Einträge von socratesmagazin

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Video: Ohne Haaland fahren wir zur EM

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Jürgen Klinsmann: Özil? Boateng? „Jede Kategorie denkbar“

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Sophia Flörsch und Co.: Von wegen Puppen

Die Motorsport-Szene ist bevölkert von echten Machos. Doch gerade diese sollten sich warm anziehen. Das vermeintlich schwache Geschlecht drängt in die Cockpits: Sophia Flörsch und Juju Noda sprechen jetzt schon von Formel-1-Siegen.

Es ist nicht so, dass es überhaupt keine Vorbilder gäbe, an denen sich Mädchen und junge Frauen orientieren könnten, die im Motorsport weit nach oben, vielleicht sogar in die Formel 1 kommen wollen. Danica Patrick ist so jemand, die Amerikanerin, die wohl erfolgreichste Frau im Rennsport, die Ende Mai mit einem letzten Start bei den Indy 500 ihre Karriere beendete. Sie gewann 2008 in Motegi als bisher einzige Frau in der Indycar-Serie ein Rennen, war 2007 außerdem zweimal Dritte und einmal Zweite.

Aber natürlich ist sie eine Ausnahme – eine sehr seltene sogar. „Eigentlich auch nicht verwunderlich“, glaubt der viermalige Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel, obwohl er es grundsätzlich durchaus für möglich hält, dass Frauen im Rennsport mit den Männern mithalten können. „Aber das ist einfach eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Unter 1000 Kindern, die mit dem Kartsport anfangen, sind doch maximal 50 Mädchen. Und von den Jungs schafft es doch höchstens auch einer bis ganz nach oben.“

„Lieber mit Puppen“

Warum das so ist, dass sich nur so wenige Mädchen im Kart versuchen, ob es wirklich nur an ihrem mangelnden Interesse liegt, wird durchaus kontrovers diskutiert. Man kann es sich relativ einfach machen, so wie Nico Hülkenberg. Der deutsche Formel-1-Pilot, sowieso eher einer der klassischen Rennsport-Machos, die die Szene auch heute noch prägen, ist sich sicher: „Mädchen spielen halt lieber mit Puppen, Jungen mit Autos.“

Untersuchungen, auf die man sich etwa bei Mercedes stützt, zeigen aber: Bis etwa zum Alter von sieben oder acht Jahren ist das Interesse bei Mädchen an Technik durchaus gleich, erst dann entwickeln sich die Geschlechter auseinander. Was stark für einen Einfluss der Erziehung, der entsprechenden Sozialisierung, spricht. Weswegen man bei Mercedes gegensteuert und gerade für Mädchen in dieser Altersgruppe dieses Jahr einen besonderen Event organisierte: Am „International Women in Engineering Day“ begleiteten 15 der 100 im Mercedes-Formel-1-Chassis-Team in Brackley beschäftigten Ingenieurinnen 50 Schülerinnen aus der Umgebung den ganzen Tag über durch das Werk, um ihnen einen Blick hinter die Kulissen zu geben.

Familie spielt eine Rolle

Die Mädchen konnten außerdem an einer Reihe unterschiedlicher Aktivitäten teilnehmen, von Pit Stop Challenges über Fahrten im Simulator bis zur Herausforderung, ein eigenes Hoverboard in 45 Minuten zu bauen. Zum Abschluss standen der Besuch des 3. Freien Trainings und des Qualifyings beim Großen Preis von Frankreich.

Um eben das Gefühl zu verlieren, Rennsport und Technik seien reine Männersache. Dass das allgemein aber immer noch so ist, sieht auch die Ex-Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn so: „Der Rennsport wird leider immer noch als ‚Männerdomäne‘ wahrgenommen. Es ist für Mädchen daher schwieriger, überhaupt eine Chance beziehungsweise Förderung im Rennsport zu bekommen. Im Ergebnis führt das dazu, dass nur verhältnismäßig wenige Mädchen eine Rennsportlaufbahn wagen.“ Grundsätzlich müsse man ein Mädchen genauso fördern wie einen Jungen. „Darüber hinaus ist es wichtig, Mädchen gerade in männerdominierten Sportarten das nötige Selbstvertrauen zu geben. Dabei spielt das sportliche und familiäre Umfeld eine maßgebliche Rolle.“

Flörsch genießt ihre Rolle

Eine, die das Selbstvertrauen hat, sich den Weg nach oben zuzutrauen, ist Sophia Flörsch. Die gebürtige Münchnerin begann ihre Karriere als Fünfj.hrige im Kart. Nach dem Wechsel in den Formelsport ging sie nach Großbritannien und gewann zwei Rennen der Ginetta Junior Championship. 2016 und 2017 fuhr Flörsch in der Formel 4 und schaffte dort als erste Frau eine Podestplatzierung. Zwischendurch pausierte sie eine Weile, um in Ruhe das Abitur zu machen, stieg dann aber in der zweiten Saisonhälfte in die Formel-3-EM ein. „Ich muss mir mehr Respekt verschaffen“, sagt sie. „Schnell sein, erfolgreich sein, jede Lücke ausnutzen. Man muss sich immer durchsetzen, auch Sponsoren gegenüber. Das macht Spaß, vor allem wenn sich Jungs nach einem erfolgreichen Überholmanöver von mir ärgern.“

Sie gibt zu, ihre Sonderstellung manchmal auch ein bisschen zu genießen: „Wenn man als Mädchen aber mit der richtigen Einstellung herangeht und einem das sogar Spaß macht, ist das ein zusätzlicher Motivationsschub. Nach einem guten Rennen ist es umso schöner, wenn ich aus dem Auto steige, die langen Haare zum Vorschein kommen und mich alle anschauen.“ Das immer wieder vorgebrachte Argument, schon rein physisch seien Frauen nicht dazu in der Lage, Männern in einem Formel-1-Auto Paroli zu bieten, kann sie schon nicht mehr hören.

Physis spielt keine Rolle

Genauso wie Tatiana Calderón, Testpilotin bei Sauber und parallel im dritten Jahr in der GP3 Serie unterwegs. „Wir müssen im physischen Bereich einfach härter arbeiten, vielleicht mehr trainieren. Wir haben 30 Prozent weniger Muskelmasse, aber das ist kein Problem“, ist sich die Kolumbianerin sicher, und erfahrene Physiotherapeuten geben ihr Recht.

