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Armin Klümper: Gott in Weiß

Jahrzehntelang dosierte, rezeptierte und verabreichte der Sportmediziner Armin Klümper Dopingmittel für Sportler der Bundesrepublik. Sein Ruf als loyaler Wunderheiler machte ihn alsbald für den Fußball interessant. Jetzt ist Klümper verstorben.

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich John Hoberman mit der Soziologie des Dopings. Der renommierte Germanist und Dopingforscher publizierte in der Szene bahnbrechende Bücher, wie 2005 Testosterone Dreams – über synthetisches Testosteron als Alltagsdroge im Sport und der Gesellschaft in den USA.

Sein älteres Buch Mortal Engines (1994 in Deutschland erschienen) avancierte zu einem Standardwerk der Anti-Doping-Literatur. Ausgerechnet er, einer der größten Provakteure des über Jahrzehnte zu laschen amerikanischen Anti-Doping-Kampfes, hievte einst zwei deutsche Sportmediziner auf ein noch höheres, wenn auch aus Ironie erbautes Podest: „Deutschland ist das einzige Land, das nicht nur berühmte Sportler, sondern auch berühmte Sportärzte kreiert hat.“

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Die Doyens der Sportärzteschaft

Gemeint hat er Josef Keul und Armin Klümper, lange bevor eine unabhängige Kommission begann, die beängstigend ausgeprägte Dopingvergangenheit der Freiburger Universität im Auftrag der Uni selbst zu beleuchten.

Eben dort waren Keul und Klümper, wie sie die Süddeutsche Zeitung und deren Dopingexperte Thomas Kistner eins treffend taufte, die Doyens einer Doping praktizierenden Sportärzteschaft in der Bundesrepublik. Von Freiburg aus präparierten sie deutlich über die Grenzen des Erlaubten hinaus Athleten. Auch Minderjährigen wurden nachweislich verbotene Präparate verabreicht.

Mitverantwortlich für Weltrekorde und Medaillen

Schließlich war auch der Fußball irgendwann involviert. Zeitzeugen-Aussagen, Gerüchte, der Fall Birgit Dressel – Ansatzpunkte für das verbotene Handeln Klümpers gab es bereits lange. Seit Juni 2017 ist es aber amtlich, der letzte Bericht der längst nach ständigen Querelen aufgelösten Kommission wurde veröffentlicht. Jedoch publizierten nicht der von der Kommission übriggebliebene Sportwissenschaftler Andreas Singler und dessen Co-Autor Gerhard Treutlein, sondern die Uni Freiburg selbst. Singler befindet sich deswegen im rechtlichen Urheberstreit.

„Klümper hat dopingtaugliche Mittel augenscheinlich im großen Stil über Jahrzehnte hinweg rezeptiert und verabreicht“, heißt es. „Er habe sich damit für Weltrekorde, Medaillen und viele Spitzenleistungen mitverantwortlich gezeichnet, die ohne Dopingmaßnahmen vor dem Hintergrund der damaligen internationalen Leistungsentwicklung in der Regel nicht denkbar waren.“

Klümper, der Menschenfänger

Keuls größtes negatives Vermächtnis, dies wurde in einer älteren Veröffentlichung Singers deutlich, bestand aus dem Imagemanagement beim bundesdeutschen Doping. „Keul hat sich über Jahre hinweg durch seine wissentliche Duldung ums Doping verdient gemacht“, erklärte einst die Dopingaufklärerin Brigitte Berendonk. 2016 und 2017 dann lieferten die Gutachter Belege dafür, dass Keul, seit 1960 deutscher Olympiaarzt (ab 1980 Chefarzt), nachweislich vereinzelte Athleten dopte.

Dennoch war der aktivere der Beiden nicht der Internist Keul, sondern der Orthopäde Klümper. Ein Menschenfänger, ein Sportlerfänger. Der gebürtige Münsteraner (Jahrgang 1935) verstand es, nach Medizinstudium und Anfängen an der Uni, enge Bindungen zu seinen Sportler-Patienten aufzubauen. Bereits in den 1960er Jahren wurde er Verbandsarzt mehrerer Nationalverbände.

