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Kevin Kuranyi im Interview: „Ich war der Schlechteste“

Es gibt Fehler, die Kevin Kuranyi bereut, aber ansonsten ist der ehemalige Stürmer sehr zufrieden mit einer Karriere mit weit über 500 Spielen für den VfB Stuttgart, Schalke 04 und Co. Im Interview erzählt er, wie er aus wenig Talent viel machte und warum Julian Nagelsmann eine Universität ist.

Kevin Kuranyi, wie sieht heute ein normaler Tag in Ihrem Leben aus?

Ich stehe morgens um sieben Uhr auf, bereite die Kinder für die Schule vor und fahre sie um viertel vor acht dort hin. Danach gehe ich ins Fitnessstudio, um fit in den Tag zu starten. Dann beginnen schon die Termine. Da kann es um meine Immobilien gehen oder um die Spieler, die ich betreue. Da steht viel an. Als Rentner hat man viel zu tun (lacht).

War das Leben als Fußballer entspannter?

Es war einfacher. Man wusste ganz genau: Am Morgen wird mit der Mannschaft gefrühstückt, dann gibt es Training und mittags ist man schon fertig. Und jetzt muss man genau planen, den Tag oder die Woche vorbereiten. Treffe ich heute den Stadtrat oder erst # morgen? Wann kommt der Projektplaner? Am Wochenende schaut man sich dann weiter die Fußballspiele an, aber das muss alles gut vorbereitet werden.

Sie sagen es: Als Spieler war ein Training oder ein Spiel immer ein Ziel. Was passiert, wenn dieser Ankerpunkt plötzlich weg ist? Wie kompensiert man diesen?

Ich musste mir Zeit geben. Ich musste das tatsächlich erst einmal verarbeiten und verstehen, wie mein Leben nun weitergeht. Ich war nicht mehr der Fußballer. Ich musste mir neue Ziele setzen, um neue Orientierungspunkte im Leben zu haben. Es war aber nicht so, dass es nur Nachteile hatte. Der Fußball ist auch mit viel Stress und Druck verbunden. Diesen nicht mehr zu haben und die Freizeit zu genießen, war sehr wichtig. Daher war es mir auch wichtig, nicht direkt irgendwo einzusteigen und den nächsten Schritt zu machen.

Wie viel Zeit haben Sie gebraucht?

Ein paar Monate. Es kann sein, dass ich etwas länger gebraucht habe als der eine oder andere. Aber es hat mir und meiner Familie gutgetan.

Ist die Familie von Ihnen eigentlich schon genervt?

Anfangs war sie das, ja. Da bin ich auch schon mal rausgeworfen worden (lacht). Spaß beiseite: Man gewöhnt sich an alles. Jetzt bin ich öfters und zu anderen Uhrzeiten zu Hause und kann viel mit meinen Kindern reden. Das kam ja in den Jahren als Profi oft zu kurz. Jetzt kann ich zum Beispiel auch öfter zum Training meines Sohnes gehen oder ihn den ganzen Tag begleiten, wenn er bei einem Turnier ist. Oder Dinge mit meiner Tochter unternehmen, die früher schwierig waren, als ich permanent unterwegs war.

Fänden Sie es okay, wenn Ihr Sohn Fußballprofi werden will?

Ja, natürlich. Jeder muss seinen Traum leben. Wenn es sein Traum ist, Profifußballer zu werden, werde ich ihm das nicht ausreden. Aber ich werde ihm auch sagen, dass er hart arbeiten muss, weil Millionen von Kindern den gleichen Traum haben. Träumen kann jeder, den Traum verwirklichen nicht.

Fragt er schon, wie Sie es geschafft haben?

Ja.

Und was sagen Sie ihm?

Schauen Sie … Ich hatte nicht viel Talent als Kind, aber das, was da war, habe ich gut ausgeschöpft. Als ich zehn Jahre alt war, war ich der Schlechteste. Ich dachte mir: Nein, das muss besser werden und ich habe mich Jahr für Jahr verbessert, bis ich es geschafft habe.

Jetzt müssen Sie aber allen schlechten Fußballern den ultimativen Tipp geben, wie Sie das geschafft haben.

Natürlich gehört da auch Glück dazu. Zu meiner Jugendzeit hatte der VfB Stuttgart nicht viel Geld, um teure Spieler zu holen und musste auf die Jugend setzen. Das war meine Chance. Ich habe sie genutzt. Ich war ein Kämpfertyp. Ich wollte immer besser werden. Ich wollte immer Neues lernen. Ich habe immer zugehört und ich habe den Personen, die mich besser machen wollten und mir das Fußballspielen beigebracht haben, immer Respekt gezeigt.

