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Novak Djokovic: Eindringling wider Willen

Tennis-Ass Novak Djokovic hat eine erstaunliche Entwicklung hinter sich. Der Wandel eines unkonventionellen Underdogs zum Weltstar…

Autor: Jörg Allmeroth

In der Welt des Tennis-Wanderzirkus war er schon alles. Er war der ewig Verletzte, das Weichei, der Spaßvogel, der Klassenclown, der scheinbar Unvollendete. Und dann auch der grandiose Djoker, der Meister der Konstanz, der einsamste Nummer-1-Spieler aller Zeiten, der Seriensieger, der Triumphator, der alle vier Grand-Slam-Titel gleichzeitig in seinem Besitz hielt. Und ganz zuletzt, da war er auf einmal in der letzten seiner vielen Verwandlungen wieder der rätselhaft Schwächelnde, eine sportliche Sphinx, der Strauchelnde und Stolpernde aus höchsten Höhen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #6

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Nein, langweilig ist es einem wirklich nicht geworden mit diesem Novak Djokovic, mit einem Spieler, den einst seine Entdeckerin Jelena Genčić als „goldenes Kind“ bezeichnete. Mit einem, der den Wirren des Balkankrieges entfloh und später auszog, die Tenniswelt für sich zu erobern. Und der, als Eroberer der Macht von Roger Federer und Rafael Nadal, auch automatisch eine polarisierende Figur wurde. Wer das Wort Hassliebe im Zusammenhang mit dem Höchstbegabten aus Belgrad verwendet, meint wohl, dass es zwei schroff gegeneinander stehende Fraktionen gibt. Die eisernen Anhänger des Maestro Federer und des Matadors Nadal, die Djokovic immer als eine Art Eindringling in die duale Machtstruktur betrachteten. Und jene, die den aufstrebenden Djokovic als willkommene Bereicherung in der Führungsspitze sahen, als einen, der mit einer gewissen Langeweile dort droben auf dem Gipfel aufräumte.

Das Kuriose dabei ist: Djokovic möchte am liebsten genau so sein wie Federer und Nadal, wie diese beiden Übefiguren der Branche und herausragenden Botschafter ihres Sports. Vieles, sehr vieles, was Djokovic in den letzten Jahren tat und ließ, war einem übergeordneten Ziel geschuldet – ähnliche Liebe und Zuneigung des Publikums zu gewinnen wie die beiden alten Helden. Größer, bedeutender zu werden als das Tennis selbst. Ein sinn- und zweckloses Unterfangen? Djokovic lässt sich so gut wie nie auf dieses Thema ein, er lobt Federer und Nadal stets nur in höchsten Tönen und fordert auf, „dass nur andere über mich und meinen Status urteilen sollen“: „Ich bin nicht der Richter über Novak Djokovic“, sagt Djokovic.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #6

Djokovic war nicht überzeugt von sich selbst

Vielleicht wird erst die Geschichte zeigen, wie Djokovic zu beurteilen ist. Seine persönliche Geschichte ist ja noch nicht auserzählt, er hat potenziell noch ein paar gute, möglicher Weise sogar beeindruckende Jahre vor sich. Was er bisher geschafft hat, ist imponierend genug – trotz aller Stör- und Nebengeräusche, die ihn immer wieder umgaben. Trotz mancher Anfeindungen in der Frühzeit seiner Laufbahn, in jener Epoche, in der er sich als Faxenmacher verdingte und an den Autoritäten kratzte, auch ohne die in Tenniskreisen gewohnte Etikette. Ein aufrührerisches Bürschchen war er schon damals, der junge Djokovic. Gerade mal 20, 21 Jahre alt, aber sich nicht zu schade, um schon auf den Centre Courts der Welt Leute wie Nadal, Roddick, Federer oder Frau Scharapowa zu verulken. Man kann die Mitschnitte dieser Djokovic-Auftritte heute noch bei YouTube bestaunen, etwa bei den New Yorker US Open, aber man staunt eben auch, wie sehr sie aus der Zeit gefallen sind – wie sehr Djokovic sich plötzlich auf allen Ebenen zu einem grundseriösen Professional verwandelte. Wie sehr er sich selbst Jux und Tollerei austrieb. „Irgendwann war das Ganze nur noch zwanghaft. Ich reiste zu einem Turnier, und früher oder später kam irgendein Moderator oder Platzansager und sagte: Mach doch mal den Nadal, mach doch mal die Scharapowa. Da dachte ich mir: Zeit, damit aufzuhören.“

