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Eine Tüte Deutschland bitte

Wie patriotisch darf man bei einer WM als Deutscher sein? Wie groß darf das Schlaaaand-Gefühl sein? Schriftsteller Moritz Rinke geht der Sache nach. Und küsst Uschi Glas.

─── I ───

Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ich war einmal Poolwächter der deutschen Nationalmannschaft. 2006 bei der WM in Deutschland. Eine Freundin von mir leitet mit ihrem Mann die größte Berliner Gebäudereinigungsfirma, welche den Auftrag vom Schlosshotel Grunewald bekam, zusätzlich zum Hotelpersonal Serviceleistungen durchzuführen, die durch zehn externe Reiniger eine größtmögliche Sauberkeit gewährleisten sollten. Ich fragte meine Freundin, ob es nicht elf sein könnten, die Verhandlungen zogen sich Wochen hin, dann war es so weit, ich sollte nicht reinigen, sondern den deutschen Pool bewachen.

Meine Aufgabe war es, Blätter und Insekten, die in den deutschen Pool hineinwehten, mit einem Käscher herauszufischen, Handtücher auszuwechseln und die Liegen nach Benutzung wieder liegefertig zu machen. Es gab noch die Anweisung, weder Autogrammwünsche auszusprechen noch die Gäste in ein Gespräch zu verwickeln, sondern nur den deutschen Pool zu bewachen von einem erhöhten Stuhl aus, ähnlich wie die Schiedsrichter beim Tennis oder die Küstenwache an der Nordsee.

Mein erster Gast am Pool war damals Oliver Kahn, mit Schlosshotel-Grunewald-Badeschuhen und Bademantel. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Kahn nickte auch, dann sprang er mit Kopfsprung in den deutschen Pool. Kahn kraulte vier Bahnen, stieg über den Beckenrand raus, nahm den Bademantel und für das Gesicht nur ein Handtuch, das er auf die Liege warf, und ging.

Rud Völler

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Zwei Tage später hatte die deutsche Mannschaft ihr Eröffnungsspiel gegen Costa Rica in München und gewann mit 4:2, das erste Tor schoss Philipp Lahm mit einem gebrochenen Arm, deshalb kam er während der WM auch nie an meinen Pool – mit gebrochenem Arm kann ein Philipp Lahm zwar WM-Tore schießen, aber nicht schwimmen.

Zur Begrüßung der siegreichen Mannschaft hatte ich mir etwas überlegt. Ein türkischer Gemüsehändler hatte mir eine Deutschlandfahne angeboten, erst winkte ich ab, dann fragte er, warum ich denn von einem Türken keine deutsche Fahne nehme? Na gut, unter diesen Bedingungen konnte ich vielleicht meine erste Deutschlandfahne kaufen. Ich schaute noch schnell absichernd nach rechts und links, ob mich auch niemand sieht und verlangte nach einer Tüte.

„Warum Tüte?“, sagte der Türke, „Fahne musst du gleich hochhalten gegen Polen!“

„Nein, Tüte bitte!“

„Er kauft Fahne mit Tüte“, sagte der Gemüsehändler verwundert zu seinem Partner.

So in der Öffentlichkeit konnte ich damals noch nicht, das heißt, einfach so für alle sichtbar, für Deutschland jubeln, das kam noch nicht in Frage. Ich freute mich zwar, wenn die Deutschen ein gutes Spiel machten, aber Patriotismus mit mehreren zusammen, das konnte ich nicht, mit einer deutschen Fahne deutsche Siege feiern, das galt irgendwie immer noch als nationalistisch.

„Nein, es ist Patriotismus, der gesunde, neue Patriotismus“, sagte mir meine damalige Freundin, ausgerechnet eine Ungarin. „Du musst zwischen Nationalismus und Patriotismus unterscheiden. Nationalismus ist härter, Patriotismus weicher, nun freu dich doch mal!“

„Ich freue mich auch!“, sagte ich, theoretisch fände ich den weichen Patriotismus sogar schön, aber in der Praxis, mit den Deutschen zusammen, da sei ich eben gehemmt, weil ich mir die Deutschen natürlich in dem Moment, in dem ich versuche, gemeinsam Patriot zu sein, sehr genau ansehe. Das sei ja dann so eine Art Verschmelzung, man müsse ja dann mit den Deutschen verschmelzen und da gucke man sich dann halt vorher noch mal alles genau an – wie im Bordell, gute Schriftsteller sollen ja auch das Leben im Bordell studieren.

 

„Du arbeitest als Schriftsteller im Bordell?!“, fragte sie: „Nein, nein“, sagte ich, „ich versuche dir mein Unbehagen am praktischen Patriotismus zu schildern. Da sitzt man dann fünf Minuten auf der Bettkante, guckt sich alles an und dann kommt der Moment, nee, ich will doch eher eigentlich lieber nicht, so ein komischer aufgeblasener Busen und alles so hau ruck und eben nicht weich, na ja, und so ähnlich geht mir das auch mit dem praktischen Patriotismus in Deutschland.“

Am nächsten Tag hing die Fahne direkt an meinem Schwimmmeisterstuhl und offen gestanden hätte ich das nicht von außen sehen wollen, wie ich auf diesem Stuhl saß, links die Fahne und dann dieser Typ, der die ganze Zeit auf den deutschen Pool starrte, ob da vielleicht irgendwo was herumschwamm, was nicht zur deutschen Mannschaft gehörte.