„Ich bin Helfer des Menschen“

Bis zum Ende des darauffolgenden Jahrzehnts war er einer der lautstärksten Befürworter der offiziellen Freigabe von Anabolika im Leistungssport – und verordnete auch anabole Steroide. Dennoch galt Klümper alsbald sportartübergreifend als Ausnahme-Arzt. „Aber“, so stellte Brigitte Berendonk damals fest, der „Verlust der professionellen Distanz des Arztes zum Patienten scheint Ursache seiner zunehmend aktiven Rolle auch beim Anabolikadoping vieler Athleten zu sein.“

„Ich bin als Arzt Helfer des Menschen, aber bevor ich einen Athleten in die Grauzone der Selbstmedikation entlasse, gebe ich ihm, ohne was er nicht auszukommen glaubt. Dann habe ich wenigstens die Dosierung der Muskelpille unter Kontrolle, was ein geringeres Risiko für negative Wirkungen bedeutet“, erklärte der Doktor 1977 gegenüber der Stuttgarter Zeitung.

Die Elite stand hinter ihm

Doch Klümper beugte sich Ende 1977 der gesellschaftlichen Diskussion. Der Deutsche Sportbund (DSB) und alle weiteren Entscheidungsträger lehnten Anabolika ab. Gleichzeitig soll Klümper die explizite Regeländerung durch das Parlament des Bundesverbandes verlangt haben. Klümper wurde Professor, er erhielt eine vom Staat und Land und der Stadt Freiburg finanzierte Sporttraumatologie.

Von dort aus machte er deutsche Olympioniken zu Medaillengewinnern – und wenn es mit der Finanzierung von leistungsspezifischen Maßnahmen mal hakte, verfasste die Leichtathletik-Elite einen bösen Brief, den Forderungen Klümpers nachzukommen, wie 1979. Damals unterschrieben unter anderen von den Hochsprung-Assen Ulrike Meyfarth und Carlo Trähnhardt.

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Der Hexer

Für manche war der Arzt Hexer. Manche wussten nicht genau, was er ihnen alles verabreichte – oder wollten es nicht genau wissen. Mit manchen Athleten besprach er auf Nachfrage alles bis ins kleinste Detail. „Er war für mich schon einer, der beeindrucken konnte. Er hatte so einen Nimbus, nicht als Zauberer, aber so als sehr fähiger Sportarzt. Er hat ja morgens als Röntgenologe bis zwölf Uhr und dann bis abends um halb zwölf durchgearbeitet“, erklärte der ehemalige Diskuswerfer Hein-Direck Neu im dokumentierten Zeitzeugengespräch mit Singler.

Neu war einer der wenigen positiven Dopingfälle seiner Zeit. „Der war für uns nicht ein Magier, aber zumindest einer, der sich sehr ins Zeug gelegt hat für die Athleten. Man hat auch Vertrauen zu ihm gehabt, was er gemacht hat, hat man eigentlich erduldet und hat gehofft, dass es funktionierte. Und er hat auch, glaube ich, viele Leute wieder hingekriegt.“ Neu verstarb im April 2017.

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Es gab kein Rezept

Dieser Assistent wendet sich etwa 30 Jahre später an den Sportwissenschaftler Singler. Dokumente zeigen, wie fließend der Übergang zwischen sportmedizinischer Betreuung und hartem Doping war. Ein Rezept oder eine Spritze erhielt er nicht. Was er mit dem neu erlernten Wissen anfing, ist nicht bekannt.

Auf weiteren 24 Seiten ist systematische Manipulation beim VfB Stuttgart dokumentiert. 1979 sollte es um den Titel gehen. Karlheinz Förster, Dieter Hoeneß und Hansi Müller bildeten dafür ein gutes Fundament. Und Anabolika, besorgt bei Klümper. Einem Singler- Gutachten zufolge bestellte ein VfB-Masseur damals Medikamente an der Uni Freiburg. Die Lieferung wurde über eine von Klümpers Stammapotheken abgewickelt.

Medikamentenlieferungen nach Stuttgart

Eine Sonderkommission des badenwürttembergischen Landeskriminalamtes hatte ab 1984 für zwei Strafverfahren besonderes Interesse an jenen Abrechnungen. Dort tauchen mehrere Medikamentenlieferungen an den VfB Stuttgart mit dopingrelevanten Stoffen auf. Darunter das Anabolikum Megagrisevit. Bekannt ist mittlerweile, dass Müller und Förster Geld für Klümper sammelten.

Als es in diesem Verfahren um Abrechnungsbetrug ging, flossen auf das Spendenkonto übereinstimmenden Berichten zufolge auch Gelder von Uli Hoeneß, Paul Breitner und Karl Heinz Rummenigge. Der Arzt wurde zu 160.000 D-Mark Strafe verurteilt. Die Akten waren bis 2014 verschwunden. Die Zusammenhänge erschlossen sich erst in den vergangenen Jahren.

