Archiv für die Kategorie: Fußball

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Rudi Gutendorf: Im Auftrag des Sauhunds

Rudi Gutendorf hat auf sechs Kontinenten, in 38 Ländern und an 56 Orten als Fußballtrainer gearbeitet. Er wurde umschmeichelt, gefeiert, verflucht, vergiftet – und einmal fast verrückt vor lauter Freude. Rudi Gutendorf ist 91 und hat noch einen Traum. Socrates besucht ihn.

Der Artikel erschien in der 21. Ausgabe

Der Artikel erschien in der 21. Ausgabe

HEIMAT

O, du schöner Westerwaldüber deine Höhen pfeift der Wind so kalt

Die ehemalige Telegrafenstation blickt von einem Hügel über den umliegenden Wald, dessen Bäume ihr Herbstlaub schon beinahe abgeschüttelt haben. Von der nur wenige hundert Meter entfernten Autobahn ist nichts mehr zu hören. Schwere Teppiche auf den Fliesen, Pantoffeln, um auch die Füße der Gäste vor der winterlichen Kälte zu schützen, vor den Fenstern die Rotbuchen des Westerwaldes. Dieser Ort fühlt sich beinahe beängstigend deutsch an, grün, gemütlich, bodenständig, bieder. Dann jedoch öffnet sich hinter einer Tür im ersten Stock die Welt.

Pelé lächelt ebenso von der Wand wie die Nationalmannschaft Malawis, auch Helmut Kohl ist gut gelaunt. Kevin Keegan und KlausKinski lauschen konzentriert, eine japanische Mannschaft stemmt die Meisterschale in den Himmel, der König von Tonga trägt Uniform und Sonnenbrille. Plakate kündigen Spiele von Cosmos New York, China oder den amtierenden Europameistern aus der Tschechoslowakei an. Es ist ein kleines Museum, bis zur Decke gefüllt mit Erinnerungen an eine Trainerlaufbahn, die dem Hausherrn einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde einbrachte. Erinnerungen an 56 Stationen in 38 Ländern auf 6 Kontinenten.

„Ich bin jetzt 91“, sagt Rudi Gutendorf: „Das ist natürlich viel Holz. Glauben Sie nicht, dass ich noch genau weiß, wo das alles war.“ Der Blick schweift über die Wände, die vor ihm ausgebreiteten Bilder, und bleibt an einer afrikanischen Abwehrreihe hängen: „Die drei sehen aus, als könnten sie um die Weltmeisterschaft boxen.“

Rudi Gutendorf ist Westerwälder und Weltbürger. In welcher Reihenfolge ist schwer zu sagen. Vor allem ist er jedoch eines: fußballverrückt. Mit 91 Jahren keinen Deut weniger als mit 19. „Der Ball fasziniert mich einfach. Er lässt sich nicht betrügen. Manchmal ist er launisch, ein richtiger Sauhund. Aber mit ihm ist mir nie langweilig geworden, nie hatte ich die Schnauze voll vom Fußball.“

AUFBRUCH

Heute wollen wir marschier’n einen neuen Marsch probier’n

Die rund sechzigjährige Trainerlaufbahn von „Rudi Rastlos“, wie der Boulevard Gutendorf einst taufte, ist ein Kuriositätenkabinett, ein Füllhorn absurder Anekdoten und Begegnungen. Mit Helmut Rahn versöhnte er sich nach einem Streit im Training auf einer gemeinsamen Kneipentour durch das Ruhrgebiet, auf Schalke verbrannte er vor versammelter Mannschaft die Trikots, in denen sie zuvor eine Niederlagenserie hingelegt hatte.

In Tansania musste der Nationaltrainer die Aufstellung mit Medizinmännern abstimmen, in Chile entging er bei einem Wochenendausflug nur knapp einem Anschlag auf sein Auto. In Peru endete ein Mannschaftsessen für Gutendorf im Krankenhaus – mutmaßlich der Versuch eines aussortierten Spielers, den verhassten Trainer zu vergiften. Und der Traum einer WM Teilnahme 1982 scheiterte an einem tansanischen Postbeamten, der Gutendorfs Zusage an Kameruns Verband verschwinden ließ, um die 84 US-Dollar Gebühr für das Telegramm in die eigene Tasche zu stecken.

Auf seiner endlosen Expedition im Auftrag des ledernen Sauhunds war Gutendorf stets getrieben von Abenteuerlust, Neugier und dem Streben nach Anerkennung. „Wenn ich zwischendurch mal ein paar Wochen zuhause war, ist mir furchtbar langweilig geworden. Ich war erfolgssüchtig, wollte sofort wieder arbeiten.“ Besonders nach Misserfolgen habe er sich nach der nächsten Gelegenheit gesehnt, sich zu beweisen. „Mir selbst und der Welt zu zeigen, dass ich es besser kann, das war ein ständiger Kampf.“

Den Startschuss für das Leben als Weltreisender gab 1961 Gutendorfs Lehrmeister Sepp Herberger. Durch eine Empfehlung des Weltmeistertrainers von 1954 wurde das Auswärtige Amt auf den jungen Koblenzer aufmerksam. Inmitten des Kalten Krieges suchte die Bundesregierung eine Möglichkeit, Tunesiens Staatspräsidenten Habib Bourguiba einen Gefallen zu tun, ohne in dessen schwelendem Konflikt mit der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich Position ergreifen zu müssen.

Bourguiba suchte einen internationalen Trainer für die Nationalmannschaft und seinen aufstrebenden Lieblingsklub US Monastir und Konrad Adenauer wollte der DDR bei der Erfüllung dieses Wunsches zuvorkommen. „Machen Se et jut, Herr Jutendorf“, soll der Bundeskanzler dem gerade einmal 35-Jährigen zum Abschied gesagt haben, „sonst nehmen die einen von der Sowjetzone.“

„Ich habe mich aus der Politik rausgehalten“

So war bereits das erste Engagement im Ausland von großer politischer Brisanz. Dabei wollte Gutendorf sich eigentlich stets auf den Sport konzentrieren, ganz gleich ob als Nationaltrainer im Dienste autokratischer Regierungen, Hoffnungsträger zerrütteter Gesellschaften oder Aufbauhelfer für Fußballzwerge. „Ich hab mich aus der Politik grundsätzlich rausgehalten“, betont er. „Das war mir zu heikel, da wollte ich auch in Interviews nie Stellung beziehen. Damit hätte ich mir als Trainer sowieso nur Feinde gemacht.“

Dennoch sorgte die Bedeutung des Fußballs unvermeidlich für Begegnungen mit Machthabern, Parteifunktionären und Staatschefs. Immer wieder habe er mit Politikern zu tun gehabt, „die den großen Johnny spielen wollten. Die sich nur für Fußball interessierten, um populär zu werden.“ Im Iran wurde er kurz vor der Asienmeisterschaft entlassen, weil die politische Führung nicht mit einem Ungläubigen auf der Bank in das Turnier gehen wollte. Und das Engagement in Chile endete mit dem Militärputsch 1973 – als Freund des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende, mit dem Gutendorf oft bei einem Glas Whiskey über Gott, die Welt und den Fußball sinnierte, geriet er ins Visier der neuen Machthaber und wurde gemeinsam mit dem deutschen Botschafter ausgeflogen.

Der Artikel erschien in der 26. Ausgabe
Vamos Rafa! Die 26. Ausgabe ist im Handel

RIEGEL

Und dem Bursch, den das nicht freut
sagt man nach, er hat kein’ Schneid

Deutlich leichter fiel es dem weltreisenden Trainer, seinen taktischen Prinzipien treu zu bleiben, in Hamburg und Gelsenkirchen genauso wie in Tonga oder Nepal, Fidschi oder Simbabwe. Bis heute ist Gutendorf überzeugt von seiner deutschen Version des Catenaccio, die ihm seinen zweiten Spitznamen einbrachte: „Riegel-Rudi“. Nahezu zeitgleich mit Inter Mailands Trainerlegende Helenio Herrera führte er das Defensivsystem Anfang der 1960er Jahre auch in der gerade ins Leben gerufenen Bundesliga ein.

Eine kompakte Abwehrformation, die sich bei gegnerischem Ballbesitz mit allen Mann in zwei Ketten hinter den Ball zurückzog, sollte den eigenen Strafraum abriegeln und nach Balleroberungen überfallartig nach vorne ausschwärmen, um den weit aufgerückten Gegner zu überrumpeln. Mit dieser simplen, aber revolutionären Idee überraschte Gutendorf die Liga und führte den kleinen Meidericher SV aus Duisburg sensationell zur Vizemeisterschaft 1963/64.

Trotz des Erfolges musste sich der Trainer ebenso wie sein Mailänder Konterpart Herrera des Vorwurfs erwehren, mit dieser defensiven Ausrichtung lediglich zerstören zu wollen. Meiderichs alternder Stürmerstar Helmut Rahn war jedoch zufrieden mit dem Riegel: „Dat Dinge is good“, zitiert Gutendorf den Helden von Bern in seiner Autobiographie: „Da hab ich Platz, um nach vorne zu marschiere.“ Nur mit dem harten Training, dass dieses laufintensive Spiel erst möglich machen sollte, war Rahn nicht immer einverstanden – und damit bei weitem nicht allein unter Gutendorfs Spielern.

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WILDNIS

Ist das Tanzen dann vorbei
gibt es meistens Keilerei

„Ich wollte nicht als vollgefressener Besserwisser am Rand stehen und Befehle erteilen, ich wollte immer mitmachen“, sagt er heute. Aber er sei ein harter Trainer gewesen, habe seine Spieler immer bis zum Letzten gefordert. Rund um die Welt setzte der Koblenzer auf Fitness und Disziplin, auf Bleiwesten und Kopfballpendel, ließ seine Spieler bei Wald-, Wiesen- oder Wüstenläufen einen deutschen Marsch singen: O, du schöner Westerwald…In Peru rebellierten nicht nur die Spieler des Hauptstadtklubs Sporting Cristal gegen diese Methoden. Die Spielerfrauen warfen Gutendorf vor, sein Training mache ihre Männer impotent.

Auch der fußballbegeisterte Filmemacher Werner Herzog, den Gutendorf auf einem Empfang in Lima kennengelernt hatte, erfuhr die Strapazen einer Übungseinheit am eigenen Leib. Als Gast durfte sich der 29-jährige Herzog bei einem Trainingsspiel im direkten Duell mit Cristal-Star Alberto Gallardo messen. „Nach zehn Minuten wusste ich nicht mehr, in welche Richtung wir spielen“, erzählte er später in einem Dokumentarfilm. „Ich wusste auch nicht mehr, welches Trikot wir tragen.“ Auf allen Vieren und von Krämpfen geplagt sei er schließlich vom Platz gekrochen, um sich in die Oleanderbüsche am Spielfeldrand zu übergeben.

Das Derby zwischen Cristal und dem Lokalrivalen Alianza verfolgte Herzog dann von der Tribüne aus. Während die Spieler in den Katakomben noch vor einem kleinen Altar knieten und beteten oder in einem mysteriösen Ritual an die Kabinenwand pinkelten, bis sie „knöchelhoch“ im eigenen Urin standen, bereiteten sich auch die Fans auf den Rängen auf das Duell vor. „Die Alianza-Fans“, beschreibt Gutendorf das Spektakel, „haben in Plastik Beuteln und Präservativen ihren Urin seit Tagen gespart und als Bomben aus ihrer steilen Kurve in die Cristal-Anhänger abgefeuert.“

Auf die Drahtkäfige neben dem Rasen, in die je zwei Soldaten die Trainer der beiden Mannschaften vor Anpfiff geleiteten, flogen neben solchen Geschossen auch ein paar Messer und brennende Sitzkissen. Gutendorf nutzte den Käfig aber auch für seinen ganz eigenen Auftritt. Zur Motivation seiner Spieler tobte und wütete er hinter dem schützenden Gitter so sehr, dass Herzog sich wohl an seinen manischen Hauptdarsteller Klaus Kinski erinnert fühlen musste. Für einen Derbysieg reichte es dennoch nicht, ein 0:2 gegen den Erzrivalen leitet das frühe Ende von Gutendorfs Engagement in Lima ein.

VERSÖHNUNG

O, du schöner Westerwald
über deine Höhen pfeift der Wind so kalt
jedoch der kleinste Sonnenschein
dringt tief ins Herz hinein

Trotz der zahllosen Enttäuschungen, Entlassungen, Pleiten und Konflikte, die das Trainerleben im Laufe von sechs Jahrzehnten unweigerlich mit sich brachte, glaubt Gutendorf bis heute vor allem an eines: die „versöhnende Kraft“ des Fußballs, die er rund um den Globus beobachten konnte. Sein „größter Triumph“ sei dabei ein Unentschieden gewesen. Nur wenige Jahre nach dem Völkermord in Ruanda, der 1994 fast eine Million Menschen das Leben gekostet hatte, sollte er eine gemeinsame Nationalelf aus Hutu und Tutsi formen. „Der Genozid klang in den Köpfen immer noch nach“, erinnert sich Gutendorf an das Misstrauen, das innerhalb der Mannschaft herrschte.

Um Spieler aus den beiden ethnischen Gruppen, die sich fünf Jahre zuvor noch „buchstäblich mit Macheten die Hälse abgeschnitten“ hatten, zusammenzubringen, setzte der Trainer auf gemeinsame – und vor allem kostenlose – Mahlzeiten am Lagerfeuer und die verbindende Kraft des Sports: „Wenn man gewinnt, vergisst man als Spieler den Hass, die Wut und das eigene Elend.“ Als seine Schützlinge einige Monate später der großen Elfenbeinküste ein 2:2 abringen, erlebt der damals 73-Jährige den „schönsten Moment meiner Karriere“. Es sei „wie ein Rausch“ gewesen. Als Hutu und Tutsi sich auf dem Rasen und den Rängen in den Armen gelegen hätten, sei er vor Freude fast verrückt geworden.

