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MHP Riesen Ludwigsburg: Das Tal der Riesen

Vor 12 Monaten gehörten die MHP Riesen Ludwigsburg in der Basketball Champions League und Bundesliga zu den besten vier Mannschaften. Die Philosophie von John Patrick griff und sammelte Respekt und Siege. Heute ist vieles anders und um beides muss in jedem Spiel gekämpft werden.

Ludwigsburg und München trennen rund 240 Kilometer. Beinahe auf halber Strecke liegt Ulm. Drei Basketball-Standorte, eigentlich ganz nah, sportlich aber weit voneinander entfernt. „Woran es wohl liegen mag“, wird sich Ludwigsburgs Erfolgs-Trainer John Patrick des nachts vielleicht fragen. Woran liegt es, dass seine MHP Riesen vor 12 Monaten in einem europäischen Final Four standen, Teams mit knallharter Defense niederzwangen und in der BBL Heimvorteil in der ersten Runde genossen, in diesem Jahr jedoch weit weg sind?

Weit weg von den Erfolgen und vor allem weit weg von der eigenen Identität. So weit weg wie eben München. Der Tabellenführer tritt heute Abend in der Barockstadt an und bringt mit, was Ludwigsburg seit Monaten sucht. Konstanz und Identität.

Mannschaft hat sich verändert

Nun sollte gerade der FC Bayern nicht als Beispiel herhalten. Niemand in Ludwigsburg zeigt auf die 240 Kilometer entfernte Stadt und fordert gleiches. Das Duell mit dem deutschen Meister offenbart allerdings die Schwierigkeiten. Vergangenes Jahr war Ludwigsburg das berüchtigtste Defensiv-Team der Bundesliga. John Patricks Basketball-Philosophie manifestierte sich in jedem Spieler im gelb-schwarzen Trikot. Ganzfeld-Presse, Druck und Aggressivität ohne Unterlass. Durchatmen gegen die Riesen? Kaum möglich. Egal wer in den Süden der Republik kam wusste, dass mit schweren Beinen und oft auch mit schwerem Gemüt wieder abgereist wird.

Die Ludwigsburger verinnerlichten ihre Identität, beriefen sich darauf, erlaubten nur 77.4 Punkte im Schnitt und forcierten über 17 Ballverluste beim Gegner. Mit der viertbesten Offensive (86.2 Punkte) und drittbesten Punktdifferenz von +10.5 pro Partie waren die MHP Riesen elitär. Als einziges Team klauten sie den Ball pro Spiel mindestens zehn mal – bei wenigen eigenen Ballverlusten. Meist ein Erfolgs-Cocktail im Basketball. Von diesem Team sind drei Spieler übrig geblieben.

Die ersten sieben Akteure in der Kategorie Punkte im Schnitt sind weg. Ludwigsburg musste mal wieder von neuem anfangen. Ein hoher Durchsatz an Spielern war stets die Norm unter John Patrick, der Engagement und Druck erbarmungslos einfordert. Nimmt ein Spieler den Fuß vom Gas, nimmt Patrick ihn vom Parkett.

Und nicht selten auch komplett aus dem Team. Ludwigsburg verstärkte sich auch im vergangenen Jahr inmitten der Spielzeit. Der unversehrte Kern garantierte jedoch Wissensaustausch. In diesem Sommer brach Patrick die Wissensbrücke komplett weg. Veteran David McCray ist einer von drei übrig gebliebenen und derjenige, der Patricks DNA vollends absorbiert. Zu wenig, um in dieser Saison zu wiederholen, was vergangenes Jahr gefeiert werden durfte. Ludwigsburg schaffte es in der Basketball Champions League (BCL) nicht zurück in die Playoffs. Die vielen Partien mit neuem Personal zehrten, genau wie die Suche nach der verlorenen Identität.

Reaktiv statt Aktiv

Vor zwei Wochen fuhren die MHP Riesen Ludwigsburg jene 240 Kilometer nach München und verloren 92:74. München traf 46.4 Prozent aus der Distanz, versenkte von dort 13 Würfe und spielte mit den ehemals furchteinflößenden Riesen. „Woran es wohl liegen mag“, wird sich John Patrick auf der Fahrt zurück nach Hause gefragt haben.

Oder er kennt die Antwort schon, die so logisch wie auch simpel ist. Beinahe die ganze Mannschaft ersetzen zu müssen und dann zu hoffen, dass alles beim alten bleibt, ist illusorisch. Patricks Plan basiert auf der ungemütlichsten Komponente des Basketballs – konstante Aggressivität in der Verteidigung. Kein Ball in der Hand, reaktiv statt aktiv. Das erfordert viel und kann nicht über Nacht in ein Teamkonzept gegossen werden.

Ludwigsburg befindet sich vor dem Rückspiel gegen die Bayern im Dickicht der Verfolger mit zwei Siegen Rückstand auf den achten Platz. Nach dem frühen Aus in der BCL gilt der Fokus den Playoffs. Manifestiert sich Patricks Philosophie mit fortschreitender Spielzeit mehr und mehr in der Spielern?