Weil Sie diese Respektspersonen auch gebraucht haben?

Ja. Ich war alleine in Deutschland. Es gab keinen Papa oder keine Mama, die mir den Kopf streicheln oder mir helfen konnten. Es gab nur mich und ich musste es schaffen – auch um meine Familie irgendwann nach Deutschland holen zu können, um sie in meiner Nähe zu haben. Gott sei Dank habe ich es geschafft.

Als jemand, der sich schon als Kind über Ziele definiert hat, müssen Ihnen Ziele nach wie vor wichtig sein.

Das stimmt. Ob ich jetzt Fußballer oder Frührentner bin, spielt keine Rolle. Es gibt immer etwas zu erreichen.

Gibt es Ziele, die Sie nicht mehr verfolgen?

Ich will nicht mehr Profifußballer werden.

Sind Sie zufrieden, wie Ihre Karriere verlaufen ist?

Eigentlich ja. Aber ich habe auch Fehler gemacht, obwohl sie vielleicht wichtig waren, um aus ihnen zu lernen. Eine Karriere ohne Fehler schafft kaum einer. Die, die es schaffen, werden zu Weltstars. Aber ja, ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe, denn es hätte auch schlechter laufen können.

Was war der größte Fehler?

Die Stadionflucht damals bei der Nationalmannschaf in Dortmund. Sie hat meine Karriere markiert. Eine andere Entscheidung wäre da wohl besser gewesen.

Glauben Sie, dass der Typ Kevin Kuranyi durch diese Aktion in Deutschland fortan anders gesehen wurde?

Es entstand dadurch sicherlich ein etwas anderes Bild von mir. Es entstand eine Figur, die ich nicht bin, sondern eine, die von den Schlagzeilen in den Zeitungen geformt wurde. Aber da bin ich selbst schuld.

Nicht nur dieses Beispiel zeigt, dass Sie nie eine Nebenrolle innehatten, sondern immer auffielen. Hat das mehr geholfen oder gestört?

Ich denke, es hat meinen Klubs geholfen. Klar habe ich immer polarisiert, aber ich habe immer für meine Mannschaften gekämpft, ging immer vorneweg und habe ab und zu meine Meinung gesagt, ohne dabei den Respekt zu verlieren. Ich habe nur bei vier Klubs gespielt, bei drei Klubs sogar sehr lange. Wäre ich ein Problemfall gewesen, hätte ich nicht so lange bei diesen Klubs gespielt. Ich habe mich immer mit meinen Vereinen identifiziert und hatte immer viele Freunde innerhalb der Klubs. Das war das Wichtigste für mich.

Das Interview erschien in Ausgabe #14: Jetzt nachbestellen

Sie haben 212 Tore in Ihrer Laufbahn geschossen. Nur bei 1899 Hoffenheim gingen Sie komplett leer aus. Ist das ein Makel Ihrer Karriere, ohne Tor für Ihren letzten Klub abgetreten zu sein?

Oh ja! Das nervt mich immer noch. Ich habe leider nicht die Leistung zeigen können, die ich selbst von mir erwartet habe. Aber natürlich auch nicht die Erwartungen des Klubs erfüllt.

Dabei hatten Sie mit Julian Nagelsmann einen Trainer, der seine Offensivspieler fördert. Wie war die Zusammenarbeit?

Es gab Trainer in meiner Jugendzeit, die nicht so viel Ahnung von Fußball hatten. Das war wie an der Hauptschule. Julian Nagelsmann ist wie eine Universität.

Interessanter Vergleich. Inwiefern?

Er denkt vierundzwanzig Stunden Fußball. Darüber, was man besser machen kann und wie man eine Mannschaft taktisch so klug schult, dass sie innerhalb einer Minute die komplette Vorgehensweise ändern kann. Die Basis dafür ist sein Training, das einen Spieler zwingt, über Fußball nachzudenken. Du musst konzentriert sein und die Übung verstehen. Wenn du sie nicht verstehst, machst du sie falsch und bist raus. Dies entwickelt auch einen Spieler weiter, weil er automatisch mitdenkt und verstehen muss.

Was haben Sie gedacht, als der Klub ihn als Cheftrainer installiert hat?

