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Rudi Völler im Exklusiv-Interview: „Geschichte bleibt hängen“

Rudi Völler ist Weltmeister, Champions-League-Sieger und Fußballidol. Aber auch Liebhaber des Souls, Verehrer von Ali und Freund des persönlichen Gesprächs. Zudem Familienvater, den die Liebe seiner Tochter auf die Probe stellt. Das Gespräch mit einer lebenden Legende.

Der Artikel erschien in Ausgabe #21

Der Artikel erschien in Ausgabe #21

Es gibt nur einen…?

Darf ich Sie fragen, wie alt Sie sind?

36.

Von Leuten Ihrer Generation werde ich oft auf die Vergangenheit angesprochen. Da fallen die Namen Klinsmann, Matthäus, Brehme und Völler. Selbst im Ausland. Im Mai hatte mich das Präsidium des AS Rom zum Champions-League-Halbfinalrückspiel gegen Liverpool eingeladen. Als ich vom Parkplatz zum Stadion ging, kamen viele Menschen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren auf mich zu, riefen: „Rudi, Rudi. Ach, war das schön, als du noch hier gespielt hast.“

Es gibt eben nur einen…

Ja, ich weiß schon, worauf Sie hinaus möchten. Einen Rudi Völler.

Der dank der Gruppe La Rocca 2002 zum Partykracher avancierte.

Natürlich freut es mich, dass es einen Song über mich gibt. Aber nach der WM 2002 nahm das Ganze eine Zeit lang kaum auszuhaltende Formen an. Egal, zu welcher Veranstaltung ich kam – irgendeiner drückte auf den Knopf, damit alle das Lied hören und mitgrölen konnten. Daraufhin gab es ein Verbot von mir. Ich sagte: „Passt auf, ich komme zu euch. Aber nur, wenn ihr den Song sein lasst.“ Die Leute fragten dann beinahe entsetzt nach: „Warum denn, Herr Völler?“ Ich antwortete dann nur: „Nee, nee. Ich kann das nicht mehr hören.“ Aber jetzt ist es wieder okay, gelegentlich kann ich es bei öffentlichen Auftritten wieder tolerieren.

Was hören Sie denn privat?

Ich bin ein Kind der 1960er, 70er Jahre und der amerikanischen Kasernen, die nach dem Krieg über Jahrzehnte das Stadtbild und Lebensgefühl in Hanau stark beeinflusst haben. Die amerikanische Musik, der Soul, hat mich geprägt. Ich bin mit den Temptations aufgewachsen. Die kennen meine fünf Kinder, die alle zwischen 20 und 30 sind, gar nicht. Sie protestieren immer lautstark, wenn die Temptations bei mir im Auto laufen. Aber in meinem Auto bestimme ich die Lieder.

Sie bewahren sich den Soul.

Der ist und bleibt ein Teil von mir, ja. Es muss aber auch nicht immer Soul sein. Auch den Rock und Pop der 70er, 80er Jahre höre ich gerne. Aber nicht den Käse, der bei unseren Spielern hier und in anderen Vereinen in der Kabine läuft. (schmunzelt) Hip-Hop oder Rap – das geht für mich gar nicht.

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Wenn über einen ein Lied geschrieben wurde, das bis heute jedes Kind kennt, fällt es dann leichter, sich als Legende wahrzunehmen?

Legende – das ist schon ein gewichtiger Begriff. Ich soll eine sein, weil ich ein bisschen Fußball gespielt habe? Das ist mir einen Tick zu hoch gegriffen. Ich sehe es so: Eine Legende wirst du irgendwann aus Altersgründen. Je älter du wirst, desto größer werden die Ehrungen.

Wer ist Ihre Legende?

Der größte aller Zeiten – logischerweise Muhammad Ali. Er ist für mich immer auch eine Erinnerung an meinen Vater. Ali-Kämpfe haben unser Vater-Sohn-Verhältnis geprägt. Anfang der 70er hat mich mein Vater trotz starker Widerworte meiner Mutter nachts geweckt, um gemeinsam mit mir Ali im Fernsehen zu schauen. Obwohl ich dann morgens zur Schule musste. Das werde ich nie vergessen.

Fehlen solche Lebensmomente in der Gegenwart?