Oder sind diese irgendwann immun geworden und ein Stil wie der von Patrick nutzt sich einfach ab. Viel Schliff und Hitze bedeutet Abrieb. Flüsterstimmen fragen nach der Halbwertzeit des Trainers. Ludwigsburgs Problem ist das defensive Konzept. Es greift in diesem Jahr nicht. Ein normaler Vorgang oder der Beginn eines Trends?

Die Playoffs bleiben in Reichweite

John Patrick und seine MHP Riesen werden sich diese Frage aktuell nicht stellen. Die Playoffs sind bei noch acht verbleibenden Spielen möglich. Unter anderem geht es zuhause nach den Bayern gegen Bamberg, Vechta und Berlin. Vor eigenem Publikum stemmt sich Ludwigsburg mit einer Bilanz von 8-5 gegen den Trend. Vergangene Saison waren 20 Siege nötig, um Platz acht zu sichern.

Gewinnt Ludwigsburg alle verbleibenden Spiele? Wahrscheinlich nicht. Beginnen sie heute Abend gegen den Branchenprimus? Die Historie spricht nicht dafür mit nur drei Siegen aus elf Heimspielen gegen die Bayern. John Patrick wird auf kleine Schritte hoffen. Etwas weniger Punkte zulassen, etwas mehr Intensität und die Playoffs bleiben in Reichweite. Und da, das Klischee verrät, ist alles möglich.

Robert Jerzy

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Dirk Nowitzki: Der Spaß, der alles hinwegfegt

Dirk Nowitzki hat seine großartige Karriere beendet. Wir trafen einst Deutschlands Sportlegende in Dallas uns sprachen mit ihm über Freude an der Arbeit, Helden und Pippi Langstrumpf. Das komplette Interview, das im Oktober 2016 stattfand.

Der Artikel erschien in Ausgabe 2

Der Artikel erschien in Ausgabe 2

Dirk, du spielst deine 19. Saison in der NBA. Welcher Bereich hat dieses Jahr in der Vorbereitung die meiste Zeit beansprucht – die Physis oder die Psyche?

Seit letztem Frühjahr habe ich nicht mehr richtig Basketball mit einer Mannschaft gespielt. Nach einer so langen Pause wieder in die Gänge zu kommen, ist schon eine Herausforderung. Wir haben die Vorbereitung relativ langsam begonnen. Den ganzen Sommer über habe ich konsequent an der körperlichen Fitness gearbeitet. Früher habe ich manchmal sogar eine komplette Sportpause gemacht, aber das geht schon lange nicht mehr.

Du machst gar keine richtige Pause mehr zwischen den Saisons?

Wenn du da nachlässig bist, dauert es Monate, bis du wieder da bist, wo du sein solltest. Ab August habe ich sehr viel Individualtraining gemacht und versucht, den alten Körper wieder richtig in die Gänge zu bekommen. Die ersten drei Vorbereitungsspiele habe ich noch ausgesetzt. Dann habe ich eine erste Halbzeit gespielt. Wir haben die Intensität langsam hochgefahren, aber die ersten Wochen nach dem Sommer sind schon schwer.

Wie groß ist der mentale Anteil an deinem Erfolg, das mentale Training?

Wir haben im Frühjahr unser letztes Spiel bestritten, und jetzt habe ich mich schon wieder auf die Saison gefreut. Es ist wichtig, dass das Feuer noch da ist nach so vielen Jahren, dass es Spaß macht. Ich bin mental frisch. Im Sommer habe ich nicht für die Nationalmannschaft gespielt, ich bin mit der Familie unterwegs gewesen. Und natürlich ist man nach 19 Jahren in dieser Liga auch erfahren genug, um zu wissen, was man machen muss, damit man physisch und mental fit wird. Wir haben das wieder gut hingekriegt, ich bin heiß auf die neue Saison. Wenn mein Sport mal zum reinen Beruf wird, dann höre ich auf.

Dirk Nowitzki

Du sprichst deine Erfahrung an: Bist du überhaupt noch nervös?

Nervosität gehört unbedingt dazu, glaube ich. Dieses Kribbeln. Ob es jetzt ein Vorbereitungsspiel ist oder ein reguläres Saisonspiel oder ein entscheidendes Playoff-Spiel – Nervosität ist ein notwendiges Gefühl. Natürlich ist es nicht mehr so wie damals in der Rookie-Saison, wo du vor Nervenflattern und Angst Durchfall hast. Ohne Nervosität wird es langweilig. Dieses Kribbeln macht schon noch Spaß.

Seit deinem Rookie-Jahr ist alles anders geworden. Damals drehte sich alles um Basketball, jetzt hast du etliche andere Verantwortungen und Aufgaben. Du bist Vater, erfährst tagtäglich sehr viel Liebe deiner Fans und bist auch abseits des Platzes sehr gefragt. Haben dich diese Dinge verändert?

Ich bin halt erwachsen geworden. Ich kam mit kaum 20 nach Dallas und hatte vorher noch nie woanders gelebt außer bei meinen Eltern. Seitdem ist viel passiert. Auf dem Spielfeld und auch abseits der Halle. Ich habe ein paar Niederlagen kassiert und Enttäuschungen mitgemacht. Und natürlich prägt einen das. Man wächst daran. Du machst gute und schlechte Erfahrungen. Die schlechten verdrängt man allmählich und versucht, daraus zu lernen. Von den guten zehrt man lange. Aber es war bisher eine schöne Zeit. 18 Jahre. Ich habe viel gelernt.