Der große Traum

Solche Erfahrungen motivieren Gutendorf auch bei seiner 56. und vielleicht letzten Station – als „Ehrentrainer“ betreut er die TuS International, eine Flüchtlingsmannschaft seines Koblenzer Heimatvereins. „Die Stimmung in der Mannschaft ist toll, die Jungs sind glücklich“, strahlt er. „Das sind auch durchweg anständige und zuvorkommende junge Leute. Es ist unerträglich, dass Flüchtlingen heute vorgeworfen wird, sie würden unsere Gastfreundschaft ausnutzen. Ich bin überall auf der Welt mit offenen Armen empfangen und gut behandelt worden. Und genauso erwarte ich, dass man auch Menschen, die in der Not zu uns kommen, anständig behandelt.“

Mit 91 Jahren gibt es wohl nur noch einen großen Traum, für den Gutendorf sofort in ein Flugzeug steigen und dem Westerwald noch einmal den Rücken kehren würde: ein Spiel im Gazastreifen mit einer Mannschaft aus Israelis und Palästinensern. Vor Jahren hatte er mit Friedensnobelpreisträger und Palästinenserpräsident Jassir Arafat sogar schon erste Pläne diskutiert, die nach Arafats Tod jedoch nicht weiterverfolgt wurden. „Leider herrscht bis heute Kriegsstimmung“, sagt Gutendorf enttäuscht. Vermutlich werde dieser Traum letztlich am Starrsinn der Politik scheitern.

Ganz aufgeben will er ihn allerdings noch nicht. „Sobald die ersten Zeichen von Frieden dort bemerkbar sind, werde ich zum Hörer greifen.“

Simon Haux

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Peter Schmeichel: „Pep, Mou, Klopp? Bedauernswert!“

Peter Schmeichel freut sich über die Entwicklung seines Sohnes Kasper. Er hat aber ein Problem mit der Entwicklung der Premier League und hat auch schon Schuldige ausgemacht. Das Socrates-Interview aus der 26. Ausgabe for free.

Der Artikel erschien in der 26. Ausgabe

Der Artikel erschien in der 26. Ausgabe

Peter Schmeichel, sind Sie nervös, wenn Sie Ihrem Sohn Kasper bei einem Spiel zusehen?

Ich liebe es, ihm zuzusehen. Es ist immer eine wahre Freude. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich war schon nervös bei der Weltmeisterschaft in Russland, was aber mehr daran lag, dass Dänemark gegen Peru große Schwierigkeiten hatte, als an Kasper.

Sind Sie besonders kritisch?

Ich versuche immer, die Emotionen nicht so nahe an mich heranzulassen und objektiv zu bleiben. Eigentlich beobachte ich Kasper so, wie ich die anderen Spieler beobachte. Da mache ich keinen Unterschied. Wenn ich mir ein Spiel der dänischen Nationalmannschaft anschaue, bin ich ein großer Fan und blicke nicht mit anderen Augen auf meinen Sohn. Solange er eine gute Leistung bringt, bin ich auch nicht besonders nervös.

Und wenn er patzt?

Dann leide ich wie ein Tier. Es ist schwer, damit umzugehen. Als er sein Debüt in der Premier League bei West Ham United gab, war ich gerade in Moskau bei einem Dreh. Er rief mich an und sagte: „Es ist so weit: Ich spiele.“ Glauben Sie mir, der Adrenalinkick war so heftig wie selten zuvor. Ich geriet ein paar Minuten in Panik, weil ich ja unbedingt vor Ort sein wollte, aber ich war ganz weit weg. Als Vater will man bei einem der wichtigsten Tage in der Karriere des Sohnes anwesend sein.

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Wie haben Sie das Spiel dann erlebt?

Ich saß vor dem Fernseher und habe ihn genau unter die Lupe genommen: Es gab einige tolle Paraden, in der Luft war er einwandfrei und nach zehn Spielminuten war ich beruhigt. Spätestens zu diesem Augenblick wusste ich, dass er über großes Potenzial verfügt und die Anforderungen und Erwartungen auf höchstem Niveau erfüllen kann. Dann konnte ich den Rest der Partie genießen. An diesem Tag habe ich gelernt, den nötigen Abstand zu wahren.

Wie ähnlich oder unterschiedlich sind Sie beide.

Zunächst sollte man niemals vergessen, dass wir in zwei komplett anderen Epochen gespielt haben. Das Spiel des Torwarts ist heutzutage ein ganz anderes als zu meiner Zeit. Ich hätte damals nie gewagt, einen Ball zwischen unseren Innenverteidigern hindurch auf einen Mittelfeldspieler zu schlagen. Ich gehe mit Vergleichen immer sehr vorsichtig um. Viele Beobachter haben noch nicht verstanden, dass er seine eigene Geschichte schreibt, dass er seine eigenen Stärken hat.

Sobald er eine tolle Leistung liefert, wird er mit Ihnen verglichen.

Das kommt sehr häufig vor. Wenn über Kasper geschrieben wird, sollte mein Name eigentlich gar nicht mehr auftauchen. Als ich Profi war, hatte ich absolut niemanden, mit dem ich jederzeit reden konnte, der mir immer wieder wertvolle Tipps mit auf den Weg gab, der für mich da war. Ich habe mich zu einem Trainingstier entwickelt, war detailbesessen und hatte nur einen Gedanken im Kopf: Bloß keinen Treffer kassieren! Vielleicht habe ich ihn in gewisser Weise geprägt, das will ich gar nicht leugnen. Vielleicht hat er auch dieselbe Einstellung zur Arbeit, die gleiche Mentalität wie ich. Mit dem Umstand, dass er mein Sohn ist, ist er richtig gut umgegangen. Das hätte nicht jeder geschafft.

Peter Schmeichel über Kasper: „Seit er vier Jahre alt ist, kickt er“

Wie beurteilen Sie seine Entwicklung in den vergangenen Jahren?

Meine Philosophie lautet: Jeder Spieler sollte jeden Morgen zum Training erscheinen mit der Idee, etwas Neues zu lernen. Mit dem Alter verändert sich die Spielweise. Das ist bei einem Stürmer nicht anders als bei einem Verteidiger oder einem Torwart. Vielleicht verliert man auf der einen Seite an Explosivität, aber man kompensiert das mit mehr Erfahrung und einer besseren Antizipationsfähigkeit. Unser Hirn speichert so viele Daten, dass man in der Lage ist, viele verschiedene Situationen im Voraus zu erkennen und dann die zwei, drei Schritte mehr macht, um noch besser bei einer Flanke oder einem Schuss postiert zu sein. Das ist bei Kasper genauso. Mit der Erfahrung ist er zweifelsohne noch besser und gefestigter geworden.

Wollte Kasper immer schon Torhüter werden?

Ehrlich gesagt, weiß ich es gar nicht. Ich nahm ihn damals immer zu den Trainingseinheiten von Manchester United mit und er saß jedes Mal hinter meinem Kasten und schaute interessiert zu. In Manchester hieß mein Nachbar Steve Bruce, der auch einen Sohn hatte, der zwei Jahre älter als Kasper war. Auch er ist Profi geworden. Kaum waren sie von der Schule zurück, gingen sie sofort auf die Straße, um stundenlang zu kicken. Seit er vier Jahre alt ist, liebt es Kasper, gegen den Ball zu treten.

Hatte er also nur Fußball im Kopf?

Nein, um Gottes willen. (lacht) Es gab auch andere Aktivitäten, die dafür gesorgt haben, dass er heute ausgeglichen ist. Es gab auch viel Musik im Hause Schmeichel.

War Fußball im Hause Schmeichel ein Tabu-Thema? 

Ganz und gar nicht, aber Fußball war nie das Top-Thema. Dadurch dass er immer beim Training dabei war, bekam er ein Gefühl dafür, was man leisten muss, wie diszipliniert man jeden Tag sein muss, wenn man seinen Traum verwirklichen will. Er hat Spieler wie David Beckham, Paul Scholes, Ryan Giggs oder Éric Cantona erlebt, wie sie Extra-Schichten eingelegt und mit aller Macht an ihren Stärken und Schwächen gearbeitet haben. Er hat aber auch festgestellt, wie hart das Urteil der Leute sein kann. Er musste immer wieder böse Kommentare über sich ergehen lassen, insbesondere von den Eltern der Gegner.

Zum Beispiel?

„Du wirst im Leben nie so gut wie dein Vater werden.“ Solche Sprüche. Ich habe dann die Konsequenzen gezogen und die Spiele seiner Jugendmannschaft nicht mehr angeschaut, weil es einfach unerträglich wurde. Sobald ich anwesend war, wurde der Druck auf seinen Schultern noch größer und das konnte ich ihm nicht länger antun.

Gehört er für Sie zur Weltklasse wie ein Manuel Neuer, Thibaut Courtois, David de Gea oder Jan Oblak?

Ich glaube, dass er noch ein bisschen braucht, weil all diese Keeper seit Jahren konstant auf Top-Niveau spielen und kaum Fehler machen. Sie spielen Jahr für Jahr alle drei Tage und sie kennen auch die Champions League in- und auswendig. Ich wäre noch stolzer, wenn Kasper regelmäßig in der Königsklasse dabei wäre.

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Dafür müsste er Leicester City wohl verlassen und zu einem richtig Großen wechseln. Was halten Sie davon, wenn ein Torhüter für 80 Millionen Euro transferiert wird wie Kepa Arrizabalaga von Bilbao zu Chelsea in diesem Sommer?

Was seit geraumer Zeit auf dem Transfermarkt abgeht, ist total verrückt geworden. Ich finde, dass sich die FIFA und die UEFA an einen Tisch setzen sollten, um diesem Wahnsinn ein Ende zu setzen. Konkret könnte man über neue Regeln nachdenken, damit der Fußball wieder authentischer wird.

Es geht in die falsche Richtung?

Ich stehe der Entwicklung in jedem Fall kritisch gegenüber. Nur ein exklusiver Kreis von Vereinen kann sich die besten Spieler leisten. Aber beim Fußball sollte das Entscheidende doch nach wie vor auf dem Rasen passieren und nicht auf dem Transfermarkt. Ich halte es für positiv, dass so viel Geld im Fußball vorhanden ist, doch muss man höllisch aufpassen, dass die Grenzen nicht überschritten werden und diese unglaublich tolle Spielart irgendwie kaputt geht. Allein wenn ich sehe, was die Berater bei manchen Transfers einkassieren, wird mir schwindlig. Diese Leute haben zu viel Einfluss im Fußball. So viel Geld könnte man doch besser in den Nachwuchs investieren.

Sie haben 2003 aufgehört, verfolgen aber weiterhin die Premier League. Inwieweit hat sich die englische Liga verändert?

Es ist vieles anders. Der größte Unterschied liegt bei den Trainern. Die meisten Teams, insbesondere die Topmannschaften, haben einen ausländischen Coach. Mit der Zeit hat sich die Spielweise geändert. Es wird mit weniger Robustheit gespielt, die Zweikämpfe sind nicht mehr so leidenschaftlich wie vielleicht noch vor zehn oder 20 Jahren. Ich bin ein großer Fan von Kampf und Leidenschaft und will nicht nur Taktik und Ballbesitz-Fußball ohne Ende. Egal,  ob Pep Guardiola bei Manchester City, José Mourinho bei Manchester United oder Jürgen Klopp bei Liverpool, sie sind nicht von der lokalen Fußball-Kultur inspiriert und das finde ich ehrlich gesagt bedauernswert.

Wie sehr leiden Sie mit Manchester United, Ihrem Ex-Verein?

Seit Sir Alex Ferguson sein Amt 2013 niedergelegt hat, ist United im Titelrennen leer ausgegangen und das ist wohl kein Zufall. Der Klub hat auf dem Transfermarkt in den letzten Jahren kein glückliches Händchen bewiesen. Wenn man ein Team nicht in jeder Transferperiode verstärkt, fällt man zurück. Aber unter Mourinho ist man endlich wieder soweit, dass die Gegner mit einer gewissen Ehrfurcht ins Old Trafford kommen, wie zu meiner Zeit, als dort eigentlich nichts zu holen war.

Interview: Alexis Menuge

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Galatasaray – Fenerbahce: Ich hasse und ich liebe

Galatasaray und Fenerbahce haben keine Klassen-Unterschiede. Auch Religion oder Politik trennt sie nicht. Doch warum sind beide Lager verfeindet? Autor Bülent Timurlenk geht für Socrates der Sache auf der Grund.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe #6

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe #6

Am liebsten würde ich eine ganz einfache Erklärung abliefern, doch im Gegensatz zu vielen anderen Derbys irgendwo auf der Welt lässt sich im Fall von Fenerbahçe und Galatasaray leider nicht so problemlos dingfest machen, woher all die Rivalität, der Hass und die Leidenschaft eigentlich rühren. Wo sich bei Boca Juniors und River Plate ein Gegensatz zwischen reich und arm definieren lässt, bei Real und Atlético zwischen Monarchisten und Republikanern, bei Celtic und Rangers zwischen Katholiken und Protestanten, bei Torino und Juventus zwischen Städtern und Zugewanderten, bei Panathinaikos und Olympiakos zwischen alteingesessenen Familien und Hafenbewohnern, fehlt es bei Fenerbahçe und Galatasaray an einem historischen oder soziologischen Faktor, aus dem heraus sich der scharfe Schnitt erläutern ließe, der gleichsam einen Laib Brot in zwei Hälften teilt.

Der manchmal herangezogene Erklärungsversuch, Galatasaray sei eher der aristokratische Verein und Fenerbahçe der bürgerliche, fällt alleine deswegen schon flach, weil es in der Türkei kaum eine Bevölkerungsgruppe gibt, die sich als aristokratisch bezeichnen ließe. Ist mit Aristokratie lediglich gemeint, dass die Schüler des Galatasaray-Gymnasiums um Ali Sami Yen, die den Verein 1905 gründeten, nicht aus der anatolischen Provinz stammten, sondern aus Istanbul beziehungsweise dem Balkan, so mag Galatasaray meinetwegen aristokratisch sein, wenn auch fünf Meter im Abseits. Die Mitglieder von Galatasaray wurden wegen der Unterrichtssprache ihres Gymnasiums stets als „Franzosen“ verhöhnt, doch als man auf der anderen Seite des Bosporus als Konkurrenzverein Fenerbahçe gründete, ging die Initiative dazu wiederum von Schülern eines französischen Gymnasiums aus, nämlich Saint Joseph.

