Schlagwortarchiv für: Socrates Magazin

Beiträge

Socrates für Deutschen Sportjournalistenpreis 2019 nominiert

Große Ehre für das Socrates Magazin: Das Magazin steht in der Kategorie „Beste Sportfachzeitschrift“ für den Deutschen Sportjournalistenpreis 2019 zur Wahl.

Der 2005 von Sören Bauer ins Leben gerufene Preis wird alle zwei Jahre verliehen. Erstmalig gibt es ein Gremium, bestehend aus Dr. Michael Ilgner (Vorstandsvorsitzender Stiftung Deutsche Sporthilfe), Erich Laaser (Vorsitzender VDS), Alfred Draxler (Sportjournalist), Anna Schaffelhuber (Monoski-Weltmeisterin), Andreas Brehme und Pierre Littbarski (Fußballweltmeister 1990) sowie Badmintonspieler Marc Zwiebler, die vorab Sportjournalisten/-innen und Sportmedien zur Wahl nominiert haben.

Die Jury nominierte nun auch das Socrates Magazin für die Kategorie „Beste Sportfachzeitschrift“. Deutschlands Spitzensportler/-innen sind nun dazu aufgefordert, ihre Stimme unter sportjournalistenpreis.de abzugeben. Der Deutsche Sportjournalistenpreis wird am 25. März 2019 in Hamburg verliehen. 

Can Öz, Verleger und Geschäftsführer des Democracia Verlags: „Die Nominierung ist eine große Ehre für unser Magazin und ein Ansporn, tolle Geschichten aus der Welt des Sports zu erzählen.“

Fatih Demireli, Herausgeber und Chefredakteur des Socrates Magazins: „Das ist eine Anerkennung für die tolle Entwicklung, die SOCRATES seit der Gründung genommen hat. Unser Magazin ist ein Zuhause für Sportler und Sportbegeisterte geworden. Es freut mich, dass die Arbeit unseres Teams Anklang gefunden hat.“

Das Socrates Magazin erschien erstmals im Oktober 2016 auf dem Markt und wird neben Deutschland u.a. auch in Österreich und in der Schweiz vertrieben. Namensgeber ist der ehemalige brasilianische Fußballer Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira, der sich in seiner Heimat für basisdemokratische Strukturen einsetzte.

Das aktuelle Socrates-Cover
, ,

Bayern-Profi Javi Martinez schreibt für Socrates

Neuzugang für das Socrates Magazin: Javi Martinez, Profi des FC Bayern München, wird neuer Kolumnist. Der 30 Jahre alte Spanier schreibt jeden Monat über seine Sicht der Dinge. Im Exklusiv-Interview erklärt Martinez, warum er diesen Schritt gegangen ist.

Javi Martinez: „Einblicke ermöglichen“

Der Begriff Erfolgsgarant wird ja inzwischen sehr inflationär verwendet. Bei Javi Martinez trifft es sogar zu. Beim Gastspiel des FC Bayern München bei 1899 Hoffenheim feierte der Spanier seinen 100. Bundesliga-Sieg – im 120. Spiel. So schnell kam in der Bundesliga noch nie zu den 100 Siegen. Und Martinez hatte wieder einmal gehörigen Anteil am wichtigen Sieg in Sinsheim. Auf der Sechs präsentierte sich der Mittelfeldspieler in überragender Form.

Diese möchte Martinez künftig auch als Kolumnist des Socrates Magazins unter Beweis stellen. Der 30 Jahre alte Profi des FC Bayern schreibt jeden Monat seine Gedanken auf. Dies verkündete Martinez in der neuen Ausgabe des Socrates Magazins, das am Donnerstag im Handel erschienen ist.

Möchtest Du die Ausgabe bestellen? Hier klicken

„Ich freue mich sehr. Ich liebe es zu schreiben. Die Idee, den Lesern das Leben eines Fußballers aus einer sehr persönlichen Perspektive näher zu bringen, fasziniert mich. Es gibt viele Dinge, die Außenstehende nicht nachvollziehen oder wissen können. Ich möchte ihnen Einblicke ermöglichen, die ihnen ansonsten vorenthalten bleiben würden“, so Martinez im Exklusiv-Interview.

Auch bei Socrates ist Freude über den Neuzugang groß: „Javi Martinez ist ein Profi, aber vor allem ein Mensch, der über den Tellerrand hinausblicken kann – und will. Wir freuen uns, dass wir mit Javi Martinez eine Bundesliga-Größe für unser Magazin begeistern konnten, die hervorragend zu unserem Motto Die besten Storys schreibt der Sport passt“, sagt Socrates-Herausgeber Fatih Demireli.

Bereits im exklusiven Interview, das den Startschuss für die Zusammenarbeit zwischen Martinez und Socrates gibt, gewährt der Bayern-Star tiefe Einblicke in sein Innenleben, verrät aber auch, dass er sich einen Wechsel zu einem anderen Klub in dieser Größenordnung nicht mehr vorstellen kann.

Was gibt es sonst in Ausgabe #28?

Wo gibt es Socrates?

Hol‘ dir das Socrates-Testabo für nur 10 Euro!

, , ,

Löw, Kerber und James: Die Köpfe des Jahres

2018 war ein bewegtes Sportjahr. Der deutsche Fußball erlebte ein Desaster – und das nicht nur auf dem Platz. Angelique Kerber sorgte für das Highlight des Jahres und LeBron James arbeitet an seiner Unsterblichkeit. Socrates blickt in der neuen Ausgabe auf ein außergewöhnliches Sportjahr zurück.

Die Köpfe des Jahres: Löw, Kerber, James

Es musste ja nicht zwingend die Titelverteidigung sein, dafür war die Konkurrenz sehr stark und die eigene Schaffensqualität nicht ganz so hoch wie vor vier Jahren. Aber dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 2018 schon in der Vorrunde Schluss machte, hatten die größten Pessimisten nicht mal erwartet. Der Totalschaden war perfekt. Es war die Quittung für Ignoranz, Selbstgefälligkeit und Arroganz und wird die Nationalmannschaft noch eine Weile beschäftigen. Und vor allem Joachim Löw.

Nach der Fabelsaison 2016 fiel Angelique Kerber in ein tiefes Loch und musste sich neu erfinden. Es sollte ein langer Anlauf werden, doch am Ende stand die Erfüllung des Traumes der Träume. Damit beendete Kerber auch eine deutsche Sehnsucht, die seit Jahren immer größer wurde.

LeBron James war in seiner Karriere vieles: Hometown Hero, Bösewicht oder Basketball-Alien. Er wechselte zu den LA Lakers und versetzte die gesamte Sportwelt in Aufruhr. In Los Angeles will er der Unsterblichkeit ein Stück näher kommen. Aber: Immer noch hat er stets Michael Jordan im Nacken.

Löw, Kerber und James – drei Figuren, die auf das Wirken des Sportjahrs 2018 entscheidend Einfluss genommen haben. Und deswegen sind sie auch für uns die Köpfe des Jahres und stehen auf dem Cover der 27. Ausgabe. Doch das ist natürlich längst noch nicht alles.

Was gibt es sonst in Ausgabe #27?

Wo gibt es Socrates?

Hol‘ dir das Socrates-Testabo für nur 10 Euro!

,

Nuri Sahin: Das Spiel des Lebens

Wird ein Revierderby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund irgendwann zur Routine? Nein, schreibt Nuri Sahin in seiner Socrates-Kolumne. Und er erinnert an einen Tag, an dem die Borussen ihre Ehre retteten.

Es gibt da diese Ansprache von Rio Ferdinand, die er mal an die U15 von Manchester United hielt. Die Jungs hatten gerade 0:9 gegen Manchester City verloren. „Wenn euch das nicht peinlich ist, wenn ihr nicht enttäuscht seid, wenn das euch nicht verletzt hat, solltet ihr hier nicht sein“, sagte er und verließ sichtlich enttäuscht die Kabine.

Als ich das Video gesehen habe, habe ich mich an meine Jugendzeit erinnert, wie wir damals die Derbys angegangen sind. Wie wir uns gefühlt haben. Welche Anspannung wir fühlten. Welche Bedeutung das für den Verein und jeden Einzelnen im und um den Klub hat.

Wollen Sie Socrates online bestellen? Hier klicken

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe #6

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe #6

„Es wird nie zur Routine“

Ich kann mich auch an mein erstes Derby erinnern. Das war in der U14, wir spielten auf Schalke, auf Kunstrasen und gewannen mit 4:3. Und ich schoss das 4:3. Was für ein triumphales Gefühl. Ich hatte bis zu diesem Tag keinen blassen Schimmer davon, was ein Derby für eine Bedeutungskraft hat.

Das änderte sich nach diesem Erlebnis schlagartig. Spielen heute unsere Jugendmannschaften ein Derby, weiß das jeder im Klub. Für mich persönlich ist es auch jedes Mal eine Besonderheit, weil ich dem Klub viel zu verdanken habe. Ich verdanke mein Leben, das ich heute führe, dem BVB.

Jeder Sieg, jedes Erfolgserlebnis bedeutet mir daher sehr viel. Ich weiß gar nicht, wie viele Derbys ich in meiner Karriere schon gespielt habe. Es wird niemals zur Routine werden. Dafür sorgt schon allein mein Umfeld. Ich habe viele Freunde, die Hardcore-Fans der Borussia sind.