Der Österreicher Josef Leberer etwa, in den 1980ern und 90ern zunächst bei McLaren Betreuer von Ayrton Senna und Alain Prost, stets einer der engsten Senna-Vertrauten und jetzt seit vielen Jahren bei Sauber: „Früher, als es noch keine Servolenkung gab, als manuell geschaltet wurde, als das Fahren noch viel mehr reine Kraft erforderte, wäre es wesentlich schwieriger für eine Frau gewesen, wirklich konkurrenzfähig zu sein. Heute wäre das wohl viel eher möglich. Es geht ja nicht um Maximalkraft, sondern um Kraftausdauer und da kann auch eine Frau mit entsprechendem Training auf die notwendige Fitness kommen.“

Ellbogen ist gebraucht

Er sieht freilich noch einen anderen Punkt: „Körperliche Fitness ist allerdings nicht alles, es geht auch um mentale Stärke, Durchsetzungsvermögen, auch den entsprechenden ‚Ellbogeneinsatz‘, der oft nötig ist. Und gerade da kommt vielleicht oft auch noch die Erziehung und die immer noch an vielen Stellen herrschende klassische Denkweise ins Spiel: Mädchen werden doch immer noch oft von Anfang an eher dazu erzogen, zurückhaltend und brav zu sein, sich nicht unbedingt auch mit vollem – körperlichen – Einsatz durchzusetzen. Das könnte es ihnen dann schwerer machen, die entsprechende Härte mitzubringen.“

Bringt eine Frau sie dann aber mit, tun sich die Konkurrenten entsprechend schwer: „Wenn mir die Jungs nach einem Rennen nicht in die Augen schauen, weiß ich, dass ich einen guten Job gemacht habe“, sagt Calderón mit einem leichten Schmunzeln. Sie hofft, in ihrer Testfahrerrolle bei Sauber vielleicht einmal zu einem Freitags-Einsatz zu kommen, einmal ein freies Formel-1-Training mitfahren zu können, dort zu beweisen, dass sie mithalten kann, das wäre schon ein ganz großer Schritt für die 25-Jährige, die von ihrer älteren Schwester gemanagt wird.

Der Socrates Newsletter

Sophia Flörsch will in die Formel 1

Sophia Flörsch möchte es innerhalb der nächsten fünf Jahre in die Formel 1 schaffen. „Es gibt schon einen Karriereplan. Aber im Motorsport ändert sich jedes Jahr etwas, und man muss zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute kennen.“ Und dann auch noch das nötige Geld finden: Von Seiten ihrer Familie hat sie nur ein begrenztes Budget – keinen Milliardärs-Papa im Hintergrund wie etwa Lance Stroll, der aktuelle Williams-Pilot: „Ich brauche Sponsoren oder Investoren, die an mich glauben und mich auf dem Weg nach oben unterstützen. Das kann holprig werden, aber ich will das schaffen.“ Gerade hat sie ihren Formel-3-Platz im HWA-Team verloren, hat die Hoffnung aber natürlich nicht aufgegeben.

Ein ganz junges Mädchen aus Japan möchte freilich auf dem Weg nach oben alle ihre Mitkonkurrentinnen überholen: Juju Noda, gerade erst einmal 13 Jahre alt, gilt als Riesentalent mit entsprechendem familiären Hintergrund. Sie ist die Tochter von Hideki Noda, der 1994 drei Formel-1-Rennen für das marode Larrousse-Team fuhr, allerdings ziemlich erfolglos. Beim Heimrennen in Suzuka drehte er sich gleich mal in der Startrunde. „Sie hat mehr Talent als ich“, sagt der Papa über sein Töchterchen. „Sie kann das Limit des Rennwagens und der Reifen genau spüren. Das kann ich ihr nicht beibringen, das ist Naturtalent.“

Das Naturtalent aus Japan

Mit neun Jahren steckte er Juju schon in einen 160 PS starken Formel-4-Flitzer. In der Kategorie hält sie inzwischen einen Rundenrekord in Okayama. Mittlerweile testet sie schon 240 PS starke Formel-3-Flitzer, düst mit Tempo 250 die Start-Ziel-Gerade der gefährlichen Okayama-Strecke entlang. Sie ist die Prinzessin des Motorsports in Japan. Freilich, bei ihr sind die auftretenden Kräfte schon noch ein gewisses Problem. Auf Videos sieht man: Wenn sie bremst, fällt ihr Kopf noch ein bisschen nach vorn.

Das zierliche Mädchen wiegt keine 40 Kilogramm, muss aber schon Kräften von 4G, dem Vierfachen ihres Körpergewichts also, standhalten können. Sie selbst stört das angeblich nicht: „Wenn ich im Auto sitze, merke ich das nicht. Nur am nächsten Tag tun mir ein bisschen die Nackenmuskeln weh“, erzählt sie cool bei einem ihrer inzwischen zahlreichen Fernsehauftritte.

Immer jüngere Frauen

Ellen Lohr, die 1992 als bisher einzige Frau ein DTM-Rennen gewann, findet: „Der Trend, dass alle immer jünger anfangen, ist eigentlich schon verrückt. Aber mit so einem motorsportlichen Umfeld kann sie schon in der Lage sein, solche Autos zu bewegen.“ In  Japan wird Juju Noda längst gefeiert wie ein Star. Ein solcher will sie auch mal sein. Dabei reicht es ihr nicht, als erste Frau seit Giovanna Amati 1992 Formel-1- Fahrerin zu werden. „Ich will Formel-1-Rennen gewinnen – als erstes Mädchen überhaupt!“ Dafür übt sie, wenn sie nicht testend auf einer Strecke unterwegs ist, im Simulator. Ihr erstes Rennen in einem Formel-Auto darf sie erst 2021 bestreiten, dann ist sie mit 15 Jahren alt genug…

Sollte sich ihr Talent dann wirklich bestätigen, würde sich wahrscheinlich schon ein Team für sie finden. Monisha Kaltenborn, die in ihrer Sauber-Zeit die Schweizerin Simona de Silvestro in die Formel 1 bringen wollte, was dann aber unter anderem an geplatzten Sponsoren- Deals scheiterte, weiß um die Wirkung, auch wenn sie betont: „Als ich Simona ins Team aufnahm, war ich von ihrem Talent überzeugt und wollte ihr die Möglichkeit geben, ihre Fähigkeiten in einem Formel-1-Auto zu zeigen. Aber jedes Team, das als erstes eine kompetitive Formel-1-Fahrerin hat, wird von einem enormen PR-Effekt profitieren.“

Karin Sturm

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Joachim Löw hinterfragt Nübel-Entscheidung

Handball-EM: Danish Dynamite und ein X-Faktor

Die Handball-EM in Norwegen, Schweden und Österreich beginnt. Wer holt den Titel? Was macht das DHB-Team von Trainer Christian Prokop. Unsere Tipps für das Turnier, das bis zum 26. Januar andauert.

