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Lucien Favre im Exklusiv-Interview: „Pässe machen nicht den Unterschied“

Lucien Favre ist neuer Trainer von Borussia Dortmund. Der Schweizer gilt als Perfektionist, als Detailversessener. Aber eigentlich will Favre nur spielen. SOCRATES traf den Neu-Borussen im vergangenen Jahr und sprach über seine Art des Fußballs.

Lucien Favre, was mögen Sie am meisten im Fußball?

Den Ball an sich. Ich bin irgendwie in den Ball verliebt. Sobald ich einen Ball sehe, muss ich mit dem spielen. Auch noch heute – bei den Trainingseinheiten spiele ich mit dem Ball, sobald ich einen sehe. Ich jongliere ein bisschen und habe dabei viel Spaß. Für mich ist der Ball wie ein Magnet. Er zieht mich immer an.

Der Artikel erschien in Ausgabe #04

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Was hat sich Ihrer Meinung nach spielerisch in den vergangenen 10 bis 15 Jahren grundsätzlich verändert?

Nicht so viel. Was die Spielsysteme betrifft, werden sie während des Spiels angepasst. Zum Beispiel fängt man mit einem 4-3-3-System an und nach zehn Minuten wird es zu einem 3-4-3 oder einem 3-4-1-2, was vor ein paar Jahren noch nicht der Fall war, denn da hat man meistens dasselbe System neunzig Minuten beibehalten. Mittlerweile wurden alle möglichen Systeme ausprobiert. Dementsprechend ist es unmöglich, neue Systeme zu erfinden.

Wieso werden die Systeme im Vergleich zu früher so oft verändert?

Es gibt mehrere Gründe: Immer mehr Spieler können auf verschiedenen Positionen spielen, die Außenverteidiger werden zu Flügelspielern, die Flügelspieler spielen mehr in der Mitte und die Defensiv-Mittelfeldspieler agieren zwischen den zwei Innenverteidigern. Der größte Unterschied zu früher ist die Bewegung. Um den Gegner zu überraschen und zu besiegen, muss man schnell und zielstrebig nach vorne spielen. Das Spiel wird immer intensiver. In den 60er Jahren ist ein Spieler im Durchschnitt vier Kilometer gelaufen. Heute spult er zwischen 12 und 14 Kilometer ab.

Ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem die Reaktion auf eine Aktion ein Ende hat, oder dreht es sich immer weiter so wie in den letzten 70, 80 Jahren?

Im Großen und Ganzen dreht es sich wie in den 70er Jahren, nur mit dem Unterschied, dass das heutige Spiel intensiver ist. Und wenn man den Ball um den gegnerischen Strafraum verliert, wird sofort gepresst, um so schnell wie möglich den Ball zurückzuerobern. Das wird bei vielen Mannschaften praktiziert. Das war früher nicht so.

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In welchen Teilbereichen – Ausbildung, Spielerentwicklung – liegen die meisten Potenziale?

Da gibt es einige. Um das Spiel noch schneller zu machen, muss man erst einmal eine gewisse Spielintelligenz haben. Dann kommt die Technik. Um den Ansprüchen gerecht zu werden, muss man auch eine top Kondition haben. In meinen Augen liegt das größte Potenzial in der Ausbildung im technischen Bereich. Ich finde, dass in vielen Klubs in diesem Bereich nicht unbedingt gut gearbeitet wird. Zum Beispiel den Ball in Höchstgeschwindigkeit zu kontrollieren und anschließend sofort einen langen präzisen Diagonal-Ball nach vorne zu spielen, gelingt nicht jedem Spieler. Wenn man es beherrscht, wird der Gegner überfordert. So kann man das Spiel besser und schneller machen. Oder wenn man einen tollen Pass nach vorne in Höchstgeschwindigkeit spielt, um den Gegner zu überraschen, das ist ebenfalls etwas, was mir gefällt. Ein moderner Spieler sollte beidfüßig sein. Die größte Baustelle befindet sich definitiv bei der Technik. Da besteht noch viel Verbesserungsbedarf.

Ist das Dribbling nach wie vor wichtig im heutigen Spiel?

Definitiv. Man macht ja durch ein starkes Dribbling den Unterschied. Schauen Sie sich einfach einen Arjen Robben oder einen Franck Ribéry an, die das drauf haben, egal ob in Eins-gegen-Eins- oder in Eins-gegen-Zwei-Situationen. Diese Art von Spielern ist unheimlich wichtig, weil das Spiel ansonsten langweilig ist. Nur Pässe zu spielen, ist ja nicht spektakulär. Deswegen muss in der Ausbildung der Akzent aufs Dribbling weiterhin forciert werden. Ein Spieler, der zwei Gegner durch ein Dribbling eliminiert und dann einen feinen Pass spielt, das ist der Sinn des Kollektivs. Für mich ist es notwendig, Spieler in seinen Reihen zu haben, die dribbeln können, weil sie jederzeit den Unterschied machen können. Den Unterschied nur mit Pässen zu machen, ist fast unmöglich.

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Wie sieht es mit der Gegner- und Spielanalyse aus. Glauben Sie daran, dass das Spiel immer noch mehr verwissenschaftlicht oder technologisiert wird?

Es ist nicht wirklich mein Ding. Mir ist wichtig, dass das Spiel einfach bleibt. Man sollte diese Sportart nicht kompliziert machen, weil ansonsten die Zuschauer fernbleiben. Nur die Technik sorgt dafür, dass das Spiel schneller und intensiver wird. Wenn man technisch limitiert ist, kriegt man große Probleme, auf dem höchsten Niveau zu bestehen. Dafür muss man schnell antizipieren und handlungsschnell sein. Ich sehe heute noch viele Spieler, die Schwierigkeiten haben, wenn der Ball fliegt und gestoppt werden muss. Da haben viele Spieler etliche Defizite.

Sie vertrauen der Videoanalyse.

Um nichts dem Zufall zu überlassen. Das Wichtigste an den Videos ist, unser letztes Spiel im Detail zu analysieren. Da kann man viele Sachen verbessern. Danach kommt die Analyse des künftigen Gegners: Wie spielt er, was sind seine Stärken, Schwächen und so weiter. Auch wenn wir 5:0 gewinnen, gibt es immer etwas zu analysieren, um individuell und als Mannschaft nach vorne zu kommen.

Wie effektiv ist eigentlich In-Game-Coaching?

Es ist schon wichtig, aber wichtiger bleibt, was der Trainer für eine Arbeit mit seiner Mannschaft unter der Woche leistet: Welche Übungen werden gemacht, auch abhängig vom Spielstil des nächsten Gegners. Aber auch der Spieltag ist wichtig: die Motivation, die Rede in der Halbzeit. Und während der Partie sind Details ebenfalls nicht zu unterschätzen, vor allem was die Taktik betrifft. Deswegen ist das In-Game-Coaching nicht überbewertet. Man muss sich auch für die richtigen Wechsel zum richtigen Zeitpunkt entscheiden, entweder um eine Führung auszubauen oder zu verteidigen, oder um einen Rückstand aufzuholen.

Was ist für einen Trainer im Endeffekt das Wichtigste?

Dass er jeden Parameter jederzeit im Griff hat: Die Beziehung zu seinen Spielern, zu seinen Kollegen, zu seinen Verantwortlichen, zu seinen Mitarbeitern, zu den Schiedsrichtern, zur medizinischen Abteilung und zu den Medien. Man muss immer das Gefühl haben, dass man jederzeit seinen Job im Griff hat und dass man jederzeit weiß, wie man mit seinen Spielern um- geht. Der menschliche Aspekt steht über allem.

Spielt Improvisation ebenfalls eine wichtige Rolle in Ihrer täglichen Arbeit?

Ich würde eher sagen, dass die Intuition sehr wichtig ist. Improvisieren ist schwer, eher planen halte ich für wichtiger.

Haben Sie manchmal nicht den Eindruck, dass die Gefahr besteht, dass sich Ihre Spieler bei den Trainingseinheiten langweilen?

Das gehört auch zur Aufgabe des Trainers, dass er alles daransetzt, damit die Übungen genug variieren, damit man kreativ ist. Das ist in der täglichen Arbeit natürlich sehr wichtig. Auch ein Trainer muss für sich schauen, dass er jeden Tag dazu lernt, sei es im Umgang mit seinen Spielern oder ein spielerisches Element betreffend. Als Trainer muss man sich permanent hinterfragen, um nicht zu stagnieren. Sonst kann man nicht dauerhaft Erfolg haben.

Kann sich ein Trainer nach einer bestimmten Zeit langweilen?

Damit es nie langweilig wird, muss man sich die wichtigste Frage stellen: Was kann ich jeden Tag besser machen? Diese Frage stelle ich mir tagtäglich. Deswegen habe ich seit ein paar Jahren Erfolg auf höchstem Niveau und auch jeden Tag Spaß bei meiner Arbeit. Man muss auch ständig seinen Horizont erweitern, nicht nur in Europa schauen, wo ich bereits die französische, die deutsche, die englische, die portugiesische und die Schweizer Meisterschaft intensiv verfolge, und Italien ist von Nizza auch nicht weit weg, sondern auch mal Spiele oder Trainingseinheiten auf anderen Kontinenten unter die Lupe nehmen. Es gibt immer wieder was Neues zu entdecken. Ich bin immer sehr hungrig und neugierig aufs Neue.

