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Rudi Gutendorf: Im Auftrag des Sauhunds

Rudi Gutendorf hat auf sechs Kontinenten, in 38 Ländern und an 56 Orten als Fußballtrainer gearbeitet. Er wurde umschmeichelt, gefeiert, verflucht, vergiftet – und einmal fast verrückt vor lauter Freude. Rudi Gutendorf ist 91 und hat noch einen Traum. Socrates besucht ihn.

Der Artikel erschien in der 21. Ausgabe

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HEIMAT

O, du schöner Westerwaldüber deine Höhen pfeift der Wind so kalt

Die ehemalige Telegrafenstation blickt von einem Hügel über den umliegenden Wald, dessen Bäume ihr Herbstlaub schon beinahe abgeschüttelt haben. Von der nur wenige hundert Meter entfernten Autobahn ist nichts mehr zu hören. Schwere Teppiche auf den Fliesen, Pantoffeln, um auch die Füße der Gäste vor der winterlichen Kälte zu schützen, vor den Fenstern die Rotbuchen des Westerwaldes. Dieser Ort fühlt sich beinahe beängstigend deutsch an, grün, gemütlich, bodenständig, bieder. Dann jedoch öffnet sich hinter einer Tür im ersten Stock die Welt.

Pelé lächelt ebenso von der Wand wie die Nationalmannschaft Malawis, auch Helmut Kohl ist gut gelaunt. Kevin Keegan und KlausKinski lauschen konzentriert, eine japanische Mannschaft stemmt die Meisterschale in den Himmel, der König von Tonga trägt Uniform und Sonnenbrille. Plakate kündigen Spiele von Cosmos New York, China oder den amtierenden Europameistern aus der Tschechoslowakei an. Es ist ein kleines Museum, bis zur Decke gefüllt mit Erinnerungen an eine Trainerlaufbahn, die dem Hausherrn einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde einbrachte. Erinnerungen an 56 Stationen in 38 Ländern auf 6 Kontinenten.

„Ich bin jetzt 91“, sagt Rudi Gutendorf: „Das ist natürlich viel Holz. Glauben Sie nicht, dass ich noch genau weiß, wo das alles war.“ Der Blick schweift über die Wände, die vor ihm ausgebreiteten Bilder, und bleibt an einer afrikanischen Abwehrreihe hängen: „Die drei sehen aus, als könnten sie um die Weltmeisterschaft boxen.“

Rudi Gutendorf ist Westerwälder und Weltbürger. In welcher Reihenfolge ist schwer zu sagen. Vor allem ist er jedoch eines: fußballverrückt. Mit 91 Jahren keinen Deut weniger als mit 19. „Der Ball fasziniert mich einfach. Er lässt sich nicht betrügen. Manchmal ist er launisch, ein richtiger Sauhund. Aber mit ihm ist mir nie langweilig geworden, nie hatte ich die Schnauze voll vom Fußball.“

AUFBRUCH

Heute wollen wir marschier’n einen neuen Marsch probier’n

Die rund sechzigjährige Trainerlaufbahn von „Rudi Rastlos“, wie der Boulevard Gutendorf einst taufte, ist ein Kuriositätenkabinett, ein Füllhorn absurder Anekdoten und Begegnungen. Mit Helmut Rahn versöhnte er sich nach einem Streit im Training auf einer gemeinsamen Kneipentour durch das Ruhrgebiet, auf Schalke verbrannte er vor versammelter Mannschaft die Trikots, in denen sie zuvor eine Niederlagenserie hingelegt hatte.

In Tansania musste der Nationaltrainer die Aufstellung mit Medizinmännern abstimmen, in Chile entging er bei einem Wochenendausflug nur knapp einem Anschlag auf sein Auto. In Peru endete ein Mannschaftsessen für Gutendorf im Krankenhaus – mutmaßlich der Versuch eines aussortierten Spielers, den verhassten Trainer zu vergiften. Und der Traum einer WM Teilnahme 1982 scheiterte an einem tansanischen Postbeamten, der Gutendorfs Zusage an Kameruns Verband verschwinden ließ, um die 84 US-Dollar Gebühr für das Telegramm in die eigene Tasche zu stecken.

