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Lucien Favre im Exklusiv-Interview: „Pässe machen nicht den Unterschied“

Lucien Favre ist neuer Trainer von Borussia Dortmund. Der Schweizer gilt als Perfektionist, als Detailversessener. Aber eigentlich will Favre nur spielen. SOCRATES traf den Neu-Borussen im vergangenen Jahr und sprach über seine Art des Fußballs.

Lucien Favre, was mögen Sie am meisten im Fußball?

Den Ball an sich. Ich bin irgendwie in den Ball verliebt. Sobald ich einen Ball sehe, muss ich mit dem spielen. Auch noch heute – bei den Trainingseinheiten spiele ich mit dem Ball, sobald ich einen sehe. Ich jongliere ein bisschen und habe dabei viel Spaß. Für mich ist der Ball wie ein Magnet. Er zieht mich immer an.

Der Artikel erschien in Ausgabe #04

Der Artikel erschien in Ausgabe #04

Was hat sich Ihrer Meinung nach spielerisch in den vergangenen 10 bis 15 Jahren grundsätzlich verändert?

Nicht so viel. Was die Spielsysteme betrifft, werden sie während des Spiels angepasst. Zum Beispiel fängt man mit einem 4-3-3-System an und nach zehn Minuten wird es zu einem 3-4-3 oder einem 3-4-1-2, was vor ein paar Jahren noch nicht der Fall war, denn da hat man meistens dasselbe System neunzig Minuten beibehalten. Mittlerweile wurden alle möglichen Systeme ausprobiert. Dementsprechend ist es unmöglich, neue Systeme zu erfinden.

Wieso werden die Systeme im Vergleich zu früher so oft verändert?

Es gibt mehrere Gründe: Immer mehr Spieler können auf verschiedenen Positionen spielen, die Außenverteidiger werden zu Flügelspielern, die Flügelspieler spielen mehr in der Mitte und die Defensiv-Mittelfeldspieler agieren zwischen den zwei Innenverteidigern. Der größte Unterschied zu früher ist die Bewegung. Um den Gegner zu überraschen und zu besiegen, muss man schnell und zielstrebig nach vorne spielen. Das Spiel wird immer intensiver. In den 60er Jahren ist ein Spieler im Durchschnitt vier Kilometer gelaufen. Heute spult er zwischen 12 und 14 Kilometer ab.

Ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem die Reaktion auf eine Aktion ein Ende hat, oder dreht es sich immer weiter so wie in den letzten 70, 80 Jahren?

Im Großen und Ganzen dreht es sich wie in den 70er Jahren, nur mit dem Unterschied, dass das heutige Spiel intensiver ist. Und wenn man den Ball um den gegnerischen Strafraum verliert, wird sofort gepresst, um so schnell wie möglich den Ball zurückzuerobern. Das wird bei vielen Mannschaften praktiziert. Das war früher nicht so.

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In welchen Teilbereichen – Ausbildung, Spielerentwicklung – liegen die meisten Potenziale?

Da gibt es einige. Um das Spiel noch schneller zu machen, muss man erst einmal eine gewisse Spielintelligenz haben. Dann kommt die Technik. Um den Ansprüchen gerecht zu werden, muss man auch eine top Kondition haben. In meinen Augen liegt das größte Potenzial in der Ausbildung im technischen Bereich. Ich finde, dass in vielen Klubs in diesem Bereich nicht unbedingt gut gearbeitet wird. Zum Beispiel den Ball in Höchstgeschwindigkeit zu kontrollieren und anschließend sofort einen langen präzisen Diagonal-Ball nach vorne zu spielen, gelingt nicht jedem Spieler. Wenn man es beherrscht, wird der Gegner überfordert. So kann man das Spiel besser und schneller machen. Oder wenn man einen tollen Pass nach vorne in Höchstgeschwindigkeit spielt, um den Gegner zu überraschen, das ist ebenfalls etwas, was mir gefällt. Ein moderner Spieler sollte beidfüßig sein. Die größte Baustelle befindet sich definitiv bei der Technik. Da besteht noch viel Verbesserungsbedarf.

Ist das Dribbling nach wie vor wichtig im heutigen Spiel?

Definitiv. Man macht ja durch ein starkes Dribbling den Unterschied. Schauen Sie sich einfach einen Arjen Robben oder einen Franck Ribéry an, die das drauf haben, egal ob in Eins-gegen-Eins- oder in Eins-gegen-Zwei-Situationen. Diese Art von Spielern ist unheimlich wichtig, weil das Spiel ansonsten langweilig ist. Nur Pässe zu spielen, ist ja nicht spektakulär. Deswegen muss in der Ausbildung der Akzent aufs Dribbling weiterhin forciert werden. Ein Spieler, der zwei Gegner durch ein Dribbling eliminiert und dann einen feinen Pass spielt, das ist der Sinn des Kollektivs. Für mich ist es notwendig, Spieler in seinen Reihen zu haben, die dribbeln können, weil sie jederzeit den Unterschied machen können. Den Unterschied nur mit Pässen zu machen, ist fast unmöglich.

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Wie sieht es mit der Gegner- und Spielanalyse aus. Glauben Sie daran, dass das Spiel immer noch mehr verwissenschaftlicht oder technologisiert wird?

Es ist nicht wirklich mein Ding. Mir ist wichtig, dass das Spiel einfach bleibt. Man sollte diese Sportart nicht kompliziert machen, weil ansonsten die Zuschauer fernbleiben. Nur die Technik sorgt dafür, dass das Spiel schneller und intensiver wird. Wenn man technisch limitiert ist, kriegt man große Probleme, auf dem höchsten Niveau zu bestehen. Dafür muss man schnell antizipieren und handlungsschnell sein. Ich sehe heute noch viele Spieler, die Schwierigkeiten haben, wenn der Ball fliegt und gestoppt werden muss. Da haben viele Spieler etliche Defizite.

Sie vertrauen der Videoanalyse.

Um nichts dem Zufall zu überlassen. Das Wichtigste an den Videos ist, unser letztes Spiel im Detail zu analysieren. Da kann man viele Sachen verbessern. Danach kommt die Analyse des künftigen Gegners: Wie spielt er, was sind seine Stärken, Schwächen und so weiter. Auch wenn wir 5:0 gewinnen, gibt es immer etwas zu analysieren, um individuell und als Mannschaft nach vorne zu kommen.