Wo du auftrittst, sehen die Leute dich als Helden. Bei deinem Benefizspiel in Mainzer Fußballstadion in diesem Sommer hast du länger Autogramme geschrieben, als das Spiel selbst gedauert hat. Wie sehr kannst du solche Situationen genießen?

Als Held sehe ich mich natürlich nicht. Das ist mir arg hochgegriffen. Den Leuten gefällt, wie ich Basketball spiele. Klar hat man eine gewisse Vorbildfunktion. Aber der Begriff „Held“ ist schon wahnsinnig hochgegriffen. Es macht mir natürlich großen Spaß, zu sehen, wie die Fans sich freuen, wenn sie ein Autogramm oder ein Foto bekommen. Das macht mir schon auch Spaß, vor allem bei den Kids. Meine eigenen Kinder werden irgendwann ebenfalls zu jemandem aufschauen. Sie werden sich Vorbilder suchen. Diese Momente mit den Fans sind mir deshalb sehr wichtig.

Welche Helden sollen denn deine Kinder einmal haben?

Gute Frage. Meine Helden waren damals meistens Sportler. Mein Vater war wahrscheinlich mein erstes Vorbild. Er war ein sehr guter Handballer. Ich war früher bei jedem seiner Spiele dabei und habe an der Sprossenwand gehangen. „Heja Papa“ und weiß der Geier was habe ich gerufen. Mein Vater war mein erstes Vorbild, und alle, die danach kamen, waren eigentlich auch immer Sportstars. Ob sich meine Kids auch mal so für Sport interessieren werden oder sportlich sein wollen, weiß man natürlich noch nicht. Max ist noch sehr klein, aber er rennt schon ständig irgendeinem Ball hinterher. Malaika eigentlich überhaupt nicht, sie spielt meistens mit ihren Puppen. Man muss abwarten, welche Hobbies sich die Kids aussuchen und was sie interessiert. Und wen sie sich zum Vorbild nehmen.

Diskutierst du mit deiner Frau zum Beispiel, ob es lieber Pippi Langstrumpf oder Ronja Räubertochter sein soll?

Pippi Langstrumpf ist ja im Original schwedisch. Pippi Långstrump. Meine Frau ist damit aufgewachsen, das wird Malaika sicher mögen. Gerade ist allerdings Elsa von „Die Eiskönigin“ das absolute Vorbild. Zu Halloween war sie auch als Elsa verkleidet, nur die Perücke wollte sie nicht aufsetzen. Max war Olaf, der Schneemann. Weltklasse.

Zurück zu deinen eigenen Helden. Wie war es, als du damals dann gegen diese antreten musstest?

Mein erstes NBA-Spiel war gegen die Seattle Supersonics mit Detlef Schrempf. Was natürlich Wahnsinn war, vor allem, weil auch so viele deutsche Medien da waren. Es war damals surreal und komisch, auf einmal gegen Leute anzutreten, die du jahrelang im Fernsehen bewundert hast und die deine Idole waren. Mein drittes Spiel war dann gegen die Houston Rockets. Als Junge bin ich riesiger Chicago-Bulls- und Scottie-Pippen-Fan gewesen. Charles Barkley hatte bei den Phoenix Suns gespielt. Beide waren in den 90er Jahren meine absoluten Helden. Und Hakeem Olajuwon war damals der beste Big Man. Am Ende ihrer Karrieren haben die drei zusammen in Houston gespielt: Olajuwon, Barkley und Pippen! Das war schon Wahnsinn. Da habe ich beim Aufwärmen dagestanden und hab ihnen genau zugeschaut. Wie sie sich aufwärmen, wie sie sich auf dem Spielfeld verhalten, was sie außerhalb vom Spielfeld machen. Da war ich wie ein kleiner Fan, obwohl ich an dem Abend gegen sie spielen musste.

Merkst du manchmal, dass es jungen Spielern heutzutage ähnlich geht, wenn sie gegen dich antreten müssen bzw. dürfen?

Ab und zu kommt das vor. Manchmal kommen neue, junge Spieler aus Europa – und manche sind schon lange Fans. Genauso wie ich damals. Normalerweise fällt mir das nicht so auf, aber vor ein paar Jahren haben wir einmal in der Preseason gegen Denver gespielt. Ich war in der Layup-Line beim Aufwärmen, als die Denver Nuggets aus der Kabine kamen. Der Georgier Nikolos Zkitischwili kam gerade in die Liga. Und dann starrte er mich an, als ich an ihm vorbeilief, und schaute mir hinterher. Das war natürlich ein gutes Gefühl, zu wissen, dass man jetzt auch eine Vorbildfunktion hat und dass auch Leute in Europa daran teilhaben, was ich hier mache. Vor allem andere Spieler.

