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Zum Karriereende von Felix Neureuther: „Keine Zeit für Fußball“

Rosi Mittermaier und Christian Neureuther wollten nie eine Inspiration für ihren Sohn sein. Stolz sind sie trotzdem. Ein Elterngespräch über die Liebe zum Schnee und über einen weinenden und schreienden Felix Neureuther.

Was finden Sie faszinierend am heutigen Ski-Sport?

Christian Neureuther: Die Solidarität und der Zusammenhalt bei den Herren. Zum Beispiel, wenn ich die tiefe Freundschaft zwischen unserem Sohn Felix und dem Franzosen Julien Lizeroux sehe. Beide telefonieren fast täglich. Den Julien lieben wir einfach. Und der Zusammenhalt unter Spitzen-Sportlern ist in meinen Augen etwas Elementares im gesamten Welt-Sport. Bei einem Slalom-Rennen gibt jeder sein Bestes und jeder fährt mit dem Messer zwischen den Zähnen, aber gleich nach dem Rennen werden sie wieder zu Freunden, egal, wie das Rennen für alle Beteiligten ausgegangen ist.

Rosi Mittermaier: Als sich Julien vor ein paar Jahren schwer verletzt hatte, hat Felix ihn stets unterstützt und aufgemuntert. Er hat ihm geraten, zu einem kompetenten Arzt zu gehen, den er länger kannte. Beide sehen sich regelmäßig. Sie sind unzertrennlich.

CN: Und eine Sache würde ich gern noch hinzufügen: Ich habe in meinem gesamten Leben eine solche tiefe Freundschaft wie die zwischen Felix und Julien noch nie erlebt.

Gab es zu Ihrer Zeit also keine solchen Freundschaften unter Skifahrern?

RM: Es gab schon eine Art Zusammenhalt, das kann man schon sagen. Kurz vor dem Ende meiner Laufbahn habe ich mich um junge Fahrerinnen gekümmert. Als eine Art Sprecherin habe ich immer wieder dafür gesorgt, dass man gemeinsame Aktivitäten unternimmt. Zum Beispiel, dass wir den Geburtstag von jeder einzelnen feiern. Wir waren auch manchmal in der Oper. Es waren tolle Erlebnisse, die zu einem starken Zusammenhalt geführt haben.

CN: Alles, was mit Neid oder Eifersucht zu tun hat, ist im Ski-Leben völlig fremd, und zwar bei den Herren. Bei den Frauen ist es ein bisschen anders geworden. Früher zogen alle an einem Strang, aber heute ist definitiv mehr Eifersucht unter den Fahrerinnen zu spüren. Die Herren treten gegeneinander an, alle wollen gewinnen und geben dafür alles. Aber nach dem Rennen sind sie eine internationale Gemeinschaft, in der einer dem anderen hilft und sich auch für den anderen freut. Sicher spielt dabei auch das Umfeld mit all den Gefahren und Tücken des alpinen Rennsports eine Rolle. Das war im Bergsport schon immer so, da musst du zusammenhalten, um zu überleben.

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Ihr Sohn Felix sagt, zu jedem Ski-Ausflug gehört auch ein gewisser Kick. Gilt das auch für Sie?

CN: Nicht mehr in dem Ausmaß wie bei Felix, aber ich habe schon auch gerne ein gewisses Abenteuer dabei. Zu steil gibt es eigentlich nicht.

RM: Den Kick brauche ich nicht. Ich fahre schon überall hinunter, und freue mich überjeden Tiefschneehang. Aber ob der jetzt besonders steil ist oder nicht, spielt für mich keine Rolle.

Hat es zu Ihrer Zeit mehr Spaß gemacht, Rennläufer zu sein als heute?

RM: Es ist heute, wie wir es mit Felix erleben, genauso, wie es früher war. Das ist unser Gefühl. Da geht einem das Herz auf. Der Felix ist zum Beispiel beim Training am Matterhorn und ruft an und sagt: „Wir sind in der Früh als Erste oben, es geht die Sonne auf, und wir fahren in den Hang rein.“ Das ist Skisport, das ist atemberaubend. Auch die gegenseitigen Freundschaften sind gleichgeblieben und auch die Wettkämpfe. Diese Spannung, die ein Skirennen bringt, ist unglaublich, die geht dir, wenn du aufhörst, ab. Da fragst du dich: Was mache ich eigentlich jetzt in meinem Leben, damit ich wieder Spannung reinbringe?

An dem Punkt ist jetzt Ihr Sohn.  Welche Erinnerungen bleiben von Felix’ ersten Schritten auf den Skiern?

