Archiv für die Kategorie: Ausgabe #17

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N’Golo Kante: „Ich hatte beim Rugby keine Angst“

Er wollte Forscher werden, jobbte als Buchhalter, heute ist N’Golo Kante einer der besten Mittelfeldspieler der Welt. Dabei hatte es der Superstar des FC Chelsea nie einfach. Ein ehrliches Interview mit einer ehrlichen Haut.

Herr Kanté, Sie gelten als einer der weltweit besten und laufstärksten „Box-to-Box-Spieler“. Aber hatten Sie auch Vorbilder und Spieler, von denen Sie sich etwas abgeschaut haben?

Ja, ich habe mich stets von anderen Spielern inspirieren lassen. Heute bei Chelsea gibt es viele Spieler, von denen man sich einiges abschauen kann. Cesc Fàbregas ist ein gutes Beispiel. Mich fasziniert, wie er ein Spiel lesen kann, aber auch seine hohe Spielintelligenz und wie er es immer wieder schafft, den tödlichen Pass zu spielen, auch wenn er vom Gegner unter Druck gesetzt wird. Auch bei Nemanja Matić, der mittlerweile bei Manchester United kickt, habe ich Einsatzwillen und Robustheit in den Zweikämpfen bewundert.

Als Kind?

Damals habe ich mir viele Videos von Ronaldinho, dem brasilianischen Ronaldo und Diego Maradona angeschaut. Keine Spieler also, die auf meiner Position gespielt haben (lacht). Ich habe aber auch ein paar Videos von Jean Tigana gesehen sowie von Claude Makélélé, der mir immer das Gefühl gab, dass er sich in einem Spiel nie ausruht. Man kann sich übrigens auch von anderen Sportarten etwas abgucken: Im Tennis ist Roger Federer ein Phänomen. Er hat eine unglaubliche Leichtigkeit in seinem Spiel und egal wie wichtig das Spiel ist, er bleibt immer cool.

Sind Sie wegen den Videos, die Sie gesehen haben, Fußballer geworden?

Ursprünglich wollte ich nicht unbedingt Fußballer werden, sondern eher Forscher. Mich hat besonders Erdkunde interessiert. Ich wollte entdecken, wie man in Asien lebt, in Afrika und in Südamerika, vor allem wie die Leute miteinander umgehen, wie die Mentalität dort ist. Doch in der Schule war ich nicht besonders motiviert, weil ich ständig an Fußball dachte. Es war wie eine Sucht. Eine Zeit lang habe ich auch als Buchhalter gejobbt, bis mir klar war, dass ich es eher im Fußball versuchen sollte.

Gab es andere Sportarten? Sie waren und sind ja sehr athletisch…

In der Schule habe ich auch viel Basketball und Rugby gespielt. Ich habe sogar in beiden Sportarten an diversen Turnieren teilgenommen. Beim Rugby hatte ich gar keine Angst, in die Tacklings zu gehen. Ich bin auch viel gelaufen und wenn es zur Sache ging, dann habe ich mich nicht versteckt, was dazu geführt hat, dass der Rugby-Klub mich unter Vertrag nehmen wollte. Aber ich spielte schon lang genug Fußball mit meinen Freunden und Fußball war einfach meine Lieblingssportart. Ihn aufzugeben war kein Thema. Dann habe ich in der Jugend von Suresnes (Vorort von Paris, Anm. d. Red.) – meinem Heimatort – gespielt, bevor ich in die Reserve von Boulogne wechselte.

Die spielte immer noch ziemlich unterklassig.

Ja, das war im Jahr 2010 und das war die schwerste Zeit überhaupt. Ich musste mich behaupten. Das Spiel ging schnell von einem Tor zum anderen, man musste viel antizipieren, vieles spielte sich im Zentrum ab und es ging darum, mit maximal zwei Ballkontakten zu spielen. Für mich war es ein anderer Fußball, als der, den ich bisher kannte. Damals war ich im Internat: morgens in der Schule und am Nachmittag gab es Fußball. Dort habe ich mich auch mit einer neuen Arbeitsmethode zurechtfinden müssen, die ich bis dahin nicht kannte.

Wie groß war die Umstellung?

Als ich dann das erste Mal den Boulogne-Trainer über Taktik reden hörte, dachte ich mir: Das wird ja nicht so einfach. Für mich war das ein anderer Fußball. Als ich dort ankam, war ich verletzt und als ich verfolgte, was meine Mitspieler durchmachen mussten, dachte ich, das würde ich wohl nicht so leicht hinkriegen und ich würde sicherlich Zeit brauchen. Das war die größte Hürde auf dem Weg zur europäischen Spitze. Ich habe aus dieser schweren Erfahrung unheimlich viel gelernt. Dort konnte ich mich insofern bestens entwickeln. Von dieser Zeit profitiere ich bis heute noch.

Sie mussten einige Enttäuschungen verkraften bis dahin.

Noch als ich in Suresnes war, habe ich mit älteren Spielern zu tun gehabt, weil man mich für zu gut für die Spieler meines Alters gehalten hatte. Es gab viele Scouts, die unsere Spiele angeschaut haben. Dann gab es Kontakte, um in den Jugendzentren von Sochaux, Rennes, Lorient, Amiens und Clairefontaine getestet zu werden. Aber ich bin bei jedem Verein gescheitert und ich bekam von keinem Klub einen Vertrag. Es war zwar eine bittere Erfahrung, aber mir wurde auch bewusst, dass ich noch mehr arbeiten muss und dass es auch viele Spieler meines Alters gibt, die einfach besser sind. Dann hat mich Boulogne-sur-Mer unter Vertrag genommen.

In der dritten Liga wurden Sie rasch Stammspieler.

Im Grunde genommen kann man von einer unglaublichen Geschichte sprechen. Ich habe so viele Hindernisse überwältigen müssen, dass ich mittlerweile an einem Punkt angelangt bin, wo ich jeden Augenblick genieße. Man darf nie vergessen, wo man herkommt. Das ist die Basis. Auf meinem Weg zum Profi habe ich auch mit Sicherheit viel Glück gehabt, dadurch, dass ich wichtige und vertrauensvolle Leute kennengelernt habe, die mir sehr hilfreich waren und ich zum richtigen Moment entdeckt wurde. Ich habe aber auch viel arbeiten und mich aufopfern müssen, sprich früh von der Familie getrennt zu sein, was alles andere als einfach war.

