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Max Ebert: Ehrlich, nachhaltig, Max

Eigentlich war er schon weg, doch dann schrieb Max Eberl bei Borussia Mönchengladbach sein eigenes Märchen. Den Heldenstatus lehnt er ab, einen Fanclub hat er trotzdem. Bei SOCRATES spricht der 43-Jährige über den Gladbacher weg.

Autor: Stefan Rommel

Herr Eberl, gibt es eigentlich den „Max Eberl Fan-Club“ noch?

Die Fahne hängt noch bei jedem Heimspiel.

Der Fanklub stammt aus Ihrer Zeit als aktiver Spieler und hatte genau zwei Mitglieder. Mittlerweile sind Sie aber längst zum Gesicht von Borussia Mön- chengladbach geworden. Wie fühlt sich das an?

Es ist ein schönes Gefühl, bedeutet aber auch verdammt viel Verantwortung. Die Wahrnehmung meiner Person hat sich sehr verändert. Früher konnte ich als Jugendkoordinator Spiele scouten und kein Mensch hat mich erkannt. Wenn ich heute bei einem Spiel war, steht am nächsten Tag die Frage im Raum, welchen Spieler Eberl denn nun gescoutet hat. Dabei ist es einfach Teil meines Jobs, Spiele zu sehen.

Sie sind seit acht Jahren als Sportdirektor für die Borussia tätig. Welche Überschrift würden Sie dieser Zeit verpassen?

„Die märchenhafte Geschichte“. Einige Dinge der letzten Jahre fühlten sich – wie im Märchen – nicht besonders real an. Wir hatten 2008 einen „normalen“ Start, konnten die Mannschaft nach dem Aufstieg in der Liga halten, danach im Mit- telfeld platzieren. Dann kam die Saison 2010/11, die sportlich in die völlig falsche Richtung gegangen ist. Wir wurden angefeindet, mussten uns erklären und ich habe mir am Ende die Frage gestellt: „Gehe ich in diesen Kampf, den ich nicht gewinnen kann? Oder kümmere ich mich lieber um die Mannschaft, weil sie das Elementare ist?”. Ich habe die Dinge dann links und rechts liegen gelassen, sie haben mich nicht mehr interessiert. Auch heute übrigens nicht: Social Media, Twitter, Facebook – alles irrelevant. Mich interessiert die Mannschaft, was läuft gut und was weniger gut, wo können wir uns verbessern? Wir waren damals gerade dabei eine neue Mannschaft aufzubauen mit Spielern aus der eigenen Jugend, mit Herrmann, Korb, ter Stegen, Younes. Dazu Talente wie Reus, Neustädter, Nordtveit und ein paar Erfahrene, wie zum Beispiel Dante, Arango, Stranzl oder Brouwers.

Und im Hintergrund wurde Politik betrieben.

Auf einmal spielten Emotionen und Traditionen eine Rolle. Man ist aber nicht irgendwelchen Lemmingen hinterhergelaufen, sondern hat sich auf die Inhalte und Programme konzentriert. Der Verein hat die Probleme dann in einer unglaublich seriösen Art und Weise gelöst, sowohl sportlich als auch strukturell. Was danach kam, ist ein reines Märchen. Der Klub war 15 Jahre quasi in der Versenkung verschwunden, war eine Fahrstuhlmannschaft und spielte dann in fünf Jahren vier Mal international, darunter zwei Mal in der Champions League.

Gab es diesen einen Wendepunkt in dieser langen Zeit?

Es gibt viele wichtige Entscheidungen. Aber die Mitgliederversammlung nach der überstandenen Relegation 2011 war wohl einer der prägendsten Momente. Da hat der Klub den Leuten mitgeteilt, was möglich ist – und was eben nicht. Wir hatten Tradition und ein neues Stadion. Und trotzdem gab es den Abstieg 2007. Es gehört also ein bisschen mehr dazu, man benötigt Strukturen und einen Plan. Die Rettung war gleich mehrfach wichtig: Wir konnten in der Bundesliga bleiben, wir mussten keine Spieler verkaufen. Wir konnten den Mitgliedern erklären, was wir vorhaben und was mit unserem Budget möglich ist. Wir waren nanziell gesund, aber nicht reich. Die Leute konnten damit nichts anfangen, also haben wir es Ihnen erklärt: Unser Budget damals bedeutete, dass man um die Plätze 14, 15 oder 16 spielt. Wir waren, was wir konnten. Das haben wir den Leuten mit Nachdruck gesagt und die meisten haben verstanden: Die Tradition, die goldenen 70er – das war einmal. Jetzt müssen wir neu anpacken. Die Kraft dieser Mitgliederversammlung, das Bewusstsein, gemeinsam etwas schaffen zu können und zu wissen, was man kann, war für mich rückblickend der wichtigste Moment.

Warum sträuben Sie sich davor, den VfL als Ausbildungsklub zu bezeichnen?

Weil das hieße: Unsere Grundidee ist, für andere auszubilden. Unsere Grundidee aber lautet: Wir möchten erfolgreich sein mit diesem Klub. Den Weg dorthin beschreiten wir mit jungen, hungrigen Spielern. Auch mit der Perspektive, diese Spieler irgendwann verkaufen zu müssen. Aber nicht zur direkten Konkurrenz auf Augenhöhe. Sondern zu Arsenal, zu den Bayern oder Barcelona. Deswegen wehre ich mich, diesen Begriff offensiv zu benutzen. Die Idee ist, mit jungen Spielern zu arbeiten. Das Ziel ist, mit diesem Klub neue, erfolgreiche Kapitel zu schreiben.

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Borussia Dortmund: Die Wette auf den Tod

Der Anschlag auf das Team von Borussia Dortmund im April hat den deutschen Fußball verändert. Die Tat hinterlässt verunsicherte Stars und Klubs, deren Markenkern auf dem Spiel steht. Die Liga steckt im Dilemma zwischen Abschottung und Fannähe.

Autor: Ibrahim Naber

Der Tag, an dem Nuri Şahin überlebte, begann mit einem Ritual. Stunden vor dem Viertelfinale gegen die AS Monaco am 11. April 2017 legte sich der Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund auf sein Hotelbett. Er schaltete Musik ein, schloss die Augen und ließ seinen Atem gehen. Wie vor jeder großen Partie in der Champions League stellte er sich in Bildern vor, wie das Spiel für ihn laufen könnte. Danach rief Şahin zu Hause an, Frau und Kinder waren wohlauf. Also schaltete der damals 28-Jährige sein Handy aus und verließ das Zimmer in Richtung Teambus. Weder Şahin noch sonst ein BVB-Akteur ahnte an jenem Aprilabend, dass in Zimmer 402 des Teamhotels ein Mann wohnte, der offensichtlich eine Wette auf ihren Tod platziert hatte.