RM: Als er zweieinhalb Jahre alt war, hat er zu Weihnachten ein paar Ski geschenkt bekommen. Am nächsten Tag habe ich ihn auf eine Piste für Kinder in Garmisch begleitet. Ich habe ihm seine Ski vorbereitet. Er war wie im siebten Himmel. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Sofort ist er zum Lift gefahren. Ich sagte ihm, dass er unmöglich fahren könne, weil ich meine Ski zu Hause gelassen hatte. Er hat aber den Lift nicht mehr losgelassen und wollte unbedingt fahren. Er machte auf stur. Ich habe ihn dazu gezwungen, sofort den Lift zu verlassen. Dann hat er minutenlang geschrien und geweint. Anschließend habe ich ihn ins Auto zurückgebracht. Eine Dame hat uns dabei beobachtet und sie hat dann laut erzählt: „Frau Neureuther zwingt ihren Sohn, Ski zu fahren.“ Es war aber genau das Gegenteil. Ein paar Tage später sind wir erneut nach Garmisch gefahren und als wir oben auf der Piste waren, wollte der Felix unbedingt runterfahren. Dabei musste ich ihn fangen. Er hat mich dazu gezwungen, den Lift zu nehmen und an der Spitze der Piste zu warten. Ich hatte keine Wahl.

Hat ihn der Schnee fasziniert?

RM: Das kann man so sagen. Er war immer draußen und er hat sich mit dem Schnee ständig amüsiert.

CN: Damals verbrachte er auch viel Zeit mit Bastian Schweinsteiger, der auch ein sehr talentierter Skifahrer war. Basti hat sogar an vielen Ski-Rennen teilgenommen. Eine Zeit lang hat er überlegt, ob er sich für Fußball oder Ski entscheiden soll. Mit dreizehn hat er sich doch noch für den Fußball entschieden. Er hat oft bei uns übernachtet.

Gab es für Felix nur Ski als Sportart?

RM: Nein, er liebte auch Fußball. Er hat sogar beim FC Garmisch gespielt. Eines Tages hat ihn sogar ein Scout gefragt, ob er später Fußball-Profi werden möchte. Felix antwortete: „Ich habe keine Zeit, weil ich Ski fahren will.“

CN: Der Umstand, dass er in dieser Region geboren und aufgewachsen ist, hat dafür gesorgt, dass für ihn kein Weg an den Ski vorbeigehen konnte. Mit uns als Eltern war er irgendwie vorprogrammiert, eine solche Karriere hinzulegen. Von Kind auf hatte er exzellente Ergebnisse. Das hat ihm viel Schub für die Jahre danach gegeben.

Was für eine Art von Eltern waren Sie: eher streng oder cool?

CN: Irgendwo dazwischen. Die Mischung macht’s. Als Vater oder Mutter will man dafür sorgen, dass sein Sohn unter besten Bedingungen aufwächst, um so hoch wie möglich zu kommen. Das Wichtigste war, dass er gar keinen Druck spürt, vor allem mit diesem Namen. Das war die größte Hürde. Dieser Name durfte ihn keineswegs stören. Wir haben ihm eine gute Technik beigebracht, sowie die Einstellung, die man auf dem höchsten Niveau haben soll. Aber es war genauso wichtig, ihm gewisse Freiheiten zu lassen, dafür zu sorgen, dass er selbstständig wird. Zum Beispiel haben wir ihn bei den Rennen nicht begleitet. Aber unser Auge als Ex-Profi war schon präsent und ich habe meine Meinung gesagt, sobald ich es für nötig gehalten habe. Manchmal bin ich gegenüber den Verbandstrainern laut geworden. Für die Ski-Rennfahrer ist es schwer, ohne die Eltern Karriere zu machen. Fragen Sie mal bei Marcel Hischer, Alberto Tomba oder Ingemar Stenmark nach.

Wann war für Sie klar, dass Felix sehr weit kommen würde?

CN: Sehr früh haben wir sein Talent erkannt. In der Jugend war er immer der Schnellste. Obwohl er jedes Rennen für sich entscheiden konnte, ist er immer bescheiden geblieben. Er ist nie abgehoben. Er war so stark, dass er sich mit älteren Rennfahrern messen sollte, damit er sich noch schneller entwickelt. Doch bevor er sein Potenzial voll ausschöpfen konnte, musste er einige Niederlagen verkraften, wie bei den Olympischen Spielen von Turin (2004, Anm. d. Red.). Ich habe viele Diskussionen mit ihm geführt, um ihm zu verstehen zu geben, dass er einige Sachen an seiner Einstellung ändern müsse, wenn er seine Ziele erreichen will.

