisterschaft in Ihrer ersten Bayern-Saison schwerer als erwartet?

Ein seriöses Urteil kann man da nicht fällen. Aber die Überzeugung, dass wir auch in dieser Saison Meister werden, ist zu 100 Prozent da. Die trage ich in mir. Und der Wille, ganz oben zu stehen, ist bei jedem einzelnen von uns jeden Tag spürbar. Der FC Bayern hat nach wie vor die Chance, Meister zu werden.

Sie haben bereits unter vielen großen Trainern gearbeitet: Wenger, Nagelsmann, Löw, jetzt Kovač. Müssen Fußballer heute vielfältig sein, um zu „überleben“?

Ich kann es nur für mich beurteilen: Die vielfältige Ausbildung hat mich auf jeden Fall weitergebracht. Die vielen Trainer haben einen ähnlichen Einfluss wie die vielen Stationen: Wenn du vieles erlebst, bist du für vieles offen. Du lernst, zu adaptieren. Jeder Trainer hat seine Philosophie, seine persönliche Art. Beispielsweise ist die Schule Nagelsmann sehr technisch, bei Arsenal war sehr viel auf Ballbesitz ausgerichtet, sehr viel auf One-Touch.

Inwiefern war der Weg von London über Bremen und Hoffenheim nach München eigentlich geplant?

Ich hatte bei meinem Weg zum Glück wirklich genug Möglichkeiten, die eine Entscheidung notwendig machten. Am Ende waren die genannten Vereine genau die Klubs, zu denen ich zum jeweiligen Zeitpunkt wollte. Anfangs war für mich wichtig, viel Spielzeit in der Bundesliga zu erhalten, mich in einem ruhigen Umfeld unaufgeregt weiterentwickeln zu können. Dafür war Bremen eine perfekte Station. In Hoffenheim ging es dann viel um das Fußballerische, um das Lernen. Es war eine Art Vorbereitung auf den größtmöglichen Schritt in Deutschland, dem Schritt zum FC Bayern. Und hier spiele ich nun auf internationalem Top-Niveau, auf dem ich mich jeden Tag beweisen muss.

Ihr Weg zum FC Bayern war also kein Zufall.

Das war der Plan. Und ich denke, mein Plan ist bis jetzt aufgegangen.

Bei Ihrer Vorstellung in München wurde zunächst allerdings mehr über Ihr rot-weiß gestreiftes Oberteil statt über Ihr Fußballkönnen diskutiert. Sind wir Deutschen manchmal zu eindimensional?

Den einen interessiert es, den anderen nicht. Dass das zu einem Thema in der Öffentlichkeit wurde, war meines Erachtens etwas übertrieben. Geärgert habe ich mich darüber aber nicht. Ich bin immer noch überzeugt von dem Polo. Ich finde, es sieht klasse aus.

Ist es Ihnen wichtig, was die Menschen über Sie denken?

Du willst als Mensch nie schlecht dastehen. Ich auch nicht. Abgesehen davon ist mir bewusst, dass Menschen verschiedene Meinungen zu Personen haben, die in der Öffentlichkeit stehen. Wenn ich mir über jede einzelne Meinung Gedanken mache, kann das schnell schiefgehen. Generell bin ich aber jemand, der an Menschen sehr interessiert ist.

Das belegt Ihr Engagement für die Initiative „Common Goal“. Sie gehören zu den Sportlern, die ein Prozent Ihres Gehaltes für soziale Zwecke spenden. Warum?

Erstens: Ich bin so erzogen worden, dass man teilt. Zweitens: Der Fußball ermöglicht dir, viele Länder zu bereisen. Und wenn du auf diesen Reisen mal nach rechts und links blickst, wird dir bewusst, dass es anderen Menschen wesentlich schlechter geht. Und drittens: Durch die Herkunft meines Vaters habe ich natürlich einen engen Bezug zu Afrika. Dort zu sein, öffnet mir jedes Mal nicht nur die Augen, sondern macht mich auch betroffen. Weil ein Teil meiner Familie dort eben unter völlig anderen Bedingungen lebt. Und obwohl sie wenig haben, versprühen trotzdem alle gute Laune, sind extrem hilfsbereit. Da schaust du dich um und denkst: ‚Wow!‘

Wie oft bekommen Sie ein persönliches „Wow“ von Ihrem Freund Per Mertesacker zu hören?

Ein „Wow“ von Per? Von ihm gibt es immer nur Feuer, immer Kritik. Er möchte, dass ich das Bestmögliche aus mir heraushole. Er steht für mich exemplarisch für die deutschen Tugenden: Immer arbeiten, immer versuchen, alles zu geben. Zu sehen, wie er arbeitet und den Fußball lebt, hat mich ebenfalls ein Stück geprägt.

Per wäre also eine gute Mutter.

Ich würde eher sagen, ein anstrengender Vater.

Interview: Felix Seidel & Fatih Demireli

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Löw, Kerber und James: Die Köpfe des Jahres

2018 war ein bewegtes Sportjahr. Der deutsche Fußball erlebte ein Desaster – und das nicht nur auf dem Platz. Angelique Kerber sorgte für das Highlight des Jahres und LeBron James arbeitet an seiner Unsterblichkeit. Socrates blickt in der neuen Ausgabe auf ein außergewöhnliches Sportjahr zurück.

Die Köpfe des Jahres: Löw, Kerber, James

Es musste ja nicht zwingend die Titelverteidigung sein, dafür war die Konkurrenz sehr stark und die eigene Schaffensqualität nicht ganz so hoch wie vor vier Jahren. Aber dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 2018 schon in der Vorrunde Schluss machte, hatten die größten Pessimisten nicht mal erwartet. Der Totalschaden war perfekt. Es war die Quittung für Ignoranz, Selbstgefälligkeit und Arroganz und wird die Nationalmannschaft noch eine Weile beschäftigen. Und vor allem Joachim Löw.

Nach der Fabelsaison 2016 fiel Angelique Kerber in ein tiefes Loch und musste sich neu erfinden. Es sollte ein langer Anlauf werden, doch am Ende stand die Erfüllung des Traumes der Träume. Damit beendete Kerber auch eine deutsche Sehnsucht, die seit Jahren immer größer wurde.