Mit nur zwei Jahren Abstand erfolgte die Gründung der beiden Vereine zu einer Zeit, als das Osmanische Reich allmählich zerfiel und in den Balkankriegen unter die Räder geriet. Als nach dem Ersten Weltkrieg Istanbul von den Alliierten besetzt war und Spieler von Galatasaray und Fenerbahçe gegen englische Mannschaften antraten, waren sie natürlich „Brüder“. Das Osmanische Reich musste ja nicht nur den Fußball erst entdecken, sondern überhaupt den Sport, und Fußballplätze wurden noch nicht Stadion genannt, sondern „Wiese“, wie etwa der Platz, an dem später das Fenerbahçe-Stadion entstehen sollte und zu dieser Zeit „Wiese des Pastors“ hieß.

Zu Galatasaray und Fenerbahçe gesellte sich später noch ein dritter großer Istanbuler Verein, nämlich Beşiktaş, und die Urbanisierung, die im Gefolge der von Atatürk gegründeten modernen türkischen Republik einsetzte, bescherte dem Istanbuler Trio zunächst Hunderttausende und später dann, als die Bevölkerung allmählich an die 80 Millionen heranreichte, gar Millionen von Fans. Vom Zweiten Weltkrieg bis Ende der Sechziger Jahre hatte dabei Fenerbahçe stets mehr Anhänger als Galatasaray.

Warum aber laufen die Türken heute vor allem diesen drei Großen hinterher und leben ihre Fußballleidenschaft nicht lieber dort aus, wo sie geboren oder zugezogen sind? Angeblich gibt es heute 25 Millionen Anhänger von Fenerbahçe, 25 Millionen von Galatasaray und 20 Millionen von Beşiktaş. Wer bleibt da noch für die Hunderte von anderen Vereinen übrig? Oder ist man auch oft für mehr als einen Verein? Eine der Antworten darauf ist in der türkischen Familienstruktur zu finden. Vereinsanhängerschaft gilt dort (wie vieles andere) als eine Art Erbe, das – auch wenn es mal zu Abweichungen kommt – von Generation zu Generation weitergegeben wird. Ein türkisches Kind wird sich für den Verein entscheiden, dem sein Vater anhängt. Eine Frau kann, wenn es denn sein muss, dem Mann zuliebe, den sie heiratet, die Mannschaft wechseln, doch an allem Anfang steht zumeist ein Vater, der mit dem Kind an der Hand ins Stadion geht oder sich im Vereinstrikot mit ihm vor das Radio oder den Fernseher setzt, es in die Vereinshistorie einführt und ihm die ersten Schlachtrufe beibringt.

Wie wohlhabend oder gebildet man ist, in welchem Viertel man wohnt oder die Weltanschauung, spielt bei der Entscheidung für Galatasaray oder Fenerbahçe keine Rolle. Aber wie es halt im Leben ist, führen oft auch Umwege ans Ziel. Kinder aus einer Fenerbahçe-Familie werden durch einen fußballbegeisterten Onkel ins Lager von Galatasaray entführt. Zwillingsmädchen aus einer Beşiktaş-Familie finden nur deshalb, weil sie neben den Trainingsanlagen von Galatasaray wohnen, an deren Gelb und Rot auf einmal mehr Gefallen als am klassischen Schwarz-Weiß. Und während Rahmi Koç, der Gründer des größten türkischen Industriekonzerns, Fan von Beşiktaş war, ist sein Sohn Ali Koç Präsident von Fenerbahçe. Dessen Liebe zu Fener begann, als er als Kind von einem Chauffeur seines Vaters zur Schule gebracht wurde, der leidenschaftlicher Fenerbahçe-Anhänger war…

Fenerbahce-Präsident Ali Koc
Fenerbahce-Präsident Ali Koç

Was ist nun eigentlich das Besondere am Derby zwischen Galatasaray und Fenerbahçe, das gewiss zu den zehn heißesten Derbys weltweit zählt, aber nicht wie die berühmten europäischen Derbys in zig Ländern übertragen wird und es auch nie zu einem eigenständigen Namen gebracht hat, weil alle dahingehenden Versuche (Bosporus-Derby, Interkontinental-Derby, DerbIstanbul) an der Sache abgeglitten sind wie an einer Teflonpfanne?

Die Antwort ist ganz einfach. Da wäre einmal Leidenschaft, dann Liebe, und schließlich Hass. So wie man sich von anderen Menschen nur dadurch unterscheidet, dass man eben nicht die gleiche Sprache spricht, nicht im Körper des anderen steckt, in einer anderen Zeitzone oder nach einem anderen Kalender lebt, so ist man eben für Fenerbahçe oder für Galatasaray. Und so wie bei allen Derbys auf der Welt am Derby-Morgen die Menschen beim Aufwachen schon eine Anspannung spüren, eine Aufregung, einen Adrenalinstoß, so ist es eben auch in Istanbul.

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Während man im Leben sein Herz oft mehr als einmal verschenkt, kann man wenigstens in der Liebe zu Galatasaray oder Fenerbahçe so etwas Heiliges wie ewige Treue ausleben. Woanders mögen Namen und Gesichter wechseln und nur die Formel „Ich liebe dich“ stets die Gleiche bleiben, doch zu Galatasaray oder Fenerbahçe lässt sich aus tiefstem Herzen sagen: „Ich habe nie jemanden anderen geliebt als dich.“ Und wenn einem auch im Grund die Farbkombination des Vereins nicht wirklich steht, füllt man dennoch den Kleiderschrank mit T-Shirts, Trikots und Jacken in Gelb-Rot oder eben Gelb-Blau. Das Derby lässt sich auch damit vergleichen, dass man als Jugendlicher für ein Musikidol schwärmt und sein Zimmer mit Postern von Madonna oder Pink Floyd zupflastert und als Erwachsener dann einen anderen Musikgeschmack entwickelt, sich an jene Poster von damals aber noch immer gern zurückerinnert.

Wer beim Derby den heutigen Spielern zujubelt, hat auch immer noch die alten Legenden der beiden Klubs in Erinnerung, Spieler wie Metin Oktay, Lefter Kü.ükandonyadis, Rıdvan Dilmen, Tanju Çolak, Aykut Kocaman oder Bülent Korkmaz, von denen es damals zahllose Poster gab. Das allererste Derby fand am 17.Januar 1909 statt, und zwar auf dem Platz des Union Club. Mit dem damaligen 2:0-Sieg Galatasarays wurde eine Tradition begründet, die den Zusammenbruch eines Reiches überlebte, der Gründung einer Republik beiwohnte, und die fortgeführt wurde, ob nun politisch gerade die Rechten oder die Linken am Ruder waren, ob es regnete oder schneite, ob es mit der Literatur gerade abwärts oder aufwärts ging, und im Gegensatz zu jeglicher Mode veränderte diese Tradition sich nie. Und einmal selbst aus der Mode kommen wird sie nie.

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Ein Spruch, den Eduardo Galeano wohl in erster Linie über die Menschen seines Heimatkontinents Südamerika getan hat, passt auch recht gut zum Derby Fenerbahçe Galatasaray: „Ein Mann kann sich eine neue Frau suchen, eine neue Religion oder eine neue Partei, aber niemals einen neuen Lieblingsverein.“ Ein Tor, das man beim Derby hinnehmen muss, ist wie eine geliebte Frau, die einen verlässt… Ein verlorenes Derby dagegen ist absolute Verlassenheit. Steht man in der Tabelle hinter dem ewigen Rivalen, fühlt man sich betrogen. Denn dieses Derby zieht sich ja durchs ganze Leben. Der Nachbar ist für Fenerbahçe, der Kollege für Galatasaray, der Friseur für Fenerbahçe, der alte Schulfreund für Galatasaray, der Direktor für Fenerbahçe, und da wird eben andauernd gestichelt und gespöttelt und gewitzelt und verhöhnt.

So braucht man eben, um dieses Derby zu erklären, keine Begriffe wie katholisch/protestantisch, arm/reich oder städtisch/provinziell zu bemühen, denn so etwas braucht der Mensch nicht, um zu lieben und zu hassen. Wie heißt es doch schon beim römischen Dichter Catull: „Odi et amo“ (Ich liebe und ich hasse). In einer Welt, in der die Menschen noch immer nicht begreifen, wie sie jemanden, den sie einst geliebt haben,

nun derart hassen können, blickt das Derby Fenerbahçe-Galatasaray auf 108 Jahre Liebe und Hass zurück, die man überall zugleich spüren kann: zu Hause, auf der Straße, in der Schule, im Büro, im Stadion… Um das zu erfassen, braucht man kein Türkisch zu können, es genügt, so ein Derby einmal in Istanbul anzusehen. Dann werden Sie „Odi et amo“ erleben, zur Genüge.

Bülent Timurlenk

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Corentin Tolisso: „Ich hatte sofort Tränen in den Augen“

Bayern Münchens Mittelfeldspieler Corentin Tolisso steht mit Frankreich im Finale der WM 2018. Er ist gierig auf den Titel und gibt ein Versprechen.

Interview: Alexis Menuge

Monsieur Tolisso, was bedeutet für Sie die Équipe de France?

Es ist einfach ein Traum. Es ist mein Land, meine Heimat, die wir als Spieler repräsentieren. Wer träumt als Franzose nicht davon, für Les Bleusaufzulaufen und das renommierte blaue Trikot zu tragen? Es gibt kaum etwas Schöneres. Ich bin sehr glücklich, dass ich mich Nationalspieler nennen darf.

Wie war es, als Sie im März 2017 das erste Mal von Nationaltrainer Didier Deschamps in den Kader berufen wurden?

Das war ein magischer Moment. Ich hatte sofort Tränen in den Augen, weil es ja mein größter Kindheitstraum war. Als kleiner Junge habe ich oft davon geträumt und plötzlich ging er in Erfüllung. Das werde ich nie vergessen.

Worauf waren Sie dabei am meisten stolz?

Dass ich mein erstes Länderspiel vor den Augen meines Vaters, der immer für mich da war, und vor den Augen meiner Freunde gespielt habe. Das war großartig und sehr emotional. Außerdem fand das Testspiel gegen Spanien zu Hause im Pariser Stade de France statt.

Welchen Status haben Sie mittlerweile in der französischen Nationalmannschaft?

Die Konkurrenz dort ist sehr groß, vor allem auf meiner Position. Von daher kann ich nie sicher sein, dass ich gesetzt bin. Es gibt keine Garantie, berufen zu werden, auch wenn man gut gespielt hat, wie ich zum Beispiel in den beiden wichtigen WM-Qualifikationsspielen Anfang Oktober in Bulgarien und gegen Weißrussland. Mir ist bewusst, dass ich mich nie ausruhen darf. Das Ticket nach Russland muss man sich erst mal verdienen, und das geht nur, indem man bescheiden bleibt und sich immer wieder pusht. Ich versuche einfach, sowohl im Training als auch in den Spielen mein Bestes zu geben. Ich will mir nichts vorwerfen lassen.

Rud Völler

Es gibt nur einen...

Er ist eine der größten Figuren des deutschen Fußballs, doch Rudi Völler sieht sich nicht als Legende. Das Interview mit ihm, der Gastbeitrag von Waldemar Hartmann, Interviews mit Horst Hrubesch, Moritz Fürste und Co. sowie die 10 größten Sportlegenden der Geschichte in der 21. Ausgabe von SOCRATES. Gleich hier klicken und die Ausgabe bestellen.

Worauf kam es für Frankreich bei der WM am meisten an?

Wir müssen eine Einheit bilden. Das ist bei einem solchen Turnier, bei dem man fünf bis sechs Wochen ständig zusammen lebt, das A und O. Wenn der Zusammenhalt nicht stimmt, dann hat man keine Chance. Dementsprechend glaube ich an uns, weil die Stimmung in unserer Kabine hervorragend ist. Das könnte sogar das entscheidende Element sein. Außerdem…

Ja?

Die Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern stimmt. Diese Mischung sorgt dafür, dass wir uns bestens verstehen und dass wir alle am gleichen Strang ziehen… Außerdem sind alle Spieler bescheiden und hungrig. Wir alle wollen etwas Großartiges erreichen. Die Gier ist groß. 

Wer ist der Top-Star dieser Mannschaft?

Wenn ich ehrlich bin, gibt es keinen Spieler, der besonders heraussticht. In meinen Augen ist der Star einfach die Mannschaft.

Das erinnert an den FC Bayern, oder?

Ja, das stimmt. Wie heißt es so schön: Allein ist man schneller, aber zusammen kommt man weiter. Die Solidarität ist sowohl beim FC Bayern als auch in der französischen Nationalmannschaft der große Trumpf. Wie in München müssen wir wie in einer Familie miteinander umgehen. Dazu gehört auch, dass wir uns manchmal ganz klar die Meinung sagen, aber ehrlich und fair miteinander umgehen.

Sie haben Erfahrungen gesammelt. Wofür steht für Sie der deutsche Fußball?

Wenn ich an den deutschen Fußball denke, habe ich sofort das Endspiel der WM 2002 vor Augen: Deutschland unterlag damals Brasilien. Dann gab es die WM 2006 im eigenen Land mit einer unglaublichen Partie im Halbfinale, als die Italiener das letzte Wort in der Verlängerung hatten. Bei den Spielern hat mir Philipp Lahm durch seine großartige Konstanz auf höchstem Niveau immer imponiert. Ich erinnere mich noch an sein tolles Tor beim Eröffnungsspiel gegen Costa Rica in München. Auch Bastian Schweinsteiger hatte eine tolle Ausstrahlung auf dem Platz, er ackerte ohne Ende. Lukas Podolski hat mich mit seinem Torriecher und seinem unglaublichen linken Fuß ebenso begeistert. Alles Spieler, die mal beim FC Bayern gespielt haben…

Im Mittelfeld der französischen Nationalmannschaft gibt es einige hochkarätige Spieler. Ist die Konkurrenz sogar größer als beim FC Bayern?

