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Corentin Tolisso: „Ich hatte sofort Tränen in den Augen“

Bayern Münchens Mittelfeldspieler Corentin Tolisso steht mit Frankreich im Finale der WM 2018. Er ist gierig auf den Titel und gibt ein Versprechen.

Interview: Alexis Menuge

Monsieur Tolisso, was bedeutet für Sie die Équipe de France?

Es ist einfach ein Traum. Es ist mein Land, meine Heimat, die wir als Spieler repräsentieren. Wer träumt als Franzose nicht davon, für Les Bleusaufzulaufen und das renommierte blaue Trikot zu tragen? Es gibt kaum etwas Schöneres. Ich bin sehr glücklich, dass ich mich Nationalspieler nennen darf.

Wie war es, als Sie im März 2017 das erste Mal von Nationaltrainer Didier Deschamps in den Kader berufen wurden?

Das war ein magischer Moment. Ich hatte sofort Tränen in den Augen, weil es ja mein größter Kindheitstraum war. Als kleiner Junge habe ich oft davon geträumt und plötzlich ging er in Erfüllung. Das werde ich nie vergessen.

Worauf waren Sie dabei am meisten stolz?

Dass ich mein erstes Länderspiel vor den Augen meines Vaters, der immer für mich da war, und vor den Augen meiner Freunde gespielt habe. Das war großartig und sehr emotional. Außerdem fand das Testspiel gegen Spanien zu Hause im Pariser Stade de France statt.

Welchen Status haben Sie mittlerweile in der französischen Nationalmannschaft?

Die Konkurrenz dort ist sehr groß, vor allem auf meiner Position. Von daher kann ich nie sicher sein, dass ich gesetzt bin. Es gibt keine Garantie, berufen zu werden, auch wenn man gut gespielt hat, wie ich zum Beispiel in den beiden wichtigen WM-Qualifikationsspielen Anfang Oktober in Bulgarien und gegen Weißrussland. Mir ist bewusst, dass ich mich nie ausruhen darf. Das Ticket nach Russland muss man sich erst mal verdienen, und das geht nur, indem man bescheiden bleibt und sich immer wieder pusht. Ich versuche einfach, sowohl im Training als auch in den Spielen mein Bestes zu geben. Ich will mir nichts vorwerfen lassen.

Rud Völler

Es gibt nur einen...

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Worauf kam es für Frankreich bei der WM am meisten an?

Wir müssen eine Einheit bilden. Das ist bei einem solchen Turnier, bei dem man fünf bis sechs Wochen ständig zusammen lebt, das A und O. Wenn der Zusammenhalt nicht stimmt, dann hat man keine Chance. Dementsprechend glaube ich an uns, weil die Stimmung in unserer Kabine hervorragend ist. Das könnte sogar das entscheidende Element sein. Außerdem…

Ja?

Die Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern stimmt. Diese Mischung sorgt dafür, dass wir uns bestens verstehen und dass wir alle am gleichen Strang ziehen… Außerdem sind alle Spieler bescheiden und hungrig. Wir alle wollen etwas Großartiges erreichen. Die Gier ist groß. 

Wer ist der Top-Star dieser Mannschaft?

Wenn ich ehrlich bin, gibt es keinen Spieler, der besonders heraussticht. In meinen Augen ist der Star einfach die Mannschaft.

Das erinnert an den FC Bayern, oder?

Ja, das stimmt. Wie heißt es so schön: Allein ist man schneller, aber zusammen kommt man weiter. Die Solidarität ist sowohl beim FC Bayern als auch in der französischen Nationalmannschaft der große Trumpf. Wie in München müssen wir wie in einer Familie miteinander umgehen. Dazu gehört auch, dass wir uns manchmal ganz klar die Meinung sagen, aber ehrlich und fair miteinander umgehen.

Sie haben Erfahrungen gesammelt. Wofür steht für Sie der deutsche Fußball?

