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Felix Loch: Nie genug

Felix Loch ist eigentlich ein alter Hase. Doch der Rennrodler strahlt wieder mal vor Aufregung und hat ein großes Ziel vor Augen. Nur diesmal ohne Experimente.

Autor: Ozan Can Sülüm

Die Saison der Olympischen Winterspiele 2018 hat begonnen und das wird Ihre dritte Teilnahme sein. Abgesehen davon, dass Sie der letzte Olympiasieger sind, lässt sich auch sagen, dass Sie auch noch erfahrener geworden sind und nun viel genauer wissen, was Sie erwartet. Sind Sie dadurch entspannter geworden? Oder spüren Sie immer noch die gleiche Spannung wie bei Ihren ersten Olympischen Spielen in Vancouver 2010, die Sie als der jüngste Olympiasieger verlassen haben?

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #14

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Auch in der olympischen Wintersaison kommt es eigentlich vor allem darauf an, dass man möglichst entspannt in die Saison startet. Ja, natürlich steht man unter einer größeren Spannung. Auf unseren Schultern lastet eine größere Verantwortung und der Druck ist natürlich größer. Wie jeder andere Sportler auch, kann ich Pyeongchang kaum erwarten. Aber das erste Ziel stellen natürlich die ersten Weltcup- Rennen dar. Sie sind die erste Etappe der Saison und ohne dort zu gewinnen, kann man sich auf Olympia nicht gut vorbereiten.

Und wenn wir auf die Vorbereitungen zu sprechen kommen: Können Sie bei den Vorbereitungen davon pro tieren, dass Sie nun erfahrener sind?

Selbstverständlich. Wenn ich ehrlich sein soll, stehe ich am Anfang einer jeden Saison unter großer Spannung. Aber mit der Zeit habe ich gelernt, mich schneller zu entspannen. Wahrscheinlich hat das mit Erfahrung zu tun, denn ab und zu sage ich mir: ‚Das habe ich schon mal erlebt‘, und das hilft mir dabei, mich zu entspannen. Ich denke, dass Erfahrung beim Rennrodeln eine größere Rolle spielt als in anderen Sportarten. Wie Sie auch sagten, das sind nun meine dritten Olympischen Spiele und ich sollte sowieso ein bisschen entspannter sein.

In meinem Fokus steht mit Sicherheit Olympia. Jeder, der in der olympischen Saison eine andere Antwort auf diese Frage gibt, betrügt ein Stück weit sich selbst.
Felix Loch
Rennrodler

Sie haben von den Weltcup-Rennen gesprochen. Viele Athleten nehmen sich vor, in die olympische Saison langsam zu starten und ihren Rhythmus später – während der Spiele – zu steigern. So wie ich verstanden habe, wollen Sie genauso stark anfangen, wie Sie die Saison abschließen wollen. Gibt es bei Ihrer diesjährigen Saisonplanung eine Rangordnung zwischen Olympia und dem Weltcup?

In meinem Fokus steht mit Sicherheit Olympia. Jeder, der in der olympischen Saison eine andere Antwort auf diese Frage gibt, betrügt ein Stück weit sich selbst. Natürlich ist der Weltcup für mich sehr wichtig und ich werde alles geben, um zu gewinnen. Das steht nicht infrage. Das wichtigste Rennen der Saison findet aber am zehnten und elften Februar in Südkorea statt. Es gibt nichts Wichtigeres. Außerdem liegt die Schwierigkeit der Olympischen Spiele unter anderem darin, dass das Rennen zwei Tage dauert. Zwei Tage lang wird geprüft, ob man ein echter „Olympianer“ ist, und alles, was man in seiner gesamten Karriere gelernt hat, passt in diese beiden Tage hinein.

Zum zweiten Mal gehen Sie als Titelverteidiger nach Olympia. Es gibt in der olympischen Geschichte bisher nur eine Person, die drei Mal hintereinander im Einzel die Goldmedaille geholt hat, und das ist Georg Hackl, den Sie ja gut kennen. Denken Sie zu Saisonbeginn viel an die Rekorde, die Sie brechen können, und an das, was bevorsteht, oder gehören Sie eher zu denen, die lieber immer erst an den nächsten Schritt denken.

