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Peter Prevc: So jung. So gut.

Peter Prevc ist erst 25 Jahre alt und hat doch schon fast alles gewonnen, was man im Skispringen gewinnen kann. Die Geschichte eines Mannes, der seinen Kontrahenten im Kopf eine Skilänge voraus ist.

In der Welt des Skispringens war Slowenien nie eine große Nummer. Die Slowenen hatten ordentliche Mannschaften, ausgebildet nach den Skiflugtraditionen geformt in den riesigen Bergen Planicas.

Ziemlich begabte Sportler waren das, aber kaum einer gut genug für die Weltspitze. Primož Peterka war die einzige Ausnahme. Er schaffte es immerhin zwei Jahre seiner langen Karriere ganz nach oben, siegte im Weltcup und bei der Vierschanzentournee.

Dann verschwand er plötzlich, ging früh in Ruhestand und trat schließlich 2012 als Trainer
der slowenischen Frauenmannschaft bei einem U-23-Weltcup aus dem Nichts wieder in Erscheinung. Und als er plötzlich wieder da war, orakelte er in Interviews gerne vor sich hin: „Wir sind gerade dabei, einen sehr großen Springer hervorzubringen…“

Die Geschichte von Peter Prevc beginnt wie die vieler anderer Skispringer. Er wurde in Kranj  geboren, einem Ort, der wie viele slowenische Kleinstädte eine Sprungschanze sein Eigen nennt. Mit neun Jahren begann er gemeinsam mit seinen fünf Geschwistern – unter ihnen die zwei jüngeren Brüder Domen und Cene, mit denen er drei viertel der slowenischen Nationalmannschaft bildet – mit dem Skispringen.

Sein unglaubliches Potenzial schimmerte immer wieder durch, dennoch reichte es nie auf das Weltcup-Podium. Nicht wenige sahen in ihm den neuen Gregor Schlierenzauer. Das Talent, die Technik, die körperlichen Fähigkeiten. Aber Prevc konnte nicht gewinnen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #03

Bis Goran Janus 2011 die Führung der slowenischen Nationalmannschaft übernahm. Da explodierten Prevc’ Leistungen förmlich. Mittlerweile schreibt er längst an seiner eigenen Legende. Er ist Weltcup-Sieger im Skispringen und Skifliegen, hat die Vierschanzentournee und die Weltmeisterschaft im Skifliegen gewonnen.

Keiner hat je mehr Einzelkämpfe innerhalb einer Saison gewonnen. Er war der erste Mensch, der 250 Meter weit fliegen konnte. Er ist ein Unternehmer, er hat sein eigenes Label gegründet und wurde vier Mal in Folge zum Sportler des Jahres in Slowenien gewählt. Und er ist erst 25 Jahre alt.

Das Jahr 2011 stand für den Wendepunkt in seiner Karriere. Der erfahrene Matjaž Zupan musste gehen, das Greenhorn Goran Janus wurde zum Cheftrainer. Der Verband hatte mit großen finanziellen Problemen zu kämpfen.

Also mussten sie alle bei Null anfangen. Die ersten sieben Medaillen waren keine goldenen, er wurde Zweiter oder Dritter. Was wie ein Makel aussah, entpuppte sich im Nachhinein als Segen: Prevc lehrten die vielen verpassten Chancen eine gewisse Demut. Und sie lehrten ihn, wie man verliert.

Skispringen ist ein seltsamer Sport

„Eigentlich hatten wir nicht zu wenig Geld, aber es wurde nicht richtig verwaltet. Vieles war falsch. Mit Goran Janus veränderte sich vieles. Ich habe ihm viel zu verdanken. Durch ihn und mein zunehmendes Alter entwickelte ich mich weiter. Meiner Meinung nach haben wir eine unglaubliche Sache geschafft. Nicht nur ich, meine ganze Generation ist sehr talentiert. Wenn ich auf die letzten fünf Jahre zurückblicke, so denke ich, dass wir weit gekommen sind.“

Skispringen ist ein seltsamer Sport. Frauen und Männer fliegen 250 Meter durch die Luft, aber es gibt keinen Fallschirm. Sie fahren mit einer Geschwindigkeit von über 100 Stundenkilometern an und landen auf ein paar Zentimeter breiten Skiern, als wäre es das Normalste der Welt.

