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Aíto García Reneses: Ewig jung

Aíto García Reneses

Aíto García Reneses, Trainer von ALBA Berlin, revolutioniert den deutschen Basketball. Der 71-Jährige badet im Jungbrunnen und kämpft gegen den Stillstand. Ein Interview über ewige Jugend.

Der Artikel erschien in der 25. Ausgabe

Der Artikel erschien in der 25. Ausgabe

Señor García Reneses, Ihr ehemaliger Spieler Kristaps Porzingis war im Sommer in Berlin. Haben Sie sich gesehen?

Leider nicht. Ich war in Spanien.

Erinnern Sie sich an Ihre gemeinsame Zeit in Sevilla?

Ja, natürlich. Ich erinnere mich, sehr von ihm beeindruckt gewesen zu sein. Er war zwar außerordentlich lang und dazu noch sehr dünn, doch schon damals besaß er eine herausragende Beweglichkeit für seine Länge. Dazu noch der Wurf von außen. Er war schon damals etwas Besonderes. Ich habe immer noch ein Bild von ihm und mir auf meinem Telefon. (sucht auf seinem Smartphone ein Foto raus und zeigt es stolz – im Hintergrund der Teenager Porzingis mit aufmerksamem Blick)

Er sagt, Sie seien sein größter Förderer.

Ich habe ihm die Chancen gegeben, die er sich selbst erarbeitet hat. Er war ja nicht von Anfang an ein Star. In Sevilla spielte er im ersten Jahr kaum. Ich erinnere mich aber an ein Spiel gegen Real Madrid. Wir waren auf dem Papier chancenlos, so erhielt Kristaps viel Spielzeit auf der Drei. Er war nicht stark genug, um innen zu spielen, wissen Sie. Er erzielte 20 Punkte. Im zweiten Jahr wurde er noch besser. Er lernte viel, wollte viel lernen und für mich war es eine große Genugtuung zu sehen, dass er alles aufsaugte, was ich ihm beibringen wollte.

Sind sie noch in Kontakt?

Während meiner Auszeit vor Alba Berlin 2016 begleitete ich die San Antonio Spurs eine Weile. Da sahen wir uns. Ich sah hoch zu ihm und sagte nur: „Du bist ja noch größer geworden.“ Jetzt sprechen wir ab und an. Er spricht fließend Spanisch. Wer mit ihm am Telefon ist und nicht weiß, wer er ist, hält ihn für einen Spanier. (lacht)

Aíto García Reneses: Coach of the Year

Verbringen Sie Ihren Sommer immer in Spanien?

Den Großteil meiner Sommer verbringe ich, Sie werden es nicht glauben, mit Basketball. Früher waren es Spiele und Turniere auf internationaler Bühne. Viele Sommer verbrachte ich auch in den USA, um mich mit anderen Trainern auszutauschen und einfach im Geschehen zu bleiben. In den letzten Jahren nutze ich meine Sommer allerdings mehr als Ruhephase.

Mögen Sie es, in zwei Welten zu leben? Berlin für den Basketball und rasanten Alltag, Spanien für die Ruhe?

Ich trenne das nicht. Berlin ist natürlich etwas anders. Ich spreche hier selten Spanisch und das Wetter im Winter setzt mir etwas zu. Aber ich fühle mich so wohl, dass ich keinen Ausgleich brauche.

In einer anderen Publikation sagten Sie mal, sie möchten nur im Moment leben und diesen auskosten.

Das stimmt. Viele Menschen reden über die Vergangenheit. Auch mit mir, wenn es um die Erfolge geht. Da merke ich, dass ich mich mehr mit den Geschehnissen beschäftigen möchte, die ich hier und jetzt beeinflussen kann.

Seit wann denken Sie so?

Ich glaube, ich habe immer so gelebt. Da war keine Glühbirne in meinem Kopf, die irgendwann Klick gemacht hat. Als Spieler dachte ich schon so. Ich wollte mich mit der Evolution des Sports auseinandersetzen. Und dazu gehört, im Hier und Jetzt zu sein.

Sie waren ein Aufbauspieler…

Ach, so sehr aufgebaut habe ich gar nicht. (lacht)

Sie haben mal gesagt, Sie wären langsam und ein schlechter Schütze gewesen. Allerdings hätten Sie gute Entscheidungen getroffen. Gab Ihnen Ihre Rolle als Spielgestalter eine besondere Sicht auf das Spiel?

