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Aíto García Reneses: Ewig jung

Aíto García Reneses, Trainer von ALBA Berlin, revolutioniert den deutschen Basketball. Der 71-Jährige badet im Jungbrunnen und kämpft gegen den Stillstand. Ein Interview über ewige Jugend.

Der Artikel erschien in der 25. Ausgabe

Der Artikel erschien in der 25. Ausgabe

Señor García Reneses, Ihr ehemaliger Spieler Kristaps Porzingis war im Sommer in Berlin. Haben Sie sich gesehen?

Leider nicht. Ich war in Spanien.

Erinnern Sie sich an Ihre gemeinsame Zeit in Sevilla?

Ja, natürlich. Ich erinnere mich, sehr von ihm beeindruckt gewesen zu sein. Er war zwar außerordentlich lang und dazu noch sehr dünn, doch schon damals besaß er eine herausragende Beweglichkeit für seine Länge. Dazu noch der Wurf von außen. Er war schon damals etwas Besonderes. Ich habe immer noch ein Bild von ihm und mir auf meinem Telefon. (sucht auf seinem Smartphone ein Foto raus und zeigt es stolz – im Hintergrund der Teenager Porzingis mit aufmerksamem Blick)

Er sagt, Sie seien sein größter Förderer.

Ich habe ihm die Chancen gegeben, die er sich selbst erarbeitet hat. Er war ja nicht von Anfang an ein Star. In Sevilla spielte er im ersten Jahr kaum. Ich erinnere mich aber an ein Spiel gegen Real Madrid. Wir waren auf dem Papier chancenlos, so erhielt Kristaps viel Spielzeit auf der Drei. Er war nicht stark genug, um innen zu spielen, wissen Sie. Er erzielte 20 Punkte. Im zweiten Jahr wurde er noch besser. Er lernte viel, wollte viel lernen und für mich war es eine große Genugtuung zu sehen, dass er alles aufsaugte, was ich ihm beibringen wollte.

Sind sie noch in Kontakt?

Während meiner Auszeit vor Alba Berlin 2016 begleitete ich die San Antonio Spurs eine Weile. Da sahen wir uns. Ich sah hoch zu ihm und sagte nur: „Du bist ja noch größer geworden.“ Jetzt sprechen wir ab und an. Er spricht fließend Spanisch. Wer mit ihm am Telefon ist und nicht weiß, wer er ist, hält ihn für einen Spanier. (lacht)

Aíto García Reneses: Coach of the Year

Verbringen Sie Ihren Sommer immer in Spanien?

Den Großteil meiner Sommer verbringe ich, Sie werden es nicht glauben, mit Basketball. Früher waren es Spiele und Turniere auf internationaler Bühne. Viele Sommer verbrachte ich auch in den USA, um mich mit anderen Trainern auszutauschen und einfach im Geschehen zu bleiben. In den letzten Jahren nutze ich meine Sommer allerdings mehr als Ruhephase.

Mögen Sie es, in zwei Welten zu leben? Berlin für den Basketball und rasanten Alltag, Spanien für die Ruhe?

Ich trenne das nicht. Berlin ist natürlich etwas anders. Ich spreche hier selten Spanisch und das Wetter im Winter setzt mir etwas zu. Aber ich fühle mich so wohl, dass ich keinen Ausgleich brauche.

In einer anderen Publikation sagten Sie mal, sie möchten nur im Moment leben und diesen auskosten.

Das stimmt. Viele Menschen reden über die Vergangenheit. Auch mit mir, wenn es um die Erfolge geht. Da merke ich, dass ich mich mehr mit den Geschehnissen beschäftigen möchte, die ich hier und jetzt beeinflussen kann.

Seit wann denken Sie so?

Ich glaube, ich habe immer so gelebt. Da war keine Glühbirne in meinem Kopf, die irgendwann Klick gemacht hat. Als Spieler dachte ich schon so. Ich wollte mich mit der Evolution des Sports auseinandersetzen. Und dazu gehört, im Hier und Jetzt zu sein.