Der Weltcup, die Weltmeisterschaften, Olympische Spiele. Alles ist wichtig. Aber nichts ist so heilig wie die Vierschanzentournee. Ein Relikt aus einer anderen Zeit und doch das Nonplusultra in diesem Sport.

„Soweit ich weiß, gibt es nirgendwo auf der Welt eine andere Sportveranstaltung, die am 1. Januar so viele Menschen zusammenbringen kann“, sagt Prevc. „Die Atmosphäre ist absolut einzigartig. Als Kind konnte ich als Zuschauer noch nicht begreifen, was für ein Wettkampf das war. Jetzt bin ich ein Teil davon, bin Sieger dieses Turniers. Die Fans, die Tradition. Es ist unbeschreiblich.“

Gegen die Natur können wir manchmal nicht ankommen

Sie sind wohl derjenige, dem man die Frage „Vierschanzentournee oder olympisches Gold?“ nicht stellen muss?

„Für mich ist es sehr schwer, Olympia und die Vierschanzentournee miteinander zu verglei- chen. Die Vierschanzentournee findet jedes Jahr statt und dauert zehn Tage. In diesen zehn Tagen darf man sich mit nichts Anderem beschäftigen, sich auf nichts Anderes konzentrieren. Aber seien Sie sich sicher, dass es da sehr vieles um Sie herum gibt – die Silvesterfeiern inbegriffen. Was Olympia betrifft, so wartet man vier Jahre, wenn man die Spiele einmal verpasst hat. Das ist ein großer Gegensatz. Als Kind habe ich deshalb Olympia als das wichtigere Ereignis betrachtet. Für mich ist es jetzt schwer zu entscheiden, was vorzuziehen ist.“

Vielleicht denken Sie als Sieger der Vierschanzentournee so. Aber fragen Sie mal den viermaligen Olympia-Sieger Simon Ammann: der läuft seit Jahren dem Sieg bei der Tournee hinterher, erst dieser Sieg würde seine Karriere vollenden… Vor einem Jahr hatten die besagten zehn Tage für Prevc ziemlich entmutigend begonnen. Er war als Favorit angetreten, hatte den ersten Durchgang beim Eröffnungsspringen in Oberstdorf aber auf erstaunliche Art und Weise gegen seinen größten Rivalen Severin Freund verloren.

„Es war seltsam. Das Gate wechselte, die Jury hatte es so beschlossen. Das ist eigentlich etwas, das es bei jedem Wettkampf gibt. Aber hier hatten sich die Wetterbedingungen und der Windfaktor plötzlich geändert. Der Gate-Faktor wurde für Springer bei besseren Bedingungen vorteilhafter, für die bei schlechteren Bedingungen immer noch schlechter. Eigentlich müsste es genau umgekehrt laufen. Auch andere Springer unmittelbar vor und nach mir hatten diese Probleme. Wir betreiben nun einmal einen Sport, der von der Natur, von ihren Bedingungen und vom Wind abhängig ist. Und gegen die Natur können wir manchmal nicht ankommen.“

Es ist ein Klassiker: Freund gegen Prevc

Obwohl er im ersten Durchgang in Oberstdorf mit einer Niederlage begonnen hatte, konnte er am Ende noch den Gesamtsieg erringen. Prevc gewann die verbliebenen drei Springen und kam am Ende auf die Rekordpunktzahl von 1139,4 Punkten. Bei der Vierschanzentournee in Deutschland gegen einen deutschen oder in Österreich gegen einen österreichischen Springer anzutreten, ist eine ganz besondere Herausforderung. Insbesondere dann, wenn man erst 23 Jahre alt ist und mit einer angespannten Atmosphäre konfrontiert wird.

