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Quigley und Vandersloot: „Das Männer-Publikum ist nicht so tolerant“

Allie Quigley (32) und Courtney Vandersloot (30) sind ein Paar. Bei Chicago Sky in der WNBA spielen sie gemeinsam im Backcourt, im echten Leben sind sie frisch verheiratet. Ein Gespräch übers Glücklichsein, das Pro und Contra von Outings, Ungerechtigkeit und „sensible“ Zeiten.

Sie beide spielen seit Jahren eine wichtige Rolle in der WNBA und im europäischen Basketball. Wie haben Sie Ihre Liebe zu diesem Spiel entdeckt?

Allie Quigley: Ich habe drei Geschwister und alle treiben Sport. Die ganze Familie ist sportlich. Wir haben alles ausprobiert, aber Basketball lieben wir über alles. Ich habe immer draußen gespielt und dann in der Schule weitergemacht. Und dann merkte ich, dass ich ziemlich gut war. Dann bin ich ans College gegangen und später für die WNBA gedraftet worden.

Courtney Vandersloot: Bei mir war es sehr ähnlich. Auch ich habe sehr früh angefangen und schnell rausgefunden, dass Basketball mein Lieblingssport ist. Ich habe immer draußen mit den Jungs gespielt. Das hat mir Riesenspaß gemacht, weil ich sehr ehrgeizig bin. Es hat einfach perfekt gepasst. Erst viel später habe ich gemerkt, dass ich auf einem anderen Level spiele als andere. So kam ich ans College, in die WNBA und nach Europa.

Das letzte Jahr war für Sie beide sehr wichtig. Courtney trug sich in die WNBA-Geschichte ein mit den meisten Assists in einer Saison. Allie gewann den Dreier-Contest beim All-Star Weekend mit einer historischen Leistung. Allerdings lief es gar nicht gut für Chicago Sky.  Was war los?

CV: Für uns beide war das vergangene Jahr besonders und gleichzeitig merkwürdig, weil wir individuell sehr erfolgreich waren, aber mit dem Team große Probleme hatten. Das war eine Art Achterbahnfahrt. Es war frustrierend für uns, dass unsere persönliche Entwicklung nicht zu mehr Siegen beitrug. Es hatte aber auch einen positiven Effekt: Durch die ganzen Probleme haben wir umso härter an uns gearbeitet und uns tatsächlich verbessert.

Allie, Sie haben zum zweiten Mal in Folge den Dreier-Contest gewonnen und dabei sogar Devin Bookers Bestmarke von 2018 übertroffen. Das war unglaublich! Wie ging es Ihnen an diesem Abend?

AQ: Es macht auf jeden Fall Spaß, auch wenn das Lampenfieber groß ist. Man wirft vor einer wirklich großen Kulisse und hat ja nur diesen einen Versuch, die ganzen Würfe zu treffen. Eigentlich war es nur schön, weil ich gewonnen habe. (lacht) Nein, es war schon eine runde Sache. Courtney und meine ganze Familie haben zugesehen – und es macht natürlich schon Spaß, so gut zu werfen.

Sie sind ein großer Fan von Stephen Curry, aber jetzt macht ein Foto von Ihnen und ihm die Runde in den sozialen Medien und da steht: „Allie mit einem Fan“. Wie finden Sie das?

AQ: Es ist cool. Es beweist, wie treu die Fans ihren Idolen sind. (lacht) Das ist schon besonders, denn in meinen Augen ist Stephen der beste Shooter aller Zeiten, der GOAT. Es ist schon cool, überhaupt ein Foto mit ihm zu haben. Er ist ein Vorbild, jeder will so werfen können wie er.

Courtney, Sie haben ebenfalls eine neue Bestmarke aufgestellt und mit Ihrem 258. Assist die legendäre Ticha Penicheiro überflügelt.

CV: Das ist schon ein Ding, in einem Atemzug mit Ticha genannt zu werden, sie hatte schließlich alle Rekorde für Assists irgendwann innegehabt. Als wir für ein Jahr zusammenspielten, hat sie sich wirklich um mich gekümmert. Sie wollte, dass ich erfolgreich bin. Nicht zuletzt deshalb ist sie jetzt meine Beraterin.

Nach der Saison gehen viele WNBA-Spielerinnen nach Europa oder anderswohin. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht, die Heimat zu verlassen und auf einem anderen Kontinent Fuß zu fassen?

AQ: Es ist schon nicht einfach. Du kommst in eine fremde Kultur und kannst nicht einfach ins Auto oder ins Flugzeug steigen und deine Familie sehen. Das ist manchmal hart und man kommt sich einsam vor. Es kommt vor, dass du alle fünf Monate einen neuen Coach und neue Teamkollegen hast. Alles neu. Nach ein paar Jahren gewöhnst du dich aber daran und entdeckst die positiven Seiten: die vielen Erfahrungen, die kulturellen Unterschiede, das andere Essen, die Sprachen…

Ein Grund für diese Offseason-Engagements ist schlicht das Geld. Die Frauen verdienen im Profibasketball viel weniger als die Männer. In anderen Sportarten wie Tennis oder Fußball wird darüber schon lange debattiert. Wie ist Ihr Standpunkt und wie ist die Perspektive in der WNBA?

AQ: Es ist ein kompliziertes Thema. Auf der einen Seite halte ich uns für privilegiert, weil wir aus unserer Leidenschaft Basketball einen Beruf machen können. Auch gibt es Schlimmeres als unsere Gehälter, denn so schlecht sind die auch wieder nicht. Was wir wirklich brauchen, ist mehr Unterstützung durch die Medien, mehr Aufmerksamkeit. Wenn wir präsenter wären, hätten wir mehr Zuschauer und das Geld käme von allein. Meiner Meinung nach kriegen wir im Vergleich mit den Männern keine faire Chance.

CV: Ungerechtigkeit gibt es ja nicht nur im Sport, sondern überall. Frauen bekommen für die gleiche Arbeit weniger Geld, was frustrierend ist. Aber wir sind nicht hier, um uns mit anderen zu vergleichen. Jeder würde doch gerne mehr verdienen, oder? Wie Allie sagte, wird das Geld kommen, wenn die Liga wächst. Damit das passiert, müssen wir guten Basketball spielen, gute Unterhaltung bieten. Das tun wir schon, aber es geht noch besser. Ich bin inzwischen seit acht Jahren in der Liga und alles ist besser geworden. Ich glaube, dass die WNBA in guten Händen ist und die Kluft in Zukunft schrumpfen wird.