Sie waren ein Aufbauspieler…

Ach, so sehr aufgebaut habe ich gar nicht. (lacht)

Sie haben mal gesagt, Sie wären langsam und ein schlechter Schütze gewesen. Allerdings hätten Sie gute Entscheidungen getroffen. Gab Ihnen Ihre Rolle als Spielgestalter eine besondere Sicht auf das Spiel?

Wissen Sie, schon damals bei Estudiantes Madrid, wo ich in den 1960er Jahren spielte, waren wir nicht festgefahren in den klassischen Positionen. Zwei bis drei Spieler, die das Spiel leiten konnten, standen immer auf dem Feld. Daher kommt mein Blick für die Fundamentalität des Spiels. Insofern hat mir unsere Philosophie eine besondere Sicht vermittelt, wenn Sie so wollen.

Gab es Momente in Ihrer Karriere, in denen Sie genug von Basketball hatten?

Nein. Mein ganzes Leben dreht sich um Basketball. Das hat es schon immer. Immer wenn ich mal ein Jahr ausgesetzt habe, so wie vor Berlin, hat es wieder angefangen zu kribbeln. Ich dachte damals, ich mache einfach etwas anderes. Und dann hat es mich wieder gepackt.

Ihnen kam nie der Gedanke an die Rente?

Ich war bereits zwei- oder dreimal in Rente und kam zurück. Wie ernst kann ich das also nehmen? (lacht)

Quarterback-Legende Brett Favre sagte, er habe nach seinem Karriereende festgestellt, wie sehr das Spiel sein Leben vereinnahmt hatte und er vereinsamt war. Er saß zu Hause und wusste nicht, was er mit sich anfangen sollte.

Ja, das verstehe ich. Allerdings ist es für einen Spieler eine andere Erfahrung. Lassen Sie mich ein Beispiel geben. Ende September ist der spanische Radprofi Alejandro Valverde in Innsbruck Weltmeister geworden. Er ist 38 Jahre alt. Mit 50 wird er das wohl nicht mehr schaffen. Wahrscheinlich, wir wissen es nicht. (lacht) Die Fähigkeiten schwinden also irgendwann. Als Trainer bin ich auf meinen Körper nicht so sehr angewiesen. Ob ich nun langsamer über das Feld stakse, interessiert die Spieler beim Training nicht. Mein Kopf muss fit bleiben. Und auch wenn ich im Alter ein wenig Agilität im Kopf einbüße, meine Erfahrung lässt mich das ausgleichen. So gesehen bin ich noch immer fähig. Warum soll ich also nicht weitermachen?

Die Mentalität eines jungen Menschen. Sie wohnen in einem anderen Land. Erleben und genießen die Vorzüge des Stadtlebens und lassen sich von allem überraschen, was sich Ihnen präsentiert.

Ich habe eine weitere Metapher für Sie. Manche Spieler, egal welchen Alters, wollen an ihrem Spiel und ihrem Wissen über das Spiel arbeiten. Sie sind wissbegierig und mit dem Status Quo nicht zufrieden. Andere sind es. Ich hatte viele Spieler über meine Karriere hinweg, die immer lernen wollten. Ist das nicht schön? So lebe ich auch. Ich genieße alles, was ich tue und lerne dabei auch noch. Ob nun über Menschen oder Begebenheiten.

Wie erhalten Sie sich diese Einstellung? Gerade als erfolgreicher Trainer ist die Gefahr groß, sich zu sehr in den Erfolg zu verlieben.

Erfolge kommen ja nicht einfach herbeigeflogen. Sie sind ein Resultat der Arbeit. Und ich glaube, wer Spaß an seiner Arbeit hat, der wird erfolgreich sein. Diesen Spaß zu erleben, tagtäglich, in einer Gruppe von Menschen und zusammen, ist das höchste Gut. Stillstand im Kopf lässt irgendwann keine Zufriedenheit mehr zu. Also bleibe ich nicht stehen.

Ist Ihnen das menschliche Miteinander wichtiger als Erfolge?