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Ist das eine Charakterfrage?

Mich konnte so gut wie nichts umwerfen und es kommt sicher auf den Charakter an, der bei mir sehr stark ist. Ich komme ja aus Suresnes und als ich dort gespielt habe, wollte ich ganz weit kommen. Ich wusste, dass das nötige Potenzial vorhanden war. Aber so weit zu kommen, also bei Chelsea Stammspieler zu sein sowie in der französischen Nationalmannschaft eine tragende Rolle zu spielen, hätte ich mir niemals erträumen lassen.

Geschweige denn eine Meisterschaft mit Leicester City.

Oh, ja. Ich denke gerne an meine Zeit bei den Foxes zurück. Das war ein großartiges Abenteuer, gekrönt mit der sensationellen Meisterschaft, die keiner erwartet hatte. Ursprünglich wollten wir einfach so früh wie möglich den Klassenerhalt sichern. Allein diese Meister-Saison bei Leicester wird für immer ein besonderer Teil meiner Laufbahn bleiben. In den ersten Tagen hatte ich dort gewisse Schwierigkeiten, weil es meine erste Auslandserfahrung war und weil ich damals noch kaum Englisch sprechen konnte. Es war komplettes Neuland.

Wer hat Ihnen dort geholfen?

Da war mir Claudio Ranieri, der ja Französisch aus seiner Trainer-Zeit bei der AS Monaco beherrschte, eine große Hilfe. Er hat an mich geglaubt und er stand mir immer zur Seite. Auch auf dem Rasen war es eine riesen Umstellung: In der Premier League wird schnell gespielt, es geht in jedem Zweikampf rustikal zu und jedes Wochenende trifft man auf absolute Weltstars. Wir waren der krasse Außenseiter, und am Ende haben wir es geschafft, Meister zu werden. Das war mein allererster Titel bei den Profis. Es war so was von unerwartet. Auf der menschlichen und professionellen Ebene habe ich in Leicester viele interessante Leute kennengelernt. Von Caen nach Leicester zu wechseln, war im Nachhinein ein Glücksgriff, weil ich auch mit dieser Entscheidung ein großes Risiko einging und es hätte auch locker in die andere Richtung gehen können.

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Dass das nicht der Fall gewesen ist, hängt mit Ihrer aggressiven Spielweise zusammen, die auf der Insel sehr gut ankommt.

Meine Hauptaufgabe vor der Abwehr besteht nun mal darin, Bälle zurückzuerobern, Zweikämpfe zu gewinnen und für die Balance zwischen der Defensive und der Offensive in meiner Mannschaft zu sorgen. Ich liebe es, permanent zu laufen. Meine große Stärke liegt ja im Laufbereich. In jedem Spiel absolviere ich ein großes Laufpensum. Dafür muss mein Fitness-Zustand absolut top sein. Ich habe ein Motto.

Verraten Sie es uns?

Das ist einfach: Im Spiel immer alles geben, egal, wer der Gegner ist und völlig egal, ob es sich um die Champions League oder um ein Freundschaftsspiel handelt, weil ich das Glück habe, Fußball-Profi zu sein. Das ist zweifelsohne ein Privileg und das sollte man nie aus den Augen verlieren. Mehr Tore und Assists dürften es aber demnächst mal sein. Da kann ich noch deutlich ein paar Schippen drauflegen und gefährlicher im gegnerischen Strafraum werden. In den letzten dreißig Metern muss ich mich noch mehr einbringen, wenn es das Spiel erlaubt, auch wenn es nicht meine oberste Priorität ist. Ich hoffe, dass ich meine Statistiken in naher Zukunft ein bisschen verbessern kann.

Inwieweit helfen Ihnen Ihre Trainer dabei?

Mit Didier Deschamps als Nationaltrainer und Antonio Conte als Vereinstrainer habe ich zwei Coaches, die in Ihrer Spielerkarriere auf genau meiner Position gespielt haben. Ich profitierte von beiden unheimlich viel. Es handelt sich um zwei absolute Spitzen-Trainer. Sie haben unglaublich viel Erfahrung sammeln können, erst in ihrer Spieler-Karriere und anschließend als Trainer. Beide standen zum Beispiel bei Juventus Turin sowohl als Spieler als auch als Trainer unter Vertrag. Wenn sie vor der Mannschaft oder unter vier Augen sprechen, dann muss man alles aufsaugen. Mit solchen Hochkarätern als Trainer entwickelt man sich als Spieler automatisch weiter. Auch mit Claudio Ranieri bei Leicester habe ich viel Erfahrung sammeln können. Er wusste mit den Spielern umzugehen. Er war gleichzeitig eine Art Papa, Trainer und Kumpel. Er war der Garant unseres Erfolgs, weil er mit uns perfekt umzugehen wusste. Seine Bürotür war für uns jederzeit offen.

Zum Abschluss: Was bedeuten Ihnen persönliche Auszeichnungen? Sie wurden Premier-League-Spieler des Jahres 2017…

Individuell betrachtet, habe ich in meiner Karriere keine besonderen Ziele, weil für mich eher die Titel mit der Mannschaft zählen, auch wenn mich die Auszeichnung zum besten Spieler der Premier League geehrt hat. Die ganze Zeremonie bleibt auch eine besondere Erinnerung. Das war echt berührend.

Interview: Alexis Menuge

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Hank Gathers: Der König der Löwen

1990 ist Basketball-Guru Paul Westhead mit seinem College-Team von der LMU auf dem Weg zum Titel – bis Superstar Hank Gathers auf dem Spielfeld zusammenbricht und stirbt. Eine Tragödie mit vielen Helden.