Die sind auf mich persönlich sauer, wenn wir mal ein Derby verlieren. Ich weiß, dass es platt klingt, aber für sie bedeutet es sehr viel, dass wir gegen Schalke alles geben und Herzblut zeigen. Es ist für sie das wichtigste Ereignis des Jahres. Und ich kann versichern, dass die Bedeutung auch für uns Spieler genauso hoch ist. Daher geben wir, die erfahrenen Spieler, auch jedem neuen Spieler oder jedem Jugendlichen mit auf den Weg, was es heißt, für den BVB zu spielen oder was es heißt, ein Derby zu spielen. Diese Aufgabe machte sich früher vor allem Kevin Großkreutz zu eigen, der auf jedes Spiel gegen Schalke besonders heiß war und dieses Gefühl jedem transportieren wollte. Er sprach wirklich mit jedem Spieler. Ich weiß, dass er damals auch extrem polarisiert hat, aber das war okay. Das gehört dazu. Auch dieser Druck, den man sich selbst auferlegt. 

Hole dir das Socrates-Testabo

„Ich bin froh, dass es Schalke gibt“

Am 12. Mai 2007 war dieser Druck besonders groß. Für uns ging es in dieser Saison um nichts mehr, aber Schalke konnte mit einem Sieg in unserem Stadion Meister werden. Einige Schalker Spieler sagten im Vorfeld des Spiels, dass sie in diesem Fall die B1 runter nach Gelsenkirchen laufen würden.

Alex Frei und Ebi Smolarek trafen, wir gewannen 2:0 und ein Stück Ehre war gerettet. Das hätte uns ein Leben lang verfolgt. Die Freude in dem Stadion bleibt mir immer in Erinnerung. Dortmund gegen Schalke – das ist eine große Rivalität. Davon lebt der Fußball und es wäre ein extremer Verlust, wenn wir diese Rivalität nicht hätten. Daher bin ich froh, dass es Schalke gibt.

Ich kenne ja auch die Derbys aus der Türkei. Ich versuche, kein einziges Derby im Fernsehen zu verpassen. Die Brisanz ist extrem, die Art und Weise, wie die Fans mitgehen, ist der reinste Wahnsinn. Der Fanatismus dort ist krasser als überall sonst auf der Welt und ich hoffe, dass ich in irgendeiner Funktion irgendwann ein Teil eines Istanbuler Derbys sein kann. Ich war bisher ein Mal live im Stadion, als Galatasaray und Beşiktaş aufeinandertrafen.

Ich bin ja sehr verwöhnt, aber bei diesem Spiel habe ich die ersten zehn Minuten nichts mehr gehört. Ich glaube, ich habe die Spieler auf dem Platz beneidet. Bei aller Liebe für die Derbys ist aber klar, dass trotz der Konkurrenzgedanken kein Platz für Gewalt ist. Letztlich geht es um Fußball und wir Spieler können in unserer Funktion als Vorbild nur jedes Mal daran erinnern, dass der sportliche Gedanke im Vordergrund sein muss. Anders macht es auch keinen Spaß.

Nuri Sahin (Socrates-Kolumne aus dem April 2017)

Melden Sie sich zum Socrates-Newsletter an

,

Rudi Völler im Exklusiv-Interview: „Geschichte bleibt hängen“

Rudi Völler ist Weltmeister, Champions-League-Sieger und Fußballidol. Aber auch Liebhaber des Souls, Verehrer von Ali und Freund des persönlichen Gesprächs. Zudem Familienvater, den die Liebe seiner Tochter auf die Probe stellt. Das Gespräch mit einer lebenden Legende.

Der Artikel erschien in Ausgabe #21

Der Artikel erschien in Ausgabe #21

Es gibt nur einen…?

Darf ich Sie fragen, wie alt Sie sind?

36.

Von Leuten Ihrer Generation werde ich oft auf die Vergangenheit angesprochen. Da fallen die Namen Klinsmann, Matthäus, Brehme und Völler. Selbst im Ausland. Im Mai hatte mich das Präsidium des AS Rom zum Champions-League-Halbfinalrückspiel gegen Liverpool eingeladen. Als ich vom Parkplatz zum Stadion ging, kamen viele Menschen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren auf mich zu, riefen: „Rudi, Rudi. Ach, war das schön, als du noch hier gespielt hast.“

Es gibt eben nur einen…

Ja, ich weiß schon, worauf Sie hinaus möchten. Einen Rudi Völler.

Der dank der Gruppe La Rocca 2002 zum Partykracher avancierte.

Natürlich freut es mich, dass es einen Song über mich gibt. Aber nach der WM 2002 nahm das Ganze eine Zeit lang kaum auszuhaltende Formen an. Egal, zu welcher Veranstaltung ich kam – irgendeiner drückte auf den Knopf, damit alle das Lied hören und mitgrölen konnten. Daraufhin gab es ein Verbot von mir. Ich sagte: „Passt auf, ich komme zu euch. Aber nur, wenn ihr den Song sein lasst.“ Die Leute fragten dann beinahe entsetzt nach: „Warum denn, Herr Völler?“ Ich antwortete dann nur: „Nee, nee. Ich kann das nicht mehr hören.“ Aber jetzt ist es wieder okay, gelegentlich kann ich es bei öffentlichen Auftritten wieder tolerieren.

Was hören Sie denn privat?

Ich bin ein Kind der 1960er, 70er Jahre und der amerikanischen Kasernen, die nach dem Krieg über Jahrzehnte das Stadtbild und Lebensgefühl in Hanau stark beeinflusst haben. Die amerikanische Musik, der Soul, hat mich geprägt. Ich bin mit den Temptations aufgewachsen. Die kennen meine fünf Kinder, die alle zwischen 20 und 30 sind, gar nicht. Sie protestieren immer lautstark, wenn die Temptations bei mir im Auto laufen. Aber in meinem Auto bestimme ich die Lieder.

Sie bewahren sich den Soul.

Der ist und bleibt ein Teil von mir, ja. Es muss aber auch nicht immer Soul sein. Auch den Rock und Pop der 70er, 80er Jahre höre ich gerne. Aber nicht den Käse, der bei unseren Spielern hier und in anderen Vereinen in der Kabine läuft. (schmunzelt) Hip-Hop oder Rap – das geht für mich gar nicht.

Hole dir das Socrates-Testabo für nur 10 Euro

Wenn über einen ein Lied geschrieben wurde, das bis heute jedes Kind kennt, fällt es dann leichter, sich als Legende wahrzunehmen?

Legende – das ist schon ein gewichtiger Begriff. Ich soll eine sein, weil ich ein bisschen Fußball gespielt habe? Das ist mir einen Tick zu hoch gegriffen. Ich sehe es so: Eine Legende wirst du irgendwann aus Altersgründen. Je älter du wirst, desto größer werden die Ehrungen.

Wer ist Ihre Legende?

Der größte aller Zeiten – logischerweise Muhammad Ali. Er ist für mich immer auch eine Erinnerung an meinen Vater. Ali-Kämpfe haben unser Vater-Sohn-Verhältnis geprägt. Anfang der 70er hat mich mein Vater trotz starker Widerworte meiner Mutter nachts geweckt, um gemeinsam mit mir Ali im Fernsehen zu schauen. Obwohl ich dann morgens zur Schule musste. Das werde ich nie vergessen.

Fehlen solche Lebensmomente in der Gegenwart?

Es war damals einfach eine andere Zeit. Heute für irgendeinen Boxkampf nachts aufzustehen, für Boxer, deren Namen mir meist gar nichts sagen, ist nicht mehr vorstellbar. Früher haben wir alle Ali nachgeeifert oder auch Gerd Müller, der für mich ebenfalls eine Legende ist.

Weil?

Als er mit Deutschland 1974 Weltmeister wurde, war ich ein 14-jähriger Bub. Nach dem Endspiel sind wir Kinder alle sofort runter auf den Fußballplatz gerannt – und jeder wollte Gerd Müller sein. Nicht umsonst stellen alle Bayern-Verantwortlichen noch heute heraus, dass Gerd Müller einen ganz entscheidenden Anteil am Aufstieg und Erfolg des FC Bayern hat. Er hat eben die meisten Dinger reingehauen. Und das zählt im Fußball.

Der deutsche Fußball zählt seit 2006 auf Jogi Löw als Bundestrainer. Erreicht er, wie Sie, Legendenstatus?

Lassen Sie mich an dieser Stelle eines meiner Lieblingsbeispiele anbringen: Wenn du heute Deutscher Meister wirst, ist das schön. Das feierst du zwei Tage. Danach kommt die Pause, der Urlaub, die neue Saison und dann ist dieser Titel schon fast wieder vergessen. Weltmeister gibt’s zwar auch neue, aber eben nur alle vier Jahre. Den Weltmeistertitel trägst du für immer. Und Jogi hat ihn als Trainer ja bereits gewonnen. Damit geht er in die Geschichte ein.

Haben Sie in den zwölf Jahren eine Veränderung bei Löw wahrgenommen?

Auf ihm lastete in den vergangenen Jahren ein immenser Druck. Weil von allen Seiten gesagt wurde, dass wir unwahrscheinliches Potenzial haben, so viele starke Talente wie nie zuvor. Jogi war dennoch schon vor dem WM-Erfolg 2014 ein ruhiger, angenehmer und immer freundlicher Zeitgenosse. Aber mit welcher Gelassenheit er seitdem sein Ding durchzieht und trotz des Erfolgs so angenehm bescheiden bleibt, ist beeindruckend. Das macht ihn noch sympathischer und tut Deutschland unheimlich gut.