Es war damals einfach eine andere Zeit. Heute für irgendeinen Boxkampf nachts aufzustehen, für Boxer, deren Namen mir meist gar nichts sagen, ist nicht mehr vorstellbar. Früher haben wir alle Ali nachgeeifert oder auch Gerd Müller, der für mich ebenfalls eine Legende ist.

Weil?

Als er mit Deutschland 1974 Weltmeister wurde, war ich ein 14-jähriger Bub. Nach dem Endspiel sind wir Kinder alle sofort runter auf den Fußballplatz gerannt – und jeder wollte Gerd Müller sein. Nicht umsonst stellen alle Bayern-Verantwortlichen noch heute heraus, dass Gerd Müller einen ganz entscheidenden Anteil am Aufstieg und Erfolg des FC Bayern hat. Er hat eben die meisten Dinger reingehauen. Und das zählt im Fußball.

Der deutsche Fußball zählt seit 2006 auf Jogi Löw als Bundestrainer. Erreicht er, wie Sie, Legendenstatus?

Lassen Sie mich an dieser Stelle eines meiner Lieblingsbeispiele anbringen: Wenn du heute Deutscher Meister wirst, ist das schön. Das feierst du zwei Tage. Danach kommt die Pause, der Urlaub, die neue Saison und dann ist dieser Titel schon fast wieder vergessen. Weltmeister gibt’s zwar auch neue, aber eben nur alle vier Jahre. Den Weltmeistertitel trägst du für immer. Und Jogi hat ihn als Trainer ja bereits gewonnen. Damit geht er in die Geschichte ein.

Haben Sie in den zwölf Jahren eine Veränderung bei Löw wahrgenommen?

Auf ihm lastete in den vergangenen Jahren ein immenser Druck. Weil von allen Seiten gesagt wurde, dass wir unwahrscheinliches Potenzial haben, so viele starke Talente wie nie zuvor. Jogi war dennoch schon vor dem WM-Erfolg 2014 ein ruhiger, angenehmer und immer freundlicher Zeitgenosse. Aber mit welcher Gelassenheit er seitdem sein Ding durchzieht und trotz des Erfolgs so angenehm bescheiden bleibt, ist beeindruckend. Das macht ihn noch sympathischer und tut Deutschland unheimlich gut.

Auch Sie haben die deutsche Nationalmannschaft als Teamchef von 2000 bis 2004 geprägt und formten die Mannschaft 2002 zum Vize-Weltmeister, nachdem Sie 1990 den WM-Titel als Spieler gewonnen hatten. Fehlt Ihnen dennoch etwas in Ihrer Karriere, zum Beispiel ein Deutscher Meistertitel?

Ich bin nicht mit Deutschen Meisterschaften gesegnet gewesen, das stimmt. (lacht) Dafür habe ich die richtig wichtigen Titel gewonnen: die Weltmeisterschaft und 1993 auch die Champions League mit Olympique Marseille. Diese Erfolge würde ich nicht eintauschen wollen. Als Vereinsspieler hängen nationale Titel wesentlich davon ab, bei welchem Klub du gerade bist. Wenn du bei Bayern München einen Fünfjahresvertrag unterschreibst, wirst du mindestens viermal Deutscher Meister, meistens sogar fünfmal. Ob du willst oder nicht. Du kannst es nicht verhindern. Du wirst es. Das hört sich vielleicht etwas abfällig an.

In der Tat.

So ist es aber nicht gemeint. Das wissen auch die Bayern. Ich finde nur, dass die Meisterschaften der Bayern aus den 80er und 90er Jahren wesentlich höher einzuschätzen sind als ihre heutigen, weil damals die Konkurrenz einfach größer und wirtschaftlich zum Teil noch auf Augenhöhe war. Aktuell sind die Bayern so weit entfernt vom Rest der Liga, dass ihre vielen Meisterschaften der vergangenen Jahre etwas an Wert verloren haben. Und trotzdem muss man vor einer Sache ohne Neid einfach den Hut ziehen.

Vor welcher?

Dass die Bayern mit dem vielen Geld relativ wenig Fehler machen. Es gibt Klubs, vor allem in England, die geben noch mehr aus, machen aber deutlich mehr Fehler. Klar, auch bei Bayern gibt es mal einen Spieler, der nicht einschlägt – das Problem kennen alle Klubs –, aber im Großen und Ganzen sind die Münchner vorbildlich, wenn es darum geht, die richtigen Spieler für eine funktionierende Mannschaft zu verpflichten.

