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Christian Prokop: Der klare Weg

Christian Prokop musste eine schwierige Entscheidung treffen: Für die Erfüllung des eigenen Traums. Heute ist er Deutschlands Handballhoffnung. Socrates traf ihn.

Autor: Fabian Held

An einem herbstlich grauen Tag schlendert Christian Prokop zu einem Café am Leipziger Marktplatz. Im hektischen Treiben zwischen Gemüse-Ständen und dem Außensitz des Cafés wird die Anwesenheit des Handball-Bundestrainers nicht besonders gewürdigt. Heute habe er noch keine Autogramme schreiben müssen, erzählt der 38-Jährige lachend.

In Leipzig ist die Familie Prokop heimisch geworden. Vielleicht auch, weil das Familienoberhaupt entspannt durch die Stadt laufen kann, ohne überall aufzufallen. RB Leipzig spielt in diesen Tagen das erste Mal in der Champions League. Deren Trainer Ralph Hasenhüttl zieht sich die Schirmmütze tief ins Gesicht, wenn er mit dem Fahrrad vom Trainingsgelände nach Hause fährt, um nicht alle paar Meter ein Autogramm geben zu müssen.

So unterschiedlich ist die Wahrnehmung. Alle Augen auf den Fußball, der Handball fällt da manchmal hinten runter. Dabei ist die Leistung von Prokop als Trainer nicht gering zu schätzen. Es gibt gute Gründe, warum er nun Deutschlands sportlicher Vordenker im Handball ist. Trotz seines Alters und obwohl er bislang noch nicht auf dem allerhöchsten Level gecoached hat.

Leidenschaftlich spricht Prokop über den Sport, den er liebt, nach dem er auch ein bisschen verrückt ist, wie er selbst eingesteht. „Aktives Verteidigen“, „attraktiver Handball“, „Begeisterung“, „Emotionalität“, sind Schlagworte, die immer wieder fallen. Prokop hat einen klaren Plan, einen klaren Weg, den er beschreitet. Davon lässt er sich nicht so leicht abbringen. Das mag stur, vielleicht auch etwas eigenbrötlerisch wirken, doch der Erfolg gab ihm bislang Recht. Jetzt holt er aus, für den ganz großen Wurf.

Die entscheidende Wendung passierte 2013

Um die Beziehung zwischen Prokop und dem Handball zu verstehen, eignet sich eine Anekdote. Im Frühjahr 1999 ist der linke Rückraumspieler Christian Prokop ein aufstrebendes Talent in der zweiten Liga. Bei einem Länderspiel der B-Nationalmannschaft verletzt er sich schwer am linken Knie. Die Ärzte sind der Ansicht, dass dies das Ende für Prokop im Profisport bedeutet. Doch der will weiter Handballspielen. Also schult er sich selbst um. Statt mit seiner stärkeren rechten Hand, wirft er fortan mit der schwächeren linken, um so das lädierte Knie zu entlasten. Er kämpft sich noch mal heran, doch muss sich eingestehen, dass es für die ganz große Karriere nicht reichen wird.

Kurz spielt er noch für seinen Heimatverein, die HG 85 Köthen, in seinem Geburtsort in Sachsen-Anhalt. Er erwirbt die A-Trainer-Lizenz und studiert Realschullehramt mit den Fächern Sport und Wirtschaft. Nebenher trainiert er Mannschaften in den unteren Ligen, tastet sich Stück für Stück nach oben. Von der dritten in die zweite, in die erste Spielklasse.

Die vielleicht entscheidende Wendung in der Karriere passiert 2013, als Prokop von TUSEM Essen zum SC DHfK nach Leipzig wechselte. In Leipzig und Umgebung gab es zwar eine gewisse Handballhistorie, doch wie in vielen anderen Sportarten auch, ging nach der Wende viel kaputt.

Karsten Günther machte sich als Geschäftsführer nun auf den Weg, das zu ändern. Und holte mit Prokop den richtigen Trainer. Prokop durfte nach seinen Wünschen ein junges Team formen. Der Aufsichtsrat um Handball-Legende Stefan Kretzschmar und Günther ließen ihn machen. Prokop schaffte den Aufstieg in die Bundesliga, den Klassenerhalt, den Einzug ins Final Four des DHB-Pokals, etablierte Leipzig als Handballstandort auf der Bundesligalandkarte.

