Schlagwortarchiv für: Becky Hammon

Beiträge

,

Becky Hammon & J.R. Holden: Identitätszeichen

In ihrer Heimat fanden Becky Hammon und J.R. Holden keine Beachtung. Beide gingen ihre eigenen Wege und trafen sich dann doch. Die Geschichte von zwei Wegen und einem Schicksal.

Autor: Cem Pekdoğru

Becky Hammon

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #13

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #13

Madison Square Garden, New York. Die San Antonio Spurs spielen das vierte Spiel der neuen Saison im Big Apple. Die Mannschaft sieht im dritten Viertel nicht so gut aus, verliert zeitweise ihren Angriffsrhythmus gänzlich. Die Spieler der Spurs spielen schon so lange um die Meisterschaft mit, dass sie sich bewusst sind, dass sie selbst in der am unwichtigsten erscheinenden Etappe ihres 82 Spiele langen Kalenders auf etwas stoßen können, das die ganze Saison bestimmen könnte. Die sechsköpfige Assistentengruppe hat sich vor dem letzten Viertel neben Headcoach Gregg Popovich aufgestellt und ist ganz Ohr. Sie sehen genauso ernst aus wie Ärzte, die eine Operation am offenen Herz durchführen.

Für einen der Assistenten ist das hier nicht irgendeine Karriereetappe. Nachdem sie Colorado State, eine Universität, die im Frauenbasketball immer durchschnittlich abgeschnitten hatte, zu Respekt verholfen hatte, durfte Becky Hammon 1999 am WNBA Draft teilnehmen, gehörte allerdings nicht zu den fünfzig Spielerinnen, deren Namen verkündet wurden. Der Grund war einfach zu verstehen: Kein Vereinsvorstand war dazu bereit, von seinem wertvollen Erstrunden-Pick für eine 1,68 Meter große, langsame Spielerin Gebrauch zu machen. Sie konnten ihre Spielintelligenz, Ballbeherrschung und ihr ausgezeichnetes Wurftalent nicht sehen. Sie waren sich sicher, dass niemand sie fragen würde, warum sie Becky Hammon ausgelassen hatten. Am Ende war es New York Liberty, die ihr eine Chance zu bieten wagte und sie ins Pre-Season-Trainingslager einlud. Ich glaube nicht, dass zu den 100 unvergesslichsten Abenden im MSG ein Liberty-Spiel gehört. Andererseits bin ich mir aber auch ziemlich sicher, dass in den acht Saisons, die Hammon bei Liberty verbrachte, einige Spiele als unvergessliche Abende in die persönliche Geschichte vieler Zuschauer eingingen.

Hammon war in South Dakota und in einer Familie aufgewachsen, die ihre Tage – wie dort üblich – mit Jagen, Fischen und Republikanertum verbrachte. Nun sieht sie allerdings so aus, als gehöre sie genau da hin, wo sie ist: wie eine echte New Yorkerin. Ich verliere mich zwischen dem Lächeln in ihrem Gesicht und ihren Falten. Ich kann nicht ausmachen, ob dieses Gesicht einem Mädchen oder einer Oma gehört. In historischen Momenten kann es laut John Berger vorkommen, dass manchmal zwei, drei, sogar vier Generationen in eine Stunde hineinpassen und gleichzeitig existieren.

Seit der Finalserie 1999 durfte kaum ein Zuschauer bei einem Knicks-Spurs-Spiel gedacht haben, dass er einem historischen Moment beiwohnen würde. Aber das hier ist definitiv ein historischer Moment. Und das werden viel mehr Leute begreifen, wenn Becky Hammon in ein paar Jahren die erste Frau sein wird, die jemals als Cheftrainerin einer NBA-Mannschaft auf dem Parkett stand.

Hammon hat nicht erst gestern Abend angefangen, Geschichte zu schreiben, und ihre Taten werden weit über morgen früh hinaus Auswirkungen haben. Einer dieser historischen Momente war im Sommer 2008. Nachdem sie 2003 den Durchbruch geschafft hatte, wurde Hammon in fünf Saisons vier Mal ins All-Star-Team gewählt, wurde aber trotzdem von ihrer Mannschaft zu den San Antonio Silver Stars geschickt. In ihrer ersten Saison in ihrem neuen Zuhause ging sie noch einen Schritt weiter und belegte den zweiten Platz bei der MVP-Wahl. Wenn man bedenkt, dass der Preis an eine Australierin ging, könnte man behaupten, dass sie die beste Amerikanerin war, die damals Basketball spielte. Jedoch teilten nicht alle diese Meinung: Sie wurde nicht in den 23-köpfigen Kader der US-amerikanischen Nationalmannschaft für Peking 2008 gewählt.