„Auf der Vierschanzentournee kann mitunter die direkte Umgebung unglaublich vielfältig sein. Sie kann zu einem Ort werden, an dem Sie die Zeit damit verbringen, nur die Menschen um sich herum zu beobachten und dabei den Wettkampf fast gänzlich zu vergessen. Natürlich werden die deutschen und österreichischen Sportler unglaublich unterstützt“, sagt Prevc.

Prevc’ Siege haben die Seriensiege der Österreicher, die sie zu Hause sieben Jahre in Folge feiern konnten, beendet. Das Skispringen steckt derzeit in einer Umbruchphase. Von den Überfliegern aus Österreich ist kaum etwas geblieben, in Polen hatte Kamil Stoch mehrere Verletzungen, sodass er zurückfiel, die Norweger haben eine gute Mannschaft, aber keinen herausragenden Einzelspringer. Es wird wohl noch eine Zeit lang auf das Duell zwischen Freund und Prevc hinauslaufen.

Severin Freund war nicht nur bei der Vierschanzentournee 15/16 Jahr Prevc‘ großer Rivale. In den zwei vorangegangenen Spielzeiten standen die beiden Ausnahmespringer in einem erbitterten Wettkampf miteinander. Konnte Freund nicht gewinnen, ging der Sieg an Prevc. Und umgekehrt. Dieser neuartige Wettstreit hat schon jetzt, obwohl noch verhältnismäßig jung, seinen festen Platz in der Geschichte des Skispringens. Es ist ein Klassiker: Freund gegen Prevc.

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Ein Teil der Vierschanzentournee zu sein und die Atmosphäre dort erleben zu können, erfüllt mich mit Stolz. Und am Neujahrsspringen teilzunehmen, ist etwas ganz besonderes.
Peter Prevc
Ski-Springer

Und der treibt bisweilen die merkwürdigsten Blüten. Die Saison 2014/15 beendeten beide mit derselben Punktzahl. Da aber Freund mehr Einzelwettkämpfe gewonnen hatte, holte er den Gesamtweltcup.

Für einen jungen Sportler war dies natürlich nicht leicht zu ertragen. „Ich wartete auf die Kundgabe der Endergebnisse. Aufregung, Wut, Enttäuschung. Das alles habe ich durchlebt.“

Das hatte es in der langen Geschichte des Skisprung-Weltcups noch nie gegeben. Aber irgendwie musste ein Tiebreak her, eine Entscheidung gefunden werden. Die Anzahl der gewonnenen Einzelwettkämpfe war laut Reglement der kleinste gemeinsame Nenner.

„Ich respektiere, dass einer, der mehr Einzelkämpfe gewinnen konnte, auch den Weltcup gewinnt. Aber in jenem Moment fragte ich mich nach dem Warum. Auch ich hatte 30 Einzelkämpfe, ich hatte dieselbe Punktzahl. 1729. Aber, und das gestehe ich ein: Am Ende war es mein Fehler. Ich musste es akzeptieren.“

So denkt er über die damals verlorene Weltcup-Schlacht gegen Freund. In gewisser Weise war der Sieg bei der Vierschanzentournee im letzten Jahr seine Rache an Freund für dessen Weltcup-Sieg in der Saison davor.

Schlierenzauer ist viel zu jung um aufzuhören

Sportliches Talent allein macht den Slowenen nicht zum Besten seiner Sportart. Es ist seine unglaubliche mentale Stärke, sein Fokus auf die entscheidenden Nuancen. Die Skispringer sind gewohnt, sich auf den Punkt zu konzentrieren. Ansonsten kann es lebensgefährlich werden. Aber Prevc hat diese Gabe auf eine neue Stufe gehoben.