SOCRATES-Handball-Experte Ozancan Sülüm tippt die Handball-EM:

Europameister: Dänemark

Die Dänen kommen mit Olympia-Gold und Weltmeistertitel im Gepäck. Bei der Golden League, dem Vorbereitungsturnier für die EM, besiegten sie Norwegen und Frankreich, obwohl sie nicht mal in Bestbesetzung waren. Sie haben die beste Spielmacher-Rotation – dazu noch Mikkel Hansen. Lange Rede, kurzer Sinn. Leute, wir haben hier einen klaren Favoriten.

Finalist: Spanien

Ein breiter, erfahrener Kader und der Titelverteidiger. Vor dem Turnier spielten sie gegen eher unterklassige Teams und holten drei Siege für das Selbstvertrauen. Auch wenn der Kader fast ohne Ausnahme hochklassig ist, haben die Spanier einen Nachteil: Nur sieben der 15 Spieler sind U30er. Verteidigung und Tor sind überragend besetzt, doch auf der Position des Kreisläufers? Hmm! Sie haben ganz große Chancen auf eine Medaille und das Finale, aber die Dänen sind im Vorteil.

Platz 3: Norwegen

Sander Sagosen ist der größte MVP-Favorit des Turniers. Jung, dynamisch, talentiert, aggressiv. Das sind die Norweger. Vielleicht ist die fehlende Erfahrung in der Spitze ein Nachteil. Trainer Christian Berge führte die Mannschaft zu zwei WM-Endspiele, aber bei den Europameisterschaften fehlt noch eine Medaille. Diesmal sind sie dran.

Die jungen Wilden: Frankreich

Eigentlich sind die Franzosen immer ganz weit vorne dabei, aber sie haben einen Umbruch eingeleitet und wichtige Routiniers verloren. Na klar, denken wir da an Luka Karabatic. Dem Kapitän von PSG, der lange Jahre als Abwehrchef ein wichtiger Rückhalt für Frankreich war. Sie haben einen starken U23-Jahrgang, der sicher spannend zu beobachten sein wird. Das Potenzial ist unendlich, schauen wir, wohin da führt.

Und was ist mit… Deutschland?

Gefühlt sind alle Spielmacher verletzt, aber dank des formstarken Kaders ist Deutschland durchaus ein Anwärter auf eine Medaille. Zwar wiegen die Ausfälle schwer, aber die physische Komponente sowie die trotzdem vorhandenen Rotationsmöglichkeiten, könnte dem DHB-Team auf der Strecke helfen.

Topscorer: Mikkel Hansen

Irgendwie macht es keinen Sinn, einen anderen Tipp abzugeben, wenn Mikkel Hansen bei einem Turnier mit dabei ist. Der Welthandballer von 2011, 2015 und 2018 wird die gefährlichste Waffe Dänemarks. Und wenn er mal nicht trifft, legt er ja vielleicht für Kiels Magnus Landin und Oldie Hans Landberg auf.

Die Spitzenverdiener des Sports

MVP: Sander Sagosen

Wir müssen da jetzt nicht weit ausholen: Norwegens Sander Sagosen ist der formstärkste Spieler der Welt.

X-Faktor: Portugal

Die Topklubs investieren ordentlich, die Nachwuchsteams haben in den letzten Turnieren tolle Erfolge gefeiert – da muss man Portugal sicher auf dem Zettel haben. Vielleicht werden sie die Gruppenphase nicht überstehen, aber ein Ausrufezeichen für die Zukunft sollte drin sein.

Enttäuschung: Slowenien

Ljubomir Vranjes ist nach seiner Odysee in Veszprem nun in Slowenien am Start. Und er überrachte gleich mal mit der Nicht-Nominierung der Skube-Brüder, Mlakar, und Poteko. Sie haben einen talentierten Kader, auch eine ganz okaye Gruppe, aber es gibt dann doch ein paar Fragezeichen.

Ozan spielte selbst Handball, schaffte es sogar bis in die Junioren-Natiionalmannschaft der Türkei, entschied sich aber später für das Laufen - unter anderem gelang ihm schon der eine oder andere Marathon. Bei SOCRATES Experte für Handball, Leichtathletik, aber auch Fußball.
Ozan Can Sülüm
Redakteur

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Ewald Lienen im Interview: Am Rand der Selbstzerstörung

Hohe Ablösen, komplett vermarktete Klubs, Verlust der Fannähe: Für Ewald Lienen (66) sind das keine wichtigen Probleme mehr. Der technische Direktor des FC St. Pauli schlägt Alarm und appelliert nicht nur an die Fußballklubs, sondern auch an die Menschheit.

Ewald Lienen, was macht den FC St. Pauli so besonders?

Es ist ein Verein, der mitgliederbasiert ist. Es gibt also keine Ausgliederung der Profi-Abteilung. Der Vorstand ist zusammen mit der neuen Direktorenebene für alle Entscheidungen verantwortlich. Und die Mitglieder wählen den Vorstand. Das führt zu einer richtig engen Verbindung untereinander. Die Mitglieder haben durch die bereits vor 10 Jahren verabschiedeten Leitlinien die Richtung bestimmt, die der Verein einschlägt. Oder durch neuere Beschlüsse, wie etwa beim Merchandising, wo wir dem mehrheitlichen Wunsch nachkommen, generell auf nachhaltige Produkte zu setzen. Auch der Stadionname wird nicht vermarktet. Der FC St. Pauli ist ein Verein, der sich bestimmten Werten verpflichtet hat, die wir auch offen vertreten. Wir spielen nicht nur Fußball, wir sind uns auch unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst und leben sie.

Der FC St. Pauli nimmt im deutschen Fußball in dieser Hinsicht eine besondere Stellung ein. Viele andere Vereine vermarkten ihre Stadionnamen, werden von Investoren unterstützt. Lässt sich diese Entwicklung, die immer mehr Geld in den Fußball spült, überhaupt noch umkehren?