Wenn ich ehrlich bin, ist es schwer, beide Teams zu vergleichen. Aber ich stimme auf jeden Fall zu, dass in beiden Fällen die Konkurrenz unglaublich groß ist. In der Nationalmannschaft gibt es Spieler wie Paul Pogba, Blaise Matuidi, N’Golo Kanté oder Adrien Rabiot. Das sind alles Weltklasse-Spieler, und ich könnte noch mehr Namen nennen. In München sind es dann Spieler wie Thiago, Arturo Vidal, Sebastian Rudy, James Rodríguez oder Javi Martínez, auch alles ausschließlich gestandene Nationalspieler. Die meisten haben bereits Halbfinals und Finals in der Champions League bestritten. Meine Konkurrenten in der französischen Nationalmannschaft haben teilweise weniger Konkurrenz in ihren jeweiligen Klubs als ich in München. Hier ist mir immer bewusst, dass ich stets bei 100 Prozent sein und bei jeder Trainingseinheit überzeugen muss. Ansonsten spiele ich nicht. Und wenn ich bei der Nationalmannschaft ankomme, habe ich dieselbe Mentalität, die ich immer in mir gehabt habe. Ich wollte immer schon beweisen, dass ich besser als die anderen bin. Das ist meine Einstellung zu diesem Beruf.

Beschreiben Sie, worauf es in Ihrem Spiel am meisten ankommt?

Ich muss in beiden Strafräumen effektiv sein. Auf der einen Seite, um Tore zu erzielen und den entscheidenden Pass zu spielen, was in meinen Augen den modernen Mittelfeldspieler ausmacht. Auf der anderen Seite, im Spiel gegen den Ball, muss ich weiterhin hart an mir arbeiten. Ich muss in der Balleroberung noch aggressiver werden, um so Freiräume für meine Mitspieler zu schaffen.

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In welchen Bereichen haben Sie die meisten Fortschritte in Ihrem Spiel gemacht, seit Sie im vergangenen Sommer nach München kamen?

Ich bin vielfältiger geworden, ich kann das Spiel besser lesen, schneller antizipieren und Konter des Gegners abfangen. Mit 23 Jahren weiß ich auch, dass ich mich noch entwickeln kann. In München muss ich mich zwischen dem Sechser und Zehner positionieren. Vergangene Saison bei Olympique Lyon habe ich mehrfach als Spielmacher agiert. Von dieser Erfahrung profitiere ich noch heute, weil ich zielstrebiger in die Spitze gehe. Das Wichtigste dabei: Man muss wissen, wo man steht, einfach spielen, um Selbstvertrauen zu tanken und dann die Initiative ergreifen.

In der Offensive fühlen Sie sich am wohlsten, stimmt’s?

Ja, vor allem weil ich ja als Kind im Sturm gespielt habe. Ich liebte es, Tore zu erzielen. Schritt für Schritt ging ich dann nach hinten, bis ich dann Rechtsverteidiger war. Aber diese Position lag mir nicht wirklich, also ging es wieder nach vorne.

Wenn Les BleusWeltmeister werden sollten, dann …

… werde ich mir den WM-Pokal auf den Rücken tätowieren lassen.

 

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Eine Tüte Deutschland bitte

Wie patriotisch darf man als Deutscher sein? Wie groß darf das Schlaaaand-Gefühl sein? Schriftsteller Moritz Rinke geht für Socrates der Sache nach. Und küsst Uschi Glas.

─── I ───

Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ich war einmal Poolwächter der deutschen Nationalmannschaft. 2006 bei der WM in Deutschland. Eine Freundin von mir leitet mit ihrem Mann die größte Berliner Gebäudereinigungsfirma, welche den Auftrag vom Schlosshotel Grunewald bekam, zusätzlich zum Hotelpersonal Serviceleistungen durchzuführen, die durch zehn externe Reiniger eine größtmögliche Sauberkeit gewährleisten sollten. Ich fragte meine Freundin, ob es nicht elf sein könnten, die Verhandlungen zogen sich Wochen hin, dann war es so weit, ich sollte nicht reinigen, sondern den deutschen Pool bewachen.

Meine Aufgabe war es, Blätter und Insekten, die in den deutschen Pool hineinwehten, mit einem Käscher herauszufischen, Handtücher auszuwechseln und die Liegen nach Benutzung wieder liegefertig zu machen. Es gab noch die Anweisung, weder Autogrammwünsche auszusprechen noch die Gäste in ein Gespräch zu verwickeln, sondern nur den deutschen Pool zu bewachen von einem erhöhten Stuhl aus, ähnlich wie die Schiedsrichter beim Tennis oder die Küstenwache an der Nordsee.

Mein erster Gast am Pool war damals Oliver Kahn, mit Schlosshotel-Grunewald-Badeschuhen und Bademantel. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Kahn nickte auch, dann sprang er mit Kopfsprung in den deutschen Pool. Kahn kraulte vier Bahnen, stieg über den Beckenrand raus, nahm den Bademantel und für das Gesicht nur ein Handtuch, das er auf die Liege warf, und ging.

Zwei Tage später hatte die deutsche Mannschaft ihr Eröffnungsspiel gegen Costa Rica in München und gewann mit 4:2, das erste Tor schoss Philipp Lahm mit einem gebrochenen Arm, deshalb kam er während der WM auch nie an meinen Pool – mit gebrochenem Arm kann ein Philipp Lahm zwar WM-Tore schießen, aber nicht schwimmen.

Zur Begrüßung der siegreichen Mannschaft hatte ich mir etwas überlegt. Ein türkischer Gemüsehändler hatte mir eine Deutschlandfahne angeboten, erst winkte ich ab, dann fragte er, warum ich denn von einem Türken keine deutsche Fahne nehme? Na gut, unter diesen Bedingungen konnte ich vielleicht meine erste Deutschlandfahne kaufen. Ich schaute noch schnell absichernd nach rechts und links, ob mich auch niemand sieht und verlangte nach einer Tüte.

„Warum Tüte?“, sagte der Türke, „Fahne musst du gleich hochhalten gegen Polen!“

„Nein, Tüte bitte!“

„Er kauft Fahne mit Tüte“, sagte der Gemüsehändler verwundert zu seinem Partner.

So in der Öffentlichkeit konnte ich damals noch nicht, das heißt, einfach so für alle sichtbar, für Deutschland jubeln, das kam noch nicht in Frage. Ich freute mich zwar, wenn die Deutschen ein gutes Spiel machten, aber Patriotismus mit mehreren zusammen, das konnte ich nicht, mit einer deutschen Fahne deutsche Siege feiern, das galt irgendwie immer noch als nationalistisch.

„Nein, es ist Patriotismus, der gesunde, neue Patriotismus“, sagte mir meine damalige Freundin, ausgerechnet eine Ungarin. „Du musst zwischen Nationalismus und Patriotismus unterscheiden. Nationalismus ist härter, Patriotismus weicher, nun freu dich doch mal!“

„Ich freue mich auch!“, sagte ich, theoretisch fände ich den weichen Patriotismus sogar schön, aber in der Praxis, mit den Deutschen zusammen, da sei ich eben gehemmt, weil ich mir die Deutschen natürlich in dem Moment, in dem ich versuche, gemeinsam Patriot zu sein, sehr genau ansehe. Das sei ja dann so eine Art Verschmelzung, man müsse ja dann mit den Deutschen verschmelzen und da gucke man sich dann halt vorher noch mal alles genau an – wie im Bordell, gute Schriftsteller sollen ja auch das Leben im Bordell studieren.

 

„Du arbeitest als Schriftsteller im Bordell?!“, fragte sie: „Nein, nein“, sagte ich, „ich versuche dir mein Unbehagen am praktischen Patriotismus zu schildern. Da sitzt man dann fünf Minuten auf der Bettkante, guckt sich alles an und dann kommt der Moment, nee, ich will doch eher eigentlich lieber nicht, so ein komischer aufgeblasener Busen und alles so hau ruck und eben nicht weich, na ja, und so ähnlich geht mir das auch mit dem praktischen Patriotismus in Deutschland.“

Am nächsten Tag hing die Fahne direkt an meinem Schwimmmeisterstuhl und offen gestanden hätte ich das nicht von außen sehen wollen, wie ich auf diesem Stuhl saß, links die Fahne und dann dieser Typ, der die ganze Zeit auf den deutschen Pool starrte, ob da vielleicht irgendwo was herumschwamm, was nicht zur deutschen Mannschaft gehörte.

Plötzlich kam Gerald Asamoah an den Pool, ausgerechnet Asamoah aus Ghana sah mich hier als erster mit meiner Fahne. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Asamoah nickte auch, dann sprang er in den Pool und schwamm. Er sang dabei – und ich fiel fast vom Stuhl – die Melodie „Du gehörst zu mir, wie mein Name an der Tür“ von Marianne Rosenberg.

Macht der das extra, fragte ich mich? Ob er mich blöd fand mit meiner deutschen Fahne? Man singt doch nicht einfach diesen Rosenberg-Song, darin lag doch ein versteckter Patriotismus-Vorwurf? Ich meinte von Seiten Asamoahs, einen ironisierenden Unterton herauszuhören und nahm mir vor, am nächsten Tag eine Fahne von Ghana an meinem Poolwächter-Stuhl zu befestigen. Andererseits, er spielte ja für Deutschland, warum sollte er mich blöd finden und mir Vorwürfe machen?

Dies war der Beginn meiner allmählichen Verwandlung in einen weichen Fußballpatrioten, denn gerade bei dieser WM in Deutschland machte ich große Fortschritte. Beim legendären Elfmeterschießen gegen Argentinien, Viertelfinale, war ich im Berliner Olympiastadion. Dieses irre Elfmeterschießen! Lehmann hatte einen Spickzettel von Andy Köpke bekommen und hielt den entscheidenden Elfmeter, Deutschland war im Halbfinale, Jubel, Jubel! Ich saß neben Uschi Glas, der deutschen Schauspielerin, die mir eine Deutschlandfahne auf die Wange malte. Über mir in der Ehrenloge küsste Angela Merkel Franz Beckenbauer, damals wusste noch niemand, wie das Sommermärchen zustande kam. Ich selbst küsste Uschi Glas nach Lehmanns Parade, einfach so, das war gewissermaßen mein Durchbruch als Patriot. Mein ganzes Leben hatte ich in diesem Nörgelland gelebt, freuen konnte man sich als Kind von 68er-Eltern über deutsche Fußballsiege ja sowieso nicht, das steckte ganz tief als Verbot im Unterbewusstsein, und plötzlich riss ich beim verschossenen Elfmeter der Gauchos die Arme hoch und küsste Uschi Glas.

Wie kann man das nun erklären, sich einfach so von Uschi Glas schwarzrotgold bemalen zu lassen und dann dieser Kuss? Vielleicht war es ein Gefühl, das eben nicht auf ein Statement, einen Kommentar, eine Abgrenzung, eine politisch zementierte und harte Botschaft gemünzt war, sondern es geschah aus einem freien, weichen Gefühl heraus, es war ein freier, liebender Patriotismus, so wie ihn die ungarische Freundin beschrieben hatte, einen Patriotismus, der nicht so sehr auf Kompensation, auf Ersatz für irgendwas beruhte.

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─── II ───

Es folgten weitere Turniere. 2008 die EM in Österreich und der Schweiz; 2010 die WM in Südafrika; 2012 die EM in Polen und der Ukraine. Das waren alles schöne Turniere, mit deutschen Teams, mit denen man sich in seiner angelernten Patriotismus-Laufbahn identifizieren konnte: Odonkor, Kurányi oder Aogo, Boateng, Özil, Khedira, Podolski, Gündoğan oder Mustafi, sie alle spielten in der deutschen Nationalmannschaft. Ich erinnere mich noch an das berühmte erste Migrationsfoto der Kanzlerin während der Qualifikationsphase für die WM in Südafrika. Die Kanzlerin stürmte ohne Anmeldung in die Umkleidekabine der deutschen Mannschaft und ließ sich mit dem halbnackten und erstaunten Özil fotografieren. Das war der Beginn des offiziellen deutschen Diversityfußballs – nur leider betraf diese Diversity nicht immer die deutschen Fans.

Bei der EM 2016 in Frankreich, wir waren ja mittlerweile Weltmeister in Brasilien geworden, hatte ich das erste Mal wieder einen Rückfall in alte Ängste aus der Zeit vor meinem Kauf der deutschen Fahne vom Türken. Ganz einfach: Es wurde mir zu viel…

Ein Deutschland-Spiel sah ich zum Beispiel zusammen mit 2000 Menschen am Postbahnhof im Quartier des 11Freunde-Magazins. Nach dem Spiel warf mir ein 11Freunde-Gast einen China-Böller vor die Füße, danach gab es einen widerlichen Knall.

„Warum machst du das?“, fragte ich.

„Schland!!“, schrie er mich an.

„Ach so“, antwortete ich. (Unfassbar, so ein Superböller explodiert mit einer Lautstärke von 120 Dezibel, ein deutsches Kaninchen fällt dabei tot um!)

Am Abend sah ich dann in der ARD „Waldis EM-Club“ aus einem Studio mit 2000 Leuten, die genauso aussahen wie die Menschen bei 11Freunde. Sie grölten ständig dazwischen, so dass auch die Studiogäste in ihren Aussagen immer lauter, böllernder und schlandmäßiger wurden, damit sie von den Schlandmenschen nicht ausgepfiffen wurden.