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Als Sie Ende der 80er Jahre bei Servette Genf auf einem Zimmer mit Karl-Heinz Rummenigge waren, hatten Sie schon damals vor, irgendwann mal Trainer zu werden?

Nein, nicht wirklich. Mit Karl-Heinz habe ich viel diskutiert über die mögliche Aufstellung unseres Trainers, wie unser nächster Gegner spielen würde und so weiter. Wir waren zwar Spieler, aber wir waren bereits an vielen taktischen Dingen interessiert.

Wie fingen Sie als Trainer an?

1991, als ich 34 Jahre alt war, habe ich bereits über meine Zukunft nach der Spieler-Karriere nachgedacht. Erst habe ich Jugendmannschaften trainiert und es hat mir sofort gefallen. Das war entscheidend für den weiteren Verlauf meiner Karriere. Danach habe ich mich um ein Drittliga-Team gekümmert und so weiter. Wenn man 32, 33 Jahre alt ist, ist es sehr wichtig, dass man an seine Zukunft denkt, sonst wird es schwer. Heute dauert eine Spieler-Karriere ungefähr zehn Jahre und alles wird schneller, insofern sollte man sich unbedingt auf seine Zukunft vorbereiten, um den Zug nicht zu verpassen. Wenn man als Spieler nur auf die Karriere fokussiert ist und sich nicht schon mal umschaut und Gedanken über die eigene Zukunft macht, dann wird es schwer. Das ist ein Tipp an alle Spieler.

Wissen Sie eigentlich, wie viele Stunden Sie täglich arbeiten?

Ich zähle nicht. Für mich ist mein Job nur Spaß. Was mir am meisten gefällt, ist die Arbeit auf dem Platz. Ich würde nur zählen, wenn ich mich langweilen würde.

Brauchen Sie die tägliche Arbeit auf dem Platz oder wären Sie auch mal für einen Job als Nationaltrainer zu begeistern?

Ehrlich gesagt habe ich mir diese Frage noch nie gestellt. Ich liebe meinen Job als Vereinstrainer. Aber man weiß nie, was die Zukunft bringt.

Werden Sie bis zum allerletzten Tag Ihres Lebens arbeiten oder werden Sie irgendwann in Rente gehen?

Irgendwann werde ich aufhören, aber nicht komplett. Ohne den Ball wäre es für mich zu schwer. Dafür ist meine Liebe zum Ball zu groß.

Wenn Sie einen 28-jährigen Trainer sehen, der die Bundesliga-Spitze mit der TSG Hoffenheim neu aufmischt, wie finden Sie das?

Ich finde es toll, und die Verantwortlichen von Hoffenheim waren mutig, aber man muss als Trainer mittel- bis langfristig gute Arbeit leisten, nicht nur sechs Monate. Was Julian Nagelsmann bei der TSG Hoffenheim leistet, ist hervorragend. Er bringt frischen Wind in die Bundesliga.

Muss man ein großer Spieler gewesen sein, um ein großer Trainer zu werden?

Es gibt alle möglichen Beispiele. Arrigo Sacchi hat beim AC Mailand einen neuen Spielstil eingeführt, nachdem er keine große Karriere als Spieler hatte. Er hat ein 4-4-2-System erfunden mit einem hohen Pressing auf den Gegner. Es gibt viele solche Beispiele von Trainern, die als Spieler nicht bekannt waren und danach eine tolle Laufbahn als Trainer hatten. Es ist klar, dass ein Spieler, der eine großartige Laufbahn hatte und dann als Trainer anfängt, eine völlig andere Einstellung hat als umgekehrt. Aber diejenigen, die keine großen Spieler waren, sind nicht nur Theoretiker, sondern sie können auch Großes leisten. Sie bringen neue Ideen ein. Dabei gibt es unheimlich viele Beispiele. Wären sie nicht kompetent, würden sie nicht lange als Trainer auf höchstem Niveau überleben. Umgekehrt ist es auch so: Ein Spieler, der alles gewonnen hat, schafft es als Trainer nicht immer. Das kann man nicht voraussehen. Dass so viele Jugendtrainer momentan in der Bundesliga positiv überraschen, ist gut für den Fußball.

Gibt es selbst für Sie noch Trainer, von denen Sie sich Dinge abschauen oder die Sie sogar mal inhaltlich um Rat fragen? Oder entscheiden Sie immer alles selbst nach Erfahrung und in Absprache mit Ihrem Trainerteam?

Eigentlich treffe ich meine Entscheidungen immer zusammen mit meinem Team. Ich habe genug Erfahrung, um mich bei meinen Entscheidungen von anderen Trainern nicht beeinflussen zu lassen.

Hat Sie ein Trainer besonders inspiriert?

Der Trainer, der mich vor allem inspiriert hat, war Johan Cruyff; schon als Spieler und nachher als Trainer vom FC Barcelona. Auch Trainer wie Arsène Wenger und Christian Gourcuff bei Stade Rennes schätze ich. Wir haben einen sehr guten Kontakt. Als ich Jugend-Teams trainiert habe, habe ich meine freie Zeit genutzt, um bei diversen Trainern zu hospitieren: In der Anfangszeit von Wenger beim FC Arsenal, ich war auch zu Gast bei Raymond Goethals in Belgien, bei Ottmar Hitzfeld beim FC Bayern und vor allem 1993 bei Cruyff in Barcelona. Dort war ich zwei Wochen. Aber ich hatte bereits vorher seine Arbeit beobachtet, wie er Barça spielen ließ, wie beweglich seine Elf agierte, sei es mit oder ohne Ball, die Antizipation und so weiter. Auch Telê Santana als Nationaltrainer von Brasilien hat mich beeindruckt. Er war fantastisch.

Auch Pep Guardiola scheinen Sie zu schätzen.

Pep ist der logische Nachfolger von Johan Cruyff. 1993 bei Barça war er dort der Mittelfeld Stratege. Er war sehr intelligent. Wenn ein Spieler eine hohe Spielintelligenz hat, dann hat er gute Chancen, ein guter Trainer zu werden. Ich kann mich an die erste Stunde des Achtelfinal-Hinspiels bei Juventus Turin (2:2) im Februar 2016 erinnern, als Juve den Ball kaum sah, weil der FC Bayern ein extrem hohes Pressing gespielt hatte. Guardiola hatte auch während des Spiels sein System verändert. Als Trainer ist er einer der Besten.

Aber übertreibt er es nicht mit seinem Passspiel?

Pep legt sehr viel Wert auf den Ballbesitz, genauso wie ich. Nur Ballbesitz des Ballbesitzes wegen interessiert mich aber nicht. Beim Ballbesitz sollte es viel Bewegung geben, um zu versuchen, ein Tor zu erzielen. Ich bin ein Fan von Ballbesitz.

Interview: Alexis Menuge

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Neven Subotić: Das Streben nach Glück

Neven Subotić ist Fußballprofi. Aber das ist nebensächlich. Er hilft Menschen weltweit, sauberes Wasser zu bekommen. Eine Aufgabe fürs Leben.

Neven Subotić, kennen Sie die Geschichte von Pollyanna Whittier?

Erzählen Sie.

Pollyanna ist ein liebenswerter Mensch, der versucht, in jeder Lebenssituation etwas Gutes zu finden. Ihr Lebensmotto ist, überall Freude zu finden und sie praktiziert das „Such die Freude“-Spiel. Wie verläuft Ihr eigenes „Such die Freude“-Spiel?

Ich hatte das Glück, dass ich nicht, wie in der Geschichte impliziert ist, unter negativen Umständen aufgewachsen bin. Im Gegenteil: Ich hatte gesunde Eltern, die sich um mich kümmern konnten und sich extrem anstrengen mussten durch ein oder zwei Jobs, um uns ein gutes Leben zu ermöglichen. Sie haben die Umstände angenommen und das Beste daraus gemacht. Dass es nicht von heute auf morgen geht, habe ich dadurch auch gelernt und dass man sich nicht beirren lassen sollte, wenn der Weg mal steinig wird. Man muss das beeinflussen, was man beeinflussen kann.

Wie?

Indem man beispielsweise positive Menschen kennenlernt, die einen ein Leben lang prägen.

Wie Pollyanna.

Für mich war das schon als kleiner Junge so. Mir ist bewusst, dass es viele negative Dinge gibt. Aber reicht die bloße Erkenntnis? Die Schlussfolgerung sollte schon eine aktive Partizipation sein. Denn alleine durch dieses Wissen wird die Welt nicht besser. Man muss mit diesem Wissen etwas anfangen. Dann befindet man sich auf einem Weg, auf dem man nicht nur nach Glück sucht, sondern Glück auch immer wieder links und rechts findet.

Aber nicht für jeden ist das Glück greifbar.

