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Bekir Refet: Der erste „Bomber“ Deutschlands

Bekir Refet war der erste türkische Fußballer in Deutschland. Doch seine Wahlheimat bescherte ihm mehr Schicksalsschläge als ein paar Tore. Er starb sogar zwei Mal. Ein Porträt.

Der Artikel erschien in Ausgabe #7

Der Artikel erschien in Ausgabe #7

Es waren die letzten Augusttage. Istanbul hatte die drückend heißen Temperaturen hinter sich gelassen und war so windig und kühl wie in einem gewöhnlichen Herbsttag. Die Zugzeit der Störche war längst gekommen. Eine Gruppe junger Männer hatte sich am Hauptbahnhof in Sirkeci getroffen und wartete auf ihren Zug. Das Leben in Anatolien war damals, um das Jahr 1920, durch den schmerzhaften Befreiungskrieg geprägt. Diese jungen Männer aus Istanbul sollten sich aber vom Krieg noch mehr entfernen und in anderen Ländern einen weiteren Kampf führen. Vor der Reise herrschte gute Stimmung. Die letzten Fotos, die letzten Gelächter…

Einer von ihnen schob seinen Holzkoffer mit seinem Fuß in die Nähe des Zuges. Er stellte sich darauf und schrieb mit der Kreide, die er aus seiner Tasche hervorholte, an das Äußere eines der Waggons auf Französisch: „Footballistes de Galatasaray“. Ein anderer füllte das strohgelbe Telegrammformular aus, das er am Rücken eines Freundes fixiert hielt: „Wir machen uns auf den Weg nach Lausanne. Hochachtungsvoll, Bekir.“

Bekir Refet: Wie wurde er zum Star?

Bekir spielte nicht bei Galatasaray. Damals war er im Kader von İttihatspor, dem Nachfolger von Altınordu, der als der Verein des Komitees für Einheit und Fortschritt, der mächtigsten Partei der Jungtürken, bekannt war. Im Istanbul der Besatzungsjahre gewann Altınordu alle Meistertitel. Diesen Erfolg verdankte der Verein den Stars, die mit verschiedensten Versprechungen von Galatasaray, Fenerbahçe und Beşiktaş geholt wurden. Auch Bekir war einer dieser Spieler. Er war bereits mit 13 Jahren, als er noch zur Numune Mittelschule in Kadıköy ging, entdeckt worden, und hatte drei Jahre in der Jugend von Fenerbahçe gespielt, bevor er im Kader der ersten Mannschaft spielen durfte.

Nachdem er es dort schnell zu Ruhm gebracht hatte, wechselte Bekir ein Jahr später zu Altınordu. Und nun wurde er auf Bitten der Verantwortlichen für die Spiele in Europa in den Kader von Galatasaray aufgenommen. Was machte ihn im jungen Alter zu einem Star? Der kleinwüchsige, untersetzte, dunkelhäutige Junge hatte das Fußballspielen in Kadıköy, wo er geboren und aufgewachsen war, von Engländern gelernt. Aus späteren Interviews mit ihm geht hervor, dass er sich glücklich schätzte, weil er das Spiel von „Erfindern des Fußballs“ lernen konnte.

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Bekir bezauberte die Zuschauer vor allem mit seinem Talent. Er war so ein flinker Fußballer, dass er sogar sich selbst umspielen könnte. Seine Ballbeherrschung war beispiellos. Seine scharfen Augen schenkten seinen Schüssen Treffsicherheit und seine breiten, muskulösen Beine eine hohe Geschwindigkeit.

Als Fenerbahçe gegen die Besatzung des in Istanbul geankerten berühmten Schlachtkreuzers Goeben spielte, wurde er von den deutschen Matrosen „roter Teufel“ genannt. Und es wird erzählt, dass er in einem Spiel gegen die Mannschaft der französischen Besatzungsmacht einen alten Schuhputzer mit einem Schuss ins Krankenhaus beförderte. Er war eine Fußballlegende, die mit ihren Schüssen einen Büffel umlegen, den Holzzaun neben dem Spielfeld demolieren, die Torpfosten ins Netz jagen konnte. Er könnte als Urgroßvater Gerd Müllers gelten, denn er war der erste Träger des Spitznamens „Bomber“.