Am nächsten Tag beobachtete ich vom Balkon aus, wie ein Mann an seinem Auto arbeitete. Er hatte schon zwei Fahnen hinten, aber jetzt kniete er vor seinem Automobil und hielt eine Deutschlandfolie anpassend vor seinen Tankdeckel. Dann klebte er akribisch die Folie auf den Deckel, wobei er ein kleines Stück seiner gepressten Zunge seitlich herausstreckte, so wie man es manchmal bei Menschen beobachtet, die ein Höchstmaß an Konzentration mit einer Form von herausgepresster Lust verbinden. Die Tatsache, dass die Folie offenbar genau auf den Tankdeckel passte, schien den Mann zu ergötzen.

Diese gepresste Freude mit der wurstartigen Zunge und der Deutschlandtankdeckelfolie war plötzlich für mich zum Symbol dieser Schlandwochen geworden, die man als fußballliebender Purist vermutlich in Zukunft weit weit weg verbringen müsste.

Gepresste Freude, so eine gepresste, angestrengte Schland-Freude oder Schland-Sitte, das war es, was sich mehr und mehr ausbreitete. Die zu entdeckende Freude an einer neuen deutschen Spielkultur unter Jürgen Klinsmann und Jogi Löw von 2006 mit einem völlig anders aussehenden Team, diese Freude hatte sich mit den Jahren in ein irgendwie mechanisch wirkendes Schlandtum verzerrt, das mich eben an die Zeiten unter Berti Vogts oder Rüdi Völler erinnerte, in denen die Spieler Kohler, Schneider, Bierhoff, Ballack, Babbel, Böhme, Hamann oder Ziege hießen und man immer noch von deutschen Tugenden sprach, die die Deutschen 2002 ins Finale von Yokohama gegen Brasilien brachten, wo dann ausgerechnet Kahn, der Titan, mein erster Gast am Pool, versagte, nachdem er sonst alles gehalten hatte.

Ich weiß noch, dass ich während der EM 2016 in Frankreich die Termine meiner Frau in der Ausländerbehörde immer auf Tage der Schlandspiele legte.

In Haus C, Abteilung Z7, im Warteraum C64 mit festgeschraubten Eisenstühlen starrten Afrikaner, Asiaten, Amerikaner und weitere Menschen aus Ozeanien auf eine Anzeigetafel neben dem Nummernautomaten, und ich war mir immer sicher, dass die Ausländerbehörde der einzige Ort in Berlin war, an dem man keine Schlandfahnen sah, keine Schlandtrikots und keine Schlandbacken. Garantiert hatte hier auch keiner Schlandböller dabei oder einen Schlandautospiegel.

─── III ───

Und wo werde ich nun die WM 2018 verbringen an jenen Tagen, an denen Deutschland spielt? 2006 saß kein einziger der AfD im Bundestag, es gab die Partei gar nicht, aber heute ist sie die stärkste Oppositionspartei mit 92 Sitzen und die Form und Inhalte ihrer Reden und oft ruppigen Einwürfe erinnern mich jetzt immer mehr an diesen Schland-Böller vor meinen Füßen im Quartier der 11Freunde. Und nun finden wir also die Böller, Brüller und die deutschen Parolen nicht nur auf den Marktplätzen, sondern auch im Bundestag. Natürlich, das sind keine Naziparolen, und nicht jeder, der AfD wählt, ist automatisch ein Rechtsradikaler – und ich finde sogar, dass man die Ängste dieser AfD-Wähler sehr ernst nehmen sollte – aber was bedeutet diese Spaltung der Gesellschaft für meine alte patriotische Identifikation mit Fußballdeutschland? Wie unterscheide ich meine Identifikation der Lust und der Freude am deutschen Spiel von jener der Deutschland schreienden Identifikation aus dem Gefühl, überfremdet, benachteiligt, weggeschoben, nicht beachtet und ausgegrenzt zu sein? Springe ich bei deutschen Toren auf und jubele und erkläre danach, dass ich das nicht politisch meine? Absurd, ja, aber darüber beginnt man ja schon nachzudenken, so sehr setzt einem schon dieses nationale Gerede zu. Und wie verhalte ich mich, wenn die, die jetzt deutsche Traumpässe bejubeln, eigentlich damit meinen, dass Deutschland den Deutschen gehöre und nicht mal registrieren, dass der Traumpass von Özil kam? Kurz: Was passiert nun mit meiner schönen, weichen Chiffre, Uschi Glas schwarzrotgoldene Wange zu küssen?

Von Moritz Rinke

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Oliver Kahn: Weiter. Immer noch weiter.

Oliver Kahn hat in seinem Leben fast nur gewonnen. Und dennoch prägte eine Niederlage das Leben des einstigen Welttorhüters. Wie der „Titan“ mit Rückschlägen umgeht und warum Siege nicht über Glück und Unglück entscheiden, erzählt er im Interview mit Socrates.

Oliver Kahn, kennen Sie einen Sportler, der noch nie verloren hat?

So ein Sportler ist mir absolut unbekannt. Ich fasse es noch weiter: Ein Mensch, der immer nur gewinnt – den gibt es nicht. Und im Hochleistungssport schon gar nicht, weil dort die Leistungsdichte viel zu groß ist.

Das Interview erschien in der 5. Ausgabe

Das Interview erschien in der 5. Ausgabe

Warum beschäftigen sich Sportler so ungern mit Niederlagen, wenn diese so alltäglich sind?

Niederlagen wirken zunächst stark negativ auf das eigene Selbstvertrauen. Wenn ich beispielsweise an die Niederlage 1999 denke, als wir mit Bayern gegen Manchester United das Champions-League-Finale in zwei von drei Minuten Nachspielzeit verloren haben, war das zunächst ein absolut niederschmetterndes Ereignis. Es hat eine Zeit gedauert, bis ich mich davon vollständig erholt hatte. Ich musste erst einmal mit vielen negativen Gefühlen umgehen, die da auf mich einstürzten. Nach so einem Erlebnis war ich nicht fähig, sofort einen Strich drunter zu machen und zu sagen: „Okay, haken wir ab, weiter geht’s.“ Da kommen auch Gefühle wie Zorn und Unsicherheit auf. Es schwirren Fragen im Kopf herum: Was habe ich zu der Niederlage beigetragen, was hätte ich besser machen können? Das musste ich alles verarbeiten – und es dann im besten Fall irgendwann in Energie verwandeln. Aber das braucht Zeit. Das sind sehr schmerzhafte und teilweise auch langwierige Prozesse. Und deshalb kann ich mir sehr gut vorstellen, dass die meisten Sportler sich ungern mit Niederlagen beschäftigen, weil sie genau wissen, wie zerstörerisch diese wirken können.

Niederlagen sind also keinesfalls förderlich?

Der Glaube, dass wir aus Niederlagen ganz besonders viel lernen, ist ein Irrtum. Es ist mittlerweile bekannt, dass wir ganz besonders aus unseren Erfolgen lernen und nicht aus unseren Rückschlägen. Erfolg nährt nun mal den Erfolg. Sinnvoll ist es auch, sich an den Erfolgen Anderer zu orientieren und daraus für sich die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ich habe das in meiner Jugendzeit öfter gemacht.

Wer diente Ihnen zur Orientierung?

Als ich noch in den Jugendmannschaften des Karlsruher SC gespielt habe, war der damalige Nationaltorwart Toni Schumacher ein sportliches Vorbild für mich. Aber auch Boris Becker und Steffi Graf. Sie haben die Mentalität verkörpert, mit ihrem Talent und ihrer Willenskraft schier Unmögliches möglich zu machen. Sie haben Matches gedreht, womit kein Mensch mehr gerechnet hatte. Aber sie haben auch Niederlagen erlitten, die schmerzlich waren – auch für einen als Zuschauer. Aber sie haben weitergemacht und hatten dann schon Wochen oder Monate später wieder die Möglichkeit, große Finals zu gewinnen. Das hat mich geprägt. Idealerweise sucht man sich solche Erfolgsbeispiele und versucht aus diesen zu lernen.

Der Lerneffekt aus Niederlagen bleibt aus?

Überspitzt formuliert lerne ich aus Fehlern höchstens, wie ich etwas nicht machen soll. Ich kenne keine fundierten Fakten, die eindeutig belegen, dass es Teams gelungen ist, aus ihren Rückschlägen so viel abzuleiten, dass sie hinterher erfolgreicher waren als vorher. Was hätte ich für mich persönlich aus der Niederlage beim WM Finale 2002 lernen sollen? Dass ich beim nächsten Mal den Ball von Rivaldo festhalte? Das ist ja eine bahnbrechende Erkenntnis. Ich will damit sagen, dass erfolgreiche Teams oder Menschen sich nur bis zu einem gewissen Maß mit dem Negativen auseinandersetzen. Aber dann geht es darum, schnellstmöglich zu versuchen, diesen Fehler, das Scheitern oder die Niederlage zu korrigieren. Hemingway hat es in seinem Heldenepos „Der alte Mann und das Meer“ sehr archaisch ausgedrückt: „Der Mensch kann zerstört werden, aber er darf nicht aufgeben“.

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Schlagen wir nochmal das Kapitel WM-Finale 2002 auf. Wie haben Sie Ihren Fehler verarbeitet?

Die Torwartposition ist gerade dazu prädestiniert, dass Fehler passieren. Dennoch: Als Fußballer bin ich Mannschaftssportler und stehe nicht alleine auf dem Platz. Natürlich war das eine unglückliche Situation. Natürlich hat diese dazu geführt, dass wir 0:1 in Rückstand geraten sind. Genauso hätten wir aber danach noch drei Tore schießen können. Niemand muss die Schuld für einen Fehler auf sich nehmen. Es reicht, die Verantwortung für ein Missgeschick zu übernehmen. Heute spielt dieses Finale in meinem Leben kaum noch eine Rolle.

Wie meinen Sie das?

Klar, wäre ich gerne auch noch Weltmeister geworden. Die Zeit war wunderbar mit vielen Emotionen. Der Fußball war aber lediglich ein Zeitabschnitt. Diese Zeit ist schon lange vorbei und es geht weiter. Bei meinen heutigen unternehmerischen Aktivitäten stehe ich vor ganz anderen Herausforderungen. Hier helfen mir sportliche Erfolge aus der Vergangenheit nur bedingt. Aber so eine Erkenntnis muss reifen.

Das kann auch sehr lange dauern.

Peter Schmeichel und ich haben uns darüber mal unterhalten. Er hat ja eine ähnliche Karriere wie ich gemacht. Er hat gesagt, bei ihm habe die Verarbeitung seiner Karriere fast zehn Jahre gedauert. Was mich betrifft, würde ich dem nicht ganz zustimmen. Das kann auch schneller gehen. Aber es dauert, sich nach zwanzig Jahren als Profi emotional vom Fußball zu lösen und neue Herausforderungen anzunehmen.

Können junge Talente überhaupt von Ihrer großen Erfahrung lernen? Oder müssen sie diese Erfahrungen selbst machen?

Grundsätzlich sollten wir jeden seine Erfahrungen selber machen lassen. Ich spüre bei unserer Stiftungsarbeit oder bei Goalplay, dass bei jungen Menschen ein großes Interesse an dem Thema Erfolg besteht. Es gibt ja durchaus unterschiedliche Auffassungen, was Erfolg überhaupt ist.

Wie haben Sie Erfolg wahrgenommen?

Ich durfte mit vielen großen Spielern viele Titel gewinnen. Champions-League-Sieger, Deutscher Meister, Pokalsieger und Welttorhüter. Das waren alles große Ziele von mir, für deren Erreichen ich zu allem bereit war. Aber als ich das jeweilige Ziel erreicht hatte, spürte ich häufig auch ein Gefühl von Ernüchterung in mir: So auf die Art: Und was kommt jetzt? Diese Hatz von Ziel zu Ziel, um möglichst viele Titel auf der Autogrammkarte zu haben, ist letztendlich nicht alles. Leider bemerken wir meistens erst hinterher, dass es vor allem die vielen Erlebnisse, also der Weg zum Erfolg ist, der am spannendsten ist. Wenn ich heute an die Zeit zwischen 1999, verlorenes Champions-League-Finale, und 2001, gewonnenes Champions-League-Finale, denke, muss ich sagen: Ich erinnere mich weniger an die Pokalübergabe. Aber ich erinnere mich an diesen langen Weg zum Triumph in vielen Details. Erfolg, der nur auf Zielerreichung basiert, wird schnell schal.

Wie treten Sie als Führungspersönlichkeit jungen Talenten heute gegenüber – als harter Hund oder bester Freund?

Weder noch. In der Oliver Kahn Stiftung ist es unser Ziel, jungen Menschen Perspektiven zu schaffen. Das bedeutet, dass wir sie stark machen, ihre Potentiale erkennen und diese dann individuell entwickeln. Das kann ich nur, wenn ich mich mit den Stärken und Schwächen der Menschen beschäftige und auseinandersetze. „Stark machen“, das ist nicht nur meine Vorstellung vom Umgang mit jungen Menschen, sondern auch meine Vorstellung von Führung. Ein Beispiel.

Bitte.

Ich höre oft: In einer Mannschaft sollten alle gleichbehandelt werden. Ein Team besteht aber aus Individualisten, die ihre Freiräume brauchen. Es besteht aus Teamplayern, die oft unauffällig agieren, aber enorm wichtige Dienste für eine Mannschaft leisten. Und es gibt Führungsspieler, die Spaß daran haben, die Verantwortung zu bekommen und zu übernehmen. Die Qualität des Zusammenspiels eines Teams ergibt sich vor allem aus der Unterschiedlichkeit ihrer Charaktere. Deshalb macht es auch Sinn, diese Spielertypen unterschiedlich zu behandeln, um sie wirklich weiterzubringen und stärker zu machen.

Beim Stichwort „stark machen“ denkt man an strategische Arbeit und Ausrichtung. Wie reizvoll ist der Sportvorstands-Posten beim FC Bayern oder einem anderen Verein für Sie?

Natürlich lockt dieses Geschäft immer mal wieder. Aber ich verspüre große Lust, meine eigenen unternehmerischen Aktivitäten weiterzuentwickeln. Zudem habe ich meinen ZDF Vertrag bis zur Weltmeisterschaft 2018 als Experte verlängert. Deshalb denke ich im Moment nicht darüber nach, wieder in das Fußballgeschäft einzusteigen.

