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Matti Nykänen: Held, Antiheld – Beides?

Matti Nykänen war das Aushängeschild eines ganzen Landes. Doch der Absturz kam genauso schnell wie der Aufstieg. Wie aus einem Helden ein Stripper wurde, der aus Not seine Medaillen verkaufen musste, erzählt Nykänen-Biograf Egon Theiner.

Es war ein launiger Sommerabend vor über zehn Jahren in Kotka, einem finnischen Küstenstädtchen zwischen Helsinki und der finnisch-russischen Grenze. In einer Entzugsanstalt inmitten von Wäldern war Matti Nykänen der jüngste, sportlichste und selbstverständlich prominenteste Patient. Und er war ein außerordentlich freundlicher und höficher Mann.

Was für ein Wandel. Noch 20 Jahre zuvor, in den 1980ern, war der Finne die Diva der Skisprung-Szene. Er sprach nur mit einigen wenigen Konkurrenten, ignorierte die meisten und ließ sein Material – Sprunganzug und Ski – schon mal an der Schanze zurück in der arroganten Annahme, einer der Betreuer oder Teamkameraden würde sich schon darum kümmern.

Nykänen war ein unruhiges Kind

Der Junge aus Jyväskylä, der am 17. Juli 1963 geboren worden war, genoss als Skispringer, sagen wir: Narrenfreiheit. Der nationale Skiverband war an den Siegen und Medaillen seines Vorzeigesportlers interessiert, disziplinarische Vorfälle wurden nur höchst selten ausgesprochen. Schlägereien mit Mannschaftskameraden, Saufgelage und Partys vor wichtigen Sprüngen schafften es kaum in die Zeitungen. Auf den Bildern zu sehen war ein grinsender Sportler, schüchtern, eigen, selbstbewusst.

Der Artikel erschien in Ausgabe #2

Wüchse Nykänen heute auf, würden einige behaupten, er leide unter der Aufmerksamkeitsdefzit und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). In den 1960ern wusste die Medizin nicht allzu viel darüber. Nykänen war ein unruhiges Kind, schlecht in der Schule und fand im Skispringen seine Erfüllung: In einem Sport, der ruckzuck vonstattenging, unterstützt von einem Trainer, Matti Pulli, der mit innovativen Übungsmethoden die Stärken seines Schützlings förderte. Und der Matti Nykänen zu einem Helden machte.

„Ich mache mir um ihn Sorgen, wenn er einmal nicht mehr springen wird.“
Matti Pulli
ehemaliger finnischer Skisprungtrainer

Kein anderer Springer hat bei allen Wettbewerben, die es gibt, in Einzel-Konkurrenzen gewonnen: Olympische Spiele 1984 und 1988, Weltmeisterschaft 1982, Skisprug-WM 1985, Vierschanzentournee 1982/83 und 1987/88, Gesamtweltcup 1983, 1985, 1986, 1988. Ins- gesamt feierte der Finne 46 Siege bei Weltcup-Springen. (Der „Rekord für die Ewigkeit“ wurde erst 2013 vom Österreicher Gregor Schlierenzauer gebrochen, anm. d. red.)

1991, bei der WM in Val di Fiemme, verwüstete Nykänen sein Hotelzimmer, wurde Letzter auf der Großschanze und auf dem kleinen Bakken gar nicht mehr aufgeboten. Nun wurden die Worte wahr, die Matti Pulli einmal über ihn gesagt hatte: „Ich mache mir um ihn Sorgen, wenn er einmal nicht mehr springen wird.“

Matti Nykänen wurde vom Helden zum Antihelden

Der Glanz des großen Namens, die Achtung, die ihm entgegengebracht wurde, duellierte sich mit der uneingeschränkten Liebe zum Alkohol, mit falschen Freunden, mit der Unfähigkeit, zu Vereinbarungen zu stehen und mit Frauen, die es gut und weniger gut mit ihm meinten. Der große Name wurde von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat kleiner. Nach jeder seiner Taten, die die Finnen schmunzeln oder staunen ließen. Nykänen versuchte sich als Sänger. Der Song „elämä on laif i“ (das Leben ist live) schaffte es hoch hinauf in die Charts. Aber er war kein Sänger. Fiel das Playback aus, war ein grölender alternder Mann zu hören. Nykänen verkaufte aus nanzieller Not all seine Medaillen, kellnerte und strippte (auch wenn er es immer wieder abstritt, doch Poster und Bilder zeigen die Wahrheit), ging erfolglos in die Politik, heiratete drei Mal und ließ sich ebenso oft scheiden. Bei der Polizei war er wohlbekannt, weil diese wiederholt wegen häuslicher Gewalt zu Hilfe gerufen wurde. Schließlich landete er nach einer Messerattacke gegen einen guten Bekannten im Gefängnis.

Matti Nykänen wurde vom Helden zum Antihelden, in Finnland ist sein Name ein Inbegriff für misslungene Taten.

„Die Spur in meinem Leben war manchmal schnell und manchmal langsam“, sagte Nykänen einst selbst. Viele Kapitel seiner Existenz sind wohl noch zu schreiben. Und diese werden darüber Ausschlag geben, ob der herausragende Skispringer und begnadete Trinker als Held oder Halunke in Erinnerung bleiben wird. Um es mit einem bekannten, wenn auch inhaltlich misslungenen Zitat Nykänens zu sagen: „Die Chancen dafür stehen fifty-sixty.“