Ein großes Ereignis haben wir noch gar nicht angesprochen: Sie beide haben am 27. Dezember 2018 geheiratet. Sie sind also nicht mehr nur auf dem Court unzertrennlich. Frisch Verheiratete werden oft gefragt: Und, fühlt es sich jetzt anders an?

CV: Die Chemie zwischen uns stimmt einfach auf dem Platz und außerhalb davon. Unsere Karrieren nahmen gerade Fahrt auf, als unsere Beziehung begann. Wir können uns gegenseitig vielleicht mehr pushen als andere Leute, weil da Vertrauen da ist. Manchmal ist es auch schwierig. Wir treiben uns gegenseitig an, wir verbringen viel, sehr, sehr viel Zeit miteinander, was großartig und gleichzeitig schlecht sein kann. Aber mich macht es glücklich, mit meiner besten Freundin Tag zu Tag zur Arbeit zu gehen.

AQ: Es ist toll, dass wir gemeinsam die Welt entdecken und so viele Erfahrungen zusammen machen. Und zu Hause in den USA genießen wir das Leben zusammen, indem wir tun, was uns gefällt. Wir wissen, dass das keine Selbstverständlichkeit ist und nicht alle so ein Glück haben wie wir. Es ist einfach perfekt.

Klubwechsel, die Trennung von der Familie sind für Profisportler an der Tagesordung. Welche Rolle spielt Ihre Beziehung bei Vertragsgesprächen oder Verhandlungen? 

AQ: Eine große Rolle. Deshalb spielen wir sei fünf Jahren immer in der gleichen Stadt. Zum Glück ließ sich das so einrichten. Wir haben drei Jahre in Istanbul gespielt und auch in Polen beim gleichen Team. Dieses Jahr hat es leider nicht funktioniert. Aber manchmal muss man Opfer bringen und einen Kompromiss finden, der unseren Karrieren und gleichzeitig unserer Beziehung gerecht wird. Letztes Jahr haben wir die bestmögliche Lösung gefunden, auch wenn es hart ist.

Die frühere WNBA-Spielerin Candice Wiggins behauptet, 98 Prozent der Frauen in der Liga seien lesbisch und sie sei schikaniert worden, weil sie heterosexuell ist. Haben Sie jemals etwas von Übergriffen mitbekommen und was sagen Sie überhaupt zu Ihren Statements?

CV: Ich kann nichts über ihre Erfahrungen sagen. Ich weiß nicht, ob sie Schikanen ausgesetzt war. Ich kann nur über meine eigenen Erfahrungen in der WNBA sprechen. Meiner Einschätzung nach haben alle Lebensentwürfe ihren Platz hier. Es ist egal, welcher Religion jemand angehört und welche sexuellen Präferenzen jemand hat. Wir sind alle gleich. Ich habe nie etwas von Übergriffen oder Anfeindungen aus welchem Grund auch immer mitbekommen.

AQ: Mir geht es genauso. Ich habe auch nie negative Erfahrungen gemacht oder etwas Derartiges gehört.

Viele Spielerinnen in der WNBA machen keinen Hehl aus ihrer sexuellen Orientierung, während Outings von Männern im Sport sehr selten sind. Jason Collins, der als erster NBA Spieler zugab, schwul zu sein, sagte einmal: „Es gibt offiziell immer noch keine homosexuellen Spieler in der NFL, der NHL oder der MLB. Glaubt mir: Es gibt sie doch.“ Woher kommt der Unterschied zwischen Frauen- und Männerwelt?

AQ: Ich weiß es nicht, vielleicht weil die Welt eben so ist. Man rechnet im Männersport nicht im gleichen Maß mit Outings wie bei den Frauen. Vielleicht ist das Publikum bei den Männern nicht so tolerant, wenn es um Homosexualität geht. Vielleicht liegt es an den Fans. Männer müssen immer stark sein und gewisse Erwartungen erfüllen. Wahrscheinlich fühlen sich die Männer in ihrer Rolle nicht wohl.

CV: Ich habe leider auch nicht die Antwort parat. Ich glaube, ein Grund ist auch, dass sie ihr Privatleben schützen wollen, denn ein Outing wäre eine Riesengeschichte. Was sie aber hinter verschlossenen Türen machen, geht wirklich niemanden was an. Keine Ahnung, ob das der Hauptgrund ist, aber es ist jedermanns Sache, wie er mit seinen privaten Angelegenheiten umgeht. Das ist ihr gutes Recht.

Der Socrates Newsletter

Wenn wir an Colin Kaepernick denken, stellen wir fest, dass sich Sportler großen Widerständen aussetzen, wenn sie für ihre Rechte einstehen und ihre Freiheit verteidigen. Wir leben in turbulenten Zeiten. Muss man besser aufpassen, was man sagt?

CV: Es ist eine sehr sensible Zeit gerade. Wie jeder Bürger in Amerika haben auch Sportler das Recht auf Protest, das Recht auf Meinungsfreiheit. Weil sie aber in der Öffentlichkeit stehen, werden sie für alles kritisiert, was sie sagen oder auch nicht sagen. Das meine ich mit sensibel. Ich finde aber, dass es wichtig ist, dass sich Menschen für das einsetzen, woran sie glauben. Kaepernick hat das getan und viele sind ihm gefolgt. Ich glaube, dass Menschen ehrlich mit sich sein müssen. Immer. Egal was kommt.

AQ: Ich stimme Dir zu. Auch oder gerade Sportler haben das Recht zu sagen, was sie wollen. Man muss sich aber der Konsequenzen bewusst sein, gerade wenn man ein großer Star ist. Es wird viel Kritik geben und viel Zuspruch. Das eine und das andere, Schwarz und Weiß, aber nichts dazwischen. Ich glaube, dass wir heutzutage mehr aufeinander zugehen müssten, als immer nur Partei zu ergreifen. Immer heißt es: „Hier bin ich und da sind die anderen.“ Das bringt uns immer weiter auseinander. Man muss auch Verständnis für Leute haben oder entwickeln können, die eine andere Meinung vertreten.