Auch Sie haben die deutsche Nationalmannschaft als Teamchef von 2000 bis 2004 geprägt und formten die Mannschaft 2002 zum Vize-Weltmeister, nachdem Sie 1990 den WM-Titel als Spieler gewonnen hatten. Fehlt Ihnen dennoch etwas in Ihrer Karriere, zum Beispiel ein Deutscher Meistertitel?

Ich bin nicht mit Deutschen Meisterschaften gesegnet gewesen, das stimmt. (lacht) Dafür habe ich die richtig wichtigen Titel gewonnen: die Weltmeisterschaft und 1993 auch die Champions League mit Olympique Marseille. Diese Erfolge würde ich nicht eintauschen wollen. Als Vereinsspieler hängen nationale Titel wesentlich davon ab, bei welchem Klub du gerade bist. Wenn du bei Bayern München einen Fünfjahresvertrag unterschreibst, wirst du mindestens viermal Deutscher Meister, meistens sogar fünfmal. Ob du willst oder nicht. Du kannst es nicht verhindern. Du wirst es. Das hört sich vielleicht etwas abfällig an.

In der Tat.

So ist es aber nicht gemeint. Das wissen auch die Bayern. Ich finde nur, dass die Meisterschaften der Bayern aus den 80er und 90er Jahren wesentlich höher einzuschätzen sind als ihre heutigen, weil damals die Konkurrenz einfach größer und wirtschaftlich zum Teil noch auf Augenhöhe war. Aktuell sind die Bayern so weit entfernt vom Rest der Liga, dass ihre vielen Meisterschaften der vergangenen Jahre etwas an Wert verloren haben. Und trotzdem muss man vor einer Sache ohne Neid einfach den Hut ziehen.

Vor welcher?

Dass die Bayern mit dem vielen Geld relativ wenig Fehler machen. Es gibt Klubs, vor allem in England, die geben noch mehr aus, machen aber deutlich mehr Fehler. Klar, auch bei Bayern gibt es mal einen Spieler, der nicht einschlägt – das Problem kennen alle Klubs –, aber im Großen und Ganzen sind die Münchner vorbildlich, wenn es darum geht, die richtigen Spieler für eine funktionierende Mannschaft zu verpflichten.

Melden Sie sich zum Socrates-Newsletter an

Zurück zu Ihnen. Auf was hätten Sie in Ihrer Karriere gerne verzichtet: die Spuckattacke von Frank Rijkaard oder den Weißbier-Spruch an Waldemar Hartmann?

Darf ich ein bisschen ausholen?

Bitte.

Ich habe vier Weltmeisterschaften für Deutschland mitgemacht, drei als Spieler, eine als Trainer. Dreimal stand ich dabei im Finale. Ich bin hier Fußballer des Jahres geworden und Torschützenkönig. Doch egal, wo ich im deutschsprachigen Raum auch hinkomme, werde ich immer zuerst auf die Nummer mit Waldi angesprochen.

Ein legendärer TV-Moment.

Mit dem ich gut leben kann. Was schwieriger für mich ist, ist die private Situation einer meiner beiden Töchter. Sie hat im Griechenland-Urlaub vor fünf Jahren leider einen total sympathischen Australier kennengelernt und hat sich in ihn verliebt – jetzt lebt sie in Melbourne. Ich sage immer: Mir wäre lieber gewesen, sie hätte einen Mann aus Köln-Nippes kennengelernt. Aber die Liebe hat Australien gewählt, weshalb meine Frau und ich zumindest einmal im Jahr dorthin fliegen. Und jetzt kommen wir auch zurück zu Rijkaard.

Nur zu.

Zuletzt waren wir an Weihnachten in Australien, um unsere Tochter zu besuchen. Wir übernachteten im Hotel. Und was machst du, wenn du da mal ein bisschen Pause hast? Klar, du fährst morgens mal in die Innenstadt. Wir nahmen uns also ein Taxi. Und es dauerte keine halbe Minute, da drehte sich der Taxifahrer um und sagte auf Englisch: „How was it with Rijkaard 1990? Are you friends now?“ Was ich damit sagen will: Diese Geschichte bleibt hängen. Sie ist in den Köpfen einer ganzen Generation hängen geblieben. Sie ging um die Welt. Egal, wo ich hinkomme: Es geht nicht darum, ob es im Finale ein Elfmeter war, ob ich wirklich gefoult worden bin oder nicht. Es geht nur um Rijkaard. Diese Nummer wird mich ein Leben lang verfolgen.

Und macht sie Ihnen zu schaffen?

Was Rijkaard getan hat, war natürlich nicht in Ordnung. Aber das hätte ich ganz schnell wieder abgehakt, wir haben uns ja später dann auch vertragen. Was mir wirklich zu schaffen machte, ist die Tatsache, dass der argentinische Schiedsrichter Juan Carlos Loustau mich damals vom Platz gestellt hat. Er ist ja mittlerweile verstorben und hat diese Geschichte mit ins Grab genommen. Ich kann mir die Rote Karte gegen mich bis heute nur so erklären, dass so viel Hass in diesem Spiel steckte, dass der Schiedsrichter sich dachte: ‚Ich stell jetzt einfach beide vom Platz und dann ist Ruhe.‘

Zumindest diese Einschätzung war korrekt.

Ja, dann war Ruhe. Und ich war fertig. In diesem Moment brach eine Welt für mich zusammen. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht, dass es ein Happy End geben würde. Mit diesem Platzverweis 1990 im Achtelfinale umzugehen, war viel schlimmer als die Spuckerei von Rijkaard.

Herr Völler, wir haben in Deutschland eine große Stürmer-Tradition. Warum fehlen uns aktuell diese Tor-Typen?

Das ist kein deutsches, sondern ein internationales Phänomen. Obwohl ich anmerken muss, dass ich auch nie der ganz klassische Mittelstürmer war wie Karl-Heinz Riedle oder Jürgen Klinsmann. In jungen Jahren habe ich bei Kickers Offenbach und 1860 München als Linksaußen angefangen. Später gab es dann diese Position kaum mehr, weil zumeist mit zwei Spitzen gespielt wurde. Ich konnte diese Position spielen, aber bin auch weiterhin gerne über den Flügel gekommen, habe gerne die Tore vorbereitet.

Und trotzdem haben Sie selbst auch zahlreiche Tore gemacht.

Ja, die Buden sind mir auch gelungen. Es war einfach eine andere Generation an Spielertypen. Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass mir der heutige Spielstil – ohne diesen klassischen Mittelstürmer – zugutegekommen wäre. Ich hätte vorne alle Positionen bekleiden können.

Müssen wir uns damit abfinden, dass der klassische Stürmer ausstirbt?

Ich bin mir sicher: Es wird den einen oder anderen klassischen Stoßstürmer auch in Zukunft geben. Doch der Spielstil hat sich generell verändert. Jetzt erzielen Typen die Tore, die viel mehr von ihrer enormen Geschwindigkeit und ihrem starken Tempodribbling leben. Typen wie Messi, Ronaldo, Reus und Brandt. Im modernen Fußball ist die Ballan- und mitnahme in höchster Geschwindigkeit das A und O. Darunter leiden so ein wenig Spieler wie Gómez oder Wagner, die noch diese Eigenschaften eines klassischen Stürmers in sich tragen. Auch bei Stefan Kießling war in seinen letzten Jahren als aktiver Spieler zu beobachten, dass er langsam an seine Grenzen kam.

Folgerichtig beendete er am Saisonende seine Karriere. Trauen Sie Kießling in Leverkusen einen ähnlichen Weg wie Miro Klose zu, der seine Erfahrungen ab der kommenden Saison beim FC Bayern als Trainer der U17 an die Jugend weitergibt?

Stefan Kießling wird in irgendeiner Form bei uns weitermachen. Er ist nicht nur ein verdienter Spieler von Bayer 04 Leverkusen. Er ist eine Klublegende wie Ulf Kirsten. Es ist unsere Aufgabe, die Spieler, die so viel für den Klub geleistet haben, hier zu halten und an den Klub zu binden – auch in dieser Hinsicht arbeitet Bayern München vorbildlich.

Weil Identifikation ein wichtiger Bestandteil der Faszination Fußball ist?

Es darf kein reiner Aktionismus sein. Nur Identifikation reicht auch nicht. Der Spieler muss schon Potenzial für eine andere Aufgabe mitbringen. Und er muss auch wollen. Aber da bin ich bei Stefan optimistisch. Ich blicke bei diesen Entscheidungen auch immer auf mich. Ich bin jetzt 58 Jahre alt. Natürlich möchte ich noch ein paar Jährchen hier weitermachen, diese Position jedoch nicht bis in alle Ewigkeit bekleiden. Es beginnt langsam die Zeit, sich nach potenziellen Nachfolgern umzuschauen und diesen die Möglichkeit zu geben, sich ohne Druck einarbeiten und die Abläufe auf der anderen Seite des Platzes kennenlernen zu können.

Sie fingen nach Ihrer Spielerkarriere 1996 als Sportdirektor bei Bayer Leverkusen an.

