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Marcel Hirscher: Ungebrochener Siegeswille

Der Österreicher Marcel Hirscher ist einer der besten Skirennläufer und selbst eine große Verletzung hat ihn zu Beginn der Saison nicht zurückgeworfen. Auch sein Siegeswille ist ungebrochen.

Interview: Ozan Can Sülüm

Herr Hirscher, nachdem Sie sehr lange Zeit verletzungsfrei waren, haben Sie sich kurz vor der olympischen Saison den Knöchel gebrochen. Ein Olympiasieg ist das Einzige, was in Ihrer Karriere noch fehlt. Waren Sie nervös, weil Sie die Olympischen Spiele hätten verpassen können?

Dieses Interview erschien in Ausgabe #16

Natürlich war mein erster Gedanke: „Ach, verdammt!“ – allerdings nicht wegen der olympischen Saison. Tatsache ist jedenfalls, dass genauso wie jeder andere auch ich mich nicht verletzen will. Also war ich nicht erfreut darüber. Aber zumindest hatte ich das Glück, eine unkomplizierte Fraktur zu haben und dass nicht mal eine Operation notwendig war. Deswegen konnte ich mein Krafttraining nach kurzer Zeit wieder fortsetzen und habe dadurch nicht viel an Stärke verloren. Es war eine Art Auszeit. Zum Teil brauchte ich das vielleicht sogar. Mental gesehen geht es mir ziemlich gut.

Durch die Verletzung haben Sie einen Großteil des Sommertrainings verpasst. In Levi hatten Sie einen langsamen Start erwartet, waren nach dem ersten Durchgang Vierter, aber am Ende wurden Sie Siebzehnter. Dachten Sie, dass alles nach Plan lief, oder waren Sie besorgt?

Sorgen würde ich niemals mit mir in den Wettbewerb schleppen. Ehrlich gesagt, hatten wir nur gehofft, dass ich den zweiten Durchgang erreiche. Mission erfüllt.

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel behauptete, dass Sie vielleicht zu früh angefangen hätten, wieder zu trainieren, und Ihre Antwort war: „Was bedeutet zu früh? Wer außer mir könnte das wissen?“ Hat dieses Statement Ihre Beziehung zum ÖSV beeinflusst?

Überhaupt nicht. Peter ist ein professioneller Präsident und er ist sich der Tatsache bewusst, dass Athleten manchmal unterschiedliche Meinungen haben. So geht es mir auch.

ÖSV-Direktor Hans Pum sagte, dass Ihre Rückkehr aufmunternd sei. Obwohl die österreichische Männermannschaft richtig erfolgreich ist, war die Frauenmannschaft letzte Saison ungefähr eintausend Punkte hinter Italien und das größtenteils wegen Verletzungen. Spüren Sie den Erwartungsdruck wegen allem, was bei den Olympischen Spielen von der Männermannschaft erwartet wird?

Ich spüre eigentlich einen niedrigeren Druck als in den vergangenen Jahren. In der olympischen Saison ist der Medienrummel natürlich größer, aber ich denke, dass sowohl die Mannschaft als auch die einzelnen Athleten damit sehr gut umgehen. Und immerhin wissen wir alle, dass der Erfolg des ÖSV definitiv nicht allein von mir abhängt.

Das war das erste Mal, dass Hirscher einen Traum dieser Größenordnung verwirklichte

Zwischen achtzehn und zwanzig Jahren erreichten Sie großes mediales Aufsehen, indem Sie als Teenager dreifacher Jugendweltmeister beim Slalom und Riesenslalom wurden. Gleichzeitig debütierten Sie beim Weltcup. Wie würden Sie jene Jahre beschreiben?

Auf jene Zeit zurückzublicken, macht mich irgendwie immer noch sprachlos. Das war das erste Mal, dass ich einen Traum dieser Größenordnung verwirklichte. Ich dachte wirklich, „Ich hab’s geschafft!“, und gleichzeitig dachte ich schon damals größer. Na ja, ich denke, dass es recht gut funktioniert hat.

Sie haben 2009 in Garmisch bei der Super-G-Junioren-Weltmeisterschaft eine Silbermedaille gewonnen, aber Ihr erster Super G im Weltcup kam erst 2015. Gab es einen besonderen Grund dafür?