Um Glück und Freude zu erreichen, muss man kämpfen. Ziemlich wenig wird einem vom Leben geschenkt, um etwas Schönes zu erreichen. Die Welt, wie ich sie täglich wahrnehme, ist leider sehr negativ. Die Fakten sind, dass zwei Drittel der Bevölkerung in den nächsten 20 bis 30 Jahren ein Wasserproblem haben werden. Jeden Tag sterben tausende Kinder an wasserübertragenen Krankheiten, die absolut vermeidbar sind. Mit dem Wissen und der Technologie, die wir jetzt haben, kann man alle Probleme lösen. Der Kampf wäre, mit diesem Wissen für eine Veränderung zu sorgen. Die bloßen Fakten führen zu keiner Verbesserung.

Kann man diesen Kampf gewinnen?

Es ist ein Kampf, der sich auf jeden Fall lohnt. Gewinnen wird man immer wieder, wenn es auch nur kleine Erfolge sind. Wenn die Welt durch diesen Kampf am Ende nur um ein Quäntchen besser wird, kann ich mich damit gut abfinden.

Ist der Weg das Ziel?

Das ist nicht lösungsorientiert. Man sollte schon Ziele haben. Es ist ein unendlicher Marathon und man erreicht immer Checkpunkte. Das, was ich mache, ist lösungs- und leistungsorientiert. Guter Wille ist schön, den schätze ich auch, aber es braucht auch Professionalität und ein Engagement, das über die Normen hinausgeht.

Man ist von einem Profifußballer, der auf höchstem Niveau spielt, nicht gewohnt, dass er selbstlos der Menschheit hilft. Wundern Sie sich, dass wir extra ein Interview führen müssen, weil das so außergewöhlich ist?

Schauen Sie sich doch unsere Gesellschaft an. Natürlich wundert es mich nicht. Fußballer werden ziemlich früh gleichförmig geschult – schon mit zehn heißt es: ‚Spiel gut!‘ oder ‚Schule ist okay, aber mach du erstmal Fussball.‘ Du wirst einfach nur an einer Skala gemessen. Dass sich daraus eine Fokussierung nur auf die eigene Leistung entwickelt, liegt am System. Wenn dann einer aus der Reihe tanzt und dafür Aufmerksamkeit bekommt, ist das doch normal. Aber die Frage ist doch: Was können die anderen tun?

Haben Sie eine Antwort?

Da bin ich realistisch. Wenn man mit zehn, zwölf Jahren schon Verträge abschließt und große Beträge bekommt, dann ist alles wirklich auf Leistung getrimmt. Aber es gibt bestimmte Faktoren, die zu einem gesunden Leben gehören. Die nehme ich zur Kenntnis und deswegen will ich nach meiner Karriere diese auch aktiv angehen. Soziales Engagement heißt nicht, dass man einmal im Jahr ins Krankenhaus geht und einen Teddybären verschenkt. Es ist aber nicht nur alleine die Verantwortung der Spieler, der Vereine. Alle tragen eine Verantwortung.

Arrivierte Profis geben jungen Sportlern gerne mal Tipps, wie sie ihren Schuss verbessern oder besser verteidigen können. Geben Sie Tipps, wie Nächstenliebe funktioniert?

Ja, aber nicht nur. Ich rede auch viel mit Fans. Ich versuche natürlich, in meinem Rahmen ein positives Beispiel zu geben. Einerseits, dass man soziales Engagement zeigt, andererseits aber auch, immer offen zu sein. Mich hat neulich ein Kollege angerufen und meinte, er wurde von einem Freund nach Ghana eingeladen. Ich habe ihm gesagt: ‚Geh dort hin und lerne eine andere Kultur kennen. Du hast dort jemanden, der dir den sozialen Zugang zu anderen Menschen verschafft.‘

Und? Macht er’s?

Ich hoffe, dass ich ihn überzeugen konnte, weil persönliche Öffnung dadurch gelernt wird. Wir leben ja in einem ziemlich geschlossenen Zirkel. Das hat selbst in Schulen und Vereinen eine Tradition. In Amerika waren die Schulen vor 40 Jahren komplett getrennt. Dieses Mindset ist zwar nicht mehr vorhanden, aber es prägt. Wir haben eine sehr eurozentrische, einseitige Sichtweise: ‚Kenn ich nicht, mag ich nicht.‘ Und viele Leute hadern mit ihrer eigenen sozialen Entwicklung. Man kann aber durch kleine Gespräche viel herausholen. Jeder strebt nach Glück. Und auch nach Spaß, den man bekommt, wenn man mit seinem Wissen eine Brücke bilden kann.

In der Bundesliga gibt es mit Christian Streich jemanden, der klare Statements in diese Richtung abgibt. Reichen Subotić und Streich?

Der Fußball hat einen besonderen Status in der Gesellschaft. Er dient mittlerweile als der Ankerpunkt, der früher die Kirche war. Mittlerweile liegt der Glaube manchmal mehr beim Verein. Dieses Vertrauen bietet enorm viel Kraft. Man kann dadurch natürlich Trikots verkaufen und sagen: ‚Hey, du bist jetzt Fan.‘ Oder man geht übergeordnete Ziele an. Viele Klubs haben eine Stiftung, das ist ein Schritt in die richtige Richtung, Der Fußball ist mit dieser Strahlkraft in der Verantwortung.

Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr von Symbolik geprägt ist. Haben Sie für sich eine Symbolik geschaffen, um zu dokumentieren, dass Sie Opfer gebracht haben?

Ich habe versucht, vieles zu verkaufen. Ich habe gemerkt, dass ich nicht glücklicher bin, wenn ich ein teures Auto habe. Heute fahre ich ein zehn Jahre altes, kleines Auto. Das reicht mir. Ich sehe das aber nicht als Opfer, vielmehr habe ich neue Werte kennengelernt. Früher habe ich andere Werte übernommen. Ich habe MTV geschaut und gesagt: ‚Cool, das Auto brauche ich auch.‘ Mittlerweile habe ich auch ganz andere Idole als früher. Das ist für mich eine große Erleichterung.

Wie reagiert Ihr Umfeld?

Zum Teil mit Verständnis, zum Teil mit Unverständnis. Die Leute, die mich von früher besser kennen, finden, dass das zu mir passt. Wenn ich jetzt mit einem Ferrari kommen würde, würden sie sagen: ‚Hä? Was ist denn mit dir los?‘ Es gibt Menschen, die durch Luxus glücklich werden. Aber es gibt eine Grenze für dieses Glücksempfinden. Ich hoffe, dass es irgendwann mal einen simulierten Luxus geben kann, damit man es sieht, um es dann nicht mehr zu wollen. Ich bin kein Soziologe oder Psychologe. Vielleicht kann es auch andersrum gehen. Es ist immer davon abhängig, in welchem Kreis man sich bewegt.

Was sagen Ihre Eltern?

Sie sind stolz und sie würden mich gerne mehr sehen, aber haben auch absolutes Verständnis, dass ich so bin, wie ich bin. Man kann auf diesem Weg nicht alle glücklich machen. Für mich wäre die Alternative, der beste Sohn meiner Eltern zu sein und immer für sie da zu sein. Aber welchen Zweck hätte das für die Welt? Sie sind mit allem einverstanden, was ich mache.

Welche Motivation haben Sie? Weil Sie es einfach können oder nimmt Sie die Situation in der Welt persönlich mit?

Etwas machen, weil man es kann, ist keine Motivation. Meine Motivation sind die Menschen. Ich habe eine Menge Menschen kennengelernt. Es ist egal, ob Leute lesen oder schreiben können oder die gleiche Sprache sprechen. Du guckst in ihre Augen und siehst, was sie erlebt haben. Da würde ich mich am liebsten verkriechen, da mein privilegiertes Leben ein Witz dagegen ist. Da sehe ich diese krasse Ungerechtigkeit in der Welt.

Sie ist exorbitant.

Wahnsinn. Jeden Tag sterben unschuldige Kinder. Es gibt horrende Zahlen, die unvorstellbar sind. Und die gibt es nicht erst seit gestern. Irgendwann werde ich von dieser Welt gehen, ich sehe das total unromantisch. Für mich wird die Frage sein: Was habe ich mit dem Glück, was ich im Leben erfahren habe und das ich nicht mehr verdient habe als ein Anderer, getan? Habe ich mir damit ein schönes Leben gegönnt und nebenbei ab und zu mal ein Krankenhaus besucht? Ist es eine Meisterschaft, ein Champions-League-Finale, an dem ich mein Leben messe? Vielleicht ist es ein Teil. Aber für mich gibt es eben noch mehr als das.

Sie haben direkten Kontakt zu den Menschen in schwierigen Regionen. Fassen Sie sich an den Kopf, wenn Sie die Flüchtlingsthematik hier in Europa verfolgen?

Es ist eine enorm schwierige Debatte, da ein klares Ziel noch nicht festgelegt wurde, das langfristig wirken kann. Viele verschiedene Interessen kommen zusammen. Ich sehe das Ganze noch ein bisschen mit Skepsis. Es wird manchmal so dargestellt, als ginge es wirklich um eine gemeinsame Lösung. Dabei sind die Ansätze auf der UN-Charta nicht immer mit Leben gefüllt. Die reden über Integration, Entwicklungspolitik, wie man Auffanglager an den Küstenländern errichtet… Da will ich sagen: ‚Seht ihr alle, was gerade passiert?‘ Da wird nicht versucht, die Ursache zu mildern, sondern der Übergang erschwert.