Bayern-Fans dürfen sich auch keine Hoffnung auf Oliver Kahn in einer repräsentativen Funktion machen?

Durch eine Funktion beim FC Bayern, wie sie ja jetzt Giovane Elber, Mark van Bommel und Hasan Salihamidžić übernommen haben, wäre meine Rolle als ZDF-Experte nicht mehr glaubwürdig. Die Spiele des FC Bayern kritisch zu begleiten und gleichzeitig beim FC Bayern einer Tätigkeit nachzugehen, ist nicht miteinander vereinbar. Mehmet Scholl hat die Problematik als Bayern-Amateurtrainer und TV-Experte erlebt. Unter dem Strich ist das eine Frage der Glaubwürdigkeit. Deshalb musste Mehmet irgendwann eine Entscheidung treffen.

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Gilt Ihr „weiter, immer weiter“ für Sie persönlich weiterhin?

„Weiter, immer weiter“ – natürlich gilt das noch. Aber als Spieler hatte diese Aussage eine andere Bedeutung als heute. Da wurde ich konfrontiert mit sportlichen Niederlagen, mit Momenten, in denen es nicht läuft. Da hatte das „weiter, immer weiter“ einen kämpferischen Charakter. Aber ich lebe mein Leben heute nicht mehr mit den alten Mantras, die zu meiner aktiven Fußballzeit ihre Gültigkeit hatten. Mittlerweile begreife ich „weiter, immer weiter“ als Motto für Weiterentwicklung. Für mich formuliert es eine Bereitschaft, die eigenen Komfortzonen immer mal wieder zu verlassen, um die eigenen Grenzen zu überwinden.

Muss der FC Bayern in Zukunft möglicherweise auch mal die eigene Komfortzone verlassen, um weiterhin die Liga zu dominieren?

Der FC Bayern ist seinen Stakeholdern und seinen Anhängern zum ständigen Erfolg verpflichtet. Die handelnden Personen können sich daher ohnehin nie auf dem Erreichten auszuruhen. Die Dominanz, die sich dieser Verein erarbeitet hat, ist eine Folge exzellenter Arbeit in allen Bereichen. Ein Ende der nationalen Dominanz kann ich nicht erkennen. Da müssten schon fatale Fehler gemacht werden.

Trotzdem muss nach und nach ein Umbruch in der Kaderstruktur gelingen. Geht das mit dieser immensen Erwartungshaltung problemlos?

Selbst bei größeren Veränderungen in der Kaderstruktur und einer etwas schwächeren Übergangsphase ist die Qualität der Spieler immer noch hoch genug, um national um Platz eins mitzuspielen. Wenn der Klub einmal Zweiter oder Dritter in der Bundesliga werden sollte, wäre das kein Problem, da die Einnahmen aus der Champions League – und um diese geht es letztendlich – weiterhin fließen würden. Ich sehe ein Problem eher woanders.

Wo?

Es wird auch für Bayern München eine große Herausforderung, den Robben oder den Ribéry der Zukunft zu bekommen. Wenn die Engländer oder Spanier ihre Schatullen in den kommenden Jahren richtig aufmachen, wird die spannende Frage sein: Wie weit ist der FC Bayern bereit, da mitzugehen? Im Krieg um die besten Spieler werden enorme Summen aufgewendet werden müssen. Die Marke von 150 Millionen Euro für einen Spieler wird bald fallen.

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Kann man ansonsten auch als Fernsehexperte ein Spiel verlieren?

Nach dem Halbfinal-Aus bei der EM 2012 gegen Italien verlor die deutsche Nationalmannschaft auch ihr erstes Freundschaftsspiel im August gegen Argentinien mit 3:1. Damals hatte mir nicht gefallen, wie die Mannschaft auf diese Niederlage gegen Argentinien reagierte. Es schien den Spielern egal zu sein. Ich hätte mir mehr Unzufriedenheit bei den Spielern in den anschließenden Interviews gewünscht. Daraus wurde dann eine dieser unsäglichen „Typen-Diskussionen“ gemacht.

Da werden Sie doch immer als positives Beispiel genannt.

Es gibt heute genauso viele interessante Typen, wie sie es zu meiner Zeit gegeben hat. Wer als ehemaliger Spieler mehr Typen fordert, was auch immer damit eigentlich gemeint sein soll, setzt sich immer dem Verdacht aus, mit einem Finger auf sich selbst zu zeigen. Nach dem Motto: Wir brauchen mehr Typen, so wie ich einer war. Mein erster Trainer, Winnie Schäfer, hat von mir verlangt, frech, präsent, lautstark und positiv aggressiv zu sein. Er sagte immer: „Die Spieler müssen wissen, dass du da bist.“ Die heutige Generation von Fußballern hat in den Jugendleistungszentren eine ganz andere Erziehung genossen. Deshalb sind Vergleiche zwischen unterschiedlichen Generationen selten zielführend.

Interview: Felix Seidel

(Das Interview erschien in der 5. Ausgabe von Socrates im März 2017)

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Die WM-Helden der Nationalspieler

Es ist der Traum vieler Menschen: Fußballprofi werden. Schafft man es dann noch zu einer Weltmeisterschaft, ist das Maximum eigentlich schon erreicht. Deutschlands Nationalspieler verwirklichten diesen Traum, sie sind ganz oben angelangt. Wen sie als Jugendliche bei Weltmeisterschaften besonders als Idole sahen, bevor sie selbst zu Stars wurden, verraten Mesut Özil, Mats Hummels und Co. bei SOCRATES.

Nicht alle haben es zur WM geschafft, doch Nationalspieler sind die zehn Spieler, die SOCRATES vor der WM befragt, alle geworden. Thomas Müller und Co. waren einst selbst Fans – und das auch von ihren Idolen. Wer diese waren, erfährt ihr hier…

Klicken Sie auf die Galerie und lesen Sie, wer die WM-Helden der Nationalspieler sind.

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Das Sonderheft zur FIFA WM 2018 bietet alle Informationen rund um die deutsche Nationalmannschaft. Was sind die neuen Wege, die Joachim Löw für die Titelverteidigung, bestrebt? Was sagt Deutschlands neue Stürmerhoffnung Timo Werner über sein Dasein als Stürmer Nummer 1 bei der WM?

Und außerdem gibt es für alle SOCRATES-Leser einen WM-Spielplan sowie eine hochwertige DFB-Illustration gratis dazu. Nun gibt es die Möglichkeit, den Spielplan auch online zu bekommen. Klicken Sie auf den Download-Link und wappnen Sie sich mit dem Socrates-WM-Spielplan für die Spiele in Russland.

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Jerome Boateng: „Mein Körper ist noch zu mehr fähig“

Jerome Boateng hat sich in den letzten Jahren zu einem der besten Abwehrspieler der Welt entwickelt. Im Interview mit SOCRATES sprach der Innenverteidiger des FC Bayern München über die Faszination von Duellen, eine wichtige Rote Karte und über Wechselgedanken.

Können Sie sich an Ihren ersten großen Konkurrenten im Fußballverein erinnern?

Ja, schon. Marcel Prestel. Wir waren gut befreundet. Er hat damals in der Jugend bei Hertha BSC die gleiche Position gespielt wie ich. Marcel war ebenfalls ein echt starker Spieler des 88er Jahrgangs.

Der Artikel erschien in der 19. Ausgabe

Der Artikel erschien in der 19. Ausgabe

Warum haben Sie im Gegensatz zu ihm den Sprung zu den Profis geschafft?

Das hatte verschiedene Gründe. Marcel hatte irgendwann nicht mehr so Lust auf Fußball. Dazu kamen private Schwierigkeiten. In seiner Familie sind wichtige Personen gestorben. Das stimmt einen nachdenklich, da verlagern sich Prioritäten und Denkweisen. Und dann verändern sich auch Wege.

Entscheidet das Leben mehr über die Karriere als das Talent?

Es kommen viele Aspekte zusammen. Manchmal ist es wichtig, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Es gehört aber auch Glück dazu. Wenn Kapitän Arne Friedrich sich 2006 nicht verletzt hätte, hätte ich vielleicht nie die Chance bekommen, bei Hertha durchzustarten und in den Fokus zu rücken. Vielleicht hätte es länger gedauert, vielleicht wäre ich einen anderen Weg gegangen. Wer weiß das schon? Nichtsdestotrotz: Ohne Talent und Disziplin hätte ich die sich durchs Leben auftuende Chance nicht nutzen können. Wenn du die Chance kriegst, musst du sie nutzen.

Mittlerweile zählen Sie zu den Größten Ihres Sports. Nicht nur fußballerisch, sondern auch körperlich mit Ihren 1,93 Meter. Ragten Sie schon immer heraus?

Körperlich schon. Ich zählte immer zu den Größten in meinen Teams, ohne dass ich so groß war, dass ich mir ständig dumme Sprüche anhören musste. Darüber bin ich rückblickend ganz froh. Ich bin einfach schnell gewachsen, weshalb ich eine zeitlang anhaltende Knie- und Rückenprobleme hatte. Einerseits war das nicht leicht. Andererseits war diese Erfahrung für mich wertvoll.

Inwiefern?

Weil ich früh verstanden habe, dass ich meinen Körper pflegen, möglichen Verletzungen vorbeugen muss. Ich habe da begonnen, präventiv zu arbeiten, vor allem spezielle Übungen für den Rücken zu machen. Das zahlte sich aus und hat mir gezeigt: Man kann an allen Schwachstellen arbeiten – nicht nur an fußballerischen Schwächen.

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Fußball-Legende Paul Breitner sagte in der zweiten SOCRATES-Ausgabe: „Wir geben unseren dreijährigen Kindern keinen Tennis-Schläger in die Hand, legen ihnen keinen Fußball in die Wiege oder keine Laufschuhe, damit sie Spaß haben. Wir tun das, damit sie lernen, früh genug zu gewinnen.“ Stand für Sie als Kind auch bereits das Gewinnen im Vordergrund?

Spaß gehörte natürlich dazu. Aber das Gewinnen hatte sehr früh Priorität, ja. Ich mag es nicht zu verlieren. Ich war ein richtig schlechter Verlierer. Und bin es immer noch, auch wenn ich damit besser umgehen kann als früher.

Sie sind mit den Jahren ein besserer Verlierer geworden?

Das musst du mit der Zeit. Niederlagen gehören im Sport dazu, damit musst du umgehen – ob du willst oder nicht. Und im Fußball bist du ja nicht alleine. Du hast Mitspieler, bist Teil eines Teams. Ich habe früher auch leidenschaftlich Tennis gespielt und musste mich dann im Alter von 14 Jahren entscheiden, ob ich den Tennis- oder Fußballsport weiterverfolgen möchte. Meine Entscheidung fiel für den Fußball aus, weil da Kollegen Fehler von mir wieder ausbügeln konnten. Im Tennis hatte jeder Fehler von mir eine Endgültigkeit. Damit konnte ich damals nicht vernünftig umgehen – da war ich einfach noch zu emotional.

Ihr Weltmeister-Kollege Per Mertesacker äußerte jüngst, dass es Phasen gab, in denen er Angst vor Fehlern hatte. Er sprach von einem Horrorszenario. Ist es als Abwehrspieler schwerer, Fußballprofi zu sein?

Eines ist klar: Wenn du als Abwehrspieler einen Fehler machst, kann sich dieser oftmals schlimmer auswirken, als wenn du als Stürmer beispielsweise eine Torchance vergibst. Fehler werden hinten meistens bestraft, du wirst dann schnell als alleiniger Schuldiger ausgemacht und auch öffentlich für konkrete Handlungen kritisiert. Aber das ist das Spiel. Das weiß man als Fußballprofi. Und glauben Sie mir: Auch Stürmer haben Druck. Druck ist immer da. Für jeden.

Wie haben Sie gelernt, mit Druck umzugehen?

Du gewöhnst dich daran. Es war ja keineswegs so, dass ich zum Anfang meiner Karriere in ein ausverkauftes Stadion eingelaufen bin und mir dachte: ‚Ah cool, viele Leute hier, das macht dir nichts aus, du spielst dein Spiel locker runter.‘ Nein, so war das nicht. Erstes Mal Nationalmannschaft, erstes Mal Champions League, erstes Mal WM. Natürlich habe ich da Druck gespürt, natürlich war ich da nervös. Aber mir ist es immer ganz gut gelungen, diese Nervosität mit dem Anstoß in positive Energie umzuwandeln, sodass es mir im Spiel wirklich Spaß gemacht hat. Heute bin ich teilweise immer noch nervös, aber einfach anders, vielleicht kontrollierter nervös. Weil ich einfach weiß, was auf mich zukommt.

Nochmal konkret: Hemmt oder pusht Sie Druck?

Früher hat Druck bewirkt, dass ich gelegentlich verkrampft habe. Heute ist eher das Gegenteil der Fall, da pusht mich der Druck. Ich freue mich auf jedes Event, ganz besonders auf die ganz großen Spiele. Ich nehme Druck mittlerweile als ein positives Kribbeln wahr, das ich Vorfreude nenne. Aber klar, trotz eines guten Gefühls kann im Spiel auch mal was schiefgehen, das habe ich ja alles schon erlebt. Aber davon lasse ich mich nicht mehr unterkriegen.

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Sie sind wie Per Mertesacker jemand, der Fehlentwicklungen oder Kritik sehr offen anspricht. Wann kam bei Ihnen der Punkt, an dem Sie vom eher lautlosen Abwehrmann zum lautstarken Anführer wurden?

