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Bernard Hinault: „Ich werde mit Amstrong nie ein Bier trinken“

Bernard Hinault ist eines der größten Sportidole Frankreichs und auch mit 63 Jahren geradlinig und angriffslustig wie eh und je. Ein Gespräch über alte Krieger, faule Talente und Doping.

Interview: Alexis Menuge

Monsieur Hinault, Sie haben fünfmal die Tour de France gewonnen. Der letzte Sieg liegt inzwischen über 30 Jahre zurück. Verzeihen Sie uns die plumpe Frage, aber tun Ihnen nicht die Knochen weh, wenn Sie morgens aufstehen?

Ich weiß nicht, was Schmerzen sind und hatte noch nie Probleme mit meinem Körper. Alles gut. (klopft mit den Fingerknöcheln auf den Tisch)

Als Aktiver waren Sie bekannt und auch gefürchtet für Ihre Geradlinigkeit und Ehrlichkeit. Sind Sie sanfter geworden?

Wenn ich etwas zu sagen habe, dann bin ich knallhart. Ich habe keine Angst davor, die Wahrheit auszusprechen. Was das betrifft, bin ich immer noch der Gleiche, nur ein bisschen älter. (schmunzelt)

Vor 40 Jahren nahmen Sie erstmals an der Tour teil – und feierten gleich den Gesamtsieg.

Einige Wochen zuvor hatte ich die Spanien-Rundfahrt gewonnen. Auch bei der ersten Teilnahme. Die Tour de France damals war so etwas wie ein Selbstversuch für mich. Dass es hart werden würde, wusste ich und auch, dass ich es schaffen kann. Zumindest in der Theorie hatten wir es so geplant. An die Tour muss man sich Schritt für Schritt herantasten, erst andere Rennen gewinnen, Geduld haben.

Sieben Jahre später, 1985, gewannen Sie die Tour zum fünften und letzten Mal. Allerdings hatten Sie ein Handicap…

Ich hatte mir die Nase gebrochen, allerdings sehr weit oben, sodass meine Atmung nicht beeinträchtigt war. Es war kein großes Problem, aber eben auch nicht immer einfach. Am höchsten Berg habe ich gelitten wie ein Tier. Aber dann sagte ich mir: „Jetzt zeige ich euch, wer hier der Patron ist.“

Rud Völler

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Ein Jahr später beendeten Sie Ihre Karriere, mit erst 32 Jahren. Warum sind Sie nicht weitergefahren und haben versucht, die Tour ein sechstes Mal zu gewinnen und damit alleiniger Rekordsieger zu werden?

Ich hatte mir die Entscheidung reiflich überlegt und bereitete mich schon eine gewisse Zeit auf das Danach vor. Schon einen Tag nach meinem Karriereende wusste ich genau, was ich zu tun hatte. Es gab da keine Leere, nicht einen einzigen Tag.Es fiel mir nicht schwer loszulassen. Dementsprechend konnte ich das letzte Jahre als Profi in den vollen Zügen genießen, auch wenn ich die Tour nicht mehr gewann.

Was haben Sie seit dem Karriereende konkret gemacht?

Bis 2006 habe ich auf meinem Bauernhof gearbeitet. Glauben Sie mir, auch da musste ich jeden Tag darum kämpfen, die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Und dann engagiere ich mich immer noch bei der Tour de France, helfe in der Organisation mit. Das ist zwar ungeheuer anstrengend, bereitet mir aber immer noch Freude.

Warum sind Sie nicht Trainer geworden?

Ich war sogar als Trainer beim französischen Verband, aber nur ganz kurz. Ein junger Fahrer meinte mal zu mir: „Hätte ich gewusst, dass ich nur Ersatz bin, wäre ich gar nicht gekommen.“ Daraufhin habe ich ihn gefragt, ob er das ernst meine. Und das tat er wirklich. Da dachte ich mir, dass es doch viel sinnvoller wäre, Zeit mit meiner Frau zu verbringen als mit solchen Leuten. Und wäre ich wirklich Trainer geworden, glaube ich nicht, dass es die jungen Radfahrer lange mit mir ausgehalten hätten.(lacht)

Kommt heute manchmal ein junger Fahrer auf Sie zu und bittet um Rat?

Das kann passieren, aber es ist nicht oft der Fall. Mittlerweile haben sie alle ihre eigenen Manager, die sich um alles kümmern. Es ist auch nicht meine Aufgabe, auf junge Talente zuzugehen, aber wenn sie was von mir wissen wollen, stehe ich selbstverständlich jederzeit zur Verfügung. Ein Austausch bringt einen immer weiter.

Ein Themenwechsel, Monsieur Hinault: Wie stehen Sie zu Lance Armstrong?

Er hat dem Radsport zweifelsohne einen immensen Schaden zugefügt. Er hat nicht nur gedopt, er hat auch jahrelang gelogen.Mit ihm werde ich nie ein Bier trinken gehen, auch weil er sich nie für seine gravierenden Fehler entschuldigt hat.

Armstrong hat immer gesagt, es sei schlichtweg unmöglich, die Tour ohne Doping zu gewinnen.

Das stimmt überhaupt nicht. Er hat nur nicht verstanden, dass es auch ohne geht. Er hat alle angeklagt, aber das war ja peinlich.

Würden Sie ihm noch eine Chance geben?

Auf keinen Fall. Er hat unseren Sport verschmutzt. Man muss ihm alle Siege aberkennen.

Ist der Radsport heute wieder sauberer?

Es gibt unheimlich viele Kontrollen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Radsport eine der saubersten Sportarten überhaupt ist. Das Gegenteil zu behaupten, ist Unfug. Schauen Sie sich bloß an, was vor ein paar Monaten bei der Fifa passiert ist, nur um ein Beispiel zu nennen – und es gibt viele andere.

Sie sind während Ihrer Laufbahn mit Doping konfrontiert worden.

Mein erster Konkurrent auf der Tour, Michel Pollentier, hatte falschen Urin unter seinem Arm versteckt. Andere verbargen ihn unter dem Oberschenkel. Aber warum hätte ich dopen sollen? Was hätte es mir gebracht? Ich persönlich war von A bis Z sauber.

Sie wurden in der Szene „Dachs“ genannt. Warum?

Der Spitzname kam von einem französischen Journalisten und danach haben die Rennfahrer das untereinander weitergeben. Der Name blieb hängen. Bis heute werde ich in meiner Heimat so genannt. Der Dachs gilt als angriffslustig, das passt doch perfekt zu mir. (lacht)

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Haben Sie während Ihrer Laufbahn alles dem Radsport untergeordnet?

Soweit ich konnte. Mit meinem damaligen Trainer, Cyrille Guimard, hatte ich immer wieder Meinungsverschiedenheiten, weil er mir Sachen verboten hat. Ich durfte zum Beispiel keinen Rotwein trinken oder ein schönes Stück Fleisch essen, dabei war das für mich ein Hochgenuss. Ich habe mich aber mit meinem Temperament durchgesetzt. Wenn man eine schöne Mahlzeit genießt, kann man anschließend das Rennen noch mehr genießen und ein besseres Ergebnis erzielen.

Wer war damals Ihr ärgster Konkurrent?

Der Konstanteste war der Niederländer Joop Zoetemelk. Er war ein Krieger. Er war körperlich zwar nicht ganz auf meiner Höhe, hat aber nie aufgegeben.Wir haben uns immer harte Zweikämpfe geliefert, was unheimlich viel Spaß gemacht hat.

Seit Ihrem letzten Sieg hat kein Franzose mehr die Tour gewonnen. Noch zwei Jahre länger liegt der Erfolg von Yannick Noah bei den French Open der Tennisprofis zurück. Was ist los mit den französischen Einzelsportlern?

Ich finde es wirklich bedauerlich, dass das schon so lange her ist. Offenbar fehlen uns diese Ausnahmesportler. Für meinen Geschmackist diese gewisse Mentalität, über sich hinauswachsen zu wollen, nur selten vorhanden. Und es mangelt am Temperament.Das kann und muss anders werden, sonst können wir noch lange warten. Unsere heutigen Profi-Sportler sind irgendwie blockiert.