Wenn ich an den deutschen Fußball denke, habe ich sofort das Endspiel der WM 2002 vor Augen: Deutschland unterlag damals Brasilien. Dann gab es die WM 2006 im eigenen Land mit einer unglaublichen Partie im Halbfinale, als die Italiener das letzte Wort in der Verlängerung hatten. Bei den Spielern hat mir Philipp Lahm durch seine großartige Konstanz auf höchstem Niveau immer imponiert. Ich erinnere mich noch an sein tolles Tor beim Eröffnungsspiel gegen Costa Rica in München. Auch Bastian Schweinsteiger hatte eine tolle Ausstrahlung auf dem Platz, er ackerte ohne Ende. Lukas Podolski hat mich mit seinem Torriecher und seinem unglaublichen linken Fuß ebenso begeistert. Alles Spieler, die mal beim FC Bayern gespielt haben…

Im Mittelfeld der französischen Nationalmannschaft gibt es einige hochkarätige Spieler. Ist die Konkurrenz sogar größer als beim FC Bayern?

Wenn ich ehrlich bin, ist es schwer, beide Teams zu vergleichen. Aber ich stimme auf jeden Fall zu, dass in beiden Fällen die Konkurrenz unglaublich groß ist. In der Nationalmannschaft gibt es Spieler wie Paul Pogba, Blaise Matuidi, N’Golo Kanté oder Adrien Rabiot. Das sind alles Weltklasse-Spieler, und ich könnte noch mehr Namen nennen. In München sind es dann Spieler wie Thiago, Arturo Vidal, Sebastian Rudy, James Rodríguez oder Javi Martínez, auch alles ausschließlich gestandene Nationalspieler. Die meisten haben bereits Halbfinals und Finals in der Champions League bestritten. Meine Konkurrenten in der französischen Nationalmannschaft haben teilweise weniger Konkurrenz in ihren jeweiligen Klubs als ich in München. Hier ist mir immer bewusst, dass ich stets bei 100 Prozent sein und bei jeder Trainingseinheit überzeugen muss. Ansonsten spiele ich nicht. Und wenn ich bei der Nationalmannschaft ankomme, habe ich dieselbe Mentalität, die ich immer in mir gehabt habe. Ich wollte immer schon beweisen, dass ich besser als die anderen bin. Das ist meine Einstellung zu diesem Beruf.

Beschreiben Sie, worauf es in Ihrem Spiel am meisten ankommt?

Ich muss in beiden Strafräumen effektiv sein. Auf der einen Seite, um Tore zu erzielen und den entscheidenden Pass zu spielen, was in meinen Augen den modernen Mittelfeldspieler ausmacht. Auf der anderen Seite, im Spiel gegen den Ball, muss ich weiterhin hart an mir arbeiten. Ich muss in der Balleroberung noch aggressiver werden, um so Freiräume für meine Mitspieler zu schaffen.

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In welchen Bereichen haben Sie die meisten Fortschritte in Ihrem Spiel gemacht, seit Sie im vergangenen Sommer nach München kamen?

Ich bin vielfältiger geworden, ich kann das Spiel besser lesen, schneller antizipieren und Konter des Gegners abfangen. Mit 23 Jahren weiß ich auch, dass ich mich noch entwickeln kann. In München muss ich mich zwischen dem Sechser und Zehner positionieren. Vergangene Saison bei Olympique Lyon habe ich mehrfach als Spielmacher agiert. Von dieser Erfahrung profitiere ich noch heute, weil ich zielstrebiger in die Spitze gehe. Das Wichtigste dabei: Man muss wissen, wo man steht, einfach spielen, um Selbstvertrauen zu tanken und dann die Initiative ergreifen.

In der Offensive fühlen Sie sich am wohlsten, stimmt’s?

Ja, vor allem weil ich ja als Kind im Sturm gespielt habe. Ich liebte es, Tore zu erzielen. Schritt für Schritt ging ich dann nach hinten, bis ich dann Rechtsverteidiger war. Aber diese Position lag mir nicht wirklich, also ging es wieder nach vorne.

