Archiv für die Kategorie: Wintersport

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Adam Małysz: „Nun haben wir alles“

Am Anfang war nur Adam Małysz. Mittlerweile hat Polen im Skisprung eine Mannschaft, die sogar Titel holt. Der Weg war aber kein einfacher, wie Małysz in Socrates erzählt.

Autor: Ozan Can Sülüm

Herr Małysz, am Anfang Ihrer Karriere waren Sie der einzige Skispringer in Polen. Sie hatten keine Mannschaft, keine geeigneten Anlagen und einen tschechischen Trainer. Jetzt ist das genaue Gegenteil der Fall: Polen hat alles.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #16

Ich war nicht ganz alleine, es gab noch andere Athleten in der Nationalmannschaft. Aber, dass wir nicht so viel gehabt haben, stimmt schon. Verglichen mit dem, was die heutigen Mitglieder der Nationalmannschaft zur Verfügung haben, waren wir damals noch Amateure. Irgendwann mussten wir sogar eine Spendenaktion unter den Einwohnern Wislas Małysz Heimatstadt, Anm. d. Red.) organisieren, um mir zu ermöglichen, zu einem Wettbewerb zu fahren. Die Nationalmannschaft besaß ein Handy und einen Bus. Jetzt haben wir im Grunde genommen alles: Spitzenausrüstungen, Autos und Zugang zur neuesten Technologie. Es wurden in Polen ein paar moderne Sportstätten gebaut, sodass wir nicht mehr im Ausland trainieren müssen. Wir haben tolle Sponsoren und die Athleten sind echte Profis. Unsere Mannschaft wurde zu einem Trendsetter. Seit geraumer Zeit guckt die ganze Welt auf uns Polen und nicht umgekehrt. Das polnische Skispringen heute und vor zwanzig Jahren sind zwei völlig verschiedene Welten. Aber ich bin wirklich der Meinung, dass dieser Sport seine gegenwärtige Stellung in Polen verdient. Ich bin stolz auf die Situation in unserem Land, aber auch darauf, dass die Entwicklung des Skispringens in Polen zum Teil auf meine Kappe geht.

Sie sagten, dass Sie aufgrund zahlreicher Regeländerungen Ihre Karriere als Skispringer beendeten. Denken Sie, dass das Skispringen sich dem Fernsehen anpasst, sprich, ist das Ganze ausschließlich kommerzieller Natur oder sind diese Regeländerungen notwendig?

Meiner Meinung nach machen die ganzen neuen Regeln Skispringen undurchschaubarer und unverständlicher für die Fans. Selbst wenn sie zu Hause vor dem Fernseher sitzen, haben die Zuschauer keinen Zugang zu all den Informationen, und aus diesem Grund ist die Gesamtwertung nicht ganz klar. Früher war es recht einfach: Wichtig waren die Distanz und die Punkte für den Stil. Heutzutage reicht es nicht, weit zu springen, denn der Computer kalkuliert andere Faktoren mit ein. Mir gefällt das nicht. Außerdem bin ich auch kein Fan der jüngsten Regeländerungen, also der obligatorischen Teilnahme an der Qualifikationsrunde für alle. Die besten Springer haben zusätzliche Verantwortungen gegenüber den Medien oder den Organisatoren der Wettbewerbe, sodass sie schließlich Zeit verlieren, die für Erholung und Regeneration notwendig wäre. Offenbar bedeutet die Teilnahme der besten Springer an der Qualifikationsrunde einen extra Sendetag für das Fernsehen und die Werbung und mehr Attraktion für die Zuschauer, aber diese Marketing-Argumente überzeugen mich nicht.

Horngacher ist ein exzellenter Trainer

Nachdem Sie Ihre aktive Karriere beendet hatten, waren Sie Direktor der polnischen Mannschaft bei der U23-Weltmeisterschaft in Erzurum. Danach gaben Sie diesen neuen Weg eingeschlagen, der Sie nach Dakar führte?

Zu einem gewissen Grad ging es darum, meinen Kindheitstraum wahr werden zu lassen. Ich habe mich schon immer für den Motorsport interessiert und hinzukommt, dass ich irgendwann ein SUV fuhr. Jeder weiß, wie legendär Dakar ist. Als ich die Möglichkeit bekam, diese Herausforderung anzunehmen, entschied ich mich dafür. Es war nicht einfach und manchmal war mir beim Fahren zum Heulen zumute. Aber ich tat mein Bestes, um mich auf jede Etappe vorzubereiten, und war fest entschlossen, sodass ich selbst in den hoffnungslosesten Situationen nicht aufgegeben habe. Und ich denke darüber nach, Dakar noch eine Chance zu geben.

Nun sind Sie wieder Direktor der Nationalmannschaft und arbeiten mit Stefan Horngacher zusammen. Sie führten Polen sowohl beim Nationencup als auch individuell zu einem bedeutenden Erfolg. Was steckt hinter diesen Ergebnissen?

Es gibt mehrere Gründe. Neben den Athleten gibt es eine ganze Reihe Menschen, die hart arbeiten, damit unsere Nationalmannschaft gute Ergebnisse erzielen kann Trainer, Physiotherapeuten, Biomechaniker und Leute, die sich um Anzüge, Ski, Stiefel und technische Verbesserungen kümmern. Jedem Mitglied wurde eine spezifische Rolle zugewiesen, ohne dessen Unterstützung hätten die Anderen eine schwierigere Arbeit. Trainer Horngacher setzt unter all das seine Unterschrift und er ist selbstverständlich ein großartiger Experte, aber ich denke, dass Teamwork unheimlich wichtig ist. Doch lassen Sie mich nochmals betonen, dass ich Stefans Fertigkeiten nicht schmälern will. Er ist ein exzellenter Trainer. Es war sogar meine Idee, ihn einzustellen. Ich kannte ihn und seine Methoden, da er bereits in Polen mit den Junioren gearbeitet hatte. Bevor er sich entschied, wieder in Polen zu arbeiten, war er einer der Assistenten des Trainers der deutschen Nationalmannschaft gewesen. Dort hatte er viel dazu gelernt. Ich bin froh, dass er beim polnischen Skispringen gelandet ist.

Wie wichtig ist es, in der Nationalmannschaft so einen Trainer wie Stefan Horngacher zu haben, der mit Kamil Stoch, Stefan Hula und Dawid Kubacki gearbeitet hat, als sie noch Teenager waren?

Zweifellos war es anfangs einfacher für die Jungs, mit Horngacher zu arbeiten, da sie ihn kannten und er kein völlig Fremder für sie war. Sie brauchten keine Zeit, um ihm zu vertrauen und manche seiner Methoden zu akzeptieren. Andererseits ist schon einige Zeit vergangen, seit unsere Junioren zu Profis wurden, und vieles hat sich geändert, zum Beispiel was ihre Technik angeht. Auch die Ausrüstung ist anders. Es gab Dinge über sie, die Stefan wieder lernen musste. Aber er weiß, wie er zu ihnen durchdringen kann. Zum Beispiel kommt er mit Piotr Zyla klar, der auf niemanden hörte, wenn es um seine spezifische Anlaufposition ging. Mit Lukasz Kruczek, Jan Szturc oder mir zu sprechen, hatte nichts gebracht. Aber Stefan hat es mit ihm sofort geklärt. Er erwies sich als sehr effektiv. Es ist eindeutig, dass er eine Autorität darstellt und die Jungs ihm vertrauen.