Der Tod der Birgit Dressel

Die Verwicklung des Bundesliga-Fußballs löste 2016 nachträglich ein heftiges Medienecho aus. Die Aufregung darüber und über Klümper ist heute längst vergangen. Im Radsport blieb der Aufschrei gegen jenen Klümper gänzlich aus. Obwohl ihm heute nachgewiesen werden kann, den kompletten Aufbau der deutschen Radfahrer etwa vor den olympischen Spielen 1976 mit Doping organisiert zu haben.

Die Angaben wurden dank der Freiburger Evaluierungskommission und weiterer Presserecherchen präzisiert. Dabei geht es sogar um Minderjährigen-Doping im Radsport. Tragischer Höhepunkt der Ära Klümper war der Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressel 1987.

Laut einem Ermittlungsergebnis hat Klümper der damaligen EM-Vierten in den zwei Jahren vor ihrem Tod 400 Injektionen verabreicht. Rund 100 verschiedene Medikamente habe die Leichtathletin verwendet. Allein in der Wohnung von Dressel und Thomas Kohlbacher, ihrem Verlobten und Trainer, stellten Ermittler Dutzende Mittel sicher. Die „im höchsten Maße gesunde“ Birgit Dressel, wie sie Klümper gegenüber der Kripo bezeichnete, war laut Spiegel „in Wahrheit eine chronisch kranke, mit Hunderten von Arzneimitteln vollgepumpte junge Frau“. Sie starb nach tagelangem Martyrium an Multiorganversagen. Kohlbacher blieb unbehelligt, trainiert heute Mehrkampf-Juniorinnen in Mainz. Klümper schwieg.

Bis zu seinem Tod

Gefordert von vielen Athleten, stand er zwei Jahre nach Dressels Tod bereits wieder auf den Ärztelisten der Kaderathleten. 1990 verließ er die Universität Freiburg und leitete bis zu ihrer Insolvenz 1992 die Mooswald- Klinik. Anschließend überließ die Stadt Freiburg ihm erneut Räume, in denen er seine sporttraumatologische Spezialambulanz privat betreiben konnte.

2000 ging er mit Ehefrau und Tochter nach Südafrika. Durch eine Todesanzeige wurde nun bekannt, dass er am 23. Juni dort auch gestorben ist. Am Ende war er nicht mehr berühmt, nur noch berüchtigt.

Jannik Schneider

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Harun Farocki: Der Filmemacher als Linksverteidiger

Als der Videokünstler Harun Farocki noch eher unbekannt war, spielte er als vermeintlicher Promi-Fußballer im alten Berlin. Seine Kameraden von „Tasmania Bühne und Sport“ haben etwas zu erzählen.

 

von Stefan Pethke

Harun war Linksverteidiger bei TAS Bühne & Sport, passend zu seiner Weltanschauung. Aber er spielte altmodisch und hielt seine Position auch dann, wenn sich das Geschehen in der gegnerischen Hälfte abspielte. Ich habe Harun nie jenseits der Mittellinie erlebt. Unser Angriffsspiel wollte er wohl nicht stören. Der Dokumentarfilmer entschied sich auch auf dem Fußballfeld für eine Beobachter-Position.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #11

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Ich glaube, für Harun war Fußball ein Weg, mit der ganzen Gesellschaft in Berührung zu kommen. Ein „Reality Check“. Er wollte mit unterschiedlichen Menschen zu tun haben, nicht nur mit Leuten aus der eigenen sozialen Blase. Ich weiß nicht, wieviel Einfluss er auf die Zusammenstellung der Mannschaft zwischen Ende der sechziger und Ende der achtziger Jahre genommen hat, aber in seinen Erzählungen tauchten immer wieder Namen von Mitgliedern der Westberliner Subkultur auf, die eigentlich nur er selbst zu TAS gebracht haben kann.

Ich stieß dann Ende der achtziger Jahre dazu, als einer von Haruns fußballaffinen Schülern. Harun gehörte zum ersten Studienjahrgang der 1966 gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). 25 Jahre später gab er dort selbst Seminare. Doch obwohl TAS damals dringend frisches Blut brauchte, zögerte er lange, weitere Filmfreunde einzuladen. Auch von seinen bürgerlich gewordenen Alt-Linken-Freunden, mit denen er noch im ruhigen Wilmersdorf kickte – darunter sehr gute Fußballer – holte er keinen zu TAS. Offensichtlich suchte Harun bei TAS eine Abgrenzung zu seinem Milieu.