Autor: Alex Raack

Manchmal würde man das Leben gerne anhalten wie eine DVD oder die nächste Netflix-Folge. Um das, was unweigerlich folgen wird, noch eine Weile hinauszuzögern. Weil der Moment zu schön ist und es unerträglich ist, wenn etwas so Schönes plötzlich zerstört wird. Man drückte also einen Knopf auf der Fernbedienung und könnte das Schicksal stoppen. Einfach so. Aber das Leben hat keine Fernbedienung, das Schicksal kennt keine Stopptaste. Und der Tod keine Schönheit. Wenn er kommt, kann ihn niemand aufhalten. Nicht einmal der stärkste Mann Amerikas.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #17

Diese unglaubliche Geschichte, die kein Happy End hat, und trotzdem so viel Freude beinhaltet, beginnt 1987. Da suchen zwei der talentiertesten College-Basketballer des Landes eine neue Uni. Forward Hank Gathers und Shooting Guard Bo Kimble kommen beide aus den Projects in Philadelphia, sie haben ihre Kindheit und Jugend auf den Basketballplätzen von Philly verbracht und dort jedem, der es mit ihnen aufnahm, den Hintern versohlt. Jetzt sind sie blutjunge College-Athleten, hungrig und voller Energie, zwei Rohdiamanten, die nur den richtigen Schliff benötigen. Coach George Raveling von der USC scheint dazu nicht in der Lage gewesen zu sein, er hat sich mit ihnen verkracht. Aber es gibt da einen, der genau nach solchen Spielern gesucht hat.

Paul Westhead, ebenfalls in Philadelphia geboren, Jahrgang 1939, ist seit 1985 an der LMU. 1979 wurde er Assistent bei den Los Angeles Lakers und als sich kurz darauf Headcoach Jack McKinney bei einem Fahrradunfall schwer verletzte, übernahm er die Mannschaft um Basketball-Legende Kareem Abdul-Jabbar und Rookie Magic Johnson, gewann 60 Spiele in der regulären Saison und führte die Lakers sensationell zum Titel. Nur um knapp zwei Jahre später entlassen zu werden, weil insbesondere Superstar Johnson keine Lust mehr hatte, so Basketball zu spielen, wie sich das sein eigenwilliger Trainer vorstellte. Längst ist da der studierte Lehrer der englischen Literatur der „verrückte Professor“ des US-Basketballs, der in der Kabine Shakespeare zitiert und sich voll und ganz einer Taktik verschrieben hat, die nur Vollgas kennt. „Wenn ich dich richtig verstehe“, hatte Magic Johnson Westhead nach einem weiteren Shakespeare-Zitat gefragt, „soll ich zum Korb laufen und punkten, richtig?“

Gathers nennt sich selbst den "stärksten Mann Amerikas"

Richtig. Aber Westheads Idee vom Basketball ist so radikal offensiv, dass Zauberer Magic rebellierte. Als Westhead auch bei den Chicago Bulls nicht glücklich wurde, nahm er 1985 das Angebot der LMU an. Die Uni erschien ihm da als richtiger Ort für seine Idee. Die sieht so aus: Hat seine Mannschaft den Ball, stürmt sie sofort zum gegnerischen Korb, um in weniger als sieben Sekunden zum Abschluss zu kommen. Verliert sie den Ball, presst sie ihn sofort. Run and gun, nennen seine Landsleute dieses System, rennen und schießen. „The more you take, the more you make“, nennt das Westhead selbst. Bedingungslose Offensive ist das, voller Risiko, atemloses Hin-und-Her-Spektakel, scheinbar losgelöst von taktischen Zwängen, Streetball für die Halle. Die Medien nennen es: „The System“, das System.

Als Westhead hört, dass Gathers und Kimble zu haben sind, zeigt er ihnen Videos mit den besten Spielzügen seines Systems. Ob er die Vorspultaste gedrückt habe, fragt Gathers. Nein, antwortet Westhead. Bo Kimble sagt: „Coach, wenn sie uns tatsächlich so Basketball spielen lassen, sind wir dabei.“ Die „Löwen“ der LMU haben neue Mitglieder im Rudel.

Westheads Basketball mag auf den ersten Blick wie anarchisches Parkett-Ping-Pong erscheinen, aber das System ist Ergebnis klarer taktischer Vorgaben und vor allem einer außerordentlichen Physis. Kein anderer Trainer bekommt seine Spieler so fit wie der verrückte Professor. Symbol seiner Trainingsmethodik wird ein 100 Meter hoher Hügel aus weichem Sand, den die Basketballer im Vollsprint erklimmen müssen. Spätestens in der Saison 1988/89 hat die Auswahl der bis dato eher mittelklassigen LMU das System so verinnerlicht, ist so fit, dass Westhead Basketball spielen lässt, wie er sich das wünscht. Im allerersten Match dieser Spielzeit gewinnt LMU 164:138 gegen Azusa Pacific. LMU besiegt seine Gegner nicht, es ist wie ein mächtiger Orkan, der einen irgendwann zur Aufgabe zwingt. „Im letzten Viertel des Spiels“, fasst es Hank Gathers zusammen, „haben die anderen nicht mal mehr Energie für Trashtalk.“

Vor allem der 2,01 Meter große Gathers beeindruckt mit seiner unglaublichen Physis und vereint die kreative Power von der Straße mit der Hingabe eines Profis. Über seinem Bett hängt ein Schild: „Hast du heute wirklich Dein Bestes gegeben?“ Sein Weg als künftiger Superstar scheint vorgezeichnet, in dieser Saison, die LMU bis in die erste Runde der nationalen Hochschulmeisterschaften führt (wo das Team gegen Arkansas verliert), wirft er sagenhafte 32,7 Punkte und pflückt 13,7 Rebounds. Werte, die vor ihm erst ein College-Spieler geschafft hat. Sein kantiges Gesicht schmückt die Titelblätter der Sportpresse und weil er den Medien einen Gefallen tun will und weil das vielleicht auch einfach die Wahrheit ist, nennt er sich vor laufenden Kameras selbst den „stärksten Mann Amerikas“. Ein Superman. Schier unbesiegbar. Sein Kryptonit sind Freiwürfe. Die Quote ist so schlecht, dass er, der Rechtshänder, irgendwann einfach beginnt, mit links von der Linie zu werfen.