Er musste viele Strukturen erst schaffen

„Es war vom ersten Gespräch an eine große Vertrauensbasis beider Seiten da“, beschreibt es Prokop, „alle waren geerdet und realistisch. Ich konnte in Ruhe eine Mannschaft aufbauen, die taktisch intelligent spielt und auf fast jede Situation vorbereitet war.“ Durch die erfolgreiche Zusammenarbeit wuchs auch das Vertrauen der Spieler in ihren Chef. „Ich habe immer gedacht, dass ich mal ein halber Drittligaspieler werde und jetzt stehe ich im Final Four“, sagte zum Beispiel Leipzigs Kapitän Lukas Binder nach der Qualifikation zur Endrunde des DHB-Pokals.

Als Vereinstrainer hat sich Prokop beweisen können. Platz elf und acht in der Bundesliga sind für die Leipziger ein großer Erfolg. Dabei musste er viele Strukturen erst schaffen. Krafträume, Trainingshallen, Übernachtungen in Hotels – das alles fehlte. Günther ist dabei das perfekte Gegenstück zu Prokop. Rührselig schüttelte er im VIP-Bereich so lange Hände, bis das nötige Geld da war. Entsprechend war es für den Geschäftsführer ein großer Schock, als der Deutsche Handballbund (DHB) auf den Plan trat und Prokop als Nachfolger von Dagur Sigurðsson abwerben wollte. Der Isländer hatten den deutschen Handball aus dem Tal der Tränen gehievt, entsprechend groß sind seine Fußstapfen.

Die Verhandlungen zogen sich. Auch weil Prokop selbst zögerte. „Wenn man die Chance bekommt, als Nationaltrainer zu arbeiten, werden das nur wenige ablehnen, weil es mit viel Identifikation und viel Nationalstolz verbunden ist“, sagt er. Auf der anderen Seite fühlt er sich sehr wohl beim SC DHfK.

Christian Prokop will erfolgreich sein

Als die Verhandlungen öffentlich werden, versuchen die Fans, Prokop umzustimmen. Bei einem Heimspiel halten sie Schilder mit den Initialen „CP“ hoch. Der Trainer ist der Star der Mannschaft, wird gefeiert. „Dass es zwischenzeitlich gehakt hatte, lag an einer menschlichen Reaktion. Ich konnte das Kapitel Leipzig nicht einfach so beenden. Ich habe zwischenzeitlich mit mir zu kämpfen gehabt“, gesteht der 38-Jährige.

 Dieser Artikel erschien in Ausgabe #13

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Am Ende geht er doch. 500.000 Euro soll der DHB gezahlt haben. Auch wenn die Zahl nie bestätigt wurde, hat man sie ebenso wenig dementiert. Für Handballverhältnisse ist das eine Rekordsumme. An Prokop ist ein klarer Auftrag formuliert: Gold bei der WM 2019 und den Olympischen Spielen 2020 soll es bitte werden.

Die Frage nach dem Druck lächelt Prokop weg. Entspannt lässt er sich in den Stuhl fallen, die wachen Augen funkeln freundlich. „Aktuell empfinde ich noch keinen Druck“, sagt er. Die EM ist noch einige Monate entfernt. Dabei ist er jetzt nicht mehr nur für sich und seine Mannschaft verantwortlich, sondern für den Handball in Deutschland insgesamt. Denn wenn die Nationalmannschaft erfolgreich ist, steigt das Medieninteresse. Spielt die DHB-Auswahl schlecht, erlischt das Interesse der Deutschen am Treiben auf der Platte.

Doch Prokop will erfolgreich sein, möglichst attraktiven Handball spielen, wie er äußerst lebhaft erzählt. Im Zentrum seiner Handballphilosophie steht die Abwehr. Laufintensiv, individuell eingestellt auf jeden Gegner und möglichst variantenreich. Dabei soll die Abwehr nie nach Schema F agieren und so schwer durchschaubar bleiben. Das alles erfordert viel Kommunikation. „Ich will, dass die gesamte Mannschaft miteinander spricht“, betont Prokop. Steht die Abwehrreihe zu nahe am Sechs- Meter-Kreis, haben die Rückraumspieler des Gegners zu viel Platz zum Werfen. Attackiert die Abwehr zu früh, bekommt der gegnerische Kreisläufer zu viel Platz.