Stimmt die Geschichte, dass Sie als Schüler täglich 20 Kilometer Rad gefahren sind?

Absolut. Zehn Kilometer hin und zehn Kilometer zurück. Manchmal war ich so motiviert, dass ich mit den Lastwagen um die Wette gefahren bin. Das spornte mich mächtig an und ich war immer mindestens so schnell wie die LKW. Das war eine Art von Training, das mir sehr viel gebracht hat.

Woher kam Ihr großer Ehrgeiz, Ihre Gewinnermentalität?

Ich bin mit dieser Gabe auf die Welt gekommen. Als Erster ins Ziel zu kommen, bereitet solche Glücksgefühle! Ich habe hart gearbeitet und wurde dafür belohnt.

Hatten Sie als Kind den Traum, Radprofi zu werden?

Nicht unbedingt, aber mir erschien es besser, als Radprofi Karriere zu machen, als jeden Tag am Fließband zu stehen. Das ist nicht das gleiche Leben.

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Was ist wichtiger: Beine oder Kopf?

Ohne den Kopf kann man nichts erreichen. Im Wettkampf zählt erst der Kopf und dann kommt der körperliche Aspekt dazu.

Wie hat sich der Sport und wie hat sich die Tour seit Ihrer Zeit verändert?

Mittlerweile gibt es bei der Tour de France nur noch eine Sache, die wichtig ist: Es wird nur noch auf den letzten Metern alles gegeben, um eine Etappe für sich zu entscheiden.Früher hat man 80 Kilometer vor dem Ziel richtig attackiert. Das gibt es heute nicht mehr. Das bedauere ich.

Was ist rückblickend für Sie das Schönste an Ihrer Karriere?

Dass ich einfach zwölf Jahre lang auf dem höchsten Niveau Radrennfahrer sein durfte. Es war eine herrliche Zeit, die mich entscheidend geprägt hat. Ein besonderes Rennen zu nennen, würde bedeuten, dass mir andere weniger bedeutet oder gelangweilt hätten, was überhaupt nicht der Fall war. Egal ob bei der Tour de France oder beim kleinsten Rennen – ich hatte immer den gleichen Ehrgeiz und die gleiche Motivation zu gewinnen.

Herr Hinault, wer gewinnt die Tour 2018?

Es sind einige Fahrer, die den Gesamtsieg anvisieren können: Vincenzo Nibalikann eine zweite Tour holen, Nairo Quintanawird sicherlich bis zum Schluss im Rennen sein, sowie auch der Australier Richie Porte, der bei der Tour 2017 durch einen brutalen Sturz das Rennen aufgeben musste. Aus französischer Sicht wird Romain Bardetversuchen, die Farben der Grande Nation würdig zu vertreten. Ich bin gespannt.

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Eine Tüte Deutschland bitte

Wie patriotisch darf man als Deutscher sein? Wie groß darf das Schlaaaand-Gefühl sein? Schriftsteller Moritz Rinke geht für Socrates der Sache nach. Und küsst Uschi Glas.

─── I ───

Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ich war einmal Poolwächter der deutschen Nationalmannschaft. 2006 bei der WM in Deutschland. Eine Freundin von mir leitet mit ihrem Mann die größte Berliner Gebäudereinigungsfirma, welche den Auftrag vom Schlosshotel Grunewald bekam, zusätzlich zum Hotelpersonal Serviceleistungen durchzuführen, die durch zehn externe Reiniger eine größtmögliche Sauberkeit gewährleisten sollten. Ich fragte meine Freundin, ob es nicht elf sein könnten, die Verhandlungen zogen sich Wochen hin, dann war es so weit, ich sollte nicht reinigen, sondern den deutschen Pool bewachen.

Meine Aufgabe war es, Blätter und Insekten, die in den deutschen Pool hineinwehten, mit einem Käscher herauszufischen, Handtücher auszuwechseln und die Liegen nach Benutzung wieder liegefertig zu machen. Es gab noch die Anweisung, weder Autogrammwünsche auszusprechen noch die Gäste in ein Gespräch zu verwickeln, sondern nur den deutschen Pool zu bewachen von einem erhöhten Stuhl aus, ähnlich wie die Schiedsrichter beim Tennis oder die Küstenwache an der Nordsee.

Mein erster Gast am Pool war damals Oliver Kahn, mit Schlosshotel-Grunewald-Badeschuhen und Bademantel. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Kahn nickte auch, dann sprang er mit Kopfsprung in den deutschen Pool. Kahn kraulte vier Bahnen, stieg über den Beckenrand raus, nahm den Bademantel und für das Gesicht nur ein Handtuch, das er auf die Liege warf, und ging.

Zwei Tage später hatte die deutsche Mannschaft ihr Eröffnungsspiel gegen Costa Rica in München und gewann mit 4:2, das erste Tor schoss Philipp Lahm mit einem gebrochenen Arm, deshalb kam er während der WM auch nie an meinen Pool – mit gebrochenem Arm kann ein Philipp Lahm zwar WM-Tore schießen, aber nicht schwimmen.

Zur Begrüßung der siegreichen Mannschaft hatte ich mir etwas überlegt. Ein türkischer Gemüsehändler hatte mir eine Deutschlandfahne angeboten, erst winkte ich ab, dann fragte er, warum ich denn von einem Türken keine deutsche Fahne nehme? Na gut, unter diesen Bedingungen konnte ich vielleicht meine erste Deutschlandfahne kaufen. Ich schaute noch schnell absichernd nach rechts und links, ob mich auch niemand sieht und verlangte nach einer Tüte.

„Warum Tüte?“, sagte der Türke, „Fahne musst du gleich hochhalten gegen Polen!“

„Nein, Tüte bitte!“

„Er kauft Fahne mit Tüte“, sagte der Gemüsehändler verwundert zu seinem Partner.

So in der Öffentlichkeit konnte ich damals noch nicht, das heißt, einfach so für alle sichtbar, für Deutschland jubeln, das kam noch nicht in Frage. Ich freute mich zwar, wenn die Deutschen ein gutes Spiel machten, aber Patriotismus mit mehreren zusammen, das konnte ich nicht, mit einer deutschen Fahne deutsche Siege feiern, das galt irgendwie immer noch als nationalistisch.

„Nein, es ist Patriotismus, der gesunde, neue Patriotismus“, sagte mir meine damalige Freundin, ausgerechnet eine Ungarin. „Du musst zwischen Nationalismus und Patriotismus unterscheiden. Nationalismus ist härter, Patriotismus weicher, nun freu dich doch mal!“

„Ich freue mich auch!“, sagte ich, theoretisch fände ich den weichen Patriotismus sogar schön, aber in der Praxis, mit den Deutschen zusammen, da sei ich eben gehemmt, weil ich mir die Deutschen natürlich in dem Moment, in dem ich versuche, gemeinsam Patriot zu sein, sehr genau ansehe. Das sei ja dann so eine Art Verschmelzung, man müsse ja dann mit den Deutschen verschmelzen und da gucke man sich dann halt vorher noch mal alles genau an – wie im Bordell, gute Schriftsteller sollen ja auch das Leben im Bordell studieren.

 

„Du arbeitest als Schriftsteller im Bordell?!“, fragte sie: „Nein, nein“, sagte ich, „ich versuche dir mein Unbehagen am praktischen Patriotismus zu schildern. Da sitzt man dann fünf Minuten auf der Bettkante, guckt sich alles an und dann kommt der Moment, nee, ich will doch eher eigentlich lieber nicht, so ein komischer aufgeblasener Busen und alles so hau ruck und eben nicht weich, na ja, und so ähnlich geht mir das auch mit dem praktischen Patriotismus in Deutschland.“

Am nächsten Tag hing die Fahne direkt an meinem Schwimmmeisterstuhl und offen gestanden hätte ich das nicht von außen sehen wollen, wie ich auf diesem Stuhl saß, links die Fahne und dann dieser Typ, der die ganze Zeit auf den deutschen Pool starrte, ob da vielleicht irgendwo was herumschwamm, was nicht zur deutschen Mannschaft gehörte.