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Zurück zu Ihnen. Auf was hätten Sie in Ihrer Karriere gerne verzichtet: die Spuckattacke von Frank Rijkaard oder den Weißbier-Spruch an Waldemar Hartmann?

Darf ich ein bisschen ausholen?

Bitte.

Ich habe vier Weltmeisterschaften für Deutschland mitgemacht, drei als Spieler, eine als Trainer. Dreimal stand ich dabei im Finale. Ich bin hier Fußballer des Jahres geworden und Torschützenkönig. Doch egal, wo ich im deutschsprachigen Raum auch hinkomme, werde ich immer zuerst auf die Nummer mit Waldi angesprochen.

Ein legendärer TV-Moment.

Mit dem ich gut leben kann. Was schwieriger für mich ist, ist die private Situation einer meiner beiden Töchter. Sie hat im Griechenland-Urlaub vor fünf Jahren leider einen total sympathischen Australier kennengelernt und hat sich in ihn verliebt – jetzt lebt sie in Melbourne. Ich sage immer: Mir wäre lieber gewesen, sie hätte einen Mann aus Köln-Nippes kennengelernt. Aber die Liebe hat Australien gewählt, weshalb meine Frau und ich zumindest einmal im Jahr dorthin fliegen. Und jetzt kommen wir auch zurück zu Rijkaard.

Nur zu.

Zuletzt waren wir an Weihnachten in Australien, um unsere Tochter zu besuchen. Wir übernachteten im Hotel. Und was machst du, wenn du da mal ein bisschen Pause hast? Klar, du fährst morgens mal in die Innenstadt. Wir nahmen uns also ein Taxi. Und es dauerte keine halbe Minute, da drehte sich der Taxifahrer um und sagte auf Englisch: „How was it with Rijkaard 1990? Are you friends now?“ Was ich damit sagen will: Diese Geschichte bleibt hängen. Sie ist in den Köpfen einer ganzen Generation hängen geblieben. Sie ging um die Welt. Egal, wo ich hinkomme: Es geht nicht darum, ob es im Finale ein Elfmeter war, ob ich wirklich gefoult worden bin oder nicht. Es geht nur um Rijkaard. Diese Nummer wird mich ein Leben lang verfolgen.

Und macht sie Ihnen zu schaffen?

Was Rijkaard getan hat, war natürlich nicht in Ordnung. Aber das hätte ich ganz schnell wieder abgehakt, wir haben uns ja später dann auch vertragen. Was mir wirklich zu schaffen machte, ist die Tatsache, dass der argentinische Schiedsrichter Juan Carlos Loustau mich damals vom Platz gestellt hat. Er ist ja mittlerweile verstorben und hat diese Geschichte mit ins Grab genommen. Ich kann mir die Rote Karte gegen mich bis heute nur so erklären, dass so viel Hass in diesem Spiel steckte, dass der Schiedsrichter sich dachte: ‚Ich stell jetzt einfach beide vom Platz und dann ist Ruhe.‘

Zumindest diese Einschätzung war korrekt.

Ja, dann war Ruhe. Und ich war fertig. In diesem Moment brach eine Welt für mich zusammen. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht, dass es ein Happy End geben würde. Mit diesem Platzverweis 1990 im Achtelfinale umzugehen, war viel schlimmer als die Spuckerei von Rijkaard.

Herr Völler, wir haben in Deutschland eine große Stürmer-Tradition. Warum fehlen uns aktuell diese Tor-Typen?

Das ist kein deutsches, sondern ein internationales Phänomen. Obwohl ich anmerken muss, dass ich auch nie der ganz klassische Mittelstürmer war wie Karl-Heinz Riedle oder Jürgen Klinsmann. In jungen Jahren habe ich bei Kickers Offenbach und 1860 München als Linksaußen angefangen. Später gab es dann diese Position kaum mehr, weil zumeist mit zwei Spitzen gespielt wurde. Ich konnte diese Position spielen, aber bin auch weiterhin gerne über den Flügel gekommen, habe gerne die Tore vorbereitet.

Und trotzdem haben Sie selbst auch zahlreiche Tore gemacht.

Ja, die Buden sind mir auch gelungen. Es war einfach eine andere Generation an Spielertypen. Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass mir der heutige Spielstil – ohne diesen klassischen Mittelstürmer – zugutegekommen wäre. Ich hätte vorne alle Positionen bekleiden können.