Wie effektiv ist eigentlich In-Game-Coaching?

Es ist schon wichtig, aber wichtiger bleibt, was der Trainer für eine Arbeit mit seiner Mannschaft unter der Woche leistet: Welche Übungen werden gemacht, auch abhängig vom Spielstil des nächsten Gegners. Aber auch der Spieltag ist wichtig: die Motivation, die Rede in der Halbzeit. Und während der Partie sind Details ebenfalls nicht zu unterschätzen, vor allem was die Taktik betrifft. Deswegen ist das In-Game-Coaching nicht überbewertet. Man muss sich auch für die richtigen Wechsel zum richtigen Zeitpunkt entscheiden, entweder um eine Führung auszubauen oder zu verteidigen, oder um einen Rückstand aufzuholen.

Was ist für einen Trainer im Endeffekt das Wichtigste?

Dass er jeden Parameter jederzeit im Griff hat: Die Beziehung zu seinen Spielern, zu seinen Kollegen, zu seinen Verantwortlichen, zu seinen Mitarbeitern, zu den Schiedsrichtern, zur medizinischen Abteilung und zu den Medien. Man muss immer das Gefühl haben, dass man jederzeit seinen Job im Griff hat und dass man jederzeit weiß, wie man mit seinen Spielern um- geht. Der menschliche Aspekt steht über allem.

Spielt Improvisation ebenfalls eine wichtige Rolle in Ihrer täglichen Arbeit?

Ich würde eher sagen, dass die Intuition sehr wichtig ist. Improvisieren ist schwer, eher planen halte ich für wichtiger.

Haben Sie manchmal nicht den Eindruck, dass die Gefahr besteht, dass sich Ihre Spieler bei den Trainingseinheiten langweilen?

Das gehört auch zur Aufgabe des Trainers, dass er alles daransetzt, damit die Übungen genug variieren, damit man kreativ ist. Das ist in der täglichen Arbeit natürlich sehr wichtig. Auch ein Trainer muss für sich schauen, dass er jeden Tag dazu lernt, sei es im Umgang mit seinen Spielern oder ein spielerisches Element betreffend. Als Trainer muss man sich permanent hinterfragen, um nicht zu stagnieren. Sonst kann man nicht dauerhaft Erfolg haben.

Kann sich ein Trainer nach einer bestimmten Zeit langweilen?

Damit es nie langweilig wird, muss man sich die wichtigste Frage stellen: Was kann ich jeden Tag besser machen? Diese Frage stelle ich mir tagtäglich. Deswegen habe ich seit ein paar Jahren Erfolg auf höchstem Niveau und auch jeden Tag Spaß bei meiner Arbeit. Man muss auch ständig seinen Horizont erweitern, nicht nur in Europa schauen, wo ich bereits die französische, die deutsche, die englische, die portugiesische und die Schweizer Meisterschaft intensiv verfolge, und Italien ist von Nizza auch nicht weit weg, sondern auch mal Spiele oder Trainingseinheiten auf anderen Kontinenten unter die Lupe nehmen. Es gibt immer wieder was Neues zu entdecken. Ich bin immer sehr hungrig und neugierig aufs Neue.

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Als Sie Ende der 80er Jahre bei Servette Genf auf einem Zimmer mit Karl-Heinz Rummenigge waren, hatten Sie schon damals vor, irgendwann mal Trainer zu werden?

Nein, nicht wirklich. Mit Karl-Heinz habe ich viel diskutiert über die mögliche Aufstellung unseres Trainers, wie unser nächster Gegner spielen würde und so weiter. Wir waren zwar Spieler, aber wir waren bereits an vielen taktischen Dingen interessiert.

Wie fingen Sie als Trainer an?

1991, als ich 34 Jahre alt war, habe ich bereits über meine Zukunft nach der Spieler-Karriere nachgedacht. Erst habe ich Jugendmannschaften trainiert und es hat mir sofort gefallen. Das war entscheidend für den weiteren Verlauf meiner Karriere. Danach habe ich mich um ein Drittliga-Team gekümmert und so weiter. Wenn man 32, 33 Jahre alt ist, ist es sehr wichtig, dass man an seine Zukunft denkt, sonst wird es schwer. Heute dauert eine Spieler-Karriere ungefähr zehn Jahre und alles wird schneller, insofern sollte man sich unbedingt auf seine Zukunft vorbereiten, um den Zug nicht zu verpassen. Wenn man als Spieler nur auf die Karriere fokussiert ist und sich nicht schon mal umschaut und Gedanken über die eigene Zukunft macht, dann wird es schwer. Das ist ein Tipp an alle Spieler.

Wissen Sie eigentlich, wie viele Stunden Sie täglich arbeiten?

Ich zähle nicht. Für mich ist mein Job nur Spaß. Was mir am meisten gefällt, ist die Arbeit auf dem Platz. Ich würde nur zählen, wenn ich mich langweilen würde.

Brauchen Sie die tägliche Arbeit auf dem Platz oder wären Sie auch mal für einen Job als Nationaltrainer zu begeistern?

Ehrlich gesagt habe ich mir diese Frage noch nie gestellt. Ich liebe meinen Job als Vereinstrainer. Aber man weiß nie, was die Zukunft bringt.

Werden Sie bis zum allerletzten Tag Ihres Lebens arbeiten oder werden Sie irgendwann in Rente gehen?

Irgendwann werde ich aufhören, aber nicht komplett. Ohne den Ball wäre es für mich zu schwer. Dafür ist meine Liebe zum Ball zu groß.

Wenn Sie einen 28-jährigen Trainer sehen, der die Bundesliga-Spitze mit der TSG Hoffenheim neu aufmischt, wie finden Sie das?

Ich finde es toll, und die Verantwortlichen von Hoffenheim waren mutig, aber man muss als Trainer mittel- bis langfristig gute Arbeit leisten, nicht nur sechs Monate. Was Julian Nagelsmann bei der TSG Hoffenheim leistet, ist hervorragend. Er bringt frischen Wind in die Bundesliga.

Muss man ein großer Spieler gewesen sein, um ein großer Trainer zu werden?