Plötzlich kam Gerald Asamoah an den Pool, ausgerechnet Asamoah aus Ghana sah mich hier als erster mit meiner Fahne. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Asamoah nickte auch, dann sprang er in den Pool und schwamm. Er sang dabei – und ich fiel fast vom Stuhl – die Melodie „Du gehörst zu mir, wie mein Name an der Tür“ von Marianne Rosenberg.

Macht der das extra, fragte ich mich? Ob er mich blöd fand mit meiner deutschen Fahne? Man singt doch nicht einfach diesen Rosenberg-Song, darin lag doch ein versteckter Patriotismus-Vorwurf? Ich meinte von Seiten Asamoahs, einen ironisierenden Unterton herauszuhören und nahm mir vor, am nächsten Tag eine Fahne von Ghana an meinem Poolwächter-Stuhl zu befestigen. Andererseits, er spielte ja für Deutschland, warum sollte er mich blöd finden und mir Vorwürfe machen?

Dies war der Beginn meiner allmählichen Verwandlung in einen weichen Fußballpatrioten, denn gerade bei dieser WM in Deutschland machte ich große Fortschritte. Beim legendären Elfmeterschießen gegen Argentinien, Viertelfinale, war ich im Berliner Olympiastadion. Dieses irre Elfmeterschießen! Lehmann hatte einen Spickzettel von Andy Köpke bekommen und hielt den entscheidenden Elfmeter, Deutschland war im Halbfinale, Jubel, Jubel! Ich saß neben Uschi Glas, der deutschen Schauspielerin, die mir eine Deutschlandfahne auf die Wange malte. Über mir in der Ehrenloge küsste Angela Merkel Franz Beckenbauer, damals wusste noch niemand, wie das Sommermärchen zustande kam. Ich selbst küsste Uschi Glas nach Lehmanns Parade, einfach so, das war gewissermaßen mein Durchbruch als Patriot. Mein ganzes Leben hatte ich in diesem Nörgelland gelebt, freuen konnte man sich als Kind von 68er-Eltern über deutsche Fußballsiege ja sowieso nicht, das steckte ganz tief als Verbot im Unterbewusstsein, und plötzlich riss ich beim verschossenen Elfmeter der Gauchos die Arme hoch und küsste Uschi Glas.

Wie kann man das nun erklären, sich einfach so von Uschi Glas schwarzrotgold bemalen zu lassen und dann dieser Kuss? Vielleicht war es ein Gefühl, das eben nicht auf ein Statement, einen Kommentar, eine Abgrenzung, eine politisch zementierte und harte Botschaft gemünzt war, sondern es geschah aus einem freien, weichen Gefühl heraus, es war ein freier, liebender Patriotismus, so wie ihn die ungarische Freundin beschrieben hatte, einen Patriotismus, der nicht so sehr auf Kompensation, auf Ersatz für irgendwas beruhte.

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─── II ───

Es folgten weitere Turniere. 2008 die EM in Österreich und der Schweiz; 2010 die WM in Südafrika; 2012 die EM in Polen und der Ukraine. Das waren alles schöne Turniere, mit deutschen Teams, mit denen man sich in seiner angelernten Patriotismus-Laufbahn identifizieren konnte: Odonkor, Kurányi oder Aogo, Boateng, Özil, Khedira, Podolski, Gündoğan oder Mustafi, sie alle spielten in der deutschen Nationalmannschaft. Ich erinnere mich noch an das berühmte erste Migrationsfoto der Kanzlerin während der Qualifikationsphase für die WM in Südafrika. Die Kanzlerin stürmte ohne Anmeldung in die Umkleidekabine der deutschen Mannschaft und ließ sich mit dem halbnackten und erstaunten Özil fotografieren. Das war der Beginn des offiziellen deutschen Diversityfußballs – nur leider betraf diese Diversity nicht immer die deutschen Fans.

Bei der EM 2016 in Frankreich, wir waren ja mittlerweile Weltmeister in Brasilien geworden, hatte ich das erste Mal wieder einen Rückfall in alte Ängste aus der Zeit vor meinem Kauf der deutschen Fahne vom Türken. Ganz einfach: Es wurde mir zu viel…

Ein Deutschland-Spiel sah ich zum Beispiel zusammen mit 2000 Menschen am Postbahnhof im Quartier des 11Freunde-Magazins. Nach dem Spiel warf mir ein 11Freunde-Gast einen China-Böller vor die Füße, danach gab es einen widerlichen Knall.

„Warum machst du das?“, fragte ich.

„Schland!!“, schrie er mich an.