Kamil Stoch hat meine Erfolge übertroffen

Leute haben angefangen, Kamil Stoch mit Ihnen zu vergleichen. Er ist einer der allen fünf Titeln vollenden könnten. Zudem ist er zweifacher Olympiasieger…

Es ist schwierig, Athleten aus verschiedenen Zeiten miteinander zu vergleichen. Kamil musste lange auf Erfolg warten. Im Grunde genommen erzielte er seine größten Erfolge, nachdem ich aufgehört hatte. Vor nicht allzu langer Zeit sagte ich, dass Kamil meine Erfolge übertroffen hat, denn er besitzt einen Weltmeisterschaftstitel, hat die Kristallkugel für den Gesamtsieg beim Weltcup gewonnen und zwei olympische Goldmedaillen geholt. Und ich bin immer noch derselben Meinung. Außerdem hat er gezeigt, dass er mit schlechteren Perioden gut umgehen kann. Die Verletzung hat ihn nicht beeinflusst, er war in der Lage, sich wieder hochzuarbeiten. Es besteht kein Zweifel, dass Kamil es einfacher hat als ich. Zu meiner Zeit hatten wir keine so starke Nationalmannschaft. Ein Podiumsplatz war ein Traum und dazu noch einer, der äußerst schwer zu erreichen war, wohingegen die Jungs jetzt regelmäßig auf dem Podium landen und einige Weltmeisterschaftsmedaillen besitzen. Und wenn sie die Mannschaftswettbewerbe nicht gewinnen, rümpfen die Fans die Nase darüber und versuchen nicht einmal, ihre Enttäuschung zu verstecken. Der Anführer spürt weniger Druck. Wenn Kamil einen schlechten Tag hat, nimmt Maciej Kot oder Piotr Zyla seinen Platz ein, sogar David Kubacki kann gute Leistungen bringen. Sie sind dann diejenigen, die glänzen und zu den Medien sprechen, während Kamil in Ruhe trainieren und wieder in Form kommen kann.

Noriaki Kasai und Janne Ahonen sind mittlerweile über vierzig Jahre alt, aber teilnehmen. Haben Sie jemals gedacht, dass Sie das mit über vierzig Jahren tun könnten?

Nein, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Aber ich hätte meine Karriere niemals so lange verlängert. Mit der Zeit wurde es schwerer und schwerer. Nur ich weiß, wie viel Arbeit es mich kostete, auf dem hohen Level zu bleiben, das ich in der Regel an den Tag gelegt habe. Skispringen ist mit einer strengen Diät verbunden. Mit der Zeit musste ich immer mehr trainieren, aber mein Körper fing an, zu revoltieren. Kleine Verletzungen häuften sich immer mehr. Ich begann allmählich zu begreifen, dass ich von dieser harten Arbeit genug hatte. Zudem wollte ich Abschied nehmen, solang ich noch in Form war. Ich hatte kein Interesse am Springen um seiner selbst willen, an dem Kampf um die Qualifikation oder darum zu ringen, dass ich den zweiten Durchgang erreiche. Noriaki ist ein wahres Phänomen, aber er wird deutlich langsamer. Er setzt immer mehr Sprünge aus, um für den richtigen Wettbewerb Energie zu sparen. Wenn wir auf mich zurückkommen: Mir war es lieber, meine Karriere zu beenden, während ich noch an der Spitze war – wie mein Idol Jens Weißflog.

Die Grenze von 300 Metern ist zu erreichen

Jetzt dauert die Weltcupsaison länger und es gibt viele neue Spitzenturniere wie aussieht, dass die FIS neue Wettbewerbe im Stile der Vierschanzentournee zu etablieren versucht. Sind Sie der Meinung, dass Geld und Sponsoren die Macht über den Kalender an sich reißen werden?

In jeder Sportart, auch in Winterdisziplinen, suchen die Organisatoren nach Möglichkeiten, die Wettbewerbe interessanter und aufregender zu gestalten. Das Gleiche passiert auch beim Skilanglauf, wo Vorbereitungen unternommen wurden, um von der klassischen Technik Abstand zu nehmen. Die FIS zieht in Betracht, die Sprints in dieser Kategorie abzuschaffen. Die olympischen Spiele tendieren dazu, eher trendige und interessante Sportarten zu umfassen als traditionelle. Das können wir nicht aufhalten. Zum Glück gibt es keine drastischen Änderungen beim Skispringen – zumindest bisher nicht. Wir müssen nur mit Kalkulationen und Faktoren fertig werden, die mir nicht gefallen. Neue Turniere sind aufregend und erregen großes Interesse. Das ist das, was ich jetzt denke. Aber in nicht allzu langer Zeit werden wir sagen können, ob sie einen festen Termin im Kalender darstellen werden. In Polen gab es die Idee, einen Wettbewerb in einem Stadion zu veranstalten. Bis vor kurzem wäre es unvorstellbar gewesen, die Saison mitten im November zu eröffnen, aber wir haben es geschafft, ein Event wie das in Wisla zu veranstalten. Es wurde sogar signalisiert, dass die Weltcup-Eröffnung auf Oktober vorgezogen werden könnte. Also sind nicht alle Neuigkeiten und Innovationen schlecht und sie sollten nicht unbedingt sofort kritisiert werden. Klar sind die Raw-Air- und Willingen-Serien ermüdend oder sie werden es sein, doch die Tour de Ski beim Skilanglauf ist ebenfalls erschöpfend und viele Leute beschweren sich über die Serie, aber jedes Jahr ist die Startliste voll mit großen Namen. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendein Event die Vierschanzentournee ersetzen könnte. Der Wettbewerb ist so prestigeträchtig, dass er einfach in den Kalender gehört.

Einst sagten Sie, „Schlieri wird unbrechbare Rekorde erzielen“, aber seitdem hat sich viel für Gregor Schlierenzauer geändert…

Ich hoffe, dass Gregor zu seiner großartigen Form zurückfinden wird. Er ist immer noch ein exzellenter Athlet. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war es für ihn so einfach, zu gewinnen, dass er außerhalb unserer Reichweite zu sein schien. Es stellte sich heraus, dass die Wirklichkeit ein bisschen anders war, als wir sie aus unserer Perspektive wahrgenommen haben. Schade, dass es für ihn so kam. Ich frage mich, ob er wieder das Formniveau von vor ein paar Jahren erreichen wird. Dass es ihm nicht an Motivation mangelt, habe ich gelesen und gehört. Gleichzeitig weiß ich aber, dass es schwierig ist, nach einer so langen Pause wieder das Level zu erreichen, das Schlierenzauer einmal hatte. Ich wünsche ihm alles Gute, denn die Wettbewerbe sind mit ihm viel interessanter.

Zu Ihrer Zeit war Planica der größte Hügel. Nun gibt es drei HS225-Hügel und der Weltrekord liegt weit jenseits der 250 Meter. Was denken Sie über die Grenzen von Skispringern?

Ich glaube, dass die Grenze von 300 Metern wirklich zu erreichen ist. Längere Sprünge werden schwieriger sein. Ein solcher Sprung dauert lange und die Muskeln, die völlig gebogen sein müssen, damit man in der Luft seine Position aufrechterhalten kann, würden es vielleicht nicht schaffen. Die Athleten würden durch solche Flüge jegliche Freude verlieren und leiden. Andererseits werden die Springer durch das Streben nach größeren Distanzen angetrieben. Piotr Zyla sagte einst, dass er so weit springen wolle, dass eine Landung unmöglich würde. Das ist sein Traum. Ich denke, auch andere träumen von Rekord-Sprüngen und wären bereit, einiges zu opfern, um dieses Ziel zu erreichen.

Noriaki Kasai ist ein Phänomen

Zurück zu den Olympischen Spielen. Simon Ammann hat sie bei zwei Ausgaben der Spiele vier Mal besiegt und Sie davon abgehalten, die größte Goldmedaille zu gewinnen, die Sie hätten gewinnen können. Sind Sie sauer auf ihn?

Nein, wir sind gute Freunde. Das ist, was Sport ausmacht. Es ist ein unglücklicher Zufall, dass ich bei Olympia beide Male in bester Form war und um die Goldmedaille kämpfen sollte und dass Simi sogar noch besser war als ich. Es ist kein Geheimnis, dass diese Medaille und der Titel des Olympiasiegers für mich einen großen Traum darstellten. Ich würde gerne ein paar Silber- gegen eine Goldmedaille tauschen, aber es gibt überhaupt nichts mehr, was ich heute dafür tun könnte. Ich mag Simon sehr und freue mich jedes Mal, wenn ich ihn treffe und mit ihm spreche. Ich bewundere seine Ausdauer und seine positive Lebenseinstellung.