Reiner Calmund war damals noch da, Wolfgang Holzhäuser kam dazu. Ich habe den beiden in meinen Anfangsjahren ein bisschen über die Schulter schauen dürfen. Für mich war das ideal. Und als ich dann nach vier Jahren merkte: So, Rudi, jetzt kannst du ein bisschen mehr – bin ich plötzlich Bundestrainer geworden. (lacht)

Ihr Weg führte Sie nach einem kurzen Abstecher nach Rom dennoch zurück nach Leverkusen. Bleibt Bayer der letzte Verein in Ihrem Lebenslauf?

Es ist für mich überhaupt kein Thema mehr, noch mal ein anderes Abenteuer einzugehen. Ich habe in all den Jahren eine wunderbare, angenehme Nähe zum Klub entwickelt. Deswegen wird Leverkusen auch meine letzte Station sein, das ist für mich zu 100 Prozent klar.

Wie schwierig ist es, für alle Deutschen Liebling Rudi, für die eigenen Spieler aber Respektsperson zu sein?

Wenn du so einen Vornamen hast wie ich, dann bist du eben für alle der Rudi. Daran habe ich mich gewöhnt. Die etwas älteren Spieler hier in Leverkusen duzen mich, die etwas jüngeren Spieler siezen mich. Im Grunde versuche ich auch intern, der Kumpeltyp zu sein. Aber wer mich kennt, der weiß: Ich kann auch anders. Nicht nur mit Waldi oder den Medien. Auch mit meinen Spielern. Wenn ich das Gefühl habe: Jetzt muss ich mal dazwischenhauen, dann mache ich das.

Erlauben Sie sich auch, WhatsApp-Nachrichten zu schreiben?

Natürlich mache ich das mal, ja. Aber nicht so verrückt, wie es meine fünf Kinder oder auch unsere Spieler hier tun. Da geht manchmal so die Post ab bei diesen Nachrichten, dass ich nur noch den Kopf schüttele. Es ist doch klar, dass ich auch mal eine SMS schreibe und auch Mails. Das gehört zum Job dazu. Aber zu meinem Leben gehören dann doch eher andere Dinge.

Welche sind das?

Ich liebe das persönliche Gespräch. Kaffee zu trinken und zu reden – wie wir es jetzt gerade tun. Wir hätten uns ja auch am Telefon unterhalten können. So ticke ich auch innerbetrieblich. Da sage ich gelegentlich zu Kollegen: „Du schickst mir hier jetzt eine Mail. Komm doch einfach rüber in mein Büro, auch wenn du vielleicht drei Minuten warten musst, weil noch jemand drinsitzt. Lass uns kurz darüber reden, das ist doch viel persönlicher.“ Ich finde, dass eine Mail manchmal missverstanden werden kann, wenn man sie liest. Gerade schwierige Themen kommen geschrieben oft zu negativ, zu kritisch rüber. Wenn man redet, transportiert man Inhalte viel angenehmer. Selbst wenn man kontrovers diskutieren muss. Ich rede daher am liebsten über Dinge.

Dann lassen Sie uns über die Zukunft des Fußballs reden. 1990 erlebten Sie die WM noch mit 24 Teams, jetzt spielen 32 Teams um den Titel. Ab 2026 werden es 48 Mannschaften sein. Ist der Fußball ohne Limit ausreizbar?

Dass das Rad überdreht wird, ist für mich eine Phrase, die im Fußball schon seit 30 Jahren benutzt wird. Es ist schwer zu sagen. Wenn uns vor zehn Jahren einer gesagt hätte, dass es in Zukunft einen Videoschiedsrichter und die Torlinientechnik gibt, hätte das auch keiner geglaubt. Aber keine dieser Neuerungen wird den Fußball so revolutionieren wie es die Rückpassregel im positiven Sinne getan hat.

Können Sie das genauer ausführen?

Ich bin noch einer dieser Stürmer, der in seiner Karriere wer weiß wie oft vergeblich zum Torwart laufen musste. Der hat einfach so lange gewartet, bis ich da war und hat dann den Ball in die Hand genommen. Was glauben Sie, wie oft ich die Torhüter da am liebsten rasiert hätte? Wie viele Kilometer ich umsonst laufen musste in meiner Karriere? Die Rückpassregel hat nicht nur das Spiel spannender gemacht, sondern auch für die Entwicklung einer neuen Torhüter-Generation gesorgt, die richtig gut kicken kann. Nur deshalb sind Torhüter wie Neuer, Leno, ter Stegen und Trapp entstanden. Die Rückpassregel war und ist ein Traum.

Und die Einführung des Videoschiedsrichters – Traum oder Albtraum?

Jetzt haben wir ihn ein Jahr erlebt. Die Vorrunde war eine Katastrophe, die Rückrunde besser, aber immer noch mit Fehlern behaftet. Ich weiß, die Statistik spricht für den Videobeweis. Aber ich bleibe dabei: Wenn der Videoschiedsrichter einen Fehler macht, ist dieser nicht zu verzeihen. Und diese Fehler sind programmiert. Weil es beim Fußball – anders als beim American Football oder Eishockey – immer Entscheidungen geben wird, die nicht klar aufzudröseln und letztendlich Auslegungssache sind. Es ist total schwer.

Kontrovers wird aktuell auch über E-Sport diskutiert. DFB-Präsident Reinhard Grindel äußerte sich kritisch, kann darin keinen Sport erkennen. Und Sie?

Wir beschäftigen uns bei Bayer 04 Leverkusen mit dem Thema, auch wenn ich es eher mit einem Schmunzeln betrachte. E-Sport wird halt gespielt, den jungen Menschen gefällt das – so ist das eben in der heutigen Zeit. Aber die Nähe zum klassischen Sport kann ich auch nicht erkennen, auch wenn der Begriff Sport da drinsteckt und man sich dabei stark am richtigen Kicken orientiert. Gefahr für den echten Fußball kann E-Sport aber nicht sein.

Interview: Felix Seidel

,

Serge Gnabry: Deutschlands neuer Hoffnungsträger

Serge Gnabry ist der neue Hoffnungsträger des deutschen Fußballs und des FC Bayern. Der 23 Jahre alte Nationalspieler profitiert fußballerisch und familiär von vielen Einflüssen. Bei Socrates spricht er über einen klaren Plan und Schnauzerträger in München.

Serge Gnabry: Wanderung ins Glück

VfB Stuttgart, FC Arsenal, Werder Bremen, 1899 Hoffenheim – und jetzt FC Bayern. Serge Gnabry verfolgt einen erfolgreichen Karriereplan. Dabei profitiert der 23 Jahre alte Offensivspieler von den Einflüssen aus der Familie. Vater aus der Elfenbeinküste, Mutter aus Schwaben. Ein ungleiches Paar, das den Nachwuchs die perfekte Mischung verpasste. Und das nicht nur auf dem Fußballplatz. Trotz jungen Alters engagiert sich Gnabry für das Wohl der Menschen auf diesem Planeten und gibt dafür sogar ein Teil seines Gehaltes ab.

Im ausführlichen Interview mit Socrates spricht Gnabry über ein Leben, das früh von Wanderung geprägt war, das Verhältnis zu seinen Eltern, Respekt vor großen Namen beim FC Bayern und er erzählt, warum Teamkollege Joshua Kimmich einen Schnurrbart tragen muss. Die Ausgabe #26 ist ab sofort im Handel erhältlich.

Was gibt es noch in Ausgabe #26?

Wo gibt es Socrates?

Hol‘ dir das Socrates-Testabo für nur 10 Euro!

,

Galatasaray – Fenerbahce: Ich hasse und ich liebe

Galatasaray und Fenerbahce haben keine Klassen-Unterschiede. Auch Religion oder Politik trennt sie nicht. Doch warum sind beide Lager verfeindet? Autor Bülent Timurlenk geht für Socrates der Sache auf der Grund.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe #6

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe #6

Am liebsten würde ich eine ganz einfache Erklärung abliefern, doch im Gegensatz zu vielen anderen Derbys irgendwo auf der Welt lässt sich im Fall von Fenerbahçe und Galatasaray leider nicht so problemlos dingfest machen, woher all die Rivalität, der Hass und die Leidenschaft eigentlich rühren. Wo sich bei Boca Juniors und River Plate ein Gegensatz zwischen reich und arm definieren lässt, bei Real und Atlético zwischen Monarchisten und Republikanern, bei Celtic und Rangers zwischen Katholiken und Protestanten, bei Torino und Juventus zwischen Städtern und Zugewanderten, bei Panathinaikos und Olympiakos zwischen alteingesessenen Familien und Hafenbewohnern, fehlt es bei Fenerbahçe und Galatasaray an einem historischen oder soziologischen Faktor, aus dem heraus sich der scharfe Schnitt erläutern ließe, der gleichsam einen Laib Brot in zwei Hälften teilt.

Der manchmal herangezogene Erklärungsversuch, Galatasaray sei eher der aristokratische Verein und Fenerbahçe der bürgerliche, fällt alleine deswegen schon flach, weil es in der Türkei kaum eine Bevölkerungsgruppe gibt, die sich als aristokratisch bezeichnen ließe. Ist mit Aristokratie lediglich gemeint, dass die Schüler des Galatasaray-Gymnasiums um Ali Sami Yen, die den Verein 1905 gründeten, nicht aus der anatolischen Provinz stammten, sondern aus Istanbul beziehungsweise dem Balkan, so mag Galatasaray meinetwegen aristokratisch sein, wenn auch fünf Meter im Abseits. Die Mitglieder von Galatasaray wurden wegen der Unterrichtssprache ihres Gymnasiums stets als „Franzosen“ verhöhnt, doch als man auf der anderen Seite des Bosporus als Konkurrenzverein Fenerbahçe gründete, ging die Initiative dazu wiederum von Schülern eines französischen Gymnasiums aus, nämlich Saint Joseph.