Aus dem Filmern wurde eine Künstler-Mannschaft

Ab Mitte der Neunziger mutierte TAS trotzdem zu einer Mannschaft aus Jungfilmern und artverwandter Bohème. Das veränderte natürlich ihren Charakter. Die Neuköllner Prominenten-Elf erlebte den Rückzug des klassischen Proletariats, ein Umbruch nicht nur im Fußball, sondern in der gesamten Gesellschaft. Die Geschichte des Muttervereins ist eine Westberlin-Story. Das kleine Tasmania Neukölln spielte Mitte der sechziger Jahre sogar eine Saison in der großen Bundesliga. Ausschließlich aus politischen Gründen: Westberlin sollte auch im Fußball als Teil des kapitalistischen Westdeutschlands sichtbar bleiben. Was folgte, war ein sportlich-finanzielles Fiasko. Noch heute kennen alle Fußballfans in Deutschland den Namen dieses Vereins, denn sämtliche relevanten Statistiken belegen: Tasmania war der schlechteste Klub der über 60-jährigen Bundesliga-Geschichte.

Nach Mauerfall und Wiedervereinigung war es nicht nur mit der DDR vorbei, sondern auch mit Westberlin. Man organisierte viele Matches zwischen TAS Bühne & Sport und Mannschaften aus dem Berliner Umland. Wir fuhren dann in den ehemals real existierenden Sozialismus – Reisen auf einen anderen Planeten: Die bizarre Westberliner Melange aus subventionierter Arbeiterschaft, Halbwelt und linken Schöngeistern traf auf eine mindestens ebenso undurchsichtige Mischung Befreiter und Enttäuschter vom Dorf. Für Harun mag da noch einmal zusammengekommen sein, woran ihm so viel lag: eine konkrete Erfahrung von Gesellschaft im besonderen Kontext Fußball, ein authentisches Abbild von entfremdeten Verhältnissen.

Später spiegelte die Mannschaft wider, was immer deutlicher nicht nur das Leben in der neuen alten Hauptstadt ausmachte, sondern auch Haruns eigene Produktionsrealität: Berlin zog ehrgeizige Persönlichkeiten aus der Zeitgenössischen Kunst an, ein Betrieb, über den Harun immer stärker seine Filmprojekte (teil-)finanzierte. Mitte der 2000er Jahre hatten Haruns soziale Kontakte TAS Bühne & Sport zum letzten Mal ein neues Gesicht verliehen: Aus der Filmer- wurde eine Künstler-Mannschaft.

DER MIKROKOSMOS: Ein Kurzgespräch zwischen zwei TAS-Freunden

Vincenzo Lenz: Ende der Sechziger fing Harun bei TAS an und spielte dort fast vierzig Jahre lang. Die Mannschaft war eine Abspaltung der Prominenten-Elf von Tennis Borussia aus Charlottenburg, gegründet vom TV-Showmaster Hänschen Rosenthal. Die Bezeichnung „Prominenten-Elf“ hatte oft eine komische Wirkung. Anfang der Neunziger gab es in der Mannschaft niemanden, der bekannt war. Selbst Harun war etwas für absolute Spezialisten. Trotzdem kam es vor, dass ein paar von uns bei Auswärtsspielen um Autogramme gebeten wurden. Auf Fahrten nach Westdeutschland wurden unsere Namen mit erfundenen Biografien über Lautsprecher bekanntgegeben.

Holger Wilke: Aber es gab immer mal wieder bekannte Leute, von Anfang an: Boxer, Trabrennfahrer, Kabarettisten, auch frühere Fußball-Profis. Später wurden ja auch einige Filmer ein bisschen berühmt, zum Beispiel Christian Petzold oder Thomas Arslan. Der türkische Regisseur Züli Aladağ kickte ein paar Mal mit, Schauspieler wie Sebastian Koch, Wanja Mues oder James-Bond-Bösewicht Anatole Taubman. Trotzdem fühlte sich keiner als Prominenz. „Prominenten-Elf“, das war wie ein Witz. Wir sagten immer: Wir sind höchstens eine „1/4-Prominenten-Elf“.