Zum Helden von Dallas bist du mit der Meisterschaft 2011 geworden. Wer war damals die erste Person, mit der du wirklich geredet hast? Das erste richtige Gespräch nach dem größten Erfolg?

Erstmal ist alles ein einziges Umarmen und viel zu wild für Worte, in der Kabine haben wir uns den Champagner über die Rübe gekippt. Aber irgendwann habe ich dann mit den Physios zusammengesessen und relaxed. Der Medienrummel war vorbei und dann saß ich da. Mit den Leuten, mit denen wir in all den Jahren so viel durchgemacht haben. Wir haben ein paar Sachen Revue passieren lassen. Der Doc war dabei und hat ein Foto von der Trophäe und mir gemacht. Er hat mir das Bild später einmal geschenkt, es hängt immer noch bei mir Zuhause. Wir haben dagesessen und einfach über das gesprochen, was da gerade passiert war. In den Tagen und Wochen danach habe ich natürlich viel geredet: mit Holger, der natürlich dabei war, mit meinem Physio Jens Joppich, mit meiner Freundin – meiner jetzigen Frau –, mit der Familie.

Als Holger Geschwindner dich vor mehr als zwanzig Jahren entdeckt hat – war er da ein Held für dich?

Wahrscheinlich war ich da schon ein bisschen zu alt, um Helden zu haben. Ich war 16 oder 17, da ist man gerade ein bisschen cool und gibt es nicht so zu, wenn man jemanden gut findet. Ich kannte Holger damals noch nicht und wusste gar nicht, was er schon alles für den deutschen Basketball gemacht hatte. Dass er Kapitän der 1972er-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen von München gewesen war. Das war mir alles nicht bekannt. Ich habe mich damals eher für die Handballer interessiert, Jochen Fraatz und so. Und natürlich für die NBA-Spieler. In Deutschland kannte ich mich nicht so aus. Aber als ich Holger dann kennengelernt habe, ist er natürlich zu einem Vorbild geworden. In allem, was er macht, auch außerhalb des Spielfelds. Der Hotsch ist schon ein Unikum. Auf jeden Fall.

Wenn man Holger Geschwindner und dich bei Spielen beobachtet, fällt auf, dass ihr immer Blickkontakt habt, wenn ein paar Würfe nicht fallen. Kann er dein Spiel noch aktiv beeinflussen? 

Gestern habe ich zu Beginn des Spiels nicht gut getroffen, und da habe ich ihn im ersten Viertel sogar mal kurz gesucht. Ich wusste allerdings gar nicht, wo er sich hingesetzt hatte, also habe ich ihn nicht gefunden. Früher war das natürlich wichtiger. In meinem ersten Jahr habe ich ihn nach jedem schlechten Spiel sofort am nächsten Tag angerufen, wenn er nicht da war. Mal 20 Minuten, mal eine halbe Stunde. Ich habe erzählt, was passiert ist, wie es mir dabei ging und was ich gefühlt habe. Da war er schon sehr wichtig für mich, ein sehr großer Rückhalt. Und es ist immer wieder gut, wenn er da ist. Es schleichen sich ja ständig kleine Fehler in den Schuss ein, die Holger dann sehr schnell und sehr genau rausbügeln kann.

Auch während der Spiele?

Im Spiel mache ich mein eigenes Ding. Bei Heimspielen weiß ich natürlich wo er sitzt, da schaue ich schon ab und zu mal zu ihm rüber. Er gibt mir dann seine Handzeichen „Rebounden“ oder „Kämpfen“. Und dann sage ich ihm: „Komm Du doch hier runter und mach das mit 38, mein Junge!“ Spaß beiseite: Ein paar spezielle Handsignale haben wir immer noch, und die sind sehr hilfreich. Wenn der Schuss mal links oder rechts vorbeigeht, zeigt er mir an, dass ich die Finger breiter machen muss. Oder dass ich es etwas langsamer und ruhiger angehen lassen soll. Es gibt Zeichen, die auch nach 19 Jahren in der Liga immer noch helfen.

Du hast kürzlich mal gesagt, dass du dir vorstellen könntest, später auch mal als „Holger“ zu arbeiten. Also als Mentor und Individualtrainer. Warum? Was reizt dich an der Aufgabe?

Ich habe von Holger über all die Jahre so viel gelernt: über den Wurf, über die Bewegungen dabei, über Basketball ganz allgemein. Und ich glaube, dass ich diese Dinge gut weitergeben könnte. Anders als Holger mit seinem Hintergrund als Physiker und Mathematiker natürlich, aber über den Wurf kann ich einigermaßen vernünftig erzählen. Eine Mannschaft zu trainieren, ist wahrscheinlich nicht mein Ding. Motivationsreden waren noch nie meine Sache, und deswegen werde ich wahrscheinlich individuell mit jungen Spielern arbeiten und versuchen, denen etwas beizubringen. Ich glaube, das würde mir Spaß machen.

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Etliche Nachwuchsspieler, denen man eine große Karriere zugetraut hat, sind als „der nächste Nowitzki“ bezeichnet worden. Wie denkst du darüber, dass du offenbar Maßstäbe gesetzt hast?