In Deutschland wurde zuletzt eine offizielle Statistik publik gemacht und dargestellt, wie kriminell Flüchtlinge sind.

Kriminalität ist ein Symptom. Wenn man etwas hat, gibt es keinen Grund, etwas zu klauen. Die meisten dürfen nicht arbeiten. Für sie gibt es keinen Ausweg. Wenn mir jemand sagen würde: ‚Du darfst sechs Monate nicht arbeiten und kein Geld verdienen‘, und hätte ich schon kein Geld, wüsste ich nicht, was ich tun würde. Das ist für mich wie ein moderner Knast. Auch wenn man sich anschaut, wo die Flüchtlingsunterkünfte gebaut werden, teilweise in Stadtteilen, in denen keine Integration möglich ist. Es gibt auch sonst viele Hürden. Lassen Sie mich ein Beispiel erzählen.

Gerne.

Es gab in Dortmund ein Programm, an dem auch drei Kosovaren teilgenommen haben. Sie haben eine Ausbildung als Bäcker bekommen. Ein Beruf, den immer weniger Deutsche machen wollen, weil man um vier Uhr morgens schon auf der Matte stehen muss. Für die Jungs war das dagegen eine große Chance. Ihre Arbeitgeber waren überzeugt und wollten ihnen eine Chance geben. Aber das Problem war, dass die Jungs keine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis hatten. Um eine zu bekommen, mussten sie zum einem 1.200 Euro auf einem Bankkonto nachweisen und zum anderen dann noch einmal zurück in den Kosovo reisen, einen Antrag stellen und dann wieder nach Dortmund zurückkehren. Das kostet ja auch nochmal viel Geld. Das ist in Bosnien oder im Kosovo fast ein Jahresgehalt. Solche Regeln machen eine sinnvolle Integration unnötig schwer.

Sie kennen die Brennpunkte der Welt, Sie machen sich selbst regelmäßig ein Bild davon. Verstehen Sie die Situation auf dem Globus nun besser?

Das Wichtigste: Ich komme dadurch an Fakten, und zwar so wie sie sind. Ich habe gemerkt, wie einseitig berichtet wird. Vor vier, fünf Jahren habe ich aufgehört, Fernsehen zu schauen. Gefühlt ist jeder ein Philosoph. Aber die meisten haben kein Grundwissen. Aber wissen Sie, was die wirklichen Probleme der Welt sind? Womit hängt alles zusammen? Vielleicht sind wir hier gar nicht unschuldig an dem, was da draußen passiert. Durch mehr Information und Kommunikation können wir vielleicht etwas tun, damit es anders wird.

Und da kommt Ihre Stifung ins Spiel.

Bevor man sich in Statistiken verliert, muss einem klar sein, dass es um den einzelnen Menschen geht. Wir versuchen immer die Geschichten der Leute aufzuzeigen, um den Menschen dahinter zum Vorschein zu bringen. Um sie zu verstehen. Man befreit sich nicht von der Schuld, wenn man zehn Euro spendet und hofft, dass alles gut wird. Nein, wichtig ist, mit Lösungansätzen an die Sache heranzugehen.

Wie sieht Ihr Lösungsansatz aus?

Wir begegnen den Menschen auf Augenhöhe und suchen gemeinsame Lösungen. Wir wollen zu einer positiven, solidarischen, internationalen Gemeinschaft beitragen. Im Mittelpunkt steht das Thema Wasser. Das, was jeder Mensch auf der Welt braucht, ist Wasser. Für uns ist das selbstverständlich, aber Kinder südlich der Sahara laufen täglich bis zu sechs Kilometer, um Wasser zu bekommen. Jeden Tag. Bei einer brutalen Hitze. In der Region sind die Wege nicht asphaltiert. Da geht es Berg auf, Berg ab. Und das Wasser, das sie am Ende bekommen, ist qualitativ nicht wie hier. Wenn wir mit diesem Wasser in Berührung kommen würden, würden wir sofort duschen gehen wollen. Die Menschen dort müssen es ihren Kindern zum Trinken geben. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass man nicht täglich drei bis fünf Stunden zurückgelegen muss, um dreckiges Wasser zu holen. Drei bis fünf Stunden, mit der Müdigkeit des Vortages, weil du das jeden Tag machst. Stell dir vor, jemand schenkt dir diese fünf Stunden, in denen du nicht 20 Kilogramm schleppen musst.

Das Ganze hat noch einen positiven Nebeneffekt.

Genau. Anstatt jeden Tag zum Wassertransport zu gehen, bekommen die Kinder die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Unsere Aufgabe ist es auch, den Kindern Bildung zu ermöglichen. Wir haben es geschafft, dass noch mehr Kinder eine Bildung bekommen. Das ist uns sehr wichtig.

Sie investieren viel Zeit und Herzblut für die Stiftung. Werden Sie bei Ihren Klubs gefragt, ob Sie sich überhaupt auf Fußball konzentrieren können?

Du kannst keinen Spieler kaufen und sagen: ‚Deine Familie lässt du zu Hause.‘ Das ist irreal und nicht förderlich. Für mich ist die Arbeit wertvoll, es macht mir Spaß und mir würde etwas fehlen. Als würde man jemandem seinen Sohn oder seine Tochter wegnehmen. So ein Klubmanager hat natürlich viele Probleme: Sein Spieler guckt die ganze Zeit aufs Handy. Ist das gut für den Fußball? Der andere studiert nebenbei Sportmanagement. Ist das gut für den Fußball? Der andere hat sich von seiner Frau getrennt. Ist das gut für den Fußball? Meine Sache ist natürlich neu, aber das wird offen besprochen, damit jeder weiß, woran er ist. Das Eine ergänzt das Andere und ich bin ja auch nicht alleine.

Ist Ihnen die Unwichtigkeit des Fußballprofidaseins bewusst geworden?

Ich empfinde die vermeintliche Wichtigkeit teilweise als sehr groß; Fußballer übernehmen eine ungeheure Verantworung in der Gesellschaft. Wenn ein Fußballer sagt, dass Schule wichtig ist, beeindruckt das Kinder mehr, als wenn ihnen das ein Lehrer sagt. Dabei ist der Lehrer viel qualifizierter dafür. Wenn ich einem Jungen sage, ‚sag Danke und Bitte‘, hat das auch mehr Gewicht als das Wort der Eltern. Ich finde so etwas gefährlich, weil Fußballer nicht ausgebildet wurden, Soziologen zu sein. Kinder machen das, was sie sehen. Erinnern Sie sich doch an die „Ice Bucket Challenge“. Die Leute haben es nachgemacht. Das zeigt, welche Kraft dahintersteckt. Wobei das wieder positiv war, weil viel Geld zusammengekommen ist.

Ist für Sie nach Fußball Schluss mit Fußball?

Wenn ich nicht mehr spiele, sehe ich meine Arbeit im Stiftungswesen. Ich möchte meine verfügbare Zeit gerne weiterhin der Gemeinnützigkeit widmen. So, wie ich es heute schon mache. Aus heutiger Sicht kann ich mir den Posten eines Trainers oder Managers nicht vorstellen. Dann immer noch jedes Wochenende unterwegs, Hotels, Stadien. Das habe ich ja als Profi alles schon mal gesehen.

Neven, wann tritt bei Ihnen das Gefühl ein, dass Sie etwas erreicht haben?

Da bin ich ganz schlecht. Ich bin sehr selbstkritisch. Ich kann gute Momente gar nicht erleben. Ich strebe immer nach Perfektion. Zwischendurch gibt es Momente, die messbar und hilfreich sind, wenn wir beispielsweise über 30.000 Menschen Zugang zu Wasser gesichert haben. Das Schöne sind aber nicht unbedingt die Meilensteine. Wenn man währenddessen bestimmte, schöne Geschichten in den eigenen Rucksack des Lebens packen kann, freut es mich am meisten. Und das Lächeln der Menschen, deren Leben wir etwas erleichtern wollen.

Autor: Fatih Demireli

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Olympia 2018: Das Socrates Special

Die 16. Ausgabe ist ab sofort im Handel! Wenige Tage vor dem Start der Winterspiele bringen wir ein Olympia Special. Im Fokus: Laura Dahlmeier, Viktoria Rebensburg, Adam Malysz, Marcel Hirscher, Felix Neureuther, u.v.m.

Die Themen dieser Ausgabe

Biathlon | Laura Dahlmeier: Bereit, viel zu opfern. Aber nicht alles.

Laura Dahlmeier ist das Aushängeschild des deutschen Biathlonsports. Ihre Akribie und Beharrlichkeit können für Wegbegleiter anstrengend sein. Für ihren Erfolg sind sie aber unabdingbar. Ein Porträt.

adam

Skisprung | Adam Małysz: „Nun haben wir alles“

Am Anfang war nur Adam Małysz. Mittlerweile hat Polen im Skisprung eine Mannschaft, die sogar Titel holt. Der Weg war aber kein einfacher, wie Małysz SOCRATES erzählt.

