Schlagwortarchiv für: Nuri Sahin

Beiträge

,

Nuri Sahin: Das Spiel des Lebens

Wird ein Revierderby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund irgendwann zur Routine? Nein, schreibt Nuri Sahin in seiner Socrates-Kolumne. Und er erinnert an einen Tag, an dem die Borussen ihre Ehre retteten.

Es gibt da diese Ansprache von Rio Ferdinand, die er mal an die U15 von Manchester United hielt. Die Jungs hatten gerade 0:9 gegen Manchester City verloren. „Wenn euch das nicht peinlich ist, wenn ihr nicht enttäuscht seid, wenn das euch nicht verletzt hat, solltet ihr hier nicht sein“, sagte er und verließ sichtlich enttäuscht die Kabine.

Als ich das Video gesehen habe, habe ich mich an meine Jugendzeit erinnert, wie wir damals die Derbys angegangen sind. Wie wir uns gefühlt haben. Welche Anspannung wir fühlten. Welche Bedeutung das für den Verein und jeden Einzelnen im und um den Klub hat.

Wollen Sie Socrates online bestellen? Hier klicken

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe #6

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe #6

„Es wird nie zur Routine“

Ich kann mich auch an mein erstes Derby erinnern. Das war in der U14, wir spielten auf Schalke, auf Kunstrasen und gewannen mit 4:3. Und ich schoss das 4:3. Was für ein triumphales Gefühl. Ich hatte bis zu diesem Tag keinen blassen Schimmer davon, was ein Derby für eine Bedeutungskraft hat.

Das änderte sich nach diesem Erlebnis schlagartig. Spielen heute unsere Jugendmannschaften ein Derby, weiß das jeder im Klub. Für mich persönlich ist es auch jedes Mal eine Besonderheit, weil ich dem Klub viel zu verdanken habe. Ich verdanke mein Leben, das ich heute führe, dem BVB.

Jeder Sieg, jedes Erfolgserlebnis bedeutet mir daher sehr viel. Ich weiß gar nicht, wie viele Derbys ich in meiner Karriere schon gespielt habe. Es wird niemals zur Routine werden. Dafür sorgt schon allein mein Umfeld. Ich habe viele Freunde, die Hardcore-Fans der Borussia sind.

Die sind auf mich persönlich sauer, wenn wir mal ein Derby verlieren. Ich weiß, dass es platt klingt, aber für sie bedeutet es sehr viel, dass wir gegen Schalke alles geben und Herzblut zeigen. Es ist für sie das wichtigste Ereignis des Jahres. Und ich kann versichern, dass die Bedeutung auch für uns Spieler genauso hoch ist. Daher geben wir, die erfahrenen Spieler, auch jedem neuen Spieler oder jedem Jugendlichen mit auf den Weg, was es heißt, für den BVB zu spielen oder was es heißt, ein Derby zu spielen. Diese Aufgabe machte sich früher vor allem Kevin Großkreutz zu eigen, der auf jedes Spiel gegen Schalke besonders heiß war und dieses Gefühl jedem transportieren wollte. Er sprach wirklich mit jedem Spieler. Ich weiß, dass er damals auch extrem polarisiert hat, aber das war okay. Das gehört dazu. Auch dieser Druck, den man sich selbst auferlegt. 

Hole dir das Socrates-Testabo

„Ich bin froh, dass es Schalke gibt“

Am 12. Mai 2007 war dieser Druck besonders groß. Für uns ging es in dieser Saison um nichts mehr, aber Schalke konnte mit einem Sieg in unserem Stadion Meister werden. Einige Schalker Spieler sagten im Vorfeld des Spiels, dass sie in diesem Fall die B1 runter nach Gelsenkirchen laufen würden.

Alex Frei und Ebi Smolarek trafen, wir gewannen 2:0 und ein Stück Ehre war gerettet. Das hätte uns ein Leben lang verfolgt. Die Freude in dem Stadion bleibt mir immer in Erinnerung. Dortmund gegen Schalke – das ist eine große Rivalität. Davon lebt der Fußball und es wäre ein extremer Verlust, wenn wir diese Rivalität nicht hätten. Daher bin ich froh, dass es Schalke gibt.

Ich kenne ja auch die Derbys aus der Türkei. Ich versuche, kein einziges Derby im Fernsehen zu verpassen. Die Brisanz ist extrem, die Art und Weise, wie die Fans mitgehen, ist der reinste Wahnsinn. Der Fanatismus dort ist krasser als überall sonst auf der Welt und ich hoffe, dass ich in irgendeiner Funktion irgendwann ein Teil eines Istanbuler Derbys sein kann. Ich war bisher ein Mal live im Stadion, als Galatasaray und Beşiktaş aufeinandertrafen.