Als ich in die Liga kam, wurde ich mit Larry Bird verglichen. Und jetzt heißt es bei internationalen Spielern: „Das könnte der nächste Nowitzki sein.“ Das ist eine tolle Sache. Ich habe wohl im Laufe der vielen Jahre etwas erreicht, auf das man stolz sein kann. Wenn heutzutage ein großer Spieler einen Einbeiner schießt, dann heißt es, „Ey, der hat ’nen Dirk gemacht.“ Das ist natürlich ein Riesenkompliment für mich, es ist eine Ehre. Man respektiert, was ich die letzten Jahre geleistet habe.

Hast du bei irgendeinem Spieler mal gedacht: „OK, der kann wirklich mein Nachfolger werden“?

Bei Kristaps Porzingis würde ich sagen: Er hat sogar mehr Potenzial als ich. Er hat jetzt mit 20 schon eine bessere Saison gespielt als ich in dem Alter. Er ist länger, er ist athletischer, er schießt das Ding mit Leichtigkeit von ganz weit weg. Er ist auch der bessere Verteidiger und blockt Würfe. Er hat wirklich alle Möglichkeiten, mal ein absoluter Allroundspieler zu werden. Es ist natürlich ein langer Weg, für den man auch etwas Glück braucht. Aber Porzingis ist schon richtig gut.

Beim ersten Saisonspiel in Indianapolis hast du selbst beim Aufwärmen sichtbar Spaß gehabt. Saugst du solche Momente und diese besondere Atmosphäre jetzt besonders auf, weil du weißt, dass die Karriere irgendwann einmal vorbei sein wird? Du bist ja einer der ganz wenigen Spieler in der Liga, die auch auswärts mit Applaus begrüßt werden.

Natürlich weiß ich auch, dass es irgendwann vorbei sein wird. Aber die Spiele machen mir immer noch richtig Spaß. Die Vorbereitung ist manchmal richtig lang und ätzend, die Stunden allein auf dem Laufband, die Trainings im Sommer mit Holger. Aber bei einer Atmosphäre wie in Indy weiß ich, warum ich diese ganze Arbeit in diese Sache reinstecke. Warum ich mir im Urlaub irgendwo ein Fitnesscenter suchen muss, warum ich die Kids und die Familie am Strand lasse und laufen gehe und Krafttraining mache. Wenn ich mit der Mannschaft auflaufe, macht es einfach richtig Spaß. Natürlich wird es von Jahr zu Jahr schwerer, aber es macht einfach noch Bock. Und wenn dann das Spiel so eng ist und es auch noch in die Verlängerung geht, dann ist es toll, dabei zu sein. Dann hat sich der Aufwand gelohnt. Das ist ein Spaß, der alles hinwegfegt.

Interview: Thomas Pletzinger & Matthias Bielek

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Aíto García Reneses: Ewig jung

Aíto García Reneses, Trainer von ALBA Berlin, revolutioniert den deutschen Basketball. Der 71-Jährige badet im Jungbrunnen und kämpft gegen den Stillstand. Ein Interview über ewige Jugend.

Der Artikel erschien in der 25. Ausgabe

Der Artikel erschien in der 25. Ausgabe

Señor García Reneses, Ihr ehemaliger Spieler Kristaps Porzingis war im Sommer in Berlin. Haben Sie sich gesehen?

Leider nicht. Ich war in Spanien.

Erinnern Sie sich an Ihre gemeinsame Zeit in Sevilla?

Ja, natürlich. Ich erinnere mich, sehr von ihm beeindruckt gewesen zu sein. Er war zwar außerordentlich lang und dazu noch sehr dünn, doch schon damals besaß er eine herausragende Beweglichkeit für seine Länge. Dazu noch der Wurf von außen. Er war schon damals etwas Besonderes. Ich habe immer noch ein Bild von ihm und mir auf meinem Telefon. (sucht auf seinem Smartphone ein Foto raus und zeigt es stolz – im Hintergrund der Teenager Porzingis mit aufmerksamem Blick)

Er sagt, Sie seien sein größter Förderer.

Ich habe ihm die Chancen gegeben, die er sich selbst erarbeitet hat. Er war ja nicht von Anfang an ein Star. In Sevilla spielte er im ersten Jahr kaum. Ich erinnere mich aber an ein Spiel gegen Real Madrid. Wir waren auf dem Papier chancenlos, so erhielt Kristaps viel Spielzeit auf der Drei. Er war nicht stark genug, um innen zu spielen, wissen Sie. Er erzielte 20 Punkte. Im zweiten Jahr wurde er noch besser. Er lernte viel, wollte viel lernen und für mich war es eine große Genugtuung zu sehen, dass er alles aufsaugte, was ich ihm beibringen wollte.

Sind sie noch in Kontakt?

Während meiner Auszeit vor Alba Berlin 2016 begleitete ich die San Antonio Spurs eine Weile. Da sahen wir uns. Ich sah hoch zu ihm und sagte nur: „Du bist ja noch größer geworden.“ Jetzt sprechen wir ab und an. Er spricht fließend Spanisch. Wer mit ihm am Telefon ist und nicht weiß, wer er ist, hält ihn für einen Spanier. (lacht)

Aíto García Reneses: Coach of the Year

Verbringen Sie Ihren Sommer immer in Spanien?