Statistisch gesehen ist das Durchschnittsalter der Starter in den letzten sechs Jahren um ungefähr vier Jahre gesunken. Wie analysieren Sie das?

Das ist wegen der ganzen Regeländerungen. Junge Athleten passen sich neuen Regeln einfacher an. Die älteren Springer kostet es mehr Arbeit und größere Opfer. Die obligatorische Qualifikationsrunde wurde vor kurzem zum Teil auch deswegen eingeführt, um junge Springer zu fördern. Sie bedeutet einen weiteren Wertungssprung, was dazu führt, dass ältere Springer vielleicht einen ihrer Trainingssprünge ausfallen lassen, um sich auszuruhen und Energie zu sparen. Im Allgemeinen liegt die Erfolgsgrenze bei 32, 33 Jahren, während das optimale Alter für die erste Teilnahme am Weltcup bei 20 bis 22 Jahren liegt. Der Erfolg jüngerer sowie älterer Springer ist eine Glückssache. Noriaki Kasai, von dem wir vorhin gesprochen haben, ist ein Phänomen unter den älteren Athleten. Die Jungen? Es gibt tatsächlich Teenager, die wie aus dem Nichts auftauchen, das sind aber Sonderfälle. Domen Prevc könnte an dieser Stelle ein gutes Beispiel darstellen: Er glänzte am Anfang der letzten Saison, aber bei den wichtigeren Sprüngen erreichte er nicht viel und jetzt schafft er es für den Weltcup nicht einmal in die slowenische Nationalmannschaft.

 
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Marcel Hirscher: Ungebrochener Siegeswille

Der Österreicher Marcel Hirscher ist einer der besten Skirennläufer und selbst eine große Verletzung hat ihn zu Beginn der Saison nicht zurückgeworfen. Auch sein Siegeswille ist ungebrochen.

Interview: Ozan Can Sülüm

Herr Hirscher, nachdem Sie sehr lange Zeit verletzungsfrei waren, haben Sie sich kurz vor der olympischen Saison den Knöchel gebrochen. Ein Olympiasieg ist das Einzige, was in Ihrer Karriere noch fehlt. Waren Sie nervös, weil Sie die Olympischen Spiele hätten verpassen können?

Dieses Interview erschien in Ausgabe #16

Natürlich war mein erster Gedanke: „Ach, verdammt!“ – allerdings nicht wegen der olympischen Saison. Tatsache ist jedenfalls, dass genauso wie jeder andere auch ich mich nicht verletzen will. Also war ich nicht erfreut darüber. Aber zumindest hatte ich das Glück, eine unkomplizierte Fraktur zu haben und dass nicht mal eine Operation notwendig war. Deswegen konnte ich mein Krafttraining nach kurzer Zeit wieder fortsetzen und habe dadurch nicht viel an Stärke verloren. Es war eine Art Auszeit. Zum Teil brauchte ich das vielleicht sogar. Mental gesehen geht es mir ziemlich gut.

Durch die Verletzung haben Sie einen Großteil des Sommertrainings verpasst. In Levi hatten Sie einen langsamen Start erwartet, waren nach dem ersten Durchgang Vierter, aber am Ende wurden Sie Siebzehnter. Dachten Sie, dass alles nach Plan lief, oder waren Sie besorgt?

Sorgen würde ich niemals mit mir in den Wettbewerb schleppen. Ehrlich gesagt, hatten wir nur gehofft, dass ich den zweiten Durchgang erreiche. Mission erfüllt.

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel behauptete, dass Sie vielleicht zu früh angefangen hätten, wieder zu trainieren, und Ihre Antwort war: „Was bedeutet zu früh? Wer außer mir könnte das wissen?“ Hat dieses Statement Ihre Beziehung zum ÖSV beeinflusst?

Überhaupt nicht. Peter ist ein professioneller Präsident und er ist sich der Tatsache bewusst, dass Athleten manchmal unterschiedliche Meinungen haben. So geht es mir auch.

ÖSV-Direktor Hans Pum sagte, dass Ihre Rückkehr aufmunternd sei. Obwohl die österreichische Männermannschaft richtig erfolgreich ist, war die Frauenmannschaft letzte Saison ungefähr eintausend Punkte hinter Italien und das größtenteils wegen Verletzungen. Spüren Sie den Erwartungsdruck wegen allem, was bei den Olympischen Spielen von der Männermannschaft erwartet wird?

Ich spüre eigentlich einen niedrigeren Druck als in den vergangenen Jahren. In der olympischen Saison ist der Medienrummel natürlich größer, aber ich denke, dass sowohl die Mannschaft als auch die einzelnen Athleten damit sehr gut umgehen. Und immerhin wissen wir alle, dass der Erfolg des ÖSV definitiv nicht allein von mir abhängt.

Das war das erste Mal, dass Hirscher einen Traum dieser Größenordnung verwirklichte

Zwischen achtzehn und zwanzig Jahren erreichten Sie großes mediales Aufsehen, indem Sie als Teenager dreifacher Jugendweltmeister beim Slalom und Riesenslalom wurden. Gleichzeitig debütierten Sie beim Weltcup. Wie würden Sie jene Jahre beschreiben?

Auf jene Zeit zurückzublicken, macht mich irgendwie immer noch sprachlos. Das war das erste Mal, dass ich einen Traum dieser Größenordnung verwirklichte. Ich dachte wirklich, „Ich hab’s geschafft!“, und gleichzeitig dachte ich schon damals größer. Na ja, ich denke, dass es recht gut funktioniert hat.

Sie haben 2009 in Garmisch bei der Super-G-Junioren-Weltmeisterschaft eine Silbermedaille gewonnen, aber Ihr erster Super G im Weltcup kam erst 2015. Gab es einen besonderen Grund dafür?

Ja, klar! Offensichtlich war ich nicht früher dazu bereit und beim Weltcup gab es natürlich einige exzellente Skirennläufer, die schneller waren als ich. An jenem Tag waren alle Voraussetzungen erfüllt, sodass ich meinen ersten Super-G-Sieg erringen konnte. Das war’s.

Fühlen Sie, dass Ihre Karriere in die Falle technischer Disziplinen geraten ist, oder war es eine strategische Entscheidung, sich auf Slaloms zu spezialisieren, um die Gesamtwertung zu dominieren?

Mir ist es nie eingefallen, die Sache so zu betrachten. Es gibt gar keine Falle. Die Entscheidung, ein technischer Profi zu werden und meine Zeit darin zu investieren, diese Fertigkeiten weiterzuentwickeln, war eine natürliche, zu der es kam, als ich noch ein Kind war. Zudem bin ich, wie Sie sehen, weder groß noch wiege ich viel, was für eine Abfahrtskarriere von Vorteil wäre.

Alpiner Skilauf ist wohl der Wintersport, der medial am meisten Aufmerksamkeit erfährt. Aber es gibt eher selten Unruhe. Haben Sie nach Ted Ligetys Verschwörungstheorie, dass zwischen Ihrer Verletzung und der Absage des ersten Events ein Zusammenhang bestünde, gespürt, dass es dafür tiefergehende Gründe aus den vergangenen Saisons geben könnte?

Nein, glaube ich nicht. Für uns professionelle Athleten zählen jeder Wettbewerb und jeder Punkt und natürlich wollen wir an jedem Wettbewerb teilnehmen und aus diesem Grund setzen wir uns selbst unter Druck. So glaube ich, dass wir alle irgendwelche Verschwörungstheorien parat haben. Was denken Sie? Dass ich am Träumen war, als mich eine Drohne auf der Piste fast getroffen hat?