Das ist zumindest fraglich, aber wie so vieles auch nicht unmöglich und hängt vom sportpolitischen Willen ab. Aber das ist zurzeit nicht unser größtes Problem. Wir leben im Moment in einer Welt, die durch Umweltbelastung und Klimakrise am Rand der Selbstzerstörung wandelt. Der Grund dafür ist das egoistische, rücksichtslose und rein gewinnbasierte, konsumorientierte Denken, das in großem Maße unsere Wirtschaft und unser tägliches Leben dominiert. Es stellt sich nicht die Frage, ob sich das Umkehren lässt, sondern wann wir endlich umkehren. Wir können das nicht nur der Politik und den großen Konzernen überlassen, sondern müssen auch uns selbst und unser Konsumverhalten hinterfragen. Und natürlich auch die Art, wie wir Dinge produzieren und mit Mitmenschen und der Natur umgehen. Der jetzige Weg hat keine Zukunft. Die Erde ist etwas Wunderschönes. Und alle Menschen haben es verdient, in Würde und im Einklang mit der Natur zu leben. Aber dazu müssen wir radikal umdenken und können nicht noch 10 oder 20 Jahre warten. Dann ist es zu spät.

„Wir können nicht einfach weiter Fußball spielen“

Ihnen scheint die gesellschaftliche Verantwortung sehr am Herzen zu liegen…

Natürlich! Aber nicht nur, weil es mir nun mal am Herzen liegt, sondern weil es mittlerweile eine Frage des Überlebens geworden ist. Wenn wir den Klimawandel nicht aufhalten, brauchen wir uns über andere Themen keine Gedanken mehr zu machen. Der Fußball ist ein Teil der Gesellschaft, und er handelt nach den gleichen oft lebensfeindlichen Maximen und Prinzipien, die überall in unseren Gesellschaften zu finden sind. Dass die Wirtschaft nicht für den einzelnen Menschen da ist und wir zumeist nur mit der Absicht produzieren, möglichst viel Gewinn zu erzielen, hat zu vielen Ungerechtigkeiten und unsozialen Folgen geführt. Aber mittlerweile hat es die Erde auch an den Rand des ökologischen Kollapses gebracht, mit allen damit verbundenen, unübersehbaren und existenzgefährdenden Konsequenzen. Dagegen müssen wir etwas tun, und zwar alle und sofort. Also auch die Vereine. Zum Glück ist der FC St. Pauli nicht der einzige Verein, der etwas auf der Basis gesellschaftlicher Verantwortung tut, auch wenn vielleicht nur wir uns in der Vermarktung aus Überzeugung Selbstbeschränkungen auferlegt haben. Fast alle Profiklubs sind bezüglich ihres sozialen Engagements auf einem guten Weg, und es gibt viele tolle andere Beispiele wie in Bremen, Freiburg oder Frankfurt. Beim FC St. Pauli unterstützen wir zusammen mit der sehr aktiven Techniker Krankenkasse aktuell das an meinen Namen angelehnte Projekt „e-Wald“, unter Zuhilfenahme einer App der Organisation „Plant for the Planet“.

Was steckt dahinter?

Dort haben Nutzer die Möglichkeit, mit ein paar Klicks durch Spenden Bäume zu pflanzen und sozusagen ihren eigenen elektronischen Wald, also den e-Wald, aufzuforsten und damit langfristig zur Reduzierung von CO2 in der Atmosphäre beizutragen. Pflanzen wir weltweit 1000 Milliarden neue Bäume, können wir den weiteren Anstieg der Erdtemperatur bremsen und uns Zeit für weitere grundlegende Veränderungen verschaffen. Der Klimawandel ist zur Zeit die gefährlichste, aber auch nur eine Folge unserer Art, Wirtschaft und Gesellschaft zu organisieren. Wir können die Dinge nicht losgelöst voneinander betrachten. Schaffen wir einen radikalen Wechsel in unserer Ausrichtung, bewahren wir die Erde nicht nur vor dem Kollaps, sondern können endlich auch Hunger, Armut und Ungerechtigkeit bekämpfen sowie für Gleichheit, Bildung, Frieden und nachhaltige Entwicklung auf der Welt sorgen. Ein Verein hat alle Möglichkeiten der Welt, etwas zu tun. Das muss unser Ziel sein. Wir können nicht einfach weiter Fußball spielen und so tun, als würde uns das alles nichts angehen. Das betrifft neben den Vereinen jeden einzelnen Menschen, aber auch Organisationen und alle Unternehmen.

Sie sprechen die gesellschaftliche Verantwortung der Vereine an. Inwiefern ist Fußball ein Spiegelbild dafür, was neben dem Rasen passiert?

Der Fußball findet ja nicht im luftleeren Raum statt. Wie schon angedeutet, geht es auch bei uns darum, wie wir Produkte für unser Merchandising herstellen lassen, wie wir an Spieltagen mit Lebensmitteln umgehen, wieviel Abfall oder Plastikmüll wir produzieren, wie wir mit Mitarbeitern oder Nachwuchsspielern umgehen, kurz: wie nachhaltig und sozial wir uns als Arbeitgeber und Organisation verhalten. Dazu sind wir als Verein in einer Konkurrenzsituation mit anderen Vereinen. Wir sind nicht in den USA, wo man ein Franchise-System hat und sich niemand Sorgen machen muss, dass er absteigt (dafür gibt es viele andere Nachteile). Ein Abstieg ist für die Vereine oftmals mit großen wirtschaftlichen Risiken verbunden. Vor allem wenn du in die 3. Liga absteigst, dann bist du im finanziellen Nirwana gelandet, was zumeist nur mit entsprechenden Financiers aufgefangen werden kann. Und wenn die anderen ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten nutzen und du nicht im gleichen Maße, dann hast du schon mal einen strukturellen Nachteil. Trotzdem müssen wir mitziehen, wenn wir mithalten wollen. Dabei gehen wir schon genug Kompromisse ein, und das wissen unsere Fans auch. Ansonsten müssten wir europaweit eine eigene Liga gründen. Nur mit Vereinen, die sich an unserer Ausrichtung orientieren.