Ich habe gedacht: „Oh, da kommt ja ein ganz Junger. Was will der mir sagen?“ (lacht). Ich war Nationalspieler, spielte bei Top-Vereinen, hatte viel Erfahrung. Ich überlegte, was er mir vormachen kann.

Und dann?

Dann kam seine Antrittsrede und all diese Gedanken waren weg. Ich war sofort überzeugt von ihm.

Warum?

Seine Rede war so intelligent und inhaltlich stark, dass alle wussten, was für ein Kaliber vor uns steht. Er hatte eine klare Idee davon, wie er Fußball spielen lassen will, was er von uns erwartet und was er für ein Typ ist. Ich wusste von da an, dass das Alter keine Rolle spielt und dass auch ein 30-Jähriger einem arrivierten Profi zeigen kann, wie Fußball geht.

Welcher Trainer hat Sie am meisten geprägt?

Ich hatte viele Top-Trainer wie Ralf Rangnick, Mirko Slomka, Rudi Völler oder Joachim Löw, um nur einige zu nennen. Aber Felix Magath hat mich am meisten geprägt. Er hat sich damals getraut, einem jungen Spieler die Chance zu geben, in der Bundesliga von Anfang an zu spielen. Ich weiß noch, dass ich damals ein Top-Trainingslager unter ihm absolviert hatte. Er hat das honoriert und dafür bin ich dankbar.

Gab es einen Trainer, bei dem es gar nicht gepasst hat?

Nein. Ich bin mit jedem Trainer zurechtgekommen und hatte eigentlich nie das Gefühl, dass mich einer nicht weiterbringen kann. Wenn es in einer Mannschaft nicht läuft und die Ergebnisse nicht stimmen, werden die Fehler meistens beim Trainer gesucht. Aber oft ist es eigentlich die Mannschaft, bei der gesucht werden muss.

Werden wir einen Trainer Kevin Kuranyi erleben?

Nein, ich werde kein Trainer. Ich habe großen Respekt davor, wenn jemand eine Trainerkarriere startet oder es noch werden will, weil ich weiß, wie viel Arbeit das ist, eine Mannschaft erfolgreich zu trainieren und welchem Druck man dabei ausgesetzt ist. So eine Fußballmannschaft ist eigentlich wie ein Kindergarten mit 20-25 Kindern, die man zu einer Einheit formen soll. Es ist immer jemand unzufrieden. Es gibt immer Probleme, die man lösen muss. Diesen Stress will ich mir ehrlich gesagt nicht geben.

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Sie haben sich für eine Zukunft als Spielerberater entschieden.

Ja, das stimmt. Hier kann ich meine Zeit selbst einteilen und meine Erfahrung, als einstiger Jugendspieler, der es in die Bundesliga geschafft hat, weitergeben. Ich glaube, dass ich es jungen Spielern einfacher machen kann, sich schneller zu entwickeln, weil ich weiß, wie sie ticken und welchen Gedankengängen sie haben. Ich bin zwar 35 Jahre alt, kann mich aber immer noch in einen jungen Menschen hineinversetzen.

Die Beraterszene ist umkämpft. Sind Sie dort willkommen?

Es ist ein Haifischbecken. Für einen Neuankömmling ist es nicht einfach, hineinzutreten. Aber mit Seriosität, Zuverlässigkeit und guten Kontakten kann man nach wie vor punkten. Ich weiß, dass es viele Rückschläge geben kann und viele Schwierigkeiten kommen werden. Es wird Neider geben, man wird mich als Konkurrent sehen. Ich weiß um die Hindernisse, aber wenn ich so bleibe wie ich bin und wie ich immer war, dann kann ich diesen Weg gehen und erfolgreich sein.

Wie war das erste Gespräch als Berater mit einem Klub?

Es war gut. Es war ein englischer Klub und auch wenn mein Englisch nicht perfekt ist, kam ich ganz gut durch und habe es geschafft, die Verantwortlichen zu überzeugen (lacht). Letztlich sprechen wir über Fußball. Ein Element meines Lebens. Klar hat man verschiedene Ansichtsweisen, man diskutiert über die Stärken und Schwächen eines Spielers, über die Zukunftsplanung. Aber es ist eben alles, was ich selbst schon mal erlebt habe.

Kevin Kuranyi, wo ist eigentlich Ihre Heimat?

Das ist eine gute Frage. Die stelle ich mir manchmal selbst. Ich bin in Brasilien aufgewachsen, habe zwei Jahre in Panama gelebt, danach bin ich nach Deutschland gekommen. Ich fühle mich in allen drei Ländern zu Hause, fühle mich überall sehr wohl, aber Heimat ist, wo meine Familie ist, und das ist Stuttgart.