Rekorde nehmen in meinem Kopf nicht viel Platz ein. Es kommt meiner Meinung nach nicht auf Rekordversuche an, denn wenn man einen Rekord gebrochen hat, bedeutet das, dass man gleichzeitig auch etwas gewonnen hat, und dann ist der Rekord so etwas wie ein Bonus dazu. Rekorde bereiten mir vielleicht ein bisschen zusätzliche Freude. Andererseits waren Meisterschaftstitel bereits in meiner Kindheit natürlich das Ziel, das ich mir gesetzt habe. Ich wollte schon immer meine eigenen Fußspuren hinterlassen. Ich wollte mit meinem eigenen Stil gewinnen, unter die Meisterschaft meine eigene Unterschrift setzen und manch- mal kamen damit auch Rekorde – wie schön! Wenn wir auf Georg zurückkommen: Er ist ein großer Meister, für mich ist er ein großes Idol, ein Trainer, aber vor allem ist er für mich auch ein Meister, den ich meinen Freund nennen darf. Was er geschafft hat, kommt mir nach wie vor unglaublich vor.

Felix Loch hat aus seiner schlechten Saison gelernt

Sie sind erst achtundzwanzig Jahre alt und jetzt schon einer der Größten Ihres Sports. Man könnte sogar behaupten, dass Sie bereits in die Wintersport-Geschichte eingegangen sind. Mit fünfundzwanzig Jahren hatten Sie schon alle vier großen Goldmedaillen geholt, die Sie holen konnten. Wie motivieren Sie sich trotz all dieser Erfolge, Ihre Karriere fortzusetzen? Zum Beispiel hörten Wintersportler wie Gregor Schlierenzauer oder Magdalena Neuner, die in sehr jungem Alter in die Geschichte eingegangen waren, früh auf. Wie schaffen Sie es, sich noch Ziele zu setzen?

Als erstes möchte ich sagen, dass ich meinen Sport sehr liebe. Ich spüre immer noch jeden Morgen nach dem Aufstehen eine große Lust, zu trainieren und wenn ich ab und zu darüber nachdenke, merke ich, dass ich noch nichts habe, was ich lieber tun würde als Rodeltraining. Ich glaube, meine Liebe zu meinem Sport ist für mich die größte Motivation, die mir immer noch erlaubt, auf der Piste immer, selbst in jedem Training, hundert Prozent zu geben.

Nach fünf erfolgreichen Saisons haben Sie letzte Saison zum ersten Mal den Weltcup an Roman Repilow verloren. Lag das an Konzentrations- beziehungsweise Motivationsverlust oder gab es körperliche Ursachen dafür?

Es kam durch das Aufeinandertreffen mehrerer Faktoren dazu, dass ich letztes Jahr den Weltcup verlor. Unser Sohn Lorenz wurde geboren und wir sind umgezogen. Außerdem habe ich im Trainingslager der Nationalmannschaft sowie in meinen individuellen Trainings mit zu vielen neuen Materialien herumexperimentiert. Als wir auf die Ergebnisse unserer Experimente warteten, merkten wir leider zu spät, dass sie uns entgegen unseren Erwartungen in eine negative Richtung führten. Aber wir haben dieses Mal zu Saisonbeginn alle Faktoren analysiert. Es kommt darauf an, dass man aus einer schlechten Leistung oder Saison die notwendigen Schlüsse zieht. Nur so kann man sich weiterentwickeln. Und genau das haben wir getan.

Ich glaube, Ihr Vater und Trainer Norbert Loch meinte genau das, als er sagte: „Letzte Saison war eine Katastrophe, aber diese Saison werden Sie einen neuen Felix Loch sehen.“ Aber ist dieser neue Felix Loch der alte, uns bekannte Felix Loch oder werden Sie durch neue Trainingsmethoden zu einem komplett neuen, anderen Menschen?

Er redet natürlich vom „alten“ Felix. Mein Vater gehört zu denen, die unter der letzten Saison sehr gelitten haben. Nach unserer Zusammenarbeit scheiterten wir. Aus diesem Grund sagt er mir in jedem unserer Gespräche solche Sachen wie ‚Du sollst wieder so werden wie früher‘.

Es ist okay so wie es ist

Sie bezeichneten Ihren Sohn Lorenz als eine der Veränderungen in Ihrem Leben, die letzte Saison eine Rolle gespielt haben. Viele Wintersportler, die Kinder haben, leiden darunter, dass sie sie während der langen Saison kaum sehen können. Zum Beispiel Thomas Morgenstern. Um mit seiner Tochter mehr Zeit verbringen zu können, verzichtete er auf eine Saison voller langer Reisen und damit natürlich auf seine Sportkarriere. Wie wirkt es sich auf Ihr Leben aus, dass es nun Lorenz gibt?