Ski Alpin | Viktoria Rebensburg: „In mir brennt noch das Feuer“

Vor acht Jahren fuhr Viktoria Rebensburg zu Olympia-Gold im Riesenslalom. Sie will immer noch die schnellste sein. Deutschlands beste Skifahrerin über wichtige Analysen, die Heimat und Wärmekabinen.

Die weiteren Wintersport-Themen

Erst die Winterspiele, dann die Fussball-WM. Das Sportjahr 2018 hat viel zu bieten – vor allem viel Schatten. Das IOC steht dabei im Fokus.

„Ich habe die Verletzung gebraucht“ – Marcel Hirscher erzählt SOCRATES, warum ihn seine große Verletzung nicht zurückgeworfen, sondern nur noch stärker gemacht hat.

Rosi Mittermaier und Christian Neureuther wollten nie eine Inspiration für ihren Sohn sein. Stolz sind sie aber. Ein Elterngespräch über die Liebe zum Schnee und über einen weinenden und schreienden Felix Neureuther.

Lake Placid, 1980. Mitten im kalten Krieg erschufen 20 College-Eishockey-Bos gegen die als unschlagbar geltende Sowjetunion einen der größten olympischen Momente. Das Miracle on Ice. Die wunderbare Story, erzählt von Christian Bernhard.

Dazu Interviews mit Willi Lemke, Michael Rösch, Anna Seidel und Co.

Fußball, Basketball und Co.

"Ich werde Heynckes nicht loben"

Vor den Champions-League-Spielen gegen den FC Bayern: Besiktas-Trainer Senol Günes erzählt im exklusiven Interview, warum sich die Türkei bei Deutschland bedanken muss und wie die CL-Spiele die politische Lage entspannen könnten.

Gaël Monfils im Interview

Gaël Monfils ist viel mehr als ein Showman. Der französische Tennisprofi gibt einen tiefen Einblick in sein Seelenleben und spricht offen über seine Probleme außerhalb des Courts.

Das Einhorn und der Fresh Prince

Die New York Knicks überraschen diese Saiason mit einer guten Mischung aus modernem Angriff und ruppiger Verteidigung. Zwei junge Europäer verändern die Identität der Franchise. Ein Socrates-Besuch bei Kristaps Porzingis und Frank Ntilikina.

Dies und vieles mehr…

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Mario Gómez: Ein Mann mit sich im Reinen

Mario Gómez kehrt VfB Stuttgart zurück. Im Mai 2017 sprach der Stürmer mit Socrates über seine bewegten Jahre und die Erfahrungen, die ihn als Menschen verändert haben. Ein Interview über einen Mann, der die Welt noch erobern will.

Mario Gómez, hoffen Sie, dass Andries Jonker nach Dieter Hecking und Valérien Ismaël Ihr letzter Trainer beim VfL Wolfsburg ist?

Ja, das hoffe ich tatsächlich. Wenn die Situation sich weiter so gut entwickelt, wie sie angefangen hat, dann wäre es ja auch unabhängig von meiner Person für Wolfsburg schön, wenn Andries Jonker die nächste Epoche des Vereins prägen würde. Ich würde es ihm wünschen. Die Chemie stimmt zwischen Mannschaft und Trainer.

Reicht die Chemie für ein Saisonende ohne Relegationsstress?

Wir dürfen die Situation nicht schönreden. Wir kämpfen um den Klassenerhalt, brauchen in jedem Spiel unbedingt Punkte. Aber positiv festzuhalten ist: Die Ergebnisse unter Andries Jonker kommen nicht glücklich zustande. Was wir auf dem Platz abliefern, hat Hand und Fuß. Er hat es in kürzester Zeit geschafft, dass wir Spieler verstehen, was er von der Mannschaft will, dass wir auch in dieser schwierigen Situation Fußball spielen können. Auch wenn wir spielerisch noch lange nicht da sind, wo wir hinwollen und auch hinkönnen.

Das Interview erschien in der 7. Ausgabe

Das Interview erschien in der 7. Ausgabe

Eine Holland-Hilfe zur richtigen Zeit?

Man unterstellt den Holländern ja immer dieses positiv Arrogante. Ich finde nicht, dass es Arroganz ist. Eher Selbstbewusstsein. Ich hatte vom ersten Tag an das Gefühl: Andries Jonker geht es einzig und allein darum, uns unabhängig vom Tabellenplatz seine Philosophie und Taktik zu vermitteln. Das große Ganze zu sehen, das ist für mich das A und O. Es gibt immer wieder Beispiele, bei denen sich alle die Augen reiben und sich wundern, warum es so läuft, wie es läuft. Leipzig ist so ein Beispiel. Die haben 15 oder mehr Spieler im Kader, die vergangene Saison noch in der Zweiten Liga gespielt haben. Und diese Saison zählen sie in der Ersten Liga zu den Besten. Warum? Weil sie eine ganz klare Philosophie haben, diesen Plan schon seit Jahren verfolgen und jeder weiß, was zu tun ist. Das ist Fußball 2017.

Ist Wolfsburg in den kommenden Jahren in der Lage, auch wieder oben mitzumischen?

Langfristig ist das die Vision und auch das Ziel dieses Vereins. Wir müssen da auch gar nicht drum herum reden: Wenn man sich die Qualität unseres Kaders und die Investitionen des Vereins anschaut, dann kann der Anspruch hier nicht der Kampf um den Klassenerhalt sein. Aber es gibt immer mal wieder Situationen, die sich komplett anders darstellen, mit denen man sich dann auseinandersetzen muss. Nehmen wir Dortmund. Die waren vor zwei Jahren zur Winterpause Zweitletzter – mit einer Wahnsinnsqualität in der Mannschaft. Keiner hat verstanden, warum das so war. Man muss dann nach den Ursachen forschen, diese intern aufarbeiten. Genau das wurde und wird hier in Wolfsburg gemacht. Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt einen Trainer haben, der perfekt zu dieser Mannschaft passt.

Der Wolfsburg auch wieder zu Titeln führen kann?

Ob es selbst bei der besten Arbeit zu Pokalen und Titeln reicht, sei mal dahingestellt. Es gibt mit Bayern und Dortmund zwei Mannschaften in der Liga, die den anderen Teams so sehr überlegen sind, dass es verdammt schwer wird für die anderen Klubs, in den kommenden Jahren etwas zu gewinnen. Ich befürchte auch, dass sich diese Situation nur schwer ändern wird, solange die 50-plus-1-Regel gilt.

Sie sind gegen 50 plus 1?

Ich kann die Fans der Traditionsteams verstehen. In meinen Augen besteht jedoch die Chance, die Bundesliga an der Spitze wieder spannender zu machen, darin, diese Regel zu überdenken. Ansonsten wird die nächsten zehn Jahre zehnmal Bayern Meister. Wenn sie schwächeln, vielleicht mal Dortmund oder früher oder später Leipzig. Man sieht das doch beispielsweise in England, wo es viel mehr Mannschaften gibt, die um den Titel spielen, die echte Chancen auf Pokale haben. Ich glaube zwar, dass in Wolfsburg wie auch in Leipzig das Potenzial aufgrund der besonderen finanziellen Möglichkeiten vorhanden ist, aber der Vorsprung von Bayern und Dortmund auch für diese Klubs in den kommenden Jahren nicht aufzuholen sein wird. Der Vorsprung ist zu riesig. Das wird viele Jahre dauern. Aber besser ein paar Jahre als nie.

Heißt im Umkehrschluss: Der Abstiegskampf wird in Zukunft immer spannender als das Meisterschaftsrennen sein?

Ja, und das finde ich wahnsinnig schade. Gefühlt sind 14 Mannschaften jede Woche gestresst, sind jede Woche unter Druck. Diese Mannschaften spielen überhaupt nicht den Fußball, den sie eigentlich können, weil es immer nur um den Moment geht. Man kann fast sagen: Nervosität beherrscht die Bundesliga. Ich würde mir wünschen, dass wir bei aller sportlichen Brisanz wieder mehr dahinkommen, dass Vereine ihrer Grundausrichtung und Idee folgen und nicht immer nur das Aktuelle gesehen wird. Und die Trainer nur ums Überleben kämpfen und gar nicht mehr ihre Philosophie einer Mannschaft einimpfen können, weil sie nach jeder Niederlage in Frage gestellt werden.

Haben Sie Lösungsansätze?

Vielleicht müssen viele Vereine die Erwartungen ein bisschen runterschrauben. Nehmen wir Stuttgart. Die haben jahrelang gegen den Abstieg gespielt, hatten überhaupt keine schöne Zeit. Als sie vergangene Saison abgestiegen sind, haben alle geschrien: „Um Gottes willen, das ist eine Katastrophe.“ Doch für die Gesamtstimmung im Verein hatte die Situation vielleicht sogar eine positive Wirkung, indem sich der Verein auch von innen ein Stück weiter erneuern konnte und musste. Es wurde vieles hinterfragt, mit Mut aufgeräumt und neu ausgerichtet. Nun haben sie in Stuttgart aktuell wieder ein Jahr mit Erfolg. Das gibt dem ganzen Verein Ruhe, ein breiteres Kreuz und auch wieder strahlende Gesichter. Das kann für den Verein ein super Neustart sein. Noch schöner wäre es doch aber, wenn sie diesen Mut ohne Abstieg gehabt hätten. Diese Freude, wie beispielsweise aktuell in Stuttgart, vermisse ich derzeit so ein bisschen in der Bundesliga.