Mit nur zwei Jahren Abstand erfolgte die Gründung der beiden Vereine zu einer Zeit, als das Osmanische Reich allmählich zerfiel und in den Balkankriegen unter die Räder geriet. Als nach dem Ersten Weltkrieg Istanbul von den Alliierten besetzt war und Spieler von Galatasaray und Fenerbahçe gegen englische Mannschaften antraten, waren sie natürlich „Brüder“. Das Osmanische Reich musste ja nicht nur den Fußball erst entdecken, sondern überhaupt den Sport, und Fußballplätze wurden noch nicht Stadion genannt, sondern „Wiese“, wie etwa der Platz, an dem später das Fenerbahçe-Stadion entstehen sollte und zu dieser Zeit „Wiese des Pastors“ hieß.

Zu Galatasaray und Fenerbahçe gesellte sich später noch ein dritter großer Istanbuler Verein, nämlich Beşiktaş, und die Urbanisierung, die im Gefolge der von Atatürk gegründeten modernen türkischen Republik einsetzte, bescherte dem Istanbuler Trio zunächst Hunderttausende und später dann, als die Bevölkerung allmählich an die 80 Millionen heranreichte, gar Millionen von Fans. Vom Zweiten Weltkrieg bis Ende der Sechziger Jahre hatte dabei Fenerbahçe stets mehr Anhänger als Galatasaray.

Warum aber laufen die Türken heute vor allem diesen drei Großen hinterher und leben ihre Fußballleidenschaft nicht lieber dort aus, wo sie geboren oder zugezogen sind? Angeblich gibt es heute 25 Millionen Anhänger von Fenerbahçe, 25 Millionen von Galatasaray und 20 Millionen von Beşiktaş. Wer bleibt da noch für die Hunderte von anderen Vereinen übrig? Oder ist man auch oft für mehr als einen Verein? Eine der Antworten darauf ist in der türkischen Familienstruktur zu finden. Vereinsanhängerschaft gilt dort (wie vieles andere) als eine Art Erbe, das – auch wenn es mal zu Abweichungen kommt – von Generation zu Generation weitergegeben wird. Ein türkisches Kind wird sich für den Verein entscheiden, dem sein Vater anhängt. Eine Frau kann, wenn es denn sein muss, dem Mann zuliebe, den sie heiratet, die Mannschaft wechseln, doch an allem Anfang steht zumeist ein Vater, der mit dem Kind an der Hand ins Stadion geht oder sich im Vereinstrikot mit ihm vor das Radio oder den Fernseher setzt, es in die Vereinshistorie einführt und ihm die ersten Schlachtrufe beibringt.

Wie wohlhabend oder gebildet man ist, in welchem Viertel man wohnt oder die Weltanschauung, spielt bei der Entscheidung für Galatasaray oder Fenerbahçe keine Rolle. Aber wie es halt im Leben ist, führen oft auch Umwege ans Ziel. Kinder aus einer Fenerbahçe-Familie werden durch einen fußballbegeisterten Onkel ins Lager von Galatasaray entführt. Zwillingsmädchen aus einer Beşiktaş-Familie finden nur deshalb, weil sie neben den Trainingsanlagen von Galatasaray wohnen, an deren Gelb und Rot auf einmal mehr Gefallen als am klassischen Schwarz-Weiß. Und während Rahmi Koç, der Gründer des größten türkischen Industriekonzerns, Fan von Beşiktaş war, ist sein Sohn Ali Koç Präsident von Fenerbahçe. Dessen Liebe zu Fener begann, als er als Kind von einem Chauffeur seines Vaters zur Schule gebracht wurde, der leidenschaftlicher Fenerbahçe-Anhänger war…

Fenerbahce-Präsident Ali Koc
Fenerbahce-Präsident Ali Koç

Was ist nun eigentlich das Besondere am Derby zwischen Galatasaray und Fenerbahçe, das gewiss zu den zehn heißesten Derbys weltweit zählt, aber nicht wie die berühmten europäischen Derbys in zig Ländern übertragen wird und es auch nie zu einem eigenständigen Namen gebracht hat, weil alle dahingehenden Versuche (Bosporus-Derby, Interkontinental-Derby, DerbIstanbul) an der Sache abgeglitten sind wie an einer Teflonpfanne?

Die Antwort ist ganz einfach. Da wäre einmal Leidenschaft, dann Liebe, und schließlich Hass. So wie man sich von anderen Menschen nur dadurch unterscheidet, dass man eben nicht die gleiche Sprache spricht, nicht im Körper des anderen steckt, in einer anderen Zeitzone oder nach einem anderen Kalender lebt, so ist man eben für Fenerbahçe oder für Galatasaray. Und so wie bei allen Derbys auf der Welt am Derby-Morgen die Menschen beim Aufwachen schon eine Anspannung spüren, eine Aufregung, einen Adrenalinstoß, so ist es eben auch in Istanbul.

Der Artikel erschien in der 26. Ausgabe
Die neue Ausgabe ist im Handel! Auf dem Cover: Rafael Nadal. Hier klicken und sofort bestellen.

Während man im Leben sein Herz oft mehr als einmal verschenkt, kann man wenigstens in der Liebe zu Galatasaray oder Fenerbahçe so etwas Heiliges wie ewige Treue ausleben. Woanders mögen Namen und Gesichter wechseln und nur die Formel „Ich liebe dich“ stets die Gleiche bleiben, doch zu Galatasaray oder Fenerbahçe lässt sich aus tiefstem Herzen sagen: „Ich habe nie jemanden anderen geliebt als dich.“ Und wenn einem auch im Grund die Farbkombination des Vereins nicht wirklich steht, füllt man dennoch den Kleiderschrank mit T-Shirts, Trikots und Jacken in Gelb-Rot oder eben Gelb-Blau. Das Derby lässt sich auch damit vergleichen, dass man als Jugendlicher für ein Musikidol schwärmt und sein Zimmer mit Postern von Madonna oder Pink Floyd zupflastert und als Erwachsener dann einen anderen Musikgeschmack entwickelt, sich an jene Poster von damals aber noch immer gern zurückerinnert.

Wer beim Derby den heutigen Spielern zujubelt, hat auch immer noch die alten Legenden der beiden Klubs in Erinnerung, Spieler wie Metin Oktay, Lefter Kü.ükandonyadis, Rıdvan Dilmen, Tanju Çolak, Aykut Kocaman oder Bülent Korkmaz, von denen es damals zahllose Poster gab. Das allererste Derby fand am 17.Januar 1909 statt, und zwar auf dem Platz des Union Club. Mit dem damaligen 2:0-Sieg Galatasarays wurde eine Tradition begründet, die den Zusammenbruch eines Reiches überlebte, der Gründung einer Republik beiwohnte, und die fortgeführt wurde, ob nun politisch gerade die Rechten oder die Linken am Ruder waren, ob es regnete oder schneite, ob es mit der Literatur gerade abwärts oder aufwärts ging, und im Gegensatz zu jeglicher Mode veränderte diese Tradition sich nie. Und einmal selbst aus der Mode kommen wird sie nie.

Melden Sie sich zum Socrates-Newsletter an

Ein Spruch, den Eduardo Galeano wohl in erster Linie über die Menschen seines Heimatkontinents Südamerika getan hat, passt auch recht gut zum Derby Fenerbahçe Galatasaray: „Ein Mann kann sich eine neue Frau suchen, eine neue Religion oder eine neue Partei, aber niemals einen neuen Lieblingsverein.“ Ein Tor, das man beim Derby hinnehmen muss, ist wie eine geliebte Frau, die einen verlässt… Ein verlorenes Derby dagegen ist absolute Verlassenheit. Steht man in der Tabelle hinter dem ewigen Rivalen, fühlt man sich betrogen. Denn dieses Derby zieht sich ja durchs ganze Leben. Der Nachbar ist für Fenerbahçe, der Kollege für Galatasaray, der Friseur für Fenerbahçe, der alte Schulfreund für Galatasaray, der Direktor für Fenerbahçe, und da wird eben andauernd gestichelt und gespöttelt und gewitzelt und verhöhnt.

So braucht man eben, um dieses Derby zu erklären, keine Begriffe wie katholisch/protestantisch, arm/reich oder städtisch/provinziell zu bemühen, denn so etwas braucht der Mensch nicht, um zu lieben und zu hassen. Wie heißt es doch schon beim römischen Dichter Catull: „Odi et amo“ (Ich liebe und ich hasse). In einer Welt, in der die Menschen noch immer nicht begreifen, wie sie jemanden, den sie einst geliebt haben,

nun derart hassen können, blickt das Derby Fenerbahçe-Galatasaray auf 108 Jahre Liebe und Hass zurück, die man überall zugleich spüren kann: zu Hause, auf der Straße, in der Schule, im Büro, im Stadion… Um das zu erfassen, braucht man kein Türkisch zu können, es genügt, so ein Derby einmal in Istanbul anzusehen. Dann werden Sie „Odi et amo“ erleben, zur Genüge.

Bülent Timurlenk

,

Bernard Hinault: „Ich werde mit Amstrong nie ein Bier trinken“

Bernard Hinault ist eines der größten Sportidole Frankreichs und auch mit 63 Jahren geradlinig und angriffslustig wie eh und je. Ein Gespräch über alte Krieger, faule Talente und Doping.