Den Großteil meiner Sommer verbringe ich, Sie werden es nicht glauben, mit Basketball. Früher waren es Spiele und Turniere auf internationaler Bühne. Viele Sommer verbrachte ich auch in den USA, um mich mit anderen Trainern auszutauschen und einfach im Geschehen zu bleiben. In den letzten Jahren nutze ich meine Sommer allerdings mehr als Ruhephase.

Mögen Sie es, in zwei Welten zu leben? Berlin für den Basketball und rasanten Alltag, Spanien für die Ruhe?

Ich trenne das nicht. Berlin ist natürlich etwas anders. Ich spreche hier selten Spanisch und das Wetter im Winter setzt mir etwas zu. Aber ich fühle mich so wohl, dass ich keinen Ausgleich brauche.

In einer anderen Publikation sagten Sie mal, sie möchten nur im Moment leben und diesen auskosten.

Das stimmt. Viele Menschen reden über die Vergangenheit. Auch mit mir, wenn es um die Erfolge geht. Da merke ich, dass ich mich mehr mit den Geschehnissen beschäftigen möchte, die ich hier und jetzt beeinflussen kann.

Seit wann denken Sie so?

Ich glaube, ich habe immer so gelebt. Da war keine Glühbirne in meinem Kopf, die irgendwann Klick gemacht hat. Als Spieler dachte ich schon so. Ich wollte mich mit der Evolution des Sports auseinandersetzen. Und dazu gehört, im Hier und Jetzt zu sein.

Sie waren ein Aufbauspieler…

Ach, so sehr aufgebaut habe ich gar nicht. (lacht)

Sie haben mal gesagt, Sie wären langsam und ein schlechter Schütze gewesen. Allerdings hätten Sie gute Entscheidungen getroffen. Gab Ihnen Ihre Rolle als Spielgestalter eine besondere Sicht auf das Spiel?

Wissen Sie, schon damals bei Estudiantes Madrid, wo ich in den 1960er Jahren spielte, waren wir nicht festgefahren in den klassischen Positionen. Zwei bis drei Spieler, die das Spiel leiten konnten, standen immer auf dem Feld. Daher kommt mein Blick für die Fundamentalität des Spiels. Insofern hat mir unsere Philosophie eine besondere Sicht vermittelt, wenn Sie so wollen.

Gab es Momente in Ihrer Karriere, in denen Sie genug von Basketball hatten?

Nein. Mein ganzes Leben dreht sich um Basketball. Das hat es schon immer. Immer wenn ich mal ein Jahr ausgesetzt habe, so wie vor Berlin, hat es wieder angefangen zu kribbeln. Ich dachte damals, ich mache einfach etwas anderes. Und dann hat es mich wieder gepackt.

Ihnen kam nie der Gedanke an die Rente?

Ich war bereits zwei- oder dreimal in Rente und kam zurück. Wie ernst kann ich das also nehmen? (lacht)

Quarterback-Legende Brett Favre sagte, er habe nach seinem Karriereende festgestellt, wie sehr das Spiel sein Leben vereinnahmt hatte und er vereinsamt war. Er saß zu Hause und wusste nicht, was er mit sich anfangen sollte.

Ja, das verstehe ich. Allerdings ist es für einen Spieler eine andere Erfahrung. Lassen Sie mich ein Beispiel geben. Ende September ist der spanische Radprofi Alejandro Valverde in Innsbruck Weltmeister geworden. Er ist 38 Jahre alt. Mit 50 wird er das wohl nicht mehr schaffen. Wahrscheinlich, wir wissen es nicht. (lacht) Die Fähigkeiten schwinden also irgendwann. Als Trainer bin ich auf meinen Körper nicht so sehr angewiesen. Ob ich nun langsamer über das Feld stakse, interessiert die Spieler beim Training nicht. Mein Kopf muss fit bleiben. Und auch wenn ich im Alter ein wenig Agilität im Kopf einbüße, meine Erfahrung lässt mich das ausgleichen. So gesehen bin ich noch immer fähig. Warum soll ich also nicht weitermachen?

Die Mentalität eines jungen Menschen. Sie wohnen in einem anderen Land. Erleben und genießen die Vorzüge des Stadtlebens und lassen sich von allem überraschen, was sich Ihnen präsentiert.

Ich habe eine weitere Metapher für Sie. Manche Spieler, egal welchen Alters, wollen an ihrem Spiel und ihrem Wissen über das Spiel arbeiten. Sie sind wissbegierig und mit dem Status Quo nicht zufrieden. Andere sind es. Ich hatte viele Spieler über meine Karriere hinweg, die immer lernen wollten. Ist das nicht schön? So lebe ich auch. Ich genieße alles, was ich tue und lerne dabei auch noch. Ob nun über Menschen oder Begebenheiten.

Wie erhalten Sie sich diese Einstellung? Gerade als erfolgreicher Trainer ist die Gefahr groß, sich zu sehr in den Erfolg zu verlieben.