Sergej W., ein 28 Jahre alter Elektroniker aus dem Schwarzwald, soll laut Anklage versucht haben, aus Habgier 28 Menschen zu töten. Konkret soll der mutmaßliche Attentäter geplant haben, den Aktienkurs des BVB mit einem Angriff auf den Mannschaftsbus abstürzen zu lassen. Laut Ermittlern hatte Sergej W. für seine perfide Wette sogenannte Put-Optionsscheine gekauft, die im Falle eines Kursabsturzes der BVB-Aktie Profit versprachen. Kalkül: je verheerender das Attentat, desto stärker der Kursabfall. Je steiler der Kursabsturz, desto höher der Gewinn. 

Um 19.15 Uhr rollte der Teambus des BVB am Anschlagsabend vom Hotelgelände. Kurz nach der Ausfahrt zündete Sergej W. laut Anklage aus seinem Hotelzimmer per Fernbedienung drei Sprengsätze, die in einer Hecke am Straßenrand platziert worden waren. Die Detonation war so gewaltig, dass sie die Scheiben des BVB-Busses zum Zerbersten brachte. Socrates-Kolumnist Şahin erinnert sich an den Moment: „Innerhalb von Sekunden dachte ich an mein gesamtes Leben. Ich dachte ans Sterben, und ich dachte ans Leben.“

In der Bundesliga ist Sicherheit ein heikles Thema

Monate sind seit dem ersten Anschlag auf eine deutsche Profimannschaft vergangen. Die äußeren Wunden sind verheilt, auch Marc Bartra, dem sich bei der Explosion Metallsplitter in den Arm gebohrt hatten, spielt wieder Fußball. Was das Attentat auf den BVB wirklich hinterlassen hat, offenbart sich erst hinter der Fassade. Es geht um Profis, die von den Bildern des Anschlags bis heute im Alltag eingeholt werden. Und es geht um Klubs, die ihre Stars mittlerweile stärker schützen müssen, aber die Nähe zu den Fans nicht aufgeben wollen. Ein Spagat, der den Markenkern von Vereinen wie Borussia Dortmund gefährdet.

Dieser Artikel erscheint in der aktuellen Ausgabe #15

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„Echte Liebe“ propagiert der BVB weltweit. Der Slogan bedeute bedingungslose Liebe, erklärte Şahin nach dem Anschlag im April, das sei der Borussia-Spirit, das sei ihre Stärke. Man kann das romantisch oder kitschig nden, ganz egal, doch Dortmunds Motto beschwört den Bund zwischen Klub und Fans. Liebe meint hier auch Nähe, Fußballpro s sind in Deutschland Stars zum Anfassen. Nur: Bis zu welchem Punkt können Vereine das heute noch verantworten?

In der Bundesliga ist Sicherheit ein heikles Thema. Wenige wollen sich dazu äußern, auch weil es um viel Geld geht. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) beteuert zwar, Stadien seien die wahrscheinlich sichersten Plätze in Deutschland. Doch Experten sprechen weiterhin von Sicherheitslücken. Und der Anschlag auf den BVB hat gezeigt, dass es um viel mehr geht: um Anfahrtswege, Teambusse, Mannschaftshotels und Trainingsplätze. Fußballfans fürchten eine Entwicklung wie bei anderen europäischen Spitzenklubs: keine öffentlichen Trainings, strikte Abschottung der Stars durch Personenschützer.

Wer sich etwa aufmacht, um das Trainingsgelände von Manchester United zu besuchen, trifft auf kilometerlange Stacheldrahtzäune inmitten von endlosen Maisfeldern. 3,60 Meter hoch steht das Metall in der Luft, Überwachungskameras sind daran montiert. 24 Stunden am Tag patrouillieren Wachmänner, um das gigantische Areal vor Unbefugten ab- zuschotten. Der Trainingskomplex des größten Fußballklubs der Welt ist ein Hochsicher- heitstrakt im Nirgendwo. „Fortress Carrington“ nennen sie das Gelände in Manchester spöttisch – „Festung Carrington“. Auch auf Übungsplätzen anderer Premier-League-Verei- ne sind Fans unerwünscht.

"Wir benötigen höhere Standards: eine bessere Ausbildung, keine Dumpinglöhne mehr. Es gibt zu viele Sicherheitsdienste, die Amateure anheuern."
Björn Bergmann
Sicherheitsbeauftragter Schalke 04

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Im Vergleich dazu zeigen sich deutsche Klubs volksnah: Das Trainingsareal von Schalke 04 am Berger Feld ist frei zugänglich. Wer will, kann dort ein Bier trinken und den Pro s beim Schwitzen zuschauen. „Wir sind ein offener Verein“, sagt Clemens Tönnies, Schalkes Aufsichtsratschef, stets. Und sein Wort hat Gewicht. Königsblau hält an den öffentlichen Trainingseinheiten auch nach dem Anschlag auf Erzrivale Dortmund fest: „Wir wollen uns nicht abschotten. Das sollen andere Vereine machen. Hier wird es vor einem Spiel maxi- mal eine Trainingseinheit unter Ausschluss der Öffentlichkeit geben“, versprach Trainer Domenico Tedesco im Juni. Auch der BVB bietet seinen Fans weiterhin die Möglichkeit, beim Training der Profis vorbeizuschauen; seltener jedoch als der Konkurrent aus Gelsenkirchen. Im Oktober und November setzte der Klub insgesamt drei öffentliche Trainingseinheiten an.

DORTMUND, GERMANY - APRIL 11: Borussia Dortmund CEO Hans-Joachim Watzke speaks to the media as the match is postponed prior to the UEFA Champions League Quarter Final first leg match between Borussia Dortmund and AS Monaco at Signal Iduna Park on April 11, 2017 in Dortmund, Germany. The match was cancelled after an explosion near the Borussia Dortmund team coach en route to the stadium.

Hinter den Kulissen haben die Klubs ihre Sicherheitskonzepte deutlich ausgewei-tet. Als Reaktion auf den Anschlag kündigte BVB-Klubboss Hans-Joachim Watzke den Aufbau einer eigenen Abteilung Sicherheit an. Erste Vorstellungsgespräche mit ehemaligen GSG-9- und BKA-Leuten führten die Verantwortlichen der Borussia bereits Ende April.

Ins Dortmunder Anforderungsprofil hätte Björn Borgmann gepasst, der sich um die Sicherheit bei Schalke 04 kümmert. Der 44-Jährige ist einer der bekanntesten Personenschützer der Liga. Mit seiner Firma Shield Security sorgt er auch für die Sicherheit der Nationalmannschaft. „Wir benötigen höhere Standards: eine bessere Ausbildung, keine Dumpinglöhne mehr. Es gibt zu viele Sicherheitsdienste, die Amateure anheuern“, erklärte er der Welt am Sonntag. Borgmanns Truppe macht vor Spieltagen eine Gefahrenanalyse, observiert das Hotel und überprüft Zufahrtswege von Teambussen.