Wenn Les BleusWeltmeister werden sollten, dann …

… werde ich mir den WM-Pokal auf den Rücken tätowieren lassen.

 

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Jerome Boateng: „Mein Körper ist noch zu mehr fähig“

Jerome Boateng hat sich in den letzten Jahren zu einem der besten Abwehrspieler der Welt entwickelt. Im Interview mit SOCRATES sprach der Innenverteidiger des FC Bayern München über die Faszination von Duellen, eine wichtige Rote Karte und über Wechselgedanken.

Können Sie sich an Ihren ersten großen Konkurrenten im Fußballverein erinnern?

Ja, schon. Marcel Prestel. Wir waren gut befreundet. Er hat damals in der Jugend bei Hertha BSC die gleiche Position gespielt wie ich. Marcel war ebenfalls ein echt starker Spieler des 88er Jahrgangs.

Der Artikel erschien in der 19. Ausgabe

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Warum haben Sie im Gegensatz zu ihm den Sprung zu den Profis geschafft?

Das hatte verschiedene Gründe. Marcel hatte irgendwann nicht mehr so Lust auf Fußball. Dazu kamen private Schwierigkeiten. In seiner Familie sind wichtige Personen gestorben. Das stimmt einen nachdenklich, da verlagern sich Prioritäten und Denkweisen. Und dann verändern sich auch Wege.

Entscheidet das Leben mehr über die Karriere als das Talent?

Es kommen viele Aspekte zusammen. Manchmal ist es wichtig, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Es gehört aber auch Glück dazu. Wenn Kapitän Arne Friedrich sich 2006 nicht verletzt hätte, hätte ich vielleicht nie die Chance bekommen, bei Hertha durchzustarten und in den Fokus zu rücken. Vielleicht hätte es länger gedauert, vielleicht wäre ich einen anderen Weg gegangen. Wer weiß das schon? Nichtsdestotrotz: Ohne Talent und Disziplin hätte ich die sich durchs Leben auftuende Chance nicht nutzen können. Wenn du die Chance kriegst, musst du sie nutzen.

Mittlerweile zählen Sie zu den Größten Ihres Sports. Nicht nur fußballerisch, sondern auch körperlich mit Ihren 1,93 Meter. Ragten Sie schon immer heraus?

Körperlich schon. Ich zählte immer zu den Größten in meinen Teams, ohne dass ich so groß war, dass ich mir ständig dumme Sprüche anhören musste. Darüber bin ich rückblickend ganz froh. Ich bin einfach schnell gewachsen, weshalb ich eine zeitlang anhaltende Knie- und Rückenprobleme hatte. Einerseits war das nicht leicht. Andererseits war diese Erfahrung für mich wertvoll.

Inwiefern?

Weil ich früh verstanden habe, dass ich meinen Körper pflegen, möglichen Verletzungen vorbeugen muss. Ich habe da begonnen, präventiv zu arbeiten, vor allem spezielle Übungen für den Rücken zu machen. Das zahlte sich aus und hat mir gezeigt: Man kann an allen Schwachstellen arbeiten – nicht nur an fußballerischen Schwächen.

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Fußball-Legende Paul Breitner sagte in der zweiten SOCRATES-Ausgabe: „Wir geben unseren dreijährigen Kindern keinen Tennis-Schläger in die Hand, legen ihnen keinen Fußball in die Wiege oder keine Laufschuhe, damit sie Spaß haben. Wir tun das, damit sie lernen, früh genug zu gewinnen.“ Stand für Sie als Kind auch bereits das Gewinnen im Vordergrund?

Spaß gehörte natürlich dazu. Aber das Gewinnen hatte sehr früh Priorität, ja. Ich mag es nicht zu verlieren. Ich war ein richtig schlechter Verlierer. Und bin es immer noch, auch wenn ich damit besser umgehen kann als früher.

Sie sind mit den Jahren ein besserer Verlierer geworden?