Fast Break – Run! – Alley-Oop- Pass zu Gathers – Gun! – ein herrlicher Dunk

In der Saison 1989/90 trifft er trotzdem, wie er will. Und wenn er es nicht tut, dann Bo Kimble (der mit 35,3 Punkten bester Werfer wird). Oder Dreipunkte-Spezi Jeff Fryer („Fryer is on fire!“). Oder Universaltalent Terrell Lowery (der sich später gegen die NBA entscheiden wird – um Baseball-Profi zu werden). Oder wen auch immer Paul Westhead für sein Offensivfeuerwerk in die gegnerische Hälfte schießt. Run. And gun. Am Ende der Saison werden die Löwen 122,4 Punkte im Schnitt erzielt haben, erst im Februar 2016 wird dieser Rekord gebrochen. Coach Westhead notiert in seinem Tagebuch: „Das System begann zu greifen. Bei dieser Mannschaft war es, als ob ich Öl ins Feuer gegossen hätte.“

Dann passiert etwas. Beim Spiel gegen UC Santa Barbara verfehlt Hank Gathers mal wieder einen Freiwurf – und klappt
danach zusammen. Im Krankenhaus stellen die Ärzte fest, dass Gathers unter hypertropher Kardiomyopathie, kurz: HCM, leidet, einer Erbkrankheit, die die Muskulatur der linken Herzkammer verdickt. HCM ist nicht heilbar, aber wird sie frühzeitig erkannt und entsprechend behandelt, hat der Patient eine normale Lebenserwartung. Aber Hank Gathers ist nicht normal. Nach drei Tagen steigt er zum Belastungstest aufs Laufband, rennt es fast kaputt, bekommt ein Medikament verschrieben und kann gehen. Kurz darauf ist er wieder beim Training und behauptet kühn, die Herzprobleme einfach „wegzutrainieren“. Zwei Spiele setzt er aus, dann steht er wieder in der Starting Five. Ausgerechnet gegen St. Joseph aus seiner Heimat Philadelphia spielt er wie auf Droge. Was er faktisch auch ist: Das starke Medikament macht den starken Hank müde und träge. Er ist der stärkste Mann Amerikas und dieses Medikament saugt ihm die Energie aus den Muskeln wie ein Blasebalg die Luft aus dem Schlauchboot. Auf sein Drängen hin schrauben die Ärzte die verordnete Dosis deutlich runter. Als LMU am 3. Februar 1990 in einem furiosen Spiel Louisiana State mit 141:148 in der Verlängerung unterliegt, kann auch ein junger 2,16-Meter-Center namens Shaquille O’Neal nicht verhindern, dass Gathers 48 Punkte erzielt und 17 Rebounds holt.

Am 4. März 1990 empfängt LMU Portland im heimischen Gersten Pavilion. Gathers’ Familie ist da. Es steht 23:13 für LMU, als der König der Löwen die letzten Punkte seines Lebens macht. Ballgewinn, Fast Break – Run! – Alley-Oop- Pass zu Gathers – Gun! – ein herrlicher Dunk.

Stopp. Anhalten, dieses Leben. Da steht er, eingefroren in der Luft, 201 Zentimeter pure Energie, pure Lebensfreude, die ihre Umwelt mit jugendlicher Unbesiegbarkeit überfluten. Wie an diesem 4. März 1990, um 17:46 Uhr. Ein paar Meter weiter sein Schulfreund Bo, Begleiter auf dieser ur-amerikanischen Traumreise in die NBA. An der Seitenlinie Paul Westhead, dieser hagere Basketball-Rebell. Die Teamkollegen, die Cheerleader, die Fans, Mama und Tante. Die Welt, die ihm zu gehören scheint.

"Wir spielten nicht einfach für Hank, wir spielten wie Hank"

Doch diese Stopp-Taste gibt es nun mal nicht. Das Leben läuft weiter, aber nicht lange, denn Gathers bricht Sekunden nach seinem Dunk zusammen, und als ihm sein Teamarzt befiehlt, liegen zu bleiben, spricht er die letzten Worte seines Lebens, die ja irgendwie auch alles zusammenfassen, was dieses Leben vorangetrieben hat: „I don’t want to lay down!“ – Ich will mich nicht hinlegen. Um 18:55 Uhr wird Hank Gathers im Daniel Freeman Marina Hospital für tot erklärt. Sein krankes Herz hat für immer aufgehört zu schlagen.

Basketball-Fans im ganzen Land sehen die Bilder, wie sich Gathers’ Mutter mitten auf dem Spielfeld schreiend zu Boden wirft und mit den Fäusten aufs Parkett trommelt. Wie ihr Sohn regungslos aus der Halle getragen wird. Und nie mehr wiederkommt. „Vielleicht funktioniert das System nur einmal im Leben“, schreibt Paul Westhead in sein Tagebuch, „und es wurde beendet, als Hank seinen letzten Dunk versenkte.“

Diese Geschichte kann kein Happy End haben. Aber sie geht weiter. Und so schlecht ist sie nicht.

Beim ersten Training nach der Beerdigung ihres Königs stehen die Löwen in der Halle zusammen und wissen, dass sie weitermachen müssen. Für Hank. In der ersten Runde der nationalen NCAA-Hochschulmeisterschaften hat New Mexico State keine Chance. „Wir spielten nicht einfach für Hank“, sagt Bo Kimble, „wir spielten wie Hank.“ Er selbst hat in diesem Spiel den größten Moment seines Lebens, als er an der Freiwurflinie auf einmal von rechts nach links wechselt. „Hank’s Here“, steht auf den Plakaten der Fans. Hank ist hier. Rechtshänder Bo Kimble nimmt den Ball und wirft mit links. Trifft. Die Halle explodiert vor Emotionen. Und LMU gewinnt mit 111:92. Der Außenseiter demoliert in der Folge Titelverteidiger Michigan mit 149:115, schafft ein knappes 62:60 gegen die Defensiv-Bremser aus Alabama und scheidet schließlich erst in den „Elite Eight“ gegen den späteren Hochschulmeister UNLV aus.

Nachtrag

Paul Westhead beendete nach der Saison seine Zeit als Coach an der LMU und fand erst nach sieben Stationen wieder sein Glück: Die Damen der Phoenix Mercury wurden mit seinem System 2007 WNBA-Champion. Er ist damit der einzige Coach, der sowohl in der NBA als auch in der WNBA einen Titel gewann.

Bo Kimble warf über den restlichen Verlauf der College-Saison jeden ersten Freiwurf in einem Spiel mit links. Im selben Jahr schaffte er den Sprung in die NBA. Nach zwei Jahren bei den L.A. Clippers und einer Saison bei den New York Knicks beendete er seine Karriere. Angeblich auch aufgrund psychischer Probleme, die auf den Tod seines Freundes zurückzuführen sind. Später gründete er eine Hilfsorganisation, die heute kostenlose Herzuntersuchungen für Kinder anbietet.