Erfolge kommen ja nicht einfach herbeigeflogen. Sie sind ein Resultat der Arbeit. Und ich glaube, wer Spaß an seiner Arbeit hat, der wird erfolgreich sein. Diesen Spaß zu erleben, tagtäglich, in einer Gruppe von Menschen und zusammen, ist das höchste Gut. Stillstand im Kopf lässt irgendwann keine Zufriedenheit mehr zu. Also bleibe ich nicht stehen.

Ist Ihnen das menschliche Miteinander wichtiger als Erfolge?

Was sind denn Erfolge? Titel? Titel sind Resultate. Mit 100 Prozent zu spielen, zu agieren, ist das nicht auch ein Erfolg? Mit meinem ersten Team begann ich weit unten in der Nahrungskette des spanischen Basketballs. Nach zehn Jahren gehörten wir zu den besten drei Teams. Das ist Erfolg. Viele Menschen denken nur in Titeln. Für alle, die aber nah an diesem Team dran waren, definierte sich Erfolg über das Geleistete.

Sie sind ein Pionier darin, Spieler zu entschlüsseln und jungen Spielern eine Chance zu geben.

Ja, das stimmt. Aber nicht jeder Spieler ist gleich. Und nur weil einer jung ist, hat er nicht automatisch einen Freifahrtschein. Ich vertraue jungen Spielern und will ihnen helfen. Bei mir spielen die Jungen, wenn sie dem Team helfen können. Sie müssen es sich aber verdienen. Und sie müssen das auch verstehen.

Gab es von den Klubs nie Druck, die Veteranen einzusetzen?

Ich wurde dazu nie angehalten.

Gab es junge Spieler, die Sie nie erreichen konnten?

Ja, die gab es. Ich bin kein Spielerflüsterer. (lacht)

Menschen werden im Alter oftmals pessimistischer. Woher kommt Ihr Vertrauen in die jüngeren Generationen?

Im normalen Leben, da gebe ich Ihnen recht, werden Menschen pessimistischer, je älter sie werden. Nun folgt wieder ein Beispiel: Ein älterer Spieler, der in einem jungen Team spielt, altert nicht wie gewöhnlich. Seine Umgebung und der Kontakt halten ihn jung. Wenn er seine Karriere beendet, endet auch der Effekt. Und so geht es mir auch.

Junge Spieler sind Ihr Jungbrunnen?

Ja, absolut.

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Haben Sie Menschen in Ihrem Leben erlebt, bei denen es nicht so war?

Ich habe eine weitere Geschichte für Sie. Als ich zur Schule ging, besaß ich einen Taschenrechner. Mein Mathelehrer kam eines Tages zu mir und sagte: „Du musst der reichste Schüler der Klasse sein, wenn du einen Taschenrechner hast.“ Das war in den Anfängen des Taschenrechners. Er war ein sehr guter Lehrer, allerdings verstand er nicht, dass ich mit der Zeit ging. Ich konnte trotzdem im Kopf rechnen, nutzte aber moderne Möglichkeiten. Heutzutage rechnet keiner mehr im Kopf.

Für Sie sind also die Grundlagen des Spiels noch immer wichtig, allerdings bauen Sie moderne Methoden oben drauf?

Kein Haus kann ohne ein Fundament stehen. Danach kann alles andere gebaut werden. Wer also mit rechts dribbeln kann, aber nicht mit links, wird es schwer haben.

Haben Sie den Basketball so erlernt?

Die älteren Spieler haben mir neben dem Trainer viel mitgegeben. Die Veteranen haben mir gezeigt, was ich verbessern, woran ich arbeiten muss. Damals hatten Profis eine andere Einstellung. Veteranen kümmerten sich genauso um die jungen Spieler wie der Trainerstab. Heutzutage trennen das zu viele Spieler. Sie denken, das sei allein die Aufgabe der Coaches und kümmern sich nur um sich.

Hat sich der Basketball zum Schlechten verändert?

Ich pauschalisiere nicht. Generell waren Dinge damals aber anders. Als Pat Riley die Los Angeles Lakers trainierte, nahm er an einer Coach Clinic in Teneriffa teil. Bei einem Abendessen saßen wir am selben Tisch und redeten über die Unterschiede zwischen der NBA und Europa. Aber auch über Fundamentales und wie ein Team funktioniert und wie wir als Trainer mit Spielern umgehen, die nicht ihr Bestes geben. Riley erzählte mir eine Geschichte über Vlade Divac, der damals ein Laker war. In einem Spiel war er unkonzentriert und Riley kurz davor, ihn auf die Bank zu setzen. Plötzlich ging Magic Johnson zu Divac hinüber, packte den Serben mit beiden Händen am Trikot und sagte zu ihm: „Du spielst nicht nur für deine Reputation und dein Geld, sondern auch für unsere Reputation und unser Geld.“ Das vermittle ich auch meinen Spielern: Es ist nicht immer wichtig, dass alles von mir kommt. Ihr müsst aufeinander achtgeben.

Wie sehen Sie den Unterschied zwischen der NBA und Europa heutzutage?

Nicht mehr so drastisch wie damals beim Abendessen mit Pat Riley. Die Spitze der NBA ist weiterhin eine Klasse für sich. Die europäische Basis hat allerdings stark aufgeholt.