Ich bin ja sehr verwöhnt, aber bei diesem Spiel habe ich die ersten zehn Minuten nichts mehr gehört. Ich glaube, ich habe die Spieler auf dem Platz beneidet. Bei aller Liebe für die Derbys ist aber klar, dass trotz der Konkurrenzgedanken kein Platz für Gewalt ist. Letztlich geht es um Fußball und wir Spieler können in unserer Funktion als Vorbild nur jedes Mal daran erinnern, dass der sportliche Gedanke im Vordergrund sein muss. Anders macht es auch keinen Spaß.

Nuri Sahin (Socrates-Kolumne aus dem April 2017)

Melden Sie sich zum Socrates-Newsletter an

Nuri Sahin: „Mourinho? Hart, aber menschlich“

Nuri Sahin hatte das große Glück, mit vielen großen Trainern zu arbeiten. Trainertypen, die ihn selbst zum Trainer machten. In seiner ersten Socrates-Kolumne, die im Oktober 2016 erschienen war, schreibt der Dortmunder, was Jose Mourinho und Co. so besonders macht.

Ich hatte in meiner Karriere das Privileg, mit vielen großen Trainern zu arbeiten. Durch den Einfluss der Zusammenarbeit mit den „Big Bosses“ dieses Geschäfts habe ich selbst große Lust entwickelt, nach meiner aktiven Laufbahn Trainer zu werden. Seit geraumer Zeit bin ich Co-Trainer meines Bruders, der unseren Heimatverein in der 8. Liga trainiert. Wir filmen unsere Trainingseinheiten, unsere Spiele, aber auch die Begegnungen unsere Gegner, um uns und sie zu analysieren. Ich habe mir auch für zu Hause ein Equipment angeschafft, um Spiele zu filmen und die taktischen Züge der Trainer zu studieren. Auch die Trainingsinhalte bei Borussia Dortmund haben mein Notizblock schon sehr ordentlich gefüllt. Ich versuche einfach ein bisschen mehr zu verstehen.

Die Ausgabe #1 nachbestellen? Hier klicken

Ausgabe #1 erschien im Oktober 2016.

Ausgabe #1 erschien im Oktober 2016.

Der Fußball hat mir in den letzten zwölf Jahren extrem große Erfahrungswerte beschert. Wenn ich an van Marwijk denke, denke ich an das Passspiel. Das hat mir eine Basis verschafft. Mit Jürgen Klopp verbinde ich sehr viel; in erster Linie Teamwork. Er hat mal gesagt, dass es ihm lieber ist, dass Elf zusammen etwas Falsches machen, als wenn jeder das macht, was er will. Das war sehr prägend. Thomas Tuchel ist vielleicht taktisch der beste Trainer, den ich je hatte. Ich finde seine Idee vom Fußball extrem interessant. Brendan Rodgers war ein Verfechter des spanischen Fußballs. Auch meine Trainer in der Nationalmannschaft waren wichtige Figuren: Abdullah Avci möchte sauberen Fußball sehen, ihm war der Austausch mit seinen Spielern sehr wichtig. Guus Hiddink war ein super Trainer. Auch wenn wir nicht erfolgreich waren, hatte er eine gute Idee vom Fußball. Fatih Terim ist klar – er hat eine brutale Siegermentalität und will sie auch von seinen Spielern sehen.

Als Mourinho am Hörer war

In der Hinsicht erinnert er mich an Jose Mourinho. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass sie so gut befreundet sind. Jose ist ein absoluter Siegertyp! Natürlich will jeder Fußballer gewinnen, aber Mourinho verkörpert den Sieg regelrecht. Er tut dafür alles, er liebt den Erfolg und notfalls geht er über Leichen. Er hat seine Spiele in der Halbzeit gewonnen. Diese Ansprache! Unglaublich, ich habe sie heute noch in den Ohren. Sportlich lief es bei Real Madrid nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Es war ein Risiko, das war mir bewusst, aber ich wollte mir die Chance nicht entgehen lassen und nicht eines Tages Reue zeigen, dass ich ein Angebot von Real Madrid abgelehnt habe. Fakt ist, dass Jose extremen Einfluss auf meine Entscheidung hatte. Er hat mich überzeugt, den Schritt zu machen, mir aber dabei nicht die Welt versprochen, sondern war von Anfang an eine ehrliche Haut.