Hank Gathers’ Leben endete am 4. März 1990. Seine Familie verklagte Coach Westhead, die behandelnden Ärzte und die LMU auf Schadensersatz, die LMU zahlte schließlich 1,4 Million Dollar, der verantwortliche Kardiologe eine Million. 2005 hängte man Gathers’ Nummer 44 unter die Decke im Gersten Pavilion. Auf dem Campus der LMU gibt es einen Aufenthaltsraum, der meist von den Sportlern genutzt wird. Die Studenten haben einen schönen Namen dafür gefunden: Hank’s House. Hanks Haus. Auf dass sie dort weiterlebe, die Geschichte vom König der Löwen.

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Keith Aucoin: Der Tom Brady des Eishockeys

Keith Aucoin ist in die Jahre gekommen, aber an seiner Effizienz hat der Angreifer des EHC nicht eingebüsst. Das Geheimnis ist die Liebe zum Spiel.

Autor: Christian Bernhard

Herr Aucoin, haben sich Ihre Angriffspartner eigentlich schon einmal bei Ihren Eltern bedankt?

Warum sollten Sie?

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #17

Weil Sie Ihnen beigebracht haben, dass man die Scheibe, wann immer es geht, abspielt.

Ach so (lacht). Das müssen sie nicht. Es ist mein Job, anderen dabei zu helfen, Tore zu schießen. Ich liebe es, meine Reihenkollegen scoren zu sehen.

Das klappt sehr gut, die 100-Assist-Schallmauer haben Sie in der DEL in weniger als zweieinhalb Jahren durchbrochen.

So bin ich aufgewachsen. Meine Eltern haben mir von Anfang an gesagt: Sei uneigennützig und passe die Scheibe. Manchmal tue ich es zu oft, denn es gibt Situationen, in denen ich besser schießen sollte, aber trotzdem passe. Aber so bin ich nun mal. Die Ansagen meiner Eltern und die Beobachtung meiner Vorbilder Craig Janney und Adam Oates haben mich zu dem Spieler gemacht, der ich bin.

Eishockey spielt seit Ihrer Geburt eine zentrale Rolle in Ihrem Leben.

Eishockey war immer meine Nummer 1. Ich stand schon mit 3 Jahren auf Schlittschuhen, habe auf dem See gezockt und bin um 6 Uhr morgens aufgestanden, um zu spielen. Zusammen mit meinen Eltern habe ich die Spiele der Boston Bruins angeschaut und als Weihnachtsgeschenk waren Karten für Bruins-Spiele das Größte für mich.

Ihre Eishockey-Begeisterung ging so weit, dass sie Ihnen sogar in der Schule zugutekam.

Ich hatte Probleme beim Erlernen des L. Als wir nicht mehr weiterkamen, haben mir meine Eltern gesagt: Male einen Eishockeyschläger! So habe ich das L gelernt. Es ist verrückt – zeigt aber, wie groß die Eishockey-Leidenschaft bei uns in der Familie ist.

Ihr drei Jahre jüngerer Bruder Phil hatte es dabei nicht immer leicht.

Wir haben immer auf der Straße gespielt. Da er der Jüngste war, musste er ins Tor. Und da wir nicht immer einen Helm dabei hatten, ist er schon mal mit blauen Augen und geschwollenen Lippen nach Hause gekommen. Aber das hat ihn nur härter gemacht (lacht).

Heute zurückzudenken ist super

Was wäre ein Leben ohne Sport für Sie?

Eigentlich kaum vorstellbar. Die Herausforderung, raus zu gehen und sich mit anderen zu messen, ist tief in mir drin. Wenn ich nicht Sport mache, schaue ich ihn im TV. Nicht mehr Teil einer Mannschaft zu sein, wird das Schwerste sein, wenn ich mal nicht mehr aktiv sein werde.

Sie haben 145 Spiele in der NHL bestritten. Was sind Ihre ersten Gedanken, wenn Sie an diese Zeiten zurückdenken?

Ich erinnere mich noch heute an den Anruf, als mir mitgeteilt wurde, dass ich mein NHL-Debüt feiern würde. Mein damaliger Coach hat mich in meinem Zimmer im Mannschaftshotel angerufen, mich aber nicht erreicht, da ich die Zimmer mit meinem besten Kumpel getauscht hatte. Ich habe es dann sofort meinen Eltern gesagt, und die haben mich abgeholt und zum Flughafen gebracht. Als Zweites kommt mir mein erstes Tor in den Sinn. Das habe ich gegen Martin Brodeur geschossen, einen der besten Torhüter aller Zeiten. Das kann mir niemand mehr nehmen.

Gleich in Ihrer ersten NHL-Saison waren Sie auch noch Teil der Carolina Hurricanes, die den Stanley Cup gewannen.

Oh ja. In den Playoffs kam ich aber nicht zum Einsatz, das hätte es für mich noch viel toller gemacht. Wir sind aber mit dem Team gereist und haben mit den Stammspielern trainiert. Am Abend, als wir den Cup geholt haben, war auch mein Vater im Stadion. Wir haben tolle Bilder gemacht.

 

 

Sie haben mit vielen großartigen Spielern zusammengespielt. Mit wem war es am beeindruckendsten?

Da gab es einige. In Washington stand ich in einer Reihe mit Alexander Owetschkin, damals und heute einer der weltbesten Spieler. Sehr gerne erinnere ich mich auch an Sergei Fjodorow zurück, er war ein echt netter Bursche. Ein Höhepunkt war mein Playoff-Duell mit Sidney Crosby. Bevor du aufs Eis kommst, denkst du eine Sekunde darüber nach, wer dir da gegenübersteht – dann musst du es aber sofort ausblenden. Heute zurückzudenken, ist super: Ich habe mit einigen der weltweit Besten gespielt und gegen die Besten, das empfinde ich als großes Glück.

In der Zwischenzeit sind Sie zum Vorbild geworden. Der 21-jährige NHL-Star Jack Eichel, der aus Ihrer Heimatstadt Chelmsford stammt, hat in seiner Kindheit zu Ihnen aufgeschaut.

Es ist Zeit für die Wachablösung. Jetzt ist er der Platzhirsch in unserer Stadt.

Ich liebe diesen Sport einfach immernoch

Wie hat sich der Eishockey-Sport im Laufe Ihrer langen Karriere verändert?