Das musst du mit der Zeit. Niederlagen gehören im Sport dazu, damit musst du umgehen – ob du willst oder nicht. Und im Fußball bist du ja nicht alleine. Du hast Mitspieler, bist Teil eines Teams. Ich habe früher auch leidenschaftlich Tennis gespielt und musste mich dann im Alter von 14 Jahren entscheiden, ob ich den Tennis- oder Fußballsport weiterverfolgen möchte. Meine Entscheidung fiel für den Fußball aus, weil da Kollegen Fehler von mir wieder ausbügeln konnten. Im Tennis hatte jeder Fehler von mir eine Endgültigkeit. Damit konnte ich damals nicht vernünftig umgehen – da war ich einfach noch zu emotional.

Ihr Weltmeister-Kollege Per Mertesacker äußerte jüngst, dass es Phasen gab, in denen er Angst vor Fehlern hatte. Er sprach von einem Horrorszenario. Ist es als Abwehrspieler schwerer, Fußballprofi zu sein?

Eines ist klar: Wenn du als Abwehrspieler einen Fehler machst, kann sich dieser oftmals schlimmer auswirken, als wenn du als Stürmer beispielsweise eine Torchance vergibst. Fehler werden hinten meistens bestraft, du wirst dann schnell als alleiniger Schuldiger ausgemacht und auch öffentlich für konkrete Handlungen kritisiert. Aber das ist das Spiel. Das weiß man als Fußballprofi. Und glauben Sie mir: Auch Stürmer haben Druck. Druck ist immer da. Für jeden.

Wie haben Sie gelernt, mit Druck umzugehen?

Du gewöhnst dich daran. Es war ja keineswegs so, dass ich zum Anfang meiner Karriere in ein ausverkauftes Stadion eingelaufen bin und mir dachte: ‚Ah cool, viele Leute hier, das macht dir nichts aus, du spielst dein Spiel locker runter.‘ Nein, so war das nicht. Erstes Mal Nationalmannschaft, erstes Mal Champions League, erstes Mal WM. Natürlich habe ich da Druck gespürt, natürlich war ich da nervös. Aber mir ist es immer ganz gut gelungen, diese Nervosität mit dem Anstoß in positive Energie umzuwandeln, sodass es mir im Spiel wirklich Spaß gemacht hat. Heute bin ich teilweise immer noch nervös, aber einfach anders, vielleicht kontrollierter nervös. Weil ich einfach weiß, was auf mich zukommt.

Nochmal konkret: Hemmt oder pusht Sie Druck?

Früher hat Druck bewirkt, dass ich gelegentlich verkrampft habe. Heute ist eher das Gegenteil der Fall, da pusht mich der Druck. Ich freue mich auf jedes Event, ganz besonders auf die ganz großen Spiele. Ich nehme Druck mittlerweile als ein positives Kribbeln wahr, das ich Vorfreude nenne. Aber klar, trotz eines guten Gefühls kann im Spiel auch mal was schiefgehen, das habe ich ja alles schon erlebt. Aber davon lasse ich mich nicht mehr unterkriegen.

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Sie sind wie Per Mertesacker jemand, der Fehlentwicklungen oder Kritik sehr offen anspricht. Wann kam bei Ihnen der Punkt, an dem Sie vom eher lautlosen Abwehrmann zum lautstarken Anführer wurden?

Diesen einen Punkt gibt es nicht. Das ist eine Entwicklung über Jahre. Ich kann mich nicht nach meinem ersten Länderspiel hinstellen und sagen: ‚So geht das nicht, Freunde.‘ Diese Rolle musst du dir erarbeiten. Zunächst auf dem Platz mit kontinuierlich guten Leistungen, dann aber auch menschlich. Du benötigst ein gutes Standing im Team, um Gehör bei den Mitspielern zu finden. Ich bin keiner, der sich aufdrängt und sein Gesicht überall zeigen muss. Und dennoch habe ich mich ganz bewusst dafür entschieden, Verantwortung anzunehmen und aufgrund meiner Erfahrung auch eine sportliche Führungsperson zu sein – sowohl in der Nationalmannschaft als auch im Verein. Und dann kann und muss ich mich äußern. Mir ist nur wichtig zu untermauern, dass ich Kritik niemals nur um der Kritik willen ausspreche, sondern dass ich stets etwas verbessern möchte. Zudem will ich damit verhindern, dass man in einen Trott reinkommt.