Es gibt alle möglichen Beispiele. Arrigo Sacchi hat beim AC Mailand einen neuen Spielstil eingeführt, nachdem er keine große Karriere als Spieler hatte. Er hat ein 4-4-2-System erfunden mit einem hohen Pressing auf den Gegner. Es gibt viele solche Beispiele von Trainern, die als Spieler nicht bekannt waren und danach eine tolle Laufbahn als Trainer hatten. Es ist klar, dass ein Spieler, der eine großartige Laufbahn hatte und dann als Trainer anfängt, eine völlig andere Einstellung hat als umgekehrt. Aber diejenigen, die keine großen Spieler waren, sind nicht nur Theoretiker, sondern sie können auch Großes leisten. Sie bringen neue Ideen ein. Dabei gibt es unheimlich viele Beispiele. Wären sie nicht kompetent, würden sie nicht lange als Trainer auf höchstem Niveau überleben. Umgekehrt ist es auch so: Ein Spieler, der alles gewonnen hat, schafft es als Trainer nicht immer. Das kann man nicht voraussehen. Dass so viele Jugendtrainer momentan in der Bundesliga positiv überraschen, ist gut für den Fußball.

Gibt es selbst für Sie noch Trainer, von denen Sie sich Dinge abschauen oder die Sie sogar mal inhaltlich um Rat fragen? Oder entscheiden Sie immer alles selbst nach Erfahrung und in Absprache mit Ihrem Trainerteam?

Eigentlich treffe ich meine Entscheidungen immer zusammen mit meinem Team. Ich habe genug Erfahrung, um mich bei meinen Entscheidungen von anderen Trainern nicht beeinflussen zu lassen.

Hat Sie ein Trainer besonders inspiriert?

Der Trainer, der mich vor allem inspiriert hat, war Johan Cruyff; schon als Spieler und nachher als Trainer vom FC Barcelona. Auch Trainer wie Arsène Wenger und Christian Gourcuff bei Stade Rennes schätze ich. Wir haben einen sehr guten Kontakt. Als ich Jugend-Teams trainiert habe, habe ich meine freie Zeit genutzt, um bei diversen Trainern zu hospitieren: In der Anfangszeit von Wenger beim FC Arsenal, ich war auch zu Gast bei Raymond Goethals in Belgien, bei Ottmar Hitzfeld beim FC Bayern und vor allem 1993 bei Cruyff in Barcelona. Dort war ich zwei Wochen. Aber ich hatte bereits vorher seine Arbeit beobachtet, wie er Barça spielen ließ, wie beweglich seine Elf agierte, sei es mit oder ohne Ball, die Antizipation und so weiter. Auch Telê Santana als Nationaltrainer von Brasilien hat mich beeindruckt. Er war fantastisch.

Auch Pep Guardiola scheinen Sie zu schätzen.

Pep ist der logische Nachfolger von Johan Cruyff. 1993 bei Barça war er dort der Mittelfeld Stratege. Er war sehr intelligent. Wenn ein Spieler eine hohe Spielintelligenz hat, dann hat er gute Chancen, ein guter Trainer zu werden. Ich kann mich an die erste Stunde des Achtelfinal-Hinspiels bei Juventus Turin (2:2) im Februar 2016 erinnern, als Juve den Ball kaum sah, weil der FC Bayern ein extrem hohes Pressing gespielt hatte. Guardiola hatte auch während des Spiels sein System verändert. Als Trainer ist er einer der Besten.

Aber übertreibt er es nicht mit seinem Passspiel?

Pep legt sehr viel Wert auf den Ballbesitz, genauso wie ich. Nur Ballbesitz des Ballbesitzes wegen interessiert mich aber nicht. Beim Ballbesitz sollte es viel Bewegung geben, um zu versuchen, ein Tor zu erzielen. Ich bin ein Fan von Ballbesitz.

Interview: Alexis Menuge

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Neven Subotić: Das Streben nach Glück

Neven Subotić ist Fußballprofi. Aber das ist nebensächlich. Er hilft Menschen weltweit, sauberes Wasser zu bekommen. Eine Aufgabe fürs Leben.

Neven Subotić, kennen Sie die Geschichte von Pollyanna Whittier?

Erzählen Sie.

Pollyanna ist ein liebenswerter Mensch, der versucht, in jeder Lebenssituation etwas Gutes zu finden. Ihr Lebensmotto ist, überall Freude zu finden und sie praktiziert das „Such die Freude“-Spiel. Wie verläuft Ihr eigenes „Such die Freude“-Spiel?

Ich hatte das Glück, dass ich nicht, wie in der Geschichte impliziert ist, unter negativen Umständen aufgewachsen bin. Im Gegenteil: Ich hatte gesunde Eltern, die sich um mich kümmern konnten und sich extrem anstrengen mussten durch ein oder zwei Jobs, um uns ein gutes Leben zu ermöglichen. Sie haben die Umstände angenommen und das Beste daraus gemacht. Dass es nicht von heute auf morgen geht, habe ich dadurch auch gelernt und dass man sich nicht beirren lassen sollte, wenn der Weg mal steinig wird. Man muss das beeinflussen, was man beeinflussen kann.

Wie?

Indem man beispielsweise positive Menschen kennenlernt, die einen ein Leben lang prägen.

Wie Pollyanna.

Für mich war das schon als kleiner Junge so. Mir ist bewusst, dass es viele negative Dinge gibt. Aber reicht die bloße Erkenntnis? Die Schlussfolgerung sollte schon eine aktive Partizipation sein. Denn alleine durch dieses Wissen wird die Welt nicht besser. Man muss mit diesem Wissen etwas anfangen. Dann befindet man sich auf einem Weg, auf dem man nicht nur nach Glück sucht, sondern Glück auch immer wieder links und rechts findet.

Aber nicht für jeden ist das Glück greifbar.

Um Glück und Freude zu erreichen, muss man kämpfen. Ziemlich wenig wird einem vom Leben geschenkt, um etwas Schönes zu erreichen. Die Welt, wie ich sie täglich wahrnehme, ist leider sehr negativ. Die Fakten sind, dass zwei Drittel der Bevölkerung in den nächsten 20 bis 30 Jahren ein Wasserproblem haben werden. Jeden Tag sterben tausende Kinder an wasserübertragenen Krankheiten, die absolut vermeidbar sind. Mit dem Wissen und der Technologie, die wir jetzt haben, kann man alle Probleme lösen. Der Kampf wäre, mit diesem Wissen für eine Veränderung zu sorgen. Die bloßen Fakten führen zu keiner Verbesserung.