Was sind denn Erfolge? Titel? Titel sind Resultate. Mit 100 Prozent zu spielen, zu agieren, ist das nicht auch ein Erfolg? Mit meinem ersten Team begann ich weit unten in der Nahrungskette des spanischen Basketballs. Nach zehn Jahren gehörten wir zu den besten drei Teams. Das ist Erfolg. Viele Menschen denken nur in Titeln. Für alle, die aber nah an diesem Team dran waren, definierte sich Erfolg über das Geleistete.

Sie sind ein Pionier darin, Spieler zu entschlüsseln und jungen Spielern eine Chance zu geben.

Ja, das stimmt. Aber nicht jeder Spieler ist gleich. Und nur weil einer jung ist, hat er nicht automatisch einen Freifahrtschein. Ich vertraue jungen Spielern und will ihnen helfen. Bei mir spielen die Jungen, wenn sie dem Team helfen können. Sie müssen es sich aber verdienen. Und sie müssen das auch verstehen.

Gab es von den Klubs nie Druck, die Veteranen einzusetzen?

Ich wurde dazu nie angehalten.

Gab es junge Spieler, die Sie nie erreichen konnten?

Ja, die gab es. Ich bin kein Spielerflüsterer. (lacht)

Menschen werden im Alter oftmals pessimistischer. Woher kommt Ihr Vertrauen in die jüngeren Generationen?

Im normalen Leben, da gebe ich Ihnen recht, werden Menschen pessimistischer, je älter sie werden. Nun folgt wieder ein Beispiel: Ein älterer Spieler, der in einem jungen Team spielt, altert nicht wie gewöhnlich. Seine Umgebung und der Kontakt halten ihn jung. Wenn er seine Karriere beendet, endet auch der Effekt. Und so geht es mir auch.

Junge Spieler sind Ihr Jungbrunnen?

Ja, absolut.

Haben Sie Menschen in Ihrem Leben erlebt, bei denen es nicht so war?

Ich habe eine weitere Geschichte für Sie. Als ich zur Schule ging, besaß ich einen Taschenrechner. Mein Mathelehrer kam eines Tages zu mir und sagte: „Du musst der reichste Schüler der Klasse sein, wenn du einen Taschenrechner hast.“ Das war in den Anfängen des Taschenrechners. Er war ein sehr guter Lehrer, allerdings verstand er nicht, dass ich mit der Zeit ging. Ich konnte trotzdem im Kopf rechnen, nutzte aber moderne Möglichkeiten. Heutzutage rechnet keiner mehr im Kopf.

Für Sie sind also die Grundlagen des Spiels noch immer wichtig, allerdings bauen Sie moderne Methoden oben drauf?

Kein Haus kann ohne ein Fundament stehen. Danach kann alles andere gebaut werden. Wer also mit rechts dribbeln kann, aber nicht mit links, wird es schwer haben.

Haben Sie den Basketball so erlernt?

Die älteren Spieler haben mir neben dem Trainer viel mitgegeben. Die Veteranen haben mir gezeigt, was ich verbessern, woran ich arbeiten muss. Damals hatten Profis eine andere Einstellung. Veteranen kümmerten sich genauso um die jungen Spieler wie der Trainerstab. Heutzutage trennen das zu viele Spieler. Sie denken, das sei allein die Aufgabe der Coaches und kümmern sich nur um sich.

Hat sich der Basketball zum Schlechten verändert?

Ich pauschalisiere nicht. Generell waren Dinge damals aber anders. Als Pat Riley die Los Angeles Lakers trainierte, nahm er an einer Coach Clinic in Teneriffa teil. Bei einem Abendessen saßen wir am selben Tisch und redeten über die Unterschiede zwischen der NBA und Europa. Aber auch über Fundamentales und wie ein Team funktioniert und wie wir als Trainer mit Spielern umgehen, die nicht ihr Bestes geben. Riley erzählte mir eine Geschichte über Vlade Divac, der damals ein Laker war. In einem Spiel war er unkonzentriert und Riley kurz davor, ihn auf die Bank zu setzen. Plötzlich ging Magic Johnson zu Divac hinüber, packte den Serben mit beiden Händen am Trikot und sagte zu ihm: „Du spielst nicht nur für deine Reputation und dein Geld, sondern auch für unsere Reputation und unser Geld.“ Das vermittle ich auch meinen Spielern: Es ist nicht immer wichtig, dass alles von mir kommt. Ihr müsst aufeinander achtgeben.