Diesen einen Punkt gibt es nicht. Das ist eine Entwicklung über Jahre. Ich kann mich nicht nach meinem ersten Länderspiel hinstellen und sagen: ‚So geht das nicht, Freunde.‘ Diese Rolle musst du dir erarbeiten. Zunächst auf dem Platz mit kontinuierlich guten Leistungen, dann aber auch menschlich. Du benötigst ein gutes Standing im Team, um Gehör bei den Mitspielern zu finden. Ich bin keiner, der sich aufdrängt und sein Gesicht überall zeigen muss. Und dennoch habe ich mich ganz bewusst dafür entschieden, Verantwortung anzunehmen und aufgrund meiner Erfahrung auch eine sportliche Führungsperson zu sein – sowohl in der Nationalmannschaft als auch im Verein. Und dann kann und muss ich mich äußern. Mir ist nur wichtig zu untermauern, dass ich Kritik niemals nur um der Kritik willen ausspreche, sondern dass ich stets etwas verbessern möchte. Zudem will ich damit verhindern, dass man in einen Trott reinkommt.

Stellen junge, aufstrebende Spieler zu früh Führungsansprüche?

Das nehme ich schon gelegentlich wahr, ja. Aber am Ende des Tages schadet so ein Verhalten dem jeweiligen Spieler selbst. Du kannst noch so gut sein: Wer den Mund zu voll nimmt, fällt am Ende meistens hart. Weil kaum ein etablierter Spieler bereit sein wird, dich aufzufangen.

Wie ist das bei Ihnen: Wenn Sie beim FC Bayern merken, dass da ein Talent verbal ziemlich forsch agiert, lassen Sie das Geschehen dann laufen und warten ab, was passiert?

Nee, den Jungen nehme ich zur Seite. Dem würde ich unter vier Augen schon deutlich etwas sagen. Einmal, vielleicht zweimal, aber dann ist auch Schluss. Wenn er es dann nicht begreift oder nicht empfänglich für Worte erfahrenerer Spieler ist, muss er selbst schauen, wie er mit seiner Art durchkommt. Wir betreiben einen Mannschaftssport, und dennoch muss am Ende jeder selbst über seinen Weg entscheiden.

Mussten Sie auf Ihrem Weg viel kämpfen, um Ihren heutigen Status zu erreichen?

Auch das war eine Entwicklung. Bei mir ist nicht alles von Anfang an perfekt gelaufen. Der FC Bayern war bei meinem Wechsel 2011 ein großer Schritt für mich – der größtmögliche in Deutschland. Die Erwartungshaltung war komplett anders und neu für mich. Jeder Fehler wurde öffentlich wahrgenommen und bewertet. Aber auch das hat mir gutgetan. Ich bin dadurch noch fokussierter geworden.

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Erinnern Sie sich noch an die Reaktionen auf Ihre Rote Karte im Champions-League-Spiel mit dem FC Bayern gegen Bate Borisov 2012?

Oh ja! Da dachte ich mir damals schon: ‚Hoppla! Was ist denn hier los?‘ Über die Härte der Kritik von allen Seiten war ich überrascht. Im Nachhinein steht für mich fest: Diese Situation war ein entscheidender turning point in meiner Karriere. Ich habe mir danach gesagt: ‚Jérôme, jetzt erst recht.‘

Erst recht was?

Jetzt packst du die Herausforderung erst recht. Das Duell gegen mich selbst bin ich danach noch härter angegangen. Das ermöglichte mir anschließend, auch die Duelle um einen Stammplatz in der Mannschaft zu gewinnen. Denn nach besagter Roten Karte habe ich eine zeitlang nicht mehr von Anfang an gespielt, weil ich ja in der Champions League gesperrt war und der Trainer wollte, dass sich die Mannschaft für die entscheidenden Spiele einspielt. Daniel van Buyten spielte an meiner Stelle, bis ich mir meinen Platz zurückerkämpfte.

Sind Duelle gegen sich selbst schwieriger als gegen andere?

Auf jeden Fall. Erstmal musst du selbst erkennen, dass es mit dir zu tun hat. Dass du der erste bist, der es ändern kann. Es ist wesentlich leichter, auf deine Konkurrenten zu schauen als auf dich selbst.

Was fasziniert Sie an Duellen im Sport?

Ich empfinde sportliche Duelle als unglaublich bereichernd und förderlich: Weil man sich durch den gewollten Wettbewerb gegenseitig zu Höchstleistungen pushen kann. Man kann es schon so deuten, dass der Fußball der moderne Gladiatorenkampf ist. Da kommen zwei Gegner in eine ausverkaufte Arena, um sich zu bekämpfen. Heute zum Glück wesentlich friedlicher als früher.

Jedoch auch wesentlich öffentlicher.

Was sicher seine Vor-, aber auch Nachteile hat. Ich möchte hier keine Medienschelte betreiben, aber auch nicht lügen. Ganz ehrlich: Ich weiß manchmal wirklich nicht, wer da bei gewissen Zeitungen benotet. Ob da wirklich jeder Sportjournalist erkennt, ob es einem Abwehrspieler im Aufbau unter Druck gelingt, die Bälle in der Eröffnung in die Zwischenräume zu spielen. Ich will das gar nicht bewerten, einfach nur in Frage stellen. Generell gibt es aber etwas, was mich tatsächlich stört.

Was denn?

Wenn wir als Mannschaft gut spielen, die Stürmer die Tore schießen und die Abwehrspieler gut verteidigen, werden die Verteidiger in der öffentlichen Wahrnehmung anschließend ignoriert. Verlieren wir jedoch und haben die Stürmer keine Tore geschossen, werden nach einem Spiel die Verteidiger gefragt und müssen sich rechtfertigen. Das passt nicht zusammen.

Sie fordern öfter die Note 1 für Abwehrspieler?

Ich fordere gar nichts. Es ist gelegentlich ja auch schwierig zu beurteilen. Spielen wir gegen eine Mannschaft, indem wir die ganze Zeit drücken, drücken, drücken und hinten so gut wie nichts zu tun haben, kannst du dich als Abwehrspieler auch nicht auszeichnen. Dass dann hinten die Null steht, ist dennoch gut, denn es kann immer mal einer durchrutschen. Aber dafür die Note 1? Nein, die will ich auch gar nicht.

Aber Sie verlangen Respekt.

Ich denke, Respekt ist allgemein wichtig. Jeder Person und auch jeder Position gegenüber. Das versuche ich auch, bei der Erziehung meinen siebenjährigen Zwillingstöchtern zu vermitteln. Mir ist klar, dass die Stürmer und Mittelfeldspieler generell mehr im Fokus stehen. Damit habe ich auch kein Problem. Aber wenn man sich im Fußball auskennt, kann man erkennen, ob ein Abwehrspieler eine starke Leistung bringt, selbst wenn ein Stürmer in diesem Spiel zwei Tore erzielt. Man sollte es dann nur nicht vergessen.

Wo finde ich Socrates?

Ihre Nationalspieler-Kollegen Jonathan Tah oder Antonio Rüdiger nehmen Ihre Leistungen sehr genau wahr und nennen Ihren Namen, wenn sie nach ihren Vorbildern gefragt werden. Macht Sie das stolz?

Das ist schön zu hören. Ich bin ja selbst stolz auf meine Entwicklung. Und es freut mich, wenn jüngere Spieler sich an mir orientieren und ich ihnen einen für sich selbst erstrebenswerten Weg aufzeigen kann. Ich verstehe mich übrigens mit beiden Spielern sehr gut.

Dennoch sind beide Spieler letztendlich Konkurrenten von Ihnen.

Ohne Zweifel: Auch die beiden möchten am liebsten immer in der Nationalmannschaft spielen. Aber sie respektieren meine Leistung genauso, wie ich ihre respektiere. Und sollte jemand von ihnen oder ein anderer besser sein, muss ich es respektieren und selbst daran arbeiten, dass ich wieder an meinem Konkurrenten vorbeiziehe. So wie damals nach der Roten Karte gegen Borisov.

Nach der Sie beim FC Bayern alle wichtigen Duelle und alle großen Vereinstitel gewonnen haben. Im September werden Sie nun 30 Jahre alt. Kann irgendwann der Punkt eintreten, an dem Sie sagen: Ich benötige noch mal neue Duelle, weil ich sie in München alle gespielt habe?

Es stimmt: Ich habe beim FC Bayern alles erlebt. Jeden Wettbewerb, der im Vereinsfußball zu gewinnen ist, haben wir gewonnen. Und ja, die Zeit eines Fußballers ist begrenzt. Zehn Jahre werden es bei mir leider nicht mehr sein, da brauche ich mir nichts vorzumachen. Dennoch bin ich überzeugt, dass mein Körper zu noch mehr fähig ist, dass ich mich fußballerisch noch weiter steigern und noch einige Jahre auf höchstem Niveau agieren kann. Und so komme ich langsam an den Punkt, an dem ich gewisse Fragen für mich beantworten muss: Was sind meine noch nicht erreichten Ziele? Möchte ich mich immer wieder beim gleichen Klub mit den gleichen Voraussetzungen beweisen? Das hat wenig mit dem Wohlbefinden an einem Ort zu tun. Es geht vielmehr um die Frage der persönlichen Herausforderung. Das sind gar nicht unbedingt klassische Karrierefragen, das sind Lebensfragen. Ich denke, von denen kann sich keiner einfach so freimachen. Letztendlich sind es die Fragen, die einen als Menschen antreiben.

Und, haben Sie einige dieser Fragen für sich schon beantwortet?

Ich fokussiere mich immer auf bestimmte Zeitabstände. Jetzt gilt meine volle Konzentration dem FC Bayern und den entscheidenden Wochen der Saison sowie der deutschen Nationalmannschaft mit Blick auf die anstehende WM. Ich will dieses Turnier in Russland so erfolgreich wie möglich bestreiten.

Denken Sie, Sie würden bei einem anderen Verein genauso funktionieren wie beim FC Bayern?

Es gibt Spieler, die im Ausland super zurechtkommen, anderen gelingt das nicht. Es ist möglicherweise eine Typfrage, die ich für mich aktuell nicht klar beantworten kann.

Obwohl Sie ja bereits eine Auslandserfahrung gemacht haben. 2010 und 2011 spielten Sie bei Manchester City.

Meine kurze Zeit bei Manchester City lief völlig anders, als ich sie mir vorgestellt hatte – gerade auch wegen meiner zwei Knieverletzungen. Zudem spielte ich nicht auf der Position, die ich mir vorstellte. Ich war damals noch sehr jung, es fühlt sich aus heutiger Sicht ein bisschen so an wie ein anderes Zeitalter.

Dann blicken wir wieder auf die Gegenwart. Mit welcher Zielsetzung reisen Sie zur WM nach Russland?

Wenn du den Titel schon mal gewonnen hast und siehst, dass es von der Qualität deiner Mannschaft her möglich ist, dann willst du unbedingt wieder den Pokal holen. Keine Frage: Ich habe nur ein Ziel in Russland – Weltmeister werden. Aber wir haben insbesondere in den März-Länderspielen gegen Spanien und Brasilien gesehen, dass es nicht von alleine geht, dass uns nichts geschenkt wird. Wir müssen definitiv noch etwas draufpacken und besser spielen als in Brasilien. Die Mannschaften werden bei der WM 2018 noch stärker sein als bei der WM 2014.

Halten Sie Ihr Team denn für besser als vor vier Jahren?

Von der Qualität der einzelnen Spieler her, ja. Aber das heißt nicht automatisch, dass auch die Mannschaft besser ist. Die mannschaftliche Geschlossenheit spielt bei einem Turnier eine enorm große Rolle.

Entscheidet sich die WM mehr im Kopf oder in den Beinen?

Beide sind wichtig. Aber der Kopf spielt sicherlich eine sehr große Rolle.

Welche Mannschaft hat den stärksten Kopf?

Spanien. Die spielen am schlausten.

Welches Team besitzt die stärksten Beine?

Das ist eine gute Frage. Welche Mannschaft kann am besten rennen? Vielleicht die Südkoreaner oder die Mexikaner. Diese Nationen rennen in jedem Spiel quasi um ihr Leben.

Und über welche Qualität verfügt die deutsche Mannschaft?

Über eine sehr gute Mischung aus starkem Kopf und starken Beinen.

Interview: Felix Seidel und Fatih Demireli

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Lucien Favre im Exklusiv-Interview: „Pässe machen nicht den Unterschied“

Lucien Favre ist neuer Trainer von Borussia Dortmund. Der Schweizer gilt als Perfektionist, als Detailversessener. Aber eigentlich will Favre nur spielen. SOCRATES traf den Neu-Borussen im vergangenen Jahr und sprach über seine Art des Fußballs.

Lucien Favre, was mögen Sie am meisten im Fußball?

Den Ball an sich. Ich bin irgendwie in den Ball verliebt. Sobald ich einen Ball sehe, muss ich mit dem spielen. Auch noch heute – bei den Trainingseinheiten spiele ich mit dem Ball, sobald ich einen sehe. Ich jongliere ein bisschen und habe dabei viel Spaß. Für mich ist der Ball wie ein Magnet. Er zieht mich immer an.

Der Artikel erschien in Ausgabe #04

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Was hat sich Ihrer Meinung nach spielerisch in den vergangenen 10 bis 15 Jahren grundsätzlich verändert?

Nicht so viel. Was die Spielsysteme betrifft, werden sie während des Spiels angepasst. Zum Beispiel fängt man mit einem 4-3-3-System an und nach zehn Minuten wird es zu einem 3-4-3 oder einem 3-4-1-2, was vor ein paar Jahren noch nicht der Fall war, denn da hat man meistens dasselbe System neunzig Minuten beibehalten. Mittlerweile wurden alle möglichen Systeme ausprobiert. Dementsprechend ist es unmöglich, neue Systeme zu erfinden.

Wieso werden die Systeme im Vergleich zu früher so oft verändert?

Es gibt mehrere Gründe: Immer mehr Spieler können auf verschiedenen Positionen spielen, die Außenverteidiger werden zu Flügelspielern, die Flügelspieler spielen mehr in der Mitte und die Defensiv-Mittelfeldspieler agieren zwischen den zwei Innenverteidigern. Der größte Unterschied zu früher ist die Bewegung. Um den Gegner zu überraschen und zu besiegen, muss man schnell und zielstrebig nach vorne spielen. Das Spiel wird immer intensiver. In den 60er Jahren ist ein Spieler im Durchschnitt vier Kilometer gelaufen. Heute spult er zwischen 12 und 14 Kilometer ab.

Ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem die Reaktion auf eine Aktion ein Ende hat, oder dreht es sich immer weiter so wie in den letzten 70, 80 Jahren?

Im Großen und Ganzen dreht es sich wie in den 70er Jahren, nur mit dem Unterschied, dass das heutige Spiel intensiver ist. Und wenn man den Ball um den gegnerischen Strafraum verliert, wird sofort gepresst, um so schnell wie möglich den Ball zurückzuerobern. Das wird bei vielen Mannschaften praktiziert. Das war früher nicht so.

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In welchen Teilbereichen – Ausbildung, Spielerentwicklung – liegen die meisten Potenziale?

Da gibt es einige. Um das Spiel noch schneller zu machen, muss man erst einmal eine gewisse Spielintelligenz haben. Dann kommt die Technik. Um den Ansprüchen gerecht zu werden, muss man auch eine top Kondition haben. In meinen Augen liegt das größte Potenzial in der Ausbildung im technischen Bereich. Ich finde, dass in vielen Klubs in diesem Bereich nicht unbedingt gut gearbeitet wird. Zum Beispiel den Ball in Höchstgeschwindigkeit zu kontrollieren und anschließend sofort einen langen präzisen Diagonal-Ball nach vorne zu spielen, gelingt nicht jedem Spieler. Wenn man es beherrscht, wird der Gegner überfordert. So kann man das Spiel besser und schneller machen. Oder wenn man einen tollen Pass nach vorne in Höchstgeschwindigkeit spielt, um den Gegner zu überraschen, das ist ebenfalls etwas, was mir gefällt. Ein moderner Spieler sollte beidfüßig sein. Die größte Baustelle befindet sich definitiv bei der Technik. Da besteht noch viel Verbesserungsbedarf.

Ist das Dribbling nach wie vor wichtig im heutigen Spiel?

Definitiv. Man macht ja durch ein starkes Dribbling den Unterschied. Schauen Sie sich einfach einen Arjen Robben oder einen Franck Ribéry an, die das drauf haben, egal ob in Eins-gegen-Eins- oder in Eins-gegen-Zwei-Situationen. Diese Art von Spielern ist unheimlich wichtig, weil das Spiel ansonsten langweilig ist. Nur Pässe zu spielen, ist ja nicht spektakulär. Deswegen muss in der Ausbildung der Akzent aufs Dribbling weiterhin forciert werden. Ein Spieler, der zwei Gegner durch ein Dribbling eliminiert und dann einen feinen Pass spielt, das ist der Sinn des Kollektivs. Für mich ist es notwendig, Spieler in seinen Reihen zu haben, die dribbeln können, weil sie jederzeit den Unterschied machen können. Den Unterschied nur mit Pässen zu machen, ist fast unmöglich.

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Wie sieht es mit der Gegner- und Spielanalyse aus. Glauben Sie daran, dass das Spiel immer noch mehr verwissenschaftlicht oder technologisiert wird?

Es ist nicht wirklich mein Ding. Mir ist wichtig, dass das Spiel einfach bleibt. Man sollte diese Sportart nicht kompliziert machen, weil ansonsten die Zuschauer fernbleiben. Nur die Technik sorgt dafür, dass das Spiel schneller und intensiver wird. Wenn man technisch limitiert ist, kriegt man große Probleme, auf dem höchsten Niveau zu bestehen. Dafür muss man schnell antizipieren und handlungsschnell sein. Ich sehe heute noch viele Spieler, die Schwierigkeiten haben, wenn der Ball fliegt und gestoppt werden muss. Da haben viele Spieler etliche Defizite.

Sie vertrauen der Videoanalyse.

Um nichts dem Zufall zu überlassen. Das Wichtigste an den Videos ist, unser letztes Spiel im Detail zu analysieren. Da kann man viele Sachen verbessern. Danach kommt die Analyse des künftigen Gegners: Wie spielt er, was sind seine Stärken, Schwächen und so weiter. Auch wenn wir 5:0 gewinnen, gibt es immer etwas zu analysieren, um individuell und als Mannschaft nach vorne zu kommen.

Wie effektiv ist eigentlich In-Game-Coaching?

Es ist schon wichtig, aber wichtiger bleibt, was der Trainer für eine Arbeit mit seiner Mannschaft unter der Woche leistet: Welche Übungen werden gemacht, auch abhängig vom Spielstil des nächsten Gegners. Aber auch der Spieltag ist wichtig: die Motivation, die Rede in der Halbzeit. Und während der Partie sind Details ebenfalls nicht zu unterschätzen, vor allem was die Taktik betrifft. Deswegen ist das In-Game-Coaching nicht überbewertet. Man muss sich auch für die richtigen Wechsel zum richtigen Zeitpunkt entscheiden, entweder um eine Führung auszubauen oder zu verteidigen, oder um einen Rückstand aufzuholen.

Was ist für einen Trainer im Endeffekt das Wichtigste?

Dass er jeden Parameter jederzeit im Griff hat: Die Beziehung zu seinen Spielern, zu seinen Kollegen, zu seinen Verantwortlichen, zu seinen Mitarbeitern, zu den Schiedsrichtern, zur medizinischen Abteilung und zu den Medien. Man muss immer das Gefühl haben, dass man jederzeit seinen Job im Griff hat und dass man jederzeit weiß, wie man mit seinen Spielern um- geht. Der menschliche Aspekt steht über allem.

Spielt Improvisation ebenfalls eine wichtige Rolle in Ihrer täglichen Arbeit?

Ich würde eher sagen, dass die Intuition sehr wichtig ist. Improvisieren ist schwer, eher planen halte ich für wichtiger.

Haben Sie manchmal nicht den Eindruck, dass die Gefahr besteht, dass sich Ihre Spieler bei den Trainingseinheiten langweilen?

Das gehört auch zur Aufgabe des Trainers, dass er alles daransetzt, damit die Übungen genug variieren, damit man kreativ ist. Das ist in der täglichen Arbeit natürlich sehr wichtig. Auch ein Trainer muss für sich schauen, dass er jeden Tag dazu lernt, sei es im Umgang mit seinen Spielern oder ein spielerisches Element betreffend. Als Trainer muss man sich permanent hinterfragen, um nicht zu stagnieren. Sonst kann man nicht dauerhaft Erfolg haben.

Kann sich ein Trainer nach einer bestimmten Zeit langweilen?

Damit es nie langweilig wird, muss man sich die wichtigste Frage stellen: Was kann ich jeden Tag besser machen? Diese Frage stelle ich mir tagtäglich. Deswegen habe ich seit ein paar Jahren Erfolg auf höchstem Niveau und auch jeden Tag Spaß bei meiner Arbeit. Man muss auch ständig seinen Horizont erweitern, nicht nur in Europa schauen, wo ich bereits die französische, die deutsche, die englische, die portugiesische und die Schweizer Meisterschaft intensiv verfolge, und Italien ist von Nizza auch nicht weit weg, sondern auch mal Spiele oder Trainingseinheiten auf anderen Kontinenten unter die Lupe nehmen. Es gibt immer wieder was Neues zu entdecken. Ich bin immer sehr hungrig und neugierig aufs Neue.

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Als Sie Ende der 80er Jahre bei Servette Genf auf einem Zimmer mit Karl-Heinz Rummenigge waren, hatten Sie schon damals vor, irgendwann mal Trainer zu werden?

Nein, nicht wirklich. Mit Karl-Heinz habe ich viel diskutiert über die mögliche Aufstellung unseres Trainers, wie unser nächster Gegner spielen würde und so weiter. Wir waren zwar Spieler, aber wir waren bereits an vielen taktischen Dingen interessiert.

Wie fingen Sie als Trainer an?

1991, als ich 34 Jahre alt war, habe ich bereits über meine Zukunft nach der Spieler-Karriere nachgedacht. Erst habe ich Jugendmannschaften trainiert und es hat mir sofort gefallen. Das war entscheidend für den weiteren Verlauf meiner Karriere. Danach habe ich mich um ein Drittliga-Team gekümmert und so weiter. Wenn man 32, 33 Jahre alt ist, ist es sehr wichtig, dass man an seine Zukunft denkt, sonst wird es schwer. Heute dauert eine Spieler-Karriere ungefähr zehn Jahre und alles wird schneller, insofern sollte man sich unbedingt auf seine Zukunft vorbereiten, um den Zug nicht zu verpassen. Wenn man als Spieler nur auf die Karriere fokussiert ist und sich nicht schon mal umschaut und Gedanken über die eigene Zukunft macht, dann wird es schwer. Das ist ein Tipp an alle Spieler.

Wissen Sie eigentlich, wie viele Stunden Sie täglich arbeiten?

Ich zähle nicht. Für mich ist mein Job nur Spaß. Was mir am meisten gefällt, ist die Arbeit auf dem Platz. Ich würde nur zählen, wenn ich mich langweilen würde.

Brauchen Sie die tägliche Arbeit auf dem Platz oder wären Sie auch mal für einen Job als Nationaltrainer zu begeistern?

Ehrlich gesagt habe ich mir diese Frage noch nie gestellt. Ich liebe meinen Job als Vereinstrainer. Aber man weiß nie, was die Zukunft bringt.

Werden Sie bis zum allerletzten Tag Ihres Lebens arbeiten oder werden Sie irgendwann in Rente gehen?

Irgendwann werde ich aufhören, aber nicht komplett. Ohne den Ball wäre es für mich zu schwer. Dafür ist meine Liebe zum Ball zu groß.

Wenn Sie einen 28-jährigen Trainer sehen, der die Bundesliga-Spitze mit der TSG Hoffenheim neu aufmischt, wie finden Sie das?

Ich finde es toll, und die Verantwortlichen von Hoffenheim waren mutig, aber man muss als Trainer mittel- bis langfristig gute Arbeit leisten, nicht nur sechs Monate. Was Julian Nagelsmann bei der TSG Hoffenheim leistet, ist hervorragend. Er bringt frischen Wind in die Bundesliga.

Muss man ein großer Spieler gewesen sein, um ein großer Trainer zu werden?

Es gibt alle möglichen Beispiele. Arrigo Sacchi hat beim AC Mailand einen neuen Spielstil eingeführt, nachdem er keine große Karriere als Spieler hatte. Er hat ein 4-4-2-System erfunden mit einem hohen Pressing auf den Gegner. Es gibt viele solche Beispiele von Trainern, die als Spieler nicht bekannt waren und danach eine tolle Laufbahn als Trainer hatten. Es ist klar, dass ein Spieler, der eine großartige Laufbahn hatte und dann als Trainer anfängt, eine völlig andere Einstellung hat als umgekehrt. Aber diejenigen, die keine großen Spieler waren, sind nicht nur Theoretiker, sondern sie können auch Großes leisten. Sie bringen neue Ideen ein. Dabei gibt es unheimlich viele Beispiele. Wären sie nicht kompetent, würden sie nicht lange als Trainer auf höchstem Niveau überleben. Umgekehrt ist es auch so: Ein Spieler, der alles gewonnen hat, schafft es als Trainer nicht immer. Das kann man nicht voraussehen. Dass so viele Jugendtrainer momentan in der Bundesliga positiv überraschen, ist gut für den Fußball.

Gibt es selbst für Sie noch Trainer, von denen Sie sich Dinge abschauen oder die Sie sogar mal inhaltlich um Rat fragen? Oder entscheiden Sie immer alles selbst nach Erfahrung und in Absprache mit Ihrem Trainerteam?

Eigentlich treffe ich meine Entscheidungen immer zusammen mit meinem Team. Ich habe genug Erfahrung, um mich bei meinen Entscheidungen von anderen Trainern nicht beeinflussen zu lassen.

Hat Sie ein Trainer besonders inspiriert?

Der Trainer, der mich vor allem inspiriert hat, war Johan Cruyff; schon als Spieler und nachher als Trainer vom FC Barcelona. Auch Trainer wie Arsène Wenger und Christian Gourcuff bei Stade Rennes schätze ich. Wir haben einen sehr guten Kontakt. Als ich Jugend-Teams trainiert habe, habe ich meine freie Zeit genutzt, um bei diversen Trainern zu hospitieren: In der Anfangszeit von Wenger beim FC Arsenal, ich war auch zu Gast bei Raymond Goethals in Belgien, bei Ottmar Hitzfeld beim FC Bayern und vor allem 1993 bei Cruyff in Barcelona. Dort war ich zwei Wochen. Aber ich hatte bereits vorher seine Arbeit beobachtet, wie er Barça spielen ließ, wie beweglich seine Elf agierte, sei es mit oder ohne Ball, die Antizipation und so weiter. Auch Telê Santana als Nationaltrainer von Brasilien hat mich beeindruckt. Er war fantastisch.

Auch Pep Guardiola scheinen Sie zu schätzen.

Pep ist der logische Nachfolger von Johan Cruyff. 1993 bei Barça war er dort der Mittelfeld Stratege. Er war sehr intelligent. Wenn ein Spieler eine hohe Spielintelligenz hat, dann hat er gute Chancen, ein guter Trainer zu werden. Ich kann mich an die erste Stunde des Achtelfinal-Hinspiels bei Juventus Turin (2:2) im Februar 2016 erinnern, als Juve den Ball kaum sah, weil der FC Bayern ein extrem hohes Pressing gespielt hatte. Guardiola hatte auch während des Spiels sein System verändert. Als Trainer ist er einer der Besten.

Aber übertreibt er es nicht mit seinem Passspiel?

Pep legt sehr viel Wert auf den Ballbesitz, genauso wie ich. Nur Ballbesitz des Ballbesitzes wegen interessiert mich aber nicht. Beim Ballbesitz sollte es viel Bewegung geben, um zu versuchen, ein Tor zu erzielen. Ich bin ein Fan von Ballbesitz.

Interview: Alexis Menuge