Ligaklubs wie Hamburg oder Leipzig engagierten schon vor dem BVB-Anschlag Sicherheitsdienste, die das Team bei Reisen begleiten. Vereine der französischen Ligue 1 gehen bereits einen Schritt weiter. Paris Saint-Germain soll unter anderem Motor- radfahrer engagieren, die den Profus bei Stadtfahrten Begleitschutz bieten. Auch die Sicherheitsanlagen rund um die Anwesen der PSG-Stars sind ausgebaut worden. Über eine Millionen Euro soll der Klub für die Maßnahmen in sieben Monaten gezahlt haben.

Die Sicherheitskonzepte der Klubs sind geheim

Sorgen macht den Klubs die Sicherheitslage schon länger. Die schrecklichen Bilder von 2015 rund um das Pariser Stade de France sind vielen Fans in Erinnerung geblieben. Bei den Anschlägen auf Frankreichs Hauptstadt wollten die Attentäter Bomben im Stadion zünden. Dies wurde jedoch von Sicherheitskräften vereitelt. Die Attentäter sprengten sich vor der Arena in die Luft. Spätestens seitdem versuchen sich Vereine mit Anti-Terror-Konzepten gegen solche Angriffe zu wappnen.

Auch der BVB hat ein Anti-Terror-Konzept, das beim Anschlag im April zum Einsatz kam. Norbert Dickel, Stadionsprecher des BVB, hatte einen Text parat, der für die Gefahrenlage eines Terrorangriffs verfasst wurde. „Wenn so etwas passiert, ist es sehr wichtig, dass die 80.000 Menschen im Stadion die vertraute Stimme ihres Stadionsprechers hören und nicht eine Durchsage der Polizei“, sagt Dickel. Dabei ginge es vor allem darum, den Ausbruch von Panik zu vermeiden, erklärt der 56-Jährige und fügt hinzu, dass man sich im Stadion und im Verein sehr genau auf solche Bedrohungslagen vorbereite.

Die konkreten Sicherheitskonzepte der Klubs sind natürlich geheim und eng mit der Polizei abgestimmt. Joachim E. Thomas, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung deutscher Stadi- onbetreiber, hält weitere Schutzmaßnahmen in Fußballarenen für überfällig: „Ich persönlich glaube, dass wir in Zukunft an den Eingängen deutscher Stadien Ganzkörperscanner haben werden“, sagt er.

Tatsächlich könnten die Geräte dabei helfen, eine Sicherheitslücke zu schließen: das Hin- einschmuggeln von Gegenständen. „Die Vereine müssen sich fragen, wie schwer es aktuell ist, Sprengstoff in ein Stadion zu bringen“, erläutert ein Personenschützer, der anonym bleiben will. Bei einem Ligaspiel des BVB strömen rund 80.000 Menschen innerhalb von 60 Minuten ins Stadion. Experten sind sich uneinig, ob sich dies mit Körperscannern bewältigen ließe. Der Zugewinn an Sicherheit könnte dazu führen, dass Fans wesentlich früher anreisen, länger warten – oder ganz wegbleiben. Konsens besteht darin, dass die bisherigen Einlasskontrollen eklatante Schwächen haben. Immer wieder gelangen verbotene Pyrotechnik und Wurfgeschosse in Stadien. Im Terrorfall könnten ganz andere Dinge reingeschmuggelt werden.

Beruhigend, dass der Attentäter ein Einzeltäter sei

Nur wenige Fußballer haben bislang die Situation eines Anschlags erlebt. Matthias Ginter war gleich zweimal das Ziel eines Attentäters: als Nationalspieler beim Länderspiel in Paris 2015 und als Pro von Borussia Dortmund im April 2017. Im SZ-Magazin hat der 23-Jährige zuletzt in einem bemerkenswerten Interview über die Momente des Schreckens und die Folgen gesprochen: „Unmittelbar nach einem Anschlag muss man funktionieren. Man hat gar nicht die Zeit, das Erlebte zu verarbeiten“, sagte Ginter, der derzeit für Borussia Mönchengladbach spielt. Das Viertelfinale des BVB gegen Monaco sei nur um einen Tag verschoben worden, danach musste er schon wieder im Drei-Tage-Rhythmus auflaufen. „Ich glaube, an Ostern hatten wir dann mal ein, zwei Tage frei. Zeit, um nachzudenken. Da wurde mir erst bewusst, wie sehr ich noch unter Schock stand. Ich saß daheim und dachte: Ich höre mit dem Fußballspielen auf“, erklärte der Weltmeister von 2014.

Der Gedanke an einen Rücktritt war für den Verteidiger nicht die einzige Folge. Präzise beschreibt Ginter im Interview Situationen aus dem Alltag, in denen ihn die Erinnerungen an die Attentate einholten. Die erste Szene spielte sich beim Confederations Cup 2017 in Russland ab. „Der Teambus ist über etwas drübergefahren, es hat etwas heftiger geruckelt, und ich habe sofort aus dem Fenster gesehen. Da meinte mein Mitspieler Lars Stindl zu mir: ‚Ich glaube, ich weiß, was du jetzt denkst. Keine Angst, da war nichts.‘“ Die zweite Situation, an die er sich erinnert, erlebte er im Stadionin Leverkusen: „So um die 80. Minute herum nahm ein Mann Platz, der da vorher nicht saß, er hatte einen Rucksack dabei. Wir haben uns angesehen, und meine Freundin meinte: ‚Lass uns lieber reingehen.‘“ Tatsächlich hätten sie daraufhin ihre Plätze verlassen, erzählt Ginter.

Für den Fußballprofi sei es im Rückblick beruhigend, dass der BVB-Attentäter wohl ein Einzeltäter sei und keine organisierte Gruppe, für die er weiterhin eine Zielscheibe darstellen könnte. „Es hat mir bei der Verarbeitung geholfen. Auch dass Sergej W. gefasst wurde und er kein Pro war – mehr als die Hälfte der Sprengladung verfehlte den Bus, sonst säße ich vielleicht nicht hier“, sagt Ginter.

Der Prozess gegen Sergej W., den mutmaßlichen Attentäter, beginnt am 21. Dezember vor dem Landgericht Dortmund. Bislang soll der Tatverdächtige jede Schuld von sich weisen: In dem Hotel, vor dem er laut Anklage die Bomben zündete, habe er nur Urlaub gemacht.

Ginter sagt, dass er den Prozess verfolgen werde. Für sich selbst habe er einen Entschluss gefasst: „Ich habe beschlossen, dass ich mir nicht nehmen lasse, was ich mit am meisten liebe“, erklärt er. Und das sei eben das Fußballspielen.

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Harun Farocki: Der Filmemacher als Linksverteidiger

Als der Videokünstler Harun Farocki noch eher unbekannt war, spielte er als vermeintlicher Promi-Fußballer im alten Berlin. Seine Kameraden von "Tasmania Bühne und Sport" haben etwas zu erzählen.