Marcel Hirscher: "Ich muss nichts beweisen"

Wenn wir bei der Medienaufmerksamkeit bleiben: Alpiner Skilauf ist ein sehr populärer Sport in Österreich, wenn nicht gar der populärste. Haben Sie den Eindruck, dass jeder Ihrer Schritte und jede Ihrer Bewegungen kritisiert wird?

Nicht jeder Schritt, aber vielleicht zu viele. Ich denke, das ist der Preis, den man zahlt, wenn man eine Person des öffentlichen Lebens ist. Und die Liste der Vorteile der Berühmtheit ist definitiv länger als die der Nachteile. Ich bin sehr froh, dass wir in Österreich keine Paparazzi und größtenteils respektvolle Fans haben. Und was Kritik betrifft: Ich habe mit ihr umzugehen gelernt.

Die meisten Comebacks in Ligety kamen aus dem ÖSV und den Trainern usw. Die österreichische Mannschaft sieht von außen undurchschaubar aus. Ist das einer der Gründe für den Erfolg beim Wintersport?

Vielleicht. Ich denke, dass auch die Fan-Community dafür verantwortlich ist. Österreicher sind besessen vom Ski, egal, ob sie selbst Ski laufen oder es im Fernsehen verfolgen. Ich denke, all das ergab sich aus der Geschichte. Wir hatten schon immer gute Voraussetzungen, was den Schnee angeht, und die Möglichkeit, diesen Sport zu betreiben, die richtige Unterstützung und so weiter und so fort.

Meistens macht es Athleten nervös, vor der Weltmeisterschaft oder den Olympischen Spielen neues Material auszuprobieren. Sie sagten, dass es noch kleinere Probleme gebe mit Ihrem Knöchel und daher auch, mit noch ungewohnten Materialien zu trainieren. Wie weit würden Sie für einen Olympiasieg gehen?

Ich muss nichts beweisen und würde für eine Medaille niemals meine Gesundheit riskieren. Ich bin ein Skirennläufer und will natürlich in PyeongChang meine beste Leistung zeigen. Aber es gibt noch einen weiten Weg bis dahin und eine Menge Aufgaben zu bewältigen, also werde ich hart arbeiten und mich in Geduld üben.

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Felix Loch: Nie genug

Felix Loch ist eigentlich ein alter Hase. Doch der Rennrodler strahlt wieder mal vor Aufregung und hat ein großes Ziel vor Augen. Nur diesmal ohne Experimente.

Autor: Ozan Can Sülüm

Die Saison der Olympischen Winterspiele 2018 hat begonnen und das wird Ihre dritte Teilnahme sein. Abgesehen davon, dass Sie der letzte Olympiasieger sind, lässt sich auch sagen, dass Sie auch noch erfahrener geworden sind und nun viel genauer wissen, was Sie erwartet. Sind Sie dadurch entspannter geworden? Oder spüren Sie immer noch die gleiche Spannung wie bei Ihren ersten Olympischen Spielen in Vancouver 2010, die Sie als der jüngste Olympiasieger verlassen haben?

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #14

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #14

Auch in der olympischen Wintersaison kommt es eigentlich vor allem darauf an, dass man möglichst entspannt in die Saison startet. Ja, natürlich steht man unter einer größeren Spannung. Auf unseren Schultern lastet eine größere Verantwortung und der Druck ist natürlich größer. Wie jeder andere Sportler auch, kann ich Pyeongchang kaum erwarten. Aber das erste Ziel stellen natürlich die ersten Weltcup- Rennen dar. Sie sind die erste Etappe der Saison und ohne dort zu gewinnen, kann man sich auf Olympia nicht gut vorbereiten.

Und wenn wir auf die Vorbereitungen zu sprechen kommen: Können Sie bei den Vorbereitungen davon pro tieren, dass Sie nun erfahrener sind?

Selbstverständlich. Wenn ich ehrlich sein soll, stehe ich am Anfang einer jeden Saison unter großer Spannung. Aber mit der Zeit habe ich gelernt, mich schneller zu entspannen. Wahrscheinlich hat das mit Erfahrung zu tun, denn ab und zu sage ich mir: ‚Das habe ich schon mal erlebt‘, und das hilft mir dabei, mich zu entspannen. Ich denke, dass Erfahrung beim Rennrodeln eine größere Rolle spielt als in anderen Sportarten. Wie Sie auch sagten, das sind nun meine dritten Olympischen Spiele und ich sollte sowieso ein bisschen entspannter sein.

In meinem Fokus steht mit Sicherheit Olympia. Jeder, der in der olympischen Saison eine andere Antwort auf diese Frage gibt, betrügt ein Stück weit sich selbst.
Felix Loch
Rennrodler

Sie haben von den Weltcup-Rennen gesprochen. Viele Athleten nehmen sich vor, in die olympische Saison langsam zu starten und ihren Rhythmus später – während der Spiele – zu steigern. So wie ich verstanden habe, wollen Sie genauso stark anfangen, wie Sie die Saison abschließen wollen. Gibt es bei Ihrer diesjährigen Saisonplanung eine Rangordnung zwischen Olympia und dem Weltcup?

In meinem Fokus steht mit Sicherheit Olympia. Jeder, der in der olympischen Saison eine andere Antwort auf diese Frage gibt, betrügt ein Stück weit sich selbst. Natürlich ist der Weltcup für mich sehr wichtig und ich werde alles geben, um zu gewinnen. Das steht nicht infrage. Das wichtigste Rennen der Saison findet aber am zehnten und elften Februar in Südkorea statt. Es gibt nichts Wichtigeres. Außerdem liegt die Schwierigkeit der Olympischen Spiele unter anderem darin, dass das Rennen zwei Tage dauert. Zwei Tage lang wird geprüft, ob man ein echter „Olympianer“ ist, und alles, was man in seiner gesamten Karriere gelernt hat, passt in diese beiden Tage hinein.

Zum zweiten Mal gehen Sie als Titelverteidiger nach Olympia. Es gibt in der olympischen Geschichte bisher nur eine Person, die drei Mal hintereinander im Einzel die Goldmedaille geholt hat, und das ist Georg Hackl, den Sie ja gut kennen. Denken Sie zu Saisonbeginn viel an die Rekorde, die Sie brechen können, und an das, was bevorsteht, oder gehören Sie eher zu denen, die lieber immer erst an den nächsten Schritt denken.

Rekorde nehmen in meinem Kopf nicht viel Platz ein. Es kommt meiner Meinung nach nicht auf Rekordversuche an, denn wenn man einen Rekord gebrochen hat, bedeutet das, dass man gleichzeitig auch etwas gewonnen hat, und dann ist der Rekord so etwas wie ein Bonus dazu. Rekorde bereiten mir vielleicht ein bisschen zusätzliche Freude. Andererseits waren Meisterschaftstitel bereits in meiner Kindheit natürlich das Ziel, das ich mir gesetzt habe. Ich wollte schon immer meine eigenen Fußspuren hinterlassen. Ich wollte mit meinem eigenen Stil gewinnen, unter die Meisterschaft meine eigene Unterschrift setzen und manch- mal kamen damit auch Rekorde – wie schön! Wenn wir auf Georg zurückkommen: Er ist ein großer Meister, für mich ist er ein großes Idol, ein Trainer, aber vor allem ist er für mich auch ein Meister, den ich meinen Freund nennen darf. Was er geschafft hat, kommt mir nach wie vor unglaublich vor.

Felix Loch hat aus seiner schlechten Saison gelernt

Sie sind erst achtundzwanzig Jahre alt und jetzt schon einer der Größten Ihres Sports. Man könnte sogar behaupten, dass Sie bereits in die Wintersport-Geschichte eingegangen sind. Mit fünfundzwanzig Jahren hatten Sie schon alle vier großen Goldmedaillen geholt, die Sie holen konnten. Wie motivieren Sie sich trotz all dieser Erfolge, Ihre Karriere fortzusetzen? Zum Beispiel hörten Wintersportler wie Gregor Schlierenzauer oder Magdalena Neuner, die in sehr jungem Alter in die Geschichte eingegangen waren, früh auf. Wie schaffen Sie es, sich noch Ziele zu setzen?