Ich stand damals vor einer schwierigen Entscheidung: In Dortmund bleiben oder den Schritt ins Ausland wagen. Ich hatte meinem Berater gesagt, dass weltweit nur drei Klubs in Frage kommen, um den BVB zu verlassen. Zwei dieser drei Vereine kamen mit einem Angebot. Es kamen auch andere Klubs und mein Berater sagte mir eines Abends, dass ich aus Anstand mit diesen Trainern sprechen müsste, auch wenn ich die Angebote nicht annehme. Ich wollte es zwar nicht tun, griff aber dennoch zum Hörer. Und dann war plötzlich Jose Mourinho dran. Ich war total verdutzt: Er sagte mir, dass er mich monatelang beobachtet hat und dass mein Europa-League-Spiel gegen Sevilla ihm den letzten Kick gab, mich zu holen. Er wusste alles über mich, er wusste, was ich kann und was nicht.

„Was für ein Arschloch!“

Und nochmal: Er war ehrlich! Von dem Zeitpunkt an – bis zum Ende. Manchmal tat es weh, manchmal sagte er Sachen, die ich nicht hören wollte, aber ich wusste immer, woran ich bin. Er war geradeaus. Immer. Ich kann mich an mein bestes Spiel für Real erinnern: Ich habe gegen Granada 45 Minuten super gespielt. In der 44. Minute gab es Freistoß für uns. Ich habe mich super gefühlt und wollte schießen. Ronaldo, der eigentlich ausführen wollte, sagte: „Okay, du schießt!“ Der Ball ging an die Latte und wir gingen in die Kabine. Alle lobten mich, Ronaldo, Alonso, jeder. Was macht der Trainer? Er nimmt mich aus dem Spiel, weil wir 0:1 in Rückstand waren. „Nuri, du hast super gespielt, aber ich muss das Spiel gewinnen.“ Er brachte einen zweiten Stürmer und der schoss das Siegtor. Ich war sauer, aber er hatte recht. Es gab Tage, da dachte ich mir: „Was für ein Arschloch!“ Aber dennoch war ich ihm nicht böse und deswegen sind wir auch bis heute in Kontakt geblieben. Als wir im Sommer in China mit Dortmund gegen Manchester United spielten, fragte er mich wenige Sekunden vor dem Anpfiff, wie es meiner Familie geht und ob in der Türkei alles okay sei. Ich muss zugeben, mir wäre nicht eingefallen, ihn in diesem Rahmen zu fragen, ob in Portugal alles gut sei. Das spricht für ihn.

"Menschekind" war die erste Kolumne Nuri Sahins für Socrates

„Menschenskind“ war die erste Kolumne Nuri Sahins für Socrates

Ich habe sehr viel mitgenommen aus der Zeit mit ihm. Diese Siegermentalität, diese Denke. Wenn ich heute in der 8. Liga meine Jungs trainiere, spüre ich den Einfluss. Ich kann mich an die letzte Saison erinnern, als wir kurz vor Ende der Meisterschaft ein sehr wichtiges Spiel gewonnen haben. Ich habe in der Videoanalyse gesehen, wie nach Schlusspfiff alle Spieler gemeinsam feiern und nur einer in die Kabine geht. Er hat nicht gespielt und war sauer. Mein Bruder ist völlig ausgerastet und wollte ihn eigentlich rauswerfen. Ich meinte dann: „Warte mal, lass uns doch überlegen, wie Mourinho reagieren würde“ und wir haben dann nach Lösungen gesucht. Ihn vor der Mannschaft bloßstellen? Oder doch den Dialog suchen? Ich habe ihm gesagt: „Ich hatte Trainer, die hätten dich rausgeschmissen!“ Ich habe mich aber für die menschliche Option entschieden und seitdem hat er sowas nicht mehr gemacht. So hätte es Mourinho wohl auch gemacht.

Klopp rief mich an

Natürlich ist Taktik wichtig, natürlich ist Training wichtig, aber in diesem Geschäft ist die Menschlichkeit etwas abhandengekommen und deswegen finde ich Typen wie Mourinho oder Klopp wichtig. Sie haben den Anker zum Menschen nie verloren. Als meine Frau schwanger war, war Klopp der erste, der mich anrief. Er schrie mich auch mal im Fitnessraum an, weil ich nach einer Verletzung nicht fit wurde. Aber egal, er meinte es gut. Lest das Buch von Carlo Ancelotti. Auch da steht nichts Anderes drin. Bei so vielen Top-Trainern bin ich schon sehr gespannt, was in der Premier League passieren wird. Mou hat clever eingekauft. Einen Zlatan Ibrahimovic mit 34 zu holen, macht nicht jeder. Die Leute in Liverpool mögen jetzt bitte hier weggucken, aber ich mag die aktuelle United-Mannschaft, aber natürlich hängt mein Herz an den Reds. Und Kloppo gönne ich es auch.