Wissen Sie, schon damals bei Estudiantes Madrid, wo ich in den 1960er Jahren spielte, waren wir nicht festgefahren in den klassischen Positionen. Zwei bis drei Spieler, die das Spiel leiten konnten, standen immer auf dem Feld. Daher kommt mein Blick für die Fundamentalität des Spiels. Insofern hat mir unsere Philosophie eine besondere Sicht vermittelt, wenn Sie so wollen.

Gab es Momente in Ihrer Karriere, in denen Sie genug von Basketball hatten?

Nein. Mein ganzes Leben dreht sich um Basketball. Das hat es schon immer. Immer wenn ich mal ein Jahr ausgesetzt habe, so wie vor Berlin, hat es wieder angefangen zu kribbeln. Ich dachte damals, ich mache einfach etwas anderes. Und dann hat es mich wieder gepackt.

Ihnen kam nie der Gedanke an die Rente?

Ich war bereits zwei- oder dreimal in Rente und kam zurück. Wie ernst kann ich das also nehmen? (lacht)

Quarterback-Legende Brett Favre sagte, er habe nach seinem Karriereende festgestellt, wie sehr das Spiel sein Leben vereinnahmt hatte und er vereinsamt war. Er saß zu Hause und wusste nicht, was er mit sich anfangen sollte.

Ja, das verstehe ich. Allerdings ist es für einen Spieler eine andere Erfahrung. Lassen Sie mich ein Beispiel geben. Ende September ist der spanische Radprofi Alejandro Valverde in Innsbruck Weltmeister geworden. Er ist 38 Jahre alt. Mit 50 wird er das wohl nicht mehr schaffen. Wahrscheinlich, wir wissen es nicht. (lacht) Die Fähigkeiten schwinden also irgendwann. Als Trainer bin ich auf meinen Körper nicht so sehr angewiesen. Ob ich nun langsamer über das Feld stakse, interessiert die Spieler beim Training nicht. Mein Kopf muss fit bleiben. Und auch wenn ich im Alter ein wenig Agilität im Kopf einbüße, meine Erfahrung lässt mich das ausgleichen. So gesehen bin ich noch immer fähig. Warum soll ich also nicht weitermachen?

Die Mentalität eines jungen Menschen. Sie wohnen in einem anderen Land. Erleben und genießen die Vorzüge des Stadtlebens und lassen sich von allem überraschen, was sich Ihnen präsentiert.

Ich habe eine weitere Metapher für Sie. Manche Spieler, egal welchen Alters, wollen an ihrem Spiel und ihrem Wissen über das Spiel arbeiten. Sie sind wissbegierig und mit dem Status Quo nicht zufrieden. Andere sind es. Ich hatte viele Spieler über meine Karriere hinweg, die immer lernen wollten. Ist das nicht schön? So lebe ich auch. Ich genieße alles, was ich tue und lerne dabei auch noch. Ob nun über Menschen oder Begebenheiten.

Wie erhalten Sie sich diese Einstellung? Gerade als erfolgreicher Trainer ist die Gefahr groß, sich zu sehr in den Erfolg zu verlieben.

Erfolge kommen ja nicht einfach herbeigeflogen. Sie sind ein Resultat der Arbeit. Und ich glaube, wer Spaß an seiner Arbeit hat, der wird erfolgreich sein. Diesen Spaß zu erleben, tagtäglich, in einer Gruppe von Menschen und zusammen, ist das höchste Gut. Stillstand im Kopf lässt irgendwann keine Zufriedenheit mehr zu. Also bleibe ich nicht stehen.

Ist Ihnen das menschliche Miteinander wichtiger als Erfolge?

Was sind denn Erfolge? Titel? Titel sind Resultate. Mit 100 Prozent zu spielen, zu agieren, ist das nicht auch ein Erfolg? Mit meinem ersten Team begann ich weit unten in der Nahrungskette des spanischen Basketballs. Nach zehn Jahren gehörten wir zu den besten drei Teams. Das ist Erfolg. Viele Menschen denken nur in Titeln. Für alle, die aber nah an diesem Team dran waren, definierte sich Erfolg über das Geleistete.

Sie sind ein Pionier darin, Spieler zu entschlüsseln und jungen Spielern eine Chance zu geben.

Ja, das stimmt. Aber nicht jeder Spieler ist gleich. Und nur weil einer jung ist, hat er nicht automatisch einen Freifahrtschein. Ich vertraue jungen Spielern und will ihnen helfen. Bei mir spielen die Jungen, wenn sie dem Team helfen können. Sie müssen es sich aber verdienen. Und sie müssen das auch verstehen.