Das Interview erschien in Ausgabe #37: Jetzt nachbestellen

„Viele Menschen haben den Glauben an die Politik verloren“

Was wiederum mit finanziellen Verlusten einhergehen würde…

Natürlich. Die Hauptfinanzierungsquelle sind die TV-Verträge und über den damit verbundenen Verbreitungsgrad unsere Sponsoren- und Werbeverträge. Und das in den großen Ligen mit Publikumswirksamkeit. Die Konkurrenzfähigkeit stößt an Grenzen, wenn in anderen Ligen wesentlich mehr Geld im Umlauf ist, wie z.B. in der englischen Premier League. Da verdienen die Spieler einfach besser. Ob der Fußball da so viel besser ist? Bei den Top-Vereinen schon, weil die sich die besten Spieler der Welt holen können. Dadurch ist dort die Konkurrenz an der Spitze auch größer als bei uns.

Welche Rolle spielt die Politik im Sport?

Sport und Politik hatten schon immer etwas miteinander zu tun. Das hat es schon im alten Rom gegeben. Schon damals wurden dem Volk Gladiatorenkämpfe präsentiert, um es zu beruhigen. Und die Gladiatorenkämpfe von heute sind offensichtlich Fußballspiele. Dass die Politik sich über den Sport präsentieren will, haben wir auch schon gefühlt hundert Mal erlebt. Sei es bei den Olympischen Spielen 1936 mit dem NS-Regime oder bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien, als unter den Augen einer Militärdiktatur gespielt wurde. Tausende Menschen wurden dort ermordet und wir sind hingefahren und haben Fußball gespielt. Das ist ein düsteres Kapitel unserer Nationalmannschaft.

Aktuell befindet sich die politische Landschaft in Deutschland im Wandel, Parteien wie die AfD fahren Rekordergebnisse ein. Merken Sie sowas auch auf den Rängen?

Beim FC St. Pauli eher nicht, denn unsere Fans haben sich da klar positioniert. Wenn ich mich aber in Europa umschaue, dann gibt es immer wieder Beispiele, wie leider auch in Italien, wo farbige Spieler rassistisch beleidigt werden. Das ist unterirdisch. Ich weiß aber nicht, ob das nur als Rechtsruck einzuordnen ist. Viele Menschen haben den Glauben an die Politik verloren. Weil wir in den letzten Jahrzehnten viele Politiker hatten, die mehr an ihrer Karriere als an den sozialen Werten interessiert waren, für die sie stehen sollten. Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, in der rücksichtslos gewirtschaftet wird. Ohne Rücksicht auf den Menschen, ohne Rücksicht auf die Natur und ohne Rücksicht auf nachhaltige Entwicklung, Gerechtigkeit und Frieden. Seit Beginn der Kolonialisierung plündern wir Länder in Afrika oder sonst wo aus, haben ethnische Konflikte befördert, liefern dazu noch Waffen in alle Welt und wundern uns dann auch noch darüber, wenn Menschen aus diesen Ländern zu uns kommen, um der Armut und den Kriegen zu entfliehen. Die Politik und die Wirtschaft müssen für alle Menschen da sein und nicht nur für einige wenige Eliten oder die industrialisierten Länder.

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Heimweh

Braucht man nur die schönen Momente des Lebens, um Sehnsucht zu entwickeln? Schriftsteller und Autor Moritz Rinke entdeckte in weiter Ferne seine Liebe zu Werder Bremen wieder.

Früher, als ich Mitte zwanzig war, hatte Heimat etwas Beengendes. Wenn ich zu Hause ankam, verschoben sich die Proportionen. Natürlich war das Haus in Worpswede, in der Künstlerkolonie bei Bremen, in dem ich lebte, größer als die Mietwohnung in Berlin, dennoch kam mir alles kleiner vor. Im Badezimmer hatte ich das Gefühl, ich müsste den Kopf einziehen, das Waschbecken hänge zu tief und der Spiegel sei zu klein.

Wenn man mir Bilder mit den berühmten Malern von Worpswede zeigte, und ich ihre Moorlandschaften bewundern sollte, lief ich weg. Wenn ich auf Reisen in Hotels Bilder mit den berühmten Worpsweder Moorlandschaften der Modersohns sah, hing ich sie ab. Wenn ich noch bis vor kurzem gefragt wurde, warum das Licht, der Himmel und die Wolken über Worpswede so besonders seien und die Maler zu ihren Kunstwerken inspirierten, fing ich an zu schimpfen und erklärte, die Wolken seien halt so, basta.

Nach Bartels‘ Schuss…

Als Kinder wurden wir mit den besonderen Wolken über Worpswede tyrannisiert. Wir mussten die Wolken ja nicht nur anschauen, wir mussten sie ja auch in Aquarell malen und im Erdkundeunterricht sprachen wir nicht über die Niagarafälle oder den Dschungel in Afrika, sondern über die Worpsweder Wolken. Offenbar begriff niemand, dass diese verdammten Wolken für uns ganz normal waren! Und deshalb musste man auch ganz bestimmt nicht wie Rilke darüber Gedichte schreiben oder gar Maler werden!

Dass ich als Kind Fußballer werden wollte und nicht Maler, hatte ganz bestimmt mit den Wolken zu tun!

Als ich vor geraumer Zeit ein Heimspiel des SV Werder Bremen im türkischen Fernsehen sah (die Bundesligaübertragungen in der Türkei hat der Präsident Gott sei Dank noch nicht verboten), Werder wieder mal zu verlieren schien und die Kamera nach einem Schuss des Bremer Spielers Fin Bartels weit über das Tor in den Bremer Himmel schwenkte – da sah ich sie  wieder: die  norddeutschen Wolken! Ja, sie sahen genauso aus wie auf den berühmten Bildern der Worpsweder Maler, sogar wie auf den Aquarellen meiner malbegabten Mitschüler.

Der Artikel erschien in Ausgabe #4: Jetzt nachbestellen

Der Kanzlerkandidat saß fast auf mir

Ich starrte aus Istanbul auf den Himmel meiner Kindheit. Und ich begriff, dass das Heimatgefühl vielleicht erst über den Umweg entsteht. Vielleicht ist es das, was Peter Handke mit der „Langsamen Heimkehr“ meint; in der Erkenntnis des Entferntseins bereitet sich so etwas wie Heimkehr vor, wie Heimweh. Ich hatte Heimweh.

Wochen später fuhr ich nach Bremen. Werder spielte gegen einen Mitkonkurrenten im Abstiegskampf. Neben mir saß der damalige Parteivorsitzende der SPD, Sigmar Gabriel. Wir sprachen über eine mögliche Kanzlerkandidatur, nicht von mir, nein, nein, natürlich von Gabriel. Gabriels mächtiger Körper sprang manchmal auf, wenn sich Werder eine seltene Torchance bot, dann fiel er wieder in den Sitz zurück.