LeBron James war in seiner Karriere vieles: Hometown Hero, Bösewicht oder Basketball-Alien. Er wechselte zu den LA Lakers und versetzte die gesamte Sportwelt in Aufruhr. In Los Angeles will er der Unsterblichkeit ein Stück näher kommen. Aber: Immer noch hat er stets Michael Jordan im Nacken.

Löw, Kerber und James – drei Figuren, die auf das Wirken des Sportjahrs 2018 entscheidend Einfluss genommen haben. Und deswegen sind sie auch für uns die Köpfe des Jahres und stehen auf dem Cover der 27. Ausgabe. Doch das ist natürlich längst noch nicht alles.

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Nuri Sahin: Das Spiel des Lebens

Wird ein Revierderby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund irgendwann zur Routine? Nein, schreibt Nuri Sahin in seiner Socrates-Kolumne. Und er erinnert an einen Tag, an dem die Borussen ihre Ehre retteten.

Es gibt da diese Ansprache von Rio Ferdinand, die er mal an die U15 von Manchester United hielt. Die Jungs hatten gerade 0:9 gegen Manchester City verloren. „Wenn euch das nicht peinlich ist, wenn ihr nicht enttäuscht seid, wenn das euch nicht verletzt hat, solltet ihr hier nicht sein“, sagte er und verließ sichtlich enttäuscht die Kabine.

Als ich das Video gesehen habe, habe ich mich an meine Jugendzeit erinnert, wie wir damals die Derbys angegangen sind. Wie wir uns gefühlt haben. Welche Anspannung wir fühlten. Welche Bedeutung das für den Verein und jeden Einzelnen im und um den Klub hat.

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe #6

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„Es wird nie zur Routine“

Ich kann mich auch an mein erstes Derby erinnern. Das war in der U14, wir spielten auf Schalke, auf Kunstrasen und gewannen mit 4:3. Und ich schoss das 4:3. Was für ein triumphales Gefühl. Ich hatte bis zu diesem Tag keinen blassen Schimmer davon, was ein Derby für eine Bedeutungskraft hat.

Das änderte sich nach diesem Erlebnis schlagartig. Spielen heute unsere Jugendmannschaften ein Derby, weiß das jeder im Klub. Für mich persönlich ist es auch jedes Mal eine Besonderheit, weil ich dem Klub viel zu verdanken habe. Ich verdanke mein Leben, das ich heute führe, dem BVB.

Jeder Sieg, jedes Erfolgserlebnis bedeutet mir daher sehr viel. Ich weiß gar nicht, wie viele Derbys ich in meiner Karriere schon gespielt habe. Es wird niemals zur Routine werden. Dafür sorgt schon allein mein Umfeld. Ich habe viele Freunde, die Hardcore-Fans der Borussia sind.

Die sind auf mich persönlich sauer, wenn wir mal ein Derby verlieren. Ich weiß, dass es platt klingt, aber für sie bedeutet es sehr viel, dass wir gegen Schalke alles geben und Herzblut zeigen. Es ist für sie das wichtigste Ereignis des Jahres. Und ich kann versichern, dass die Bedeutung auch für uns Spieler genauso hoch ist. Daher geben wir, die erfahrenen Spieler, auch jedem neuen Spieler oder jedem Jugendlichen mit auf den Weg, was es heißt, für den BVB zu spielen oder was es heißt, ein Derby zu spielen. Diese Aufgabe machte sich früher vor allem Kevin Großkreutz zu eigen, der auf jedes Spiel gegen Schalke besonders heiß war und dieses Gefühl jedem transportieren wollte. Er sprach wirklich mit jedem Spieler. Ich weiß, dass er damals auch extrem polarisiert hat, aber das war okay. Das gehört dazu. Auch dieser Druck, den man sich selbst auferlegt. 

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„Ich bin froh, dass es Schalke gibt“

Am 12. Mai 2007 war dieser Druck besonders groß. Für uns ging es in dieser Saison um nichts mehr, aber Schalke konnte mit einem Sieg in unserem Stadion Meister werden. Einige Schalker Spieler sagten im Vorfeld des Spiels, dass sie in diesem Fall die B1 runter nach Gelsenkirchen laufen würden.

Alex Frei und Ebi Smolarek trafen, wir gewannen 2:0 und ein Stück Ehre war gerettet. Das hätte uns ein Leben lang verfolgt. Die Freude in dem Stadion bleibt mir immer in Erinnerung. Dortmund gegen Schalke – das ist eine große Rivalität. Davon lebt der Fußball und es wäre ein extremer Verlust, wenn wir diese Rivalität nicht hätten. Daher bin ich froh, dass es Schalke gibt.

Ich kenne ja auch die Derbys aus der Türkei. Ich versuche, kein einziges Derby im Fernsehen zu verpassen. Die Brisanz ist extrem, die Art und Weise, wie die Fans mitgehen, ist der reinste Wahnsinn. Der Fanatismus dort ist krasser als überall sonst auf der Welt und ich hoffe, dass ich in irgendeiner Funktion irgendwann ein Teil eines Istanbuler Derbys sein kann. Ich war bisher ein Mal live im Stadion, als Galatasaray und Beşiktaş aufeinandertrafen.

Ich bin ja sehr verwöhnt, aber bei diesem Spiel habe ich die ersten zehn Minuten nichts mehr gehört. Ich glaube, ich habe die Spieler auf dem Platz beneidet. Bei aller Liebe für die Derbys ist aber klar, dass trotz der Konkurrenzgedanken kein Platz für Gewalt ist. Letztlich geht es um Fußball und wir Spieler können in unserer Funktion als Vorbild nur jedes Mal daran erinnern, dass der sportliche Gedanke im Vordergrund sein muss. Anders macht es auch keinen Spaß.

Nuri Sahin (Socrates-Kolumne aus dem April 2017)

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Rudi Völler im Exklusiv-Interview: „Geschichte bleibt hängen“

Rudi Völler ist Weltmeister, Champions-League-Sieger und Fußballidol. Aber auch Liebhaber des Souls, Verehrer von Ali und Freund des persönlichen Gesprächs. Zudem Familienvater, den die Liebe seiner Tochter auf die Probe stellt. Das Gespräch mit einer lebenden Legende.

Der Artikel erschien in Ausgabe #21

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Es gibt nur einen…?

Darf ich Sie fragen, wie alt Sie sind?

36.