Zu Beginn meiner Karriere war es mehr ein Spiel für die großen und starken Jungs, auf dem Eis wurde viel gehalten und gehakt. 2005 hat die NHL ihr Regelwerk geändert und das Spiel wurde deutlich schneller. Das half mir und all den kleineren, wendigeren Spielern. Heute sind die Jungs groß und schnell, so wie Connor McDavid, der trotz seiner Größe über das Eis fliegt.

Sie wurden aufgrund Ihrer 1,73 Meter Körpergröße nie gedrafted. Hätten Sie bessere Chancen gehabt, wenn Sie ein paar Jahre später in die NHL gekommen wären?

Vielleicht. Als ich aus der Highschool kam, war ich noch deutlich kleiner. Ich habe erst auf dem College Masse und Zentimetern zugelegt, später als viele andere.

Eine Legende wurden Sie trotzdem. Mit 857 Scorerpunkten sind Sie einer der erfolgreichsten Angreifer in der Geschichte der AHL, der zweithöchsten Liga in Nordamerika. Erinnern Sie sich noch an die vielen Busfahrten?

Und wie. Oft sind wir nach zehnstündigen Fahrten um 5 Uhr morgens von einem Auswärtsspiel zurückgekommen und hatten am selben Abend schon wieder ein Spiel. Wir haben regelmäßig an drei aufeinanderfolgenden Tagen gespielt. Wenn du jünger bist, stört dich das nicht: Du schläfst einfach bis 12 Uhr mittags. Mit Kindern ist das nicht mehr so einfach. Aber die Zeit im Bus war auch witzig, obwohl die Technologie damals noch nicht so ausgereift wie heute war. Manchmal musste auch ein iPod mit Musik ausreichen (lacht).

Heute rocken Sie mit 39 Jahren die DEL. Was ist Ihr Geheimnis?

Da gibt es keines. Ich bin nicht mehr so schnell wie früher, aber ich lese das Spiel sehr gut. Ich weiß schon, was ich mit der Scheibe machen werde, bevor ich sie spiele. So bin ich anderen oft einen Schritt voraus. Dazu kommt, dass ich diesen Sport einfach immer noch liebe.

Ihr Angriffspartner Brooks Macek hat kürzlich gesagt, Sie werden immer noch besser.

Das glaube ich nicht (schmunzelt). Mit Brooks macht es großen Spaß. Wir müssen gar nicht viel miteinander sprechen, ich weiß, wo er auf dem Eis ist und er weiß, wo er mich findet. Manchmal nennt er mich den Tom Brady des Eishockeys. Dieses Kompliment nehme ich gerne an, Brady ist einer meiner Lieblingssportler.

Wenn ich alleine wäre, würde ich womöglich spielen, bis es nicht mehr geht

Spüren Sie Ihr Alter manchmal?

Es gibt Abende, da fühle ich mich träge. Das ist mir früher nicht passiert. Aber das ist Teil des Älterwerdens, speziell in einem Sport mit so viel Körperkontakt.

Sie haben mal erzählt, dass Sie es spüren, wenn Sie ein harter Check erwartet. Können Sie das erklären?

Ich will nicht behaupten, dass ich mit meinen Augen 360 Grad abdecken kann, aber selbst wenn ich auf dem Eis nach vorne blicke, kriege ich mit, was links und rechts von mir passiert. Mein Kopf ist immer oben, so weiß ich, wann ich in Gefahr bin. Mein peripheres Sehen hilft mir, den auf mich zulaufenden Gegner früh zu erkennen: So kann ich mich gut schützen.

Sie peilen mit München die dritte Meisterschaft in Serie an. Wie holt man Titel?

Ich war Teil einiger sehr talentierter Teams, die auf dem Papier erfolgreich hätten sein müssen, es aber nicht waren. Hier in München ist es so: Der Kern der Mannschaft ist seit drei Jahren derselbe und wir verbringen auch außerhalb des Eises viel Zeit miteinander. Das macht viel aus, denn so sorgst du dich mehr um deine Mitspieler. Unsere Chemie stimmt. Wir sind schwer zu bespielen, da wir vier starke Angriffsreihen haben, von denen jede den Unterschied machen kann. Unser Spielsystem ist sehr unangenehm für den Gegner: Wenn wir unser Spiel spielen, ist es für die Gegner schwer, überhaupt aus ihrem Drittel zu kommen.

Welche Rolle spielt Trainer Don Jackson dabei?

Don ist großartig. Er muss gar nicht laut werden, um uns zu erreichen. Als wir im November drei Spiele in Serie verloren haben, ist es in der Kabine vielleicht einmal lauter geworden. Er ist einer von uns. Wenn du in die Kabine kommst und nicht wüsstest, wer der Trainer ist, würdest du wahrscheinlich nicht drauf kommen. Vielleicht nur, weil er älter ist als wir Spieler.

Im November werden Sie 40 Jahre alt. Wie lange möchten Sie noch als Profi spielen?

Ich denke von Jahr zu Jahr. Es geht ja nicht mehr nur um mich, sondern auch um die Kinder. Das ist eine Familienentscheidung. Wenn ich alleine wäre, würde ich womöglich so lange spielen, bis es nicht mehr geht. Aber so lange wir in München Erfolg haben, wird es schwer werden, loszulassen. Wenn ich weitermache, dann hier. Ich würde nirgendwo anders hingehen. Wie in den letzten Jahren werde ich mich nach der Saison mit dem Verein zusammensetzen und alles in Ruhe besprechen.

Für die nächste Eishockey-Generation haben Sie mit ihren beiden Söhnen Bray- den und Nathan ja schon gesorgt.

Beide lieben es, auf dem Eis zu stehen. Brayden ist auch Stürmer, bei Nathan ist es noch nicht so klar. Er könnte ein Verteidiger werden. Ihm gefällt es, Steve Pinizzotto nachzumachen, indem er versucht, gegen Brayden zu kämpfen. Das muss ich ihm noch austreiben (lacht).

Hat Brayden auch schon Ihre Pass-Liebe im Blut?

Ich sehe ihn mehr schießen als passen, da habe ich noch Arbeit vor mir. Aber ich habe Christian (Winkler, Münchens Manager, Anm. d. Red.) bereits gesagt: Besser, du nimmst ihn jetzt schon unter Vertrag (lacht).