Interview: Furkan Karasoy

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Körbel & Co.: The Loyals

Maldini, Giggs, Totti, Gerrard und Messi sind einige der weltweit bekanntesten One-Club Player. Das sind Spieler, die für ihre außergewöhnliche Vereinstreue geliebt und bewundert werden. Solche Typen gibt’s in Deutschland freilich auch. Einige liebenswerte Beispiele…

Platz 20 geht an Borussia Dortmund mit 2,68 Jahren Vereinszugehörigkeit pro Spieler im aktuellen Kader. Das heißt: Bei 19 Klubs aus den fünf größten Ligen Europas – Bundesliga, Premier League, Primera Division, Serie A, Ligue 1 – bleiben die Spieler länger. Heißt aber auch: Bei 78 Klubs bleiben die Spieler nicht einmal 2,68 Jahre. Spitzenreiter dieser Statistik ist übrigens Real Madrid mit 5,84 Jahren, gefolgt vom FC Barcelona und Bayern München knapp dahinter.

Die Studie des Schweizer Instituts Centre international d’étude du sport (kurz: CIES) ist freilich nur eine Momentaufnahme, bestätigt aber das Gefühl vieler Fußballfans: Kontinuität ist ein rares Phänomen, die Fluktuation auf dem internationalen Spielermarkt ist gewaltig.

Dennoch gibt es auch heute Spieler, die durch besondere Treue auffallen und die gerade nicht die großen Stars der großen Klubs sind wie ein Sergio Ramos, ein Lionel Messi, ein Daniele De Rossi oder ein Thomas Müller. Los geht’s aber mit dem Marathonmann der Bundesliga schlechthin.

Karl-Heinz Körbel: Eintracht Frankfurt? Niemals!

Der Legende nach soll Karl-Heinz Körbel seinem „Vadder“ geschworen haben, zu einem Verein wie Eintracht Frankfurt würde er nicht gehen. Hintergrund dieses Verdikts war ein 0:7 der Hessen gegen Karlsruhe, das der junge Kicker mit seinem Vater besucht hatte. Fast wäre Körbel dann als A-Jugendlicher beim HSV gelandet, der sich sehr um den Nachwuchsmann aus Dossenheim bemühte und beim Probetraining sogar Uwe Seeler als „Sparringspartner“ auflaufen ließ.

Neben den Hamburgern waren noch die Bayern, der VfB Stuttgart, Waldhof Mannheim und der KSC hinter Körbel her, was den Teenager vollkommen überforderte. „Das ging mir alles zu schnell! Ich dachte nur: ‚Nee, jetzt könnt ihr mich alle mal am Buckel lecken!‘ Ich bleibe noch ein Jahr hier in Dossenheim und dann wird man sehen, was passiert“, erinnerte sich Körbel vor Jahren im Interview mit 11 Freunde.

Es sollte die goldrichtige Entscheidung und eine fürs Leben gewesen sein. Als 17-Jähriger ging Charly Körbel zur Eintracht, die angenehm unaufdringlich, aber umso überzeugender um das Abwehrtalent geworben hatte. Körbel schloss sich der Eintracht an und fasste sofort Fuß in der Bundesliga. 19 Jahre sollte er bleiben und in 602 Bundesligaspielen (Rekord für die meisten Einsätze!), 70 Pokalspielen und 45 Europacupspielen seine Knochen hinhalten. 1974, 1975, 1981 und 1988 gewann er den DFB-Pokal, 1980 dazu den UEFA-Cup. Für die deutsche Meisterschaft reichte es nie. Auch in der deutschen Nationalmannschaft konnte er sich aufgrund der Bayern-Dominanz, wie es landläufig heißt, nicht nachhaltig durchsetzen.

Doch es reichte ja so locker zur Legende, zu der auch gehört, dass Charly Körbel in 602 Ligaspielen nie vom Platz flog, aber ausgerechnet beim Saisonfinale 1991, dem Ende seiner Karriere, wegen einer Gelbsperre fehlte. Zur Legende gehört auch, dass er 1983 eigentlich abhauen wollte, weil Chaos bei der Eintracht herrschte, es aber nicht übers Herz brachte. Die Eintracht „wurde mein Leben“ erklärte er in besagtem Interview – und das ist sie immer geblieben.

Torsten Mattuschka: „An dich kommt keiner ran!“

Man muss nicht zwingend ein One-Club-Man sein, um bei einem Verein abgöttisch verehrt zu werden. Torsten Mattuschka, kurz Tusche, ist so ein Mann. Er spielte mit Union Berlin Oberliga, Regionalliga und 2. Liga und war an der Alten Försterei der Publikumsliebling, die Identifikationsfigur, der Kultstar schlechthin. „Torsten Mattuschka, du bist der beste Mann. Torsten Mattuschka, an dich kommt keiner ran. Torsten Mattuschka, mach ihn rein für den Verein“, sangen die Union-Fans in den Jahren 2005 bis 2014, ehe er an seine alte Wirkungsstätte, nach Cottbus, zurückkehrte

Immer wenn Mattuschka nach den Gründen für seine Popularität gefragt wird, landet er sehr schnell beim Thema Authentizität. Er habe sich nie verändert, blieb sich immer treu, habe immer alles gegeben. Oder in seinen eigenen Worten: „Sobald der Schiedsrichter anpfeift, gebe ich Vollgas für den Verein. Außerdem trage ich, wie die meisten Fans, ja auch ein wenig Bauch“, sagte er mal in einem Interview mit SPOX.com. Tusche begeisterte aber nicht nur die eigenen Fans, sondern viele neutrale Beobachter mit seiner Kreativität, Schlitzohrigkeit und schlichten fußballerischen Klasse, die in Tateinheit mit einer besseren Physis für ein Erstligakarriere locker gereicht hätte.

Nationalspieler Christoph Kramer outete sich vor wenigen Jahren als absoluter Mattuschka Fan. Dem Tagesspiegel erzählte der Mönchengladbacher: „Er bewegt sich gut in den Räumen – auch wenn er sich nicht schnell in den Räumen bewegt. Aber er steht immer gut. Man spürt bei ihm einfach, er lebt Fußball, und er versteht Fußball.“ Als ein Spieler, der nach eigener Auskunft gern einmal einen Schritt weniger machte, war er außerordentlich gut bei Standards. Am 5. Februar 2011 sahen 75.000 Zuschauer zu, als er im Derby gegen die große Hertha per Freistoß den 2:1-Siegtreffer für Union schoss. Das allein hätte schon für die Legendenbildung gereicht.