Interview: Alexis Menuge

Monsieur Hinault, Sie haben fünfmal die Tour de France gewonnen. Der letzte Sieg liegt inzwischen über 30 Jahre zurück. Verzeihen Sie uns die plumpe Frage, aber tun Ihnen nicht die Knochen weh, wenn Sie morgens aufstehen?

Ich weiß nicht, was Schmerzen sind und hatte noch nie Probleme mit meinem Körper. Alles gut. (klopft mit den Fingerknöcheln auf den Tisch)

Als Aktiver waren Sie bekannt und auch gefürchtet für Ihre Geradlinigkeit und Ehrlichkeit. Sind Sie sanfter geworden?

Wenn ich etwas zu sagen habe, dann bin ich knallhart. Ich habe keine Angst davor, die Wahrheit auszusprechen. Was das betrifft, bin ich immer noch der Gleiche, nur ein bisschen älter. (schmunzelt)

Vor 40 Jahren nahmen Sie erstmals an der Tour teil – und feierten gleich den Gesamtsieg.

Einige Wochen zuvor hatte ich die Spanien-Rundfahrt gewonnen. Auch bei der ersten Teilnahme. Die Tour de France damals war so etwas wie ein Selbstversuch für mich. Dass es hart werden würde, wusste ich und auch, dass ich es schaffen kann. Zumindest in der Theorie hatten wir es so geplant. An die Tour muss man sich Schritt für Schritt herantasten, erst andere Rennen gewinnen, Geduld haben.

Sieben Jahre später, 1985, gewannen Sie die Tour zum fünften und letzten Mal. Allerdings hatten Sie ein Handicap…

Ich hatte mir die Nase gebrochen, allerdings sehr weit oben, sodass meine Atmung nicht beeinträchtigt war. Es war kein großes Problem, aber eben auch nicht immer einfach. Am höchsten Berg habe ich gelitten wie ein Tier. Aber dann sagte ich mir: „Jetzt zeige ich euch, wer hier der Patron ist.“

Rud Völler

Es gibt nur einen...

Er ist eine der größten Figuren des deutschen Fußballs, doch Rudi Völler sieht sich nicht als Legende. Das Interview mit ihm, der Gastbeitrag von Waldemar Hartmann, Interviews mit Horst Hrubesch, Moritz Fürste und Co. sowie die 10 größten Sportlegenden der Geschichte in der 21. Ausgabe von SOCRATES. Gleich hier klicken und die Ausgabe bestellen.

Ein Jahr später beendeten Sie Ihre Karriere, mit erst 32 Jahren. Warum sind Sie nicht weitergefahren und haben versucht, die Tour ein sechstes Mal zu gewinnen und damit alleiniger Rekordsieger zu werden?

Ich hatte mir die Entscheidung reiflich überlegt und bereitete mich schon eine gewisse Zeit auf das Danach vor. Schon einen Tag nach meinem Karriereende wusste ich genau, was ich zu tun hatte. Es gab da keine Leere, nicht einen einzigen Tag.Es fiel mir nicht schwer loszulassen. Dementsprechend konnte ich das letzte Jahre als Profi in den vollen Zügen genießen, auch wenn ich die Tour nicht mehr gewann.

Was haben Sie seit dem Karriereende konkret gemacht?

Bis 2006 habe ich auf meinem Bauernhof gearbeitet. Glauben Sie mir, auch da musste ich jeden Tag darum kämpfen, die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Und dann engagiere ich mich immer noch bei der Tour de France, helfe in der Organisation mit. Das ist zwar ungeheuer anstrengend, bereitet mir aber immer noch Freude.

Warum sind Sie nicht Trainer geworden?

Ich war sogar als Trainer beim französischen Verband, aber nur ganz kurz. Ein junger Fahrer meinte mal zu mir: „Hätte ich gewusst, dass ich nur Ersatz bin, wäre ich gar nicht gekommen.“ Daraufhin habe ich ihn gefragt, ob er das ernst meine. Und das tat er wirklich. Da dachte ich mir, dass es doch viel sinnvoller wäre, Zeit mit meiner Frau zu verbringen als mit solchen Leuten. Und wäre ich wirklich Trainer geworden, glaube ich nicht, dass es die jungen Radfahrer lange mit mir ausgehalten hätten.(lacht)

Kommt heute manchmal ein junger Fahrer auf Sie zu und bittet um Rat?

Das kann passieren, aber es ist nicht oft der Fall. Mittlerweile haben sie alle ihre eigenen Manager, die sich um alles kümmern. Es ist auch nicht meine Aufgabe, auf junge Talente zuzugehen, aber wenn sie was von mir wissen wollen, stehe ich selbstverständlich jederzeit zur Verfügung. Ein Austausch bringt einen immer weiter.

Ein Themenwechsel, Monsieur Hinault: Wie stehen Sie zu Lance Armstrong?

Er hat dem Radsport zweifelsohne einen immensen Schaden zugefügt. Er hat nicht nur gedopt, er hat auch jahrelang gelogen.Mit ihm werde ich nie ein Bier trinken gehen, auch weil er sich nie für seine gravierenden Fehler entschuldigt hat.

Armstrong hat immer gesagt, es sei schlichtweg unmöglich, die Tour ohne Doping zu gewinnen.

Das stimmt überhaupt nicht. Er hat nur nicht verstanden, dass es auch ohne geht. Er hat alle angeklagt, aber das war ja peinlich.

Würden Sie ihm noch eine Chance geben?

Auf keinen Fall. Er hat unseren Sport verschmutzt. Man muss ihm alle Siege aberkennen.

Ist der Radsport heute wieder sauberer?

Es gibt unheimlich viele Kontrollen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Radsport eine der saubersten Sportarten überhaupt ist. Das Gegenteil zu behaupten, ist Unfug. Schauen Sie sich bloß an, was vor ein paar Monaten bei der Fifa passiert ist, nur um ein Beispiel zu nennen – und es gibt viele andere.

Sie sind während Ihrer Laufbahn mit Doping konfrontiert worden.

Mein erster Konkurrent auf der Tour, Michel Pollentier, hatte falschen Urin unter seinem Arm versteckt. Andere verbargen ihn unter dem Oberschenkel. Aber warum hätte ich dopen sollen? Was hätte es mir gebracht? Ich persönlich war von A bis Z sauber.

Sie wurden in der Szene „Dachs“ genannt. Warum?

Der Spitzname kam von einem französischen Journalisten und danach haben die Rennfahrer das untereinander weitergeben. Der Name blieb hängen. Bis heute werde ich in meiner Heimat so genannt. Der Dachs gilt als angriffslustig, das passt doch perfekt zu mir. (lacht)

Das Socrates-WM-Gewinnspiel

Beantworte die Preisfrage und gewinne mit etwas Glück einen von fünf tollen Preisen! Hier klicken.

Haben Sie während Ihrer Laufbahn alles dem Radsport untergeordnet?

Soweit ich konnte. Mit meinem damaligen Trainer, Cyrille Guimard, hatte ich immer wieder Meinungsverschiedenheiten, weil er mir Sachen verboten hat. Ich durfte zum Beispiel keinen Rotwein trinken oder ein schönes Stück Fleisch essen, dabei war das für mich ein Hochgenuss. Ich habe mich aber mit meinem Temperament durchgesetzt. Wenn man eine schöne Mahlzeit genießt, kann man anschließend das Rennen noch mehr genießen und ein besseres Ergebnis erzielen.

Wer war damals Ihr ärgster Konkurrent?

Der Konstanteste war der Niederländer Joop Zoetemelk. Er war ein Krieger. Er war körperlich zwar nicht ganz auf meiner Höhe, hat aber nie aufgegeben.Wir haben uns immer harte Zweikämpfe geliefert, was unheimlich viel Spaß gemacht hat.

Seit Ihrem letzten Sieg hat kein Franzose mehr die Tour gewonnen. Noch zwei Jahre länger liegt der Erfolg von Yannick Noah bei den French Open der Tennisprofis zurück. Was ist los mit den französischen Einzelsportlern?

Ich finde es wirklich bedauerlich, dass das schon so lange her ist. Offenbar fehlen uns diese Ausnahmesportler. Für meinen Geschmackist diese gewisse Mentalität, über sich hinauswachsen zu wollen, nur selten vorhanden. Und es mangelt am Temperament.Das kann und muss anders werden, sonst können wir noch lange warten. Unsere heutigen Profi-Sportler sind irgendwie blockiert.

Stimmt die Geschichte, dass Sie als Schüler täglich 20 Kilometer Rad gefahren sind?

Absolut. Zehn Kilometer hin und zehn Kilometer zurück. Manchmal war ich so motiviert, dass ich mit den Lastwagen um die Wette gefahren bin. Das spornte mich mächtig an und ich war immer mindestens so schnell wie die LKW. Das war eine Art von Training, das mir sehr viel gebracht hat.

Woher kam Ihr großer Ehrgeiz, Ihre Gewinnermentalität?

Ich bin mit dieser Gabe auf die Welt gekommen. Als Erster ins Ziel zu kommen, bereitet solche Glücksgefühle! Ich habe hart gearbeitet und wurde dafür belohnt.

Hatten Sie als Kind den Traum, Radprofi zu werden?