Auf seiner endlosen Expedition im Auftrag des ledernen Sauhunds war Gutendorf stets getrieben von Abenteuerlust, Neugier und dem Streben nach Anerkennung. „Wenn ich zwischendurch mal ein paar Wochen zuhause war, ist mir furchtbar langweilig geworden. Ich war erfolgssüchtig, wollte sofort wieder arbeiten.“ Besonders nach Misserfolgen habe er sich nach der nächsten Gelegenheit gesehnt, sich zu beweisen. „Mir selbst und der Welt zu zeigen, dass ich es besser kann, das war ein ständiger Kampf.“

Den Startschuss für das Leben als Weltreisender gab 1961 Gutendorfs Lehrmeister Sepp Herberger. Durch eine Empfehlung des Weltmeistertrainers von 1954 wurde das Auswärtige Amt auf den jungen Koblenzer aufmerksam. Inmitten des Kalten Krieges suchte die Bundesregierung eine Möglichkeit, Tunesiens Staatspräsidenten Habib Bourguiba einen Gefallen zu tun, ohne in dessen schwelendem Konflikt mit der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich Position ergreifen zu müssen.

Bourguiba suchte einen internationalen Trainer für die Nationalmannschaft und seinen aufstrebenden Lieblingsklub US Monastir und Konrad Adenauer wollte der DDR bei der Erfüllung dieses Wunsches zuvorkommen. „Machen Se et jut, Herr Jutendorf“, soll der Bundeskanzler dem gerade einmal 35-Jährigen zum Abschied gesagt haben, „sonst nehmen die einen von der Sowjetzone.“

„Ich habe mich aus der Politik rausgehalten“

So war bereits das erste Engagement im Ausland von großer politischer Brisanz. Dabei wollte Gutendorf sich eigentlich stets auf den Sport konzentrieren, ganz gleich ob als Nationaltrainer im Dienste autokratischer Regierungen, Hoffnungsträger zerrütteter Gesellschaften oder Aufbauhelfer für Fußballzwerge. „Ich hab mich aus der Politik grundsätzlich rausgehalten“, betont er. „Das war mir zu heikel, da wollte ich auch in Interviews nie Stellung beziehen. Damit hätte ich mir als Trainer sowieso nur Feinde gemacht.“

Dennoch sorgte die Bedeutung des Fußballs unvermeidlich für Begegnungen mit Machthabern, Parteifunktionären und Staatschefs. Immer wieder habe er mit Politikern zu tun gehabt, „die den großen Johnny spielen wollten. Die sich nur für Fußball interessierten, um populär zu werden.“ Im Iran wurde er kurz vor der Asienmeisterschaft entlassen, weil die politische Führung nicht mit einem Ungläubigen auf der Bank in das Turnier gehen wollte. Und das Engagement in Chile endete mit dem Militärputsch 1973 – als Freund des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende, mit dem Gutendorf oft bei einem Glas Whiskey über Gott, die Welt und den Fußball sinnierte, geriet er ins Visier der neuen Machthaber und wurde gemeinsam mit dem deutschen Botschafter ausgeflogen.

Der Artikel erschien in der 26. Ausgabe
Vamos Rafa! Die 26. Ausgabe ist im Handel

RIEGEL

Und dem Bursch, den das nicht freut
sagt man nach, er hat kein’ Schneid

Deutlich leichter fiel es dem weltreisenden Trainer, seinen taktischen Prinzipien treu zu bleiben, in Hamburg und Gelsenkirchen genauso wie in Tonga oder Nepal, Fidschi oder Simbabwe. Bis heute ist Gutendorf überzeugt von seiner deutschen Version des Catenaccio, die ihm seinen zweiten Spitznamen einbrachte: „Riegel-Rudi“. Nahezu zeitgleich mit Inter Mailands Trainerlegende Helenio Herrera führte er das Defensivsystem Anfang der 1960er Jahre auch in der gerade ins Leben gerufenen Bundesliga ein.