Wie sehen Sie den Unterschied zwischen der NBA und Europa heutzutage?

Nicht mehr so drastisch wie damals beim Abendessen mit Pat Riley. Die Spitze der NBA ist weiterhin eine Klasse für sich. Die europäische Basis hat allerdings stark aufgeholt.

Mögen Sie es, dass so viele europäische Spitzenspieler in die NBA wechseln? Ihre Schützlinge Pau Gasol, Ricky Rubio oder Kristaps Porzingis sind alle in die USA gegangen.

Zu viele Spieler gehen rüber. Der Trend ist von einem Extrem ins andere gewechselt. Als Arvydas Sabonis mit 19 Jahren an einem internationalen Turnier teilnahm, war ich vor Ort. Er war so gut, er hätte sofort in der NBA spielen können. Die Scouts aus den USA waren allerdings skeptisch. Niemand traute es ihm zu, da er nicht auf einem College gespielt hatte. Fatal, wie wir wissen. Heutzutage folgen zu viele Spieler dem Lockruf. Du benötigst als Spieler eine Basis. Du musst mental bereit sein. Manche sind das nicht. Die Einflüsse von außen sind zu groß.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Einfluss auf Spieler schwindet?

Ich denke nicht. Die Spieler hören noch immer zu. Als ich ein Spieler war, waren meine Trainer fast so wichtig wie meine Eltern. Sie haben mir nicht nur auf, sondern auch abseits des Parketts geholfen. Sie waren immer da.

Macht diese Herangehensweise die spanische Philosophie so erfolgreich? Der ganzheitliche Ansatz?

Das ist noch immer einer der Grundpfeiler, ja.

Fehlt das in Deutschland?

Vielerorts ja. Wir versuchen das hier in Berlin. Unsere jungen Spieler haben einen guten Draht zu uns, ihren Jugendtrainern und den älteren Spielern.

Der Basketball hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Lachen Sie manchmal darüber angesichts der Tatsache, dass Sie diese Trends schon seit Jahrzehnten verinnerlichen?

Nein, ich lache nicht. Ich freue mich, dass der Sport spektakulärer wird. Das wollen wir ja alle. Es muss aber auch hinterfragt werden, warum sich Dinge ändern, wie sie sich ändern. Nehmen wir den Dreier als Beispiel: Heute ist der Dreier der neue Trend. Spieler denken: „Oh, wir liegen mit zwölf Punkten hinten, also werfe ich einfach vier Dreier.“ Ich sehe den Dreier als ein Element, das es meinem Team leichter macht, den Ball nach innen zu bringen und am Ring abzuschließen. Oder zum Korb zu ziehen, weil mehr Platz ist. Manche fundamentalen Dinge dürfen einfach nicht in Vergessenheit geraten.

Also alles wieder eine Sache der Fundamente und alter Tugenden?

Natürlich. Es ist toll, dass der Sport schneller wird. Wird er aber noch unser Basketball sein, wenn alle nur noch Dreier schießen? Das macht keinen Spaß.

Macht es Ihnen heute mehr Spaß zu coachen als früher?

Mir hat es immer Spaß gemacht, da gewichte ich nicht. Spaß ist Spaß. Über mein erstes Team, Badalona, wurde damals gesagt, dass wir eine Karate-Presse spielen würden. Sie kennen Karate? Handkante und Tritte. Aber wir waren einfach nur unserer Zeit voraus. Schauen Sie sich unsere Spiele heute auf Video an, wirkt es wie Zeitlupe. Die Athletik und Geschwindigkeit hat zugenommen. Das entwertet allerdings nicht, was wir damals gemacht haben.

Wurden Ihre Trends oft kopiert?