Der Besuch von Emil Oberle

Die Europatour im Jahre 1921 war ein Wendepunkt in Bekirs Leben. Nach den Spielen in der Schweiz kam die Mannschaft nach Deutschland. Ihre erste Station war Karlsruhe. Dort brillierte Bekir im Spiel gegen den FC Phönix. Danach waren Frankfurt, Ludwigshafen und Köln an der Reihe. Die Mannschaft kehrte nach einer ermüdenden Tour, bei der sie in 45 Tagen 17 Städte besucht hatte, schließlich in die Heimat zurück. Aber in dem Zug, der nach Sirkeci fuhr, war der von Altınordu ausgeliehene Bekir nicht dabei. Er hatte sich bei einem Spiel in Hamburg verletzt und war für die medizinische Behandlung in Deutschland geblieben.

Im Krankenhaus besuchte ihn Emil Oberle, ein Spieler des FC Phönix, der in der Vergangenheit auch bei Galatasaray gespielt hatte. Der FC Phönix wollte Bekir verpflichten. Emil sagte zu ihm: „Beiß zwei Jahre lang die Zähne zusammen, danach kannst du nach Istanbul zurückkehren und dort mit dem Geld dein eigenes Geschäft eröffnen.“ Als Bekir Refet im Oktober 1921 den Vertrag unterschrieb, ging er nicht nur als der erste türkische Fußballspieler in Deutschland, sondern ebenfalls als der erste türkische Fußballprofi überhaupt in die Geschichte ein.

Bekir war vielleicht der erste der türkischen „Gastarbeiter“, die sich später mit einem unaufhörlichen Traum von der Heimkehr an ihrem Leben in Deutschland festhielten und dieses im Schatten des Traums in Deutschland fristeten. Zunächst heiratete er und bekam ein Kind. Seinem Sohn gab er den Namen seines Vaters sowie seines besten Freundes, mit dem er Jahre lang bei Fenerbahçe und Altınordu zusammengespielt hatte: Nuri. Später ließ sich Bekir von seiner Frau scheiden; Nuri blieb bei seiner Mutter. Bekirs Heimweh vermengte sich mit der Sehnsucht nach seinem Sohn, die letztendlich überwog. So blieb Bekir in Deutschland, während sein Sohn aufwuchs, um ihn wenigstens ein Mal die Woche sehen zu können, und seine Heimkehr musste für einige Zeit aufgeschoben werden.

Bekir besuchte 1924 und 1927 auf Einladung seines ehemaligen Vereins Fenerbahçe hin Istanbul, um gegen Slavia Prag zu spielen. Als er am 3. Juni 1927 seinen Fuß auf den Boden des Hauptbahnhofs in Sirkeci setzte, wurde er von seinen Freunden empfangen und direkt zum Taksim-Stadion gebracht. Als er auf der Ehrentribüne gesichtet wurde, brach in der Menge, die dem Spiel zwischen Galatasaray und Slavia beiwohnte – fast 5000 Zuschauer –, für die Fußballlegende ein stürmischer Beifall los. Bekir war nicht vergessen.

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Die Gelb-Blauen gewannen gegen Slavia Prag, die damals unbesiegbare Mannschaft Europas, mit einem Kopfballtor Bekirs. Ein Sieg, der damals als eines der größten Ereignisse im türkischen Fußball angesehen wurde. Bei seinem vorerst letzten Besuch blieb Bekir fünf Monate in Istanbul und spielte in weiteren Freundschaftsspielen für Fenerbahçe. Bekir hatte Istanbul vermisst und wollte bleiben. Aber: In der Türkei war professioneller Fußball verboten. Als ihm die Erlaubnis, in seiner Heimat zu spielen, verweigert wurde, kehrte Bekir verbittert nach Deutschland zurück. Er war sauer auf die verantwortlichen des türkischen Fußballbunds. Fast 25 Jahre kehrte er nicht in sein Heimatland zurück.