Nicht unbedingt, aber mir erschien es besser, als Radprofi Karriere zu machen, als jeden Tag am Fließband zu stehen. Das ist nicht das gleiche Leben.

Melden Sie sich zum Socrates-Newsletter an

Was ist wichtiger: Beine oder Kopf?

Ohne den Kopf kann man nichts erreichen. Im Wettkampf zählt erst der Kopf und dann kommt der körperliche Aspekt dazu.

Wie hat sich der Sport und wie hat sich die Tour seit Ihrer Zeit verändert?

Mittlerweile gibt es bei der Tour de France nur noch eine Sache, die wichtig ist: Es wird nur noch auf den letzten Metern alles gegeben, um eine Etappe für sich zu entscheiden.Früher hat man 80 Kilometer vor dem Ziel richtig attackiert. Das gibt es heute nicht mehr. Das bedauere ich.

Was ist rückblickend für Sie das Schönste an Ihrer Karriere?

Dass ich einfach zwölf Jahre lang auf dem höchsten Niveau Radrennfahrer sein durfte. Es war eine herrliche Zeit, die mich entscheidend geprägt hat. Ein besonderes Rennen zu nennen, würde bedeuten, dass mir andere weniger bedeutet oder gelangweilt hätten, was überhaupt nicht der Fall war. Egal ob bei der Tour de France oder beim kleinsten Rennen – ich hatte immer den gleichen Ehrgeiz und die gleiche Motivation zu gewinnen.

Herr Hinault, wer gewinnt die Tour 2018?

Es sind einige Fahrer, die den Gesamtsieg anvisieren können: Vincenzo Nibalikann eine zweite Tour holen, Nairo Quintanawird sicherlich bis zum Schluss im Rennen sein, sowie auch der Australier Richie Porte, der bei der Tour 2017 durch einen brutalen Sturz das Rennen aufgeben musste. Aus französischer Sicht wird Romain Bardetversuchen, die Farben der Grande Nation würdig zu vertreten. Ich bin gespannt.

Möchten Sie die Ausgabe bestellenHier klicken

Sind Sie an einem Abo interessiert? Hier klicken

Oder sehen Sie unter mykiosk.de nach, wo es Socrates in Ihrer Nähe im Handel gibt.

,

Eine Tüte Deutschland bitte

Wie patriotisch darf man als Deutscher sein? Wie groß darf das Schlaaaand-Gefühl sein? Schriftsteller Moritz Rinke geht für Socrates der Sache nach. Und küsst Uschi Glas.

─── I ───

Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ich war einmal Poolwächter der deutschen Nationalmannschaft. 2006 bei der WM in Deutschland. Eine Freundin von mir leitet mit ihrem Mann die größte Berliner Gebäudereinigungsfirma, welche den Auftrag vom Schlosshotel Grunewald bekam, zusätzlich zum Hotelpersonal Serviceleistungen durchzuführen, die durch zehn externe Reiniger eine größtmögliche Sauberkeit gewährleisten sollten. Ich fragte meine Freundin, ob es nicht elf sein könnten, die Verhandlungen zogen sich Wochen hin, dann war es so weit, ich sollte nicht reinigen, sondern den deutschen Pool bewachen.

Meine Aufgabe war es, Blätter und Insekten, die in den deutschen Pool hineinwehten, mit einem Käscher herauszufischen, Handtücher auszuwechseln und die Liegen nach Benutzung wieder liegefertig zu machen. Es gab noch die Anweisung, weder Autogrammwünsche auszusprechen noch die Gäste in ein Gespräch zu verwickeln, sondern nur den deutschen Pool zu bewachen von einem erhöhten Stuhl aus, ähnlich wie die Schiedsrichter beim Tennis oder die Küstenwache an der Nordsee.

Mein erster Gast am Pool war damals Oliver Kahn, mit Schlosshotel-Grunewald-Badeschuhen und Bademantel. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Kahn nickte auch, dann sprang er mit Kopfsprung in den deutschen Pool. Kahn kraulte vier Bahnen, stieg über den Beckenrand raus, nahm den Bademantel und für das Gesicht nur ein Handtuch, das er auf die Liege warf, und ging.

Zwei Tage später hatte die deutsche Mannschaft ihr Eröffnungsspiel gegen Costa Rica in München und gewann mit 4:2, das erste Tor schoss Philipp Lahm mit einem gebrochenen Arm, deshalb kam er während der WM auch nie an meinen Pool – mit gebrochenem Arm kann ein Philipp Lahm zwar WM-Tore schießen, aber nicht schwimmen.

Zur Begrüßung der siegreichen Mannschaft hatte ich mir etwas überlegt. Ein türkischer Gemüsehändler hatte mir eine Deutschlandfahne angeboten, erst winkte ich ab, dann fragte er, warum ich denn von einem Türken keine deutsche Fahne nehme? Na gut, unter diesen Bedingungen konnte ich vielleicht meine erste Deutschlandfahne kaufen. Ich schaute noch schnell absichernd nach rechts und links, ob mich auch niemand sieht und verlangte nach einer Tüte.

„Warum Tüte?“, sagte der Türke, „Fahne musst du gleich hochhalten gegen Polen!“

„Nein, Tüte bitte!“

„Er kauft Fahne mit Tüte“, sagte der Gemüsehändler verwundert zu seinem Partner.

So in der Öffentlichkeit konnte ich damals noch nicht, das heißt, einfach so für alle sichtbar, für Deutschland jubeln, das kam noch nicht in Frage. Ich freute mich zwar, wenn die Deutschen ein gutes Spiel machten, aber Patriotismus mit mehreren zusammen, das konnte ich nicht, mit einer deutschen Fahne deutsche Siege feiern, das galt irgendwie immer noch als nationalistisch.

„Nein, es ist Patriotismus, der gesunde, neue Patriotismus“, sagte mir meine damalige Freundin, ausgerechnet eine Ungarin. „Du musst zwischen Nationalismus und Patriotismus unterscheiden. Nationalismus ist härter, Patriotismus weicher, nun freu dich doch mal!“

„Ich freue mich auch!“, sagte ich, theoretisch fände ich den weichen Patriotismus sogar schön, aber in der Praxis, mit den Deutschen zusammen, da sei ich eben gehemmt, weil ich mir die Deutschen natürlich in dem Moment, in dem ich versuche, gemeinsam Patriot zu sein, sehr genau ansehe. Das sei ja dann so eine Art Verschmelzung, man müsse ja dann mit den Deutschen verschmelzen und da gucke man sich dann halt vorher noch mal alles genau an – wie im Bordell, gute Schriftsteller sollen ja auch das Leben im Bordell studieren.

 

„Du arbeitest als Schriftsteller im Bordell?!“, fragte sie: „Nein, nein“, sagte ich, „ich versuche dir mein Unbehagen am praktischen Patriotismus zu schildern. Da sitzt man dann fünf Minuten auf der Bettkante, guckt sich alles an und dann kommt der Moment, nee, ich will doch eher eigentlich lieber nicht, so ein komischer aufgeblasener Busen und alles so hau ruck und eben nicht weich, na ja, und so ähnlich geht mir das auch mit dem praktischen Patriotismus in Deutschland.“

Am nächsten Tag hing die Fahne direkt an meinem Schwimmmeisterstuhl und offen gestanden hätte ich das nicht von außen sehen wollen, wie ich auf diesem Stuhl saß, links die Fahne und dann dieser Typ, der die ganze Zeit auf den deutschen Pool starrte, ob da vielleicht irgendwo was herumschwamm, was nicht zur deutschen Mannschaft gehörte.

Plötzlich kam Gerald Asamoah an den Pool, ausgerechnet Asamoah aus Ghana sah mich hier als erster mit meiner Fahne. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Asamoah nickte auch, dann sprang er in den Pool und schwamm. Er sang dabei – und ich fiel fast vom Stuhl – die Melodie „Du gehörst zu mir, wie mein Name an der Tür“ von Marianne Rosenberg.

Macht der das extra, fragte ich mich? Ob er mich blöd fand mit meiner deutschen Fahne? Man singt doch nicht einfach diesen Rosenberg-Song, darin lag doch ein versteckter Patriotismus-Vorwurf? Ich meinte von Seiten Asamoahs, einen ironisierenden Unterton herauszuhören und nahm mir vor, am nächsten Tag eine Fahne von Ghana an meinem Poolwächter-Stuhl zu befestigen. Andererseits, er spielte ja für Deutschland, warum sollte er mich blöd finden und mir Vorwürfe machen?

Dies war der Beginn meiner allmählichen Verwandlung in einen weichen Fußballpatrioten, denn gerade bei dieser WM in Deutschland machte ich große Fortschritte. Beim legendären Elfmeterschießen gegen Argentinien, Viertelfinale, war ich im Berliner Olympiastadion. Dieses irre Elfmeterschießen! Lehmann hatte einen Spickzettel von Andy Köpke bekommen und hielt den entscheidenden Elfmeter, Deutschland war im Halbfinale, Jubel, Jubel! Ich saß neben Uschi Glas, der deutschen Schauspielerin, die mir eine Deutschlandfahne auf die Wange malte. Über mir in der Ehrenloge küsste Angela Merkel Franz Beckenbauer, damals wusste noch niemand, wie das Sommermärchen zustande kam. Ich selbst küsste Uschi Glas nach Lehmanns Parade, einfach so, das war gewissermaßen mein Durchbruch als Patriot. Mein ganzes Leben hatte ich in diesem Nörgelland gelebt, freuen konnte man sich als Kind von 68er-Eltern über deutsche Fußballsiege ja sowieso nicht, das steckte ganz tief als Verbot im Unterbewusstsein, und plötzlich riss ich beim verschossenen Elfmeter der Gauchos die Arme hoch und küsste Uschi Glas.