Marc Schnatterer: König der Provinz

Der Traum vom ganz großen Fußball erhielt einen empfindlichen Dämpfer, als es damals bei der C-Jugend des VfB Stuttgart hieß: Tut uns leid, aber unsere Wege trennen sich hier. Statt Nachwuchsleistungszentrum bei einem deutschen Eliteklub hieß es für ihn nun: ab aufs Land! Über Freiberg ging es mit Anfang 20 nach Karlsruhe. KSC II wohlgemerkt, aber immerhin… Doch konnte er sich auch dort nicht durchsetzen. Also zurück in die absolute Provinz: Heidenheim, Schwäbische Alb. Vierte Liga. 2008 war das und 2019 ist er immer noch da. Marc Schnatterer ist längst „Mr. Heidenheim“.

Die 400-Spiele-Marke längst passiert, hat er über 100 Tore geschossen und mehr als 100 für seine Kollegen aufgelegt. Er ist praktisch nie verletzt und hat in den ersten vier Zweitligaspielzeiten (2014/15 bis 17/18) 134 von 136 Partien absolviert. In Interviews wird der 34-Jährige, für viele der beste Spieler der 2. Liga, beständig auf die Bundesliga angesprochen, doch diesen Traum scheint er abgeschrieben zu haben, auch wenn er keinen Hehl daraus macht, dass jeder am liebsten Samstagnachmittag um 15.30 Uhr spielen würde. Doch wirklich ernstzunehmende Angebote scheint es nicht oder zumindest offiziell nicht gegeben zu haben. Schnatterer scheint mit sich im Reinen.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird er seine Karriere in Heidenheim beenden. Wann das sein wird, ist noch unklar. Bei Fragen nach der Bundesliga verweist er gerne auf einmalige Erlebnisse mit dem Klub seines Herzens: zwei Aufstiege und ein Derbysieg beim großen VfB. Was er zudem schätzt, sind die Kontinuität und die Beschaulichkeit in Heidenheim, eine familiäre Atmosphäre, die er, genauso wie Trainer Frank Schmidt, der sogar schon vor ihm beim Klub an der Brenz war, mitgestaltet.

„Mit dem, was ich in Heidenheim erlebt habe und vielleicht noch erleben darf, bin ich unheimlich glücklich“, sagte er im Interview mit bundesliga.de. „Ich denke nicht jeden Tag darüber nach, was woanders vielleicht gewesen wäre. Eine Führungspers.nlichkeit in Heidenheim sein zu können, gibt mir sehr viel.“ Und wer weiß, vielleicht bleibt Schnatterer sein Leben lang beim FCH. Als Manager vielleicht. Den Sportfachwirt hat er schon, Sportökonomie studiert er noch dazu.

Timo Horn: Der Weg ist noch lange nicht vorbei

Es ist fast schon ein Gesetz, dass ein Verein bei einem Abstieg seine besten Spieler verliert. Das gilt vor allem für Vertreter der jüngeren Garde, jenen mit Potenzial, die dann meist den berühmten nächsten Schritt gehen. Timo Horn ist so ein Fall. Gladbach, Hoffenheim, Tottenham, Manchester United, Arsenal, Liverpool, Real Madrid, Liverpool, Leipzig, Dortmund, Barcelona. Mit diesen und nicht nur diesen Klubs wurde der 26-Jährige in den letzten gut fünf Jahren in Verbindung gebracht.

Natürlich entbehren viele Gerüchte einer stabilen Grundlage, doch ist es kein Geheimnis, dass der Kölner Keeper seit frühesterJugend auf geradem Weg zu einem absoluten Spitzentorwart ist. Als der Effzeh nun 2017/18 wieder mal runtermusste, schien sein Abgang eigentlich eine klare Sache zu sein. Doch es kam anders…

Horn erklärte wie Nationalspieler Jonas Hector und Routinier Marco Höger seinen Verbleib: „Es wird die Aufgabe von Jonas, Marco und mir sein, da vorneweg zu gehen. Das sehe ich als sehr reizvoll an. Genau wie die Möglichkeit, mich persönlich im nächsten Jahr weiterzuentwickeln. Es wird manchmal nicht leicht sein, in der 2. Liga zu spielen und gleichzeitig andere Jungs, die man noch aus den U Nationalmannschaften kennt, in der Champions League zu sehen. Aber ich habe das Gefühl, dass mein Weg beim FC noch lange nicht vorbei ist.“

Das sagt einer, der über die Hälfte seines Lebens schon zum Klub gehört. Mit neun Jahren schloss sich der gebürtige Kölner dem Traditionsklub an, spielte mit 17 schon U21 und wurde mit 18 in den Profikader berufen. Mit19 war er die Nr. 1. Spätestens seitdem ist er die Identifikationsfigur der Fans und einer, der vorweg geht. Als der Abstieg Anfang Mai 2018 feststand, verlängerte Horn, die Tränen waren kaum getrocknet, seinen Vertrag demonstrativ bis 2023. Das Echo war gewaltig. Fans von zahlreichen Vereinen verneigten sich über die sozialen Medien vor so viel Loyalität. #EchteLiebe

Oliver Wittenburg

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Luka Dončić: „Schaut in sein Gesicht“

Luka Dončić ist einer der besten Spieler der NBA. Der Nachfolger von Dirk Nowitzki bei den Dallas Mavericks bricht Rekorde über Rekorde. Ein Aufstieg, der für Luka Bassin nicht überraschend kommt. Der Dončić-Kenner schreibt bei SOCRATES, wie s zum Aufstieg kam.

Von Luka Bassin

Ich will gar nichts beschönigen. Obwohl ich einen großen Teil meiner Karriere als Trainer von Jugendmannschaften arbeitete, brauchte ich zehn Jahre, um das besondere Talent von Luka Dončić zu bemerken. Luka trat in mein Leben, da konnte er aus eigener Kraft noch nicht einmal stehen. Als ich mit seinem Vater Saša in die Kleinstadt Škofja Loka wechselte, krabbelte Luka im Training immer den Bällen nach, dabei waren die fast größer als er selbst.

Dass er ein Star werden könnte, auf dessen Schultern ein NBA-Team seine Zukunft baut, kam mir damals nicht in den Sinn. Ein paar Jahre später beendete ich meine Karriere, ging aber immer noch zu Spielen in Domžale und Ljubljana, um meinen Kumpel Saša zu unterstützen. Luka war damals im Grundschulalter und stand oft am Spielfeldrand, immer mit einem Ball in den Händen.