 

von Stefan Pethke

Harun war Linksverteidiger bei TAS Bühne & Sport, passend zu seiner Weltanschauung. Aber er spielte altmodisch und hielt seine Position auch dann, wenn sich das Geschehen in der gegnerischen Hälfte abspielte. Ich habe Harun nie jenseits der Mittellinie erlebt. Unser Angriffsspiel wollte er wohl nicht stören. Der Dokumentarfilmer entschied sich auch auf dem Fußballfeld für eine Beobachter-Position.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #11

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #11

Ich glaube, für Harun war Fußball ein Weg, mit der ganzen Gesellschaft in Berührung zu kommen. Ein „Reality Check“. Er wollte mit unterschiedlichen Menschen zu tun haben, nicht nur mit Leuten aus der eigenen sozialen Blase. Ich weiß nicht, wieviel Einfluss er auf die Zusammenstellung der Mannschaft zwischen Ende der sechziger und Ende der achtziger Jahre genommen hat, aber in seinen Erzählungen tauchten immer wieder Namen von Mitgliedern der Westberliner Subkultur auf, die eigentlich nur er selbst zu TAS gebracht haben kann.

Ich stieß dann Ende der achtziger Jahre dazu, als einer von Haruns fußballaffinen Schülern. Harun gehörte zum ersten Studienjahrgang der 1966 gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). 25 Jahre später gab er dort selbst Seminare. Doch obwohl TAS damals dringend frisches Blut brauchte, zögerte er lange, weitere Filmfreunde einzuladen. Auch von seinen bürgerlich gewordenen Alt-Linken-Freunden, mit denen er noch im ruhigen Wilmersdorf kickte – darunter sehr gute Fußballer – holte er keinen zu TAS. Offensichtlich suchte Harun bei TAS eine Abgrenzung zu seinem Milieu.

Aus dem Filmern wurde eine Künstler-Mannschaft

Ab Mitte der Neunziger mutierte TAS trotzdem zu einer Mannschaft aus Jungfilmern und artverwandter Bohème. Das veränderte natürlich ihren Charakter. Die Neuköllner Prominenten-Elf erlebte den Rückzug des klassischen Proletariats, ein Umbruch nicht nur im Fußball, sondern in der gesamten Gesellschaft. Die Geschichte des Muttervereins ist eine Westberlin-Story. Das kleine Tasmania Neukölln spielte Mitte der sechziger Jahre sogar eine Saison in der großen Bundesliga. Ausschließlich aus politischen Gründen: Westberlin sollte auch im Fußball als Teil des kapitalistischen Westdeutschlands sichtbar bleiben. Was folgte, war ein sportlich-finanzielles Fiasko. Noch heute kennen alle Fußballfans in Deutschland den Namen dieses Vereins, denn sämtliche relevanten Statistiken belegen: Tasmania war der schlechteste Klub der über 60-jährigen Bundesliga-Geschichte.

Nach Mauerfall und Wiedervereinigung war es nicht nur mit der DDR vorbei, sondern auch mit Westberlin. Man organisierte viele Matches zwischen TAS Bühne & Sport und Mannschaften aus dem Berliner Umland. Wir fuhren dann in den ehemals real existierenden Sozialismus – Reisen auf einen anderen Planeten: Die bizarre Westberliner Melange aus subventionierter Arbeiterschaft, Halbwelt und linken Schöngeistern traf auf eine mindestens ebenso undurchsichtige Mischung Befreiter und Enttäuschter vom Dorf. Für Harun mag da noch einmal zusammengekommen sein, woran ihm so viel lag: eine konkrete Erfahrung von Gesellschaft im besonderen Kontext Fußball, ein authentisches Abbild von entfremdeten Verhältnissen.

Später spiegelte die Mannschaft wider, was immer deutlicher nicht nur das Leben in der neuen alten Hauptstadt ausmachte, sondern auch Haruns eigene Produktionsrealität: Berlin zog ehrgeizige Persönlichkeiten aus der Zeitgenössischen Kunst an, ein Betrieb, über den Harun immer stärker seine Filmprojekte (teil-)finanzierte. Mitte der 2000er Jahre hatten Haruns soziale Kontakte TAS Bühne & Sport zum letzten Mal ein neues Gesicht verliehen: Aus der Filmer- wurde eine Künstler-Mannschaft.

DER MIKROKOSMOS: Ein Kurzgespräch zwischen zwei TAS-Freunden

Vincenzo Lenz: Ende der Sechziger fing Harun bei TAS an und spielte dort fast vierzig Jahre lang. Die Mannschaft war eine Abspaltung der Prominenten-Elf von Tennis Borussia aus Charlottenburg, gegründet vom TV-Showmaster Hänschen Rosenthal. Die Bezeichnung „Prominenten-Elf“ hatte oft eine komische Wirkung. Anfang der Neunziger gab es in der Mannschaft niemanden, der bekannt war. Selbst Harun war etwas für absolute Spezialisten. Trotzdem kam es vor, dass ein paar von uns bei Auswärtsspielen um Autogramme gebeten wurden. Auf Fahrten nach Westdeutschland wurden unsere Namen mit erfundenen Biografien über Lautsprecher bekanntgegeben.

Holger Wilke: Aber es gab immer mal wieder bekannte Leute, von Anfang an: Boxer, Trabrennfahrer, Kabarettisten, auch frühere Fußball-Profis. Später wurden ja auch einige Filmer ein bisschen berühmt, zum Beispiel Christian Petzold oder Thomas Arslan. Der türkische Regisseur Züli Aladağ kickte ein paar Mal mit, Schauspieler wie Sebastian Koch, Wanja Mues oder James-Bond-Bösewicht Anatole Taubman. Trotzdem fühlte sich keiner als Prominenz. „Prominenten-Elf“, das war wie ein Witz. Wir sagten immer: Wir sind höchstens eine „1/4-Prominenten-Elf“.

Vincenzo Lenz: Fahrten nach Westdeutschland gab es bis Ende der Achtziger. Vielleicht ein, zwei Mal im Jahr – und Harun war immer dabei. Wir lachten uns alle tot, wenn Willi Domack, ein Stalingrad-Veteran und Gründer von TAS Bühne & Sport, am Abend vor dem Spiel um 23 Uhr an jede Tür klopfte, um die Leute ins Bett zu schicken. Wir waren ja eine Freizeitmannschaft, wir haben nie um Punkte gespielt. Von den paar Reisen abgesehen, hatten wir nur Heimspiele, immer abwechselnd eine Woche auf Rasenplatz, die nächste Woche auf Schotter. Und nach jedem Spiel ging’s ins Vereinsheim. Unfassbar, was es da für Abende gab!

Die Bezeichnung „Prominenten-Elf“ hatte oft eine komische Wirkung. Anfang der Neunziger gab es in der Mannschaft niemanden, der bekannt war.
Vincenzo Lenz

Holger Wilke: Als ich in den Neunzigern zu TAS kam und Harun das erste Mal auf dem Feld gesehen habe, da merkte ich gleich: Man musste gewisse kulturelle Standards mitbringen, um in die Mannschaft zu passen. Es ging nicht um die Erfüllung eines bestimmten Charakters, sondern um eine Vielfalt, die dadurch entstand, dass jeder Mensch in dieser Gruppe etwas repräsentierte. Das unterschied sich vom proletarischen Aspekt, wo eher die Leistung auf dem Platz zählte.