Allerdings widerstand er aber auch den beharrlichen Bitten, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Er lebte weiter als ein einsamer Türke in Karlsruhe. Vielleicht entschied er sich auch deswegen für den Nachnamen Teker (Anm. d. Red. Einsamer Soldat auf Türkisch). Als er 1951 als Ehrengast des Türkischen Fußballbunds in sein Land kam, um dem Länderspiel zwischen der Türkei und Deutschland beizuwohnen, sprach er mit einem gebrochenen Türkisch zu den Zeitungen und erklärte sich mit dem Interesse der Jugendlichen zufrieden, die ihn zum ersten Mal gesehen hatten.

Der Fußballmigrant, der seine Karriere nach dem FC Phönix beim Karlsruher FV und dem FC Pforzheim fortsetzte, schaffte es, überall Publikumsliebling zu werden. Die Presse sprach davon, dass ein Türke in Deutschland Geschichte schrieb. Der Kicker machte den „Bomber“ sogar zur Titelstory. Er besaß alle Eigenschaften, die ein guter Fußballspieler brauchte. Wenn er den Ball am Fuß hatte, dribbelte er großer Geschwindigkeit, brachte die gegnerische Abwehr durcheinander, raubte mit seinen Toren den Zuschauern den Atem.

Bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris schoss er im Spiel gegen die Tschechoslowakei als Kapitän die beiden Tore der türkischen Nationalmannschaft. Bei Olympia 1928 in Amsterdam, als die Türkei gegen Ägypten sieben Tore kassierte, kam der Ehrentreffer ebenfalls von Bekir. Nach seinem letzten Auftritt im Taksim-Stadion hatte Bekir in Karlsruhe ein Zeitungs- und Tabakgeschäft eröffnet, das seinen Namen trug.

Nachdem er mit dem Ende seiner Fußballkarriere im Alter von 38 Jahren als Einzelhändler ins Zeitungsgeschäft eingestiegen war, wurde er zum Zeitungsgroßhändler. Seine Geschäfte liefen bis zum Kriegsausbruch gut. Aber die Bombardierung Karlsruhes brachte sein Leben wieder durcheinander. Sein Kiosk war niedergebrannt und geplündert, die Kommunikation mit seiner Heimat völlig zusammengebrochen.

Zu dem Zeitpunkt berichteten türkische Medien sogar über Bekirs Tod. Der berühmte Sportmoderator Sait Çelebi brach sogar in Tränen aus, als er von Bekir erzählte, und es wurde berichtet, dass der damalige Außenminister, Şükrü Saraçoğlu, sich mit Deutschland in Verbindung setzte, um den Leichnam des legendären Fußballers abholen zu lassen. Nach der einwöchigen Trauer in der Sportwelt kam jedoch heraus, dass es sich um einen anderen Türken namens Bekir handelte, der in Deutschland gestorben war.

Der falsche Tod

Der „Bomber“ hatte Glück, er lebte. Aber unter den Verwundeten waren Freunde von ihm. Als er sie im Krankenhaus besuchte, konfrontierte das Leben ihn mit einer neuen Überraschung. Oberschwester Else und Bekir verliebten sich. Nach zwei Jahren Partnerschaft heirateten sie 1945. Else an seiner Seite zu haben, half Bekir dabei, über seine Einsamkeit hinwegzukommen.

Bekir, der finanziell schwer angeschlagen war, klammerte sich durch materielle sowie moralische Unterstützung seiner deutschen Frau wieder am Leben fest. Nach dem Kriegsende konnte er nach intensiven bürokratischen Auseinandersetzungen zusammen mit seiner Frau seinen Laden wieder eröffnen. Obwohl er sich danach sehnte, konnte er nach 1951 die Türkei nie wieder sehen.

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1959 beendete er seine Karriere als Inhaber eines Ladens, in dem neben Tabak und Zeitungen auch Magazine, Bücher und Sportartikel verkauft wurden, und ging in Rente. Danach führte er zusammen mit seiner Frau ein asketisches Leben in einer Wohnung in Ettlingen, nahm aber regelmäßig türkische Migranten auf, die allmählich nach Deutschland kamen.