Ja, allerdings ist es heutzutage leichter, zu kopieren. Damals konnten wir keine Videos über den Gegner schauen. Heute kann alles gesehen werden. Ich kann mich erinnern, dass ich als junger Trainer ein Magazin in Händen hielt mit einem Artikel über Dean Smith, den berühmten Coach der North Carolina Tar Heels. In diesem Artikel ging es um sein „Run-and-Jump“-System. Für mich war das ein Novum, was mir Vorteile verschaffte, weil kein anderer Trainer dieses Magazin gelesen zu haben schien.

Dean Smith hat am College junge Spieler entwickelt, nicht zuletzt einen Michael Jordan. Fehlt das heute, weil Spieler meist nach nur einem Jahr in die NBA wechseln?

Ja, das tut es. Für mich war John Wooden der Beste. Er lehrte Basketball und das Leben. Das gibt es heute nicht mehr.

Hatten Sie jemals das Verlangen, in der NBA zu trainieren?

Nein, das hatte ich nie. Dieser Karriereweg war auch nie etwas für mich. Damals, als ich Trainer wurde, hätte ich einige Jahre als Assistent arbeiten müssen, dann auf dem College. Bis ich das erreicht hätte, wäre ich wohl 120 gewesen. (lacht)

Denken sie wirklich nicht über die Zukunft nach? Ans Aufhören?

Nein, tue ich nicht. Interessiert mich auch nicht. Ich lebe jeden Tag.

Eine junge Herangehensweise eben.

Und ist sie nicht toll! Wer jung ist, sorgt sich nicht. Wer älter wird, sorgt sich mehr, vor allem um sich selbst. Warum sollte ich mir das antun?

Interview: Robert Jerzy

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Peter Schmeichel: „Pep, Mou, Klopp? Bedauernswert!“

Peter Schmeichel freut sich über die Entwicklung seines Sohnes Kasper. Er hat aber ein Problem mit der Entwicklung der Premier League und hat auch schon Schuldige ausgemacht. Das Socrates-Interview aus der 26. Ausgabe for free.

Der Artikel erschien in der 26. Ausgabe

Der Artikel erschien in der 26. Ausgabe

Peter Schmeichel, sind Sie nervös, wenn Sie Ihrem Sohn Kasper bei einem Spiel zusehen?

Ich liebe es, ihm zuzusehen. Es ist immer eine wahre Freude. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich war schon nervös bei der Weltmeisterschaft in Russland, was aber mehr daran lag, dass Dänemark gegen Peru große Schwierigkeiten hatte, als an Kasper.

Sind Sie besonders kritisch?

Ich versuche immer, die Emotionen nicht so nahe an mich heranzulassen und objektiv zu bleiben. Eigentlich beobachte ich Kasper so, wie ich die anderen Spieler beobachte. Da mache ich keinen Unterschied. Wenn ich mir ein Spiel der dänischen Nationalmannschaft anschaue, bin ich ein großer Fan und blicke nicht mit anderen Augen auf meinen Sohn. Solange er eine gute Leistung bringt, bin ich auch nicht besonders nervös.

Und wenn er patzt?

Dann leide ich wie ein Tier. Es ist schwer, damit umzugehen. Als er sein Debüt in der Premier League bei West Ham United gab, war ich gerade in Moskau bei einem Dreh. Er rief mich an und sagte: „Es ist so weit: Ich spiele.“ Glauben Sie mir, der Adrenalinkick war so heftig wie selten zuvor. Ich geriet ein paar Minuten in Panik, weil ich ja unbedingt vor Ort sein wollte, aber ich war ganz weit weg. Als Vater will man bei einem der wichtigsten Tage in der Karriere des Sohnes anwesend sein.

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Wie haben Sie das Spiel dann erlebt?

Ich saß vor dem Fernseher und habe ihn genau unter die Lupe genommen: Es gab einige tolle Paraden, in der Luft war er einwandfrei und nach zehn Spielminuten war ich beruhigt. Spätestens zu diesem Augenblick wusste ich, dass er über großes Potenzial verfügt und die Anforderungen und Erwartungen auf höchstem Niveau erfüllen kann. Dann konnte ich den Rest der Partie genießen. An diesem Tag habe ich gelernt, den nötigen Abstand zu wahren.