In Wolfsburg endet Ihr Vertrag 2019. Dann sind sie 33 Jahre alt. 33, die Zahl, die sie seit Beginn Ihrer Profikarriere auf dem Rücken tragen. Schöner kann sich der Kreis doch eigentlich nicht schließen.

Lustigerweise hatte ich von Anfang bis Ende 20 genau diesen Gedanken im Kopf: ‚Mit 33 Jahren höre ich auf.‘ Genau deswegen: Weil die 33 eben immer eine so besondere Rolle in meiner Karriere gespielt hat. Ich war früher extrem abergläubisch, bin davon aber in den vergangenen Jahren ein bisschen weggekommen. Okay, ich habe immer noch meine Macken vor jedem Spiel: Erst linker Schuh, dann rechter Schuh und diese Dinge. Aber so einen großen Schritt wie ein Karriereende mache ich sicherlich nicht vom Aberglauben abhängig. Ich entscheide das nach Empfinden. So lange ich das Gefühl habe, dass ich mich noch durchsetzen kann und Spaß daran habe, so lange werde ich auch spielen.

Könnten Sie sich nach Wolfsburg noch einen weiteren Verein in der Bundesliga vorstellen?

Schwer. Aber ich gebe ungern endgültige Statements ab, weil man einfach nie weiß was kommt. Ich habe in der Vergangenheit auch schlechte Erfahrungen gemacht mit Plänen, die ich mir zurechtgelegt hatte. Ich versuche jetzt einfach nur noch, den Moment zu leben und zu nutzen. Das entspannt mich wahnsinnig. Was sportlich als nächstes kommt, interessiert mich gerade nicht.

Eine finale Station im Ausland reizt auch nicht?

Ich bin happy mit der Situation, wie sie ist, zurück in Deutschland zu sein, zurück in der Bundesliga. Die Stadien sind voll, es herrscht dort eine gute Atmosphäre. Außerdem bin ich viel näher an meiner Familie, die es umgekehrt auch viel einfacher hat, mich und meine Frau zu besuchen. Wir haben in der Familie mittlerweile viele Kleinkinder, die wir auch erleben möchten. Und nicht erst das nächste Mal sehen, wenn die dann auf einmal schon fünf sind.

Eine Rückkehr zu Beşiktaş nach Istanbul wird trotz der Gerüchte in den türkischen Medien also kein Thema sein?

Wenn ich die Berichterstattung in der Türkei richtig überliefert bekommen habe, war ich ja schon drei Mal wieder da und habe auch schon drei Mal unterschrieben. Aber im Ernst: Die Türkei-Zeit war für mich total hilfreich. Es war einfach alles mega. Die Leute waren unheimlich nett, ich hatte ein Wahnsinnsjahr dort. Allerdings sind die Medien dort schon extrem. Ich konnte zum Glück nicht verstehen, was in der Zeitung steht. Aber natürlich habe ich mitbekommen, dass da viele Geschichten auf den Tisch kamen, die so nie passiert sind und auch viele Aussagen von mir völlig falsch wiedergegeben wurden.

Ihre Reaktion darauf?

Gar keine. Ich habe das nie revidiert, habe mich nie auf diesen Schlagabtausch eingelassen. Ich habe die Dinge einfach laufen lassen und mich nur auf das Sportliche konzentriert. Daher war ich auch zu allen Journalisten immer nett (lacht). Im Nachhinein war das schon irgendwie lustig. Diejenigen, die eine schlechte Story über mich veröffentlicht hatten, waren über mein freundliches Verhalten beim nächsten Wiedersehen ganz schön irritiert. Aber ich wusste ja gar nicht: Ist das jetzt der Böse oder der Gute? Und das habe ich übernommen. Irgendwie fahre ich gut damit, weil es für mich keine Rolle mehr spielt, wie ich von anderen oder von Journalisten gesehen werde. Ich versuche einfach, ich selbst zu sein. Und dabei allen Leuten freundlich gegenüberzutreten. Deshalb war die Türkei sehr entscheidend für mich. Aber jetzt bin ich mit beiden Beinen in Wolfsburg. Und um es nochmal klarzustellen: Was in der Türkei geschrieben wird – nach dem Motto, ich würde mich in Deutschland nicht wohlfühlen und zurück wollen –, das sind alles Märchen.

Sind denn Gedanken über die Zeit nach Ihrem Karriereende bereits wahrhaftig?

Natürlich trage ich diese Gedanken in mir. Und ich muss sagen, es sind sogar schöne Gedanken. Ich habe überhaupt keine Torschlusspanik. Ich denke überhaupt nicht: Oh je, vielleicht sind es nur noch zwei Jahre. Es sind eher Gedanken wie: Was habe ich in meinem Leben alles verpasst wegen des Fußballs? Was für Dinge habe ich versäumt, was will ich noch sehen? Das sind Reisen, Sportarten, Adventures, die ich erleben möchte.

Abenteuer wie Bungee-Jumping?

Um Gottes willen. Ich denke eher an so Dinge wie Skifahren im Winter. Ich liebe München und bin da mittlerweile auch heimisch. Dort haben wir so grandiose Möglichkeiten mit den Bergen und den Seen. Im Sommer möchte ich nach der Karriere zum Beispiel einfach mal Wasserski fahren. Es sind diese kleinen Dinge, die für andere ganz normal sind. Für mich waren sie bisher nicht möglich. Weil ich immer daran gedacht habe: Mario, du hast lange Haxen. Das heißt: Man verdreht sich schnell das Bein, und dann sitzt man da im Profifußball und schaut eine Weile zu. Deshalb habe ich das nie getan.

Aber reisen können Sie doch.

Es geht für mich vielmehr darum, Länder zu bereisen, wann immer man darauf Lust hat. Als Profifußballer kann ich nur wenige Wochen im Sommer oder Winter tun und lassen, was ich will. Und selbst da achtet man darauf, dass man nicht in zu vielen Zeitzonen unterwegs ist, dass man nicht komplett raus aus seinem Rhythmus kommt. Ich freue mich wahnsinnig auf das Spontane. Zu sagen: Morgen möchte ich das machen. Und es dann auch zu tun. Dafür werde ich mir viel Zeit nehmen. Diese Spontanität habe ich seit 20 Jahren nicht mehr. Ich werde mich auch auf keinen Fall sofort in eine nächste Aufgabe stürzen. Ich werde erstmal durchatmen, runterkommen und Dinge verwirklichen, die ich schon lange im Kopf habe, aber nie gemacht habe.

Das klingt wie eine persönliche Befreiung.

Nein, gar nicht. Ich liebe den Fußball und mein aktuelles Leben. Und ich hoffe auch auf noch viele gute Jahre. Aber wenn Sie mich auf die Zeit danach ansprechen, sind das meine Gedanken. Ich möchte einfach einiges noch ausprobieren. Vielleicht macht mir auch vieles davon gar keinen Spaß. Das werde ich dann sehen. Ich möchte auch viel mehr Zeit mit meinen Liebsten verbringen. Freunde im Ausland besuchen, die ich über all die Jahre kennengelernt habe. Es sind rundum positive Gefühle, wenn ich an die Zeit danach denke. Ich bin mit mir total im Reinen. Selbst wenn es morgen vorbei wäre, könnte ich sagen: Ich hatte eine wunderschöne Karriere.

Sind auch die Gedanken da: Endlich mal sesshaft werden, endlich keine Umzüge mehr?

Ja, wobei ich jetzt schon zwei, drei Heimaten für die Zeit nach dem Fußball habe. Ich bin durch meinen Vater sehr mit Spanien verbunden, werde sicherlich auch immer einige Zeit in Spanien sein. Dann eben München als Familienstandpunkt. Dazu kommt meine ursprüngliche Heimat im Schwabenland, wo ich immer noch sehr gerne bin. So fix an einem Punkt werde ich also sicher nicht leben. Der Fußball hat mich zu einem offeneren Menschen gemacht.

Inwiefern?

Weil ich während meiner Karriere so viele verschiedene Kulturen kennenlernen durfte. Dementsprechend werde ich wahrscheinlich immer ein Globetrotter sein. Aber ich bin mir sicher, dass ich irgendwann auch mal froh sein werde, zu sagen: So, jetzt bin ich mal drei Monate in Folge in München, gehe in den Englischen Garten, danach in der Stadt einen Kaffee trinken und dann vielleicht noch abends ins Kino. Und sonst bin ich eben einfach nur daheim und genieße es, Zeit zu Hause und Zeit für meine Freunde zu haben. Zeit, die man selten hatte.

Ist ein Leben komplett ohne Fußball für Sie vorstellbar?