Als erstes möchte ich sagen, dass ich meinen Sport sehr liebe. Ich spüre immer noch jeden Morgen nach dem Aufstehen eine große Lust, zu trainieren und wenn ich ab und zu darüber nachdenke, merke ich, dass ich noch nichts habe, was ich lieber tun würde als Rodeltraining. Ich glaube, meine Liebe zu meinem Sport ist für mich die größte Motivation, die mir immer noch erlaubt, auf der Piste immer, selbst in jedem Training, hundert Prozent zu geben.

Nach fünf erfolgreichen Saisons haben Sie letzte Saison zum ersten Mal den Weltcup an Roman Repilow verloren. Lag das an Konzentrations- beziehungsweise Motivationsverlust oder gab es körperliche Ursachen dafür?

Es kam durch das Aufeinandertreffen mehrerer Faktoren dazu, dass ich letztes Jahr den Weltcup verlor. Unser Sohn Lorenz wurde geboren und wir sind umgezogen. Außerdem habe ich im Trainingslager der Nationalmannschaft sowie in meinen individuellen Trainings mit zu vielen neuen Materialien herumexperimentiert. Als wir auf die Ergebnisse unserer Experimente warteten, merkten wir leider zu spät, dass sie uns entgegen unseren Erwartungen in eine negative Richtung führten. Aber wir haben dieses Mal zu Saisonbeginn alle Faktoren analysiert. Es kommt darauf an, dass man aus einer schlechten Leistung oder Saison die notwendigen Schlüsse zieht. Nur so kann man sich weiterentwickeln. Und genau das haben wir getan.

Ich glaube, Ihr Vater und Trainer Norbert Loch meinte genau das, als er sagte: „Letzte Saison war eine Katastrophe, aber diese Saison werden Sie einen neuen Felix Loch sehen.“ Aber ist dieser neue Felix Loch der alte, uns bekannte Felix Loch oder werden Sie durch neue Trainingsmethoden zu einem komplett neuen, anderen Menschen?

Er redet natürlich vom „alten“ Felix. Mein Vater gehört zu denen, die unter der letzten Saison sehr gelitten haben. Nach unserer Zusammenarbeit scheiterten wir. Aus diesem Grund sagt er mir in jedem unserer Gespräche solche Sachen wie ‚Du sollst wieder so werden wie früher‘.

Es ist okay so wie es ist

Sie bezeichneten Ihren Sohn Lorenz als eine der Veränderungen in Ihrem Leben, die letzte Saison eine Rolle gespielt haben. Viele Wintersportler, die Kinder haben, leiden darunter, dass sie sie während der langen Saison kaum sehen können. Zum Beispiel Thomas Morgenstern. Um mit seiner Tochter mehr Zeit verbringen zu können, verzichtete er auf eine Saison voller langer Reisen und damit natürlich auf seine Sportkarriere. Wie wirkt es sich auf Ihr Leben aus, dass es nun Lorenz gibt?

Vor allem verändert die Vaterschaft an sich das Leben eines Menschen. Zum Beispiel: Nachdem ich letzte Saison krank, mit Fieber, von einer zweiwöchigen Tour im Fernen Osten zurückgekommen bin, sah ich ihn in seinem Bett schlafen und ich merkte, wie sehr meine Gefühle von der Freude verschieden waren, die ich normalerweise bei der Heimkehr empfinde. Vor den Rennen oder Reisen empfinde ich ein Vaterschaftsgefühl und mache mir Sorgen um ihn. Das ist etwas Neues für mich. Es ist ein Glück für uns, ihn zu haben, und er bedeutet mir viel mehr als alle meine Erfolge. Andererseits ist das aber mein Beruf. Ich bin ein Sportler und ich übe einen Beruf aus, den ich liebe. Natürlich ist es normal, dass ich häufiger als früher an meine Familie denke, aber ich versuche, das Ganze auch nicht zu sehr zu dramatisieren. Ich liebe sowohl meine Familie als auch meinen Sport von ganzem Herzen.

Natürlich gibt es noch Rekorde, die Sie brechen werden, aber haben Sie langsam angefangen zu planen, was Sie nach Ihrer aktiven Sportkarriere tun werden? Man weiß, dass Sie gerne Golf spielen und Kinder ausbilden. Werden diese Sachen in der Rente weitergehen?

Wenn ich nach der Rente immer noch Teil der deutschen Nationalmannschaft sein könnte, würde ich mich sehr glücklich schätzen. Es kommt mir so vor, dass ich der Nationalmannschaft nicht fern bleiben wollen würde, nachdem ich während meiner ganzen Karriere in ihr gedient habe. Allerdings, auch wenn ich mich der Rente ein paar Saisons angenähert habe, habe ich noch eine lange Zeit vor mir. Deswegen ist es für mich nicht wirklich möglich, dazu jetzt schon etwas zu sagen.

In der Welt des Wintersports bleibt das Rennrodeln meistens im Schatten von Ski Alpin, Biathlon und Skispringen. Halten Sie das Publikumsinteresse an diesem Sport voller Geschwindigkeit und Spannung, der den Zuschauern eine Menge Spaß bereitet, für ausreichend? Denken Sie, dass die Rennrodelsaison zu kurz ist?

Meiner Meinung nach hat der Weltcup loyale Zuschauer. Rennrodeln ist ein Sport, der den Zuschauern richtig Spaß macht, und ich denke nicht, dass es wirklich im Schatten anderer Sportarten bleibt. Und auch die Saison ist nicht zu kurz. Wir sind sowieso fast fünf Monate lang ständig unterwegs und das ist eine sehr anstrengende und ermüdende Zeit. Vor allem, wenn auch noch die Fernost- und Nordamerika-Touren hinzukommen. Außerdem sind September und März viel zu warm und daher ungeeignet zum Rennrodeln. Eine Saisonerweiterung liegt also meiner Meinung nach nicht im Bereich des Möglichen. Es ist okay, so wie es ist. Ich bin jedenfalls ganz zufrieden.

Eine letzte Frage: Momentan sind Sie einer der erfolgreichsten und berühmtesten Wintersportler Deutschlands. Sind Sie als Kind oder am Anfang Ihrer Profikarriere von einem so großen Erfolg beziehungsweise von einem so großen medialen Ruhm ausgegangen?

Niemals! Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich Weltmeister oder Olympiasieger werden würde. Natürlich träumte ich wie jedes andere Kind auch davon, dass ich erfolgreich würde, Meisterschaften gewinnen und ganz oben ankommen würde, aber all das, was ich bisher erreicht habe, wäre für mich unvorstellbar gewesen. Natürlich spielen zahlreiche Faktoren eine wichtige Rolle, es kommt also nicht nur auf mich an. Ohne die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, ohne die unglaubliche Unterstützung meiner Familie, Trainer und Sponsoren wäre all das nicht möglich geworden. Ich schätze mich glücklich dafür, dass ich es so weit gebracht habe, und all denen, die mir dabei geholfen haben, bin ich sehr dankbar.

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Olympia 2018: Das Socrates Special

Die 16. Ausgabe ist ab sofort im Handel! Wenige Tage vor dem Start der Winterspiele bringen wir ein Olympia Special. Im Fokus: Laura Dahlmeier, Viktoria Rebensburg, Adam Malysz, Marcel Hirscher, Felix Neureuther, u.v.m.

Die Themen dieser Ausgabe

Biathlon | Laura Dahlmeier: Bereit, viel zu opfern. Aber nicht alles.

Laura Dahlmeier ist das Aushängeschild des deutschen Biathlonsports. Ihre Akribie und Beharrlichkeit können für Wegbegleiter anstrengend sein. Für ihren Erfolg sind sie aber unabdingbar. Ein Porträt.