Von Leuten Ihrer Generation werde ich oft auf die Vergangenheit angesprochen. Da fallen die Namen Klinsmann, Matthäus, Brehme und Völler. Selbst im Ausland. Im Mai hatte mich das Präsidium des AS Rom zum Champions-League-Halbfinalrückspiel gegen Liverpool eingeladen. Als ich vom Parkplatz zum Stadion ging, kamen viele Menschen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren auf mich zu, riefen: „Rudi, Rudi. Ach, war das schön, als du noch hier gespielt hast.“

Es gibt eben nur einen…

Ja, ich weiß schon, worauf Sie hinaus möchten. Einen Rudi Völler.

Der dank der Gruppe La Rocca 2002 zum Partykracher avancierte.

Natürlich freut es mich, dass es einen Song über mich gibt. Aber nach der WM 2002 nahm das Ganze eine Zeit lang kaum auszuhaltende Formen an. Egal, zu welcher Veranstaltung ich kam – irgendeiner drückte auf den Knopf, damit alle das Lied hören und mitgrölen konnten. Daraufhin gab es ein Verbot von mir. Ich sagte: „Passt auf, ich komme zu euch. Aber nur, wenn ihr den Song sein lasst.“ Die Leute fragten dann beinahe entsetzt nach: „Warum denn, Herr Völler?“ Ich antwortete dann nur: „Nee, nee. Ich kann das nicht mehr hören.“ Aber jetzt ist es wieder okay, gelegentlich kann ich es bei öffentlichen Auftritten wieder tolerieren.

Was hören Sie denn privat?

Ich bin ein Kind der 1960er, 70er Jahre und der amerikanischen Kasernen, die nach dem Krieg über Jahrzehnte das Stadtbild und Lebensgefühl in Hanau stark beeinflusst haben. Die amerikanische Musik, der Soul, hat mich geprägt. Ich bin mit den Temptations aufgewachsen. Die kennen meine fünf Kinder, die alle zwischen 20 und 30 sind, gar nicht. Sie protestieren immer lautstark, wenn die Temptations bei mir im Auto laufen. Aber in meinem Auto bestimme ich die Lieder.

Sie bewahren sich den Soul.

Der ist und bleibt ein Teil von mir, ja. Es muss aber auch nicht immer Soul sein. Auch den Rock und Pop der 70er, 80er Jahre höre ich gerne. Aber nicht den Käse, der bei unseren Spielern hier und in anderen Vereinen in der Kabine läuft. (schmunzelt) Hip-Hop oder Rap – das geht für mich gar nicht.

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Wenn über einen ein Lied geschrieben wurde, das bis heute jedes Kind kennt, fällt es dann leichter, sich als Legende wahrzunehmen?

Legende – das ist schon ein gewichtiger Begriff. Ich soll eine sein, weil ich ein bisschen Fußball gespielt habe? Das ist mir einen Tick zu hoch gegriffen. Ich sehe es so: Eine Legende wirst du irgendwann aus Altersgründen. Je älter du wirst, desto größer werden die Ehrungen.

Wer ist Ihre Legende?

Der größte aller Zeiten – logischerweise Muhammad Ali. Er ist für mich immer auch eine Erinnerung an meinen Vater. Ali-Kämpfe haben unser Vater-Sohn-Verhältnis geprägt. Anfang der 70er hat mich mein Vater trotz starker Widerworte meiner Mutter nachts geweckt, um gemeinsam mit mir Ali im Fernsehen zu schauen. Obwohl ich dann morgens zur Schule musste. Das werde ich nie vergessen.

Fehlen solche Lebensmomente in der Gegenwart?

Es war damals einfach eine andere Zeit. Heute für irgendeinen Boxkampf nachts aufzustehen, für Boxer, deren Namen mir meist gar nichts sagen, ist nicht mehr vorstellbar. Früher haben wir alle Ali nachgeeifert oder auch Gerd Müller, der für mich ebenfalls eine Legende ist.

Weil?

Als er mit Deutschland 1974 Weltmeister wurde, war ich ein 14-jähriger Bub. Nach dem Endspiel sind wir Kinder alle sofort runter auf den Fußballplatz gerannt – und jeder wollte Gerd Müller sein. Nicht umsonst stellen alle Bayern-Verantwortlichen noch heute heraus, dass Gerd Müller einen ganz entscheidenden Anteil am Aufstieg und Erfolg des FC Bayern hat. Er hat eben die meisten Dinger reingehauen. Und das zählt im Fußball.

Der deutsche Fußball zählt seit 2006 auf Jogi Löw als Bundestrainer. Erreicht er, wie Sie, Legendenstatus?

Lassen Sie mich an dieser Stelle eines meiner Lieblingsbeispiele anbringen: Wenn du heute Deutscher Meister wirst, ist das schön. Das feierst du zwei Tage. Danach kommt die Pause, der Urlaub, die neue Saison und dann ist dieser Titel schon fast wieder vergessen. Weltmeister gibt’s zwar auch neue, aber eben nur alle vier Jahre. Den Weltmeistertitel trägst du für immer. Und Jogi hat ihn als Trainer ja bereits gewonnen. Damit geht er in die Geschichte ein.

Haben Sie in den zwölf Jahren eine Veränderung bei Löw wahrgenommen?

Auf ihm lastete in den vergangenen Jahren ein immenser Druck. Weil von allen Seiten gesagt wurde, dass wir unwahrscheinliches Potenzial haben, so viele starke Talente wie nie zuvor. Jogi war dennoch schon vor dem WM-Erfolg 2014 ein ruhiger, angenehmer und immer freundlicher Zeitgenosse. Aber mit welcher Gelassenheit er seitdem sein Ding durchzieht und trotz des Erfolgs so angenehm bescheiden bleibt, ist beeindruckend. Das macht ihn noch sympathischer und tut Deutschland unheimlich gut.

Auch Sie haben die deutsche Nationalmannschaft als Teamchef von 2000 bis 2004 geprägt und formten die Mannschaft 2002 zum Vize-Weltmeister, nachdem Sie 1990 den WM-Titel als Spieler gewonnen hatten. Fehlt Ihnen dennoch etwas in Ihrer Karriere, zum Beispiel ein Deutscher Meistertitel?