Kann man diesen Kampf gewinnen?

Es ist ein Kampf, der sich auf jeden Fall lohnt. Gewinnen wird man immer wieder, wenn es auch nur kleine Erfolge sind. Wenn die Welt durch diesen Kampf am Ende nur um ein Quäntchen besser wird, kann ich mich damit gut abfinden.

Ist der Weg das Ziel?

Das ist nicht lösungsorientiert. Man sollte schon Ziele haben. Es ist ein unendlicher Marathon und man erreicht immer Checkpunkte. Das, was ich mache, ist lösungs- und leistungsorientiert. Guter Wille ist schön, den schätze ich auch, aber es braucht auch Professionalität und ein Engagement, das über die Normen hinausgeht.

Man ist von einem Profifußballer, der auf höchstem Niveau spielt, nicht gewohnt, dass er selbstlos der Menschheit hilft. Wundern Sie sich, dass wir extra ein Interview führen müssen, weil das so außergewöhlich ist?

Schauen Sie sich doch unsere Gesellschaft an. Natürlich wundert es mich nicht. Fußballer werden ziemlich früh gleichförmig geschult – schon mit zehn heißt es: ‚Spiel gut!‘ oder ‚Schule ist okay, aber mach du erstmal Fussball.‘ Du wirst einfach nur an einer Skala gemessen. Dass sich daraus eine Fokussierung nur auf die eigene Leistung entwickelt, liegt am System. Wenn dann einer aus der Reihe tanzt und dafür Aufmerksamkeit bekommt, ist das doch normal. Aber die Frage ist doch: Was können die anderen tun?

Haben Sie eine Antwort?

Da bin ich realistisch. Wenn man mit zehn, zwölf Jahren schon Verträge abschließt und große Beträge bekommt, dann ist alles wirklich auf Leistung getrimmt. Aber es gibt bestimmte Faktoren, die zu einem gesunden Leben gehören. Die nehme ich zur Kenntnis und deswegen will ich nach meiner Karriere diese auch aktiv angehen. Soziales Engagement heißt nicht, dass man einmal im Jahr ins Krankenhaus geht und einen Teddybären verschenkt. Es ist aber nicht nur alleine die Verantwortung der Spieler, der Vereine. Alle tragen eine Verantwortung.

Arrivierte Profis geben jungen Sportlern gerne mal Tipps, wie sie ihren Schuss verbessern oder besser verteidigen können. Geben Sie Tipps, wie Nächstenliebe funktioniert?

Ja, aber nicht nur. Ich rede auch viel mit Fans. Ich versuche natürlich, in meinem Rahmen ein positives Beispiel zu geben. Einerseits, dass man soziales Engagement zeigt, andererseits aber auch, immer offen zu sein. Mich hat neulich ein Kollege angerufen und meinte, er wurde von einem Freund nach Ghana eingeladen. Ich habe ihm gesagt: ‚Geh dort hin und lerne eine andere Kultur kennen. Du hast dort jemanden, der dir den sozialen Zugang zu anderen Menschen verschafft.‘

Und? Macht er’s?

Ich hoffe, dass ich ihn überzeugen konnte, weil persönliche Öffnung dadurch gelernt wird. Wir leben ja in einem ziemlich geschlossenen Zirkel. Das hat selbst in Schulen und Vereinen eine Tradition. In Amerika waren die Schulen vor 40 Jahren komplett getrennt. Dieses Mindset ist zwar nicht mehr vorhanden, aber es prägt. Wir haben eine sehr eurozentrische, einseitige Sichtweise: ‚Kenn ich nicht, mag ich nicht.‘ Und viele Leute hadern mit ihrer eigenen sozialen Entwicklung. Man kann aber durch kleine Gespräche viel herausholen. Jeder strebt nach Glück. Und auch nach Spaß, den man bekommt, wenn man mit seinem Wissen eine Brücke bilden kann.

In der Bundesliga gibt es mit Christian Streich jemanden, der klare Statements in diese Richtung abgibt. Reichen Subotić und Streich?

Der Fußball hat einen besonderen Status in der Gesellschaft. Er dient mittlerweile als der Ankerpunkt, der früher die Kirche war. Mittlerweile liegt der Glaube manchmal mehr beim Verein. Dieses Vertrauen bietet enorm viel Kraft. Man kann dadurch natürlich Trikots verkaufen und sagen: ‚Hey, du bist jetzt Fan.‘ Oder man geht übergeordnete Ziele an. Viele Klubs haben eine Stiftung, das ist ein Schritt in die richtige Richtung, Der Fußball ist mit dieser Strahlkraft in der Verantwortung.

Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr von Symbolik geprägt ist. Haben Sie für sich eine Symbolik geschaffen, um zu dokumentieren, dass Sie Opfer gebracht haben?

Ich habe versucht, vieles zu verkaufen. Ich habe gemerkt, dass ich nicht glücklicher bin, wenn ich ein teures Auto habe. Heute fahre ich ein zehn Jahre altes, kleines Auto. Das reicht mir. Ich sehe das aber nicht als Opfer, vielmehr habe ich neue Werte kennengelernt. Früher habe ich andere Werte übernommen. Ich habe MTV geschaut und gesagt: ‚Cool, das Auto brauche ich auch.‘ Mittlerweile habe ich auch ganz andere Idole als früher. Das ist für mich eine große Erleichterung.

Wie reagiert Ihr Umfeld?

Zum Teil mit Verständnis, zum Teil mit Unverständnis. Die Leute, die mich von früher besser kennen, finden, dass das zu mir passt. Wenn ich jetzt mit einem Ferrari kommen würde, würden sie sagen: ‚Hä? Was ist denn mit dir los?‘ Es gibt Menschen, die durch Luxus glücklich werden. Aber es gibt eine Grenze für dieses Glücksempfinden. Ich hoffe, dass es irgendwann mal einen simulierten Luxus geben kann, damit man es sieht, um es dann nicht mehr zu wollen. Ich bin kein Soziologe oder Psychologe. Vielleicht kann es auch andersrum gehen. Es ist immer davon abhängig, in welchem Kreis man sich bewegt.

Was sagen Ihre Eltern?