Vincenzo Lenz: Fahrten nach Westdeutschland gab es bis Ende der Achtziger. Vielleicht ein, zwei Mal im Jahr – und Harun war immer dabei. Wir lachten uns alle tot, wenn Willi Domack, ein Stalingrad-Veteran und Gründer von TAS Bühne & Sport, am Abend vor dem Spiel um 23 Uhr an jede Tür klopfte, um die Leute ins Bett zu schicken. Wir waren ja eine Freizeitmannschaft, wir haben nie um Punkte gespielt. Von den paar Reisen abgesehen, hatten wir nur Heimspiele, immer abwechselnd eine Woche auf Rasenplatz, die nächste Woche auf Schotter. Und nach jedem Spiel ging’s ins Vereinsheim. Unfassbar, was es da für Abende gab!

Die Bezeichnung „Prominenten-Elf“ hatte oft eine komische Wirkung. Anfang der Neunziger gab es in der Mannschaft niemanden, der bekannt war.
Vincenzo Lenz

Holger Wilke: Als ich in den Neunzigern zu TAS kam und Harun das erste Mal auf dem Feld gesehen habe, da merkte ich gleich: Man musste gewisse kulturelle Standards mitbringen, um in die Mannschaft zu passen. Es ging nicht um die Erfüllung eines bestimmten Charakters, sondern um eine Vielfalt, die dadurch entstand, dass jeder Mensch in dieser Gruppe etwas repräsentierte. Das unterschied sich vom proletarischen Aspekt, wo eher die Leistung auf dem Platz zählte.

Vincenzo Lenz: Harun war bewusst, dass er in einer qualitativ hochwertigen Mannschaft sehr gut integriert war, obwohl sein eigenes Spiel nicht die Qualität hatte, wie er sie sich vielleicht gewünscht hätte. Wir haben uns immer amüsiert, wenn er Pässe aus kürzester Distanz nicht an den Mann brachte. Dann entschuldigte er sich jedes Mal.

Holger Wilke: Später hat er auch organisatorisch leitende Aufgaben übernommen, als Kassenwart. Es hat ihn genervt, wenn Leute ihre Mitgliedsbeiträge nicht zahlten. Dann liefen Schulden beim Mutterverein auf. Wir mussten einmal fast ein ganzes Jahr kalt duschen. Wahrscheinlich gab es da einen Zusammenhang…

Total bei der Sache

von Haim Peretz

Harun und ich haben nicht so lang zusammen gespielt. Er ist der Vater meiner Frau Anna, über sie bin ich zu Harun und TAS gekommen. Er fragte mich einmal, ob ich mitspielen wollte. Die Antwort war klar. Ich wurde schnell ein Mitspieler bei TAS, ohne den kleinen Test von Harun bestehen zu müssen: das Vorspielen im Volkspark Hasenheide.

Er war ein väterlich beschützender Mann. Für TAS hat er auch lange die schmutzigen Trikots nach Hause genommen und am nächsten Spieltag sauber zurückgebracht. Darüber gibt es auch eine lustige Geschichte. Der Jens, ein jüngerer Mitspieler bei TAS, fragte einmal, ob die Flecken in einem Trikot, das oft gewaschen wurde, ohne dass es richtig sauber wurde, Blutflecken von Harun sein könnten. Die, die Harun noch hatten spielen sehen, mussten lachen, weil das Bild „aggressiver Fußballer“ überhaupt nicht zu Haruns Spielweise passte. Und schon gar nicht zu seinem Charakter. Er war ein sehr ruhiger, beobachtender Spieler. Und Mensch.

Fußballerisch war Harun der Schlechteste, aber auch der Ruhigste. Fast jedes Spiel wurde er ausgewechselt. Aber das war kein Problem für ihn. Er hat mit sechzig aufgehört, obwohl er noch sehr fit war – er hat sogar jedes Jahr das deutsche Sportabzeichen gemacht. Er war immer noch total bei der Sache, aber er fand, dass er die Mannschaft schwächer machte. Und das enttäuschte ihn.

Seine Fußballbegeisterung konnte man leicht merken, wenn man mit ihm Fußball guckte. Er war ein sehr guter Fußball-Analytiker, der ein Spiel wie einen Film schaute, ganz konzentriert, und erst danach kommentierte. Ich habe die Szene genau im Kopf, als ich einmal mit meinem Sohn bei Harun Fußball gucken wollte. Es war das Halbfinale der WM 2006, Deutschland gegen Italien. Mein Sohn war damals noch jung und schrie die ganze Zeit. Nach zehn Minuten sagte Harun: „Wenn du deinen Mund nicht hältst, schmeiße ich dich raus! Wir wollen Fußball gucken.“

Redaktion: Cem Pekdoğru & Göksu Bulut