Ich bin nicht mit Deutschen Meisterschaften gesegnet gewesen, das stimmt. (lacht) Dafür habe ich die richtig wichtigen Titel gewonnen: die Weltmeisterschaft und 1993 auch die Champions League mit Olympique Marseille. Diese Erfolge würde ich nicht eintauschen wollen. Als Vereinsspieler hängen nationale Titel wesentlich davon ab, bei welchem Klub du gerade bist. Wenn du bei Bayern München einen Fünfjahresvertrag unterschreibst, wirst du mindestens viermal Deutscher Meister, meistens sogar fünfmal. Ob du willst oder nicht. Du kannst es nicht verhindern. Du wirst es. Das hört sich vielleicht etwas abfällig an.

In der Tat.

So ist es aber nicht gemeint. Das wissen auch die Bayern. Ich finde nur, dass die Meisterschaften der Bayern aus den 80er und 90er Jahren wesentlich höher einzuschätzen sind als ihre heutigen, weil damals die Konkurrenz einfach größer und wirtschaftlich zum Teil noch auf Augenhöhe war. Aktuell sind die Bayern so weit entfernt vom Rest der Liga, dass ihre vielen Meisterschaften der vergangenen Jahre etwas an Wert verloren haben. Und trotzdem muss man vor einer Sache ohne Neid einfach den Hut ziehen.

Vor welcher?

Dass die Bayern mit dem vielen Geld relativ wenig Fehler machen. Es gibt Klubs, vor allem in England, die geben noch mehr aus, machen aber deutlich mehr Fehler. Klar, auch bei Bayern gibt es mal einen Spieler, der nicht einschlägt – das Problem kennen alle Klubs –, aber im Großen und Ganzen sind die Münchner vorbildlich, wenn es darum geht, die richtigen Spieler für eine funktionierende Mannschaft zu verpflichten.

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Zurück zu Ihnen. Auf was hätten Sie in Ihrer Karriere gerne verzichtet: die Spuckattacke von Frank Rijkaard oder den Weißbier-Spruch an Waldemar Hartmann?

Darf ich ein bisschen ausholen?

Bitte.

Ich habe vier Weltmeisterschaften für Deutschland mitgemacht, drei als Spieler, eine als Trainer. Dreimal stand ich dabei im Finale. Ich bin hier Fußballer des Jahres geworden und Torschützenkönig. Doch egal, wo ich im deutschsprachigen Raum auch hinkomme, werde ich immer zuerst auf die Nummer mit Waldi angesprochen.

Ein legendärer TV-Moment.

Mit dem ich gut leben kann. Was schwieriger für mich ist, ist die private Situation einer meiner beiden Töchter. Sie hat im Griechenland-Urlaub vor fünf Jahren leider einen total sympathischen Australier kennengelernt und hat sich in ihn verliebt – jetzt lebt sie in Melbourne. Ich sage immer: Mir wäre lieber gewesen, sie hätte einen Mann aus Köln-Nippes kennengelernt. Aber die Liebe hat Australien gewählt, weshalb meine Frau und ich zumindest einmal im Jahr dorthin fliegen. Und jetzt kommen wir auch zurück zu Rijkaard.

Nur zu.

Zuletzt waren wir an Weihnachten in Australien, um unsere Tochter zu besuchen. Wir übernachteten im Hotel. Und was machst du, wenn du da mal ein bisschen Pause hast? Klar, du fährst morgens mal in die Innenstadt. Wir nahmen uns also ein Taxi. Und es dauerte keine halbe Minute, da drehte sich der Taxifahrer um und sagte auf Englisch: „How was it with Rijkaard 1990? Are you friends now?“ Was ich damit sagen will: Diese Geschichte bleibt hängen. Sie ist in den Köpfen einer ganzen Generation hängen geblieben. Sie ging um die Welt. Egal, wo ich hinkomme: Es geht nicht darum, ob es im Finale ein Elfmeter war, ob ich wirklich gefoult worden bin oder nicht. Es geht nur um Rijkaard. Diese Nummer wird mich ein Leben lang verfolgen.

Und macht sie Ihnen zu schaffen?

Was Rijkaard getan hat, war natürlich nicht in Ordnung. Aber das hätte ich ganz schnell wieder abgehakt, wir haben uns ja später dann auch vertragen. Was mir wirklich zu schaffen machte, ist die Tatsache, dass der argentinische Schiedsrichter Juan Carlos Loustau mich damals vom Platz gestellt hat. Er ist ja mittlerweile verstorben und hat diese Geschichte mit ins Grab genommen. Ich kann mir die Rote Karte gegen mich bis heute nur so erklären, dass so viel Hass in diesem Spiel steckte, dass der Schiedsrichter sich dachte: ‚Ich stell jetzt einfach beide vom Platz und dann ist Ruhe.‘

Zumindest diese Einschätzung war korrekt.

Ja, dann war Ruhe. Und ich war fertig. In diesem Moment brach eine Welt für mich zusammen. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht, dass es ein Happy End geben würde. Mit diesem Platzverweis 1990 im Achtelfinale umzugehen, war viel schlimmer als die Spuckerei von Rijkaard.

Herr Völler, wir haben in Deutschland eine große Stürmer-Tradition. Warum fehlen uns aktuell diese Tor-Typen?

Das ist kein deutsches, sondern ein internationales Phänomen. Obwohl ich anmerken muss, dass ich auch nie der ganz klassische Mittelstürmer war wie Karl-Heinz Riedle oder Jürgen Klinsmann. In jungen Jahren habe ich bei Kickers Offenbach und 1860 München als Linksaußen angefangen. Später gab es dann diese Position kaum mehr, weil zumeist mit zwei Spitzen gespielt wurde. Ich konnte diese Position spielen, aber bin auch weiterhin gerne über den Flügel gekommen, habe gerne die Tore vorbereitet.

Und trotzdem haben Sie selbst auch zahlreiche Tore gemacht.

Ja, die Buden sind mir auch gelungen. Es war einfach eine andere Generation an Spielertypen. Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass mir der heutige Spielstil – ohne diesen klassischen Mittelstürmer – zugutegekommen wäre. Ich hätte vorne alle Positionen bekleiden können.

Müssen wir uns damit abfinden, dass der klassische Stürmer ausstirbt?