Sie sind stolz und sie würden mich gerne mehr sehen, aber haben auch absolutes Verständnis, dass ich so bin, wie ich bin. Man kann auf diesem Weg nicht alle glücklich machen. Für mich wäre die Alternative, der beste Sohn meiner Eltern zu sein und immer für sie da zu sein. Aber welchen Zweck hätte das für die Welt? Sie sind mit allem einverstanden, was ich mache.

Welche Motivation haben Sie? Weil Sie es einfach können oder nimmt Sie die Situation in der Welt persönlich mit?

Etwas machen, weil man es kann, ist keine Motivation. Meine Motivation sind die Menschen. Ich habe eine Menge Menschen kennengelernt. Es ist egal, ob Leute lesen oder schreiben können oder die gleiche Sprache sprechen. Du guckst in ihre Augen und siehst, was sie erlebt haben. Da würde ich mich am liebsten verkriechen, da mein privilegiertes Leben ein Witz dagegen ist. Da sehe ich diese krasse Ungerechtigkeit in der Welt.

Sie ist exorbitant.

Wahnsinn. Jeden Tag sterben unschuldige Kinder. Es gibt horrende Zahlen, die unvorstellbar sind. Und die gibt es nicht erst seit gestern. Irgendwann werde ich von dieser Welt gehen, ich sehe das total unromantisch. Für mich wird die Frage sein: Was habe ich mit dem Glück, was ich im Leben erfahren habe und das ich nicht mehr verdient habe als ein Anderer, getan? Habe ich mir damit ein schönes Leben gegönnt und nebenbei ab und zu mal ein Krankenhaus besucht? Ist es eine Meisterschaft, ein Champions-League-Finale, an dem ich mein Leben messe? Vielleicht ist es ein Teil. Aber für mich gibt es eben noch mehr als das.

Sie haben direkten Kontakt zu den Menschen in schwierigen Regionen. Fassen Sie sich an den Kopf, wenn Sie die Flüchtlingsthematik hier in Europa verfolgen?

Es ist eine enorm schwierige Debatte, da ein klares Ziel noch nicht festgelegt wurde, das langfristig wirken kann. Viele verschiedene Interessen kommen zusammen. Ich sehe das Ganze noch ein bisschen mit Skepsis. Es wird manchmal so dargestellt, als ginge es wirklich um eine gemeinsame Lösung. Dabei sind die Ansätze auf der UN-Charta nicht immer mit Leben gefüllt. Die reden über Integration, Entwicklungspolitik, wie man Auffanglager an den Küstenländern errichtet… Da will ich sagen: ‚Seht ihr alle, was gerade passiert?‘ Da wird nicht versucht, die Ursache zu mildern, sondern der Übergang erschwert.

In Deutschland wurde zuletzt eine offizielle Statistik publik gemacht und dargestellt, wie kriminell Flüchtlinge sind.

Kriminalität ist ein Symptom. Wenn man etwas hat, gibt es keinen Grund, etwas zu klauen. Die meisten dürfen nicht arbeiten. Für sie gibt es keinen Ausweg. Wenn mir jemand sagen würde: ‚Du darfst sechs Monate nicht arbeiten und kein Geld verdienen‘, und hätte ich schon kein Geld, wüsste ich nicht, was ich tun würde. Das ist für mich wie ein moderner Knast. Auch wenn man sich anschaut, wo die Flüchtlingsunterkünfte gebaut werden, teilweise in Stadtteilen, in denen keine Integration möglich ist. Es gibt auch sonst viele Hürden. Lassen Sie mich ein Beispiel erzählen.

Gerne.

Es gab in Dortmund ein Programm, an dem auch drei Kosovaren teilgenommen haben. Sie haben eine Ausbildung als Bäcker bekommen. Ein Beruf, den immer weniger Deutsche machen wollen, weil man um vier Uhr morgens schon auf der Matte stehen muss. Für die Jungs war das dagegen eine große Chance. Ihre Arbeitgeber waren überzeugt und wollten ihnen eine Chance geben. Aber das Problem war, dass die Jungs keine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis hatten. Um eine zu bekommen, mussten sie zum einem 1.200 Euro auf einem Bankkonto nachweisen und zum anderen dann noch einmal zurück in den Kosovo reisen, einen Antrag stellen und dann wieder nach Dortmund zurückkehren. Das kostet ja auch nochmal viel Geld. Das ist in Bosnien oder im Kosovo fast ein Jahresgehalt. Solche Regeln machen eine sinnvolle Integration unnötig schwer.

Sie kennen die Brennpunkte der Welt, Sie machen sich selbst regelmäßig ein Bild davon. Verstehen Sie die Situation auf dem Globus nun besser?

Das Wichtigste: Ich komme dadurch an Fakten, und zwar so wie sie sind. Ich habe gemerkt, wie einseitig berichtet wird. Vor vier, fünf Jahren habe ich aufgehört, Fernsehen zu schauen. Gefühlt ist jeder ein Philosoph. Aber die meisten haben kein Grundwissen. Aber wissen Sie, was die wirklichen Probleme der Welt sind? Womit hängt alles zusammen? Vielleicht sind wir hier gar nicht unschuldig an dem, was da draußen passiert. Durch mehr Information und Kommunikation können wir vielleicht etwas tun, damit es anders wird.

Und da kommt Ihre Stifung ins Spiel.

Bevor man sich in Statistiken verliert, muss einem klar sein, dass es um den einzelnen Menschen geht. Wir versuchen immer die Geschichten der Leute aufzuzeigen, um den Menschen dahinter zum Vorschein zu bringen. Um sie zu verstehen. Man befreit sich nicht von der Schuld, wenn man zehn Euro spendet und hofft, dass alles gut wird. Nein, wichtig ist, mit Lösungansätzen an die Sache heranzugehen.

Wie sieht Ihr Lösungsansatz aus?