Ja. Vorstellbar auf jeden Fall. Ich möchte mich da aber heute noch gar nicht festlegen. Wer weiß schon, was in ein paar Jahren ist. Außerdem werde ich mir auch nach meinem Karriereende noch einige Spiele, beispielsweise von Bayern oder Barcelona, anschauen. Ich werde auch oft in Barcelona im Stadion sein. Das habe ich schon als kleines Kind getan, und das werde ich auch nach meiner Zeit als Profifußballer wieder tun, weil ich dafür einfach zu sehr diesen Klub und diese Stadt liebe. So werde ich dem Fußball auf jeden Fall schon mal verbunden bleiben. Aber eben als Fan statt in irgendeiner Funktion für einen Verein oder einen Verband.

Den Konkurrenten Gómez muss Miro Klose als Trainer nicht fürchten?

Trainer oder Manager kommt für mich, Stand heute, definitiv nicht in Frage. Weil ich diese Spontanität, von der ich eben sprach, in meinem Leben haben möchte. Ich kann es mir nach meinem Karriereende nicht vorstellen, dass ich freitagabends in irgendeinem Hotel sitze und mir über den anstehenden Spieltag Gedanken machen muss. Das ist nicht das, was ich mir für meine Karriere danach vorstelle.

Haben Sie zu Klose deshalb mal gesagt: ‚Miro, bist du bescheuert, dir das anzutun? Da spielst du bis 38 – und dann kannst du immer noch nicht aufhören mit dem Fußball.‘

Nein, nein. Noch ist sein Trainer-Dasein ja relativ entspannt. Die Sachen, die er jetzt gerade macht, machen Spaß. So könnte ich mir es auch noch vorstellen, Trainer zu sein: Da mal ein Lehrgang und da nochmal ein Lehrgang. Begleitet von einem schönen Länderspiel (lacht). Der Traineralltag wird dann allerdings schon ein anderer sein.

Können Sie sich Klose als Bundesliga- oder Bundestrainer vorstellen?

Natürlich, absolut. Er war ja auch als Spieler immer schon wahnsinnig intelligent. Er hat es auch immer geschafft, auf den Punkt da zu sein. Das ist eine große Qualität. Es muss ja irgendwas in ihm stecken, das diese mentale Stärke bekräftigt. Ihm ist das Talent nicht nur in die Füße, sondern auch in den Charakter gelegt worden. Und auch dieses Talent kann er an junge Spieler weitergeben. Ich glaube, Miro kann ein sehr, sehr guter Trainer werden.

Deutschland wird Weltmeister 2018 mit Klose als Co-Trainer und Gómez als Stürmer.

Eine schöne Geschichte.

Traum oder realistisches Ziel?

Mit Deutschland ist es immer realistisch, Weltmeister zu werden. Vor allem mit der Mannschaft, die wir aktuell zur Verfügung haben. Aber ob es dann auch so kommt, hängt von so vielen Faktoren ab – unter anderem der Tagesform, die auf allerhöchstem Niveau einfach oftmals entscheidend ist. Für mich ist aber schon jetzt klar: Wir reisen als einer der üblichen Favoriten 2018 nach Russland.

Eine Reise, die dann womöglich Ihre letzte Reise als aktiver Fußballer ist.

Voraussichtlich wird es mein letztes Turnier werden. Irgendwie ist das auch so ein rundes Ding: Als ich 2014 verletzt zu Hause saß und nicht in Brasilien dabei sein konnte, habe ich mir immer gesagt: Eine EM und eine WM kommen noch für mich. Die lasse ich mir nicht mehr nehmen. Das war und ist auch weiterhin mein täglicher Antrieb. Bei der EM war ich schon mal dabei. Nun trage ich im Hinblick auf die WM eine große Zuversicht und auch Hoffnung in mir.

Wissen Sie noch, was Hoffnung auf Türkisch heißt?

Das wusste ich noch nie.

Umut.

Umut? Ich glaube, das Wort haben sie mir in der Türkei doch mal gesagt. Wollen Sie mit mir jetzt über meine Hoffnung für die Türkei sprechen?

Gerne.

Ich möchte mich an den großen politischen Diskussionen nicht beteiligen. Ich wünsche mir einfach für die Menschen in der Türkei, dass nach all den Unruhen jetzt wieder Normalität einkehrt. Ich wünsche mir Frieden. Nicht nur in der Türkei, weltweit!

Bereitet Ihnen die weltpolitische Lage generell Sorgen?

Es gibt ja immer so Zyklen. Es wurden irgendwann die Gemeinschaften gegründet: EU, NATO und so weiter. Sogar ganze Nationen haben sich zusammengeschlossen, weil man gemerkt hat: Zusammen ist man stark. Dann hat es lange ganz gut funktioniert. Jetzt hat man das Gefühl: Alle müssen sich mal austesten, reiben und streiten. Um dann zu merken, dass es doch nur zusammen geht. Ich hoffe, dass wir uns jetzt in dieser Phase befinden, die dann zu einem guten und friedlichen Abschluss kommt. Das ist mein großer Wunsch für die Zukunft.

Sie tragen also auch hier viel Hoffnung in sich?

Ich bin von Hause aus ein positiver Mensch. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Respekt natürlich, weil man die genaue Entwicklung momentan nicht abschätzen kann. Aber ich glaube, dass wir alle unter dem Strich erkennen, dass es eben nur zusammen geht und wir alle eins sind.

Lassen Sie uns den Fokus nochmal auf den Fußball richten. Warum ist Paris für Julian Draxler so viel besser als Wolfsburg?

Weil er dort befreit aufspielen kann. Ich glaube, dass er irgendwann in seinem Kopf hatte, dass er hier aus Wolfsburg weg muss. Ab dem Moment ist es dann schwierig, gut Fußball zu spielen. Das hat nichts mit  Wolfsburg zu tun. Wenn sich ein Spieler im Verein nicht wohlfühlt – egal, wo auf der Welt –, wenn er mit dem Kopf nicht mehr da ist, dann kann er nicht die Leistung bringen, zu der er eigentlich im Stande ist. Dass  Julian ein begnadeter Fußballer ist, wissen wir alle. Dass er große Dinge leisten kann, wissen wir auch. Für mich hat das auch gar nichts mit Paris zu tun. Es hat einfach damit zu tun, dass er jetzt da ist, wo er hin wollte und deswegen da auch gut Fußball spielen kann.

Ein anderer Nationalspieler, der auch einen Wechsel in der Hoffnung auf persönliche Verbesserung vollzogen hat, ist Mario Götze.

Ich wünsche ihm einfach nur, dass er schnell wieder zu 100 Prozent gesund und fit wird. Weil er einer der besten Spieler ist, die wir in Deutschland jemals hatten. Und von diesem Satz bin ich wirklich ganz, ganz tief überzeugt. Ich muss ganz oft an seine Trainingseinheiten im Vorfeld seines ersten Länderspiels 2010 in Schweden denken. Ich habe damals nur gedacht: ‚Leck mich am Arsch, was ist das denn?‘ Wo kommt der denn her? Der hatte mit 18 Jahren eine Selbstverständlichkeit in seinem Spiel, bei der ich mir dachte: ‚Hut ab. Da haben wir einen!‘

Im Basketball haben wir mit Dirk Nowitzki ebenfalls einen. Wie eng sind Sie wirklich mit ihm befreundet?

Freundschaft würde ich es nicht nennen, denn ich habe ihn erst einmal getroffen. Wir haben denselben Sponsor. Aus diesem Grund hatten wir 2015 auch das Champions-League-Finale zusammen gesehen, hatten ein tolles Wochenende in Berlin. Dirk ist ein lustiger, aufgeschlossener Typ. Er ist wahnsinnig interessiert an allem im Fußball, hat Miro Klose und mich während des Finales mit Fragen gelöchert. Manchmal saß ich da, habe ihn einfach nur angeschaut und musste schmunzeln. Dirk ist ein Unikat. Eine Erscheinung. Alle sagen über ihn, er sei so bodenständig. Und wenn man ihn dann erlebt, sagt man sich: Der ist wirklich so bodenständig. So normal, als ob er noch kein einziges NBA-Spiel gemacht hätte. Beeindruckend und ein Vorbild für jeden Sportler.

Und wer beendet als erster seine Karriere: Dirk Nowitzki oder Mario Gómez?

Ich weiß nicht, was der Lange vorhat. Lassen wir uns überraschen. Anscheinend wird er nie älter. Aber gefühlt mache ich noch länger.

Felix Seidel / Fatih Demireli

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Lothar Matthäus: „Hier darfst du atmen“

Lothar Matthäus hat die Welt erobert, aber erst heute den Ort gefunden, an dem er sich frei fühlt. Das deutsche Idol spricht im Interview mit Socrates über ein Leben unter Beobachtung, falsche Wahrnehmungen und natürlich über Fußball.

Socrates traf Lothar Matthäus in München

Lothar Matthäus: „Mein Sohn ist sportlich gesehen mehr Vettel als Matthäus“

Socrates traf Lothar Matthäus in München zum Interview – die bayerische Landeshauptstadt ist aber längst nicht mehr seine Heimat, denn der deutsche Rekordnationalspieler lebt im Ausland und erklärt im Interview die Gründe für den Standortwechsel und sein Fernweh.

Wer wird Bayern-Trainer?