Vincenzo Lenz: Harun war bewusst, dass er in einer qualitativ hochwertigen Mannschaft sehr gut integriert war, obwohl sein eigenes Spiel nicht die Qualität hatte, wie er sie sich vielleicht gewünscht hätte. Wir haben uns immer amüsiert, wenn er Pässe aus kürzester Distanz nicht an den Mann brachte. Dann entschuldigte er sich jedes Mal.

Holger Wilke: Später hat er auch organisatorisch leitende Aufgaben übernommen, als Kassenwart. Es hat ihn genervt, wenn Leute ihre Mitgliedsbeiträge nicht zahlten. Dann liefen Schulden beim Mutterverein auf. Wir mussten einmal fast ein ganzes Jahr kalt duschen. Wahrscheinlich gab es da einen Zusammenhang...

Total bei der Sache

von Haim Peretz

Harun und ich haben nicht so lang zusammen gespielt. Er ist der Vater meiner Frau Anna, über sie bin ich zu Harun und TAS gekommen. Er fragte mich einmal, ob ich mitspielen wollte. Die Antwort war klar. Ich wurde schnell ein Mitspieler bei TAS, ohne den kleinen Test von Harun bestehen zu müssen: das Vorspielen im Volkspark Hasenheide.

Er war ein väterlich beschützender Mann. Für TAS hat er auch lange die schmutzigen Trikots nach Hause genommen und am nächsten Spieltag sauber zurückgebracht. Darüber gibt es auch eine lustige Geschichte. Der Jens, ein jüngerer Mitspieler bei TAS, fragte einmal, ob die Flecken in einem Trikot, das oft gewaschen wurde, ohne dass es richtig sauber wurde, Blutflecken von Harun sein könnten. Die, die Harun noch hatten spielen sehen, mussten lachen, weil das Bild „aggressiver Fußballer“ überhaupt nicht zu Haruns Spielweise passte. Und schon gar nicht zu seinem Charakter. Er war ein sehr ruhiger, beobachtender Spieler. Und Mensch.

Fußballerisch war Harun der Schlechteste, aber auch der Ruhigste. Fast jedes Spiel wurde er ausgewechselt. Aber das war kein Problem für ihn. Er hat mit sechzig aufgehört, obwohl er noch sehr fit war – er hat sogar jedes Jahr das deutsche Sportabzeichen gemacht. Er war immer noch total bei der Sache, aber er fand, dass er die Mannschaft schwächer machte. Und das enttäuschte ihn.

Seine Fußballbegeisterung konnte man leicht merken, wenn man mit ihm Fußball guckte. Er war ein sehr guter Fußball-Analytiker, der ein Spiel wie einen Film schaute, ganz konzentriert, und erst danach kommentierte. Ich habe die Szene genau im Kopf, als ich einmal mit meinem Sohn bei Harun Fußball gucken wollte. Es war das Halbfinale der WM 2006, Deutschland gegen Italien. Mein Sohn war damals noch jung und schrie die ganze Zeit. Nach zehn Minuten sagte Harun: „Wenn du deinen Mund nicht hältst, schmeiße ich dich raus! Wir wollen Fußball gucken.“

Redaktion: Cem Pekdoğru & Göksu Bulut

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Mario Gómez: Ein Mann mit sich im Reinen

Mario Gómez kehrt VfB Stuttgart zurück. Im Mai 2017 sprach der Stürmer mit Socrates über seine bewegten Jahre und die Erfahrungen, die ihn als Menschen verändert haben. Ein Interview über einen Mann, der die Welt noch erobern will.

Mario Gómez, hoffen Sie, dass Andries Jonker nach Dieter Hecking und Valérien Ismaël Ihr letzter Trainer beim VfL Wolfsburg ist?

Ja, das hoffe ich tatsächlich. Wenn die Situation sich weiter so gut entwickelt, wie sie angefangen hat, dann wäre es ja auch unabhängig von meiner Person für Wolfsburg schön, wenn Andries Jonker die nächste Epoche des Vereins prägen würde. Ich würde es ihm wünschen. Die Chemie stimmt zwischen Mannschaft und Trainer.

Reicht die Chemie für ein Saisonende ohne Relegationsstress?

Wir dürfen die Situation nicht schönreden. Wir kämpfen um den Klassenerhalt, brauchen in jedem Spiel unbedingt Punkte. Aber positiv festzuhalten ist: Die Ergebnisse unter Andries Jonker kommen nicht glücklich zustande. Was wir auf dem Platz abliefern, hat Hand und Fuß. Er hat es in kürzester Zeit geschafft, dass wir Spieler verstehen, was er von der Mannschaft will, dass wir auch in dieser schwierigen Situation Fußball spielen können. Auch wenn wir spielerisch noch lange nicht da sind, wo wir hinwollen und auch hinkönnen.

Das Interview erschien in der 7. Ausgabe

Das Interview erschien in der 7. Ausgabe

Eine Holland-Hilfe zur richtigen Zeit?

Man unterstellt den Holländern ja immer dieses positiv Arrogante. Ich finde nicht, dass es Arroganz ist. Eher Selbstbewusstsein. Ich hatte vom ersten Tag an das Gefühl: Andries Jonker geht es einzig und allein darum, uns unabhängig vom Tabellenplatz seine Philosophie und Taktik zu vermitteln. Das große Ganze zu sehen, das ist für mich das A und O. Es gibt immer wieder Beispiele, bei denen sich alle die Augen reiben und sich wundern, warum es so läuft, wie es läuft. Leipzig ist so ein Beispiel. Die haben 15 oder mehr Spieler im Kader, die vergangene Saison noch in der Zweiten Liga gespielt haben. Und diese Saison zählen sie in der Ersten Liga zu den Besten. Warum? Weil sie eine ganz klare Philosophie haben, diesen Plan schon seit Jahren verfolgen und jeder weiß, was zu tun ist. Das ist Fußball 2017.

Ist Wolfsburg in den kommenden Jahren in der Lage, auch wieder oben mitzumischen?

Langfristig ist das die Vision und auch das Ziel dieses Vereins. Wir müssen da auch gar nicht drum herum reden: Wenn man sich die Qualität unseres Kaders und die Investitionen des Vereins anschaut, dann kann der Anspruch hier nicht der Kampf um den Klassenerhalt sein. Aber es gibt immer mal wieder Situationen, die sich komplett anders darstellen, mit denen man sich dann auseinandersetzen muss. Nehmen wir Dortmund. Die waren vor zwei Jahren zur Winterpause Zweitletzter – mit einer Wahnsinnsqualität in der Mannschaft. Keiner hat verstanden, warum das so war. Man muss dann nach den Ursachen forschen, diese intern aufarbeiten. Genau das wurde und wird hier in Wolfsburg gemacht. Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt einen Trainer haben, der perfekt zu dieser Mannschaft passt.

