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Ayrton Senna: Das Vermächtnis

Ayrton Senna 1990 in Imola (Getty)

Ayrton Senna war eine Respektperson, die überall Spuren hinterlassen hat und ihre Wirkung auch heute noch nicht verloren hat. Seine Familie lebt den Senna-Traum weiter.

Über 20 Jahre sind eine lange Zeit – aber in Brasilien weiß heute noch fast jeder ganz genau, wo er am 1. Mai 1994 war, was er gerade tat, als er von Ayrton Sennas Tod erfuhr. Von einem Verlust, der für die Brasilianer mehr war als nur der Verlust eines Sportidols, der der Verlust einer Hoffnung war – so viel hatte Senna ihnen immer geben können, so viel Freude, so viel Stolz, auch auf ihr Land, trotz aller sonstigen Probleme und Miseren.

Millionen säumten damals die Straßen von São Paulo, um einen Blick auf den Trauerzug zu werfen, die ganze Stadt war drei Tage lang wie gelähmt, selbst die Kriminalitätsrate sank auf deutlich weniger als die Hälfte des Normalen. Die Brasilianer haben Ayrton Senna auch heute noch nicht vergessen, obwohl sie sogar von sich selbst sagen, „Brasilianer haben ein kurzes Gedächtnis“.

Eine große Straße und ein Denkmal erinnern in São Paulo an ihn – und im ganzen Land gibt es inzwischen weit über 100 Straßen, Plätze und Gebäude, die nach Senna benannt sind. Im März 2014 ging im Karneval in Rio im Wettbewerb der großen Sambaschulen der Sieg an die „Unidas da Tijuca“, die das Thema „Senna“ präsentierte…

Jener 1. Mai bedeutete mehr als das Ende einer Ära in der Formel 1. Denn mit Ayrton Senna fehlte plötzlich viel mehr als nur der wahrscheinlich beste Rennfahrer aller Zeiten. Es fehlte vor allem ein außergewöhnlicher Mensch, einer, der überall seine Spuren hinterlassen hat. Spuren, die stärker scheinen als Raum und Zeit…

Fanatischer Gerechtigkeitssinn

Ayrton Senna, der nicht nur durch sein fahrerisches Können, sondern vor allem auch durch seine Persönlichkeit, sein ganz spezielles Charisma faszinierte. Er, der so anders war als viele andere Spitzensportler, mit seinen manchmal philosophischen Gedanken zu vielen Dingen auf der Welt, nicht nur zur Formel 1, sondern auch zu Religion und Glauben, mit seinen starken Emotionen, die er nie verbarg, seinem Lächeln, das verzaubern konnte und manchmal auch mit seinen Tränen…

Die absolute Perfektion in dem, was er tat, „immer, in jeder Sekunde sein Bestes zu geben, die Suche nach dem Limit, das Herausschieben von Grenzen“, das war immer sein Ziel. Der Aufstieg an die absolute Spitze, die Siege waren die beinahe logische Konsequenz daraus. Absolute Geradlinigkeit und ein fanatischer Gerechtigkeitssinn, gepaart mit einer tiefen Sensibilität, das war eine Kombination an Charaktereigenschaften, die es ihm in der Formel 1 nicht leicht machten.

Die Dauer-Auseinandersetzungen mit dem Erzrivalen Alain Prost, mit dem damaligen FIA Präsidenten Jean-Marie Balestre, sie waren eine Folge dieser Mischung aus Verletzlichkeit und Härte. „Schlimmer als eine Niederlage ist es, betrogen zu werden. Eine sportliche Niederlage kann einen sogar besser machen, betrogen zu werden aber ist inakzeptabel“, lautete sein unverrückbarer Standpunkt – und dafür kämpfte er Zeit seines Lebens, wenn es sein musste, auch gegen Windmühlen…

Das besondere Familienverhältnis

Die Erinnerungen sind auch heute noch allgegenwärtig – an vielen Orten, in vielen Momenten im alljährlichen Wanderzirkus der Formel 1. In Japan, in Suzuka, wenn dort mal wieder eine WM-Entscheidung fällt, mit großer Party hinterher.

Dann fällt einem ein, wie Senna 1988 seinen ersten von drei Weltmeistertiteln genoss. Ganz alleine, in seinem Hotelzimmer, schaute er sich damals sein Siegesrennen noch einmal auf Video an, auf einem speziellen Band, das Fuji TV ihm gegeben hatte, ohne Kommentar, nur mit den Original-Renngeräuschen.