Ich bin mir sicher: Es wird den einen oder anderen klassischen Stoßstürmer auch in Zukunft geben. Doch der Spielstil hat sich generell verändert. Jetzt erzielen Typen die Tore, die viel mehr von ihrer enormen Geschwindigkeit und ihrem starken Tempodribbling leben. Typen wie Messi, Ronaldo, Reus und Brandt. Im modernen Fußball ist die Ballan- und mitnahme in höchster Geschwindigkeit das A und O. Darunter leiden so ein wenig Spieler wie Gómez oder Wagner, die noch diese Eigenschaften eines klassischen Stürmers in sich tragen. Auch bei Stefan Kießling war in seinen letzten Jahren als aktiver Spieler zu beobachten, dass er langsam an seine Grenzen kam.

Folgerichtig beendete er am Saisonende seine Karriere. Trauen Sie Kießling in Leverkusen einen ähnlichen Weg wie Miro Klose zu, der seine Erfahrungen ab der kommenden Saison beim FC Bayern als Trainer der U17 an die Jugend weitergibt?

Stefan Kießling wird in irgendeiner Form bei uns weitermachen. Er ist nicht nur ein verdienter Spieler von Bayer 04 Leverkusen. Er ist eine Klublegende wie Ulf Kirsten. Es ist unsere Aufgabe, die Spieler, die so viel für den Klub geleistet haben, hier zu halten und an den Klub zu binden – auch in dieser Hinsicht arbeitet Bayern München vorbildlich.

Weil Identifikation ein wichtiger Bestandteil der Faszination Fußball ist?

Es darf kein reiner Aktionismus sein. Nur Identifikation reicht auch nicht. Der Spieler muss schon Potenzial für eine andere Aufgabe mitbringen. Und er muss auch wollen. Aber da bin ich bei Stefan optimistisch. Ich blicke bei diesen Entscheidungen auch immer auf mich. Ich bin jetzt 58 Jahre alt. Natürlich möchte ich noch ein paar Jährchen hier weitermachen, diese Position jedoch nicht bis in alle Ewigkeit bekleiden. Es beginnt langsam die Zeit, sich nach potenziellen Nachfolgern umzuschauen und diesen die Möglichkeit zu geben, sich ohne Druck einarbeiten und die Abläufe auf der anderen Seite des Platzes kennenlernen zu können.

Sie fingen nach Ihrer Spielerkarriere 1996 als Sportdirektor bei Bayer Leverkusen an.

Reiner Calmund war damals noch da, Wolfgang Holzhäuser kam dazu. Ich habe den beiden in meinen Anfangsjahren ein bisschen über die Schulter schauen dürfen. Für mich war das ideal. Und als ich dann nach vier Jahren merkte: So, Rudi, jetzt kannst du ein bisschen mehr – bin ich plötzlich Bundestrainer geworden. (lacht)

Ihr Weg führte Sie nach einem kurzen Abstecher nach Rom dennoch zurück nach Leverkusen. Bleibt Bayer der letzte Verein in Ihrem Lebenslauf?

Es ist für mich überhaupt kein Thema mehr, noch mal ein anderes Abenteuer einzugehen. Ich habe in all den Jahren eine wunderbare, angenehme Nähe zum Klub entwickelt. Deswegen wird Leverkusen auch meine letzte Station sein, das ist für mich zu 100 Prozent klar.

Wie schwierig ist es, für alle Deutschen Liebling Rudi, für die eigenen Spieler aber Respektsperson zu sein?

Wenn du so einen Vornamen hast wie ich, dann bist du eben für alle der Rudi. Daran habe ich mich gewöhnt. Die etwas älteren Spieler hier in Leverkusen duzen mich, die etwas jüngeren Spieler siezen mich. Im Grunde versuche ich auch intern, der Kumpeltyp zu sein. Aber wer mich kennt, der weiß: Ich kann auch anders. Nicht nur mit Waldi oder den Medien. Auch mit meinen Spielern. Wenn ich das Gefühl habe: Jetzt muss ich mal dazwischenhauen, dann mache ich das.

Erlauben Sie sich auch, WhatsApp-Nachrichten zu schreiben?

Natürlich mache ich das mal, ja. Aber nicht so verrückt, wie es meine fünf Kinder oder auch unsere Spieler hier tun. Da geht manchmal so die Post ab bei diesen Nachrichten, dass ich nur noch den Kopf schüttele. Es ist doch klar, dass ich auch mal eine SMS schreibe und auch Mails. Das gehört zum Job dazu. Aber zu meinem Leben gehören dann doch eher andere Dinge.

Welche sind das?

Ich liebe das persönliche Gespräch. Kaffee zu trinken und zu reden – wie wir es jetzt gerade tun. Wir hätten uns ja auch am Telefon unterhalten können. So ticke ich auch innerbetrieblich. Da sage ich gelegentlich zu Kollegen: „Du schickst mir hier jetzt eine Mail. Komm doch einfach rüber in mein Büro, auch wenn du vielleicht drei Minuten warten musst, weil noch jemand drinsitzt. Lass uns kurz darüber reden, das ist doch viel persönlicher.“ Ich finde, dass eine Mail manchmal missverstanden werden kann, wenn man sie liest. Gerade schwierige Themen kommen geschrieben oft zu negativ, zu kritisch rüber. Wenn man redet, transportiert man Inhalte viel angenehmer. Selbst wenn man kontrovers diskutieren muss. Ich rede daher am liebsten über Dinge.

Dann lassen Sie uns über die Zukunft des Fußballs reden. 1990 erlebten Sie die WM noch mit 24 Teams, jetzt spielen 32 Teams um den Titel. Ab 2026 werden es 48 Mannschaften sein. Ist der Fußball ohne Limit ausreizbar?

Dass das Rad überdreht wird, ist für mich eine Phrase, die im Fußball schon seit 30 Jahren benutzt wird. Es ist schwer zu sagen. Wenn uns vor zehn Jahren einer gesagt hätte, dass es in Zukunft einen Videoschiedsrichter und die Torlinientechnik gibt, hätte das auch keiner geglaubt. Aber keine dieser Neuerungen wird den Fußball so revolutionieren wie es die Rückpassregel im positiven Sinne getan hat.

Können Sie das genauer ausführen?

Ich bin noch einer dieser Stürmer, der in seiner Karriere wer weiß wie oft vergeblich zum Torwart laufen musste. Der hat einfach so lange gewartet, bis ich da war und hat dann den Ball in die Hand genommen. Was glauben Sie, wie oft ich die Torhüter da am liebsten rasiert hätte? Wie viele Kilometer ich umsonst laufen musste in meiner Karriere? Die Rückpassregel hat nicht nur das Spiel spannender gemacht, sondern auch für die Entwicklung einer neuen Torhüter-Generation gesorgt, die richtig gut kicken kann. Nur deshalb sind Torhüter wie Neuer, Leno, ter Stegen und Trapp entstanden. Die Rückpassregel war und ist ein Traum.