Als er 1977 in einem Krankenhauszimmer seine letzte Reise antrat, stand die Frau an seinem Bett, mit der er die letzten 32 Jahre seines Lebens geteilt hatte. Sein Tod, diesmal handelte es sich um den „richtigen“ Bekir, löste in der Türkei wieder große Trauer aus. Selbst Jahre nach seiner Karriere noch wurde in türkischen Medien an Bekir Refet erinnert wie an einen Märchenhelden: „Wer war nun dieser Bekir? Hatte er wirklich gelebt? Ist es wahr, dass man sein linkes Bein festkettete, damit er die Torhüter nicht mit seinen erbarmungslosen Schüssen verletzte? Sind die Gerüchte, dass einer seiner Schüsse die Rippen eines Ochsen, ein anderer den Torpfosten brach, nur Märchen gewesen? (…) Für diejenigen, die jene Tage miterlebten, war Bekir ein legendärer Mann, der aus einer mythologischen Welt gekommen war.“

Bekir Refet war ein Held, um den zwei Mal getrauert wurde…

Sevecen Tunç

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe #6

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe #6

Am liebsten würde ich eine ganz einfache Erklärung abliefern, doch im Gegensatz zu vielen anderen Derbys irgendwo auf der Welt lässt sich im Fall von Fenerbahçe und Galatasaray leider nicht so problemlos dingfest machen, woher all die Rivalität, der Hass und die Leidenschaft eigentlich rühren. Wo sich bei Boca Juniors und River Plate ein Gegensatz zwischen reich und arm definieren lässt, bei Real und Atlético zwischen Monarchisten und Republikanern, bei Celtic und Rangers zwischen Katholiken und Protestanten, bei Torino und Juventus zwischen Städtern und Zugewanderten, bei Panathinaikos und Olympiakos zwischen alteingesessenen Familien und Hafenbewohnern, fehlt es bei Fenerbahçe und Galatasaray an einem historischen oder soziologischen Faktor, aus dem heraus sich der scharfe Schnitt erläutern ließe, der gleichsam einen Laib Brot in zwei Hälften teilt.

Der manchmal herangezogene Erklärungsversuch, Galatasaray sei eher der aristokratische Verein und Fenerbahçe der bürgerliche, fällt alleine deswegen schon flach, weil es in der Türkei kaum eine Bevölkerungsgruppe gibt, die sich als aristokratisch bezeichnen ließe. Ist mit Aristokratie lediglich gemeint, dass die Schüler des Galatasaray-Gymnasiums um Ali Sami Yen, die den Verein 1905 gründeten, nicht aus der anatolischen Provinz stammten, sondern aus Istanbul beziehungsweise dem Balkan, so mag Galatasaray meinetwegen aristokratisch sein, wenn auch fünf Meter im Abseits. Die Mitglieder von Galatasaray wurden wegen der Unterrichtssprache ihres Gymnasiums stets als „Franzosen“ verhöhnt, doch als man auf der anderen Seite des Bosporus als Konkurrenzverein Fenerbahçe gründete, ging die Initiative dazu wiederum von Schülern eines französischen Gymnasiums aus, nämlich Saint Joseph.

Mit nur zwei Jahren Abstand erfolgte die Gründung der beiden Vereine zu einer Zeit, als das Osmanische Reich allmählich zerfiel und in den Balkankriegen unter die Räder geriet. Als nach dem Ersten Weltkrieg Istanbul von den Alliierten besetzt war und Spieler von Galatasaray und Fenerbahçe gegen englische Mannschaften antraten, waren sie natürlich „Brüder“. Das Osmanische Reich musste ja nicht nur den Fußball erst entdecken, sondern überhaupt den Sport, und Fußballplätze wurden noch nicht Stadion genannt, sondern „Wiese“, wie etwa der Platz, an dem später das Fenerbahçe-Stadion entstehen sollte und zu dieser Zeit „Wiese des Pastors“ hieß.