Interview: Fatih Demireli

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Lewan Kobiaschwili: Nie in der ersten Reihe

Lewan Kobiaschwili, als aktiver Fußballer gehörten Sie auf dem Platz zu den ruhigeren, introvertierten Zeitgenossen. Mussten Sie sich für Ihr Amt als Präsident des Georgischen Fußballverbandes sehr verändern oder hilft Ihnen diese Eigenschaft sogar?

Es ist definitiv ein Unterschied, als Funktionär in der Verantwortung zu stehen. Dennoch kam mir meine ruhige Art, mich immer auf meine Ziele als Fußballer zu konzentrieren und dabei trotzdem den unbedingten Willen zu zeigen, auch jetzt als Präsident zugute. Aber natürlich muss ich nun in den richtigen Momenten Dinge klar ansprechen und konsequent sein. Letztlich musste ich mich an das Gefühl, dass ich Dinge, anders als auf dem Platz, nicht mehr immer direkt beeinflussen kann, erst einmal gewöhnen. Denn die ganze Verantwortung trage ich ja trotzdem.

Sie spielen eine wichtige Rolle im Austausch zwischen Georgien und Deutschland – 2017 waren Sie Teil der Delegation samt des Präsidenten Ihres Landes beim Staatsbesuch in Berlin.

Es liegt mir sehr am Herzen, dass das Verhältnis und die Kommunikation bestmöglich funktionieren. Ich sitze ja ebenfalls im georgischen Parlament. Mit meiner Vorgeschichte ist es klar, dass ich immer präsent bin, wenn etwa deutsche Delegationen in Georgien zu Gast sind, was dieses Jahr öfter der Fall war.

Ihr ehemaliger Nationalmannschaftskollege Kachaber Kaladse wurde georgischer Energieminister und wurde danach zum Bürgermeister der Hauptstadt Tiflis gewählt worden. Stecken Ihre Landsleute besonderes Vertrauen in Ihre einstigen Fußballhelden?

Kachaber Kaladse hat seit seinem Start im Parlament 2012 eine unglaubliche Entwicklung genommen, ist unglaublich reif geworden und hat in seiner Rolle vieles zur Verbesserung der Energiepolitik unseres Landes beigetragen. Ohne diese Erfolge hätten ihn die Menschen von Tiflis nicht zum Bürgermeister gewählt. Das heißt nicht, dass jeder erfolgreiche Sportler für die Politik geeignet ist. Aber die Menschen respektieren, was wir für unser Land getan haben als sportliche Repräsentanten und unsere Lebensleistung: Ausdauer, voller Einsatz, Beharrlichkeit, der Glaube in die eigene Stärke, Verantwortung und harte Arbeit für dein eigenes Land.

Eigenschaften, die auch Politiker benötigen?

Genau, es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Erfolg im Sport und Erfolg in der Karriere jetzt als Politiker. Aber hinter beiden Laufbahnen steckt harte Arbeit.

Eines Ihrer wichtigsten Ziele bei Amtsantritt 2015 war eine Umstrukturierung der heimischen, unattraktiven Liga mitsamt ihrer Geldsorgen. Wie weit sind Sie?

Wir haben bereits eine große Reform umgesetzt. Sechzehn Mannschaften in der ersten Liga waren viel zu viel für unser Land. Jetzt sind es zehn in der ersten und zehn in der zweiten Liga. Es gibt einen Sechs-Jahres-Plan, der auch von der Regierung gestützt wird. Die Geldverteilung ist in diesem Zeitraum gleichmäßiger, sodass die Teams vor der Saison eine klare Budgetplanung und damit Planungssicherheit haben – auch langfristig. Nur so ist eine langfristige, strategische Ausrichtung möglich, gerade was die Strukturen in der wichtigen Jugendarbeit angeht.