Djokovic hatte mit manchen Sticheleien und Provokationen durchaus für Unruhe im Esta- blishment gesorgt, bei den hohen Herren aus der Schweiz und Spanien. Doch so sehr diese Nadelstich-Politik auch Erfolg hatte, ihm selbst, dem Emporkömmling, fehlte noch der letzte Glaube an eine Machtübernahme. Überzeugt war er nicht von sich selbst, nicht jedenfalls in den paar Matches, die über den Gehalt eines ganzen Jahres entscheiden – bei den Grand Slams im Halbfinale oder Endspiel: „Wenn ich auf den Platz ging gegen Roger und Rafa, dann war diese hundertprozentige, diese allerletzte Überzeugung nicht da. Ich hatte schlicht zu viel Respekt“, sagt Djokovic, „irgendwann erkannte ich, dass es tatsächlich nur an mir selbst liegt. Ich musste, das war die Notwendigkeit, mein ganzes Leben im Tennis auf den Kopf stellen.“

Das Beste sollte noch kommen

Djokovic veränderte sich so radikal wie kein zweiter Spieler in der modernen Tennis-Historie. Zwar auch neben dem Platz, da wurde er zum geschliffen parlierenden Diplomaten, der sich in mehreren Sprachen druckreif über Gott, die Welt und das Tennis ausließ. Aber vor allem auf dem Platz. Er, der zuvor pausenlos Lahme  und Lamentierer, der Spaßvogel ohne letzte sportliche Bedeutung, wurde zum verblüffenden Iron Man? Wenn man ihn in der Blüte seiner Berufszeit sah, mit den flinksten Beinen aller Spieler im Wanderzirkus, mit einer Ausdauer- und Willenskraft, die sogar Spieler wie Nadal übertraf, dann dachte man oft, es könne sich nicht um ein und denselben Spieler handeln. „In dieser Umbruchphase habe ich eigentlich alles verändert in meinem Leben, nur meine Frau, die ist zum Glück geblieben“, sagt Djokovic, „meine Schläge, meine Strategie auf dem Platz, meine Ernährung, mein Fitnesstraining – alles wurde neu. Und besser.“

Mit dem anderen Körpergefühl baute sich bei Djokovic auch langsam, aber unaufhaltsam, jenes Selbstbewusstsein auf, das nötig war, um zwei der Allzeitbesten seines Sports, Federer und Nadal, aus ihrer Wohlfühlzone zu stoßen – und sie schlussendlich auch von ihren angestammten Positionen 1 und 2 zu verdrängen. Der Djokovic des ersten Prunkjahres 2011 etwa war plötzlich nicht mehr nur auf Augenhöhe mit dem eleganten, selbstgewissen Maestro aus der Schweiz und mit dem kraftstrotzenden Muskelprotz aus Mallorca, sondern ein gutes Stück voraus. „Er hat das Spiel damals bereits auf einen unglaublichen Level gehoben“, sagt der australische Coach und Analytiker Darren Cahill, „das war ein Tennis, wie man es vorher noch nicht gesehen hatte.“ 

Freilich sollte das Beste noch kommen, später in seiner ungewöhnlichen Karriere. In der gemeinsamen Zeit mit dem Cheftrainer Boris Becker, in der Ära „Beckovic“, in drei Jahren der beispiellosen Siegesserien. „Er ist der absolute Souverän im Circuit gewesen“, sagt der Amerikaner John McEnroe, selbst einst die Führungs gur der Szene, „und er hat auch die Anerkennung bekommen, die er verdiente. Die, die ihn früher auspfiffen, bewunderten ihn plötzlich.“ Zwar war Djokovic nicht der bedingungslos Geliebte, auf einer Stufe mit Eurer sentimentalen Majestät Federer, aber doch eine Respektsperson – einer, der neben sportlicher Grandezza auch mit den richtigen Fairnessgesten und den passenden Worten überzeugte. Als Nummer 1 des Sports machte er eine gute, über die Jahre immer bessere Figur.