Und die Einführung des Videoschiedsrichters – Traum oder Albtraum?

Jetzt haben wir ihn ein Jahr erlebt. Die Vorrunde war eine Katastrophe, die Rückrunde besser, aber immer noch mit Fehlern behaftet. Ich weiß, die Statistik spricht für den Videobeweis. Aber ich bleibe dabei: Wenn der Videoschiedsrichter einen Fehler macht, ist dieser nicht zu verzeihen. Und diese Fehler sind programmiert. Weil es beim Fußball – anders als beim American Football oder Eishockey – immer Entscheidungen geben wird, die nicht klar aufzudröseln und letztendlich Auslegungssache sind. Es ist total schwer.

Kontrovers wird aktuell auch über E-Sport diskutiert. DFB-Präsident Reinhard Grindel äußerte sich kritisch, kann darin keinen Sport erkennen. Und Sie?

Wir beschäftigen uns bei Bayer 04 Leverkusen mit dem Thema, auch wenn ich es eher mit einem Schmunzeln betrachte. E-Sport wird halt gespielt, den jungen Menschen gefällt das – so ist das eben in der heutigen Zeit. Aber die Nähe zum klassischen Sport kann ich auch nicht erkennen, auch wenn der Begriff Sport da drinsteckt und man sich dabei stark am richtigen Kicken orientiert. Gefahr für den echten Fußball kann E-Sport aber nicht sein.

Interview: Felix Seidel

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Serge Gnabry: Deutschlands neuer Hoffnungsträger

Serge Gnabry ist der neue Hoffnungsträger des deutschen Fußballs und des FC Bayern. Der 23 Jahre alte Nationalspieler profitiert fußballerisch und familiär von vielen Einflüssen. Bei Socrates spricht er über einen klaren Plan und Schnauzerträger in München.

Serge Gnabry: Wanderung ins Glück

VfB Stuttgart, FC Arsenal, Werder Bremen, 1899 Hoffenheim – und jetzt FC Bayern. Serge Gnabry verfolgt einen erfolgreichen Karriereplan. Dabei profitiert der 23 Jahre alte Offensivspieler von den Einflüssen aus der Familie. Vater aus der Elfenbeinküste, Mutter aus Schwaben. Ein ungleiches Paar, das den Nachwuchs die perfekte Mischung verpasste. Und das nicht nur auf dem Fußballplatz. Trotz jungen Alters engagiert sich Gnabry für das Wohl der Menschen auf diesem Planeten und gibt dafür sogar ein Teil seines Gehaltes ab.

Im ausführlichen Interview mit Socrates spricht Gnabry über ein Leben, das früh von Wanderung geprägt war, das Verhältnis zu seinen Eltern, Respekt vor großen Namen beim FC Bayern und er erzählt, warum Teamkollege Joshua Kimmich einen Schnurrbart tragen muss. Die Ausgabe #26 ist ab sofort im Handel erhältlich.

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Rudi Gutendorf: Im Auftrag des Sauhunds

Rudi Gutendorf hat auf sechs Kontinenten, in 38 Ländern und an 56 Orten als Fußballtrainer gearbeitet. Er wurde umschmeichelt, gefeiert, verflucht, vergiftet – und einmal fast verrückt vor lauter Freude. Rudi Gutendorf ist 91 und hat noch einen Traum. Socrates besucht ihn.

Der Artikel erschien in der 21. Ausgabe

Der Artikel erschien in der 21. Ausgabe

HEIMAT

O, du schöner Westerwaldüber deine Höhen pfeift der Wind so kalt

Die ehemalige Telegrafenstation blickt von einem Hügel über den umliegenden Wald, dessen Bäume ihr Herbstlaub schon beinahe abgeschüttelt haben. Von der nur wenige hundert Meter entfernten Autobahn ist nichts mehr zu hören. Schwere Teppiche auf den Fliesen, Pantoffeln, um auch die Füße der Gäste vor der winterlichen Kälte zu schützen, vor den Fenstern die Rotbuchen des Westerwaldes. Dieser Ort fühlt sich beinahe beängstigend deutsch an, grün, gemütlich, bodenständig, bieder. Dann jedoch öffnet sich hinter einer Tür im ersten Stock die Welt.

Pelé lächelt ebenso von der Wand wie die Nationalmannschaft Malawis, auch Helmut Kohl ist gut gelaunt. Kevin Keegan und KlausKinski lauschen konzentriert, eine japanische Mannschaft stemmt die Meisterschale in den Himmel, der König von Tonga trägt Uniform und Sonnenbrille. Plakate kündigen Spiele von Cosmos New York, China oder den amtierenden Europameistern aus der Tschechoslowakei an. Es ist ein kleines Museum, bis zur Decke gefüllt mit Erinnerungen an eine Trainerlaufbahn, die dem Hausherrn einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde einbrachte. Erinnerungen an 56 Stationen in 38 Ländern auf 6 Kontinenten.

„Ich bin jetzt 91“, sagt Rudi Gutendorf: „Das ist natürlich viel Holz. Glauben Sie nicht, dass ich noch genau weiß, wo das alles war.“ Der Blick schweift über die Wände, die vor ihm ausgebreiteten Bilder, und bleibt an einer afrikanischen Abwehrreihe hängen: „Die drei sehen aus, als könnten sie um die Weltmeisterschaft boxen.“

Rudi Gutendorf ist Westerwälder und Weltbürger. In welcher Reihenfolge ist schwer zu sagen. Vor allem ist er jedoch eines: fußballverrückt. Mit 91 Jahren keinen Deut weniger als mit 19. „Der Ball fasziniert mich einfach. Er lässt sich nicht betrügen. Manchmal ist er launisch, ein richtiger Sauhund. Aber mit ihm ist mir nie langweilig geworden, nie hatte ich die Schnauze voll vom Fußball.“

AUFBRUCH

Heute wollen wir marschier’n einen neuen Marsch probier’n

Die rund sechzigjährige Trainerlaufbahn von „Rudi Rastlos“, wie der Boulevard Gutendorf einst taufte, ist ein Kuriositätenkabinett, ein Füllhorn absurder Anekdoten und Begegnungen. Mit Helmut Rahn versöhnte er sich nach einem Streit im Training auf einer gemeinsamen Kneipentour durch das Ruhrgebiet, auf Schalke verbrannte er vor versammelter Mannschaft die Trikots, in denen sie zuvor eine Niederlagenserie hingelegt hatte.