Gab es von den Klubs nie Druck, die Veteranen einzusetzen?

Ich wurde dazu nie angehalten.

Gab es junge Spieler, die Sie nie erreichen konnten?

Ja, die gab es. Ich bin kein Spielerflüsterer. (lacht)

Menschen werden im Alter oftmals pessimistischer. Woher kommt Ihr Vertrauen in die jüngeren Generationen?

Im normalen Leben, da gebe ich Ihnen recht, werden Menschen pessimistischer, je älter sie werden. Nun folgt wieder ein Beispiel: Ein älterer Spieler, der in einem jungen Team spielt, altert nicht wie gewöhnlich. Seine Umgebung und der Kontakt halten ihn jung. Wenn er seine Karriere beendet, endet auch der Effekt. Und so geht es mir auch.

Junge Spieler sind Ihr Jungbrunnen?

Ja, absolut.

Haben Sie Menschen in Ihrem Leben erlebt, bei denen es nicht so war?

Ich habe eine weitere Geschichte für Sie. Als ich zur Schule ging, besaß ich einen Taschenrechner. Mein Mathelehrer kam eines Tages zu mir und sagte: „Du musst der reichste Schüler der Klasse sein, wenn du einen Taschenrechner hast.“ Das war in den Anfängen des Taschenrechners. Er war ein sehr guter Lehrer, allerdings verstand er nicht, dass ich mit der Zeit ging. Ich konnte trotzdem im Kopf rechnen, nutzte aber moderne Möglichkeiten. Heutzutage rechnet keiner mehr im Kopf.

Für Sie sind also die Grundlagen des Spiels noch immer wichtig, allerdings bauen Sie moderne Methoden oben drauf?

Kein Haus kann ohne ein Fundament stehen. Danach kann alles andere gebaut werden. Wer also mit rechts dribbeln kann, aber nicht mit links, wird es schwer haben.

Haben Sie den Basketball so erlernt?

Die älteren Spieler haben mir neben dem Trainer viel mitgegeben. Die Veteranen haben mir gezeigt, was ich verbessern, woran ich arbeiten muss. Damals hatten Profis eine andere Einstellung. Veteranen kümmerten sich genauso um die jungen Spieler wie der Trainerstab. Heutzutage trennen das zu viele Spieler. Sie denken, das sei allein die Aufgabe der Coaches und kümmern sich nur um sich.

Hat sich der Basketball zum Schlechten verändert?

Ich pauschalisiere nicht. Generell waren Dinge damals aber anders. Als Pat Riley die Los Angeles Lakers trainierte, nahm er an einer Coach Clinic in Teneriffa teil. Bei einem Abendessen saßen wir am selben Tisch und redeten über die Unterschiede zwischen der NBA und Europa. Aber auch über Fundamentales und wie ein Team funktioniert und wie wir als Trainer mit Spielern umgehen, die nicht ihr Bestes geben. Riley erzählte mir eine Geschichte über Vlade Divac, der damals ein Laker war. In einem Spiel war er unkonzentriert und Riley kurz davor, ihn auf die Bank zu setzen. Plötzlich ging Magic Johnson zu Divac hinüber, packte den Serben mit beiden Händen am Trikot und sagte zu ihm: „Du spielst nicht nur für deine Reputation und dein Geld, sondern auch für unsere Reputation und unser Geld.“ Das vermittle ich auch meinen Spielern: Es ist nicht immer wichtig, dass alles von mir kommt. Ihr müsst aufeinander achtgeben.

Wie sehen Sie den Unterschied zwischen der NBA und Europa heutzutage?

Nicht mehr so drastisch wie damals beim Abendessen mit Pat Riley. Die Spitze der NBA ist weiterhin eine Klasse für sich. Die europäische Basis hat allerdings stark aufgeholt.

Mögen Sie es, dass so viele europäische Spitzenspieler in die NBA wechseln? Ihre Schützlinge Pau Gasol, Ricky Rubio oder Kristaps Porzingis sind alle in die USA gegangen.

Zu viele Spieler gehen rüber. Der Trend ist von einem Extrem ins andere gewechselt. Als Arvydas Sabonis mit 19 Jahren an einem internationalen Turnier teilnahm, war ich vor Ort. Er war so gut, er hätte sofort in der NBA spielen können. Die Scouts aus den USA waren allerdings skeptisch. Niemand traute es ihm zu, da er nicht auf einem College gespielt hatte. Fatal, wie wir wissen. Heutzutage folgen zu viele Spieler dem Lockruf. Du benötigst als Spieler eine Basis. Du musst mental bereit sein. Manche sind das nicht. Die Einflüsse von außen sind zu groß.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Einfluss auf Spieler schwindet?