Ja, klar! Offensichtlich war ich nicht früher dazu bereit und beim Weltcup gab es natürlich einige exzellente Skirennläufer, die schneller waren als ich. An jenem Tag waren alle Voraussetzungen erfüllt, sodass ich meinen ersten Super-G-Sieg erringen konnte. Das war’s.

Fühlen Sie, dass Ihre Karriere in die Falle technischer Disziplinen geraten ist, oder war es eine strategische Entscheidung, sich auf Slaloms zu spezialisieren, um die Gesamtwertung zu dominieren?

Mir ist es nie eingefallen, die Sache so zu betrachten. Es gibt gar keine Falle. Die Entscheidung, ein technischer Profi zu werden und meine Zeit darin zu investieren, diese Fertigkeiten weiterzuentwickeln, war eine natürliche, zu der es kam, als ich noch ein Kind war. Zudem bin ich, wie Sie sehen, weder groß noch wiege ich viel, was für eine Abfahrtskarriere von Vorteil wäre.

Alpiner Skilauf ist wohl der Wintersport, der medial am meisten Aufmerksamkeit erfährt. Aber es gibt eher selten Unruhe. Haben Sie nach Ted Ligetys Verschwörungstheorie, dass zwischen Ihrer Verletzung und der Absage des ersten Events ein Zusammenhang bestünde, gespürt, dass es dafür tiefergehende Gründe aus den vergangenen Saisons geben könnte?

Nein, glaube ich nicht. Für uns professionelle Athleten zählen jeder Wettbewerb und jeder Punkt und natürlich wollen wir an jedem Wettbewerb teilnehmen und aus diesem Grund setzen wir uns selbst unter Druck. So glaube ich, dass wir alle irgendwelche Verschwörungstheorien parat haben. Was denken Sie? Dass ich am Träumen war, als mich eine Drohne auf der Piste fast getroffen hat?

Marcel Hirscher: "Ich muss nichts beweisen"

Wenn wir bei der Medienaufmerksamkeit bleiben: Alpiner Skilauf ist ein sehr populärer Sport in Österreich, wenn nicht gar der populärste. Haben Sie den Eindruck, dass jeder Ihrer Schritte und jede Ihrer Bewegungen kritisiert wird?

Nicht jeder Schritt, aber vielleicht zu viele. Ich denke, das ist der Preis, den man zahlt, wenn man eine Person des öffentlichen Lebens ist. Und die Liste der Vorteile der Berühmtheit ist definitiv länger als die der Nachteile. Ich bin sehr froh, dass wir in Österreich keine Paparazzi und größtenteils respektvolle Fans haben. Und was Kritik betrifft: Ich habe mit ihr umzugehen gelernt.

Die meisten Comebacks in Ligety kamen aus dem ÖSV und den Trainern usw. Die österreichische Mannschaft sieht von außen undurchschaubar aus. Ist das einer der Gründe für den Erfolg beim Wintersport?

Vielleicht. Ich denke, dass auch die Fan-Community dafür verantwortlich ist. Österreicher sind besessen vom Ski, egal, ob sie selbst Ski laufen oder es im Fernsehen verfolgen. Ich denke, all das ergab sich aus der Geschichte. Wir hatten schon immer gute Voraussetzungen, was den Schnee angeht, und die Möglichkeit, diesen Sport zu betreiben, die richtige Unterstützung und so weiter und so fort.

Meistens macht es Athleten nervös, vor der Weltmeisterschaft oder den Olympischen Spielen neues Material auszuprobieren. Sie sagten, dass es noch kleinere Probleme gebe mit Ihrem Knöchel und daher auch, mit noch ungewohnten Materialien zu trainieren. Wie weit würden Sie für einen Olympiasieg gehen?

Ich muss nichts beweisen und würde für eine Medaille niemals meine Gesundheit riskieren. Ich bin ein Skirennläufer und will natürlich in PyeongChang meine beste Leistung zeigen. Aber es gibt noch einen weiten Weg bis dahin und eine Menge Aufgaben zu bewältigen, also werde ich hart arbeiten und mich in Geduld üben.