Oder in Monaco, als dort im Jahr 2008, auf den Tag genau 15 Jahre nach dem letzten von insgesamt sechs Siegen von Ayrton Senna im Fürstentum, wo er mehr als nur der ungekrönte König war, wieder ein Senna ganz oben auf dem Podium stand. Bruno Senna, Ayrtons Neffe, der trotz langjähriger Widerstände aus der Familie eine eigene Motorsportkarriere aufbaute, als Sieger der Nachwuchsklasse GP2. Der dann von seinem Onkel erzählte, der ihm damals, als kleinem Knirps von nicht einmal zehn Jahren, die ersten Tricks beim Kartfahren beigebracht hatte.

Aber auch ganz anderes, was im Brasilien der achtziger und frühen neunziger Jahre noch nicht unbedingt selbstverständlich war. Etwa, dass man, auf dem Boot unterwegs durch die unglaublich schöne Inselwelt vor Angra dos Reis, keine Abfälle ins Meer wirft: „Da erinnere ich mich ganz genau, immer wenn wir dort mit ihm in den Ferien in seinem Haus am Strand waren, da hat er uns, mir und meinen beiden Schwestern, das beigebracht, dass man die Natur achten und schützen muss.“

Das Gespräch mit Michael Schumacher

Und wenn Bruno dann, obwohl er ja immer betont, als Fahrer natürlich in erster Linie auf sich selbst und seine eigene Karriere zu schauen, Ayrton nicht kopieren, sondern immer er selbst sein zu wollen, trotzdem meint: „Aber hoffentlich ist er dort, wo auch immer er jetzt ist, stolz auf mich, dass ich hier gewonnen habe, wo er immer so gut war…“

Oder wenn einem irgendwo, im Zusammenhang mit Michael Schumachers fatalem Ski Unfall, ein sehr privates Gespräch mit Ayrton einfällt, aus dem Jahr 1992, in Port Douglas in Australien, in der Pause zwischen dem japanischen und dem australischen Grand Prix. An einem Hotel-Swimmingpool unter Palmen ging es um Risiko, um Angst, um seinen Unfall beim Testen in Hockenheim im Jahr zuvor, als er zumindest seinem Gefühl nach „mindestens so hoch in der Luft“ war wie die Bäume dort, als er während dieser Sekunden Angst hatte, sterben zu müssen.

Und an den Satz, dass er, wenn so etwas passieren müsse, trotzdem lieber sterben würde als   etwa mit einer schweren geistigen Behinderung weiterleben zu müssen. Ein Satz, der damals in all der Trauer nach Imola so etwas wie ein kleiner Trost sein konnte. Aber natürlich kommen die Erinnerungen auch speziell in Brasilien: An Interlagos und seinen ersten Triumph dort, 1991, unter größten Schmerzen erkämpft, mit einem angeschlagenen Auto, die letzten sieben Runden nur noch im sechsten Gang fahrend…

Das wichtigste Vermächtnis

Seine Erschöpfung, aber auch seine unglaublichen Emotionen danach: die Freude, die sich auch darin ausdrückte, dass man als etwas schüchterner Gratulant gut zwei Stunden nach Rennende noch ein spontanes Dankesküsschen bekam. Gerade in Brasilien sind es aber nicht nur die großen sportlichen Erfolge, die Sennas Vermächtnis darstellen. Es ist vor allem seine soziale, seine menschliche Seite, die immer größere Wirkung zeigt.

Das „Instituto Ayrton Senna“ im Stadtteil Pinheiros von São Paulo, die „Senna Foundation“, so der international bekanntere Name, ist das wohl wichtigste Vermächtnis, das der dreimalige Weltmeister hinterlassen hat. Den Traum, mit seinen Erfolgen und durch sein Engagement auch seinem Land Brasilien zu helfen, hatte er immer schon gehabt. Zunächst eher im Verborgenen – die Angst, ihm würden nur PR-Gründe unterstellt, schwang immer mit.

Erst im Winter 1993/94, als er mit dem Comic Senninha herauskam, dessen Erlöse für hilfsbedürftige Kinder bestimmt waren, ging er mit seinen Plänen an die Öffentlichkeit, mit Plänen, „die ein Traum sind, die ich wachsen, Fortschritte machen sehe, die einmal viele Menschen glücklich machen werden“.