Ich denke nicht. Die Spieler hören noch immer zu. Als ich ein Spieler war, waren meine Trainer fast so wichtig wie meine Eltern. Sie haben mir nicht nur auf, sondern auch abseits des Parketts geholfen. Sie waren immer da.

Macht diese Herangehensweise die spanische Philosophie so erfolgreich? Der ganzheitliche Ansatz?

Das ist noch immer einer der Grundpfeiler, ja.

Fehlt das in Deutschland?

Vielerorts ja. Wir versuchen das hier in Berlin. Unsere jungen Spieler haben einen guten Draht zu uns, ihren Jugendtrainern und den älteren Spielern.

Der Basketball hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Lachen Sie manchmal darüber angesichts der Tatsache, dass Sie diese Trends schon seit Jahrzehnten verinnerlichen?

Nein, ich lache nicht. Ich freue mich, dass der Sport spektakulärer wird. Das wollen wir ja alle. Es muss aber auch hinterfragt werden, warum sich Dinge ändern, wie sie sich ändern. Nehmen wir den Dreier als Beispiel: Heute ist der Dreier der neue Trend. Spieler denken: „Oh, wir liegen mit zwölf Punkten hinten, also werfe ich einfach vier Dreier.“ Ich sehe den Dreier als ein Element, das es meinem Team leichter macht, den Ball nach innen zu bringen und am Ring abzuschließen. Oder zum Korb zu ziehen, weil mehr Platz ist. Manche fundamentalen Dinge dürfen einfach nicht in Vergessenheit geraten.

Also alles wieder eine Sache der Fundamente und alter Tugenden?

Natürlich. Es ist toll, dass der Sport schneller wird. Wird er aber noch unser Basketball sein, wenn alle nur noch Dreier schießen? Das macht keinen Spaß.

Macht es Ihnen heute mehr Spaß zu coachen als früher?

Mir hat es immer Spaß gemacht, da gewichte ich nicht. Spaß ist Spaß. Über mein erstes Team, Badalona, wurde damals gesagt, dass wir eine Karate-Presse spielen würden. Sie kennen Karate? Handkante und Tritte. Aber wir waren einfach nur unserer Zeit voraus. Schauen Sie sich unsere Spiele heute auf Video an, wirkt es wie Zeitlupe. Die Athletik und Geschwindigkeit hat zugenommen. Das entwertet allerdings nicht, was wir damals gemacht haben.

Wurden Ihre Trends oft kopiert?

Ja, allerdings ist es heutzutage leichter, zu kopieren. Damals konnten wir keine Videos über den Gegner schauen. Heute kann alles gesehen werden. Ich kann mich erinnern, dass ich als junger Trainer ein Magazin in Händen hielt mit einem Artikel über Dean Smith, den berühmten Coach der North Carolina Tar Heels. In diesem Artikel ging es um sein „Run-and-Jump“-System. Für mich war das ein Novum, was mir Vorteile verschaffte, weil kein anderer Trainer dieses Magazin gelesen zu haben schien.

Dean Smith hat am College junge Spieler entwickelt, nicht zuletzt einen Michael Jordan. Fehlt das heute, weil Spieler meist nach nur einem Jahr in die NBA wechseln?

Ja, das tut es. Für mich war John Wooden der Beste. Er lehrte Basketball und das Leben. Das gibt es heute nicht mehr.

Hatten Sie jemals das Verlangen, in der NBA zu trainieren?

Nein, das hatte ich nie. Dieser Karriereweg war auch nie etwas für mich. Damals, als ich Trainer wurde, hätte ich einige Jahre als Assistent arbeiten müssen, dann auf dem College. Bis ich das erreicht hätte, wäre ich wohl 120 gewesen. (lacht)

Denken sie wirklich nicht über die Zukunft nach? Ans Aufhören?

Nein, tue ich nicht. Interessiert mich auch nicht. Ich lebe jeden Tag.

Eine junge Herangehensweise eben.

Und ist sie nicht toll! Wer jung ist, sorgt sich nicht. Wer älter wird, sorgt sich mehr, vor allem um sich selbst. Warum sollte ich mir das antun?

Interview: Robert Jerzy

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