Mögen Sie es, dass so viele europäische Spitzenspieler in die NBA wechseln? Ihre Schützlinge Pau Gasol, Ricky Rubio oder Kristaps Porzingis sind alle in die USA gegangen.

Zu viele Spieler gehen rüber. Der Trend ist von einem Extrem ins andere gewechselt. Als Arvydas Sabonis mit 19 Jahren an einem internationalen Turnier teilnahm, war ich vor Ort. Er war so gut, er hätte sofort in der NBA spielen können. Die Scouts aus den USA waren allerdings skeptisch. Niemand traute es ihm zu, da er nicht auf einem College gespielt hatte. Fatal, wie wir wissen. Heutzutage folgen zu viele Spieler dem Lockruf. Du benötigst als Spieler eine Basis. Du musst mental bereit sein. Manche sind das nicht. Die Einflüsse von außen sind zu groß.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Einfluss auf Spieler schwindet?

Ich denke nicht. Die Spieler hören noch immer zu. Als ich ein Spieler war, waren meine Trainer fast so wichtig wie meine Eltern. Sie haben mir nicht nur auf, sondern auch abseits des Parketts geholfen. Sie waren immer da.

Macht diese Herangehensweise die spanische Philosophie so erfolgreich? Der ganzheitliche Ansatz?

Das ist noch immer einer der Grundpfeiler, ja.

Fehlt das in Deutschland?

Vielerorts ja. Wir versuchen das hier in Berlin. Unsere jungen Spieler haben einen guten Draht zu uns, ihren Jugendtrainern und den älteren Spielern.

Der Basketball hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Lachen Sie manchmal darüber angesichts der Tatsache, dass Sie diese Trends schon seit Jahrzehnten verinnerlichen?

Nein, ich lache nicht. Ich freue mich, dass der Sport spektakulärer wird. Das wollen wir ja alle. Es muss aber auch hinterfragt werden, warum sich Dinge ändern, wie sie sich ändern. Nehmen wir den Dreier als Beispiel: Heute ist der Dreier der neue Trend. Spieler denken: „Oh, wir liegen mit zwölf Punkten hinten, also werfe ich einfach vier Dreier.“ Ich sehe den Dreier als ein Element, das es meinem Team leichter macht, den Ball nach innen zu bringen und am Ring abzuschließen. Oder zum Korb zu ziehen, weil mehr Platz ist. Manche fundamentalen Dinge dürfen einfach nicht in Vergessenheit geraten.

Also alles wieder eine Sache der Fundamente und alter Tugenden?

Natürlich. Es ist toll, dass der Sport schneller wird. Wird er aber noch unser Basketball sein, wenn alle nur noch Dreier schießen? Das macht keinen Spaß.

Macht es Ihnen heute mehr Spaß zu coachen als früher?

Mir hat es immer Spaß gemacht, da gewichte ich nicht. Spaß ist Spaß. Über mein erstes Team, Badalona, wurde damals gesagt, dass wir eine Karate-Presse spielen würden. Sie kennen Karate? Handkante und Tritte. Aber wir waren einfach nur unserer Zeit voraus. Schauen Sie sich unsere Spiele heute auf Video an, wirkt es wie Zeitlupe. Die Athletik und Geschwindigkeit hat zugenommen. Das entwertet allerdings nicht, was wir damals gemacht haben.

Wurden Ihre Trends oft kopiert?

Ja, allerdings ist es heutzutage leichter, zu kopieren. Damals konnten wir keine Videos über den Gegner schauen. Heute kann alles gesehen werden. Ich kann mich erinnern, dass ich als junger Trainer ein Magazin in Händen hielt mit einem Artikel über Dean Smith, den berühmten Coach der North Carolina Tar Heels. In diesem Artikel ging es um sein „Run-and-Jump“-System. Für mich war das ein Novum, was mir Vorteile verschaffte, weil kein anderer Trainer dieses Magazin gelesen zu haben schien.

Dean Smith hat am College junge Spieler entwickelt, nicht zuletzt einen Michael Jordan. Fehlt das heute, weil Spieler meist nach nur einem Jahr in die NBA wechseln?

Ja, das tut es. Für mich war John Wooden der Beste. Er lehrte Basketball und das Leben. Das gibt es heute nicht mehr.

Hatten Sie jemals das Verlangen, in der NBA zu trainieren?

Nein, das hatte ich nie. Dieser Karriereweg war auch nie etwas für mich. Damals, als ich Trainer wurde, hätte ich einige Jahre als Assistent arbeiten müssen, dann auf dem College. Bis ich das erreicht hätte, wäre ich wohl 120 gewesen. (lacht)

Denken sie wirklich nicht über die Zukunft nach? Ans Aufhören?

Nein, tue ich nicht. Interessiert mich auch nicht. Ich lebe jeden Tag.

Eine junge Herangehensweise eben.

Und ist sie nicht toll! Wer jung ist, sorgt sich nicht. Wer älter wird, sorgt sich mehr, vor allem um sich selbst. Warum sollte ich mir das antun?

Interview: Robert Jerzy