Der Wolfsburg auch wieder zu Titeln führen kann?

Ob es selbst bei der besten Arbeit zu Pokalen und Titeln reicht, sei mal dahingestellt. Es gibt mit Bayern und Dortmund zwei Mannschaften in der Liga, die den anderen Teams so sehr überlegen sind, dass es verdammt schwer wird für die anderen Klubs, in den kommenden Jahren etwas zu gewinnen. Ich befürchte auch, dass sich diese Situation nur schwer ändern wird, solange die 50-plus-1-Regel gilt.

Sie sind gegen 50 plus 1?

Ich kann die Fans der Traditionsteams verstehen. In meinen Augen besteht jedoch die Chance, die Bundesliga an der Spitze wieder spannender zu machen, darin, diese Regel zu überdenken. Ansonsten wird die nächsten zehn Jahre zehnmal Bayern Meister. Wenn sie schwächeln, vielleicht mal Dortmund oder früher oder später Leipzig. Man sieht das doch beispielsweise in England, wo es viel mehr Mannschaften gibt, die um den Titel spielen, die echte Chancen auf Pokale haben. Ich glaube zwar, dass in Wolfsburg wie auch in Leipzig das Potenzial aufgrund der besonderen finanziellen Möglichkeiten vorhanden ist, aber der Vorsprung von Bayern und Dortmund auch für diese Klubs in den kommenden Jahren nicht aufzuholen sein wird. Der Vorsprung ist zu riesig. Das wird viele Jahre dauern. Aber besser ein paar Jahre als nie.

Heißt im Umkehrschluss: Der Abstiegskampf wird in Zukunft immer spannender als das Meisterschaftsrennen sein?

Ja, und das finde ich wahnsinnig schade. Gefühlt sind 14 Mannschaften jede Woche gestresst, sind jede Woche unter Druck. Diese Mannschaften spielen überhaupt nicht den Fußball, den sie eigentlich können, weil es immer nur um den Moment geht. Man kann fast sagen: Nervosität beherrscht die Bundesliga. Ich würde mir wünschen, dass wir bei aller sportlichen Brisanz wieder mehr dahinkommen, dass Vereine ihrer Grundausrichtung und Idee folgen und nicht immer nur das Aktuelle gesehen wird. Und die Trainer nur ums Überleben kämpfen und gar nicht mehr ihre Philosophie einer Mannschaft einimpfen können, weil sie nach jeder Niederlage in Frage gestellt werden.

Haben Sie Lösungsansätze?

Vielleicht müssen viele Vereine die Erwartungen ein bisschen runterschrauben. Nehmen wir Stuttgart. Die haben jahrelang gegen den Abstieg gespielt, hatten überhaupt keine schöne Zeit. Als sie vergangene Saison abgestiegen sind, haben alle geschrien: „Um Gottes willen, das ist eine Katastrophe.“ Doch für die Gesamtstimmung im Verein hatte die Situation vielleicht sogar eine positive Wirkung, indem sich der Verein auch von innen ein Stück weiter erneuern konnte und musste. Es wurde vieles hinterfragt, mit Mut aufgeräumt und neu ausgerichtet. Nun haben sie in Stuttgart aktuell wieder ein Jahr mit Erfolg. Das gibt dem ganzen Verein Ruhe, ein breiteres Kreuz und auch wieder strahlende Gesichter. Das kann für den Verein ein super Neustart sein. Noch schöner wäre es doch aber, wenn sie diesen Mut ohne Abstieg gehabt hätten. Diese Freude, wie beispielsweise aktuell in Stuttgart, vermisse ich derzeit so ein bisschen in der Bundesliga.

In Wolfsburg endet Ihr Vertrag 2019. Dann sind sie 33 Jahre alt. 33, die Zahl, die sie seit Beginn Ihrer Profikarriere auf dem Rücken tragen. Schöner kann sich der Kreis doch eigentlich nicht schließen.

Lustigerweise hatte ich von Anfang bis Ende 20 genau diesen Gedanken im Kopf: ‚Mit 33 Jahren höre ich auf.‘ Genau deswegen: Weil die 33 eben immer eine so besondere Rolle in meiner Karriere gespielt hat. Ich war früher extrem abergläubisch, bin davon aber in den vergangenen Jahren ein bisschen weggekommen. Okay, ich habe immer noch meine Macken vor jedem Spiel: Erst linker Schuh, dann rechter Schuh und diese Dinge. Aber so einen großen Schritt wie ein Karriereende mache ich sicherlich nicht vom Aberglauben abhängig. Ich entscheide das nach Empfinden. So lange ich das Gefühl habe, dass ich mich noch durchsetzen kann und Spaß daran habe, so lange werde ich auch spielen.

Könnten Sie sich nach Wolfsburg noch einen weiteren Verein in der Bundesliga vorstellen?

Schwer. Aber ich gebe ungern endgültige Statements ab, weil man einfach nie weiß was kommt. Ich habe in der Vergangenheit auch schlechte Erfahrungen gemacht mit Plänen, die ich mir zurechtgelegt hatte. Ich versuche jetzt einfach nur noch, den Moment zu leben und zu nutzen. Das entspannt mich wahnsinnig. Was sportlich als nächstes kommt, interessiert mich gerade nicht.

Eine finale Station im Ausland reizt auch nicht?

Ich bin happy mit der Situation, wie sie ist, zurück in Deutschland zu sein, zurück in der Bundesliga. Die Stadien sind voll, es herrscht dort eine gute Atmosphäre. Außerdem bin ich viel näher an meiner Familie, die es umgekehrt auch viel einfacher hat, mich und meine Frau zu besuchen. Wir haben in der Familie mittlerweile viele Kleinkinder, die wir auch erleben möchten. Und nicht erst das nächste Mal sehen, wenn die dann auf einmal schon fünf sind.

Eine Rückkehr zu Beşiktaş nach Istanbul wird trotz der Gerüchte in den türkischen Medien also kein Thema sein?

Wenn ich die Berichterstattung in der Türkei richtig überliefert bekommen habe, war ich ja schon drei Mal wieder da und habe auch schon drei Mal unterschrieben. Aber im Ernst: Die Türkei-Zeit war für mich total hilfreich. Es war einfach alles mega. Die Leute waren unheimlich nett, ich hatte ein Wahnsinnsjahr dort. Allerdings sind die Medien dort schon extrem. Ich konnte zum Glück nicht verstehen, was in der Zeitung steht. Aber natürlich habe ich mitbekommen, dass da viele Geschichten auf den Tisch kamen, die so nie passiert sind und auch viele Aussagen von mir völlig falsch wiedergegeben wurden.

Ihre Reaktion darauf?

