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Football Leaks: Was danach geschah

Die „Football Leaks“ hatten weltweit für Empörung gesorgt, nur die Fußballindustrie ließ sich von den Enthüllungen nicht beirren. Autor Rafael Buschmann schreibt für SOCRATES, was sich seit Mai 2017 getan hat.

Autor: Rafael Buschmann

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #15

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #15

Es ist fast ein Jahr her, seitdem John zu mir diese Sätze sagte. Wir saßen in einer Bäckerei, irgendwo in Osteuropa, vor uns ein dampfender Laib Brot, in dessen Mitte ein Loch mit Schmelzkäse gefüllt war. Deftige Küche gegen die furchtbare Kälte.

John wirkte erschöpft, ernüchtert, schwer genervt. Nur wenige Wochen zuvor hatten wir in DER SPIEGEL und auf SPIEGEL ONLINE Dutzende Artikel über die dunkle, schmutzige, kriminelle Seite der Fußballbranche veröffentlicht. Die Football Leaks, Johns Baby, hatten uns zuvor mehr als sieben Monate lang in Beschlag genommen. John ist unser Whistleblower, er lebt bis heute in der Anonymität. Anfang 2016 übergab er uns mehr als 18,6 Millionen Dokumente, rund 1,9 Terabyte. Es ist das größte Datenleck in der Geschichte des Sports.

Gemeinsam mit unseren Medienpartnern aus dem European Investigative Collaborations (EIC), insgesamt über 60 Kollegen, haben wir anschließend in mühsamer Detailarbeit die dubiosen Steuerpraktiken von Cristiano Ronaldo, Mesut Özil, José Mourinho und Dutzenden weiteren Fußballern enthüllt. Wir schrieben über den nahezu kriminellen Umgang mancher Klubs mit ihren Talenten, der eher einem Menschenmarkt denn einer sinnvollen Ausbildung junger Nachwuchsspieler gleicht. Unsere Recherchen zeigten, wie tief sich Spielerberater mittlerweile im Fußballbusiness eingenistet und welche Macht sie erlangt haben. Eine Macht, die sie teilweise schamlos ausnutzen, wie im Falle eines niederländisch argentinischen Spielerberaterrings, der seit Jahren die eingefahrenen Millionen-Honorare mit einem komplexen Firmengeflecht an der Steuer vorbeischiebt. Wir deckten auf, mit welchen Mitteln der Sportvermarkter Doyen sich – vergleichbar mit einem Virus – im Fußballmarkt ausbreitete.

Ihn wurmte es, dass sich keiner zu Football Leaks äußerte

Mit all unseren Artikeln leuchteten wir eine Branche aus, die eigentlich unter akuter Transparenzallergie leidet. Wir dachten, wir hätten mit unseren Veröffentlichungen gezeigt, wie enthemmt, zügellos, teils kriminell der Profifußball mittlerweile agiert. Dass in der Branche die meisten moralischen oder ethischen Grenzen keine Rolle mehr spielen. Und dann sitzt John da, futtert Schmelzkäse und zerschießt unsere gesamte Arbeit mit wenigen Sätzen. Ich war bedient.

Ihn wurmte damals vor allem, dass kaum einer der Verbände und auch sonst nahezu keine Spieler, Funktionäre oder Trainer sich zu den Football Leaks äußerten. John erwartete nach all den Artikeln einen Sturm der Entrüstung, auch bei den Fans. „Ihr habt beschrieben, dass Cristiano Ronaldo, einer der besten Fußballer unserer Zeit, 150 Millionen Euro aus seinen Werbegeldern auf die British Virgin Islands transferieren lässt und am Ende nur sechs Millionen Euro Steuern darauf zahlt. In Spanien haben fast 40 Prozent der Jugendlichen keine Arbeit. Trotzdem gibt es keine Proteste. Das ist doch absurd!“, sagte John. Ich erklärte ihm, dass auch nach Edward Snowden NSA-Enthüllungen trotzdem weitere Rekorde im Absatz von iPhones und auch bei Facebook-Anmeldungen stattgefunden haben, obwohl jeder mittlerweile weiß, welch hohes Gut die eigenen Daten eigentlich sind.