„Ach so“, antwortete ich. (Unfassbar, so ein Superböller explodiert mit einer Lautstärke von 120 Dezibel, ein deutsches Kaninchen fällt dabei tot um!)

Am Abend sah ich dann in der ARD „Waldis EM-Club“ aus einem Studio mit 2000 Leuten, die genauso aussahen wie die Menschen bei 11Freunde. Sie grölten ständig dazwischen, so dass auch die Studiogäste in ihren Aussagen immer lauter, böllernder und schlandmäßiger wurden, damit sie von den Schlandmenschen nicht ausgepfiffen wurden.

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Am nächsten Tag beobachtete ich vom Balkon aus, wie ein Mann an seinem Auto arbeitete. Er hatte schon zwei Fahnen hinten, aber jetzt kniete er vor seinem Automobil und hielt eine Deutschlandfolie anpassend vor seinen Tankdeckel. Dann klebte er akribisch die Folie auf den Deckel, wobei er ein kleines Stück seiner gepressten Zunge seitlich herausstreckte, so wie man es manchmal bei Menschen beobachtet, die ein Höchstmaß an Konzentration mit einer Form von herausgepresster Lust verbinden. Die Tatsache, dass die Folie offenbar genau auf den Tankdeckel passte, schien den Mann zu ergötzen.

Diese gepresste Freude mit der wurstartigen Zunge und der Deutschlandtankdeckelfolie war plötzlich für mich zum Symbol dieser Schlandwochen geworden, die man als fußballliebender Purist vermutlich in Zukunft weit weit weg verbringen müsste.

Gepresste Freude, so eine gepresste, angestrengte Schland-Freude oder Schland-Sitte, das war es, was sich mehr und mehr ausbreitete. Die zu entdeckende Freude an einer neuen deutschen Spielkultur unter Jürgen Klinsmann und Jogi Löw von 2006 mit einem völlig anders aussehenden Team, diese Freude hatte sich mit den Jahren in ein irgendwie mechanisch wirkendes Schlandtum verzerrt, das mich eben an die Zeiten unter Berti Vogts oder Rüdi Völler erinnerte, in denen die Spieler Kohler, Schneider, Bierhoff, Ballack, Babbel, Böhme, Hamann oder Ziege hießen und man immer noch von deutschen Tugenden sprach, die die Deutschen 2002 ins Finale von Yokohama gegen Brasilien brachten, wo dann ausgerechnet Kahn, der Titan, mein erster Gast am Pool, versagte, nachdem er sonst alles gehalten hatte.

Ich weiß noch, dass ich während der EM 2016 in Frankreich die Termine meiner Frau in der Ausländerbehörde immer auf Tage der Schlandspiele legte.

In Haus C, Abteilung Z7, im Warteraum C64 mit festgeschraubten Eisenstühlen starrten Afrikaner, Asiaten, Amerikaner und weitere Menschen aus Ozeanien auf eine Anzeigetafel neben dem Nummernautomaten, und ich war mir immer sicher, dass die Ausländerbehörde der einzige Ort in Berlin war, an dem man keine Schlandfahnen sah, keine Schlandtrikots und keine Schlandbacken. Garantiert hatte hier auch keiner Schlandböller dabei oder einen Schlandautospiegel.

─── III ───

Und wo werde ich nun die WM 2018 verbringen an jenen Tagen, an denen Deutschland spielt? 2006 saß kein einziger der AfD im Bundestag, es gab die Partei gar nicht, aber heute ist sie die stärkste Oppositionspartei mit 92 Sitzen und die Form und Inhalte ihrer Reden und oft ruppigen Einwürfe erinnern mich jetzt immer mehr an diesen Schland-Böller vor meinen Füßen im Quartier der 11Freunde. Und nun finden wir also die Böller, Brüller und die deutschen Parolen nicht nur auf den Marktplätzen, sondern auch im Bundestag. Natürlich, das sind keine Naziparolen, und nicht jeder, der AfD wählt, ist automatisch ein Rechtsradikaler – und ich finde sogar, dass man die Ängste dieser AfD-Wähler sehr ernst nehmen sollte – aber was bedeutet diese Spaltung der Gesellschaft für meine alte patriotische Identifikation mit Fußballdeutschland? Wie unterscheide ich meine Identifikation der Lust und der Freude am deutschen Spiel von jener der Deutschland schreienden Identifikation aus dem Gefühl, überfremdet, benachteiligt, weggeschoben, nicht beachtet und ausgegrenzt zu sein? Springe ich bei deutschen Toren auf und jubele und erkläre danach, dass ich das nicht politisch meine? Absurd, ja, aber darüber beginnt man ja schon nachzudenken, so sehr setzt einem schon dieses nationale Gerede zu. Und wie verhalte ich mich, wenn die, die jetzt deutsche Traumpässe bejubeln, eigentlich damit meinen, dass Deutschland den Deutschen gehöre und nicht mal registrieren, dass der Traumpass von Özil kam? Kurz: Was passiert nun mit meiner schönen, weichen Chiffre, Uschi Glas schwarzrotgoldene Wange zu küssen?

Von Moritz Rinke

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