Stellen junge, aufstrebende Spieler zu früh Führungsansprüche?

Das nehme ich schon gelegentlich wahr, ja. Aber am Ende des Tages schadet so ein Verhalten dem jeweiligen Spieler selbst. Du kannst noch so gut sein: Wer den Mund zu voll nimmt, fällt am Ende meistens hart. Weil kaum ein etablierter Spieler bereit sein wird, dich aufzufangen.

Wie ist das bei Ihnen: Wenn Sie beim FC Bayern merken, dass da ein Talent verbal ziemlich forsch agiert, lassen Sie das Geschehen dann laufen und warten ab, was passiert?

Nee, den Jungen nehme ich zur Seite. Dem würde ich unter vier Augen schon deutlich etwas sagen. Einmal, vielleicht zweimal, aber dann ist auch Schluss. Wenn er es dann nicht begreift oder nicht empfänglich für Worte erfahrenerer Spieler ist, muss er selbst schauen, wie er mit seiner Art durchkommt. Wir betreiben einen Mannschaftssport, und dennoch muss am Ende jeder selbst über seinen Weg entscheiden.

Mussten Sie auf Ihrem Weg viel kämpfen, um Ihren heutigen Status zu erreichen?

Auch das war eine Entwicklung. Bei mir ist nicht alles von Anfang an perfekt gelaufen. Der FC Bayern war bei meinem Wechsel 2011 ein großer Schritt für mich – der größtmögliche in Deutschland. Die Erwartungshaltung war komplett anders und neu für mich. Jeder Fehler wurde öffentlich wahrgenommen und bewertet. Aber auch das hat mir gutgetan. Ich bin dadurch noch fokussierter geworden.

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Erinnern Sie sich noch an die Reaktionen auf Ihre Rote Karte im Champions-League-Spiel mit dem FC Bayern gegen Bate Borisov 2012?

Oh ja! Da dachte ich mir damals schon: ‚Hoppla! Was ist denn hier los?‘ Über die Härte der Kritik von allen Seiten war ich überrascht. Im Nachhinein steht für mich fest: Diese Situation war ein entscheidender turning point in meiner Karriere. Ich habe mir danach gesagt: ‚Jérôme, jetzt erst recht.‘

Erst recht was?

Jetzt packst du die Herausforderung erst recht. Das Duell gegen mich selbst bin ich danach noch härter angegangen. Das ermöglichte mir anschließend, auch die Duelle um einen Stammplatz in der Mannschaft zu gewinnen. Denn nach besagter Roten Karte habe ich eine zeitlang nicht mehr von Anfang an gespielt, weil ich ja in der Champions League gesperrt war und der Trainer wollte, dass sich die Mannschaft für die entscheidenden Spiele einspielt. Daniel van Buyten spielte an meiner Stelle, bis ich mir meinen Platz zurückerkämpfte.

Sind Duelle gegen sich selbst schwieriger als gegen andere?

Auf jeden Fall. Erstmal musst du selbst erkennen, dass es mit dir zu tun hat. Dass du der erste bist, der es ändern kann. Es ist wesentlich leichter, auf deine Konkurrenten zu schauen als auf dich selbst.

Was fasziniert Sie an Duellen im Sport?

Ich empfinde sportliche Duelle als unglaublich bereichernd und förderlich: Weil man sich durch den gewollten Wettbewerb gegenseitig zu Höchstleistungen pushen kann. Man kann es schon so deuten, dass der Fußball der moderne Gladiatorenkampf ist. Da kommen zwei Gegner in eine ausverkaufte Arena, um sich zu bekämpfen. Heute zum Glück wesentlich friedlicher als früher.