Mensch, dachte ich, der Sitz ist ja viel zu klein für den künftigen Kanzlerkandidaten, er saß nämlich schon fast auf mir. Überhaupt schien mir das Weserstadion auch kleiner geworden zu sein. Früher, als ich das erste Mal hier als Junge war, da war es ein Riesenstadion, überhaupt war das Weserstadion das Größte, was es für mich gab, aber jetzt kam es mir vor wie unser Badezimmer, ich hatte das Gefühl, ich müsste den Kopf einziehen, – und als wenn nun auch noch der Kanzlerkandidat in das Badezimmer komme. Werder lag mittlerweile wieder mal in Rückstand, aber schien nun das Spiel drehen zu können, viele Angriffe über die Flügel.

Da unten sind Dieter und Uwe

Ich sprang auf. Wie früher. „Wissen Sie was?“, sagte ich zum Kanzlerkandidaten, „Wir beide sind mit Wundern groß geworden, wer Werder Bremen seit der Kindheit liebt, weiß, dass es Wunder gibt. Wir gewinnen das noch, glauben Sie nicht?“ Der Kanzlerkandidat nickte. Plötzlich war wieder dieses alte Gefühl in mir. Werder dreht das. Ich sah unten in der Kurve Dieter und Uwe, Freunde von früher, um Jahrzehnte gealtert, aber auch sie waren aufgesprungen, auch in ihnen war wieder der Glaube an das Wunder.

Da unten sind Dieter und Uwe, sagte ich zum Kanzlerkandidaten, Uwe und Dieter sind Freunde von früher. Seltsam, die weit aufgerissenen Augen von Dieter und Uwe, die ich natürlich nicht richtig erkennen konnte, aber mir einbildete, sie zu erkennen, das Auf und Ab ihrer Bewegungen, das wallende Hin und Her der Bewegungen der ganzen Ostkurve: Das alles kam mir vor wie die heimischen, norddeutschen Wolken, die ich aus Istanbul via türkisches Fernsehen gesehen hatte.

Trikots von Riedle, Burgsmüller und Völler

Plötzlich fühlte ich es: Ja, ich war zu Hause. Wie sehr hatte ich, ohne es zu wissen, all das vermisst. Das erste Wunder habe ich mit Dieter und Uwe in dieser Ostkurve erlebt. 1987, im November, einer dieser berühmten Bremer Flutlichtabende, UEFA-Pokal, 2. Runde, Rückspiel gegen Spartak Moskau. Dichter, kalter Nebel, Nebelwolken lagen über dem Rasen, und ich hatte über mein Karl-Heinz-Riedle-Trikot noch das alte Manfred-Burgsmüller- Trikot und das noch ältere Rudi-Völler-Trikot drübergezogen.

Das Hinspiel hatte Werder 1:4 verloren, keiner rechnete mehr mit einem Weiterkommen. Und dann das: 4:1 für Bremen nach 90 Minuten! Verlängerung: Riedle mit dem Kopf ins Glück, 100. Spielminute. Ich weiß noch, dass ich mir alle anderen Trikots wieder vom Leibe riss, um nur im Karl-Heinz-Riedle-Trikot zu jubeln. Und dann kam sogar noch Burgsmüller mit einem Drehschuss: 6:1!

Der Socrates Newsletter

Maradona, also Gott war im Weser-Stadion

Es ist mehr als ein Vierteljahrhundert her, aber ich sehe mich immer noch, wie ich mir in Ekstase im Wesernebel wieder das Manfred-Burgsmüller-Trikot über das Karl-Heinz-Riedle Trikot zog. „Können Sie sich noch zu Hause an das 6:1 gegen Spartak Moskau erinnern?!“, fragte ich den Kanzlerkandidaten. Er nickte.

Auch an den Nikolausabend 1989, UEFA-Pokal, Rückspiel gegen den SSC Neapel, den Titelverteidiger? Damals eine der besten Mannschaften der Welt. Endergebnis: 5:1! Wunder! Natürlich wieder unter Flutlicht! Für Neapel spielte im Weserstadion: Diego Maradona, also Gott; auf Bremer Seite hießen die Spieler ganz einfach Jonny Otten, Günter Hermann oder Dieter Eilts. Die Eintrittskarte von diesem irren Nikolausabend habe ich immer noch.

Es ist ein „Kutzop“ passiert

Es gab natürlich auch tragische Momente, die ich nie vergessen werde. April 1986: Handelfmeter in der vorletzten Minute gegen Bayern München. Wenn Kutzop trifft, dann ist Werder Bremen vorzeitig deutscher Fußballmeister. Kutzop, der alle sieben Elfer dieser Saison sicher verwandelte, läuft an, er verlädt Jean-Marie Pfaff im Bayern-Tor, aber – rechter Außenpfosten. Das nächste Spiel gewinnt Bayern und Bremen verliert, aus, vorbei, Meistertraum ade.

Man muss nur „Kutzop“ sagen, dann umarmen sich wildfremde Bremer und halten sich noch 25 Jahre danach tröstend in den Armen. Und wenn uns Bremern etwas misslingt, knapp misslingt, sagen wir kurz „Kutzop“, auch das ist Heimat. Meine Heimatmannschaft war schon immer die Horrormannschaft der Fußballwetten. Auf Werder konnte man sich nicht verlassen: Ausscheiden gegen den FC Superfund Pasching im UI-Cup und in derselben Saison 2003/04 dann deutscher Meister und Pokalsieger.

„So ein Mist! Pennt ihr denn alle?“

Aber vielleicht waren diese Temperaturstürze genau das, was die Werderaner zur beliebtesten Mannschaft des Landes machte. Einen Tag gelingt gar nichts, man ist unfassbar schlecht, und dann geht plötzlich im Wesernebel das Flutlicht an, und ein Wunder geschieht. Eine Mannschaft also, die sich immer wieder aus dem Sumpf zog und über sich hinauswuchs in offensivster Schönheit – das mochten die Menschen, da konnten die Bayern aus München siegen wie sie wollten, gegen diese typische Bremer Mischung aus Stümperei und Weserwundern, aus Genie und Wahnsinn kamen sie nie an, denn die Werderaner aus Bremen hatten immer etwas, wie ich finde, Lebendigeres, ja Menschlicheres.