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Skisprung | Adam Małysz: „Nun haben wir alles“

Am Anfang war nur Adam Małysz. Mittlerweile hat Polen im Skisprung eine Mannschaft, die sogar Titel holt. Der Weg war aber kein einfacher, wie Małysz SOCRATES erzählt.

Ski Alpin | Viktoria Rebensburg: „In mir brennt noch das Feuer“

Vor acht Jahren fuhr Viktoria Rebensburg zu Olympia-Gold im Riesenslalom. Sie will immer noch die schnellste sein. Deutschlands beste Skifahrerin über wichtige Analysen, die Heimat und Wärmekabinen.

Die weiteren Wintersport-Themen

Erst die Winterspiele, dann die Fussball-WM. Das Sportjahr 2018 hat viel zu bieten – vor allem viel Schatten. Das IOC steht dabei im Fokus.

„Ich habe die Verletzung gebraucht“ – Marcel Hirscher erzählt SOCRATES, warum ihn seine große Verletzung nicht zurückgeworfen, sondern nur noch stärker gemacht hat.

Rosi Mittermaier und Christian Neureuther wollten nie eine Inspiration für ihren Sohn sein. Stolz sind sie aber. Ein Elterngespräch über die Liebe zum Schnee und über einen weinenden und schreienden Felix Neureuther.

Lake Placid, 1980. Mitten im kalten Krieg erschufen 20 College-Eishockey-Bos gegen die als unschlagbar geltende Sowjetunion einen der größten olympischen Momente. Das Miracle on Ice. Die wunderbare Story, erzählt von Christian Bernhard.

Dazu Interviews mit Willi Lemke, Michael Rösch, Anna Seidel und Co.

Fußball, Basketball und Co.

"Ich werde Heynckes nicht loben"

Vor den Champions-League-Spielen gegen den FC Bayern: Besiktas-Trainer Senol Günes erzählt im exklusiven Interview, warum sich die Türkei bei Deutschland bedanken muss und wie die CL-Spiele die politische Lage entspannen könnten.

Gaël Monfils im Interview

Gaël Monfils ist viel mehr als ein Showman. Der französische Tennisprofi gibt einen tiefen Einblick in sein Seelenleben und spricht offen über seine Probleme außerhalb des Courts.

Das Einhorn und der Fresh Prince

Die New York Knicks überraschen diese Saiason mit einer guten Mischung aus modernem Angriff und ruppiger Verteidigung. Zwei junge Europäer verändern die Identität der Franchise. Ein Socrates-Besuch bei Kristaps Porzingis und Frank Ntilikina.

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Peter Prevc: So jung. So gut.

Peter Prevc ist erst 25 Jahre alt und hat doch schon fast alles gewonnen, was man im Skispringen gewinnen kann. Die Geschichte eines Mannes, der seinen Kontrahenten im Kopf eine Skilänge voraus ist.

In der Welt des Skispringens war Slowenien nie eine große Nummer. Die Slowenen hatten ordentliche Mannschaften, ausgebildet nach den Skiflugtraditionen geformt in den riesigen Bergen Planicas.

Ziemlich begabte Sportler waren das, aber kaum einer gut genug für die Weltspitze. Primož Peterka war die einzige Ausnahme. Er schaffte es immerhin zwei Jahre seiner langen Karriere ganz nach oben, siegte im Weltcup und bei der Vierschanzentournee.

Dann verschwand er plötzlich, ging früh in Ruhestand und trat schließlich 2012 als Trainer
der slowenischen Frauenmannschaft bei einem U-23-Weltcup aus dem Nichts wieder in Erscheinung. Und als er plötzlich wieder da war, orakelte er in Interviews gerne vor sich hin: „Wir sind gerade dabei, einen sehr großen Springer hervorzubringen…“

Die Geschichte von Peter Prevc beginnt wie die vieler anderer Skispringer. Er wurde in Kranj  geboren, einem Ort, der wie viele slowenische Kleinstädte eine Sprungschanze sein Eigen nennt. Mit neun Jahren begann er gemeinsam mit seinen fünf Geschwistern – unter ihnen die zwei jüngeren Brüder Domen und Cene, mit denen er drei viertel der slowenischen Nationalmannschaft bildet – mit dem Skispringen.

Sein unglaubliches Potenzial schimmerte immer wieder durch, dennoch reichte es nie auf das Weltcup-Podium. Nicht wenige sahen in ihm den neuen Gregor Schlierenzauer. Das Talent, die Technik, die körperlichen Fähigkeiten. Aber Prevc konnte nicht gewinnen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #03

Bis Goran Janus 2011 die Führung der slowenischen Nationalmannschaft übernahm. Da explodierten Prevc’ Leistungen förmlich. Mittlerweile schreibt er längst an seiner eigenen Legende. Er ist Weltcup-Sieger im Skispringen und Skifliegen, hat die Vierschanzentournee und die Weltmeisterschaft im Skifliegen gewonnen.

Keiner hat je mehr Einzelkämpfe innerhalb einer Saison gewonnen. Er war der erste Mensch, der 250 Meter weit fliegen konnte. Er ist ein Unternehmer, er hat sein eigenes Label gegründet und wurde vier Mal in Folge zum Sportler des Jahres in Slowenien gewählt. Und er ist erst 25 Jahre alt.

Das Jahr 2011 stand für den Wendepunkt in seiner Karriere. Der erfahrene Matjaž Zupan musste gehen, das Greenhorn Goran Janus wurde zum Cheftrainer. Der Verband hatte mit großen finanziellen Problemen zu kämpfen.

Also mussten sie alle bei Null anfangen. Die ersten sieben Medaillen waren keine goldenen, er wurde Zweiter oder Dritter. Was wie ein Makel aussah, entpuppte sich im Nachhinein als Segen: Prevc lehrten die vielen verpassten Chancen eine gewisse Demut. Und sie lehrten ihn, wie man verliert.

Skispringen ist ein seltsamer Sport

„Eigentlich hatten wir nicht zu wenig Geld, aber es wurde nicht richtig verwaltet. Vieles war falsch. Mit Goran Janus veränderte sich vieles. Ich habe ihm viel zu verdanken. Durch ihn und mein zunehmendes Alter entwickelte ich mich weiter. Meiner Meinung nach haben wir eine unglaubliche Sache geschafft. Nicht nur ich, meine ganze Generation ist sehr talentiert. Wenn ich auf die letzten fünf Jahre zurückblicke, so denke ich, dass wir weit gekommen sind.“

Skispringen ist ein seltsamer Sport. Frauen und Männer fliegen 250 Meter durch die Luft, aber es gibt keinen Fallschirm. Sie fahren mit einer Geschwindigkeit von über 100 Stundenkilometern an und landen auf ein paar Zentimeter breiten Skiern, als wäre es das Normalste der Welt.

Der Weltcup, die Weltmeisterschaften, Olympische Spiele. Alles ist wichtig. Aber nichts ist so heilig wie die Vierschanzentournee. Ein Relikt aus einer anderen Zeit und doch das Nonplusultra in diesem Sport.

„Soweit ich weiß, gibt es nirgendwo auf der Welt eine andere Sportveranstaltung, die am 1. Januar so viele Menschen zusammenbringen kann“, sagt Prevc. „Die Atmosphäre ist absolut einzigartig. Als Kind konnte ich als Zuschauer noch nicht begreifen, was für ein Wettkampf das war. Jetzt bin ich ein Teil davon, bin Sieger dieses Turniers. Die Fans, die Tradition. Es ist unbeschreiblich.“

Gegen die Natur können wir manchmal nicht ankommen

Sie sind wohl derjenige, dem man die Frage „Vierschanzentournee oder olympisches Gold?“ nicht stellen muss?