In Tansania musste der Nationaltrainer die Aufstellung mit Medizinmännern abstimmen, in Chile entging er bei einem Wochenendausflug nur knapp einem Anschlag auf sein Auto. In Peru endete ein Mannschaftsessen für Gutendorf im Krankenhaus – mutmaßlich der Versuch eines aussortierten Spielers, den verhassten Trainer zu vergiften. Und der Traum einer WM Teilnahme 1982 scheiterte an einem tansanischen Postbeamten, der Gutendorfs Zusage an Kameruns Verband verschwinden ließ, um die 84 US-Dollar Gebühr für das Telegramm in die eigene Tasche zu stecken.

Auf seiner endlosen Expedition im Auftrag des ledernen Sauhunds war Gutendorf stets getrieben von Abenteuerlust, Neugier und dem Streben nach Anerkennung. „Wenn ich zwischendurch mal ein paar Wochen zuhause war, ist mir furchtbar langweilig geworden. Ich war erfolgssüchtig, wollte sofort wieder arbeiten.“ Besonders nach Misserfolgen habe er sich nach der nächsten Gelegenheit gesehnt, sich zu beweisen. „Mir selbst und der Welt zu zeigen, dass ich es besser kann, das war ein ständiger Kampf.“

Den Startschuss für das Leben als Weltreisender gab 1961 Gutendorfs Lehrmeister Sepp Herberger. Durch eine Empfehlung des Weltmeistertrainers von 1954 wurde das Auswärtige Amt auf den jungen Koblenzer aufmerksam. Inmitten des Kalten Krieges suchte die Bundesregierung eine Möglichkeit, Tunesiens Staatspräsidenten Habib Bourguiba einen Gefallen zu tun, ohne in dessen schwelendem Konflikt mit der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich Position ergreifen zu müssen.

Bourguiba suchte einen internationalen Trainer für die Nationalmannschaft und seinen aufstrebenden Lieblingsklub US Monastir und Konrad Adenauer wollte der DDR bei der Erfüllung dieses Wunsches zuvorkommen. „Machen Se et jut, Herr Jutendorf“, soll der Bundeskanzler dem gerade einmal 35-Jährigen zum Abschied gesagt haben, „sonst nehmen die einen von der Sowjetzone.“

„Ich habe mich aus der Politik rausgehalten“

So war bereits das erste Engagement im Ausland von großer politischer Brisanz. Dabei wollte Gutendorf sich eigentlich stets auf den Sport konzentrieren, ganz gleich ob als Nationaltrainer im Dienste autokratischer Regierungen, Hoffnungsträger zerrütteter Gesellschaften oder Aufbauhelfer für Fußballzwerge. „Ich hab mich aus der Politik grundsätzlich rausgehalten“, betont er. „Das war mir zu heikel, da wollte ich auch in Interviews nie Stellung beziehen. Damit hätte ich mir als Trainer sowieso nur Feinde gemacht.“

Dennoch sorgte die Bedeutung des Fußballs unvermeidlich für Begegnungen mit Machthabern, Parteifunktionären und Staatschefs. Immer wieder habe er mit Politikern zu tun gehabt, „die den großen Johnny spielen wollten. Die sich nur für Fußball interessierten, um populär zu werden.“ Im Iran wurde er kurz vor der Asienmeisterschaft entlassen, weil die politische Führung nicht mit einem Ungläubigen auf der Bank in das Turnier gehen wollte. Und das Engagement in Chile endete mit dem Militärputsch 1973 – als Freund des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende, mit dem Gutendorf oft bei einem Glas Whiskey über Gott, die Welt und den Fußball sinnierte, geriet er ins Visier der neuen Machthaber und wurde gemeinsam mit dem deutschen Botschafter ausgeflogen.

Der Artikel erschien in der 26. Ausgabe
Vamos Rafa! Die 26. Ausgabe ist im Handel

RIEGEL

Und dem Bursch, den das nicht freut
sagt man nach, er hat kein’ Schneid

Deutlich leichter fiel es dem weltreisenden Trainer, seinen taktischen Prinzipien treu zu bleiben, in Hamburg und Gelsenkirchen genauso wie in Tonga oder Nepal, Fidschi oder Simbabwe. Bis heute ist Gutendorf überzeugt von seiner deutschen Version des Catenaccio, die ihm seinen zweiten Spitznamen einbrachte: „Riegel-Rudi“. Nahezu zeitgleich mit Inter Mailands Trainerlegende Helenio Herrera führte er das Defensivsystem Anfang der 1960er Jahre auch in der gerade ins Leben gerufenen Bundesliga ein.

Eine kompakte Abwehrformation, die sich bei gegnerischem Ballbesitz mit allen Mann in zwei Ketten hinter den Ball zurückzog, sollte den eigenen Strafraum abriegeln und nach Balleroberungen überfallartig nach vorne ausschwärmen, um den weit aufgerückten Gegner zu überrumpeln. Mit dieser simplen, aber revolutionären Idee überraschte Gutendorf die Liga und führte den kleinen Meidericher SV aus Duisburg sensationell zur Vizemeisterschaft 1963/64.

Trotz des Erfolges musste sich der Trainer ebenso wie sein Mailänder Konterpart Herrera des Vorwurfs erwehren, mit dieser defensiven Ausrichtung lediglich zerstören zu wollen. Meiderichs alternder Stürmerstar Helmut Rahn war jedoch zufrieden mit dem Riegel: „Dat Dinge is good“, zitiert Gutendorf den Helden von Bern in seiner Autobiographie: „Da hab ich Platz, um nach vorne zu marschiere.“ Nur mit dem harten Training, dass dieses laufintensive Spiel erst möglich machen sollte, war Rahn nicht immer einverstanden – und damit bei weitem nicht allein unter Gutendorfs Spielern.