Plötzlich kam Gerald Asamoah an den Pool, ausgerechnet Asamoah aus Ghana sah mich hier als erster mit meiner Fahne. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Asamoah nickte auch, dann sprang er in den Pool und schwamm. Er sang dabei – und ich fiel fast vom Stuhl – die Melodie „Du gehörst zu mir, wie mein Name an der Tür“ von Marianne Rosenberg.

Macht der das extra, fragte ich mich? Ob er mich blöd fand mit meiner deutschen Fahne? Man singt doch nicht einfach diesen Rosenberg-Song, darin lag doch ein versteckter Patriotismus-Vorwurf? Ich meinte von Seiten Asamoahs, einen ironisierenden Unterton herauszuhören und nahm mir vor, am nächsten Tag eine Fahne von Ghana an meinem Poolwächter-Stuhl zu befestigen. Andererseits, er spielte ja für Deutschland, warum sollte er mich blöd finden und mir Vorwürfe machen?

Dies war der Beginn meiner allmählichen Verwandlung in einen weichen Fußballpatrioten, denn gerade bei dieser WM in Deutschland machte ich große Fortschritte. Beim legendären Elfmeterschießen gegen Argentinien, Viertelfinale, war ich im Berliner Olympiastadion. Dieses irre Elfmeterschießen! Lehmann hatte einen Spickzettel von Andy Köpke bekommen und hielt den entscheidenden Elfmeter, Deutschland war im Halbfinale, Jubel, Jubel! Ich saß neben Uschi Glas, der deutschen Schauspielerin, die mir eine Deutschlandfahne auf die Wange malte. Über mir in der Ehrenloge küsste Angela Merkel Franz Beckenbauer, damals wusste noch niemand, wie das Sommermärchen zustande kam. Ich selbst küsste Uschi Glas nach Lehmanns Parade, einfach so, das war gewissermaßen mein Durchbruch als Patriot. Mein ganzes Leben hatte ich in diesem Nörgelland gelebt, freuen konnte man sich als Kind von 68er-Eltern über deutsche Fußballsiege ja sowieso nicht, das steckte ganz tief als Verbot im Unterbewusstsein, und plötzlich riss ich beim verschossenen Elfmeter der Gauchos die Arme hoch und küsste Uschi Glas.

Wie kann man das nun erklären, sich einfach so von Uschi Glas schwarzrotgold bemalen zu lassen und dann dieser Kuss? Vielleicht war es ein Gefühl, das eben nicht auf ein Statement, einen Kommentar, eine Abgrenzung, eine politisch zementierte und harte Botschaft gemünzt war, sondern es geschah aus einem freien, weichen Gefühl heraus, es war ein freier, liebender Patriotismus, so wie ihn die ungarische Freundin beschrieben hatte, einen Patriotismus, der nicht so sehr auf Kompensation, auf Ersatz für irgendwas beruhte.

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─── II ───

Es folgten weitere Turniere. 2008 die EM in Österreich und der Schweiz; 2010 die WM in Südafrika; 2012 die EM in Polen und der Ukraine. Das waren alles schöne Turniere, mit deutschen Teams, mit denen man sich in seiner angelernten Patriotismus-Laufbahn identifizieren konnte: Odonkor, Kurányi oder Aogo, Boateng, Özil, Khedira, Podolski, Gündoğan oder Mustafi, sie alle spielten in der deutschen Nationalmannschaft. Ich erinnere mich noch an das berühmte erste Migrationsfoto der Kanzlerin während der Qualifikationsphase für die WM in Südafrika. Die Kanzlerin stürmte ohne Anmeldung in die Umkleidekabine der deutschen Mannschaft und ließ sich mit dem halbnackten und erstaunten Özil fotografieren. Das war der Beginn des offiziellen deutschen Diversityfußballs – nur leider betraf diese Diversity nicht immer die deutschen Fans.

Bei der EM 2016 in Frankreich, wir waren ja mittlerweile Weltmeister in Brasilien geworden, hatte ich das erste Mal wieder einen Rückfall in alte Ängste aus der Zeit vor meinem Kauf der deutschen Fahne vom Türken. Ganz einfach: Es wurde mir zu viel…

Ein Deutschland-Spiel sah ich zum Beispiel zusammen mit 2000 Menschen am Postbahnhof im Quartier des 11Freunde-Magazins. Nach dem Spiel warf mir ein 11Freunde-Gast einen China-Böller vor die Füße, danach gab es einen widerlichen Knall.

„Warum machst du das?“, fragte ich.

„Schland!!“, schrie er mich an.

„Ach so“, antwortete ich. (Unfassbar, so ein Superböller explodiert mit einer Lautstärke von 120 Dezibel, ein deutsches Kaninchen fällt dabei tot um!)

Am Abend sah ich dann in der ARD „Waldis EM-Club“ aus einem Studio mit 2000 Leuten, die genauso aussahen wie die Menschen bei 11Freunde. Sie grölten ständig dazwischen, so dass auch die Studiogäste in ihren Aussagen immer lauter, böllernder und schlandmäßiger wurden, damit sie von den Schlandmenschen nicht ausgepfiffen wurden.

Am nächsten Tag beobachtete ich vom Balkon aus, wie ein Mann an seinem Auto arbeitete. Er hatte schon zwei Fahnen hinten, aber jetzt kniete er vor seinem Automobil und hielt eine Deutschlandfolie anpassend vor seinen Tankdeckel. Dann klebte er akribisch die Folie auf den Deckel, wobei er ein kleines Stück seiner gepressten Zunge seitlich herausstreckte, so wie man es manchmal bei Menschen beobachtet, die ein Höchstmaß an Konzentration mit einer Form von herausgepresster Lust verbinden. Die Tatsache, dass die Folie offenbar genau auf den Tankdeckel passte, schien den Mann zu ergötzen.

Diese gepresste Freude mit der wurstartigen Zunge und der Deutschlandtankdeckelfolie war plötzlich für mich zum Symbol dieser Schlandwochen geworden, die man als fußballliebender Purist vermutlich in Zukunft weit weit weg verbringen müsste.

Gepresste Freude, so eine gepresste, angestrengte Schland-Freude oder Schland-Sitte, das war es, was sich mehr und mehr ausbreitete. Die zu entdeckende Freude an einer neuen deutschen Spielkultur unter Jürgen Klinsmann und Jogi Löw von 2006 mit einem völlig anders aussehenden Team, diese Freude hatte sich mit den Jahren in ein irgendwie mechanisch wirkendes Schlandtum verzerrt, das mich eben an die Zeiten unter Berti Vogts oder Rüdi Völler erinnerte, in denen die Spieler Kohler, Schneider, Bierhoff, Ballack, Babbel, Böhme, Hamann oder Ziege hießen und man immer noch von deutschen Tugenden sprach, die die Deutschen 2002 ins Finale von Yokohama gegen Brasilien brachten, wo dann ausgerechnet Kahn, der Titan, mein erster Gast am Pool, versagte, nachdem er sonst alles gehalten hatte.

Ich weiß noch, dass ich während der EM 2016 in Frankreich die Termine meiner Frau in der Ausländerbehörde immer auf Tage der Schlandspiele legte.

In Haus C, Abteilung Z7, im Warteraum C64 mit festgeschraubten Eisenstühlen starrten Afrikaner, Asiaten, Amerikaner und weitere Menschen aus Ozeanien auf eine Anzeigetafel neben dem Nummernautomaten, und ich war mir immer sicher, dass die Ausländerbehörde der einzige Ort in Berlin war, an dem man keine Schlandfahnen sah, keine Schlandtrikots und keine Schlandbacken. Garantiert hatte hier auch keiner Schlandböller dabei oder einen Schlandautospiegel.