Eine kompakte Abwehrformation, die sich bei gegnerischem Ballbesitz mit allen Mann in zwei Ketten hinter den Ball zurückzog, sollte den eigenen Strafraum abriegeln und nach Balleroberungen überfallartig nach vorne ausschwärmen, um den weit aufgerückten Gegner zu überrumpeln. Mit dieser simplen, aber revolutionären Idee überraschte Gutendorf die Liga und führte den kleinen Meidericher SV aus Duisburg sensationell zur Vizemeisterschaft 1963/64.

Trotz des Erfolges musste sich der Trainer ebenso wie sein Mailänder Konterpart Herrera des Vorwurfs erwehren, mit dieser defensiven Ausrichtung lediglich zerstören zu wollen. Meiderichs alternder Stürmerstar Helmut Rahn war jedoch zufrieden mit dem Riegel: „Dat Dinge is good“, zitiert Gutendorf den Helden von Bern in seiner Autobiographie: „Da hab ich Platz, um nach vorne zu marschiere.“ Nur mit dem harten Training, dass dieses laufintensive Spiel erst möglich machen sollte, war Rahn nicht immer einverstanden – und damit bei weitem nicht allein unter Gutendorfs Spielern.

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WILDNIS

Ist das Tanzen dann vorbei
gibt es meistens Keilerei

„Ich wollte nicht als vollgefressener Besserwisser am Rand stehen und Befehle erteilen, ich wollte immer mitmachen“, sagt er heute. Aber er sei ein harter Trainer gewesen, habe seine Spieler immer bis zum Letzten gefordert. Rund um die Welt setzte der Koblenzer auf Fitness und Disziplin, auf Bleiwesten und Kopfballpendel, ließ seine Spieler bei Wald-, Wiesen- oder Wüstenläufen einen deutschen Marsch singen: O, du schöner Westerwald…In Peru rebellierten nicht nur die Spieler des Hauptstadtklubs Sporting Cristal gegen diese Methoden. Die Spielerfrauen warfen Gutendorf vor, sein Training mache ihre Männer impotent.

Auch der fußballbegeisterte Filmemacher Werner Herzog, den Gutendorf auf einem Empfang in Lima kennengelernt hatte, erfuhr die Strapazen einer Übungseinheit am eigenen Leib. Als Gast durfte sich der 29-jährige Herzog bei einem Trainingsspiel im direkten Duell mit Cristal-Star Alberto Gallardo messen. „Nach zehn Minuten wusste ich nicht mehr, in welche Richtung wir spielen“, erzählte er später in einem Dokumentarfilm. „Ich wusste auch nicht mehr, welches Trikot wir tragen.“ Auf allen Vieren und von Krämpfen geplagt sei er schließlich vom Platz gekrochen, um sich in die Oleanderbüsche am Spielfeldrand zu übergeben.

Das Derby zwischen Cristal und dem Lokalrivalen Alianza verfolgte Herzog dann von der Tribüne aus. Während die Spieler in den Katakomben noch vor einem kleinen Altar knieten und beteten oder in einem mysteriösen Ritual an die Kabinenwand pinkelten, bis sie „knöchelhoch“ im eigenen Urin standen, bereiteten sich auch die Fans auf den Rängen auf das Duell vor. „Die Alianza-Fans“, beschreibt Gutendorf das Spektakel, „haben in Plastik Beuteln und Präservativen ihren Urin seit Tagen gespart und als Bomben aus ihrer steilen Kurve in die Cristal-Anhänger abgefeuert.“

Auf die Drahtkäfige neben dem Rasen, in die je zwei Soldaten die Trainer der beiden Mannschaften vor Anpfiff geleiteten, flogen neben solchen Geschossen auch ein paar Messer und brennende Sitzkissen. Gutendorf nutzte den Käfig aber auch für seinen ganz eigenen Auftritt. Zur Motivation seiner Spieler tobte und wütete er hinter dem schützenden Gitter so sehr, dass Herzog sich wohl an seinen manischen Hauptdarsteller Klaus Kinski erinnert fühlen musste. Für einen Derbysieg reichte es dennoch nicht, ein 0:2 gegen den Erzrivalen leitet das frühe Ende von Gutendorfs Engagement in Lima ein.