Inwieweit hat er von Ihrer langjährigen Erfahrung profitiert?

RM: Von meiner eigenen Erfahrung hat er eigentlich überhaupt nicht profitiert, weil er lange gar nicht wusste, dass ich früher auf höchstem Niveau Ski gefahren war. Zu Hause wurde darüber kaum gesprochen. Eines Tages hat mich Felix in einem Buch gesehen mit einer Medaille um den Hals auf einem Podium. Er war zehn Jahre alt. Ab diesem Zeitpunkt hat er angefangen zu realisieren, was seine Mutter für eine Laufbahn hatte.

CN: Wir tauschten uns aus über das Material, das er benutzt. Wenn ein Kind noch relativ klein ist, braucht es ein paar Tipps, bevor es immer selbstständiger wird. Nun tauscht er sich vor allem mit seinen Trainern aus. Es wäre allerdings nicht normal, wenn ich ihm heute noch assistieren würde. Mit mir hat er übrigens den Vorteil, dass er keinen Manager braucht. Ich kümmere mich sowohl um seine Finanzen als auch um sein Image. Somit kann er sich voll auf seine Rennen fokussieren.

Sind für ihn seine Eltern eine Art Inspiration gewesen?

RM: Wir? Bloß nicht! Vor ein paar Monaten sind wir alle zusammen Ski gefahren, was nicht oft vorkommt, und dabei hat mir Felix geraten, breiter zu machen. Aber es ist ja mein Stil, relativ eng zu fahren. Ich habe trotzdem seinen Rat angenommen und sofort hat er zurückgerudert: „Fahr doch lieber, wie du es meinst.“

CN: Sein einziges Idol war Alberto Tomba. Bei einem Rennen in Garmisch habe ich Tomba zum Flughafen gefahren und Felix saß hinten. Damals war er sieben oder acht Jahre alt. Alberto hat sofort dafür gesorgt, dass sich Felix wohl fühlt.

RM: Alberto hatte ihm einen Kaugummi angeboten, den Felix in der Nacht danach an sein Bett geklebt hat. Als eine Art Glücksbringer. Er war von der Persönlichkeit Tombas schlichtweg begeistert. Bei jedem Rennen nahm er den Kaugummi mit.

Interessiert sich Felix auch für andere Sportarten?

CN: Ja, er verbringt Zeit mit Golfen, Radfahren und Fußball. Es sind wichtige Sportarten für seinen Ausgleich. Er könnte theoretisch auch andere Aktivitäten betreiben, aber das will er nicht. Ich hätte mir gewünscht, dass er ein Fernstudium absolviert, aber er wollte sich lieber aufs Skifahren fokussieren.

Wie verfolgen Sie seine Rennen?

RM: Selten vor Ort. Wenn, dann im Publikum mit einer Kanne Tee und einem Rucksack. Ansonsten zu Hause vor dem Fernseher. Aber sobald ein Fahrer stürzt, mache ich den Fernseher aus oder ich verschwinde, weil dann die Bilder mehrfach gezeigt werden und das kann ich mir nicht antun.

CN: Ein Rennen vom Felix zu verfolgen, ist grausam. Vor dem TV fühlt man sich eher machtlos, man kann ja nichts beeinflussen. Für die Nerven ist es die Hölle.

RM: Ich schaue lieber die Rennen vor dem Fernseher an. Bei jedem Rennen notiere ich in einem Heft die Abfahrtszeiten aller Teilnehmer. Viele machen sich über mich lustig, weil es ja eine alte Methode ist und weil man ja sofort alles mit dem Handy aufrufen kann, aber in diesem Heft findet man einfach alles. Es ist mir von Bedeutung. Auf bestimmten Seiten habe ich in großen Buchstaben die Siege vom Felix geschrieben. Ich schreibe ebenfalls die Fehler der anderen Fahrer auf. Dieses Heft ist dazu da, mich zu beruhigen, weil ich schnell alles nachschauen und überprüfen kann.

Sind Sie stolz, dass Felix dermaßen beliebt ist?

RM: Am stolzesten bin ich auf seine persönliche Entwicklung. Um ihn braucht man sich nie Sorgen machen, weil er stets bescheiden und bodenständig ist. Ihn kann nichts erschüttern. Das Geld interessiert ihn nicht. Das Einzige, was er will, ist ein kleines Haus, wo es nicht zu viel Arbeit geben würde. Ihm ist bewusst, dass seine Karriere nicht ewig dauern wird. Er genießt jeden Augenblick.

Interview: Alexis Menuge

Stolz auf ihren Sohn: Rosi Mittermaier und Christian Neureuther
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