Sie sprechen die Budgetsicherheit der Teams an. Georgien war in der Vergangenheit anfällig für Spielmanipulationen. Es heißt, Sie sind zu einem unter Verdacht stehenden Spiel persönlich hingeflogen und haben es abgesagt …

Das stimmt, diesen Fall kann ich bestätigen. Nachdem mir die Hinweise zugetragen wurden, bin ich persönlich hingefahren, habe die Verantwortung übernommen und das Spiel abgesagt – das war keine einfache Entscheidung. Das ist natürlich im Alltag nicht jedes Mal umzusetzen. Aber die Vereine haben das unterstützt. Langfristig hilft wirklich nur eine finanzielle Sicherheit der Klubs und damit auch der Spieler, um das zu verhindern. In der Vergangenheit gab es Fälle von nicht oder viel zu spät gezahlten Gehältern. In solchen unruhigen Umfeldern sind gewisse Spieler anfälliger für Betrug, wenn Sie hohe Summen für eine Manipulation angeboten bekommen. Das heißt noch lange nicht, dass ich dafür Verständnis aufbringe, im Gegenteil. Ich hoffe dennoch, dass wir diese Problematik mit der Ligareform gelöst haben. Klar ist aber auch: Spielmanpiulation ist ein globales Problem.

Mit exakt 100 Einsätzen sind Sie noch immer Rekordnationalspieler Ihres Landes. Bei Ihrem Rücktritt sagten Sie, es schmerze sehr, sich nie für ein großes Turnier qualifiziert zu haben.

Dieser verpasste Traum schmerzt auch immer noch, ich wollte das als Spieler immer unbedingt. Aber jetzt habe ich einen neun Traum, dass dem Team in meiner Zeit als Präsident eine Qualifikation gelingt.

Das Interview erschien in Ausgabe #14: Jetzt nachbestellen

Wenn man sich in Freiburg, auf Schalke und in Berlin nach Ihnen umhört, sind Sie ob Ihrer bescheidenen Art überall noch sehr gut in Erinnerung. Was war denn Ihr Erfolgsrezept?

Zunächst einmal freut es mich ungemein, wenn ich so etwas höre. Ich wollte nie in der ersten Reihe stehen und mich mit großen Worten präsentieren. Für mich lag die Priorität immer auf dem Platz. Dort eine gute Leistung abzuliefern, mit harter Arbeit. Und ich wollte immer auf Augenhöhe kommunizieren, mit jedem zurechtkommen, vom Präsidenten bis hin zum Fan. Letztlich bleibt ein Spieler immer dank seiner Leistung für das Team in Erinnerung. Das habe ich immer probiert und das ist dann vielleicht das entscheidende Rezept – ein Teamplayer zu sein.

Sie hatten später auch auf Schalke ein richtig gutes Team beisammen. Trotzdem hat es nicht zu einem großen Titel gereicht.

Ein bisschen traurig macht mich das schon. Wir hatten ein richtig starkes Team. Man muss sich ja nur mal ansehen, welche Karrieren etwa Mesut Özil und Manuel Neuer hingelegt haben. Es schmerzt, dass wir 2007 nicht Meister wurden, als wir am vorletzten Spieltag gegen Dortmund verloren und Stuttgart noch Meister wurde. Das war sportlich die schwerste Zeit. Wir hatten damals zweimal Bayern geschlagen. Wir hatten das Potenzial, das Teamgefüge und die Fans im Rücken und standen am Ende dennoch mit leeren Händen da.

Eine Saison zuvor sind Ihre drei Tore in der Champions League gegen Eindhoven in Erinnerung geblieben. War das das beste Spiel Ihrer Karriere?

Das Spiel werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen und dieses Match ist auch noch vielen Leuten in meiner Heimat in Erinnerung. Ich bin der einzige Georgier, der in einem Spiel in der Königsklasse dreimal traf. Dabei sind mir sonst nicht mal im Training drei Tore gelungen. (lacht)

Später in der Saison 2005/06 sind sie im damaligen UEFA Cup erst im Halbfinale am FC Sevilla gescheitert. War da mehr drin?

Das Halbfinale ist noch sehr präsent. Meiner Meinung nach gab es in diesem Wettbewerb damals nur zwei gute Teams – Sevilla und uns. Wir haben im Rückspiel in der Nachspielzeit ein Tor kassiert und Sevilla gewann dann das Finale klar. Dabei hatten wir eigentlich eine gute Leistung gezeigt – bitter.

Rudi Assauer hatte einst bekundet, Sie seien eine der besten Verpflichtungen der letzten Dekade gewesen. Haben Sie das Maximum aus Ihrer Karriere herausgeholt?

Nein, das würde ich niemals von mir selbst behaupten. Ich finde, dass es bei einer Karriere nach oben hin keine Grenze geben sollte. Meine Laufbahn hätte schlechter verlaufen können, es wäre aber auch noch mehr drin gewesen. Ich weiß aber, dass ich alles investiert habe, was damals drin war. Das stellt mich zufrieden.