Skandale setzen nur selten direkt etwas beim Publikum oder Nutzer frei. Ich habe John gesagt, dass ich glaube, dass bereits rund um unsere Buchveröffentlichung viele Veränderungen sichtbarer werden.

Im Jahr 2018 dürfte es zu einigen Prozessen kommen

Im Mai erschien unser SPIEGEL-Buch Football Leaks – die schmutzigen Geschäfte im Profifußball, das ich gemeinsam mit meinem Kollegen Michael Wulzinger, und viel tatkräftiger Unterstützung aus unserer Redaktion schrieb. Wir zeigten darin viele weitere dubiose, illegale Geschäfte auf. Der Fußball, das wird mit jeder weiteren Enthüllung deutlich, hat ein horrendes Kontrollproblem. Sehr deutlich beschrieben wir das im Buch am Beispiel des Weltrekordtransfers von Paul Pogba. Sein Berater Mino Raiola kassierte über mehrere Firmen insgesamt 49 Millionen Euro an dem Deal. Juventus Turin, Manchester United und Pogba selbst zahlten dieses Honorar. Eine irrwitzige Summe, die in keiner Relation mehr zum Markt steht und die Frage aufwirft, wo dieses Geld am Ende eigentlich landet?

Abgesehen von den neuen Enthüllungen konnten wir in unserem Buch aber auch beschreiben, was seit den ersten Veröffentlichungen passiert ist: Es gab Razzien und Hausdurchsuchungen bei Paris Saint-Germain und seinen Spielern Ángel Di María und Javier Pastore. Zahlreiche Spielerberater stehen seitdem auch im Fokus der Ermittlungsbehörden, es geht um mutmaßlich illegale Honorarzahlungen und Kickbacks.

Der AS-Monaco-Stürmer Radamel Falcao, die Real-Madrid-Spieler Ronaldo, Fábio Coentrão, Daniel Carvajal, Pepe, Manchester-United- Startrainer José Mourinho und etliche weitere Spitzenfußballer wurden von Staatsanwälten vernommen. Ihnen wird Steuerbetrug vorgeworfen, im Jahr 2018 dürfte es deshalb zu einigen Prozessen kommen.

Falcao sagte vor Gericht aus, er habe komplett seinem Agenten vertraut, selbst keine Ahnung von seinen Steuerkonstruktionen. Der Name des Beraters: Jorge Mendes. Er betreute beinahe alle der beschuldigten Spieler, wir schrieben deshalb von einem „Mendes-System“. Seine Finanzexperten sollen für etliche seiner Klienten solche Steuerrutschen gebaut haben, an deren Ende meistens ziemlich viel Geld auf Konten in Übersee plumpste. Mendes, seine Finanzexperten und auch die Spieler bestreiten alle Vorwürfe. Trotzdem haben die portugiesischen Behörden mittlerweile zahlreiche Ermittlungsverfahren gegen seine Firma Gestifute eingeleitet und prüfen aktuell fast jeden Transfer, den Mendes in den vergangenen vier Jahren durchgeführt hat.

Paris machte das Financial-Fair-Play lächerlich

Nur wenige Tage nach unserer Buchenthüllung veröffentlichten auch spanische Ermittler ein Dokument. So schnörkellos die Pressemittelung auch formuliert war, ihr Inhalt hatte es mächtig in sich: 14,8 Millionen Euro soll Cristiano Ronaldo, der portugiesische Stürmerstar, demnach „bewusst“ und „willentlich“ an der Steuer vorbeigeschoben haben. Sollte es zu einem Prozess kommen, drohen ihm nun bis zu sieben Jahre Gefängnis. Auch er beteuert seine Unschuld.