─── III ───

Und wo werde ich nun die WM 2018 verbringen an jenen Tagen, an denen Deutschland spielt? 2006 saß kein einziger der AfD im Bundestag, es gab die Partei gar nicht, aber heute ist sie die stärkste Oppositionspartei mit 92 Sitzen und die Form und Inhalte ihrer Reden und oft ruppigen Einwürfe erinnern mich jetzt immer mehr an diesen Schland-Böller vor meinen Füßen im Quartier der 11Freunde. Und nun finden wir also die Böller, Brüller und die deutschen Parolen nicht nur auf den Marktplätzen, sondern auch im Bundestag. Natürlich, das sind keine Naziparolen, und nicht jeder, der AfD wählt, ist automatisch ein Rechtsradikaler – und ich finde sogar, dass man die Ängste dieser AfD-Wähler sehr ernst nehmen sollte – aber was bedeutet diese Spaltung der Gesellschaft für meine alte patriotische Identifikation mit Fußballdeutschland? Wie unterscheide ich meine Identifikation der Lust und der Freude am deutschen Spiel von jener der Deutschland schreienden Identifikation aus dem Gefühl, überfremdet, benachteiligt, weggeschoben, nicht beachtet und ausgegrenzt zu sein? Springe ich bei deutschen Toren auf und jubele und erkläre danach, dass ich das nicht politisch meine? Absurd, ja, aber darüber beginnt man ja schon nachzudenken, so sehr setzt einem schon dieses nationale Gerede zu. Und wie verhalte ich mich, wenn die, die jetzt deutsche Traumpässe bejubeln, eigentlich damit meinen, dass Deutschland den Deutschen gehöre und nicht mal registrieren, dass der Traumpass von Özil kam? Kurz: Was passiert nun mit meiner schönen, weichen Chiffre, Uschi Glas schwarzrotgoldene Wange zu küssen?

Von Moritz Rinke

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Jerome Boateng: „Mein Körper ist noch zu mehr fähig“

Jerome Boateng hat sich in den letzten Jahren zu einem der besten Abwehrspieler der Welt entwickelt. Im Interview mit SOCRATES sprach der Innenverteidiger des FC Bayern München über die Faszination von Duellen, eine wichtige Rote Karte und über Wechselgedanken.

Können Sie sich an Ihren ersten großen Konkurrenten im Fußballverein erinnern?

Ja, schon. Marcel Prestel. Wir waren gut befreundet. Er hat damals in der Jugend bei Hertha BSC die gleiche Position gespielt wie ich. Marcel war ebenfalls ein echt starker Spieler des 88er Jahrgangs.

Der Artikel erschien in der 19. Ausgabe

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Warum haben Sie im Gegensatz zu ihm den Sprung zu den Profis geschafft?

Das hatte verschiedene Gründe. Marcel hatte irgendwann nicht mehr so Lust auf Fußball. Dazu kamen private Schwierigkeiten. In seiner Familie sind wichtige Personen gestorben. Das stimmt einen nachdenklich, da verlagern sich Prioritäten und Denkweisen. Und dann verändern sich auch Wege.

Entscheidet das Leben mehr über die Karriere als das Talent?

Es kommen viele Aspekte zusammen. Manchmal ist es wichtig, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Es gehört aber auch Glück dazu. Wenn Kapitän Arne Friedrich sich 2006 nicht verletzt hätte, hätte ich vielleicht nie die Chance bekommen, bei Hertha durchzustarten und in den Fokus zu rücken. Vielleicht hätte es länger gedauert, vielleicht wäre ich einen anderen Weg gegangen. Wer weiß das schon? Nichtsdestotrotz: Ohne Talent und Disziplin hätte ich die sich durchs Leben auftuende Chance nicht nutzen können. Wenn du die Chance kriegst, musst du sie nutzen.

Mittlerweile zählen Sie zu den Größten Ihres Sports. Nicht nur fußballerisch, sondern auch körperlich mit Ihren 1,93 Meter. Ragten Sie schon immer heraus?

Körperlich schon. Ich zählte immer zu den Größten in meinen Teams, ohne dass ich so groß war, dass ich mir ständig dumme Sprüche anhören musste. Darüber bin ich rückblickend ganz froh. Ich bin einfach schnell gewachsen, weshalb ich eine zeitlang anhaltende Knie- und Rückenprobleme hatte. Einerseits war das nicht leicht. Andererseits war diese Erfahrung für mich wertvoll.

Inwiefern?

Weil ich früh verstanden habe, dass ich meinen Körper pflegen, möglichen Verletzungen vorbeugen muss. Ich habe da begonnen, präventiv zu arbeiten, vor allem spezielle Übungen für den Rücken zu machen. Das zahlte sich aus und hat mir gezeigt: Man kann an allen Schwachstellen arbeiten – nicht nur an fußballerischen Schwächen.

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Fußball-Legende Paul Breitner sagte in der zweiten SOCRATES-Ausgabe: „Wir geben unseren dreijährigen Kindern keinen Tennis-Schläger in die Hand, legen ihnen keinen Fußball in die Wiege oder keine Laufschuhe, damit sie Spaß haben. Wir tun das, damit sie lernen, früh genug zu gewinnen.“ Stand für Sie als Kind auch bereits das Gewinnen im Vordergrund?

Spaß gehörte natürlich dazu. Aber das Gewinnen hatte sehr früh Priorität, ja. Ich mag es nicht zu verlieren. Ich war ein richtig schlechter Verlierer. Und bin es immer noch, auch wenn ich damit besser umgehen kann als früher.

Sie sind mit den Jahren ein besserer Verlierer geworden?

Das musst du mit der Zeit. Niederlagen gehören im Sport dazu, damit musst du umgehen – ob du willst oder nicht. Und im Fußball bist du ja nicht alleine. Du hast Mitspieler, bist Teil eines Teams. Ich habe früher auch leidenschaftlich Tennis gespielt und musste mich dann im Alter von 14 Jahren entscheiden, ob ich den Tennis- oder Fußballsport weiterverfolgen möchte. Meine Entscheidung fiel für den Fußball aus, weil da Kollegen Fehler von mir wieder ausbügeln konnten. Im Tennis hatte jeder Fehler von mir eine Endgültigkeit. Damit konnte ich damals nicht vernünftig umgehen – da war ich einfach noch zu emotional.

Ihr Weltmeister-Kollege Per Mertesacker äußerte jüngst, dass es Phasen gab, in denen er Angst vor Fehlern hatte. Er sprach von einem Horrorszenario. Ist es als Abwehrspieler schwerer, Fußballprofi zu sein?

Eines ist klar: Wenn du als Abwehrspieler einen Fehler machst, kann sich dieser oftmals schlimmer auswirken, als wenn du als Stürmer beispielsweise eine Torchance vergibst. Fehler werden hinten meistens bestraft, du wirst dann schnell als alleiniger Schuldiger ausgemacht und auch öffentlich für konkrete Handlungen kritisiert. Aber das ist das Spiel. Das weiß man als Fußballprofi. Und glauben Sie mir: Auch Stürmer haben Druck. Druck ist immer da. Für jeden.

Wie haben Sie gelernt, mit Druck umzugehen?

Du gewöhnst dich daran. Es war ja keineswegs so, dass ich zum Anfang meiner Karriere in ein ausverkauftes Stadion eingelaufen bin und mir dachte: ‚Ah cool, viele Leute hier, das macht dir nichts aus, du spielst dein Spiel locker runter.‘ Nein, so war das nicht. Erstes Mal Nationalmannschaft, erstes Mal Champions League, erstes Mal WM. Natürlich habe ich da Druck gespürt, natürlich war ich da nervös. Aber mir ist es immer ganz gut gelungen, diese Nervosität mit dem Anstoß in positive Energie umzuwandeln, sodass es mir im Spiel wirklich Spaß gemacht hat. Heute bin ich teilweise immer noch nervös, aber einfach anders, vielleicht kontrollierter nervös. Weil ich einfach weiß, was auf mich zukommt.

Nochmal konkret: Hemmt oder pusht Sie Druck?

Früher hat Druck bewirkt, dass ich gelegentlich verkrampft habe. Heute ist eher das Gegenteil der Fall, da pusht mich der Druck. Ich freue mich auf jedes Event, ganz besonders auf die ganz großen Spiele. Ich nehme Druck mittlerweile als ein positives Kribbeln wahr, das ich Vorfreude nenne. Aber klar, trotz eines guten Gefühls kann im Spiel auch mal was schiefgehen, das habe ich ja alles schon erlebt. Aber davon lasse ich mich nicht mehr unterkriegen.

