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Kobe Bryant: Der große Abschied

Kann man 20 Jahre Glanz in 48 Minuten pressen? Zum Beispiel im letzten Karrierespiel? Wenn sie Kobe Bryant heißen, ist alles möglich. US-Autor Roland Lazenby erinnert sich für Socrates an Kobes letztes Spiel.

Quin Snyder, Trainer der Utah Jazz, war schon als Mike Browns Assistenztrainer bei den L.A. Lakers beeindruckt von Kobe Bryant. Auch wenn Browns kurze Zeit bei den Lakers ein Reinfall war, hatte Snyder dort immerhin die Gelegenheit, Kobe Bryant etwas näher kennen zu lernen. Dieser war unnahbar, in seinen gesamten 20 Jahren bei den Lakers hielt er alle Mannschaftskollegen, mit denen er spielte, auf Abstand. Der ehemalige Lakers-Trainer Mike D’Antoni sagte einmal über ihn: „Wollen Sie die Wahrheit hören? Kobe ist ein großes Arschloch.“

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Es war also nicht gerade wahrscheinlich, dass Kobe sich für einen Assistenztrainer wie Snyder besonders interessieren würde. Aber es lag etwas zu Snyders Gunsten vor – er hatte College-Basketball an der Duke Universität bei Mike Krzyzewski gespielt. Für Bryant war Krzyzewski der Trainer schlechthin, seit er in der High School davon träumte, an der Duke zu spielen. Dazu kam es nicht, denn Bryants Familie konnte sich das nicht leisten und brauchte dringend Geld. Also nahm er ein heimliches Angebot von Adidas an und ging nicht zum College, sondern direkt in die NBA. Diese Entscheidung bereute er lange. Aber Duke hatte er immer toll gefunden – das ließ auch seine Leistung im Team USA bei den Olympischen Spielen 2008, trainiert von Krzyzewski, erkennen.

Der Artikel erschien in der 3. Ausgabe von Socrates im Dezember 2016

Der Artikel erschien in der 3. Ausgabe von Socrates im Dezember 2016

Kobe Bryant war nicht mehr in Form

Bryant und Snyder freundeten sich schließlich an, worauf Snyder sehr stolz war. Aber nun gab es ein Problem – Snyders Team, Utah Jazz, sollte die letzte Mannschaft sein, gegen die Bryant in seiner NBA-Karriere spielen würde. Kobe Bryant war durch seine vielen Verletzungen in den letzten Jahren und das exzessive Training nicht mehr in Form. Fast seine ganze 20. Saison über spielte er so schlecht, dass Lakers-Spiele praktisch eine Zumutung für die Zuschauer wurden. Aber er trainierte für eine letzte große Überraschung bei seinem Abschiedsspiel. Das wollte er auf keinen Fall verpatzen, sondern es sollte eine letzte große Show werden, die in Erinnerung bleiben würde.

Während der Saison hatte er zwar wegen seines Alters schon ziemlich kämpfen müssen, aber wer weiß, vielleicht würde er ja sogar 30 oder 40 Punkte schaffen – in seinem 1346. Profispiel! Warum nicht? Früher war noch Michael Jordan sein Referenzpunkt, an dem er sich maß. Seine letzte Saison war zwar im Ergebnis nicht besonders erfolgreich, aber wenn er nun bei seinem letzten Spiel noch einmal an seine früheren Leistungen anknüpfen könnte, dann würde er den eigentlichen Endgegner aller Sportler besiegen: das Alter.

„Ich kann es nicht fassen“

„Ehrlich gesagt kann ich es nicht fassen“, sagte er nach dem Spiel. Auch Snyder und die Jazz konnten es nicht fassen: „Viele von uns standen unter Schock“, meinte Gordon Hayward von den Jazz später. Bryant hatte in seiner letzten Ansprache vor dem Spiel nur eine Forderung an seine jüngeren Team-Kollegen gehabt: „Ihr müsst alles geben. Das ist mir wichtig.“ So kam es aber nicht. Die Lakers lagen das ganze Spiel über zurück, bis zum letzten Viertel, in das sie mit einem 14-Punkte-Rückstand gingen. Doch dann drehte Bryant auf und lieferte ein nicht für möglich gehaltenes 60-Punkte-Spiel ab. Und das mit 37 Jahren. Das Beste: Sein letztes Abtauchen in „The Zone“ bescherte den Lakers einen 101:96-Comeback- Sieg, der die Fans im Freudentaumel toben ließ.