Slowenien war zu klein für Luka Dončić

Ich werde nie vergessen, wie ich ihn erstmals in einem richtigen Spiel, fünf gegen fünf, auf dem Court gesehen habe. Das war 2008. Ich war damals Jugendtrainer bei Olimpija Ljubljana. An jenem Tag benutzten die Basketballschüler des Vereins die Sporthalle, als die Spieler der U 11 auf den Court kamen. Luka war zwei Jahre jünger als die meisten anderen, aber im Spiel merkte man davon überhaupt nichts. Seit diesem Tag sah ich ihn nicht mehr „nur“ als Sašas Sohn, sondern verfolgte seine Spiele.

2012 nahmen wir mit der U 13 von Olimpija an einem internationalen Turnier in Rom teil. Nachdem Luka im Finale 54 Punkte, 11 Rebounds und 10 Assists aufgelegt hatte, war mir klar: Slowenien ist zu klein für ihn. Real Madrid war auf ihn aufmerksam geworden und einigte sich mit seiner Familie auf eine Art Probezeit, um Luka ausgiebig beobachten zu können.

Der Wechsel zu Real Madrid

Er nahm im Trikot von Real an der „Minicopa Endesa“ teil, dem wichtigsten Turnier für U-14-Spieler in Spanien. Obwohl Luka einer der jüngsten Teilnehmer dort war, dominierte er die Veranstaltung. Mit seiner erstaunlichen Reife und Robustheit faszinierte er alle Beobachter. Jetzt war ich vollkommen sicher, dass er eine großartige Zukunft haben würde.

Dennoch gab es in Slowenien Diskussionen um seinen Umzug nach Madrid. Ich gehörte zu den Leuten, die sich Sorgen um ihn machten. Ich fürchtete, dass ihn die Anstrengungen, eine neue Sprache zu lernen und sich in einem fremden Land einleben zu müssen, in seiner Entwicklung behindern würden. Das war aber eine Fehleinschätzung. Es sollte sich zeigen, dass seine Familie mit seinem frühen Wechsel ins Ausland eine zwar mutige, aber vollkommen richtige Entscheidung getroffen hatte und Luka im vorzüglichen Fördersystem von Real Madrid bestens aufgehoben war.

Luka Bassin, Jahrgang 1971, begann nach seiner Spielerkarriere in verschiedenen Mannschaften Sloweniens als Trainer bei Jance STZ. Sowohl beim Hauptstadtklub Olimpija Ljubljana als auch auf nationaler Ebene coachte er unterschiedliche Altersklassen im Nachwuchsbereich. Sechs Spieler der Nationalmannschaft, die 2017 Europameister wurde, betreute er während ihrer Ausbildung. Zuletzt wechselte er von Olimpija Ljubljana zum Stadtrivalen Ilirija, wo er im Trainerstab von Lukas Vater Sasa Doncic tätig ist.
Luka Bassin
Basketball-Trainer

Luka Dončić: Die absolute Selbstsicherheit

Ich saß gebannt vor dem Fernseher, als er in seinem ersten Spiel in Spaniens Top-Liga ACB nach 15 Sekunden gegen Unicaja Málaga einen Dreier versenkte. Eine Sache hat ihn immer ausgezeichnet, eine bestimmte Haltung: Egal ob er in der Jugend gegen drei Jahre ältere Kinder spielte oder als 16-Jähriger in der stärksten Liga Europas debütierte, er trat immer mit der absoluten Selbstsicherheit auf. Er hat diesen Blick, den er wie einen unsichtbaren Harnisch trägt und mit dem er gegen jeden Zweifel gewappnet ist.

Im Laufe der Jahre hieß es immer wieder, Lukas Athletik sei nicht gut genug für das nächste Level und sein Shooting zu unzuverlässig. Ich liebe einen Ausspruch des ESPN-Experten Fran Fraschilla über Luka: „Es heißt, er sei etwas zu langsam, doch trotzdem ist er allen anderen immer zwei Schritte voraus.“

Er kultivierte seine signature moves

Inzwischen ist er mittendrin in der NBA und begeistert mit seinem Spiel. Er hat sogar schon zwei signature moves kultiviert, zumindest schwören die Texaner, dass sie noch nie solche Stepback-Dreier und Pass-Fakes unter dem Korb gesehen haben.

Seit seinen Anfängen als „Maskottchen“ bei Loka Kava hat er mich vieles gelehrt. Um zu sehen, was für ein außergewöhnlicher Spieler er ist, schauen Sie ihm am besten ins Gesicht. Das genügt, Sie werden schon sehen…

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Marc Marquez: Rock’n’Roll und Walzer

Marc Marquez dominiert die Königsklasse des Motorradsports nach Belieben. Stolz ist der junge Spanier auf sein Elternhaus und seine Ellbogen. Mit einer klaren Ansage an den Weihnachtsmann fing alles an.

Marc Marquez, warum sind Sie die Nummer eins?

Weil ich kaum Schwächen und die richtige Mischung aus Risiko und Vernunft gefunden habe. 2015 war ich extrem aggressiv und angriffslustig. Ich wurde nur Dritter, weil ich zu viele Stürze hatte und Punkte liegen ließ. 2016 hatte ich aus diesen Fehlern gelernt. Ich ging etwas weniger auf Risiko und wurde Weltmeister. Als ich 20 war, habe ich jedes Rennen als Finale genommen. Jetzt mit mehr Erfahrung kann ich auch mit zweiten und dritten Plätzen leben, weil ich weiß, dass sie fürs Gesamtklassement gar nicht so schlecht sind.

Haben Sie Angst?

Manchmal denke ich während eines Rennens, dass ich jederzeit sterben könnte. Ich gehöre zu den Piloten, die am häufigsten stürzen. Es sollte einem schon bewusst sein, dass diese Sportart sehr, sehr gefährlich ist, auch wenn die Sicherheit immer besser wird. Aber man sollte lieber zu Hause bleiben, statt mit solchen Gedanken zu viel Zeit zu verschwenden. Ich glaube, dass es für die Zuschauer und die Familie viel schwieriger ist. Meine Mutter leidet enorm; sie denkt immer, dass mir etwas Schlimmes passiert. Aber sie hat noch mehr Angst, wenn ich abends mit Freunden unterwegs bin, weil sie sich fragt, wer mich dann nach Hause bringt und in welchem Zustand derjenige ist. Bei den Rennen ist natürlich für mehr Sicherheit gesorgt.