Zu Galatasaray und Fenerbahçe gesellte sich später noch ein dritter großer Istanbuler Verein, nämlich Beşiktaş, und die Urbanisierung, die im Gefolge der von Atatürk gegründeten modernen türkischen Republik einsetzte, bescherte dem Istanbuler Trio zunächst Hunderttausende und später dann, als die Bevölkerung allmählich an die 80 Millionen heranreichte, gar Millionen von Fans. Vom Zweiten Weltkrieg bis Ende der Sechziger Jahre hatte dabei Fenerbahçe stets mehr Anhänger als Galatasaray.

Warum aber laufen die Türken heute vor allem diesen drei Großen hinterher und leben ihre Fußballleidenschaft nicht lieber dort aus, wo sie geboren oder zugezogen sind? Angeblich gibt es heute 25 Millionen Anhänger von Fenerbahçe, 25 Millionen von Galatasaray und 20 Millionen von Beşiktaş. Wer bleibt da noch für die Hunderte von anderen Vereinen übrig? Oder ist man auch oft für mehr als einen Verein? Eine der Antworten darauf ist in der türkischen Familienstruktur zu finden. Vereinsanhängerschaft gilt dort (wie vieles andere) als eine Art Erbe, das – auch wenn es mal zu Abweichungen kommt – von Generation zu Generation weitergegeben wird. Ein türkisches Kind wird sich für den Verein entscheiden, dem sein Vater anhängt. Eine Frau kann, wenn es denn sein muss, dem Mann zuliebe, den sie heiratet, die Mannschaft wechseln, doch an allem Anfang steht zumeist ein Vater, der mit dem Kind an der Hand ins Stadion geht oder sich im Vereinstrikot mit ihm vor das Radio oder den Fernseher setzt, es in die Vereinshistorie einführt und ihm die ersten Schlachtrufe beibringt.

Wie wohlhabend oder gebildet man ist, in welchem Viertel man wohnt oder die Weltanschauung, spielt bei der Entscheidung für Galatasaray oder Fenerbahçe keine Rolle. Aber wie es halt im Leben ist, führen oft auch Umwege ans Ziel. Kinder aus einer Fenerbahçe-Familie werden durch einen fußballbegeisterten Onkel ins Lager von Galatasaray entführt. Zwillingsmädchen aus einer Beşiktaş-Familie finden nur deshalb, weil sie neben den Trainingsanlagen von Galatasaray wohnen, an deren Gelb und Rot auf einmal mehr Gefallen als am klassischen Schwarz-Weiß. Und während Rahmi Koç, der Gründer des größten türkischen Industriekonzerns, Fan von Beşiktaş war, ist sein Sohn Ali Koç Präsident von Fenerbahçe. Dessen Liebe zu Fener begann, als er als Kind von einem Chauffeur seines Vaters zur Schule gebracht wurde, der leidenschaftlicher Fenerbahçe-Anhänger war…

Fenerbahce-Präsident Ali Koc
Fenerbahce-Präsident Ali Koç

Was ist nun eigentlich das Besondere am Derby zwischen Galatasaray und Fenerbahçe, das gewiss zu den zehn heißesten Derbys weltweit zählt, aber nicht wie die berühmten europäischen Derbys in zig Ländern übertragen wird und es auch nie zu einem eigenständigen Namen gebracht hat, weil alle dahingehenden Versuche (Bosporus-Derby, Interkontinental-Derby, DerbIstanbul) an der Sache abgeglitten sind wie an einer Teflonpfanne?

Die Antwort ist ganz einfach. Da wäre einmal Leidenschaft, dann Liebe, und schließlich Hass. So wie man sich von anderen Menschen nur dadurch unterscheidet, dass man eben nicht die gleiche Sprache spricht, nicht im Körper des anderen steckt, in einer anderen Zeitzone oder nach einem anderen Kalender lebt, so ist man eben für Fenerbahçe oder für Galatasaray. Und so wie bei allen Derbys auf der Welt am Derby-Morgen die Menschen beim Aufwachen schon eine Anspannung spüren, eine Aufregung, einen Adrenalinstoß, so ist es eben auch in Istanbul.