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Sie sind wie Per Mertesacker jemand, der Fehlentwicklungen oder Kritik sehr offen anspricht. Wann kam bei Ihnen der Punkt, an dem Sie vom eher lautlosen Abwehrmann zum lautstarken Anführer wurden?

Diesen einen Punkt gibt es nicht. Das ist eine Entwicklung über Jahre. Ich kann mich nicht nach meinem ersten Länderspiel hinstellen und sagen: ‚So geht das nicht, Freunde.‘ Diese Rolle musst du dir erarbeiten. Zunächst auf dem Platz mit kontinuierlich guten Leistungen, dann aber auch menschlich. Du benötigst ein gutes Standing im Team, um Gehör bei den Mitspielern zu finden. Ich bin keiner, der sich aufdrängt und sein Gesicht überall zeigen muss. Und dennoch habe ich mich ganz bewusst dafür entschieden, Verantwortung anzunehmen und aufgrund meiner Erfahrung auch eine sportliche Führungsperson zu sein – sowohl in der Nationalmannschaft als auch im Verein. Und dann kann und muss ich mich äußern. Mir ist nur wichtig zu untermauern, dass ich Kritik niemals nur um der Kritik willen ausspreche, sondern dass ich stets etwas verbessern möchte. Zudem will ich damit verhindern, dass man in einen Trott reinkommt.

Stellen junge, aufstrebende Spieler zu früh Führungsansprüche?

Das nehme ich schon gelegentlich wahr, ja. Aber am Ende des Tages schadet so ein Verhalten dem jeweiligen Spieler selbst. Du kannst noch so gut sein: Wer den Mund zu voll nimmt, fällt am Ende meistens hart. Weil kaum ein etablierter Spieler bereit sein wird, dich aufzufangen.

Wie ist das bei Ihnen: Wenn Sie beim FC Bayern merken, dass da ein Talent verbal ziemlich forsch agiert, lassen Sie das Geschehen dann laufen und warten ab, was passiert?

Nee, den Jungen nehme ich zur Seite. Dem würde ich unter vier Augen schon deutlich etwas sagen. Einmal, vielleicht zweimal, aber dann ist auch Schluss. Wenn er es dann nicht begreift oder nicht empfänglich für Worte erfahrenerer Spieler ist, muss er selbst schauen, wie er mit seiner Art durchkommt. Wir betreiben einen Mannschaftssport, und dennoch muss am Ende jeder selbst über seinen Weg entscheiden.

Mussten Sie auf Ihrem Weg viel kämpfen, um Ihren heutigen Status zu erreichen?

Auch das war eine Entwicklung. Bei mir ist nicht alles von Anfang an perfekt gelaufen. Der FC Bayern war bei meinem Wechsel 2011 ein großer Schritt für mich – der größtmögliche in Deutschland. Die Erwartungshaltung war komplett anders und neu für mich. Jeder Fehler wurde öffentlich wahrgenommen und bewertet. Aber auch das hat mir gutgetan. Ich bin dadurch noch fokussierter geworden.

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Erinnern Sie sich noch an die Reaktionen auf Ihre Rote Karte im Champions-League-Spiel mit dem FC Bayern gegen Bate Borisov 2012?

Oh ja! Da dachte ich mir damals schon: ‚Hoppla! Was ist denn hier los?‘ Über die Härte der Kritik von allen Seiten war ich überrascht. Im Nachhinein steht für mich fest: Diese Situation war ein entscheidender turning point in meiner Karriere. Ich habe mir danach gesagt: ‚Jérôme, jetzt erst recht.‘

Erst recht was?

Jetzt packst du die Herausforderung erst recht. Das Duell gegen mich selbst bin ich danach noch härter angegangen. Das ermöglichte mir anschließend, auch die Duelle um einen Stammplatz in der Mannschaft zu gewinnen. Denn nach besagter Roten Karte habe ich eine zeitlang nicht mehr von Anfang an gespielt, weil ich ja in der Champions League gesperrt war und der Trainer wollte, dass sich die Mannschaft für die entscheidenden Spiele einspielt. Daniel van Buyten spielte an meiner Stelle, bis ich mir meinen Platz zurückerkämpfte.

Sind Duelle gegen sich selbst schwieriger als gegen andere?

Auf jeden Fall. Erstmal musst du selbst erkennen, dass es mit dir zu tun hat. Dass du der erste bist, der es ändern kann. Es ist wesentlich leichter, auf deine Konkurrenten zu schauen als auf dich selbst.

Was fasziniert Sie an Duellen im Sport?

Ich empfinde sportliche Duelle als unglaublich bereichernd und förderlich: Weil man sich durch den gewollten Wettbewerb gegenseitig zu Höchstleistungen pushen kann. Man kann es schon so deuten, dass der Fußball der moderne Gladiatorenkampf ist. Da kommen zwei Gegner in eine ausverkaufte Arena, um sich zu bekämpfen. Heute zum Glück wesentlich friedlicher als früher.

Jedoch auch wesentlich öffentlicher.

Was sicher seine Vor-, aber auch Nachteile hat. Ich möchte hier keine Medienschelte betreiben, aber auch nicht lügen. Ganz ehrlich: Ich weiß manchmal wirklich nicht, wer da bei gewissen Zeitungen benotet. Ob da wirklich jeder Sportjournalist erkennt, ob es einem Abwehrspieler im Aufbau unter Druck gelingt, die Bälle in der Eröffnung in die Zwischenräume zu spielen. Ich will das gar nicht bewerten, einfach nur in Frage stellen. Generell gibt es aber etwas, was mich tatsächlich stört.

Was denn?

Wenn wir als Mannschaft gut spielen, die Stürmer die Tore schießen und die Abwehrspieler gut verteidigen, werden die Verteidiger in der öffentlichen Wahrnehmung anschließend ignoriert. Verlieren wir jedoch und haben die Stürmer keine Tore geschossen, werden nach einem Spiel die Verteidiger gefragt und müssen sich rechtfertigen. Das passt nicht zusammen.

Sie fordern öfter die Note 1 für Abwehrspieler?

Ich fordere gar nichts. Es ist gelegentlich ja auch schwierig zu beurteilen. Spielen wir gegen eine Mannschaft, indem wir die ganze Zeit drücken, drücken, drücken und hinten so gut wie nichts zu tun haben, kannst du dich als Abwehrspieler auch nicht auszeichnen. Dass dann hinten die Null steht, ist dennoch gut, denn es kann immer mal einer durchrutschen. Aber dafür die Note 1? Nein, die will ich auch gar nicht.

Aber Sie verlangen Respekt.

Ich denke, Respekt ist allgemein wichtig. Jeder Person und auch jeder Position gegenüber. Das versuche ich auch, bei der Erziehung meinen siebenjährigen Zwillingstöchtern zu vermitteln. Mir ist klar, dass die Stürmer und Mittelfeldspieler generell mehr im Fokus stehen. Damit habe ich auch kein Problem. Aber wenn man sich im Fußball auskennt, kann man erkennen, ob ein Abwehrspieler eine starke Leistung bringt, selbst wenn ein Stürmer in diesem Spiel zwei Tore erzielt. Man sollte es dann nur nicht vergessen.

Wo finde ich Socrates?

Ihre Nationalspieler-Kollegen Jonathan Tah oder Antonio Rüdiger nehmen Ihre Leistungen sehr genau wahr und nennen Ihren Namen, wenn sie nach ihren Vorbildern gefragt werden. Macht Sie das stolz?

Das ist schön zu hören. Ich bin ja selbst stolz auf meine Entwicklung. Und es freut mich, wenn jüngere Spieler sich an mir orientieren und ich ihnen einen für sich selbst erstrebenswerten Weg aufzeigen kann. Ich verstehe mich übrigens mit beiden Spielern sehr gut.

Dennoch sind beide Spieler letztendlich Konkurrenten von Ihnen.