Der Kanzlerkandidat schrie: „So ein Mist! Pennt ihr denn alle?“ Werder war wieder noch weiter in Rückstand geraten, das Spiel war offensichtlich nicht mehr zu drehen. Und es sah so aus, als käme nun eine sehr schwere Zeit für Werder. „Ich gehe. Mir reicht’s!“, sagte der Kanzlerkandidat. „Da bereite ich lieber den Parteitag vor.“ Auch Uwe und Dieter waren nicht mehr da, auch sie waren gegangen.

Ich schaute in den Himmel. Tiefe, schwarze Wolken. Auch die hatte ich früher malen müssen. Auch die gehörten zu meiner Kindheit.

Moritz Rinke

Moritz Rinke (Jahrgang 1967, geboren in Worpswede bei Bremen) ist ein in Berlin lebender deutscher Dramatiker und Romanautor. Er ist aktives Mitglied der deutschen Autorennationalmannschaft (Autonama) und spielt dort als erfolgreichster Torjäger. Zudem ist er Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur. Gelegentlich ist Rinke Autor für das Socrates Magazin.
Moritz Rinke
Autor

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Bird und Johnson: Die Kinder des David Stern

Die NBA war Anfang der 80er Jahre ein schwarzes Loch in der Gesellschaft. Doch David Stern veränderte mit drastischen Mitteln das Ansehen und legte den Grundstein für einen steilen Aufstieg – und ein legendäres Duell.

Am Abend des 26. März 1979 saß, wie ganz Amerika, auch David Stern vor dem Fernseher und wartete auf den Sprungball des NCAA-Finales zwischen Indiana State und Michigan State. An jenem Abend sollten zwei Wunderkinder zum ersten Mal aufeinandertreffen: Larry Bird und Magic Johnson.

Sterns Kopf war so sehr mit anderen Sachen beschäftigt, dass er an jenem Tag nicht erkannte, dass der erste Akt einer Rivalität inszeniert wurde, die der National Basketball Association neues Leben einhauchen könnte. Der junge Anwalt, der in der NBA als General Counsel beschäftigt war, hatte bereits angefangen, in Ligakreisen großes Ansehen zu genießen. Und in seinem Kopf schwirrten haufenweise Fragen darüber herum, was man in Bezug auf die Moderatoren, die im nationalen Fernsehen das Wort „NBA“ nicht in den Mund nehmen durften, unternehmen könnte.

„Sie geben das Geld für Drogen aus“

Die Liga war, was das Marketing angeht, ein riesiges schwarzes Loch. Stern fasste die damalige Situation mit folgenden Worten zusammen: „Es ging ausschließlich um Rasse, Drogen und Überbezahlung. Man nahm unsere Spieler so wahr: ‚Sie sind schwarz und sie verdienen einen Haufen Geld und da sie schwarz sind und zu viel Geld haben, geben sie es für Drogen aus.‘“

Nachdem er 1984 das Amt des Commissioners übernahm, intensivierte David Stern zuallererst die Drogentests und führte lebenslängliche Sperren ein, um eben jener Wahrnehmung von Drogenproblemen entgegenzuwirken. Sein zweiter Schachzug war die Einführung eines Finanzmodells, das Salary-Cap-System, welches nicht nur die NBA, sondern alle Major Ligen nachhaltig verändern sollte. Das war aber nicht alles.

Auf welcher Seite stehst du?

Bevor das Kabelfernsehen die Sportübertragungsrechte eroberte, war die NBA nicht einmal in der Lage, einen 30-sekündigen Werbespot zu kaufen, um die großen Samstagabend Showdowns zu promoten. Die erste NBA-Werbung im US-amerikanischen Fernsehen, für die die Liga allerdings keinen Cent ausgeben musste, wurde 1982 gesendet und drehte sich um die beiden Rivalen von einst: „Come see Magic vs. Bird and the Lakers vs. the Celtics.“

Es verging also nicht allzu viel Zeit, bis das Versprechen des NCAA-Finales von 1979 eingelöst wurde: Magic gegen Bird, West Coast gegen East Coast, das schwarze Amerika gegen das weiße. Der glänzende Showtime-Basketball der „City of Angels“ gegen den von den Celtics verkörperten Teamgeist der alten Schule. Das amerikanische Volk, das sich für Fragen wie „Bist du Republikaner oder Demokrat?“ oder überhaupt „Auf welcher Seite stehst du?“, für Heldenepen, die den Kampf des Guten gegen das Böse kanonisieren, und allgemein für Rivalitäten und Dualitäten begeistern lässt, war nun binnen eines Wimpernschlags besessen von der Lakers-Celtics-Rivalität.

Die Vorurteilsbekämpfung

Bird und Magic schreckten aber auch nicht davor zurück, sich dieser Plattform zu bedienen, um über ihr traditionelles Duell hinaus auch gesellschaftliche Vorurteile zu bekämpfen. Auf der einen Seite focht Magic mit seiner Führungsrolle auf dem Parkett den Stereotyp des „schwarzen NBA-Stars“ an. Auf der anderen Seite musste Bird seine schwarzen Mitspieler davon überzeugen, dass er gegen die Rassentrennung war, obwohl er aus Indiana – ein als Hochburg des Ku-Klux-Klans berüchtigter Bundesstaat – stammte.

Schließlich wurde das von Bird und Magic hinterlassene Erbe sogar langlebiger als das von Ali und Frazier. Die NBA ist heute eine Profitmaschinerie, die kurz davorsteht, die NFL zu überholen. Und sie benötigt keinen neuen „Kampf des Jahrhunderts“, um Geld zu machen.

„Choose your Weapon“

Ist es aber nur das Erbe einer hervorragenden PR-Leistung, das diese Rivalität besonders macht? Nein, wie die Dreharbeiten zu einem Werbespot gezeigt haben.

Anfang September 1985. In einem dreiköpfigen Limousinenkorso auf dem Weg nach West Baden befand sich unter anderem Magic Johnson. Als Converse, eine der Marken, die zu den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles individuelles Sponsoring als neue Geldquelle für sich entdeckt hatte, für einen Werbefilm ihrer neuen Sneakers Bird und Magic zusammenbringen wollte, hatten die beiden Superstars nur mit einem Achselzucken geantwortet. Schließlich war die Summe auf dem Tisch doch zu groß, um abgelehnt zu werden, und so gaben sie ihren Widerstand auf.