Voller Fokus auf den Handball

Diese Feinheiten sind es, auf die sich Prokop stürzen kann. In Videos analysiert er das eigene Abwehrverhalten, zeigt Lösungen und Fehler. Gleichzeitig seziert er in Videoschulungen auch den Gegner. Bei allen taktischen Finessen legt Prokop aber auch Wert auf Emotionen und Mentalität. „Wir wollen die Zuschauer begeistern“, sagt der Nationaltrainer.

Prokop ist ein junger, moderner und taktisch versierter Trainer. Das, plus der Hintergrund mit der früh beendeten Spielerlaufbahn, hat dem 38-Jährigen den Titel „Julian Nagelsmann des Handballs“ eingebracht. Prokop selbst kann mit derlei Vergleichen allerdings nicht viel anfangen. „Ich kann von der Arbeit vom Typ her gar keinen Vergleich zu Julian Nagelsmann wagen. Ich sehe, abgesehen vom Alter, wenige Parallelen“, sagt der Handball-Nationalcoach.

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Überhaupt ist Prokop niemand, der „zu weit über den Tellerrand hinaus blickt“. Voller Fokus auf den Handball, die Trainingsmethoden anderer Sportarten interessieren ihn nicht so sehr.

Doch laute Beschwerden über die Rahmenbedingungen sind von Prokop nicht zu hören. Er ist Pragmatiker genug, um zu erkennen, in welchen Konflikten er sich nur unnötig aufreiben kann. Dass die Belastung für die Spieler zu hoch ist, die quasi immer im Drei-Tages-Rhythmus spielen, dazu jedes Jahr ein großes Länderturnier haben, will er gar nicht groß kommentieren. Eine einfache Lösung gibt es nicht, dafür ist die Gemengelage zu komplex. Eine populistische Forderung zu stellen, hilft auch nicht. „Ich möchte über das Thema nicht so viel sprechen. Es dient sonst nur häufiger als Alibi“, findet Prokop.

Prokop möchte Titel sammeln

Schon jetzt bereitet sich Prokop auf die möglichen Gegner bei der EM im Januar in Kroatien vor. Europaweit analysiert er Ligaspiele, um Trends und Taktiken auszumachen. Die Erwartungen an die deutsche Mannschaft sind hoch, die DHB-Auswahl ist Titelverteidiger und somit Mitfavorit. Prokop ist ein akribischer Arbeiter. Mindestens. Manche würden es auch versessen nennen. Der Übergang ist sicher fließend. Dabei wird die Vorbereitung künftig eine andere sein. In Leipzig konnte Prokop einzelne Spieler über einen langen Zeitraum individuell besser machen. Bei den anstehenden Turnieren hat Prokop nun nur wenige Tage Zeit, um die ganze Mannschaft vorzubereiten. Dabei stehen mehr gruppentaktische Themen im Vordergrund.

Für Prokop ist die EM das erste große Turnier, das erste Mal im internationalen Rampenlicht. Als Trainer hat der 38-Jährige dabei eine recht komfortable Position, denn ihm stehen eine ganze Reihe junger, hungriger Talente zur Verfügung. Das Gerüst der Mannschaft um Rückraumspieler Paul Drux und Torwart Andreas Wolff kann noch viele Jahre auf höchstem Niveau Handball spielen. Dazu kommen altgediente Stammkräfte wie Uwe Gensheimer. Die „Bad Boys“, wie sie sich selbst nennen, haben das Potenzial, eine Generation zu prägen, wie es Henning Fritz, Markus Bauer, Pascal Hens und Co. getan haben, die 2007 im eigenen Land Weltmeister wurden. Das Einzige, was den Deutschen fehlt, ist ein Rückraumwerfer von Weltformat, wie etwa ein Mikkel Hansen aus Dänemark.

„Dieser Beruf fühlt sich gut an. Ich übe ihn mit viel Freude und Identifikation aus“, betont Prokop. Schritt für Schritt hat er die Karriereleiter erklommen, ist als junger Trainer auf dem höchsten deutschen Trainerposten angekommen. Seinen Weg hat er konsequent verfolgt. Der Vertrag beim DHB läuft bis 2022. Bis dahin möchte Prokop Titel sammeln, möglichst eine Ära prägen. Die Voraussetzungen sind alle da. Daran wird er sich messen lassen müssen. Jetzt liegt der Ball bei Prokop.