Ohne Zweifel: Auch die beiden möchten am liebsten immer in der Nationalmannschaft spielen. Aber sie respektieren meine Leistung genauso, wie ich ihre respektiere. Und sollte jemand von ihnen oder ein anderer besser sein, muss ich es respektieren und selbst daran arbeiten, dass ich wieder an meinem Konkurrenten vorbeiziehe. So wie damals nach der Roten Karte gegen Borisov.

Nach der Sie beim FC Bayern alle wichtigen Duelle und alle großen Vereinstitel gewonnen haben. Im September werden Sie nun 30 Jahre alt. Kann irgendwann der Punkt eintreten, an dem Sie sagen: Ich benötige noch mal neue Duelle, weil ich sie in München alle gespielt habe?

Es stimmt: Ich habe beim FC Bayern alles erlebt. Jeden Wettbewerb, der im Vereinsfußball zu gewinnen ist, haben wir gewonnen. Und ja, die Zeit eines Fußballers ist begrenzt. Zehn Jahre werden es bei mir leider nicht mehr sein, da brauche ich mir nichts vorzumachen. Dennoch bin ich überzeugt, dass mein Körper zu noch mehr fähig ist, dass ich mich fußballerisch noch weiter steigern und noch einige Jahre auf höchstem Niveau agieren kann. Und so komme ich langsam an den Punkt, an dem ich gewisse Fragen für mich beantworten muss: Was sind meine noch nicht erreichten Ziele? Möchte ich mich immer wieder beim gleichen Klub mit den gleichen Voraussetzungen beweisen? Das hat wenig mit dem Wohlbefinden an einem Ort zu tun. Es geht vielmehr um die Frage der persönlichen Herausforderung. Das sind gar nicht unbedingt klassische Karrierefragen, das sind Lebensfragen. Ich denke, von denen kann sich keiner einfach so freimachen. Letztendlich sind es die Fragen, die einen als Menschen antreiben.

Und, haben Sie einige dieser Fragen für sich schon beantwortet?

Ich fokussiere mich immer auf bestimmte Zeitabstände. Jetzt gilt meine volle Konzentration dem FC Bayern und den entscheidenden Wochen der Saison sowie der deutschen Nationalmannschaft mit Blick auf die anstehende WM. Ich will dieses Turnier in Russland so erfolgreich wie möglich bestreiten.

Denken Sie, Sie würden bei einem anderen Verein genauso funktionieren wie beim FC Bayern?

Es gibt Spieler, die im Ausland super zurechtkommen, anderen gelingt das nicht. Es ist möglicherweise eine Typfrage, die ich für mich aktuell nicht klar beantworten kann.

Obwohl Sie ja bereits eine Auslandserfahrung gemacht haben. 2010 und 2011 spielten Sie bei Manchester City.

Meine kurze Zeit bei Manchester City lief völlig anders, als ich sie mir vorgestellt hatte – gerade auch wegen meiner zwei Knieverletzungen. Zudem spielte ich nicht auf der Position, die ich mir vorstellte. Ich war damals noch sehr jung, es fühlt sich aus heutiger Sicht ein bisschen so an wie ein anderes Zeitalter.

Dann blicken wir wieder auf die Gegenwart. Mit welcher Zielsetzung reisen Sie zur WM nach Russland?

Wenn du den Titel schon mal gewonnen hast und siehst, dass es von der Qualität deiner Mannschaft her möglich ist, dann willst du unbedingt wieder den Pokal holen. Keine Frage: Ich habe nur ein Ziel in Russland – Weltmeister werden. Aber wir haben insbesondere in den März-Länderspielen gegen Spanien und Brasilien gesehen, dass es nicht von alleine geht, dass uns nichts geschenkt wird. Wir müssen definitiv noch etwas draufpacken und besser spielen als in Brasilien. Die Mannschaften werden bei der WM 2018 noch stärker sein als bei der WM 2014.

Halten Sie Ihr Team denn für besser als vor vier Jahren?

Von der Qualität der einzelnen Spieler her, ja. Aber das heißt nicht automatisch, dass auch die Mannschaft besser ist. Die mannschaftliche Geschlossenheit spielt bei einem Turnier eine enorm große Rolle.

Entscheidet sich die WM mehr im Kopf oder in den Beinen?

Beide sind wichtig. Aber der Kopf spielt sicherlich eine sehr große Rolle.

Welche Mannschaft hat den stärksten Kopf?

Spanien. Die spielen am schlausten.

Welches Team besitzt die stärksten Beine?

Das ist eine gute Frage. Welche Mannschaft kann am besten rennen? Vielleicht die Südkoreaner oder die Mexikaner. Diese Nationen rennen in jedem Spiel quasi um ihr Leben.

Und über welche Qualität verfügt die deutsche Mannschaft?

Über eine sehr gute Mischung aus starkem Kopf und starken Beinen.

Interview: Felix Seidel und Fatih Demireli

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Neven Subotić: Das Streben nach Glück

Neven Subotić ist Fußballprofi. Aber das ist nebensächlich. Er hilft Menschen weltweit, sauberes Wasser zu bekommen. Eine Aufgabe fürs Leben.

Neven Subotić, kennen Sie die Geschichte von Pollyanna Whittier?

Erzählen Sie.

Pollyanna ist ein liebenswerter Mensch, der versucht, in jeder Lebenssituation etwas Gutes zu finden. Ihr Lebensmotto ist, überall Freude zu finden und sie praktiziert das „Such die Freude“-Spiel. Wie verläuft Ihr eigenes „Such die Freude“-Spiel?

Ich hatte das Glück, dass ich nicht, wie in der Geschichte impliziert ist, unter negativen Umständen aufgewachsen bin. Im Gegenteil: Ich hatte gesunde Eltern, die sich um mich kümmern konnten und sich extrem anstrengen mussten durch ein oder zwei Jobs, um uns ein gutes Leben zu ermöglichen. Sie haben die Umstände angenommen und das Beste daraus gemacht. Dass es nicht von heute auf morgen geht, habe ich dadurch auch gelernt und dass man sich nicht beirren lassen sollte, wenn der Weg mal steinig wird. Man muss das beeinflussen, was man beeinflussen kann.

Wie?

Indem man beispielsweise positive Menschen kennenlernt, die einen ein Leben lang prägen.

Wie Pollyanna.

Für mich war das schon als kleiner Junge so. Mir ist bewusst, dass es viele negative Dinge gibt. Aber reicht die bloße Erkenntnis? Die Schlussfolgerung sollte schon eine aktive Partizipation sein. Denn alleine durch dieses Wissen wird die Welt nicht besser. Man muss mit diesem Wissen etwas anfangen. Dann befindet man sich auf einem Weg, auf dem man nicht nur nach Glück sucht, sondern Glück auch immer wieder links und rechts findet.

Aber nicht für jeden ist das Glück greifbar.

Um Glück und Freude zu erreichen, muss man kämpfen. Ziemlich wenig wird einem vom Leben geschenkt, um etwas Schönes zu erreichen. Die Welt, wie ich sie täglich wahrnehme, ist leider sehr negativ. Die Fakten sind, dass zwei Drittel der Bevölkerung in den nächsten 20 bis 30 Jahren ein Wasserproblem haben werden. Jeden Tag sterben tausende Kinder an wasserübertragenen Krankheiten, die absolut vermeidbar sind. Mit dem Wissen und der Technologie, die wir jetzt haben, kann man alle Probleme lösen. Der Kampf wäre, mit diesem Wissen für eine Veränderung zu sorgen. Die bloßen Fakten führen zu keiner Verbesserung.

Kann man diesen Kampf gewinnen?

Es ist ein Kampf, der sich auf jeden Fall lohnt. Gewinnen wird man immer wieder, wenn es auch nur kleine Erfolge sind. Wenn die Welt durch diesen Kampf am Ende nur um ein Quäntchen besser wird, kann ich mich damit gut abfinden.

Ist der Weg das Ziel?

Das ist nicht lösungsorientiert. Man sollte schon Ziele haben. Es ist ein unendlicher Marathon und man erreicht immer Checkpunkte. Das, was ich mache, ist lösungs- und leistungsorientiert. Guter Wille ist schön, den schätze ich auch, aber es braucht auch Professionalität und ein Engagement, das über die Normen hinausgeht.