VERSÖHNUNG

O, du schöner Westerwald
über deine Höhen pfeift der Wind so kalt
jedoch der kleinste Sonnenschein
dringt tief ins Herz hinein

Trotz der zahllosen Enttäuschungen, Entlassungen, Pleiten und Konflikte, die das Trainerleben im Laufe von sechs Jahrzehnten unweigerlich mit sich brachte, glaubt Gutendorf bis heute vor allem an eines: die „versöhnende Kraft“ des Fußballs, die er rund um den Globus beobachten konnte. Sein „größter Triumph“ sei dabei ein Unentschieden gewesen. Nur wenige Jahre nach dem Völkermord in Ruanda, der 1994 fast eine Million Menschen das Leben gekostet hatte, sollte er eine gemeinsame Nationalelf aus Hutu und Tutsi formen. „Der Genozid klang in den Köpfen immer noch nach“, erinnert sich Gutendorf an das Misstrauen, das innerhalb der Mannschaft herrschte.

Um Spieler aus den beiden ethnischen Gruppen, die sich fünf Jahre zuvor noch „buchstäblich mit Macheten die Hälse abgeschnitten“ hatten, zusammenzubringen, setzte der Trainer auf gemeinsame – und vor allem kostenlose – Mahlzeiten am Lagerfeuer und die verbindende Kraft des Sports: „Wenn man gewinnt, vergisst man als Spieler den Hass, die Wut und das eigene Elend.“ Als seine Schützlinge einige Monate später der großen Elfenbeinküste ein 2:2 abringen, erlebt der damals 73-Jährige den „schönsten Moment meiner Karriere“. Es sei „wie ein Rausch“ gewesen. Als Hutu und Tutsi sich auf dem Rasen und den Rängen in den Armen gelegen hätten, sei er vor Freude fast verrückt geworden.

Der große Traum

Solche Erfahrungen motivieren Gutendorf auch bei seiner 56. und vielleicht letzten Station – als „Ehrentrainer“ betreut er die TuS International, eine Flüchtlingsmannschaft seines Koblenzer Heimatvereins. „Die Stimmung in der Mannschaft ist toll, die Jungs sind glücklich“, strahlt er. „Das sind auch durchweg anständige und zuvorkommende junge Leute. Es ist unerträglich, dass Flüchtlingen heute vorgeworfen wird, sie würden unsere Gastfreundschaft ausnutzen. Ich bin überall auf der Welt mit offenen Armen empfangen und gut behandelt worden. Und genauso erwarte ich, dass man auch Menschen, die in der Not zu uns kommen, anständig behandelt.“

Mit 91 Jahren gibt es wohl nur noch einen großen Traum, für den Gutendorf sofort in ein Flugzeug steigen und dem Westerwald noch einmal den Rücken kehren würde: ein Spiel im Gazastreifen mit einer Mannschaft aus Israelis und Palästinensern. Vor Jahren hatte er mit Friedensnobelpreisträger und Palästinenserpräsident Jassir Arafat sogar schon erste Pläne diskutiert, die nach Arafats Tod jedoch nicht weiterverfolgt wurden. „Leider herrscht bis heute Kriegsstimmung“, sagt Gutendorf enttäuscht. Vermutlich werde dieser Traum letztlich am Starrsinn der Politik scheitern.

Ganz aufgeben will er ihn allerdings noch nicht. „Sobald die ersten Zeichen von Frieden dort bemerkbar sind, werde ich zum Hörer greifen.“

Simon Haux

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