Wir begegnen den Menschen auf Augenhöhe und suchen gemeinsame Lösungen. Wir wollen zu einer positiven, solidarischen, internationalen Gemeinschaft beitragen. Im Mittelpunkt steht das Thema Wasser. Das, was jeder Mensch auf der Welt braucht, ist Wasser. Für uns ist das selbstverständlich, aber Kinder südlich der Sahara laufen täglich bis zu sechs Kilometer, um Wasser zu bekommen. Jeden Tag. Bei einer brutalen Hitze. In der Region sind die Wege nicht asphaltiert. Da geht es Berg auf, Berg ab. Und das Wasser, das sie am Ende bekommen, ist qualitativ nicht wie hier. Wenn wir mit diesem Wasser in Berührung kommen würden, würden wir sofort duschen gehen wollen. Die Menschen dort müssen es ihren Kindern zum Trinken geben. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass man nicht täglich drei bis fünf Stunden zurückgelegen muss, um dreckiges Wasser zu holen. Drei bis fünf Stunden, mit der Müdigkeit des Vortages, weil du das jeden Tag machst. Stell dir vor, jemand schenkt dir diese fünf Stunden, in denen du nicht 20 Kilogramm schleppen musst.

Das Ganze hat noch einen positiven Nebeneffekt.

Genau. Anstatt jeden Tag zum Wassertransport zu gehen, bekommen die Kinder die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Unsere Aufgabe ist es auch, den Kindern Bildung zu ermöglichen. Wir haben es geschafft, dass noch mehr Kinder eine Bildung bekommen. Das ist uns sehr wichtig.

Sie investieren viel Zeit und Herzblut für die Stiftung. Werden Sie bei Ihren Klubs gefragt, ob Sie sich überhaupt auf Fußball konzentrieren können?

Du kannst keinen Spieler kaufen und sagen: ‚Deine Familie lässt du zu Hause.‘ Das ist irreal und nicht förderlich. Für mich ist die Arbeit wertvoll, es macht mir Spaß und mir würde etwas fehlen. Als würde man jemandem seinen Sohn oder seine Tochter wegnehmen. So ein Klubmanager hat natürlich viele Probleme: Sein Spieler guckt die ganze Zeit aufs Handy. Ist das gut für den Fußball? Der andere studiert nebenbei Sportmanagement. Ist das gut für den Fußball? Der andere hat sich von seiner Frau getrennt. Ist das gut für den Fußball? Meine Sache ist natürlich neu, aber das wird offen besprochen, damit jeder weiß, woran er ist. Das Eine ergänzt das Andere und ich bin ja auch nicht alleine.

Ist Ihnen die Unwichtigkeit des Fußballprofidaseins bewusst geworden?

Ich empfinde die vermeintliche Wichtigkeit teilweise als sehr groß; Fußballer übernehmen eine ungeheure Verantworung in der Gesellschaft. Wenn ein Fußballer sagt, dass Schule wichtig ist, beeindruckt das Kinder mehr, als wenn ihnen das ein Lehrer sagt. Dabei ist der Lehrer viel qualifizierter dafür. Wenn ich einem Jungen sage, ‚sag Danke und Bitte‘, hat das auch mehr Gewicht als das Wort der Eltern. Ich finde so etwas gefährlich, weil Fußballer nicht ausgebildet wurden, Soziologen zu sein. Kinder machen das, was sie sehen. Erinnern Sie sich doch an die „Ice Bucket Challenge“. Die Leute haben es nachgemacht. Das zeigt, welche Kraft dahintersteckt. Wobei das wieder positiv war, weil viel Geld zusammengekommen ist.

Ist für Sie nach Fußball Schluss mit Fußball?

Wenn ich nicht mehr spiele, sehe ich meine Arbeit im Stiftungswesen. Ich möchte meine verfügbare Zeit gerne weiterhin der Gemeinnützigkeit widmen. So, wie ich es heute schon mache. Aus heutiger Sicht kann ich mir den Posten eines Trainers oder Managers nicht vorstellen. Dann immer noch jedes Wochenende unterwegs, Hotels, Stadien. Das habe ich ja als Profi alles schon mal gesehen.

Neven, wann tritt bei Ihnen das Gefühl ein, dass Sie etwas erreicht haben?

Da bin ich ganz schlecht. Ich bin sehr selbstkritisch. Ich kann gute Momente gar nicht erleben. Ich strebe immer nach Perfektion. Zwischendurch gibt es Momente, die messbar und hilfreich sind, wenn wir beispielsweise über 30.000 Menschen Zugang zu Wasser gesichert haben. Das Schöne sind aber nicht unbedingt die Meilensteine. Wenn man währenddessen bestimmte, schöne Geschichten in den eigenen Rucksack des Lebens packen kann, freut es mich am meisten. Und das Lächeln der Menschen, deren Leben wir etwas erleichtern wollen.

Autor: Fatih Demireli

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Borussia Dortmund: Die Wette auf den Tod

Der Anschlag auf das Team von Borussia Dortmund im April hat den deutschen Fußball verändert. Die Tat hinterlässt verunsicherte Stars und Klubs, deren Markenkern auf dem Spiel steht. Die Liga steckt im Dilemma zwischen Abschottung und Fannähe.

Autor: Ibrahim Naber

Der Tag, an dem Nuri Şahin überlebte, begann mit einem Ritual. Stunden vor dem Viertelfinale gegen die AS Monaco am 11. April 2017 legte sich der Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund auf sein Hotelbett. Er schaltete Musik ein, schloss die Augen und ließ seinen Atem gehen. Wie vor jeder großen Partie in der Champions League stellte er sich in Bildern vor, wie das Spiel für ihn laufen könnte. Danach rief Şahin zu Hause an, Frau und Kinder waren wohlauf. Also schaltete der damals 28-Jährige sein Handy aus und verließ das Zimmer in Richtung Teambus. Weder Şahin noch sonst ein BVB-Akteur ahnte an jenem Aprilabend, dass in Zimmer 402 des Teamhotels ein Mann wohnte, der offensichtlich eine Wette auf ihren Tod platziert hatte.

Sergej W., ein 28 Jahre alter Elektroniker aus dem Schwarzwald, soll laut Anklage versucht haben, aus Habgier 28 Menschen zu töten. Konkret soll der mutmaßliche Attentäter geplant haben, den Aktienkurs des BVB mit einem Angriff auf den Mannschaftsbus abstürzen zu lassen. Laut Ermittlern hatte Sergej W. für seine perfide Wette sogenannte Put-Optionsscheine gekauft, die im Falle eines Kursabsturzes der BVB-Aktie Profit versprachen. Kalkül: je verheerender das Attentat, desto stärker der Kursabfall. Je steiler der Kursabsturz, desto höher der Gewinn. 