Gar keine. Ich habe das nie revidiert, habe mich nie auf diesen Schlagabtausch eingelassen. Ich habe die Dinge einfach laufen lassen und mich nur auf das Sportliche konzentriert. Daher war ich auch zu allen Journalisten immer nett (lacht). Im Nachhinein war das schon irgendwie lustig. Diejenigen, die eine schlechte Story über mich veröffentlicht hatten, waren über mein freundliches Verhalten beim nächsten Wiedersehen ganz schön irritiert. Aber ich wusste ja gar nicht: Ist das jetzt der Böse oder der Gute? Und das habe ich übernommen. Irgendwie fahre ich gut damit, weil es für mich keine Rolle mehr spielt, wie ich von anderen oder von Journalisten gesehen werde. Ich versuche einfach, ich selbst zu sein. Und dabei allen Leuten freundlich gegenüberzutreten. Deshalb war die Türkei sehr entscheidend für mich. Aber jetzt bin ich mit beiden Beinen in Wolfsburg. Und um es nochmal klarzustellen: Was in der Türkei geschrieben wird – nach dem Motto, ich würde mich in Deutschland nicht wohlfühlen und zurück wollen –, das sind alles Märchen.

Sind denn Gedanken über die Zeit nach Ihrem Karriereende bereits wahrhaftig?

Natürlich trage ich diese Gedanken in mir. Und ich muss sagen, es sind sogar schöne Gedanken. Ich habe überhaupt keine Torschlusspanik. Ich denke überhaupt nicht: Oh je, vielleicht sind es nur noch zwei Jahre. Es sind eher Gedanken wie: Was habe ich in meinem Leben alles verpasst wegen des Fußballs? Was für Dinge habe ich versäumt, was will ich noch sehen? Das sind Reisen, Sportarten, Adventures, die ich erleben möchte.

Abenteuer wie Bungee-Jumping?

Um Gottes willen. Ich denke eher an so Dinge wie Skifahren im Winter. Ich liebe München und bin da mittlerweile auch heimisch. Dort haben wir so grandiose Möglichkeiten mit den Bergen und den Seen. Im Sommer möchte ich nach der Karriere zum Beispiel einfach mal Wasserski fahren. Es sind diese kleinen Dinge, die für andere ganz normal sind. Für mich waren sie bisher nicht möglich. Weil ich immer daran gedacht habe: Mario, du hast lange Haxen. Das heißt: Man verdreht sich schnell das Bein, und dann sitzt man da im Profifußball und schaut eine Weile zu. Deshalb habe ich das nie getan.

Aber reisen können Sie doch.

Es geht für mich vielmehr darum, Länder zu bereisen, wann immer man darauf Lust hat. Als Profifußballer kann ich nur wenige Wochen im Sommer oder Winter tun und lassen, was ich will. Und selbst da achtet man darauf, dass man nicht in zu vielen Zeitzonen unterwegs ist, dass man nicht komplett raus aus seinem Rhythmus kommt. Ich freue mich wahnsinnig auf das Spontane. Zu sagen: Morgen möchte ich das machen. Und es dann auch zu tun. Dafür werde ich mir viel Zeit nehmen. Diese Spontanität habe ich seit 20 Jahren nicht mehr. Ich werde mich auch auf keinen Fall sofort in eine nächste Aufgabe stürzen. Ich werde erstmal durchatmen, runterkommen und Dinge verwirklichen, die ich schon lange im Kopf habe, aber nie gemacht habe.

Das klingt wie eine persönliche Befreiung.

Nein, gar nicht. Ich liebe den Fußball und mein aktuelles Leben. Und ich hoffe auch auf noch viele gute Jahre. Aber wenn Sie mich auf die Zeit danach ansprechen, sind das meine Gedanken. Ich möchte einfach einiges noch ausprobieren. Vielleicht macht mir auch vieles davon gar keinen Spaß. Das werde ich dann sehen. Ich möchte auch viel mehr Zeit mit meinen Liebsten verbringen. Freunde im Ausland besuchen, die ich über all die Jahre kennengelernt habe. Es sind rundum positive Gefühle, wenn ich an die Zeit danach denke. Ich bin mit mir total im Reinen. Selbst wenn es morgen vorbei wäre, könnte ich sagen: Ich hatte eine wunderschöne Karriere.

Sind auch die Gedanken da: Endlich mal sesshaft werden, endlich keine Umzüge mehr?

Ja, wobei ich jetzt schon zwei, drei Heimaten für die Zeit nach dem Fußball habe. Ich bin durch meinen Vater sehr mit Spanien verbunden, werde sicherlich auch immer einige Zeit in Spanien sein. Dann eben München als Familienstandpunkt. Dazu kommt meine ursprüngliche Heimat im Schwabenland, wo ich immer noch sehr gerne bin. So fix an einem Punkt werde ich also sicher nicht leben. Der Fußball hat mich zu einem offeneren Menschen gemacht.

Inwiefern?

Weil ich während meiner Karriere so viele verschiedene Kulturen kennenlernen durfte. Dementsprechend werde ich wahrscheinlich immer ein Globetrotter sein. Aber ich bin mir sicher, dass ich irgendwann auch mal froh sein werde, zu sagen: So, jetzt bin ich mal drei Monate in Folge in München, gehe in den Englischen Garten, danach in der Stadt einen Kaffee trinken und dann vielleicht noch abends ins Kino. Und sonst bin ich eben einfach nur daheim und genieße es, Zeit zu Hause und Zeit für meine Freunde zu haben. Zeit, die man selten hatte.

Ist ein Leben komplett ohne Fußball für Sie vorstellbar?

Ja. Vorstellbar auf jeden Fall. Ich möchte mich da aber heute noch gar nicht festlegen. Wer weiß schon, was in ein paar Jahren ist. Außerdem werde ich mir auch nach meinem Karriereende noch einige Spiele, beispielsweise von Bayern oder Barcelona, anschauen. Ich werde auch oft in Barcelona im Stadion sein. Das habe ich schon als kleines Kind getan, und das werde ich auch nach meiner Zeit als Profifußballer wieder tun, weil ich dafür einfach zu sehr diesen Klub und diese Stadt liebe. So werde ich dem Fußball auf jeden Fall schon mal verbunden bleiben. Aber eben als Fan statt in irgendeiner Funktion für einen Verein oder einen Verband.

Den Konkurrenten Gómez muss Miro Klose als Trainer nicht fürchten?

Trainer oder Manager kommt für mich, Stand heute, definitiv nicht in Frage. Weil ich diese Spontanität, von der ich eben sprach, in meinem Leben haben möchte. Ich kann es mir nach meinem Karriereende nicht vorstellen, dass ich freitagabends in irgendeinem Hotel sitze und mir über den anstehenden Spieltag Gedanken machen muss. Das ist nicht das, was ich mir für meine Karriere danach vorstelle.

Haben Sie zu Klose deshalb mal gesagt: ‚Miro, bist du bescheuert, dir das anzutun? Da spielst du bis 38 – und dann kannst du immer noch nicht aufhören mit dem Fußball.‘

Nein, nein. Noch ist sein Trainer-Dasein ja relativ entspannt. Die Sachen, die er jetzt gerade macht, machen Spaß. So könnte ich mir es auch noch vorstellen, Trainer zu sein: Da mal ein Lehrgang und da nochmal ein Lehrgang. Begleitet von einem schönen Länderspiel (lacht). Der Traineralltag wird dann allerdings schon ein anderer sein.