Man ist von einem Profifußballer, der auf höchstem Niveau spielt, nicht gewohnt, dass er selbstlos der Menschheit hilft. Wundern Sie sich, dass wir extra ein Interview führen müssen, weil das so außergewöhlich ist?

Schauen Sie sich doch unsere Gesellschaft an. Natürlich wundert es mich nicht. Fußballer werden ziemlich früh gleichförmig geschult – schon mit zehn heißt es: ‚Spiel gut!‘ oder ‚Schule ist okay, aber mach du erstmal Fussball.‘ Du wirst einfach nur an einer Skala gemessen. Dass sich daraus eine Fokussierung nur auf die eigene Leistung entwickelt, liegt am System. Wenn dann einer aus der Reihe tanzt und dafür Aufmerksamkeit bekommt, ist das doch normal. Aber die Frage ist doch: Was können die anderen tun?

Haben Sie eine Antwort?

Da bin ich realistisch. Wenn man mit zehn, zwölf Jahren schon Verträge abschließt und große Beträge bekommt, dann ist alles wirklich auf Leistung getrimmt. Aber es gibt bestimmte Faktoren, die zu einem gesunden Leben gehören. Die nehme ich zur Kenntnis und deswegen will ich nach meiner Karriere diese auch aktiv angehen. Soziales Engagement heißt nicht, dass man einmal im Jahr ins Krankenhaus geht und einen Teddybären verschenkt. Es ist aber nicht nur alleine die Verantwortung der Spieler, der Vereine. Alle tragen eine Verantwortung.

Arrivierte Profis geben jungen Sportlern gerne mal Tipps, wie sie ihren Schuss verbessern oder besser verteidigen können. Geben Sie Tipps, wie Nächstenliebe funktioniert?

Ja, aber nicht nur. Ich rede auch viel mit Fans. Ich versuche natürlich, in meinem Rahmen ein positives Beispiel zu geben. Einerseits, dass man soziales Engagement zeigt, andererseits aber auch, immer offen zu sein. Mich hat neulich ein Kollege angerufen und meinte, er wurde von einem Freund nach Ghana eingeladen. Ich habe ihm gesagt: ‚Geh dort hin und lerne eine andere Kultur kennen. Du hast dort jemanden, der dir den sozialen Zugang zu anderen Menschen verschafft.‘

Und? Macht er’s?

Ich hoffe, dass ich ihn überzeugen konnte, weil persönliche Öffnung dadurch gelernt wird. Wir leben ja in einem ziemlich geschlossenen Zirkel. Das hat selbst in Schulen und Vereinen eine Tradition. In Amerika waren die Schulen vor 40 Jahren komplett getrennt. Dieses Mindset ist zwar nicht mehr vorhanden, aber es prägt. Wir haben eine sehr eurozentrische, einseitige Sichtweise: ‚Kenn ich nicht, mag ich nicht.‘ Und viele Leute hadern mit ihrer eigenen sozialen Entwicklung. Man kann aber durch kleine Gespräche viel herausholen. Jeder strebt nach Glück. Und auch nach Spaß, den man bekommt, wenn man mit seinem Wissen eine Brücke bilden kann.

In der Bundesliga gibt es mit Christian Streich jemanden, der klare Statements in diese Richtung abgibt. Reichen Subotić und Streich?

Der Fußball hat einen besonderen Status in der Gesellschaft. Er dient mittlerweile als der Ankerpunkt, der früher die Kirche war. Mittlerweile liegt der Glaube manchmal mehr beim Verein. Dieses Vertrauen bietet enorm viel Kraft. Man kann dadurch natürlich Trikots verkaufen und sagen: ‚Hey, du bist jetzt Fan.‘ Oder man geht übergeordnete Ziele an. Viele Klubs haben eine Stiftung, das ist ein Schritt in die richtige Richtung, Der Fußball ist mit dieser Strahlkraft in der Verantwortung.

Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr von Symbolik geprägt ist. Haben Sie für sich eine Symbolik geschaffen, um zu dokumentieren, dass Sie Opfer gebracht haben?

Ich habe versucht, vieles zu verkaufen. Ich habe gemerkt, dass ich nicht glücklicher bin, wenn ich ein teures Auto habe. Heute fahre ich ein zehn Jahre altes, kleines Auto. Das reicht mir. Ich sehe das aber nicht als Opfer, vielmehr habe ich neue Werte kennengelernt. Früher habe ich andere Werte übernommen. Ich habe MTV geschaut und gesagt: ‚Cool, das Auto brauche ich auch.‘ Mittlerweile habe ich auch ganz andere Idole als früher. Das ist für mich eine große Erleichterung.

Wie reagiert Ihr Umfeld?

Zum Teil mit Verständnis, zum Teil mit Unverständnis. Die Leute, die mich von früher besser kennen, finden, dass das zu mir passt. Wenn ich jetzt mit einem Ferrari kommen würde, würden sie sagen: ‚Hä? Was ist denn mit dir los?‘ Es gibt Menschen, die durch Luxus glücklich werden. Aber es gibt eine Grenze für dieses Glücksempfinden. Ich hoffe, dass es irgendwann mal einen simulierten Luxus geben kann, damit man es sieht, um es dann nicht mehr zu wollen. Ich bin kein Soziologe oder Psychologe. Vielleicht kann es auch andersrum gehen. Es ist immer davon abhängig, in welchem Kreis man sich bewegt.

Was sagen Ihre Eltern?

Sie sind stolz und sie würden mich gerne mehr sehen, aber haben auch absolutes Verständnis, dass ich so bin, wie ich bin. Man kann auf diesem Weg nicht alle glücklich machen. Für mich wäre die Alternative, der beste Sohn meiner Eltern zu sein und immer für sie da zu sein. Aber welchen Zweck hätte das für die Welt? Sie sind mit allem einverstanden, was ich mache.

Welche Motivation haben Sie? Weil Sie es einfach können oder nimmt Sie die Situation in der Welt persönlich mit?

Etwas machen, weil man es kann, ist keine Motivation. Meine Motivation sind die Menschen. Ich habe eine Menge Menschen kennengelernt. Es ist egal, ob Leute lesen oder schreiben können oder die gleiche Sprache sprechen. Du guckst in ihre Augen und siehst, was sie erlebt haben. Da würde ich mich am liebsten verkriechen, da mein privilegiertes Leben ein Witz dagegen ist. Da sehe ich diese krasse Ungerechtigkeit in der Welt.

Sie ist exorbitant.

Wahnsinn. Jeden Tag sterben unschuldige Kinder. Es gibt horrende Zahlen, die unvorstellbar sind. Und die gibt es nicht erst seit gestern. Irgendwann werde ich von dieser Welt gehen, ich sehe das total unromantisch. Für mich wird die Frage sein: Was habe ich mit dem Glück, was ich im Leben erfahren habe und das ich nicht mehr verdient habe als ein Anderer, getan? Habe ich mir damit ein schönes Leben gegönnt und nebenbei ab und zu mal ein Krankenhaus besucht? Ist es eine Meisterschaft, ein Champions-League-Finale, an dem ich mein Leben messe? Vielleicht ist es ein Teil. Aber für mich gibt es eben noch mehr als das.

Sie haben direkten Kontakt zu den Menschen in schwierigen Regionen. Fassen Sie sich an den Kopf, wenn Sie die Flüchtlingsthematik hier in Europa verfolgen?

Es ist eine enorm schwierige Debatte, da ein klares Ziel noch nicht festgelegt wurde, das langfristig wirken kann. Viele verschiedene Interessen kommen zusammen. Ich sehe das Ganze noch ein bisschen mit Skepsis. Es wird manchmal so dargestellt, als ginge es wirklich um eine gemeinsame Lösung. Dabei sind die Ansätze auf der UN-Charta nicht immer mit Leben gefüllt. Die reden über Integration, Entwicklungspolitik, wie man Auffanglager an den Küstenländern errichtet… Da will ich sagen: ‚Seht ihr alle, was gerade passiert?‘ Da wird nicht versucht, die Ursache zu mildern, sondern der Übergang erschwert.