Die Zahlen des Spiels sprechen für sich. Im Schlussviertel drehte Bryant allein die Partie zugunsten der Lakers und erzielte 23 Punkte – die Jazz nur 21. Mit 17 Punkten in Folge führte er die Aufholjagd an. Obwohl die Saison 2015/16 eine mit vielen High-Scores gewesen war, hatte kein anderer NBA-Spieler ein 60-Punkte-Spiel geschafft. Davon gab es überhaupt nur 31 in der NBA seit 1963, wie der Journalist Howard Beck anmerkte. In den letzten elf Saisons gab es acht, und fünf davon schaffte Kobe Bryant.

„Wirf, wirf, wirf!“

Wilt Chamberlain war 1969 einst mit 32 Jahren der älteste Spieler, der je 60 Punkte in einem Spiel erreicht hatte (genauer gesagt 66), aber diesen Rang hat Bryant ihm nun mit 37 Jahren in seinem letzten Spiel abgelaufen. Bryant verwandelte 22 seiner 50 Wurfversuche (Karriere-Bestwert); von seinen 21 Dreier-Versuchen traf er allerdings nur sechs. Sogar er selbst wunderte sich über den eigenartigen Verlauf des Spiels: „Meine Mitspieler haben mich die ganze Zeit ermutigt und meinten immer: Wirf, wirf, wirf! Das war wie eine verkehrte Welt. Ich war auf einmal nicht mehr der Blöde, sondern der Held und es hieß nicht mehr Pass!, sondern Wirf! Das war echt merkwürdig.“

In derselben Nacht beschlossen die Golden State Warriors in Oakland ihre historische Saison mit 73 Siegen, den meisten in einer Saison überhaupt, besser als die 72 Siege der Chicago Bulls mit Michael Jordan 1996. Aber irgendwie schaffte es Bryant, den Warriors die Show zu stehlen.

An jenem Abend nutzte er seine letzte Gelegenheit, die Lakers-Fans daran zu erinnern, wofür sie ihn jahrelang so verehrt hatten. Aber das war nichts verglichen mit China, wo 110 Millionen das letzte Spiel des Mannes eingeschaltet hatten, den sie verehren wie Elvis. „Ich kann nicht glauben, dass 20 Jahre vergangen sind“, sagte er nach dem Spiel zu den Fans im Staples Center. Er hat seinen Traum wahrgemacht. Nachdem er angekündigt hatte, dass er nach seinem Ausstieg Autor und Produzent werden würde, hat er sich nun selbst einen Bilderbuch-Abschied geschrieben. „Was Besseres als das kann man sich nicht ausdenken“, sagte er. Dann hob er die Arme zum Publikum und sagte: „Mamba out.“ Schon kurz danach standen T-Shirts mit diesem Spruch auf seiner Webseite zum Verkauf.

„Er hat bestimmt noch mehr vor“

Snyders hatte vor dem vorletzten Spiel gegen die Lakers mit Bryant gesagt: „Wir haben uns im Sommer ab und zu geschrieben.“ Bezüglich des letzten Spiels meinte er: „Auch wenn wir verloren haben, war es toll, bei dem Spiel dabei gewesen zu sein, besonders für mich als sein Freund. Man will natürlich immer gewinnen. Aber ihn zu sehen… Ich habe das Video von den letzten vier Minuten mehrmals angeschaut, wo er elf Punkte in Folge macht. Das werde ich nie vergessen. Und wenn ich es vergessen sollte, wird er mich wahrscheinlich eh daran erinnern…“ Ein bisschen Rumblödeln gehört für beide dazu.

„Ich war sehr aufgeregt darüber, dass er sein Unternehmen gegründet und die Glocke geläutet hat“, sagte Snyder in Bezug auf Bryants Börsengang, „er hat bestimmt noch mehr vor.“

Kobe Bryant meinte vor kurzem, dass er es bis jetzt noch nicht vermisst hätte, in der NBA zu spielen. Das liegt bestimmt daran, dass er immer noch in Dauerschleife sein letztes Spiel anschaut.

Roland Lazenby