Matthäus spricht auch über Schwierigkeiten in der Vergangenheit, den Fokus seiner Kinder, Ex-Fußballstars wie Thomas Häßler, die in TV-Shows auftreten müssen und über seine Zukunft als Trainer. Außerdem hat Lothar Matthäus einen Tipp für den Posten des Bayern-Trainers.

Die Themen in Ausgabe #15

Der große Jahresrückblick

12 Monate, 12 bewegende Ereignisse

Exklusiv-Interview mit Borussia Mönchengladbachs Lars Stindl

Vom Geheimtipp zum Hoffnungsträger Löws?

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Was sich seit Mai 2017 getan hat: von Autor Rafael Buschmann

Neymar

Warum er ohne seinen Vater nicht funktioniert…

Exklusiv-Interview mit Rod Laver

Socrates traf die die Tennis-Legende

Michael van der Gerwen

Großspurig und erfolgreich: Das Porträt

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Nuri Sahin: „Mourinho? Hart, aber menschlich“

Nuri Sahin hatte das große Glück, mit vielen großen Trainern zu arbeiten. Trainertypen, die ihn selbst zum Trainer machten. In seiner ersten Socrates-Kolumne, die im Oktober 2016 erschienen war, schreibt der Dortmunder, was Jose Mourinho und Co. so besonders macht.

Ich hatte in meiner Karriere das Privileg, mit vielen großen Trainern zu arbeiten. Durch den Einfluss der Zusammenarbeit mit den „Big Bosses“ dieses Geschäfts habe ich selbst große Lust entwickelt, nach meiner aktiven Laufbahn Trainer zu werden. Seit geraumer Zeit bin ich Co-Trainer meines Bruders, der unseren Heimatverein in der 8. Liga trainiert. Wir filmen unsere Trainingseinheiten, unsere Spiele, aber auch die Begegnungen unsere Gegner, um uns und sie zu analysieren. Ich habe mir auch für zu Hause ein Equipment angeschafft, um Spiele zu filmen und die taktischen Züge der Trainer zu studieren. Auch die Trainingsinhalte bei Borussia Dortmund haben mein Notizblock schon sehr ordentlich gefüllt. Ich versuche einfach ein bisschen mehr zu verstehen.

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Ausgabe #1 erschien im Oktober 2016.

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Der Fußball hat mir in den letzten zwölf Jahren extrem große Erfahrungswerte beschert. Wenn ich an van Marwijk denke, denke ich an das Passspiel. Das hat mir eine Basis verschafft. Mit Jürgen Klopp verbinde ich sehr viel; in erster Linie Teamwork. Er hat mal gesagt, dass es ihm lieber ist, dass Elf zusammen etwas Falsches machen, als wenn jeder das macht, was er will. Das war sehr prägend. Thomas Tuchel ist vielleicht taktisch der beste Trainer, den ich je hatte. Ich finde seine Idee vom Fußball extrem interessant. Brendan Rodgers war ein Verfechter des spanischen Fußballs. Auch meine Trainer in der Nationalmannschaft waren wichtige Figuren: Abdullah Avci möchte sauberen Fußball sehen, ihm war der Austausch mit seinen Spielern sehr wichtig. Guus Hiddink war ein super Trainer. Auch wenn wir nicht erfolgreich waren, hatte er eine gute Idee vom Fußball. Fatih Terim ist klar – er hat eine brutale Siegermentalität und will sie auch von seinen Spielern sehen.

Als Mourinho am Hörer war

In der Hinsicht erinnert er mich an Jose Mourinho. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass sie so gut befreundet sind. Jose ist ein absoluter Siegertyp! Natürlich will jeder Fußballer gewinnen, aber Mourinho verkörpert den Sieg regelrecht. Er tut dafür alles, er liebt den Erfolg und notfalls geht er über Leichen. Er hat seine Spiele in der Halbzeit gewonnen. Diese Ansprache! Unglaublich, ich habe sie heute noch in den Ohren. Sportlich lief es bei Real Madrid nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Es war ein Risiko, das war mir bewusst, aber ich wollte mir die Chance nicht entgehen lassen und nicht eines Tages Reue zeigen, dass ich ein Angebot von Real Madrid abgelehnt habe. Fakt ist, dass Jose extremen Einfluss auf meine Entscheidung hatte. Er hat mich überzeugt, den Schritt zu machen, mir aber dabei nicht die Welt versprochen, sondern war von Anfang an eine ehrliche Haut.

Ich stand damals vor einer schwierigen Entscheidung: In Dortmund bleiben oder den Schritt ins Ausland wagen. Ich hatte meinem Berater gesagt, dass weltweit nur drei Klubs in Frage kommen, um den BVB zu verlassen. Zwei dieser drei Vereine kamen mit einem Angebot. Es kamen auch andere Klubs und mein Berater sagte mir eines Abends, dass ich aus Anstand mit diesen Trainern sprechen müsste, auch wenn ich die Angebote nicht annehme. Ich wollte es zwar nicht tun, griff aber dennoch zum Hörer. Und dann war plötzlich Jose Mourinho dran. Ich war total verdutzt: Er sagte mir, dass er mich monatelang beobachtet hat und dass mein Europa-League-Spiel gegen Sevilla ihm den letzten Kick gab, mich zu holen. Er wusste alles über mich, er wusste, was ich kann und was nicht.

„Was für ein Arschloch!“

Und nochmal: Er war ehrlich! Von dem Zeitpunkt an – bis zum Ende. Manchmal tat es weh, manchmal sagte er Sachen, die ich nicht hören wollte, aber ich wusste immer, woran ich bin. Er war geradeaus. Immer. Ich kann mich an mein bestes Spiel für Real erinnern: Ich habe gegen Granada 45 Minuten super gespielt. In der 44. Minute gab es Freistoß für uns. Ich habe mich super gefühlt und wollte schießen. Ronaldo, der eigentlich ausführen wollte, sagte: „Okay, du schießt!“ Der Ball ging an die Latte und wir gingen in die Kabine. Alle lobten mich, Ronaldo, Alonso, jeder. Was macht der Trainer? Er nimmt mich aus dem Spiel, weil wir 0:1 in Rückstand waren. „Nuri, du hast super gespielt, aber ich muss das Spiel gewinnen.“ Er brachte einen zweiten Stürmer und der schoss das Siegtor. Ich war sauer, aber er hatte recht. Es gab Tage, da dachte ich mir: „Was für ein Arschloch!“ Aber dennoch war ich ihm nicht böse und deswegen sind wir auch bis heute in Kontakt geblieben. Als wir im Sommer in China mit Dortmund gegen Manchester United spielten, fragte er mich wenige Sekunden vor dem Anpfiff, wie es meiner Familie geht und ob in der Türkei alles okay sei. Ich muss zugeben, mir wäre nicht eingefallen, ihn in diesem Rahmen zu fragen, ob in Portugal alles gut sei. Das spricht für ihn.

"Menschekind" war die erste Kolumne Nuri Sahins für Socrates

„Menschenskind“ war die erste Kolumne Nuri Sahins für Socrates

Ich habe sehr viel mitgenommen aus der Zeit mit ihm. Diese Siegermentalität, diese Denke. Wenn ich heute in der 8. Liga meine Jungs trainiere, spüre ich den Einfluss. Ich kann mich an die letzte Saison erinnern, als wir kurz vor Ende der Meisterschaft ein sehr wichtiges Spiel gewonnen haben. Ich habe in der Videoanalyse gesehen, wie nach Schlusspfiff alle Spieler gemeinsam feiern und nur einer in die Kabine geht. Er hat nicht gespielt und war sauer. Mein Bruder ist völlig ausgerastet und wollte ihn eigentlich rauswerfen. Ich meinte dann: „Warte mal, lass uns doch überlegen, wie Mourinho reagieren würde“ und wir haben dann nach Lösungen gesucht. Ihn vor der Mannschaft bloßstellen? Oder doch den Dialog suchen? Ich habe ihm gesagt: „Ich hatte Trainer, die hätten dich rausgeschmissen!“ Ich habe mich aber für die menschliche Option entschieden und seitdem hat er sowas nicht mehr gemacht. So hätte es Mourinho wohl auch gemacht.

Klopp rief mich an

Natürlich ist Taktik wichtig, natürlich ist Training wichtig, aber in diesem Geschäft ist die Menschlichkeit etwas abhandengekommen und deswegen finde ich Typen wie Mourinho oder Klopp wichtig. Sie haben den Anker zum Menschen nie verloren. Als meine Frau schwanger war, war Klopp der erste, der mich anrief. Er schrie mich auch mal im Fitnessraum an, weil ich nach einer Verletzung nicht fit wurde. Aber egal, er meinte es gut. Lest das Buch von Carlo Ancelotti. Auch da steht nichts Anderes drin. Bei so vielen Top-Trainern bin ich schon sehr gespannt, was in der Premier League passieren wird. Mou hat clever eingekauft. Einen Zlatan Ibrahimovic mit 34 zu holen, macht nicht jeder. Die Leute in Liverpool mögen jetzt bitte hier weggucken, aber ich mag die aktuelle United-Mannschaft, aber natürlich hängt mein Herz an den Reds. Und Kloppo gönne ich es auch.