Wie ähnlich oder unterschiedlich sind Sie beide.

Zunächst sollte man niemals vergessen, dass wir in zwei komplett anderen Epochen gespielt haben. Das Spiel des Torwarts ist heutzutage ein ganz anderes als zu meiner Zeit. Ich hätte damals nie gewagt, einen Ball zwischen unseren Innenverteidigern hindurch auf einen Mittelfeldspieler zu schlagen. Ich gehe mit Vergleichen immer sehr vorsichtig um. Viele Beobachter haben noch nicht verstanden, dass er seine eigene Geschichte schreibt, dass er seine eigenen Stärken hat.

Sobald er eine tolle Leistung liefert, wird er mit Ihnen verglichen.

Das kommt sehr häufig vor. Wenn über Kasper geschrieben wird, sollte mein Name eigentlich gar nicht mehr auftauchen. Als ich Profi war, hatte ich absolut niemanden, mit dem ich jederzeit reden konnte, der mir immer wieder wertvolle Tipps mit auf den Weg gab, der für mich da war. Ich habe mich zu einem Trainingstier entwickelt, war detailbesessen und hatte nur einen Gedanken im Kopf: Bloß keinen Treffer kassieren! Vielleicht habe ich ihn in gewisser Weise geprägt, das will ich gar nicht leugnen. Vielleicht hat er auch dieselbe Einstellung zur Arbeit, die gleiche Mentalität wie ich. Mit dem Umstand, dass er mein Sohn ist, ist er richtig gut umgegangen. Das hätte nicht jeder geschafft.

Peter Schmeichel über Kasper: „Seit er vier Jahre alt ist, kickt er“

Wie beurteilen Sie seine Entwicklung in den vergangenen Jahren?

Meine Philosophie lautet: Jeder Spieler sollte jeden Morgen zum Training erscheinen mit der Idee, etwas Neues zu lernen. Mit dem Alter verändert sich die Spielweise. Das ist bei einem Stürmer nicht anders als bei einem Verteidiger oder einem Torwart. Vielleicht verliert man auf der einen Seite an Explosivität, aber man kompensiert das mit mehr Erfahrung und einer besseren Antizipationsfähigkeit. Unser Hirn speichert so viele Daten, dass man in der Lage ist, viele verschiedene Situationen im Voraus zu erkennen und dann die zwei, drei Schritte mehr macht, um noch besser bei einer Flanke oder einem Schuss postiert zu sein. Das ist bei Kasper genauso. Mit der Erfahrung ist er zweifelsohne noch besser und gefestigter geworden.

Wollte Kasper immer schon Torhüter werden?

Ehrlich gesagt, weiß ich es gar nicht. Ich nahm ihn damals immer zu den Trainingseinheiten von Manchester United mit und er saß jedes Mal hinter meinem Kasten und schaute interessiert zu. In Manchester hieß mein Nachbar Steve Bruce, der auch einen Sohn hatte, der zwei Jahre älter als Kasper war. Auch er ist Profi geworden. Kaum waren sie von der Schule zurück, gingen sie sofort auf die Straße, um stundenlang zu kicken. Seit er vier Jahre alt ist, liebt es Kasper, gegen den Ball zu treten.

Hatte er also nur Fußball im Kopf?

Nein, um Gottes willen. (lacht) Es gab auch andere Aktivitäten, die dafür gesorgt haben, dass er heute ausgeglichen ist. Es gab auch viel Musik im Hause Schmeichel.

War Fußball im Hause Schmeichel ein Tabu-Thema? 

Ganz und gar nicht, aber Fußball war nie das Top-Thema. Dadurch dass er immer beim Training dabei war, bekam er ein Gefühl dafür, was man leisten muss, wie diszipliniert man jeden Tag sein muss, wenn man seinen Traum verwirklichen will. Er hat Spieler wie David Beckham, Paul Scholes, Ryan Giggs oder Éric Cantona erlebt, wie sie Extra-Schichten eingelegt und mit aller Macht an ihren Stärken und Schwächen gearbeitet haben. Er hat aber auch festgestellt, wie hart das Urteil der Leute sein kann. Er musste immer wieder böse Kommentare über sich ergehen lassen, insbesondere von den Eltern der Gegner.