„Für mich ist es sehr schwer, Olympia und die Vierschanzentournee miteinander zu verglei- chen. Die Vierschanzentournee findet jedes Jahr statt und dauert zehn Tage. In diesen zehn Tagen darf man sich mit nichts Anderem beschäftigen, sich auf nichts Anderes konzentrieren. Aber seien Sie sich sicher, dass es da sehr vieles um Sie herum gibt – die Silvesterfeiern inbegriffen. Was Olympia betrifft, so wartet man vier Jahre, wenn man die Spiele einmal verpasst hat. Das ist ein großer Gegensatz. Als Kind habe ich deshalb Olympia als das wichtigere Ereignis betrachtet. Für mich ist es jetzt schwer zu entscheiden, was vorzuziehen ist.“

Vielleicht denken Sie als Sieger der Vierschanzentournee so. Aber fragen Sie mal den viermaligen Olympia-Sieger Simon Ammann: der läuft seit Jahren dem Sieg bei der Tournee hinterher, erst dieser Sieg würde seine Karriere vollenden… Vor einem Jahr hatten die besagten zehn Tage für Prevc ziemlich entmutigend begonnen. Er war als Favorit angetreten, hatte den ersten Durchgang beim Eröffnungsspringen in Oberstdorf aber auf erstaunliche Art und Weise gegen seinen größten Rivalen Severin Freund verloren.

„Es war seltsam. Das Gate wechselte, die Jury hatte es so beschlossen. Das ist eigentlich etwas, das es bei jedem Wettkampf gibt. Aber hier hatten sich die Wetterbedingungen und der Windfaktor plötzlich geändert. Der Gate-Faktor wurde für Springer bei besseren Bedingungen vorteilhafter, für die bei schlechteren Bedingungen immer noch schlechter. Eigentlich müsste es genau umgekehrt laufen. Auch andere Springer unmittelbar vor und nach mir hatten diese Probleme. Wir betreiben nun einmal einen Sport, der von der Natur, von ihren Bedingungen und vom Wind abhängig ist. Und gegen die Natur können wir manchmal nicht ankommen.“

Es ist ein Klassiker: Freund gegen Prevc

Obwohl er im ersten Durchgang in Oberstdorf mit einer Niederlage begonnen hatte, konnte er am Ende noch den Gesamtsieg erringen. Prevc gewann die verbliebenen drei Springen und kam am Ende auf die Rekordpunktzahl von 1139,4 Punkten. Bei der Vierschanzentournee in Deutschland gegen einen deutschen oder in Österreich gegen einen österreichischen Springer anzutreten, ist eine ganz besondere Herausforderung. Insbesondere dann, wenn man erst 23 Jahre alt ist und mit einer angespannten Atmosphäre konfrontiert wird.

„Auf der Vierschanzentournee kann mitunter die direkte Umgebung unglaublich vielfältig sein. Sie kann zu einem Ort werden, an dem Sie die Zeit damit verbringen, nur die Menschen um sich herum zu beobachten und dabei den Wettkampf fast gänzlich zu vergessen. Natürlich werden die deutschen und österreichischen Sportler unglaublich unterstützt“, sagt Prevc.

Prevc’ Siege haben die Seriensiege der Österreicher, die sie zu Hause sieben Jahre in Folge feiern konnten, beendet. Das Skispringen steckt derzeit in einer Umbruchphase. Von den Überfliegern aus Österreich ist kaum etwas geblieben, in Polen hatte Kamil Stoch mehrere Verletzungen, sodass er zurückfiel, die Norweger haben eine gute Mannschaft, aber keinen herausragenden Einzelspringer. Es wird wohl noch eine Zeit lang auf das Duell zwischen Freund und Prevc hinauslaufen.

Severin Freund war nicht nur bei der Vierschanzentournee 15/16 Jahr Prevc‘ großer Rivale. In den zwei vorangegangenen Spielzeiten standen die beiden Ausnahmespringer in einem erbitterten Wettkampf miteinander. Konnte Freund nicht gewinnen, ging der Sieg an Prevc. Und umgekehrt. Dieser neuartige Wettstreit hat schon jetzt, obwohl noch verhältnismäßig jung, seinen festen Platz in der Geschichte des Skispringens. Es ist ein Klassiker: Freund gegen Prevc.

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Ein Teil der Vierschanzentournee zu sein und die Atmosphäre dort erleben zu können, erfüllt mich mit Stolz. Und am Neujahrsspringen teilzunehmen, ist etwas ganz besonderes.
Peter Prevc
Ski-Springer

Und der treibt bisweilen die merkwürdigsten Blüten. Die Saison 2014/15 beendeten beide mit derselben Punktzahl. Da aber Freund mehr Einzelwettkämpfe gewonnen hatte, holte er den Gesamtweltcup.

Für einen jungen Sportler war dies natürlich nicht leicht zu ertragen. „Ich wartete auf die Kundgabe der Endergebnisse. Aufregung, Wut, Enttäuschung. Das alles habe ich durchlebt.“

Das hatte es in der langen Geschichte des Skisprung-Weltcups noch nie gegeben. Aber irgendwie musste ein Tiebreak her, eine Entscheidung gefunden werden. Die Anzahl der gewonnenen Einzelwettkämpfe war laut Reglement der kleinste gemeinsame Nenner.

„Ich respektiere, dass einer, der mehr Einzelkämpfe gewinnen konnte, auch den Weltcup gewinnt. Aber in jenem Moment fragte ich mich nach dem Warum. Auch ich hatte 30 Einzelkämpfe, ich hatte dieselbe Punktzahl. 1729. Aber, und das gestehe ich ein: Am Ende war es mein Fehler. Ich musste es akzeptieren.“

So denkt er über die damals verlorene Weltcup-Schlacht gegen Freund. In gewisser Weise war der Sieg bei der Vierschanzentournee im letzten Jahr seine Rache an Freund für dessen Weltcup-Sieg in der Saison davor.

Schlierenzauer ist viel zu jung um aufzuhören

Sportliches Talent allein macht den Slowenen nicht zum Besten seiner Sportart. Es ist seine unglaubliche mentale Stärke, sein Fokus auf die entscheidenden Nuancen. Die Skispringer sind gewohnt, sich auf den Punkt zu konzentrieren. Ansonsten kann es lebensgefährlich werden. Aber Prevc hat diese Gabe auf eine neue Stufe gehoben.

„Die Gemengelage im Skispringen ist schon seltsam. Sie können zehn Jahre an der Spitze stehen und dann plötzlich in der Versenkung verschwinden. Auch wenn alles gut verläuft, so kann man sich plötzlich wie früher fühlen oder von einem sehr guten Platz bis ins Mittelfeld abfallen. In der Geschichte des Skispringens gab es recht viele Sportler, die dem nicht standhalten konnten, sodass man meiner Meinung nach mental darauf vorbereitet sein muss. Und genau in dieser Disziplin fühle ich mich stark.“

Eine der größten Legenden des Skispringens, der Finne Matti Nykänen, hatte mit Alkoholproblemen zu kämpfen und geriet später durch Gewaltausbrüche in die Schlagzeilen. Beim Deutschen Martin Schmitt wurde ein Burnout diagnostiziert und Primož Peterka ereilte am Ende seiner Karriere ein psychischer Zusammenbruch. Zuletzt hatte Gregor Schlierenzauer, mit dem Prevc früher verglichen wurde, mit den Medien große Probleme und nahm mit 26 Jahren eine Auszeit vom Sport. Prevc hingegen steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden.

„Das ist etwas, das jedem passieren kann. Eine Verletzung, einmal falsch landen, unzählige andere Probleme… Gleichzeitig spielen die Medien eine Rolle. Selbst wenn Sie gewöhnt sind, mit dem Druck von außen umzugehen, können Sie darunter zusammenbrechen. Gregor ist erst 26. Er wird ein Comeback haben, da bin ich mir sicher. Er ist viel zu jung, um aufzuhören.“

In Prevc' Leben hat sich nicht viel verändert

Wie Prevc’ Leben, so verändert sich auch das Skispringen. Die Regeln, die Preise, die feststehenden Wettkämpfe und noch einiges mehr. Seine größte Leistung ist streng genommen die Fähigkeit, sich im richtigen Maße an diese Veränderungen anpassen zu können. Andere legendäre Skispringer wie der Pole Adam Małysz oder Martin Schmitt und einige weitere haben das nicht geschafft. Was blieb, war ein vorzeitiges Ende der Karriere.