Das Szenario, das sich um den Slogan „Choose Your Weapon“ drehte, hatte sowohl Bird als auch Magic überzeugt. Man musste nur noch eine Hürde nehmen und die letzte von Birds Bedingungen erfüllen: Die Dreharbeiten hatten auf seiner Ranch in Indiana zu erfolgen. Also war es Magic, der den Weg auf sich nehmen musste.

Die Spitzenverdiener des Sports

Sie waren so ähnlich

Als Magic das Ziel der Reise erreichte, wurden die drei Limousinen am Eingangstor der Ranch von Larrys Mutter Georgia empfangen. Georgia, die als College-Basketball-Fan nahezu alle Spiele in der Region verfolgte, überhäufte Magic mit Komplimenten und servierte dem jungen Mann mit dem breiten Lächeln Kirschtorte, die Spezialität von Larrys Großmutter. Wie groß der Stellenwert dieser Köstlichkeit an den folgenden Entwicklungen war, ist nicht überliefert.

In der von Jackie MacMullan verfassten – und von Bird und Magic abgesegneten – gemeinsamen Biographie When the Game Was Ours (2009) kann man jedoch eine ausführliche Beschreibung der Tage nachlesen, die die beiden gemeinsam in West Baden verbrachten, und wo sie, auf der Flucht vor dem Chaos der Kameras und Werbeleute im Keller gelandet, schließlich zueinander fanden und das Wesen ihrer Rivalität kennenlernten: Ihre Geschichte war die zweier Jungs aus dem Mittleren Westen, die in einer auf ihrer Gegnerschaft basierenden Erzählung ihre vorgeschriebenen Rollen spielten, um am Ende zu entdecken, wie ähnlich sie sich doch waren.

Cem Pekdogru

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Nagelsmann, Baier, Netzer: Code 10

Was haben Jullan Nagelsmann von RB Leipzig, Daniel Baier vom FC Augsburg und Fußball-Legende Günter Netzer zusammen? Sie haben alle etwas mit der Zahl „10“ zu tun. Die Ausgabe #39 dreht sich um „10“.

Julian Nagelsmann: Der Erfolgreiche

Bei RB Leipzig hat Julian Nagelsmann nicht viel Anlauf benötigt. Der 32 Jahre alte Fußball-Lehrer knüpfte auf Anhieb an seine erfolgreiche Zeit bei der TSG 1899 Hoffenheim an – und er wurde sogar besser. Die Leipziger spielen um den Titel in der Bundesliga – auch dank ihres Trainers.

Doch für Nagelsmann besteht das Leben nicht nur aus Fußball. Er denkt und handelt über den Tellerrand hinaus und ist wahrscheinlich auch deswegen so erfolgreich. Im exklusiven Interview spricht Nagelsmann in der neuen Ausgabe über die Gedanken über ein Karriereende, über Menschenführung und vieles mehr.

Die gesamte Story lesen Sie in der neuen Ausgabe, das sie hier bestellen können. Alternativ können Sie auch ein Jahresabo bestellen oder das ePaper lesen.

Was hat die Ausgabe #39 noch zu bieten?

Exklusiv-Interview mit Daniel Baier

Daniel Baier wollte einst die 10, bekam sie aber nicht, weil er Thomas Häßler nicht beerben durfte. Beim FC Augsburg bekam er sie und schreibt seither eine Erfolgsgeschichte. Mit 35 ist er immer noch topfit, hat aber mit dem deutschen Fußball noch ein Hühnchen zu rupfen.

Günter Netzer: Typ

Wenn es im Fußball mal nicht läuft, geht die Suche nach den „Typen“ los. Günter Netzer war einer. Aber nicht nur das: Er war Popstar, Spielmacher, einer der besten Zehner der Geschichte. Die Frage ist nur: Wie wäre es, wenn er heute spielen würde?

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Josuha Guilavogui im Interview: „Mir fehlen die Supermärkte“

Eigentlich wollte Josuha Guilavogui nie nach Deutschland ziehen. Jetzt ist er Kapitän des VfL Wolfsburg und kann sich vorstellen, die Autostadt nie wieder zu verlassen. Warum Franck Ribéry dabei eine Rolle spielt und was das einzige Manko ist, erzählt er im Interview.

Josuha Guilavogui, wie lebt es sich als Franzose in Deutschland?

Es ist toll, auch wenn in den ersten Monaten nicht unbedingt alles einfach verlief. Das Wichtigste war bei mir, als ich von Atlético Madrid kam, dass ich zwar der einzige Franzose im Kader war, aber dank der tollen Französischkenntnisse von Kevin De Bruyne, Diego Benaglio und Ivan Perišić besser und schneller Fuß fassen konnte. Ich konnte mich durch ihre großartige tägliche Hilfe gut und schnell integrieren. Sie waren immer für mich da und hilfsbereit, vor allem wegen der Übersetzung. Das war im Nachhinein mein großes Glück. Heute bin ich froh, dass ich diese Rolle übernehmen kann und zum Beispiel meinen Landsmann Jérôme Roussillon jederzeit zur Verfügung stehe und für ihn dadurch als Art großer Bruder gelte.

Und sportlich?

Von der Mentalität her sind es ja zwei verschiedene Länder. In den ersten Wochen beim VfL musste ich erst lernen, dass man bei den Trainingseinheiten ständig Gas geben muss und zwar bis zur letzten Sekunde. In Frankreich war es so, dass je näher das Spiel kam, desto weniger gemacht wurde. In Deutschland ist es kein Problem, 48 Stunden vor dem Spiel elf gegen elf zu spielen und dabei genauso fokussiert und engagiert zu sein wie im Spiel selbst. Das musste ich erst mal lernen und nun gebe ich auch bei jeder Einheit Vollgas, das ist schon längst kein Problem mehr.

War die Bundesliga immer ein Ziel für Sie in Ihrer Karriereplanung?

Überhaupt nicht. Und das ist ja das Unglaublichste in meiner Geschichte. Ich habe zu Beginn meiner Karriere eher Richtung Süden tendiert und Deutschland war für mich zu diesem Zeitpunkt nie ein Thema.

Warum?

Ich dachte in Deutschland ist es eher kalt und mir machte insbesondere die Schwierigkeit der Sprache zu schaffen, so dass ich mir nicht vorstellen konnte, jemals in der Bundesliga unter Vertrag zu stehen.

Was ist dann passiert?

Die Antwort auf diese und viele andere Fragen in der aktuellen Ausgabe.

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