Wie kann man das nun erklären, sich einfach so von Uschi Glas schwarzrotgold bemalen zu lassen und dann dieser Kuss? Vielleicht war es ein Gefühl, das eben nicht auf ein Statement, einen Kommentar, eine Abgrenzung, eine politisch zementierte und harte Botschaft gemünzt war, sondern es geschah aus einem freien, weichen Gefühl heraus, es war ein freier, liebender Patriotismus, so wie ihn die ungarische Freundin beschrieben hatte, einen Patriotismus, der nicht so sehr auf Kompensation, auf Ersatz für irgendwas beruhte.

Melden Sie sich zum Socrates-Newsletter an

─── II ───

Es folgten weitere Turniere. 2008 die EM in Österreich und der Schweiz; 2010 die WM in Südafrika; 2012 die EM in Polen und der Ukraine. Das waren alles schöne Turniere, mit deutschen Teams, mit denen man sich in seiner angelernten Patriotismus-Laufbahn identifizieren konnte: Odonkor, Kurányi oder Aogo, Boateng, Özil, Khedira, Podolski, Gündoğan oder Mustafi, sie alle spielten in der deutschen Nationalmannschaft. Ich erinnere mich noch an das berühmte erste Migrationsfoto der Kanzlerin während der Qualifikationsphase für die WM in Südafrika. Die Kanzlerin stürmte ohne Anmeldung in die Umkleidekabine der deutschen Mannschaft und ließ sich mit dem halbnackten und erstaunten Özil fotografieren. Das war der Beginn des offiziellen deutschen Diversityfußballs – nur leider betraf diese Diversity nicht immer die deutschen Fans.

Bei der EM 2016 in Frankreich, wir waren ja mittlerweile Weltmeister in Brasilien geworden, hatte ich das erste Mal wieder einen Rückfall in alte Ängste aus der Zeit vor meinem Kauf der deutschen Fahne vom Türken. Ganz einfach: Es wurde mir zu viel…

Ein Deutschland-Spiel sah ich zum Beispiel zusammen mit 2000 Menschen am Postbahnhof im Quartier des 11Freunde-Magazins. Nach dem Spiel warf mir ein 11Freunde-Gast einen China-Böller vor die Füße, danach gab es einen widerlichen Knall.

„Warum machst du das?“, fragte ich.

„Schland!!“, schrie er mich an.

„Ach so“, antwortete ich. (Unfassbar, so ein Superböller explodiert mit einer Lautstärke von 120 Dezibel, ein deutsches Kaninchen fällt dabei tot um!)

Am Abend sah ich dann in der ARD „Waldis EM-Club“ aus einem Studio mit 2000 Leuten, die genauso aussahen wie die Menschen bei 11Freunde. Sie grölten ständig dazwischen, so dass auch die Studiogäste in ihren Aussagen immer lauter, böllernder und schlandmäßiger wurden, damit sie von den Schlandmenschen nicht ausgepfiffen wurden.

Am nächsten Tag beobachtete ich vom Balkon aus, wie ein Mann an seinem Auto arbeitete. Er hatte schon zwei Fahnen hinten, aber jetzt kniete er vor seinem Automobil und hielt eine Deutschlandfolie anpassend vor seinen Tankdeckel. Dann klebte er akribisch die Folie auf den Deckel, wobei er ein kleines Stück seiner gepressten Zunge seitlich herausstreckte, so wie man es manchmal bei Menschen beobachtet, die ein Höchstmaß an Konzentration mit einer Form von herausgepresster Lust verbinden. Die Tatsache, dass die Folie offenbar genau auf den Tankdeckel passte, schien den Mann zu ergötzen.

Diese gepresste Freude mit der wurstartigen Zunge und der Deutschlandtankdeckelfolie war plötzlich für mich zum Symbol dieser Schlandwochen geworden, die man als fußballliebender Purist vermutlich in Zukunft weit weit weg verbringen müsste.

Gepresste Freude, so eine gepresste, angestrengte Schland-Freude oder Schland-Sitte, das war es, was sich mehr und mehr ausbreitete. Die zu entdeckende Freude an einer neuen deutschen Spielkultur unter Jürgen Klinsmann und Jogi Löw von 2006 mit einem völlig anders aussehenden Team, diese Freude hatte sich mit den Jahren in ein irgendwie mechanisch wirkendes Schlandtum verzerrt, das mich eben an die Zeiten unter Berti Vogts oder Rüdi Völler erinnerte, in denen die Spieler Kohler, Schneider, Bierhoff, Ballack, Babbel, Böhme, Hamann oder Ziege hießen und man immer noch von deutschen Tugenden sprach, die die Deutschen 2002 ins Finale von Yokohama gegen Brasilien brachten, wo dann ausgerechnet Kahn, der Titan, mein erster Gast am Pool, versagte, nachdem er sonst alles gehalten hatte.

Ich weiß noch, dass ich während der EM 2016 in Frankreich die Termine meiner Frau in der Ausländerbehörde immer auf Tage der Schlandspiele legte.

In Haus C, Abteilung Z7, im Warteraum C64 mit festgeschraubten Eisenstühlen starrten Afrikaner, Asiaten, Amerikaner und weitere Menschen aus Ozeanien auf eine Anzeigetafel neben dem Nummernautomaten, und ich war mir immer sicher, dass die Ausländerbehörde der einzige Ort in Berlin war, an dem man keine Schlandfahnen sah, keine Schlandtrikots und keine Schlandbacken. Garantiert hatte hier auch keiner Schlandböller dabei oder einen Schlandautospiegel.

─── III ───

Und wo werde ich nun die WM 2018 verbringen an jenen Tagen, an denen Deutschland spielt? 2006 saß kein einziger der AfD im Bundestag, es gab die Partei gar nicht, aber heute ist sie die stärkste Oppositionspartei mit 92 Sitzen und die Form und Inhalte ihrer Reden und oft ruppigen Einwürfe erinnern mich jetzt immer mehr an diesen Schland-Böller vor meinen Füßen im Quartier der 11Freunde. Und nun finden wir also die Böller, Brüller und die deutschen Parolen nicht nur auf den Marktplätzen, sondern auch im Bundestag. Natürlich, das sind keine Naziparolen, und nicht jeder, der AfD wählt, ist automatisch ein Rechtsradikaler – und ich finde sogar, dass man die Ängste dieser AfD-Wähler sehr ernst nehmen sollte – aber was bedeutet diese Spaltung der Gesellschaft für meine alte patriotische Identifikation mit Fußballdeutschland? Wie unterscheide ich meine Identifikation der Lust und der Freude am deutschen Spiel von jener der Deutschland schreienden Identifikation aus dem Gefühl, überfremdet, benachteiligt, weggeschoben, nicht beachtet und ausgegrenzt zu sein? Springe ich bei deutschen Toren auf und jubele und erkläre danach, dass ich das nicht politisch meine? Absurd, ja, aber darüber beginnt man ja schon nachzudenken, so sehr setzt einem schon dieses nationale Gerede zu. Und wie verhalte ich mich, wenn die, die jetzt deutsche Traumpässe bejubeln, eigentlich damit meinen, dass Deutschland den Deutschen gehöre und nicht mal registrieren, dass der Traumpass von Özil kam? Kurz: Was passiert nun mit meiner schönen, weichen Chiffre, Uschi Glas schwarzrotgoldene Wange zu küssen?

Von Moritz Rinke

Möchten Sie die Ausgabe bestellenHier klicken

Sind Sie an einem Abo interessiert? Hier klicken

Oder sehen Sie unter mykiosk.de nach, wo es Socrates in Ihrer Nähe im Handel gibt.

,

Der WM-Spielplan zum Download!

Für die WM 2018 schon gewappnet oder fehlt noch ein WM-Spielplan für die kommenden Wochen?

Das Sonderheft zur FIFA WM 2018 bietet alle Informationen rund um die deutsche Nationalmannschaft. Was sind die neuen Wege, die Joachim Löw für die Titelverteidigung, bestrebt? Was sagt Deutschlands neue Stürmerhoffnung Timo Werner über sein Dasein als Stürmer Nummer 1 bei der WM?

Und außerdem gibt es für alle SOCRATES-Leser einen WM-Spielplan sowie eine hochwertige DFB-Illustration gratis dazu. Nun gibt es die Möglichkeit, den Spielplan auch online zu bekommen. Klicken Sie auf den Download-Link und wappnen Sie sich mit dem Socrates-WM-Spielplan für die Spiele in Russland.

WM-Sonderheft: Die 20. Ausgabe ist im Handel!

Das WM-Sonderheft ist da!

Die 20. Ausgabe des Socrates Magazin ist da! Alles über die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, Interviews mit Timo Werner und Co.

Möchten sich den Spielplan doch lieber im hochwertigen Druck im großen A3-Format? Sie können die WM-Ausgabe jetzt gleich hier online bestellen und erhalten dann auch die tolle DFB-Team-Illustration gratis dazu.

Das Socrates-WM-Gewinnspiel

Beantworte die Preisfrage und gewinne mit etwas Glück einen von fünf tollen Preisen! Hier klicken.