Sie sind in ganz jungen Jahren über die russische Liga nach Freiburg gekommen. Versuchen Sie, Ihre Erfahrungswerte an junge georgische Talente weiterzugeben?

Ich spreche regelmäßig mit den Spielern in Georgien. Heute ist es aber schwerer, sich international durchzusetzen. Der Markt ist groß, die Spieler sind vielerorts gut ausgebildet. Hinzu kommt, dass viele junge Spieler zu früh, zu schnell zufrieden mit sich sind. Das blockiert eine Entwicklung. Ein großer Vorteil für mich war damals, dass ich im ruhigen Freiburg gelandet bin und mich in diesem Umfeld in Ruhe entwickeln konnte, auch mal ein schwaches Spiel abliefern durfte. Freiburg ist für junge Spieler ein Segen.

Bei Ihrer letzten Station gab es viele Aufs und Abs. Negativer Höhepunkt war Ihre Attacke auf Schiedsrichter Wolfgang Stark während der Tumulte beim Relegationsspiel der Hertha gegen Düsseldorf. War damals, 2012, ein Karriereende ob der fast sieben Monate dauernden Sperre denkbar?

Das war damals die schlimmste Zeit in meinem Leben. Es gab nur zwei Möglichkeiten: ein sofortiges Karriereende oder hartes Training, um ohne Spiele das Niveau zu halten. Ich habe mir damals dann gedacht: So ein Karriereende habe ich nicht verdient. Also habe ich nochmal alles investiert in der täglichen Trainingsarbeit, um nach der Sperre gute Leistungen zu bringen. Da bin ich Hertha BSC und den Verantwortlichen sehr dankbar, dass ich danach noch schöne Spielzeiten hatte.

Interview: Jannik Schneider

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Mensur Suljović: Doppel 14 ins Glück

Mensur Suljović ist einer der Favoriten der Darts-WM in London. Der Österreicher (45) hat  einen steilen Aufstieg hinter sich gebracht. Er behauptete sich dabei gegen die junge Generation in einem Sport, in dem so viele Altmeister heute nicht mehr mithalten können. Aber Suljović hebt nicht ab, er kann den Erfolg einordnen. Er kennt die Schattenseiten des Profisports – und die des Lebens.

17. September 2017. Mensur Suljović atmet tief durch, nimmt sich Zeit. Er tritt an die Wurflinie, fixiert die 2,37 Meter entfernte Scheibe. Suljović hat beim Stand von 9:9 im Finale der Champions League of Darts noch 39 Punkte. Er wirft den ersten Dart in die 11, um sich 28 übrig zu lassen. Noch einmal sein Lieblingsdoppel 14 treffen und er führt mit 10:9, braucht dann nur noch ein Leg zum Sieg. Gleich der erste Pfeil trifft den acht Millimeter breiten äußeren Ring. Suljović ballt die Faust, schreit die Freude raus und verpasst der Luft eine Kopfnuss. So feiert die Nummer sieben der Welt gelungene Aktionen in wichtigen Momenten.

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Der Artikel erschien in der 14. Ausgabe von Socrates

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Dann explodiert der sonst so ruhige Mann, dessen Spitzname im Darts-Circuit „The Gentle“ (Der Sanfte) ist. An jenem 17. September 2017 gab es eine Menge Kopfnüsse von Mensur Suljović zu sehen. Denn an diesem Tag gewann er seinen ersten großen Titel bei der Professional Darts Corporation (PDC). Im walisischen Cardiff sicherte er sich die Trophäe bei der Champions League of Darts, dem Turnier, bei dem die besten acht Spieler der Weltrangliste gegeneinander antreten. „Das war der beste Tag meiner Karriere“, erzählt Mensur Suljović. „Ich wollte einfach nur die Gruppenphase überstehen. Mit dem Sieg hätte ich nie gerechnet.“ Für viele Fans und Experten war der Erfolg ebenso überraschend.  Aber er war eigentlich nur die logische Konsequenz einer kontinuierlichen Leistungssteigerung. Und Suljović will noch mehr. „Mein Ziel ist es, unter die Top Vier zu kommen und bei der WM das Halbfinale zu erreichen.“

„Nicht gewusst, ob ich lebend nach Hause komme“

Als er sich im Finale der Champions League gegen den zweifachen Weltmeister Gary Anderson – wieder mit der Doppel 14 – das 11:9 und damit den Sieg holte, ging Suljović in die Knie, hielt sich die Fäuste vors Gesicht und kämpfte mit den Tränen. Dieser Triumph war der vorläufige Höhepunkt einer Erfolgsgeschichte, die mit einer Flucht begonnen hat.