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Axel Kromer: Die neue Generation ist jetzt

Der deutsche Handball steht im Umbruch – für DHB-Sportvorstand Axel Kromer bedeutet das viel Arbeit, aber ihm ist nicht Bange. Mit SOCRATES spricht er über die neuen Strukturen.

Autor: Björn Pazen

Herr Kromer, der DHB hat Anfang Januar die Bundestrainer im männlichen Nachwuchsbereich ausgetauscht. Der bisherige Juniorentrainer Erik Wudtke ist nun für die Jugend verantwortlich, André Haber, interimsweise Cheftrainer beim SC DHfK Leipzig, hat die Junioren übernommen. Was wird mit der Neustrukturierung kurzfristig und langfristig angepeilt?

Das Interview erschien in Ausgabe #17

André Haber und Erik Wudtke arbeiten an Schlüsselpositionen des Nachwuchsleistungssports. Beide sind herausragende Experten, die perfekt in unsere neuen Strukturen passen. Höchste Qualität in der Arbeit mit den heutigen Top-Talenten ist die Grundlage für den künftigen Erfolg unserer Nationalmannschaften. Von Andrés Erfahrungsschatz aus der Bundesliga können wir im DHB sehr profitieren. Erik kennt aus zahlreichen Perspektiven den Weg, den unsere Top-Talente für eine ideale Entwicklung nehmen sollen.

Das Trainerteam des DHB ist ziemlich jung: Wudtke ist 45, Männer-Bundestrainer Christian Prokop 39 und André Haber 37 Jahre alt. Können Sie uns diese neue Mentalität beziehungsweise Neustrukturierung des DHB erklären?

Es gibt keine neue Mentalität im Nachwuchsbereich, dort hatten wir schon immer junge Trainer. Als Markus Baur, Christian Schwarzer oder Jochen Beppler diese Posten übernahmen, waren sie auch sehr junge Trainer. Was auffällt, ist, dass unser Männer-A-Trainer Christian Prokop ein U40-Trainer ist. Das ist ungewöhnlich, aber nicht einmalig. Der Isländer Kristján Andrésson hat als 37-Jähriger Schweden gerade zur Silbermedaille bei der Europameisterschaft geführt. Er ist aber auch schon acht Jahre als Erstligatrainer erfolgreich gewesen. Generell gilt für unseren Trainerbereich dasselbe wie bei den Spielern: Es gibt nicht jung oder alt, sondern nur gut oder nicht gut. Wir legen bei der Besetzung unserer Posten nicht Wert aufs Alter, sondern auf das Profil. Eines ist aber offenkundig: Durch die Professionalisierung der Nachwuchsbereiche in der Männer-Bundesliga gibt es jetzt eine neue Generation von jungen Trainern, die schon viel Erfahrung in diesem Bereich mitbringen. Aus diesem Pool stammt Christian Prokop, der ja schon 14 Jahre Trainer war, bevor er Bundestrainer wurde. Auch unser neuer Juniorentrainer André Haber wurde im Nachwuchsbereich von Bundesligisten aufgebaut, oder Jochen Beppler, der in Wetzlar seine ersten Sporen verdiente.

Ist das ein Trend wie im Fußball mit Nagelsmann oder Tedesco?

Erfahrungen aus einer eigenen Karriere sind natürlich sehr wertvoll, aber sie sind kein Ersatz für die Kenntnisse und Fähigkeiten, die man sich in Bereichen wie Teamführung oder Inhaltsvermittlung akribisch angeeignet haben muss.

Kromer: Der Verjüngungsprozess ist stetig im Gange

Innerhalb weniger Monate wurden die Posten bei A-Nationalmannschaft, Junioren und Jugend ausgetauscht. Kann man sagen, dass die Übergangsphase langsam zu Ende geht?

Ich denke nicht, dass es viele Trainerwechsel gab, es wurden lediglich Positionen geändert. Viele dieser Verantwortlichen haben auf Honorarbasis als Co-Trainer angefangen und sich dann für höhere Aufgaben empfohlen. Das war bei mir genauso der Fall wie bei unserem neuen Chefbundestrainer Nachwuchs, Jochen Beppler, oder jetzt bei Erik Wudtke, der vom Co-Trainer Junioren zum Cheftrainer Junioren wurde und nun hauptamtlich als Jugend-Bundestrainer fungiert. André Haber war zunächst Co-Trainer in der Jugend und ist jetzt für die Junioren verantwortlich. Alle haben ihren Einstieg als Sprungbrett genutzt, deswegen kann man definitiv nicht von einer Übergangsphase mit vielen Wechseln sprechen.

Stimmen Sie zu, dass es ein Grund für zuletzt fehlende Titel im männlichen Nachwuchsbereich ist, dass junge Spieler frühzeitig bei den Männern zum Einsatz kamen, damit die Nationalmannschaft verjüngt werden konnte?

Ich sehe nicht, dass wir im Nachwuchsbereich nicht erfolgreich sind. In meiner Zeit als Co-Trainer der Junioren wurden wir 2014 Europameister und gewannen 2015 WM-Bronze – und das ohne die drei großen Stars des Teams, Paul Drux, Fabian Wiede und Jannik Kohlbacher. Der Grund – und da haben Sie recht – ist, dass diese drei bereits den Sprung in die A-Nationalmannschaft geschafft hatten. Wiede und Kohlbacher wurden ein halbes Jahr später Männer-Europameister, Drux, in Polen leider verletzt, stand sogar schon bei der WM 2015 in Katar im Kader. Und auch in der Folge waren wir im Nachwuchsbereich erfolgreich, haben 2016 EM-Silber bei den Junioren und EM-Bronze bei der Jugend gewonnen und ein Jahr später mit viel Pech eine Medaille bei der Junioren-WM verpasst.

Und wo steht die nächste Generation?

Wenn ich mir den aktuellen Kader der A-Nationalmannschaft anschaue, stehen dort mit Tim Suton und Marian Michalczik zwei dieser Junioren bereits im Kader. Unser Ziel ist es, aus jedem Doppel-Jahrgang der Junioren zwei Spieler in die A-Nationalmannschaft zu führen. Und wenn ich mir die aktuelle Juniorenmannschaft anschaue, sehe ich dort viele Spieler, die mittelfristig ihre Chance in der A-Nationalmannschaft bekommen werden. Der Verjüngungsprozess ist also stetig im Gange. Und wenn man sich unsere aktuelle A-Nationalmannschaft anschaut, ist dort niemand, der altersbedingt bis Olympia 2020 aufhören muss, sie können alle noch in Tokio spielen. Uns ist aber wichtig, dass die nachrückenden Spieler die Qualität haben, für Konkurrenz zu sorgen. Es werden junge Leute dazukommen, da bin ich mir sicher.