Wie gehen Sie mit Druck um?

Wenige Leute wissen das, aber ich habe schon sehr früh unter Haarausfall gelitten. Ich wollte aber nicht schon mit 24 kahl sein, bin also zu meinem Arzt, und er hat mir dann gesagt: Das liege am Stress und man könne es nicht kontrollieren. Manche Piloten sind sehr angespannt, manche weniger. Man muss lernen, in den entscheidenden Momenten mit dem Druck und dem Stress klarzukommen. Das gelingt mir heute immer besser.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #29: Jetzt nachbestellen

Beschreiben Sie uns Ihre Beziehung zu Ihrem Motorrad.

Manchmal empfinde ich eine tiefe Harmonie zwischen mir und dem Motorrad. Das ist nicht so leicht zu erklären, weil es ja um eine Maschine geht, aber man fühlt sehr viel, wenn man Motorrad fährt. Es gibt Augenblicke, in denen es sich anfühlt, als sei es ein Teil meines Körpers.

Sprechen Sie mit Ihrem Motorrad?

Das kommt immer wieder vor. Natürlich gibt es keine Antwort, (lacht) aber es ist eine mentale Sache. Es spielt sich alles im Kopf ab. Sekunden vor dem Start spreche ich ihm Mut zu. Das kommt immer wieder vor. Aber während des Rennens rede ich nicht so oft mit meiner Maschine.

Was ist es für ein Gefühl, eine solche Maschine zu fahren?

Es ist wie tanzen. Manchmal ist es Rock’n’Roll, wenn das Rennen intensiv ist, manchmal Walzer, weil ich sehr geschmeidig in den Kurven fahre.

Wie kommt Ihre Lebenspartnerin mit Ihrer Leidenschaft zu Recht?

Momentan bin ich solo, weil meine Priorität der Wettbewerb ist. Aber für die Partnerin ist es alles andere als einfach zu verstehen. Sobald ich ein freies Wochenende habe, will ich unbedingt auf meiner Maschine sein. Irgendwie kann ich nicht ohne. Im letzten Sommer hatte ich zwei Wochen Urlaub. Bereits nach fünf Tagen ging ich wieder on tour.

Was genau macht die Faszination aus?

Das Adrenalin. Das ist einzigartig. Nach zwei Tagen Urlaub habe ich mir ein Rennen auf dem PC angeschaut. Ich brauche es. Motorrad ist eine Art Lebensstil. Es gibt viele Jungs, die verrückt nach Fußball, Laufen oder Boxen sind. Manchmal macht es gar keinen Spaß, aber dann kommt das Adrenalin. Das Größte für mich ist der Sonntag mit dem Rennen. Ohne Rennen würde ich gar nicht Motorrad fahren.

Ein Rennen dauert im Schnitt 45 Minuten. Wie fühlt man sich danach?

Körperlich top, weil ich eine gute Kondition habe. Manchmal denke ich, dass ich sofort noch ein Rennen fahren könnte. Aber nach gut zwanzig Minuten spürt man immer mehr die Müdigkeit, bis man in einen Zustand der Erschöpfung kommt. Mir tut dann nichts weh, aber ich kriege die Quittung für das Adrenalin und die maximale Konzentration.

Was ist das Schwierigste während eines Rennens?

Dass man innerhalb weniger Sekunden Entscheidungen treffen muss. Die körperliche Vorbereitung ist ungeheuer wichtig, denn nur wenn man topfit ist, funktioniert das Gehirn optimal. Wenn man müde ist, hat man nicht mehr alles im Griff.

Sie fahren bis zu 350 Stundenkilometer schnell. Wie fühlt sich das an?

Schon mehrfach, unter anderem in Mugello, dem schnellsten Kurs. Um ehrlich zu sein: Wenn man nur geradeaus fährt, spürt man die Geschwindigkeit nicht wirklich. Es ist so, als würde man ganz normal durch die Gegend fahren und an den Bäumen am Straßenrand sehen, dass man schnell unterwegs ist. Aber wenn es kurvig wird oder windig ist und man bremst, dann ist es gewaltig.

Die Gegner sitzen Ihnen oft buchstäblich im Nacken. Wie gehen Sie damit um?

Das mag ich überhaupt nicht. Man muss mental brutal stark sein, um den kleinen Vorsprung zu verteidigen.

Dann liegen Sie lieber in Lauerstellung?

Ja. Wenn ich ein Stück hinter meinem Konkurrenten bin, kann ich ihn analysieren und dementsprechend agieren. Wenn man vorne ist, muss man permanent verteidigen.

Der Socrates Newsletter

Ist es wahr, dass Sie mit vier Jahren ihr erstes Motorrad zu Weihnachten bekommen haben?

Ja, das stimmt. Damals hatte ich dem Weihnachtsmann einen Brief geschrieben und mir ein Motorrad gewünscht. Nachdem ich bis dahin nur Elektro-Motorräder bekommen hatte, sollte es diesmal ein echtes sein. Und tatsächlich bekam ich ein echtes Motorrad, das kleinste Modell. Ich war völlig aus dem Häuschen. Am nächsten Tag stand ich ganz früh auf, um es zu testen.

Wie kamen Sie überhaupt mit dem Sport in Berührung?

Meine Familie war verrückt nach Motorrädern. Meine Mutter arbeitete als Angestellte und mein Vater war in der Baubranche tätig. Aber am Wochenende fuhren wir mit dem Wohnmobil zu den Rennen. Meine Mutter kümmerte sich um die Verpflegung, mein Vater hisste die Flagge. Ich war immer dabei. Es war eine wunderbare Zeit.

Stimmt es, dass Sie mit viereinhalb Jahren schon an einem Rennen teilnahmen?

Das ist richtig. Wir gingen damals ein gewisses Risiko ein, weil es erst ab fünf erlaubt war. Ich habe meinem Vater damals dermaßen Druck gemacht, dass er das Nachsehen hatte und mich fahren ließ. Er fuhr direkt hinter mir.

Bestand jemals die Gefahr, dass Sie die Lust verlieren?