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WILDNIS

Ist das Tanzen dann vorbei
gibt es meistens Keilerei

„Ich wollte nicht als vollgefressener Besserwisser am Rand stehen und Befehle erteilen, ich wollte immer mitmachen“, sagt er heute. Aber er sei ein harter Trainer gewesen, habe seine Spieler immer bis zum Letzten gefordert. Rund um die Welt setzte der Koblenzer auf Fitness und Disziplin, auf Bleiwesten und Kopfballpendel, ließ seine Spieler bei Wald-, Wiesen- oder Wüstenläufen einen deutschen Marsch singen: O, du schöner Westerwald…In Peru rebellierten nicht nur die Spieler des Hauptstadtklubs Sporting Cristal gegen diese Methoden. Die Spielerfrauen warfen Gutendorf vor, sein Training mache ihre Männer impotent.

Auch der fußballbegeisterte Filmemacher Werner Herzog, den Gutendorf auf einem Empfang in Lima kennengelernt hatte, erfuhr die Strapazen einer Übungseinheit am eigenen Leib. Als Gast durfte sich der 29-jährige Herzog bei einem Trainingsspiel im direkten Duell mit Cristal-Star Alberto Gallardo messen. „Nach zehn Minuten wusste ich nicht mehr, in welche Richtung wir spielen“, erzählte er später in einem Dokumentarfilm. „Ich wusste auch nicht mehr, welches Trikot wir tragen.“ Auf allen Vieren und von Krämpfen geplagt sei er schließlich vom Platz gekrochen, um sich in die Oleanderbüsche am Spielfeldrand zu übergeben.

Das Derby zwischen Cristal und dem Lokalrivalen Alianza verfolgte Herzog dann von der Tribüne aus. Während die Spieler in den Katakomben noch vor einem kleinen Altar knieten und beteten oder in einem mysteriösen Ritual an die Kabinenwand pinkelten, bis sie „knöchelhoch“ im eigenen Urin standen, bereiteten sich auch die Fans auf den Rängen auf das Duell vor. „Die Alianza-Fans“, beschreibt Gutendorf das Spektakel, „haben in Plastik Beuteln und Präservativen ihren Urin seit Tagen gespart und als Bomben aus ihrer steilen Kurve in die Cristal-Anhänger abgefeuert.“

Auf die Drahtkäfige neben dem Rasen, in die je zwei Soldaten die Trainer der beiden Mannschaften vor Anpfiff geleiteten, flogen neben solchen Geschossen auch ein paar Messer und brennende Sitzkissen. Gutendorf nutzte den Käfig aber auch für seinen ganz eigenen Auftritt. Zur Motivation seiner Spieler tobte und wütete er hinter dem schützenden Gitter so sehr, dass Herzog sich wohl an seinen manischen Hauptdarsteller Klaus Kinski erinnert fühlen musste. Für einen Derbysieg reichte es dennoch nicht, ein 0:2 gegen den Erzrivalen leitet das frühe Ende von Gutendorfs Engagement in Lima ein.

VERSÖHNUNG

O, du schöner Westerwald
über deine Höhen pfeift der Wind so kalt
jedoch der kleinste Sonnenschein
dringt tief ins Herz hinein

Trotz der zahllosen Enttäuschungen, Entlassungen, Pleiten und Konflikte, die das Trainerleben im Laufe von sechs Jahrzehnten unweigerlich mit sich brachte, glaubt Gutendorf bis heute vor allem an eines: die „versöhnende Kraft“ des Fußballs, die er rund um den Globus beobachten konnte. Sein „größter Triumph“ sei dabei ein Unentschieden gewesen. Nur wenige Jahre nach dem Völkermord in Ruanda, der 1994 fast eine Million Menschen das Leben gekostet hatte, sollte er eine gemeinsame Nationalelf aus Hutu und Tutsi formen. „Der Genozid klang in den Köpfen immer noch nach“, erinnert sich Gutendorf an das Misstrauen, das innerhalb der Mannschaft herrschte.

Um Spieler aus den beiden ethnischen Gruppen, die sich fünf Jahre zuvor noch „buchstäblich mit Macheten die Hälse abgeschnitten“ hatten, zusammenzubringen, setzte der Trainer auf gemeinsame – und vor allem kostenlose – Mahlzeiten am Lagerfeuer und die verbindende Kraft des Sports: „Wenn man gewinnt, vergisst man als Spieler den Hass, die Wut und das eigene Elend.“ Als seine Schützlinge einige Monate später der großen Elfenbeinküste ein 2:2 abringen, erlebt der damals 73-Jährige den „schönsten Moment meiner Karriere“. Es sei „wie ein Rausch“ gewesen. Als Hutu und Tutsi sich auf dem Rasen und den Rängen in den Armen gelegen hätten, sei er vor Freude fast verrückt geworden.

Der große Traum

Solche Erfahrungen motivieren Gutendorf auch bei seiner 56. und vielleicht letzten Station – als „Ehrentrainer“ betreut er die TuS International, eine Flüchtlingsmannschaft seines Koblenzer Heimatvereins. „Die Stimmung in der Mannschaft ist toll, die Jungs sind glücklich“, strahlt er. „Das sind auch durchweg anständige und zuvorkommende junge Leute. Es ist unerträglich, dass Flüchtlingen heute vorgeworfen wird, sie würden unsere Gastfreundschaft ausnutzen. Ich bin überall auf der Welt mit offenen Armen empfangen und gut behandelt worden. Und genauso erwarte ich, dass man auch Menschen, die in der Not zu uns kommen, anständig behandelt.“

Mit 91 Jahren gibt es wohl nur noch einen großen Traum, für den Gutendorf sofort in ein Flugzeug steigen und dem Westerwald noch einmal den Rücken kehren würde: ein Spiel im Gazastreifen mit einer Mannschaft aus Israelis und Palästinensern. Vor Jahren hatte er mit Friedensnobelpreisträger und Palästinenserpräsident Jassir Arafat sogar schon erste Pläne diskutiert, die nach Arafats Tod jedoch nicht weiterverfolgt wurden. „Leider herrscht bis heute Kriegsstimmung“, sagt Gutendorf enttäuscht. Vermutlich werde dieser Traum letztlich am Starrsinn der Politik scheitern.

Ganz aufgeben will er ihn allerdings noch nicht. „Sobald die ersten Zeichen von Frieden dort bemerkbar sind, werde ich zum Hörer greifen.“

Simon Haux