Zum Beispiel?

„Du wirst im Leben nie so gut wie dein Vater werden.“ Solche Sprüche. Ich habe dann die Konsequenzen gezogen und die Spiele seiner Jugendmannschaft nicht mehr angeschaut, weil es einfach unerträglich wurde. Sobald ich anwesend war, wurde der Druck auf seinen Schultern noch größer und das konnte ich ihm nicht länger antun.

Gehört er für Sie zur Weltklasse wie ein Manuel Neuer, Thibaut Courtois, David de Gea oder Jan Oblak?

Ich glaube, dass er noch ein bisschen braucht, weil all diese Keeper seit Jahren konstant auf Top-Niveau spielen und kaum Fehler machen. Sie spielen Jahr für Jahr alle drei Tage und sie kennen auch die Champions League in- und auswendig. Ich wäre noch stolzer, wenn Kasper regelmäßig in der Königsklasse dabei wäre.

Dafür müsste er Leicester City wohl verlassen und zu einem richtig Großen wechseln. Was halten Sie davon, wenn ein Torhüter für 80 Millionen Euro transferiert wird wie Kepa Arrizabalaga von Bilbao zu Chelsea in diesem Sommer?

Was seit geraumer Zeit auf dem Transfermarkt abgeht, ist total verrückt geworden. Ich finde, dass sich die FIFA und die UEFA an einen Tisch setzen sollten, um diesem Wahnsinn ein Ende zu setzen. Konkret könnte man über neue Regeln nachdenken, damit der Fußball wieder authentischer wird.

Es geht in die falsche Richtung?

Ich stehe der Entwicklung in jedem Fall kritisch gegenüber. Nur ein exklusiver Kreis von Vereinen kann sich die besten Spieler leisten. Aber beim Fußball sollte das Entscheidende doch nach wie vor auf dem Rasen passieren und nicht auf dem Transfermarkt. Ich halte es für positiv, dass so viel Geld im Fußball vorhanden ist, doch muss man höllisch aufpassen, dass die Grenzen nicht überschritten werden und diese unglaublich tolle Spielart irgendwie kaputt geht. Allein wenn ich sehe, was die Berater bei manchen Transfers einkassieren, wird mir schwindlig. Diese Leute haben zu viel Einfluss im Fußball. So viel Geld könnte man doch besser in den Nachwuchs investieren.

Sie haben 2003 aufgehört, verfolgen aber weiterhin die Premier League. Inwieweit hat sich die englische Liga verändert?

Es ist vieles anders. Der größte Unterschied liegt bei den Trainern. Die meisten Teams, insbesondere die Topmannschaften, haben einen ausländischen Coach. Mit der Zeit hat sich die Spielweise geändert. Es wird mit weniger Robustheit gespielt, die Zweikämpfe sind nicht mehr so leidenschaftlich wie vielleicht noch vor zehn oder 20 Jahren. Ich bin ein großer Fan von Kampf und Leidenschaft und will nicht nur Taktik und Ballbesitz-Fußball ohne Ende. Egal,  ob Pep Guardiola bei Manchester City, José Mourinho bei Manchester United oder Jürgen Klopp bei Liverpool, sie sind nicht von der lokalen Fußball-Kultur inspiriert und das finde ich ehrlich gesagt bedauernswert.

Wie sehr leiden Sie mit Manchester United, Ihrem Ex-Verein?

Seit Sir Alex Ferguson sein Amt 2013 niedergelegt hat, ist United im Titelrennen leer ausgegangen und das ist wohl kein Zufall. Der Klub hat auf dem Transfermarkt in den letzten Jahren kein glückliches Händchen bewiesen. Wenn man ein Team nicht in jeder Transferperiode verstärkt, fällt man zurück. Aber unter Mourinho ist man endlich wieder soweit, dass die Gegner mit einer gewissen Ehrfurcht ins Old Trafford kommen, wie zu meiner Zeit, als dort eigentlich nichts zu holen war.

Interview: Alexis Menuge

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