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Während man im Leben sein Herz oft mehr als einmal verschenkt, kann man wenigstens in der Liebe zu Galatasaray oder Fenerbahçe so etwas Heiliges wie ewige Treue ausleben. Woanders mögen Namen und Gesichter wechseln und nur die Formel „Ich liebe dich“ stets die Gleiche bleiben, doch zu Galatasaray oder Fenerbahçe lässt sich aus tiefstem Herzen sagen: „Ich habe nie jemanden anderen geliebt als dich.“ Und wenn einem auch im Grund die Farbkombination des Vereins nicht wirklich steht, füllt man dennoch den Kleiderschrank mit T-Shirts, Trikots und Jacken in Gelb-Rot oder eben Gelb-Blau. Das Derby lässt sich auch damit vergleichen, dass man als Jugendlicher für ein Musikidol schwärmt und sein Zimmer mit Postern von Madonna oder Pink Floyd zupflastert und als Erwachsener dann einen anderen Musikgeschmack entwickelt, sich an jene Poster von damals aber noch immer gern zurückerinnert.

Wer beim Derby den heutigen Spielern zujubelt, hat auch immer noch die alten Legenden der beiden Klubs in Erinnerung, Spieler wie Metin Oktay, Lefter Kü.ükandonyadis, Rıdvan Dilmen, Tanju Çolak, Aykut Kocaman oder Bülent Korkmaz, von denen es damals zahllose Poster gab. Das allererste Derby fand am 17.Januar 1909 statt, und zwar auf dem Platz des Union Club. Mit dem damaligen 2:0-Sieg Galatasarays wurde eine Tradition begründet, die den Zusammenbruch eines Reiches überlebte, der Gründung einer Republik beiwohnte, und die fortgeführt wurde, ob nun politisch gerade die Rechten oder die Linken am Ruder waren, ob es regnete oder schneite, ob es mit der Literatur gerade abwärts oder aufwärts ging, und im Gegensatz zu jeglicher Mode veränderte diese Tradition sich nie. Und einmal selbst aus der Mode kommen wird sie nie.

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Ein Spruch, den Eduardo Galeano wohl in erster Linie über die Menschen seines Heimatkontinents Südamerika getan hat, passt auch recht gut zum Derby Fenerbahçe Galatasaray: „Ein Mann kann sich eine neue Frau suchen, eine neue Religion oder eine neue Partei, aber niemals einen neuen Lieblingsverein.“ Ein Tor, das man beim Derby hinnehmen muss, ist wie eine geliebte Frau, die einen verlässt… Ein verlorenes Derby dagegen ist absolute Verlassenheit. Steht man in der Tabelle hinter dem ewigen Rivalen, fühlt man sich betrogen. Denn dieses Derby zieht sich ja durchs ganze Leben. Der Nachbar ist für Fenerbahçe, der Kollege für Galatasaray, der Friseur für Fenerbahçe, der alte Schulfreund für Galatasaray, der Direktor für Fenerbahçe, und da wird eben andauernd gestichelt und gespöttelt und gewitzelt und verhöhnt.

So braucht man eben, um dieses Derby zu erklären, keine Begriffe wie katholisch/protestantisch, arm/reich oder städtisch/provinziell zu bemühen, denn so etwas braucht der Mensch nicht, um zu lieben und zu hassen. Wie heißt es doch schon beim römischen Dichter Catull: „Odi et amo“ (Ich liebe und ich hasse). In einer Welt, in der die Menschen noch immer nicht begreifen, wie sie jemanden, den sie einst geliebt haben,

nun derart hassen können, blickt das Derby Fenerbahçe-Galatasaray auf 108 Jahre Liebe und Hass zurück, die man überall zugleich spüren kann: zu Hause, auf der Straße, in der Schule, im Büro, im Stadion… Um das zu erfassen, braucht man kein Türkisch zu können, es genügt, so ein Derby einmal in Istanbul anzusehen. Dann werden Sie „Odi et amo“ erleben, zur Genüge.

Bülent Timurlenk