Im Zeitalter der Menschen, die ihre Tage mit Klagen darüber verbringen, sie würden nicht die Anerkennung bekommen, die ihnen gebührt, hätte auch Becky Hammon sich damit abfinden können. Gründe hatte sie ja genug. Stattdessen tat sie das, was sie in ihrer gesamten Karriere getan hatte, indem sie die intelligenteste Person in einem Raum war, den sie zielbewusst betreten hatte. Sie akzeptierte das Angebot Russlands, um ihren Traum von Olympia zu verwirklichen.

J.R. Holden

J.R. Holdens Jugend war voller dummer Fehler gewesen. Als er sich mit dem Klapperkasten, den er von seiner Großmutter geerbt hatte, auf den Weg zu einer zwei Stunden entfernten College-Party machte oder als er im Patriot-League-Halbfinale durch zwei aufeinanderfolgende technische Fouls seine letzte Chance, am NCAA-Turnier teilzunehmen, verspielte, war er eindeutig nicht die intelligenteste Person im Raum. Er hatte schon immer Basketball spielen wollen und hatte es geschafft, einige Agenten von seinem Talent zu überzeugen. Allerdings reichte das nicht aus, denn Holden musste auch noch einen Trainer überzeugen, dass er auf dem Spielfeld Verantwortung übernehmen und richtige Entscheidungen treffen könnte.

Holden schrieb in seiner 2011 erschienenen Autobiographie Blessed Footsteps: „Einen Monat nach meinem Uniabschluss saß ich zu Hause und dachte darüber nach, was ich nach dem Sommer tun sollte. Ein Agent rief mich an und sagte, dass er eine ungarische Mannschaft gefunden hatte und ich im Monat 1.200 Dollar verdienen würde. Ich hatte BWL studiert und hätte sicher viel mehr verdienen können, indem ich von 9 bis 17 Uhr arbeitete.“

Beinahe hätte er seine Hoffnung verloren, als er an seinem 22. Geburtstag einen Anruf aus dem alten Kontinent erhielt. Eine lettische Mannschaft namens Brocēni wäre bereit, jährlich 30.000 Dollar zu zahlen, falls er in einer einwöchigen Probezeit den Trainer beeindrucken sollte. Er konnte mit Trainer Valdis Valters nur über einen Dolmetscher kommunizieren und hatte das Gefühl, dass bei der Übersetzung immer etwas verlorenging. Hinzu kam, dass der 16-jährige Sohn des Trainers, Kristaps, der ebenfalls Spielmacher war, bereits mit einem Selbstbewusstsein spielte, das zeigte, dass er auf das Basketballfeld gehörte. Holden ließ seinen Koffer unweit der Tür stehen. Trainer Valters brauchte vier Tage, um sich von Holden beeindrucken zu lassen, und gab das komplette Transferbudget der Mannschaft für einen Rookie aus. Holden hatte den Trainer, den er brauchte, in Riga gefunden.

Ein paar Monate später nahmen sie an einem privaten Turnier in Dubai teil. Holden verbrachte die ersten Weihnachtsfeiertage seiner professionellen Karriere weit entfernt von Zuhause. Die bedeutendste Lektion für seine Karriere erhielt er in derselben Saison von einer europäischen Legende. Er trumpfte gegen Ariel McDonald, den Point Guard der slowenischen Nationalmannschaft, auf, bekam aber nicht nur Lob zu hören: „Du hast gut gespielt, es war eine großartige Show. Aber du hast verloren. Wenn du in Europa wirklich als ein großer Spieler anerkannt werden willst, musst auch noch lernen, zu gewinnen.“ 

Am Ende seiner Rookie-Saison war – professionell gesehen – alles in Ordnung. Andererseits hatte er seit sechs Monaten seine Familie nicht mehr gesehen. Er war sich fast sicher, der einzige Schwarze zu sein, der in Riga lebte. In einem Auswärtsspiel hatte er den äußersten Grad an Rassismus erlebt. Vor seinem Haus stand ein Auto, das er nicht fahren konnte, weil er die manuelle Schaltung nicht beherrschte, und er scheute sich selbst davor, nachts in den Supermarkt um die Ecke zu gehen. Es gab in Europa bessere Orte zum Leben. Nein, er würde niemals in diese Gegend, in die kleine Hölle kleiner Menschen zurückkehren…