Jedoch auch wesentlich öffentlicher.

Was sicher seine Vor-, aber auch Nachteile hat. Ich möchte hier keine Medienschelte betreiben, aber auch nicht lügen. Ganz ehrlich: Ich weiß manchmal wirklich nicht, wer da bei gewissen Zeitungen benotet. Ob da wirklich jeder Sportjournalist erkennt, ob es einem Abwehrspieler im Aufbau unter Druck gelingt, die Bälle in der Eröffnung in die Zwischenräume zu spielen. Ich will das gar nicht bewerten, einfach nur in Frage stellen. Generell gibt es aber etwas, was mich tatsächlich stört.

Was denn?

Wenn wir als Mannschaft gut spielen, die Stürmer die Tore schießen und die Abwehrspieler gut verteidigen, werden die Verteidiger in der öffentlichen Wahrnehmung anschließend ignoriert. Verlieren wir jedoch und haben die Stürmer keine Tore geschossen, werden nach einem Spiel die Verteidiger gefragt und müssen sich rechtfertigen. Das passt nicht zusammen.

Sie fordern öfter die Note 1 für Abwehrspieler?

Ich fordere gar nichts. Es ist gelegentlich ja auch schwierig zu beurteilen. Spielen wir gegen eine Mannschaft, indem wir die ganze Zeit drücken, drücken, drücken und hinten so gut wie nichts zu tun haben, kannst du dich als Abwehrspieler auch nicht auszeichnen. Dass dann hinten die Null steht, ist dennoch gut, denn es kann immer mal einer durchrutschen. Aber dafür die Note 1? Nein, die will ich auch gar nicht.

Aber Sie verlangen Respekt.

Ich denke, Respekt ist allgemein wichtig. Jeder Person und auch jeder Position gegenüber. Das versuche ich auch, bei der Erziehung meinen siebenjährigen Zwillingstöchtern zu vermitteln. Mir ist klar, dass die Stürmer und Mittelfeldspieler generell mehr im Fokus stehen. Damit habe ich auch kein Problem. Aber wenn man sich im Fußball auskennt, kann man erkennen, ob ein Abwehrspieler eine starke Leistung bringt, selbst wenn ein Stürmer in diesem Spiel zwei Tore erzielt. Man sollte es dann nur nicht vergessen.

Wo finde ich Socrates?

Ihre Nationalspieler-Kollegen Jonathan Tah oder Antonio Rüdiger nehmen Ihre Leistungen sehr genau wahr und nennen Ihren Namen, wenn sie nach ihren Vorbildern gefragt werden. Macht Sie das stolz?

Das ist schön zu hören. Ich bin ja selbst stolz auf meine Entwicklung. Und es freut mich, wenn jüngere Spieler sich an mir orientieren und ich ihnen einen für sich selbst erstrebenswerten Weg aufzeigen kann. Ich verstehe mich übrigens mit beiden Spielern sehr gut.

Dennoch sind beide Spieler letztendlich Konkurrenten von Ihnen.

Ohne Zweifel: Auch die beiden möchten am liebsten immer in der Nationalmannschaft spielen. Aber sie respektieren meine Leistung genauso, wie ich ihre respektiere. Und sollte jemand von ihnen oder ein anderer besser sein, muss ich es respektieren und selbst daran arbeiten, dass ich wieder an meinem Konkurrenten vorbeiziehe. So wie damals nach der Roten Karte gegen Borisov.

Nach der Sie beim FC Bayern alle wichtigen Duelle und alle großen Vereinstitel gewonnen haben. Im September werden Sie nun 30 Jahre alt. Kann irgendwann der Punkt eintreten, an dem Sie sagen: Ich benötige noch mal neue Duelle, weil ich sie in München alle gespielt habe?