Kromer: Wir haben mit Henk Groener einen erfahrenen Mann verpflichten können

Die deutschen Handballerinnen haben zuletzt 2007 eine Medaille gewonnen, seit 2011 wurde der Bundestrainer vier Mal gewechselt. Gibt es nun mit dem Niederländer Henk Groener einen Neuanfang?

Nach der skandinavischen Variante mit Heine Jensen und Jakob Vestergaard, die beide vorzeitig gehen mussten, hatten wir mit Michael Biegler einen Projekttrainer. Wir haben hart um ihn gekämpft, aber es war von Beginn an klar, dass er diesen Posten nur bis zum Ende der Heim-EM 2017 übernehmen würde. Jetzt haben wir mit Henk Groener einen erfahrenen Mann mit langfristiger Ausrichtung verpflichten können. Daher hatte diese Trainer-Fluktuation nachvollziehbare Gründe, nun geht es um Langfristigkeit. Im weiblichen Nachwuchsbereich hängt dies auch mit der noch ausbaufähigen Hauptamtlichkeit zusammen. Wir haben weitere Mittel beim Bundesministerium für Inneres beantragt, um neue Stellen zu schaffen. Weil aber noch keine neue Regierung im Amt ist, hängen wir dort – wie viele andere Sportverbände – derzeit noch in der Luft.

In den letzten drei Jahren hat es kein deutscher Verein ins CL-Finale geschafft. Auch dieses Jahr scheinen die Bundesligisten schwächer als vermutet zu sein, andere Klubs scheinen auch wirtschaftlich stärker. Wie kann sich die Neustrukturi rung im Nachwuchsbereich auf deutsche Vereine langfristig auswirken?

Es ist für den ganzen deutschen Handball erschreckend, dass 2017 erstmals keine deutsche Mannschaft beim Finalturnier in Köln dabei war, nachdem zuvor teilweise sogar zwei Bundesligisten am Start waren. Man muss aber Folgendes betrachten: 2016/17 standen in 13 Monaten drei großen Turniere inklusive Olympia an, in denen die Spieler gefordert waren. Hinzu kommt die große Dichte in der Bundesliga, wo jedem Spieler an jedem Wochenende alles abverlangt wird. Wenn man sich die Konkurrenten anschaut, haben sie diesen Druck in ihren Ligen nicht, sie können sich vielmehr auf ihre Einsätze in der Champions League konzentrieren. Das beste Beispiel waren die Rhein-Neckar Löwen, die innerhalb von 20 Stunden in Leipzig und in Barcelona spielen mussten. Der Gegner, der in der spanischen Liga konkurrenzlos ist, konnte sich taktisch über eine Woche lang gezielt vorbereiten. Was die Chancen für junge deutsche Spieler betrifft: Jeder muss eine gewisse Erfahrung mitbringen, aber die Qualität, die im absoluten Spitzenbereich verlangt wird, ist da.

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Mats Hummels: Ein ganz normaler Junge

Die 17. Ausgabe ist ab sofort im Handel! Neben Mats Hummels sind auch sein Bruder Jonas sowie Marcell Jansen, Roman Weidenfeller, Max Verstappen, Kyrie Irving, N’Golo Kanté und viele weitere in unserem neuen Heft vertreten.

Die Themen dieser Ausgabe

Mats Hummels | Ein ganz normaler Junge

 

Mats Hummels ist einer der besten Abwehrspieler der Welt. Der Profi des FC Bayern München ist stolz auf das Erreichte und besteht dennoch auf den Normalo-Status. Ein Interview über den Menschen hinter dem Fußballstar.

Roman Weidenfeller | Der Profi

 

Roman Weidenfeller ist bei Borussia Dortmund eine Führungsfigur, sportlich aber nicht die Nummer 1. Wie wirkt sich das auf das Alphatier aus? Ein Gespräch über das Innenleben eines Profis.

N'Golo Kanté | Prototyp eines Vorbilds

 

Vor sieben Jahren spielte N’Golo Kanté noch unterklassig. Heute ist er zweifacher englischer Meister, Spieler des Jahres und will mit Frankreich Weltmeister werden. Ein Gespräch über eine verrückte Laufbahn mit jeder Menge Leidenschaft.

Jonas Hummels spricht in seiner Kolumne über das Verhältnis zu seinem Bruder Mats und warum Neid dort nur selten eine Rolle spielt.

Marcell Jansen beendete mit nur 29 Jahren seine Karriere als aktiver Profifußballer. Doch was macht er jetzt? Der erfolgreiche Geschäftsmann berichtet über seien Weg und warum dieser ihn stolz macht.

SOCRATES stattet Sie zum Saisonstart mit allen Infos zu Regeländerungen, neuen Fahrern uns Strecken aus. Und was ist eigentlich genau der „Halo“?

Fritz von Thurn und Taxis wurde gehasst – sagt er selbst. Warum das so war, erzählt er uns in unserer aktuellen Ausgabe #17.

Die tragische Geschichte um Hank Gathers, der am Spielfeldrand zusammenbricht und stirbt, während sein Team auf dem Weg zum Titel war. Eine Tragödie mit vielen Helden

Kyrie Irving | Der eigenwillige Onkel Drew

 

Dass er kein gewöhnlicher NBA-Star ist, zeigte Kyrie Irving nicht nur mit seiner Flucht vor LeBron James. Der Literatur-Liebhaber verblüfft auch mit Leistung. Bei SOCRATES spricht er darüber.

Max Verstappen | Der jüngste Weltmeister aller Zeiten?

 

Seine Konkurrenten wünschen sich ihn als WM-Herausforderer, die Experten vergleichen ihn mit Senna und Co. Doch hat Max Verstappen das Zeug zum nächsten Weltmeister?

Axel Kromer | Die neue Generation ist jetzt

 

Der deutsche Handball steht im Umbruch – Für DHB-Sportvorstand Axel Kromer bedeutet das viel Arbeit, aber ihm ist nicht Bange. Mit SOCRATES spricht er über die neuen Strukturen.

 

  

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