Dennoch kehrte er nach drei Saisons in Belgien und Griechenland wieder in jene Gegend zurück. Er hatte eineinhalb Millionen Gründe, um dort zu sein. Neben diesem saftigen Vertrag hatte ZSKA Moskau ihm auch eine traumhafte Wohnung in der Hauptstadt gemietet. Es schien in seinem Leben nichts zu geben, was die Erinnerungen an Riga wachrufen würde. Aber seine Meinung sollte sich ein paar Monate später ändern. Er erlebte für jemanden, der sich als „einen stolzen schwarzen Amerikaner“ bezeichnet, nicht auszuhaltende Belästigungen. Wenn er Zweifel spürte, kamen ihm McDonalds Worte in den Sinn. In Europa würde er keine bessere Chance als ZSKA erhalten, um ein „Winner“ zu werden.

Während seines ersten Engagements bei ZSKA spielte er drei Mal beim Final Four mit. Bei seinen ersten beiden Versuchen hielt er es für sein Pech, dass sie im Halbfinale gegen die Gastgeber antreten mussten, und fühlte, dass er nah dran am großen Sieg war. Der dritte Versuch war in Moskau und dieses Mal waren sie es, die alle für die Favoriten hielten. Aber sie schieden erneut im Halbfinale aus.

Präsident Sergej Kuschtschenko war einer der größten Fans von Holden in Russland. Eines Tages lud er Holden dazu ein, einem Spiel der russischen Nationalmannschaft zuzuschauen. Ein Jahr später war er der erste schwarze Amerikaner, der mit Putins Einwilligung die russische Staatsbürgerschaft erhielt. 2007 erreichte er bei der Europameisterschaft das Finale gegen Spanien. Vor dem Sprungball sah er am Rande des Spielfelds seinen besten Freund Darius. Darius stand auf und streckte seine rechte Faust hoch. J.R. antwortete auf die gleiche Art. Als das Spiel zu Ende war, hatte er den Gastgebern die Party vermiest – er hatte tatsächlich gewonnen. Ein weiteres Jahr später war er für die Olympischen Spiele auf dem Weg nach Peking. Der amerikanische Journalist am Telefon sagte, dass er ihn interviewen wollte.

„Warum rufen Sie mich an? Spricht Becky nicht?“

Peking

Becky sprach. Aber sie war nicht die einzige, die sprach. Die Trainerin der US-amerikanischen Nationalmannschaft, Anne Donovan, sagte zum Beispiel: „Wenn du in diesem Land spielst und im Herzen des Landes aufwächst und ein russisches Trikot anziehst, dann bist du keine Patriotin.“

Ihr Kollege Mike Krzyzewski, der die Männernationalmannschaft trainiert, nahm Holdens Trainer David Blatt ins Fadenkreuz. Er sagte über Blatt, der erzählte, dass er als ein Mensch, der sich das Finale 1972 mit Tränen in den Augen im Radio angehört hatte, das Ergebnis jetzt gerecht finde: „Er ist nun ein Russe. Er trainiert die russische Mannschaft und nimmt jetzt wahrscheinlich ihre Sichtweise ein. Seine Augen dürften jetzt klarer sehen, seine Tränen müssten getrocknet sein.“

Besser wäre es gewesen, wenn nur Becky gesprochen hätte. Sie fragte, was Olympia bedeute. Sie war die Einzige, die den Mut hatte, diese Frage, die viel häufiger gestellt werden sollte, jenen Sommer in die amerikanische Öffentlichkeit zu bringen: „Aus meiner Perspektive sollte es bei Olympia um Solidarität und Freundschaft, um das Zusammenkommen der besten Sportler auf dem Planeten gehen, und nicht darum, sich damit zu brüsten, wie man andere Länder dominiert.“

Es gibt einen weiteren Begriff, der zu den fundamentalen Prinzipien der Olympischen Idee zählt: Freude am körperlichen Einsatz. Becky Hammon und J.R. Holden führen Leben, die um diese Freude herum aufgebaut sind. Und genau aus diesem Grund verdienen sie einen Platz in der olympischen Geschichte.