Können Sie sich Klose als Bundesliga- oder Bundestrainer vorstellen?

Natürlich, absolut. Er war ja auch als Spieler immer schon wahnsinnig intelligent. Er hat es auch immer geschafft, auf den Punkt da zu sein. Das ist eine große Qualität. Es muss ja irgendwas in ihm stecken, das diese mentale Stärke bekräftigt. Ihm ist das Talent nicht nur in die Füße, sondern auch in den Charakter gelegt worden. Und auch dieses Talent kann er an junge Spieler weitergeben. Ich glaube, Miro kann ein sehr, sehr guter Trainer werden.

Deutschland wird Weltmeister 2018 mit Klose als Co-Trainer und Gómez als Stürmer.

Eine schöne Geschichte.

Traum oder realistisches Ziel?

Mit Deutschland ist es immer realistisch, Weltmeister zu werden. Vor allem mit der Mannschaft, die wir aktuell zur Verfügung haben. Aber ob es dann auch so kommt, hängt von so vielen Faktoren ab – unter anderem der Tagesform, die auf allerhöchstem Niveau einfach oftmals entscheidend ist. Für mich ist aber schon jetzt klar: Wir reisen als einer der üblichen Favoriten 2018 nach Russland.

Eine Reise, die dann womöglich Ihre letzte Reise als aktiver Fußballer ist.

Voraussichtlich wird es mein letztes Turnier werden. Irgendwie ist das auch so ein rundes Ding: Als ich 2014 verletzt zu Hause saß und nicht in Brasilien dabei sein konnte, habe ich mir immer gesagt: Eine EM und eine WM kommen noch für mich. Die lasse ich mir nicht mehr nehmen. Das war und ist auch weiterhin mein täglicher Antrieb. Bei der EM war ich schon mal dabei. Nun trage ich im Hinblick auf die WM eine große Zuversicht und auch Hoffnung in mir.

Wissen Sie noch, was Hoffnung auf Türkisch heißt?

Das wusste ich noch nie.

Umut.

Umut? Ich glaube, das Wort haben sie mir in der Türkei doch mal gesagt. Wollen Sie mit mir jetzt über meine Hoffnung für die Türkei sprechen?

Gerne.

Ich möchte mich an den großen politischen Diskussionen nicht beteiligen. Ich wünsche mir einfach für die Menschen in der Türkei, dass nach all den Unruhen jetzt wieder Normalität einkehrt. Ich wünsche mir Frieden. Nicht nur in der Türkei, weltweit!

Bereitet Ihnen die weltpolitische Lage generell Sorgen?

Es gibt ja immer so Zyklen. Es wurden irgendwann die Gemeinschaften gegründet: EU, NATO und so weiter. Sogar ganze Nationen haben sich zusammengeschlossen, weil man gemerkt hat: Zusammen ist man stark. Dann hat es lange ganz gut funktioniert. Jetzt hat man das Gefühl: Alle müssen sich mal austesten, reiben und streiten. Um dann zu merken, dass es doch nur zusammen geht. Ich hoffe, dass wir uns jetzt in dieser Phase befinden, die dann zu einem guten und friedlichen Abschluss kommt. Das ist mein großer Wunsch für die Zukunft.

Sie tragen also auch hier viel Hoffnung in sich?

Ich bin von Hause aus ein positiver Mensch. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Respekt natürlich, weil man die genaue Entwicklung momentan nicht abschätzen kann. Aber ich glaube, dass wir alle unter dem Strich erkennen, dass es eben nur zusammen geht und wir alle eins sind.

Lassen Sie uns den Fokus nochmal auf den Fußball richten. Warum ist Paris für Julian Draxler so viel besser als Wolfsburg?

Weil er dort befreit aufspielen kann. Ich glaube, dass er irgendwann in seinem Kopf hatte, dass er hier aus Wolfsburg weg muss. Ab dem Moment ist es dann schwierig, gut Fußball zu spielen. Das hat nichts mit  Wolfsburg zu tun. Wenn sich ein Spieler im Verein nicht wohlfühlt – egal, wo auf der Welt –, wenn er mit dem Kopf nicht mehr da ist, dann kann er nicht die Leistung bringen, zu der er eigentlich im Stande ist. Dass  Julian ein begnadeter Fußballer ist, wissen wir alle. Dass er große Dinge leisten kann, wissen wir auch. Für mich hat das auch gar nichts mit Paris zu tun. Es hat einfach damit zu tun, dass er jetzt da ist, wo er hin wollte und deswegen da auch gut Fußball spielen kann.

Ein anderer Nationalspieler, der auch einen Wechsel in der Hoffnung auf persönliche Verbesserung vollzogen hat, ist Mario Götze.

Ich wünsche ihm einfach nur, dass er schnell wieder zu 100 Prozent gesund und fit wird. Weil er einer der besten Spieler ist, die wir in Deutschland jemals hatten. Und von diesem Satz bin ich wirklich ganz, ganz tief überzeugt. Ich muss ganz oft an seine Trainingseinheiten im Vorfeld seines ersten Länderspiels 2010 in Schweden denken. Ich habe damals nur gedacht: ‚Leck mich am Arsch, was ist das denn?‘ Wo kommt der denn her? Der hatte mit 18 Jahren eine Selbstverständlichkeit in seinem Spiel, bei der ich mir dachte: ‚Hut ab. Da haben wir einen!‘

Im Basketball haben wir mit Dirk Nowitzki ebenfalls einen. Wie eng sind Sie wirklich mit ihm befreundet?

Freundschaft würde ich es nicht nennen, denn ich habe ihn erst einmal getroffen. Wir haben denselben Sponsor. Aus diesem Grund hatten wir 2015 auch das Champions-League-Finale zusammen gesehen, hatten ein tolles Wochenende in Berlin. Dirk ist ein lustiger, aufgeschlossener Typ. Er ist wahnsinnig interessiert an allem im Fußball, hat Miro Klose und mich während des Finales mit Fragen gelöchert. Manchmal saß ich da, habe ihn einfach nur angeschaut und musste schmunzeln. Dirk ist ein Unikat. Eine Erscheinung. Alle sagen über ihn, er sei so bodenständig. Und wenn man ihn dann erlebt, sagt man sich: Der ist wirklich so bodenständig. So normal, als ob er noch kein einziges NBA-Spiel gemacht hätte. Beeindruckend und ein Vorbild für jeden Sportler.

Und wer beendet als erster seine Karriere: Dirk Nowitzki oder Mario Gómez?

Ich weiß nicht, was der Lange vorhat. Lassen wir uns überraschen. Anscheinend wird er nie älter. Aber gefühlt mache ich noch länger.

Felix Seidel / Fatih Demireli

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