Um 19.15 Uhr rollte der Teambus des BVB am Anschlagsabend vom Hotelgelände. Kurz nach der Ausfahrt zündete Sergej W. laut Anklage aus seinem Hotelzimmer per Fernbedienung drei Sprengsätze, die in einer Hecke am Straßenrand platziert worden waren. Die Detonation war so gewaltig, dass sie die Scheiben des BVB-Busses zum Zerbersten brachte. Socrates-Kolumnist Şahin erinnert sich an den Moment: „Innerhalb von Sekunden dachte ich an mein gesamtes Leben. Ich dachte ans Sterben, und ich dachte ans Leben.“

In der Bundesliga ist Sicherheit ein heikles Thema

Monate sind seit dem ersten Anschlag auf eine deutsche Profimannschaft vergangen. Die äußeren Wunden sind verheilt, auch Marc Bartra, dem sich bei der Explosion Metallsplitter in den Arm gebohrt hatten, spielt wieder Fußball. Was das Attentat auf den BVB wirklich hinterlassen hat, offenbart sich erst hinter der Fassade. Es geht um Profis, die von den Bildern des Anschlags bis heute im Alltag eingeholt werden. Und es geht um Klubs, die ihre Stars mittlerweile stärker schützen müssen, aber die Nähe zu den Fans nicht aufgeben wollen. Ein Spagat, der den Markenkern von Vereinen wie Borussia Dortmund gefährdet.

Dieser Artikel erscheint in der aktuellen Ausgabe #15

Dieser Artikel erscheint in der aktuellen Ausgabe #15

„Echte Liebe“ propagiert der BVB weltweit. Der Slogan bedeute bedingungslose Liebe, erklärte Şahin nach dem Anschlag im April, das sei der Borussia-Spirit, das sei ihre Stärke. Man kann das romantisch oder kitschig nden, ganz egal, doch Dortmunds Motto beschwört den Bund zwischen Klub und Fans. Liebe meint hier auch Nähe, Fußballpro s sind in Deutschland Stars zum Anfassen. Nur: Bis zu welchem Punkt können Vereine das heute noch verantworten?

In der Bundesliga ist Sicherheit ein heikles Thema. Wenige wollen sich dazu äußern, auch weil es um viel Geld geht. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) beteuert zwar, Stadien seien die wahrscheinlich sichersten Plätze in Deutschland. Doch Experten sprechen weiterhin von Sicherheitslücken. Und der Anschlag auf den BVB hat gezeigt, dass es um viel mehr geht: um Anfahrtswege, Teambusse, Mannschaftshotels und Trainingsplätze. Fußballfans fürchten eine Entwicklung wie bei anderen europäischen Spitzenklubs: keine öffentlichen Trainings, strikte Abschottung der Stars durch Personenschützer.

Wer sich etwa aufmacht, um das Trainingsgelände von Manchester United zu besuchen, trifft auf kilometerlange Stacheldrahtzäune inmitten von endlosen Maisfeldern. 3,60 Meter hoch steht das Metall in der Luft, Überwachungskameras sind daran montiert. 24 Stunden am Tag patrouillieren Wachmänner, um das gigantische Areal vor Unbefugten ab- zuschotten. Der Trainingskomplex des größten Fußballklubs der Welt ist ein Hochsicher- heitstrakt im Nirgendwo. „Fortress Carrington“ nennen sie das Gelände in Manchester spöttisch – „Festung Carrington“. Auch auf Übungsplätzen anderer Premier-League-Verei- ne sind Fans unerwünscht.

"Wir benötigen höhere Standards: eine bessere Ausbildung, keine Dumpinglöhne mehr. Es gibt zu viele Sicherheitsdienste, die Amateure anheuern."
Björn Bergmann
Sicherheitsbeauftragter Schalke 04

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Im Vergleich dazu zeigen sich deutsche Klubs volksnah: Das Trainingsareal von Schalke 04 am Berger Feld ist frei zugänglich. Wer will, kann dort ein Bier trinken und den Pro s beim Schwitzen zuschauen. „Wir sind ein offener Verein“, sagt Clemens Tönnies, Schalkes Aufsichtsratschef, stets. Und sein Wort hat Gewicht. Königsblau hält an den öffentlichen Trainingseinheiten auch nach dem Anschlag auf Erzrivale Dortmund fest: „Wir wollen uns nicht abschotten. Das sollen andere Vereine machen. Hier wird es vor einem Spiel maxi- mal eine Trainingseinheit unter Ausschluss der Öffentlichkeit geben“, versprach Trainer Domenico Tedesco im Juni. Auch der BVB bietet seinen Fans weiterhin die Möglichkeit, beim Training der Profis vorbeizuschauen; seltener jedoch als der Konkurrent aus Gelsenkirchen. Im Oktober und November setzte der Klub insgesamt drei öffentliche Trainingseinheiten an.

Hinter den Kulissen haben die Klubs ihre Sicherheitskonzepte deutlich ausgewei-tet. Als Reaktion auf den Anschlag kündigte BVB-Klubboss Hans-Joachim Watzke den Aufbau einer eigenen Abteilung Sicherheit an. Erste Vorstellungsgespräche mit ehemaligen GSG-9- und BKA-Leuten führten die Verantwortlichen der Borussia bereits Ende April.

Ins Dortmunder Anforderungsprofil hätte Björn Borgmann gepasst, der sich um die Sicherheit bei Schalke 04 kümmert. Der 44-Jährige ist einer der bekanntesten Personenschützer der Liga. Mit seiner Firma Shield Security sorgt er auch für die Sicherheit der Nationalmannschaft. „Wir benötigen höhere Standards: eine bessere Ausbildung, keine Dumpinglöhne mehr. Es gibt zu viele Sicherheitsdienste, die Amateure anheuern“, erklärte er der Welt am Sonntag. Borgmanns Truppe macht vor Spieltagen eine Gefahrenanalyse, observiert das Hotel und überprüft Zufahrtswege von Teambussen.

Ligaklubs wie Hamburg oder Leipzig engagierten schon vor dem BVB-Anschlag Sicherheitsdienste, die das Team bei Reisen begleiten. Vereine der französischen Ligue 1 gehen bereits einen Schritt weiter. Paris Saint-Germain soll unter anderem Motor- radfahrer engagieren, die den Profus bei Stadtfahrten Begleitschutz bieten. Auch die Sicherheitsanlagen rund um die Anwesen der PSG-Stars sind ausgebaut worden. Über eine Millionen Euro soll der Klub für die Maßnahmen in sieben Monaten gezahlt haben.