Mensur Suljović wächst mit drei Brüdern und einer Schwester in Tutin, im ehemaligen Jugoslawien (heute Serbien), auf. Einer seiner Brüder wird während des Balkankonflikts in die Armee einberufen. Die Familie hört danach einen Monat lang nichts von ihm. Das trifft besonders die Mutter, sie weint jeden Tag. Mensur hatte sich freiwillig für das Heer gemeldet – allerdings bevor der Krieg ausbrach. „Dann hat meine Familie beschlossen, dass ich auf keinen Fall zur Armee kann. Wir hätten nicht gewusst, ob ich lebend nach Hause komme. Außerdem wollte ich nicht gegen die eigenen Leute, vielleicht sogar Freunde kämpfen.“

Über Mazedonien und die Türkei flieht er mit seinen Brüdern nach Wien. In Österreich bauen sie sich eine neue Existenz auf. Einer von Suljovićs Brüdern eröffnet ein Kaffeehaus, in diesem lernt er durch den Kontakt zu den Gästen Deutsch. Und dort kommt „The Gentle“ auch erstmals mit Darts in Berührung, allerdings mit einem elektronischen Automaten, dem sogenannten E-Dart. Als für ein Doppel ein Spieler fehlt, springt er ein und agiert gleich so gut, dass ihm keiner glauben will, dass er das erste Mal Pfeile in der Hand hat. Der Ehrgeiz des damaligen Hobby-Basketballspielers ist geweckt, er trainiert teilweise zehn Stunden am Tag. Mensur Suljović hat seinen Sport gefunden.

Mensur litt unter „Dartitis“

Ende der Neunziger dominierte er die E-Dart-Szene, sammelte Welt- und Europameistertitel in Serie. Beim Steeldart betrat er 1999 erstmals die große Bühne, als er bei den Winmau World Masters das Achtelfinale erreichte. Aber bis zum Jahr 2006 spielte Suljović immer noch hauptsächlich E-Dart, das, anders als Steeldarts, nicht offiziell als Sport anerkannt ist. 2007 entschied „The Gentle“ sich, auf den anerkannten Sport umzusteigen. Steeldarts wird zu dieser Zeit immer populärer, die besten Spieler der Welt werden in der PDC mittlerweile reich.

In den ersten Jahren wollten sich die Erfolge nicht so richtig einstellen. Das lag auch daran, dass Mensur zu dieser Zeit an einem Dartsspezifischen, psychologischen Phänomen litt, der „Dartitis“. Geprägt wurde der Begriff durch Tony Woods, der ihn als Redaktionsleiter des World Dart Magazins 1981 erstmals verwendete. Auch wenn sich das mentale Problem bei jedem anders darstellt, gibt es eine große Gemeinsamkeit: Die Spieler haben Probleme, den Pfeil zum richtigen Zeitpunkt (oder teilweise überhaupt) loszulassen. Im Oxford English Dictionary steht zu Dartitis: „A state of nervousness which prevents a player from releasing a dart at the right moment when throwing.” Mensur Suljović erzählt, dass es für einen Dartspieler nichts Schlimmeres gibt. „Du weißt, was du kannst, aber du kannst es nicht bringen. Das tut so weh – im Herzen, im Kopf, überall.“

Viele Spieler haben ihre Pfeile wegen dieser psychischen Blockade im Regal verstauben lassen. Die meisten, die sie überwunden haben, mussten ihren Wurfstil abändern, einen Weg finden, den Kopf auszutricksen. So auch Suljović. Wenn er heute am Board steht, dreht er den Dart vor jedem einzelnen Wurf kurz mit dem Zeigefinger ein paar Mal in der Wurfhand. Das macht er so lange, bis er „ein gutes Gefühl“ hat. Diese zusätzliche Bewegung sorgt dafür, dass er zu den langsamsten Werfern am Oche (der Wurflinie) gehört. Auch deswegen war er lange nicht besonders populär bei den Zuschauern. Heute aber drehen Fans in aller Welt durch, wenn seine Einlaufmusik, Simply the Best von Tina Turner, durch die Lautsprecher der Halle dröhnt. Auch nach dem Überwinden der Dartitis gelang es „The Gentle“ zunächst nicht, in die Weltspitze vorzudringen.