Es stimmt: Ich habe beim FC Bayern alles erlebt. Jeden Wettbewerb, der im Vereinsfußball zu gewinnen ist, haben wir gewonnen. Und ja, die Zeit eines Fußballers ist begrenzt. Zehn Jahre werden es bei mir leider nicht mehr sein, da brauche ich mir nichts vorzumachen. Dennoch bin ich überzeugt, dass mein Körper zu noch mehr fähig ist, dass ich mich fußballerisch noch weiter steigern und noch einige Jahre auf höchstem Niveau agieren kann. Und so komme ich langsam an den Punkt, an dem ich gewisse Fragen für mich beantworten muss: Was sind meine noch nicht erreichten Ziele? Möchte ich mich immer wieder beim gleichen Klub mit den gleichen Voraussetzungen beweisen? Das hat wenig mit dem Wohlbefinden an einem Ort zu tun. Es geht vielmehr um die Frage der persönlichen Herausforderung. Das sind gar nicht unbedingt klassische Karrierefragen, das sind Lebensfragen. Ich denke, von denen kann sich keiner einfach so freimachen. Letztendlich sind es die Fragen, die einen als Menschen antreiben.

Und, haben Sie einige dieser Fragen für sich schon beantwortet?

Ich fokussiere mich immer auf bestimmte Zeitabstände. Jetzt gilt meine volle Konzentration dem FC Bayern und den entscheidenden Wochen der Saison sowie der deutschen Nationalmannschaft mit Blick auf die anstehende WM. Ich will dieses Turnier in Russland so erfolgreich wie möglich bestreiten.

Denken Sie, Sie würden bei einem anderen Verein genauso funktionieren wie beim FC Bayern?

Es gibt Spieler, die im Ausland super zurechtkommen, anderen gelingt das nicht. Es ist möglicherweise eine Typfrage, die ich für mich aktuell nicht klar beantworten kann.

Obwohl Sie ja bereits eine Auslandserfahrung gemacht haben. 2010 und 2011 spielten Sie bei Manchester City.

Meine kurze Zeit bei Manchester City lief völlig anders, als ich sie mir vorgestellt hatte – gerade auch wegen meiner zwei Knieverletzungen. Zudem spielte ich nicht auf der Position, die ich mir vorstellte. Ich war damals noch sehr jung, es fühlt sich aus heutiger Sicht ein bisschen so an wie ein anderes Zeitalter.

Dann blicken wir wieder auf die Gegenwart. Mit welcher Zielsetzung reisen Sie zur WM nach Russland?

Wenn du den Titel schon mal gewonnen hast und siehst, dass es von der Qualität deiner Mannschaft her möglich ist, dann willst du unbedingt wieder den Pokal holen. Keine Frage: Ich habe nur ein Ziel in Russland – Weltmeister werden. Aber wir haben insbesondere in den März-Länderspielen gegen Spanien und Brasilien gesehen, dass es nicht von alleine geht, dass uns nichts geschenkt wird. Wir müssen definitiv noch etwas draufpacken und besser spielen als in Brasilien. Die Mannschaften werden bei der WM 2018 noch stärker sein als bei der WM 2014.

Halten Sie Ihr Team denn für besser als vor vier Jahren?

Von der Qualität der einzelnen Spieler her, ja. Aber das heißt nicht automatisch, dass auch die Mannschaft besser ist. Die mannschaftliche Geschlossenheit spielt bei einem Turnier eine enorm große Rolle.

Entscheidet sich die WM mehr im Kopf oder in den Beinen?

Beide sind wichtig. Aber der Kopf spielt sicherlich eine sehr große Rolle.

Welche Mannschaft hat den stärksten Kopf?

Spanien. Die spielen am schlausten.

Welches Team besitzt die stärksten Beine?

Das ist eine gute Frage. Welche Mannschaft kann am besten rennen? Vielleicht die Südkoreaner oder die Mexikaner. Diese Nationen rennen in jedem Spiel quasi um ihr Leben.

Und über welche Qualität verfügt die deutsche Mannschaft?

Über eine sehr gute Mischung aus starkem Kopf und starken Beinen.

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