In Deutschland wurde zuletzt eine offizielle Statistik publik gemacht und dargestellt, wie kriminell Flüchtlinge sind.

Kriminalität ist ein Symptom. Wenn man etwas hat, gibt es keinen Grund, etwas zu klauen. Die meisten dürfen nicht arbeiten. Für sie gibt es keinen Ausweg. Wenn mir jemand sagen würde: ‚Du darfst sechs Monate nicht arbeiten und kein Geld verdienen‘, und hätte ich schon kein Geld, wüsste ich nicht, was ich tun würde. Das ist für mich wie ein moderner Knast. Auch wenn man sich anschaut, wo die Flüchtlingsunterkünfte gebaut werden, teilweise in Stadtteilen, in denen keine Integration möglich ist. Es gibt auch sonst viele Hürden. Lassen Sie mich ein Beispiel erzählen.

Gerne.

Es gab in Dortmund ein Programm, an dem auch drei Kosovaren teilgenommen haben. Sie haben eine Ausbildung als Bäcker bekommen. Ein Beruf, den immer weniger Deutsche machen wollen, weil man um vier Uhr morgens schon auf der Matte stehen muss. Für die Jungs war das dagegen eine große Chance. Ihre Arbeitgeber waren überzeugt und wollten ihnen eine Chance geben. Aber das Problem war, dass die Jungs keine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis hatten. Um eine zu bekommen, mussten sie zum einem 1.200 Euro auf einem Bankkonto nachweisen und zum anderen dann noch einmal zurück in den Kosovo reisen, einen Antrag stellen und dann wieder nach Dortmund zurückkehren. Das kostet ja auch nochmal viel Geld. Das ist in Bosnien oder im Kosovo fast ein Jahresgehalt. Solche Regeln machen eine sinnvolle Integration unnötig schwer.

Sie kennen die Brennpunkte der Welt, Sie machen sich selbst regelmäßig ein Bild davon. Verstehen Sie die Situation auf dem Globus nun besser?

Das Wichtigste: Ich komme dadurch an Fakten, und zwar so wie sie sind. Ich habe gemerkt, wie einseitig berichtet wird. Vor vier, fünf Jahren habe ich aufgehört, Fernsehen zu schauen. Gefühlt ist jeder ein Philosoph. Aber die meisten haben kein Grundwissen. Aber wissen Sie, was die wirklichen Probleme der Welt sind? Womit hängt alles zusammen? Vielleicht sind wir hier gar nicht unschuldig an dem, was da draußen passiert. Durch mehr Information und Kommunikation können wir vielleicht etwas tun, damit es anders wird.

Und da kommt Ihre Stifung ins Spiel.

Bevor man sich in Statistiken verliert, muss einem klar sein, dass es um den einzelnen Menschen geht. Wir versuchen immer die Geschichten der Leute aufzuzeigen, um den Menschen dahinter zum Vorschein zu bringen. Um sie zu verstehen. Man befreit sich nicht von der Schuld, wenn man zehn Euro spendet und hofft, dass alles gut wird. Nein, wichtig ist, mit Lösungansätzen an die Sache heranzugehen.

Wie sieht Ihr Lösungsansatz aus?

Wir begegnen den Menschen auf Augenhöhe und suchen gemeinsame Lösungen. Wir wollen zu einer positiven, solidarischen, internationalen Gemeinschaft beitragen. Im Mittelpunkt steht das Thema Wasser. Das, was jeder Mensch auf der Welt braucht, ist Wasser. Für uns ist das selbstverständlich, aber Kinder südlich der Sahara laufen täglich bis zu sechs Kilometer, um Wasser zu bekommen. Jeden Tag. Bei einer brutalen Hitze. In der Region sind die Wege nicht asphaltiert. Da geht es Berg auf, Berg ab. Und das Wasser, das sie am Ende bekommen, ist qualitativ nicht wie hier. Wenn wir mit diesem Wasser in Berührung kommen würden, würden wir sofort duschen gehen wollen. Die Menschen dort müssen es ihren Kindern zum Trinken geben. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass man nicht täglich drei bis fünf Stunden zurückgelegen muss, um dreckiges Wasser zu holen. Drei bis fünf Stunden, mit der Müdigkeit des Vortages, weil du das jeden Tag machst. Stell dir vor, jemand schenkt dir diese fünf Stunden, in denen du nicht 20 Kilogramm schleppen musst.

Das Ganze hat noch einen positiven Nebeneffekt.

Genau. Anstatt jeden Tag zum Wassertransport zu gehen, bekommen die Kinder die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Unsere Aufgabe ist es auch, den Kindern Bildung zu ermöglichen. Wir haben es geschafft, dass noch mehr Kinder eine Bildung bekommen. Das ist uns sehr wichtig.

Sie investieren viel Zeit und Herzblut für die Stiftung. Werden Sie bei Ihren Klubs gefragt, ob Sie sich überhaupt auf Fußball konzentrieren können?

Du kannst keinen Spieler kaufen und sagen: ‚Deine Familie lässt du zu Hause.‘ Das ist irreal und nicht förderlich. Für mich ist die Arbeit wertvoll, es macht mir Spaß und mir würde etwas fehlen. Als würde man jemandem seinen Sohn oder seine Tochter wegnehmen. So ein Klubmanager hat natürlich viele Probleme: Sein Spieler guckt die ganze Zeit aufs Handy. Ist das gut für den Fußball? Der andere studiert nebenbei Sportmanagement. Ist das gut für den Fußball? Der andere hat sich von seiner Frau getrennt. Ist das gut für den Fußball? Meine Sache ist natürlich neu, aber das wird offen besprochen, damit jeder weiß, woran er ist. Das Eine ergänzt das Andere und ich bin ja auch nicht alleine.

Ist Ihnen die Unwichtigkeit des Fußballprofidaseins bewusst geworden?

Ich empfinde die vermeintliche Wichtigkeit teilweise als sehr groß; Fußballer übernehmen eine ungeheure Verantworung in der Gesellschaft. Wenn ein Fußballer sagt, dass Schule wichtig ist, beeindruckt das Kinder mehr, als wenn ihnen das ein Lehrer sagt. Dabei ist der Lehrer viel qualifizierter dafür. Wenn ich einem Jungen sage, ‚sag Danke und Bitte‘, hat das auch mehr Gewicht als das Wort der Eltern. Ich finde so etwas gefährlich, weil Fußballer nicht ausgebildet wurden, Soziologen zu sein. Kinder machen das, was sie sehen. Erinnern Sie sich doch an die „Ice Bucket Challenge“. Die Leute haben es nachgemacht. Das zeigt, welche Kraft dahintersteckt. Wobei das wieder positiv war, weil viel Geld zusammengekommen ist.

Ist für Sie nach Fußball Schluss mit Fußball?

Wenn ich nicht mehr spiele, sehe ich meine Arbeit im Stiftungswesen. Ich möchte meine verfügbare Zeit gerne weiterhin der Gemeinnützigkeit widmen. So, wie ich es heute schon mache. Aus heutiger Sicht kann ich mir den Posten eines Trainers oder Managers nicht vorstellen. Dann immer noch jedes Wochenende unterwegs, Hotels, Stadien. Das habe ich ja als Profi alles schon mal gesehen.

Neven, wann tritt bei Ihnen das Gefühl ein, dass Sie etwas erreicht haben?

Da bin ich ganz schlecht. Ich bin sehr selbstkritisch. Ich kann gute Momente gar nicht erleben. Ich strebe immer nach Perfektion. Zwischendurch gibt es Momente, die messbar und hilfreich sind, wenn wir beispielsweise über 30.000 Menschen Zugang zu Wasser gesichert haben. Das Schöne sind aber nicht unbedingt die Meilensteine. Wenn man währenddessen bestimmte, schöne Geschichten in den eigenen Rucksack des Lebens packen kann, freut es mich am meisten. Und das Lächeln der Menschen, deren Leben wir etwas erleichtern wollen.

Autor: Fatih Demireli

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