Vor allem verändert die Vaterschaft an sich das Leben eines Menschen. Zum Beispiel: Nachdem ich letzte Saison krank, mit Fieber, von einer zweiwöchigen Tour im Fernen Osten zurückgekommen bin, sah ich ihn in seinem Bett schlafen und ich merkte, wie sehr meine Gefühle von der Freude verschieden waren, die ich normalerweise bei der Heimkehr empfinde. Vor den Rennen oder Reisen empfinde ich ein Vaterschaftsgefühl und mache mir Sorgen um ihn. Das ist etwas Neues für mich. Es ist ein Glück für uns, ihn zu haben, und er bedeutet mir viel mehr als alle meine Erfolge. Andererseits ist das aber mein Beruf. Ich bin ein Sportler und ich übe einen Beruf aus, den ich liebe. Natürlich ist es normal, dass ich häufiger als früher an meine Familie denke, aber ich versuche, das Ganze auch nicht zu sehr zu dramatisieren. Ich liebe sowohl meine Familie als auch meinen Sport von ganzem Herzen.

Natürlich gibt es noch Rekorde, die Sie brechen werden, aber haben Sie langsam angefangen zu planen, was Sie nach Ihrer aktiven Sportkarriere tun werden? Man weiß, dass Sie gerne Golf spielen und Kinder ausbilden. Werden diese Sachen in der Rente weitergehen?

Wenn ich nach der Rente immer noch Teil der deutschen Nationalmannschaft sein könnte, würde ich mich sehr glücklich schätzen. Es kommt mir so vor, dass ich der Nationalmannschaft nicht fern bleiben wollen würde, nachdem ich während meiner ganzen Karriere in ihr gedient habe. Allerdings, auch wenn ich mich der Rente ein paar Saisons angenähert habe, habe ich noch eine lange Zeit vor mir. Deswegen ist es für mich nicht wirklich möglich, dazu jetzt schon etwas zu sagen.

In der Welt des Wintersports bleibt das Rennrodeln meistens im Schatten von Ski Alpin, Biathlon und Skispringen. Halten Sie das Publikumsinteresse an diesem Sport voller Geschwindigkeit und Spannung, der den Zuschauern eine Menge Spaß bereitet, für ausreichend? Denken Sie, dass die Rennrodelsaison zu kurz ist?

Meiner Meinung nach hat der Weltcup loyale Zuschauer. Rennrodeln ist ein Sport, der den Zuschauern richtig Spaß macht, und ich denke nicht, dass es wirklich im Schatten anderer Sportarten bleibt. Und auch die Saison ist nicht zu kurz. Wir sind sowieso fast fünf Monate lang ständig unterwegs und das ist eine sehr anstrengende und ermüdende Zeit. Vor allem, wenn auch noch die Fernost- und Nordamerika-Touren hinzukommen. Außerdem sind September und März viel zu warm und daher ungeeignet zum Rennrodeln. Eine Saisonerweiterung liegt also meiner Meinung nach nicht im Bereich des Möglichen. Es ist okay, so wie es ist. Ich bin jedenfalls ganz zufrieden.

Eine letzte Frage: Momentan sind Sie einer der erfolgreichsten und berühmtesten Wintersportler Deutschlands. Sind Sie als Kind oder am Anfang Ihrer Profikarriere von einem so großen Erfolg beziehungsweise von einem so großen medialen Ruhm ausgegangen?

Niemals! Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich Weltmeister oder Olympiasieger werden würde. Natürlich träumte ich wie jedes andere Kind auch davon, dass ich erfolgreich würde, Meisterschaften gewinnen und ganz oben ankommen würde, aber all das, was ich bisher erreicht habe, wäre für mich unvorstellbar gewesen. Natürlich spielen zahlreiche Faktoren eine wichtige Rolle, es kommt also nicht nur auf mich an. Ohne die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, ohne die unglaubliche Unterstützung meiner Familie, Trainer und Sponsoren wäre all das nicht möglich geworden. Ich schätze mich glücklich dafür, dass ich es so weit gebracht habe, und all denen, die mir dabei geholfen haben, bin ich sehr dankbar.