Nach seinem Tod übernahm dann seine Schwester Viviane, eine Kinderpsychologin, die Aufgabe, diesen Traum zu verwirklichen. „Noch im Jahr 1994 haben wir die Stiftung ins Leben gerufen, finanziert in erster Linie aus den Lizenzeinnahmen der weitergeführten Marke Senna und aus Partnerschaften mit großen Unternehmen. In- zwischen werden jedes Jahr über 1,8 Millionen Kinder und Jugendliche in den verschiedensten Projekten in 19 brasilianischen Bundesstaaten gefördert und unterstützt.“

Die Verbesserung der Qualität des Schulunterrichts über gezielte Lehrerausbildung ist dabei immer wichtiger geworden. „Wir sind immer mehr zu der Erkenntnis gekommen, dass man, um wirklich nachhaltige Verbesserungen zu erreichen, das System, die Struktur an sich verändern und verbessern muss. Und das kann nur gehen, indem die Leute, die in den Schulen Bildung und Erziehung vermitteln sollen, entsprechend besser ausgebildet sind und dann die entsprechenden Inhalte, an denen wir auch mitarbeiten, auch vermitteln können.“ 65.000 Lehrer und Erzieher durchlaufen jährlich vom IAS geförderte Weiterbildungsprogramme.

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Sebastian Vettel: „Mehr als ein Fahrer“

Die UNESCO hat das „Instituto Ayrton Senna“ als einzige NGO weltweit auf diesem Gebiet mit einem Gütesiegel ausgezeichnet. Geht es nach Viviane Senna, dann soll der Traum auch noch weiterwachsen: „Ich wünsche mir, dass Ayrtons Beispiel nicht die Ausnahme bleibt, sondern die Regel wird, dass sich noch viel mehr Menschen dafür einsetzen, den Reichtum unseres Landes gerechter zu verteilen, ein bisschen mehr Chancengleichheit zu schaffen.“

Auch Vivianes älteste Tochter Bianca arbeitet inzwischen Vollzeit mit, und auch Ayrtons Mutter Dona Neyde, inzwischen deutlich über 80 Jahre alt, ist immer noch regelmäßig im Büro zu finden. Ihre Wärme, die Ähnlichkeit zu Ayrton in der Persönlichkeit, ihr Engagement, mit dem sie ihre unendliche Liebe zum verlorenen Sohn auch heute noch ausdrückt; das beeindruckt wohl jeden, der sie heute noch einmal treffen darf. Und bringt noch mehr emotionale Erinnerungen als jedes Auto, jedes noch so ausdrucksstarke Foto und jeder noch so wertvolle Pokal von Ayrton im Institut – selbst wenn es der vom legendären Heimtriumph 1991 ist.

Senna hat Menschen auf der ganzen Welt inspiriert, er hat etwas bewirkt, hat etwas verändert in den Köpfen vieler Menschen, ob sie ihn nun persönlich gekannt oder auch nur aus der Distanz verehrt und geliebt haben.

Wenn Sebastian Vettel über Senna spricht, muss er richtig ausholen, um ihn zu huldigen:  „Er hat einen Eindruck hinterlassen, den niemand mehr wegwischen kann, unabhängig von allen Zahlen und Ergebnissen. Ich glaube, er war in jeder Beziehung etwas ganz Besonderes. Leider durfte ich ihn nie persönlich kennen lernen, denn für mich war es nicht in erster Linie der Rennfahrer an sich, sondern mehr die Person dahinter, der Mensch unter dem Helm, das ihn von allen anderen abgehoben hat. Sicher, er war unglaublich talentiert, aber hoch talentierte Fahrer gibt es einige. Was mich immer am meisten beeindruckt hat, ist die Tatsache, dass er die Fähigkeit besaß, seinen Charakter, der einzigartig war, seine starke Persönlichkeit und seine Menschlichkeit mit ins Auto zu transferieren und diesen Charakter dann auch auf der Strecke, in seinem Fahrstil, seiner Art Herausforderungen anzugehen, auszudrücken. Er hat diese Seite von sich mitgenommen, wenn er seine Rennen gefahren ist – und das ist wohl der Grund, warum sich die Leute immer noch so intensiv an ihn erinnern.“

Und praktisch allen, die irgendwann einmal mit Ayrton Senna zu tun hatten, gerade auch in scheinbar untergeordneten Positionen, blieb und bleibt er durch seine tiefe Menschlichkeit, seinen respektvollen Umgang mit ihnen im Gedächtnis. Bis heute – weit über zwanzig Jahre danach.

Jahre, in denen manche immer wieder einmal das Gefühl hatten, und noch haben, noch etwas von dieser besonderen Ausstrahlung, dieser Kraft zu spüren – über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg…

Karin Sturm

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