Die Sicherheitskonzepte der Klubs sind geheim

Sorgen macht den Klubs die Sicherheitslage schon länger. Die schrecklichen Bilder von 2015 rund um das Pariser Stade de France sind vielen Fans in Erinnerung geblieben. Bei den Anschlägen auf Frankreichs Hauptstadt wollten die Attentäter Bomben im Stadion zünden. Dies wurde jedoch von Sicherheitskräften vereitelt. Die Attentäter sprengten sich vor der Arena in die Luft. Spätestens seitdem versuchen sich Vereine mit Anti-Terror-Konzepten gegen solche Angriffe zu wappnen.

Auch der BVB hat ein Anti-Terror-Konzept, das beim Anschlag im April zum Einsatz kam. Norbert Dickel, Stadionsprecher des BVB, hatte einen Text parat, der für die Gefahrenlage eines Terrorangriffs verfasst wurde. „Wenn so etwas passiert, ist es sehr wichtig, dass die 80.000 Menschen im Stadion die vertraute Stimme ihres Stadionsprechers hören und nicht eine Durchsage der Polizei“, sagt Dickel. Dabei ginge es vor allem darum, den Ausbruch von Panik zu vermeiden, erklärt der 56-Jährige und fügt hinzu, dass man sich im Stadion und im Verein sehr genau auf solche Bedrohungslagen vorbereite.

Die konkreten Sicherheitskonzepte der Klubs sind natürlich geheim und eng mit der Polizei abgestimmt. Joachim E. Thomas, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung deutscher Stadi- onbetreiber, hält weitere Schutzmaßnahmen in Fußballarenen für überfällig: „Ich persönlich glaube, dass wir in Zukunft an den Eingängen deutscher Stadien Ganzkörperscanner haben werden“, sagt er.

Tatsächlich könnten die Geräte dabei helfen, eine Sicherheitslücke zu schließen: das Hin- einschmuggeln von Gegenständen. „Die Vereine müssen sich fragen, wie schwer es aktuell ist, Sprengstoff in ein Stadion zu bringen“, erläutert ein Personenschützer, der anonym bleiben will. Bei einem Ligaspiel des BVB strömen rund 80.000 Menschen innerhalb von 60 Minuten ins Stadion. Experten sind sich uneinig, ob sich dies mit Körperscannern bewältigen ließe. Der Zugewinn an Sicherheit könnte dazu führen, dass Fans wesentlich früher anreisen, länger warten – oder ganz wegbleiben. Konsens besteht darin, dass die bisherigen Einlasskontrollen eklatante Schwächen haben. Immer wieder gelangen verbotene Pyrotechnik und Wurfgeschosse in Stadien. Im Terrorfall könnten ganz andere Dinge reingeschmuggelt werden.

Beruhigend, dass der Attentäter ein Einzeltäter sei

Nur wenige Fußballer haben bislang die Situation eines Anschlags erlebt. Matthias Ginter war gleich zweimal das Ziel eines Attentäters: als Nationalspieler beim Länderspiel in Paris 2015 und als Pro von Borussia Dortmund im April 2017. Im SZ-Magazin hat der 23-Jährige zuletzt in einem bemerkenswerten Interview über die Momente des Schreckens und die Folgen gesprochen: „Unmittelbar nach einem Anschlag muss man funktionieren. Man hat gar nicht die Zeit, das Erlebte zu verarbeiten“, sagte Ginter, der derzeit für Borussia Mönchengladbach spielt. Das Viertelfinale des BVB gegen Monaco sei nur um einen Tag verschoben worden, danach musste er schon wieder im Drei-Tage-Rhythmus auflaufen. „Ich glaube, an Ostern hatten wir dann mal ein, zwei Tage frei. Zeit, um nachzudenken. Da wurde mir erst bewusst, wie sehr ich noch unter Schock stand. Ich saß daheim und dachte: Ich höre mit dem Fußballspielen auf“, erklärte der Weltmeister von 2014.

Der Gedanke an einen Rücktritt war für den Verteidiger nicht die einzige Folge. Präzise beschreibt Ginter im Interview Situationen aus dem Alltag, in denen ihn die Erinnerungen an die Attentate einholten. Die erste Szene spielte sich beim Confederations Cup 2017 in Russland ab. „Der Teambus ist über etwas drübergefahren, es hat etwas heftiger geruckelt, und ich habe sofort aus dem Fenster gesehen. Da meinte mein Mitspieler Lars Stindl zu mir: ‚Ich glaube, ich weiß, was du jetzt denkst. Keine Angst, da war nichts.‘“ Die zweite Situation, an die er sich erinnert, erlebte er im Stadionin Leverkusen: „So um die 80. Minute herum nahm ein Mann Platz, der da vorher nicht saß, er hatte einen Rucksack dabei. Wir haben uns angesehen, und meine Freundin meinte: ‚Lass uns lieber reingehen.‘“ Tatsächlich hätten sie daraufhin ihre Plätze verlassen, erzählt Ginter.

Für den Fußballprofi sei es im Rückblick beruhigend, dass der BVB-Attentäter wohl ein Einzeltäter sei und keine organisierte Gruppe, für die er weiterhin eine Zielscheibe darstellen könnte. „Es hat mir bei der Verarbeitung geholfen. Auch dass Sergej W. gefasst wurde und er kein Pro war – mehr als die Hälfte der Sprengladung verfehlte den Bus, sonst säße ich vielleicht nicht hier“, sagt Ginter.

Der Prozess gegen Sergej W., den mutmaßlichen Attentäter, beginnt am 21. Dezember vor dem Landgericht Dortmund. Bislang soll der Tatverdächtige jede Schuld von sich weisen: In dem Hotel, vor dem er laut Anklage die Bomben zündete, habe er nur Urlaub gemacht.

Ginter sagt, dass er den Prozess verfolgen werde. Für sich selbst habe er einen Entschluss gefasst: „Ich habe beschlossen, dass ich mir nicht nehmen lasse, was ich mit am meisten liebe“, erklärt er. Und das sei eben das Fußballspielen.

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