Überhaupt nicht. In meiner Kindheit habe ich viele Jungs kennengelernt, die das moderneste Motorrad und den teuersten Anzug hatten. Bei uns war es anders: Mein Vater hat mir Bescheidenheit und Bodenständigkeit beigebracht. Wir haben immer gebrauchte Motorräder gekauft. Motorrad sollte ein reines Hobby sein. Sobald ich Fußball mit meinen Freunden spielen wollte, gab es nie ein Problem. Es war wichtig, sich nicht ausschließlich aufs Motorradfahren zu konzentrieren.

Acht Weltmeisterschaften in jungen Jahren. Wie wollen Sie weiterhin an der Spitze mitmischen?

Ich will mit aller Macht versuchen, nicht zu stagnieren. Ich will für neue Ideen sein und meinen Fahrstil weiterentwickeln. Ich stürze heute nicht mehr so oft wie noch vor ein paar Jahren, ich kann mit dem Druck der Gegner besser umgehen und habe auch verstanden, dass es manchmal ratsam ist, weniger Risiko zu gehen. In dieser Saison bin ich die Rennen sehr schnell angegangen, um mir einen Vorsprung zu erarbeiten. Dann habe ich das Feld kontrolliert, um im Finish noch mal Vollgas zu geben.

Wie sollen sich die Leute mal an Sie erinnern?

Dass ich derjenige war, der dafür gesorgt hat, dass man die Ellbogen in den Kurven benutzt. Das macht mittlerweile jeder Rennfahrer. Mich würde es freuen, wenn man sich an mich als einen Piloten erinnert, der immer alles gegeben hat. Privat bin ich cool und ruhig, aber sobald ich meinen Helm aufsetze, bin ich ein anderer Mensch. Ich gebe immer Vollgas, weil ich ruhig schlafen will und mir nichts vorzuwerfen haben möchte. Wenn man alles gibt, kann man nichts bereuen. Das ist ein wunderbares Gefühl.

Interview: Alexis Menuge

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Javi Martinez Kolumne #1: Dem Himmel entgegen

Bayern-Star Javi Martínez gewährt in seiner Kolumne einen Einblick in seine Zeit als Kind und Jugendlicher. So leicht es war, auf dem Fahrrad das Glück zu erfahren, so schwer fiel der Verzicht auf Partys. Aber der Spanier ordnete alles seinem Traum unter.

Von Javi Martínez

Die Kolumne erschien in Ausgabe #29

Die Kolumne erschien in Ausgabe #29

Ich möchte euch auf eine Reise mitnehmen. Auf eine Reise in meine Kindheit. Wenn wir dort ankommen, schreiben wir das Jahr 1998. Als Zehnjähriger schaue ich zum Gipfel des 1.046 Meter hohen Berges Montejurra empor. Von dort oben hat man einen wunderbaren Blick über den Norden Spaniens.

Das weiß ich, weil ich selbst schon am Gipfelkreuz verweilt habe. Mein kleiner Heimatort Ayegui, der direkt am Fuße des Berges liegt, sieht von oben noch viel kleiner aus, als er ohnehin ist. Rund 1.000 Menschen leben hier. Ich lebe hier. Es ist einer dieser typischen Sommertage in den Ferien. Die Sonne scheint auf die Felder und lässt die Luft über dem Asphalt flimmern.

Als aus 100 Pesetas 200 wurden

Ich schnappe mir mein Rad und fahre los, ohne ein Ziel zu haben. Oder vielleicht habe ich es doch: einfach über die Hügel dem Himmel entgegen. Es ist dieses Gefühl von Freiheit, das mich glücklich sein lässt. In diesem Moment kann ich mir kein schöneres Leben vorstellen. Ich hoffe, ihr habt ähnlich schöne Erinnerungen an eure Kindheit. Wahrscheinlich werden wir nie wieder so unbeschwert leben wie damals mit zehn Jahren.

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Jetzt, 20 Jahre später, erinnere ich mich immer noch gut an diese Zeit: Einmal verließ ich das Haus mit 100 Pesetas, die ich von meiner Mutter zugesteckt bekommen hatte. Am Abend kehrte ich mit 200 Pesetas zurück. „Woher hast du das Geld?“, wunderte sich meine Mutter. Ich antwortete lediglich mit einem verschmitzten Lächeln.  Keine Sorge, ich hatte das Geld nicht gestohlen.

Diese Vorahnung

Sagen wir mal so: Ich hatte es mir kreativ verdient. Wenn ich mit meinem Rad unterwegs war, bin ich oft zu meinen Tanten und Onkels gefahren, um sie zu besuchen. Sie haben sich immer sehr gefreut, mich zu sehen und mich gefragt, ob ich etwas brauche. „Nein, nichts. Nur vielleicht ein bisschen Geld für Süßigkeiten“, sagte ich dann. Jetzt könnt ihr erahnen, woher das zusätzliche Geld in meinen Hosentaschen kam.

Doch für Süßigkeiten habe ich es nur in den wenigsten Fällen ausgegeben. Schließlich hatte ich diesen einen großen Traum: Fußballprofi zu werden. Ja, ich habe schon damals ganz fest daran geglaubt, es wirklich schaffen zu können. Vielleicht mag es jugendliche Unbekümmertheit gewesen sein, vielleicht aber auch schon eine Vorahnung.

Der Weg zum Profi ist hart

Rückblickend habe ich oft darüber nachgedacht: In den europäischen Top-Ligen gibt es nur wenige tausend Profifußballer, aber es gibt Millionen von Talenten, die es werden wollen. Es ist verrückt. Die Prozentzahl der Spieler, die es wirklich schaffen, ist so gering. Ich mache mir das immer wieder bewusst: Wir Profifußballer sind privilegiert.

Aber ich denke, dass wir uns für das Erreichte nicht entschuldigen müssen, sondern durchaus stolz darauf sein dürfen. Wichtig ist dabei nur, das Bewusstsein dafür zu haben, dass vielen anderen Menschen die Karriere nicht vergönnt war und ihnen stets mit Respekt zu begegnen. Für viele von euch klingt mein Weg sicherlich wie ein Traum. Ich denke, aus eurer Perspektive heraus würde ich es ähnlich bewerten. Aber lasst euch sagen: Der Weg zum Profi ist hart. Besonders in Teenagerjahren.