„Die Gemengelage im Skispringen ist schon seltsam. Sie können zehn Jahre an der Spitze stehen und dann plötzlich in der Versenkung verschwinden. Auch wenn alles gut verläuft, so kann man sich plötzlich wie früher fühlen oder von einem sehr guten Platz bis ins Mittelfeld abfallen. In der Geschichte des Skispringens gab es recht viele Sportler, die dem nicht standhalten konnten, sodass man meiner Meinung nach mental darauf vorbereitet sein muss. Und genau in dieser Disziplin fühle ich mich stark.“

Eine der größten Legenden des Skispringens, der Finne Matti Nykänen, hatte mit Alkoholproblemen zu kämpfen und geriet später durch Gewaltausbrüche in die Schlagzeilen. Beim Deutschen Martin Schmitt wurde ein Burnout diagnostiziert und Primož Peterka ereilte am Ende seiner Karriere ein psychischer Zusammenbruch. Zuletzt hatte Gregor Schlierenzauer, mit dem Prevc früher verglichen wurde, mit den Medien große Probleme und nahm mit 26 Jahren eine Auszeit vom Sport. Prevc hingegen steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden.

„Das ist etwas, das jedem passieren kann. Eine Verletzung, einmal falsch landen, unzählige andere Probleme… Gleichzeitig spielen die Medien eine Rolle. Selbst wenn Sie gewöhnt sind, mit dem Druck von außen umzugehen, können Sie darunter zusammenbrechen. Gregor ist erst 26. Er wird ein Comeback haben, da bin ich mir sicher. Er ist viel zu jung, um aufzuhören.“

In Prevc' Leben hat sich nicht viel verändert

Wie Prevc’ Leben, so verändert sich auch das Skispringen. Die Regeln, die Preise, die feststehenden Wettkämpfe und noch einiges mehr. Seine größte Leistung ist streng genommen die Fähigkeit, sich im richtigen Maße an diese Veränderungen anpassen zu können. Andere legendäre Skispringer wie der Pole Adam Małysz oder Martin Schmitt und einige weitere haben das nicht geschafft. Was blieb, war ein vorzeitiges Ende der Karriere.

„Meiner Meinung nach hat Adam den Sport genau deswegen aufgegeben. Bei Martin Schmitt war das vielleicht noch ein bisschen etwas Anderes. Veränderungen sind normal. Das Skispringen ist globaler geworden. Mehr Fernsehrechte, mehr Zuschauer… Wenn der Sport sich so stark entwickelt, dann ist es meiner Meinung nach normal, dass sich die Regeln, die Sicherheitsvorkehrungen, die Technik verändern. Es ist durchaus schwer, sich daran anzupassen. Aber für uns ist es notwendig. Manchmal denke ich: ‚Was werden sie wohl im nächsten Jahr wieder ändern?‘ Aber wenn das Interesse und das Niveau ansteigen, sind Veränderungen normal.“

Und Prevc’ anderes Leben?

„Meiner Meinung nach hat sich in meinem Leben nicht viel verändert. Vielleicht ist die Erwartungshaltung gestiegen. Ich konnte den Druck der Medien spüren. Aber es ist in gewisser Weise ein sich langsam herauskristallisierender Zustand, mit dem ich umgehen kann. Ich kann nicht sagen, dass mein Leben sehr viel schwieriger geworden ist als noch vor einigen Jahren. Ich habe angefangen, mehr zu genießen, das steht fest…“

In der Geschichte des Skispringens hat bisher nur Matti Nykänen alle fünf großen Wettkämpfe auch gewonnen, der Finne hat seine Karriere mit dem Golden Slam beendet.

Simon Ammann ist mittlerweile schon 35, er hofft auf seinen ersten Sieg bei der Vierschanzentournee. Gregor Schlierenzauer wird nach seiner einjährigen Pause zurückkehren und versuchen, 2018 endlich olympisches Gold im Einzelkampf zu gewinnen. Das fehlt dem Österreicher noch.

Peter Prevc ist erst 25 Jahre alt und es gibt kaum noch etwas, das er noch nicht gewonnen hat. Im Skispringen erreichen die Athleten gemeinhin zwischen 25 und 29 Jahren ihren sportlichen Höhepunkt.

Vielleicht muss man in der Geschichte dieses Sports neben Matti Nykänen und noch vor Gregor Schlierenzauer einen anderen Namen notieren: Den von Peter Prevc.