Der Aufstieg

Er rangierte meist irgendwo zwischen Platz 40 und 60 in der Order of Merit, der Weltrangliste auf Basis des eingespielten Preisgelds. In diesen Regionen lassen sich die Kosten für die Reisen zu den Turnieren durch das gewonnene Preisgeld nicht abdecken. Und auch potente Sponsoren reißen sich nicht gerade um die Spieler, die bei den Major Turnieren früh rausfliegen oder gar nicht erst dabei sind. 2011 dachte Suljović darüber nach, aufzugeben und die Profi-Tour der PDC nicht mehr zu spielen. Er konnte sich seinen Traum eigentlich nicht mehr leisten. Aber der Österreicher versuchte es weiter, war noch nicht bereit, aufzugeben. 2014 feierte er dann mit dem Erreichen des Viertelfinals der UK Open, einem der wichtigsten Turniere des Jahres, sein bis dato bestes Ergebnis bei der PDC. Voller Selbstvertrauen nahm er sich für 2015 vor, noch einmal einen Angriff zu wagen, noch einen Versuch, in die Top 16 der Welt einzuziehen.

Im Juli 2016 hat er es geschafft. Durch das Erreichen des Achtelfinals beim World Matchplay steht Suljović erstmals unter den Top 16, die für den Großteil der Turniere auf der Profitour gesetzt sind. Drei Monate später gelingt ihm mit seinem ersten Turniersieg bei den International Darts Open in Riesa der endgültige Durchbruch. Ein paar Wochen danach steht er im Finale der Europameisterschaft im belgischen Hasselt, was ihn unter die Top Ten der Welt bringt. Im Viertelfinale besiegt er dort sein großes Idol Phil Taylor, den großen Mann des Sports und sechzehnfachen Weltmeister. „Ich kann es immer noch nicht glauben. Das hat sich fast wie ein WM-Sieg angefühlt.“ Als einen der wichtigsten Bausteine für seinen Erfolg sieht Suljović seinen Mentaltrainer. Dieser habe ihm geholfen, in entscheidenden Momenten nicht nervös zu sein und das Publikum auszublenden.

„I play darts. This is Mensur, this is me“

„Ich hatte auf der Bühne immer wieder Probleme bei Führungen. Ich war oft klar vorne und hab dann noch verloren. Mein Mentaltrainer hat mir Wege aufgezeigt, um diese Probleme zu überwinden. Welche, das bleibt geheim.“ Der zweite Pfeiler seines Aufschwungs ist sein Trainingsfleiß, der dritte sein unbändiger Wille. Milliarden Darts habe er in seinem Leben geworfen, sagt er. „Mich begeistern Leute, die sehr diszipliniert sind und nie aufgeben – wie Thomas Muster. Der war wirklich ein Kämpfer. Man hat immer gesagt, er ist wie ein Deutscher. Er hat nie aufgegeben.“

Die Weltmeisterschaft im Alexandra Palace in London ist für alle Dartspieler und –fans das Highlight des Jahres. Jeden Turniertag werden 4.500, teils skurril verkleidete Fans ihre Helden und sich selbst frenetisch feiern. Im letzten Jahr schied Suljović überraschend bereits in Runde zwei aus. Dieses Jahr wäre eine ähnlich frühe Niederlage eine Sensation. Der erste deutschsprachige Spieler, der überhaupt ein PDC-Turnier gewinnen konnte, ist bei der WM auch die große Hoffnung der deutschen Fans. Einen Profi, der auf Suljovićs Niveau spielt, gibt es in Deutschland nicht. Mensur Suljović weiß, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als Darts. Aber dennoch lebt er diesen Sport. Auch wenn er mal in Urlaub ist, muss er spielen. In einem TV-Interview mit der PDC sagte er: „I play darts. This is Mensur, this is me.“

Sven Scharf

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Kevin Kuranyi! Die Ausgabe #14 ist ab sofort im Handel!

Kevin Kuranyi sagt von sich, dass er mal der schlechteste Fußballer war. Wie man dennoch über 500 Mal auf höchstem Niveau spielt und die Ziele nie aus den Augen verliert, verrät er im Cover-Interview zur 14. Ausgabe von Socrates.

Außerdem in Heft 14

Ralf Fährmann | Der Menschenfänger aus dem Pott

Tennis: Mary Pierce im Exklusiv-Interview

Wintersport: Alle wichtigen Infos zum Start der Saison

Eishockey: Die Ballade vom Whiskey-Räuber Atilla

Rugby: Neue Horizonte in Deutschland

u.v.m.

Die Ausgabe ist ab sofort im Handel. Sehen Sie unter mykiosk.de nach, wo es Socrates gibt.
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