Müssen wir uns damit abfinden, dass der klassische Stürmer ausstirbt?

Ich bin mir sicher: Es wird den einen oder anderen klassischen Stoßstürmer auch in Zukunft geben. Doch der Spielstil hat sich generell verändert. Jetzt erzielen Typen die Tore, die viel mehr von ihrer enormen Geschwindigkeit und ihrem starken Tempodribbling leben. Typen wie Messi, Ronaldo, Reus und Brandt. Im modernen Fußball ist die Ballan- und mitnahme in höchster Geschwindigkeit das A und O. Darunter leiden so ein wenig Spieler wie Gómez oder Wagner, die noch diese Eigenschaften eines klassischen Stürmers in sich tragen. Auch bei Stefan Kießling war in seinen letzten Jahren als aktiver Spieler zu beobachten, dass er langsam an seine Grenzen kam.

Folgerichtig beendete er am Saisonende seine Karriere. Trauen Sie Kießling in Leverkusen einen ähnlichen Weg wie Miro Klose zu, der seine Erfahrungen ab der kommenden Saison beim FC Bayern als Trainer der U17 an die Jugend weitergibt?

Stefan Kießling wird in irgendeiner Form bei uns weitermachen. Er ist nicht nur ein verdienter Spieler von Bayer 04 Leverkusen. Er ist eine Klublegende wie Ulf Kirsten. Es ist unsere Aufgabe, die Spieler, die so viel für den Klub geleistet haben, hier zu halten und an den Klub zu binden – auch in dieser Hinsicht arbeitet Bayern München vorbildlich.

Weil Identifikation ein wichtiger Bestandteil der Faszination Fußball ist?

Es darf kein reiner Aktionismus sein. Nur Identifikation reicht auch nicht. Der Spieler muss schon Potenzial für eine andere Aufgabe mitbringen. Und er muss auch wollen. Aber da bin ich bei Stefan optimistisch. Ich blicke bei diesen Entscheidungen auch immer auf mich. Ich bin jetzt 58 Jahre alt. Natürlich möchte ich noch ein paar Jährchen hier weitermachen, diese Position jedoch nicht bis in alle Ewigkeit bekleiden. Es beginnt langsam die Zeit, sich nach potenziellen Nachfolgern umzuschauen und diesen die Möglichkeit zu geben, sich ohne Druck einarbeiten und die Abläufe auf der anderen Seite des Platzes kennenlernen zu können.

Sie fingen nach Ihrer Spielerkarriere 1996 als Sportdirektor bei Bayer Leverkusen an.

Reiner Calmund war damals noch da, Wolfgang Holzhäuser kam dazu. Ich habe den beiden in meinen Anfangsjahren ein bisschen über die Schulter schauen dürfen. Für mich war das ideal. Und als ich dann nach vier Jahren merkte: So, Rudi, jetzt kannst du ein bisschen mehr – bin ich plötzlich Bundestrainer geworden. (lacht)

Ihr Weg führte Sie nach einem kurzen Abstecher nach Rom dennoch zurück nach Leverkusen. Bleibt Bayer der letzte Verein in Ihrem Lebenslauf?

Es ist für mich überhaupt kein Thema mehr, noch mal ein anderes Abenteuer einzugehen. Ich habe in all den Jahren eine wunderbare, angenehme Nähe zum Klub entwickelt. Deswegen wird Leverkusen auch meine letzte Station sein, das ist für mich zu 100 Prozent klar.

Wie schwierig ist es, für alle Deutschen Liebling Rudi, für die eigenen Spieler aber Respektsperson zu sein?

Wenn du so einen Vornamen hast wie ich, dann bist du eben für alle der Rudi. Daran habe ich mich gewöhnt. Die etwas älteren Spieler hier in Leverkusen duzen mich, die etwas jüngeren Spieler siezen mich. Im Grunde versuche ich auch intern, der Kumpeltyp zu sein. Aber wer mich kennt, der weiß: Ich kann auch anders. Nicht nur mit Waldi oder den Medien. Auch mit meinen Spielern. Wenn ich das Gefühl habe: Jetzt muss ich mal dazwischenhauen, dann mache ich das.

Erlauben Sie sich auch, WhatsApp-Nachrichten zu schreiben?