Wohin führt Djokovics Weg?

Auf den Centre Courts war sowieso nicht an ihm herumzudeuteln. Und zwar vor allem, weil er seine Brillanz nicht nur in blitzlichtartigen Momenten aufschimmern ließ, sondern in einer atemraubenden Konstanz über Wochen und Monate. „Du siehst seine Bilanz und denkst: Ist der Kerl verrückt? Ist das wahr?“, sagt Boris Becker, der sich schon vor seinem Amtsantritt gewundert hatte, „was aus dem mageren Bürschchen geworden ist, das dauernd verletzt war“. Nichts weniger als ein Mann, der seine Gegner mit einer uner- schütterlichen Zuversicht und Hartnäckigkeit aus dem Weg stieß, einer, der absolut keine Zweifel mehr kannte nach seiner rasend xen Transformation zum eisernen Fighter, zum nahezu Unantastbaren. 2015, im größten Traumjahr seiner Karriere, ließ sich die komplette Saison eigentlich auf zwei Worte verdichten: Novak Djokovic. „Es ist eigentlich unnormal, was ich da spiele“, sagte Djokovic damals, „aber es ist wunderschön.“

Die letzte Volte in seinem Berufsleben kam – ausgerechnet oder doch nicht ganz überraschend – in einem Moment der Vollendung. Viele Jahre war Djokovic vergeblich dem Titel im Stadion Roland Garros zu Paris nachgelaufen, im roten Sand platzten wiederholt seine Träume, den letzten noch fehlenden Major-Pokal zu gewinnen. Das selbstbewusste, eigensinnige Publikum pfiff lange auf ihn, feierte jene, die ihn aus allen Hoffnungen stürzten. Doch seine Siegeskampagne 2016 war von Sympathie begleitet – Djokovic hatte nach dem Eindruck der Fans genug und ausreichend hart gelitten, um sich nun den Beifall verdient zu haben. Schließlich, er war gerade Champion geworden, malte der Djoker ein großes Herz in die „terre battue“. Und wusste noch nicht, dass in diesem Triumph schon ein Stück der kommenden Mühsal angelegt war, eines doch heftigen Absturzes.

Der Mann, der eben noch alles im festen Griff gehabt hatte, der im ersten Halbjahr 2016 so gut wie kein wichtiges Spiel verlor, dieser Mann war jäh nur noch ein mattes Abbild seiner selbst. „Er wirkte auf einmal ausgelaugt, ohne klare Ziele. Er stellte sich die Frage: Wo soll es von hier aus für mich hingehen. Es war eine Sinnkrise, eine Motivationskrise“, sagt Beobachter Mats Wilander. Jedenfalls verlor Djokovic danach nicht nur wichtige Titel, sondern auch Platz 1 in der Welt. Der Außergewöhnliche wurde, vorübergehend allemal, wieder zum gewöhnlichen Pro – eingefangen von irdischer Schwerkraft. „Er hat auch nicht mehr so trainiert wie vorher. Da hat er einige Schwächen offenbart, war nicht mehr so mit dem Herzen bei der Sache“, sagt Becker, der das Team Djokovic zum Ende der vorigen Saison verließ. Dem deutschen Chefcoach hatte vor allem missfallen, dass sich Djokovic eher esoterischen Ideen und einer Figur wie dem Spanier Pepe Imaz zuwandte, einem früheren Spieler, der in Tenniskreisen auch der Kuschelguru genannt wurde.

Kuschelig war es zuletzt allerdings nicht mehr so sehr für Djokovic, wenn er auf einen der großen Tennisplätze marschierte. Zu besichtigen war da einer, dessen Spiel keine innere Harmonie mehr ausstrahlte, auch keine unverbrüchliche Zuversicht. Die Frage, wohin sein Weg führt, der Weg des wieder rätselhaften Djokers, ist eine der großen Fragen für dieses Jahr. Und für die Tennis-Zukunft überhaupt.