Viele Kollegen aus in- und ausländischen Medien baten uns anschließend um Interviews, wollten wissen, wie es nun mit Ronaldo und auch generell mit dem Fußball weitergehen würde. Wir sagten, dass wir niemandem die Hoffnung machen möchten, dass die Absurditäten und schmutzigen Geschäfte im Fußball zeitnah abnehmen würden. Im Gegenteil: Die Geldspirale würde sich gerade durch die zusätzlichen Investoren- und TV-Millionen dermaßen schnell drehen, dass mit vielen weiteren Exzessen und auch mit zunehmender Kriminalität gerechnet werden kann.

Dann kam der Transfersommer, ganz so, als bräuchte es einen schnellen Beleg für unsere Worte.

Welche Auswüchse Investorenmodelle – eines der zentralen Themen der Football-Leaks-Enthüllungen – annehmen können, durfte die gesamte Welt anhand des Neymar-Transfers begutachten. Der Superstar wechselte mit Hilfe katarischen Öl-Geldes für ein Gesamttransfervolumen von mehr als einer halben Milliarde Euro von Barcelona nach Paris. Dazu verpflichteten die katarischen Großinvestoren noch Kylian Mbappé, ein Supertalent vom AS Monaco. Auch sein Transfer wird inklusive der Beraterhonorare und seinem eigenen Gehalt mehr als 400 Millionen Euro kosten.

Die Katarer brauchten nur wenige Sommerwochen, um das Financial-Fair-Play der darauf so stolz gewesenen UEFA der Lächerlichkeit preiszugeben. Und auch um zu demonstrieren, dass sportlicher Wettbewerb jederzeit im aktuellen Profifußball durch entsprechendes Kapital ausgehebelt werden kann.

Die Football Leaks werden weiter vorangetrieben

Ich traf John im Spätsommer erneut. Wir saßen in einem Park, schauten Kindern beim Fußballspielen zu. „Durch die vielen Football-Leaks-Enthüllungen ist einige Bewegung in die Branche gekommen“, sagte er. Er klang nun wieder deutlich zuversichtlicher, wieder angriffslustiger. „Ich sehe, dass viele der Manager und Funktionäre sich deutlich mehr Gedanken über ihre Geschäfte machen, weil sie Angst haben, damit demnächst selbst im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen. Und auch so ein Deal wie der von PSG und Neymar wird nun viel kritischer betrachtet“, sagte John.

Er überreichte mir eine kleine, schwarze Festplatte.

Zurück in Hamburg stellten wir fest, dass die meisten der Dokumente auf dem Datenträger den Neymar-Deal, aber auch das Geschacher um den Ex-Dortmunder Ousmane Dembélé sowie den Liverpooler Philippe Coutinho beleuchteten. Wir schrieben auch darüber eine lange Geschichte in DER SPIEGEL.

Wenige Wochen später fand in Brüssel ein Hearing des EU-Parlaments zu Football Leaks statt. Auf der Grundlage unserer Enthüllungen debattierten die Europa-Politiker mit Vertretern der FIFA, UEFA sowie der Spielerberatervereinigung über mögliche Veränderungen im Profifußball. Es war eine zähe, ergebnisoffene Veranstaltung. Und sie zeigte, wie schwierig der Prozess hin zu einem transparenteren Business tatsächlich ist. Fußball ist ein globales Geschäft, die Protagonisten haben die finanziellen Möglichkeiten, um die besten Anwälte, Finanzexperten und Steuertrickser einzustellen und ihre Gelder vor nationalen Behörden und Verbänden zu verstecken. Es bedarf großem politischen Gestaltungswillens, um diesen Geldflüssen adäquate Kontrollinstanzen entgegenzusetzen. Ein erster Schritt wäre beispielsweise die Etablierung einer europäischen Schwerpunktstaatsanwaltschaft „Fußball“, die sich ausschließlich mit auffälligen Geldflüssen beschäftigt.

John, das signalisierte er uns zuletzt wieder sehr vehement, wird auch in den nächsten Monaten versuchen, solche Veränderungen durch seine Leaks weiter voranzutreiben.