„Meiner Meinung nach hat Adam den Sport genau deswegen aufgegeben. Bei Martin Schmitt war das vielleicht noch ein bisschen etwas Anderes. Veränderungen sind normal. Das Skispringen ist globaler geworden. Mehr Fernsehrechte, mehr Zuschauer… Wenn der Sport sich so stark entwickelt, dann ist es meiner Meinung nach normal, dass sich die Regeln, die Sicherheitsvorkehrungen, die Technik verändern. Es ist durchaus schwer, sich daran anzupassen. Aber für uns ist es notwendig. Manchmal denke ich: ‚Was werden sie wohl im nächsten Jahr wieder ändern?‘ Aber wenn das Interesse und das Niveau ansteigen, sind Veränderungen normal.“

Und Prevc’ anderes Leben?

„Meiner Meinung nach hat sich in meinem Leben nicht viel verändert. Vielleicht ist die Erwartungshaltung gestiegen. Ich konnte den Druck der Medien spüren. Aber es ist in gewisser Weise ein sich langsam herauskristallisierender Zustand, mit dem ich umgehen kann. Ich kann nicht sagen, dass mein Leben sehr viel schwieriger geworden ist als noch vor einigen Jahren. Ich habe angefangen, mehr zu genießen, das steht fest…“

In der Geschichte des Skispringens hat bisher nur Matti Nykänen alle fünf großen Wettkämpfe auch gewonnen, der Finne hat seine Karriere mit dem Golden Slam beendet.

Simon Ammann ist mittlerweile schon 35, er hofft auf seinen ersten Sieg bei der Vierschanzentournee. Gregor Schlierenzauer wird nach seiner einjährigen Pause zurückkehren und versuchen, 2018 endlich olympisches Gold im Einzelkampf zu gewinnen. Das fehlt dem Österreicher noch.

Peter Prevc ist erst 25 Jahre alt und es gibt kaum noch etwas, das er noch nicht gewonnen hat. Im Skispringen erreichen die Athleten gemeinhin zwischen 25 und 29 Jahren ihren sportlichen Höhepunkt.

Vielleicht muss man in der Geschichte dieses Sports neben Matti Nykänen und noch vor Gregor Schlierenzauer einen anderen Namen notieren: Den von Peter Prevc.

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Matti Nykänen: Held, Antiheld – Beides?

Matti Nykänen war das Aushängeschild eines ganzen Landes. Doch der Absturz kam genauso schnell wie der Aufstieg. Wie aus einem Helden ein Stripper wurde, der aus Not seine Medaillen verkaufen musste, erzählt Nykänen-Biograf Egon Theiner.

Es war ein launiger Sommerabend vor über zehn Jahren in Kotka, einem finnischen Küstenstädtchen zwischen Helsinki und der finnisch-russischen Grenze. In einer Entzugsanstalt inmitten von Wäldern war Matti Nykänen der jüngste, sportlichste und selbstverständlich prominenteste Patient. Und er war ein außerordentlich freundlicher und höficher Mann.

Was für ein Wandel. Noch 20 Jahre zuvor, in den 1980ern, war der Finne die Diva der Skisprung-Szene. Er sprach nur mit einigen wenigen Konkurrenten, ignorierte die meisten und ließ sein Material – Sprunganzug und Ski – schon mal an der Schanze zurück in der arroganten Annahme, einer der Betreuer oder Teamkameraden würde sich schon darum kümmern.

Nykänen war ein unruhiges Kind

Der Junge aus Jyväskylä, der am 17. Juli 1963 geboren worden war, genoss als Skispringer, sagen wir: Narrenfreiheit. Der nationale Skiverband war an den Siegen und Medaillen seines Vorzeigesportlers interessiert, disziplinarische Vorfälle wurden nur höchst selten ausgesprochen. Schlägereien mit Mannschaftskameraden, Saufgelage und Partys vor wichtigen Sprüngen schafften es kaum in die Zeitungen. Auf den Bildern zu sehen war ein grinsender Sportler, schüchtern, eigen, selbstbewusst.

Der Artikel erschien in Ausgabe #2

Wüchse Nykänen heute auf, würden einige behaupten, er leide unter der Aufmerksamkeitsdefzit und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). In den 1960ern wusste die Medizin nicht allzu viel darüber. Nykänen war ein unruhiges Kind, schlecht in der Schule und fand im Skispringen seine Erfüllung: In einem Sport, der ruckzuck vonstattenging, unterstützt von einem Trainer, Matti Pulli, der mit innovativen Übungsmethoden die Stärken seines Schützlings förderte. Und der Matti Nykänen zu einem Helden machte.

„Ich mache mir um ihn Sorgen, wenn er einmal nicht mehr springen wird.“
Matti Pulli
ehemaliger finnischer Skisprungtrainer

Kein anderer Springer hat bei allen Wettbewerben, die es gibt, in Einzel-Konkurrenzen gewonnen: Olympische Spiele 1984 und 1988, Weltmeisterschaft 1982, Skisprug-WM 1985, Vierschanzentournee 1982/83 und 1987/88, Gesamtweltcup 1983, 1985, 1986, 1988. Ins- gesamt feierte der Finne 46 Siege bei Weltcup-Springen. (Der „Rekord für die Ewigkeit“ wurde erst 2013 vom Österreicher Gregor Schlierenzauer gebrochen, anm. d. red.)

1991, bei der WM in Val di Fiemme, verwüstete Nykänen sein Hotelzimmer, wurde Letzter auf der Großschanze und auf dem kleinen Bakken gar nicht mehr aufgeboten. Nun wurden die Worte wahr, die Matti Pulli einmal über ihn gesagt hatte: „Ich mache mir um ihn Sorgen, wenn er einmal nicht mehr springen wird.“

Matti Nykänen wurde vom Helden zum Antihelden

Der Glanz des großen Namens, die Achtung, die ihm entgegengebracht wurde, duellierte sich mit der uneingeschränkten Liebe zum Alkohol, mit falschen Freunden, mit der Unfähigkeit, zu Vereinbarungen zu stehen und mit Frauen, die es gut und weniger gut mit ihm meinten. Der große Name wurde von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat kleiner. Nach jeder seiner Taten, die die Finnen schmunzeln oder staunen ließen. Nykänen versuchte sich als Sänger. Der Song „elämä on laif i“ (das Leben ist live) schaffte es hoch hinauf in die Charts. Aber er war kein Sänger. Fiel das Playback aus, war ein grölender alternder Mann zu hören. Nykänen verkaufte aus nanzieller Not all seine Medaillen, kellnerte und strippte (auch wenn er es immer wieder abstritt, doch Poster und Bilder zeigen die Wahrheit), ging erfolglos in die Politik, heiratete drei Mal und ließ sich ebenso oft scheiden. Bei der Polizei war er wohlbekannt, weil diese wiederholt wegen häuslicher Gewalt zu Hilfe gerufen wurde. Schließlich landete er nach einer Messerattacke gegen einen guten Bekannten im Gefängnis.

Matti Nykänen wurde vom Helden zum Antihelden, in Finnland ist sein Name ein Inbegriff für misslungene Taten.

„Die Spur in meinem Leben war manchmal schnell und manchmal langsam“, sagte Nykänen einst selbst. Viele Kapitel seiner Existenz sind wohl noch zu schreiben. Und diese werden darüber Ausschlag geben, ob der herausragende Skispringer und begnadete Trinker als Held oder Halunke in Erinnerung bleiben wird. Um es mit einem bekannten, wenn auch inhaltlich misslungenen Zitat Nykänens zu sagen: „Die Chancen dafür stehen fifty-sixty.“