Natürlich mache ich das mal, ja. Aber nicht so verrückt, wie es meine fünf Kinder oder auch unsere Spieler hier tun. Da geht manchmal so die Post ab bei diesen Nachrichten, dass ich nur noch den Kopf schüttele. Es ist doch klar, dass ich auch mal eine SMS schreibe und auch Mails. Das gehört zum Job dazu. Aber zu meinem Leben gehören dann doch eher andere Dinge.

Welche sind das?

Ich liebe das persönliche Gespräch. Kaffee zu trinken und zu reden – wie wir es jetzt gerade tun. Wir hätten uns ja auch am Telefon unterhalten können. So ticke ich auch innerbetrieblich. Da sage ich gelegentlich zu Kollegen: „Du schickst mir hier jetzt eine Mail. Komm doch einfach rüber in mein Büro, auch wenn du vielleicht drei Minuten warten musst, weil noch jemand drinsitzt. Lass uns kurz darüber reden, das ist doch viel persönlicher.“ Ich finde, dass eine Mail manchmal missverstanden werden kann, wenn man sie liest. Gerade schwierige Themen kommen geschrieben oft zu negativ, zu kritisch rüber. Wenn man redet, transportiert man Inhalte viel angenehmer. Selbst wenn man kontrovers diskutieren muss. Ich rede daher am liebsten über Dinge.

Dann lassen Sie uns über die Zukunft des Fußballs reden. 1990 erlebten Sie die WM noch mit 24 Teams, jetzt spielen 32 Teams um den Titel. Ab 2026 werden es 48 Mannschaften sein. Ist der Fußball ohne Limit ausreizbar?

Dass das Rad überdreht wird, ist für mich eine Phrase, die im Fußball schon seit 30 Jahren benutzt wird. Es ist schwer zu sagen. Wenn uns vor zehn Jahren einer gesagt hätte, dass es in Zukunft einen Videoschiedsrichter und die Torlinientechnik gibt, hätte das auch keiner geglaubt. Aber keine dieser Neuerungen wird den Fußball so revolutionieren wie es die Rückpassregel im positiven Sinne getan hat.

Können Sie das genauer ausführen?

Ich bin noch einer dieser Stürmer, der in seiner Karriere wer weiß wie oft vergeblich zum Torwart laufen musste. Der hat einfach so lange gewartet, bis ich da war und hat dann den Ball in die Hand genommen. Was glauben Sie, wie oft ich die Torhüter da am liebsten rasiert hätte? Wie viele Kilometer ich umsonst laufen musste in meiner Karriere? Die Rückpassregel hat nicht nur das Spiel spannender gemacht, sondern auch für die Entwicklung einer neuen Torhüter-Generation gesorgt, die richtig gut kicken kann. Nur deshalb sind Torhüter wie Neuer, Leno, ter Stegen und Trapp entstanden. Die Rückpassregel war und ist ein Traum.

Und die Einführung des Videoschiedsrichters – Traum oder Albtraum?

Jetzt haben wir ihn ein Jahr erlebt. Die Vorrunde war eine Katastrophe, die Rückrunde besser, aber immer noch mit Fehlern behaftet. Ich weiß, die Statistik spricht für den Videobeweis. Aber ich bleibe dabei: Wenn der Videoschiedsrichter einen Fehler macht, ist dieser nicht zu verzeihen. Und diese Fehler sind programmiert. Weil es beim Fußball – anders als beim American Football oder Eishockey – immer Entscheidungen geben wird, die nicht klar aufzudröseln und letztendlich Auslegungssache sind. Es ist total schwer.

Kontrovers wird aktuell auch über E-Sport diskutiert. DFB-Präsident Reinhard Grindel äußerte sich kritisch, kann darin keinen Sport erkennen. Und Sie?

Wir beschäftigen uns bei Bayer 04 Leverkusen mit dem Thema, auch wenn ich es eher mit einem Schmunzeln betrachte. E-Sport wird halt gespielt, den jungen Menschen gefällt das – so ist das eben in der heutigen Zeit. Aber die Nähe zum klassischen Sport kann ich auch nicht erkennen, auch wenn der Begriff Sport da drinsteckt und man sich dabei stark am richtigen Kicken orientiert. Gefahr für den echten Fußball kann E-Sport aber nicht sein.

Interview: Felix Seidel