Die Freunde gehen mit Mädchen aus und du…

Der Teil, den die meisten Menschen nicht sehen können, ist der schwerste. Es ist der Verzicht auf Dinge, die für andere Leute völlig normal sind. Wenn du 15, 16, 17 bist und deine Freunde anfangen, Party zu machen, musst du zu Hause bleiben. Du bist außen vor, bist derjenige, der nicht dabei ist, weil er ja Fußballer werden will. Du musst morgens ins Training, danach gut essen, dich ausruhen und abends gut schlafen. Dann beginnen deine Freunde, das erste Mal mit Mädchen auszugehen.

Du erfährst von solchen Augenblicken nur aus ihren Erzählungen, du erlebst sie nicht. Du willst ja Fußballer werden. Und sagst dir selbst immer wieder: ‚Du kannst dir das nicht erlauben.‘ Es sind in diesen jungen Jahren einmalige Lebensmomente, die nicht zurückkommen. Aber nur so lässt sich die einmalige Gelegenheit nutzen, das Ziel zu erreichen, worauf du alles ausgerichtet hast. Verzicht, so schwer er auch fällt, kann dich nach vorne bringen.

„Was machst du hier?“

Mit 15 Jahren war mein Beruf bereits Fußballer. Ich spielte in der dritten spanischen Liga in der zweiten Mannschaft von Osasuna. Dort trainierte ich mit Männern, die 23, 24, 25 Jahre alt waren. Ich war 15! Anfangs gab es Tage, an denen ich mich gefragt habe: ‚Was machst du da eigentlich? Ist es das wirklich wert?‘ Im Nachhinein bin ich selbst verwundert, mit welcher Klarheit und Überzeugung ich mir selbst damals antworte: ‚Ja, natürlich ist es das wert! Wenn du ein richtig guter Profifußballer werden willst, hängt es jetzt nur noch von deiner Einstellung ab, Javi.‘

Ich wusste, dass meine körperlichen Voraussetzungen gut waren. Aber die Entscheidung für den Beruf fiel in meinem Kopf. Ich habe es geschafft, den Fokus zu behalten. Meine Konzentration lag darauf, in einer guten Verfassung zu bleiben und alles auszublenden, was nichts mit dem Fußball zu tun hatte. Ja, es ist schwer, aber noch schwerer wäre es gewesen zu versuchen, das Nachtleben mit dem Fußball zu kombinieren. Ich halte es für fast unmöglich.

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Die Lust auf Basketball

Um das noch mal klar zu formulieren – vor allem für Talente, die heute den gleichen Traum haben wie ich damals: Der Kopf ist genauso wichtig wie die Füße. Wenn du es wirklich schaffen willst, musst du 24 Stunden am Tag wie ein Profi leben. Wenn du im Training denkst: Hoffentlich ist es gleich vorbei, ich will noch mit Freunden was essen gehen und Party machen, dann wirst du nicht gut werden. Zumindest nicht gut genug.

Lasst mich noch ein Beispiel geben: Ich liebe es, Sport zu treiben, auch andere Sportarten in meiner Freizeit auszuüben. Nach vielen Trainingseinheiten beim FC Bayern würde ich am liebsten sofort in eine Halle fahren und dort mit Freunden Basketball spielen. Aber ich kann es nicht. Weil all das, was mich zum Profi gemacht hat, auch gilt, um Profi auf höchstem Niveau zu bleiben.

Die Regeneration ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil des Trainings. Da kann ich nicht einfach noch zwei Stunden Basketball spielen oder mich wie 1998 einfach aufs Rad schwingen und stundenlang ohne Ziel durch die Gegend fahren. So glücklich es mich für den Moment auch machen würde.

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Gucken Sie Liebesfilme, Hans-Joachim Watzke?

Hans-Joachim Watzke ist seit fast 15 Jahren Geschäftsführer bei Borussia Dortmund und lebt den Spagat zwischen emotionaler Hingabe und totaler Rationalität. Im großen Interview mit SOCRATES spricht der BVB-Boss über Liebe und Geld, Gesellschaft und Moral, Klopp, Favre und noch viel mehr. Dies und mehr in der neuen Ausgabe.

Hans-Joachim Watzke: Echte Liebe

Hans-Joachim Watzke ist kein Träumer. Dafür hat der 59 Jahre alte Geschäftsführer von Borussia Dortmund einfach schon zu viel erlebt. Aber emotional wird der BVB-Boss schon, vor allem, wenn es um seinen Klub geht. SOCRATES traf Watzke zum Interview, um über diese Liebe zu sprechen. Erlaubt der Job Emotionen? Wie echt ist noch die Liebe im Fußball? Wie groß ist sie noch zu Jürgen Klopp? Und guckt Watzke eigentlich Liebesfilme? Alle Antworten gibt er in der aktuellen Ausgabe von SOCRATES.

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Doch Watzke macht sich nicht nur um den BVB Gedanken? Der BVB-Geschäftsführer sorgt sich um die Gesellschaft in Deutschland, sieht eine Zerreißprobe auf das Land kommen. Watzke sieht einen Sittenverfall, den es aufzuhalten gibt. Watzke sagt: „Die Tendenz ist da! Früher war das deutlich anders, die Menschen haben vielleicht einfach spießiger gelebt. Ein ganz banales Beispiel: Früher hast du gemerkt, dass Sonntag war, weil alle ordentlich angezogen waren. Heute siehst du das nicht mehr.“ Einen Lösungsansatz verrät Watzke auch.

Was gibt es sonst in Ausgabe #29?

Javi Martinez: Die erste Kolumne

Gerade eben hat erst Javi Martinez eine grandiose Leistung im Trikot des FC Bayern wieder hingelegt. Beim 0:0 in Liverpool war Martinez der beste Mann auf dem Platz. Medien, Fans, Mitspieler, Trainer – alle attestierten ihm eine überragende Leistung. Doch Javi Martinez ist ein vielseitiger Typ – nicht nur auf dem Platz. In der aktuellen Ausgabe gibt es die erste Kolumne, die der Bayern-Profi exklusiv in SOCRATES schreibt. Wie er das Glück auf dem Fahrrad fand und was der beste Weg zum Profi ist, verrät er in seiner ersten Kolumne.

Außerdem in dieser Ausgabe

  • Uli Hoeneß: Papa auf Abruf beim FC Bayern?
  • Exklusiv-Interview: Stefan Edberg
  • Exklusiv-Interview: Marc Marquez
  • Exklusiv: Luka Doncic
  • Exklusiv-Interview: Robin Sönderling
  • u.v.m.

Für nur 10 Euro: Das Socrates-Testabo